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Tote Innenstädte – leere Praxen: Drohen nach Laden-Sterben nun finanzielle Einbußen für Ärzte, Apotheker und medizinische Dienstleister?

Hans-Joachim A. Schade

Interessenkonflikte

10. März 2021

Eine zentrale Lage war in der Vergangenheit fürs Business ein Pluspunkt. Doch mit der Pandemie, dem boomenden Online-Handel und jedem 2. Arbeitnehmer im Homeoffice, verstärkt sich ein Trend: Die Innenstädte sterben als öffentlicher Raum aus – und die leeren Straßen könnten sich auch auf das Patientenaufkommen in Arztpraxen auswirken.

Hans-Joachim A. Schade

Wie wird der Rückgang der Mobilität die medizinische Versorgung in den Innenstädten, aber auch in der ländlichen Peripherie beeinflussen? In seinem Gastbeitrag von Hans-Joachim A. Schade von der Rechtsanwaltskanzlei „Broglie, Schade und Partner GbR“ rechnet der Fachanwalt für Medizinrecht und Wirtschaftsmediator vor, wie sich eine Stadtflucht auf das Einkommen der Ärzte auswirken könnte.

Vergangenheit: Arbeiten und Leben in der Innenstadt

Das bisherige Versorgungsmodell beruhte auf persönlichen Treffen der Patienten an verkehrsgünstigen Standorten bei Haus-, Fach- und Zahnärzten und weiteren medizinischen Dienstleistern wie Apotheken, Sanitätshäusern, Physiotherapie.

Die Innenstädte versprachen den Vorteil, alles aus einer Hand zu bieten, also neben der Arbeit die Nutzung von Einkaufsmöglichkeiten, Gastronomie und Freizeitangebote. Die Folge war, dass sich einkommens- und bildungsstarke Bürger – und hierzu gehören auch die medizinischen Berufe – auf den städtischen Raum unter besonderer Berücksichtigung der Angebote der Innenstädte konzentrierten.

Analoge Verhaltensweisen werden digital ersetzt

Die Corona-Epidemie zwang die Gesellschaft, das Gebot des Abstandshaltens zu prüfen. Wie könnte man beim Einkaufen, Arbeiten, Lernen, bei kultureller und sozialer Kommunikation, Bedarf von Dienstleistung im Bank-, Rechts- und Steuerbereich andere Organisationsformen nutzen?

Das Ergebnis sind massive Auszehrungsprozesse bei allen Funktionen, die bisher die Innenstädte der Ballungsgebiete geboten haben. Dabei ist die Corona-Pandemie nicht Auslöser, sondern nur Brandbeschleuniger schon vorhandener Prozesse.

Schon vorher gab es seit 20 Jahren innerhalb des Gesundheitsbereiches Überlegungen des Gesetzgebers, mit der Telematik-Infrastruktur neue Wege zu gehen. Ähnliches finden wir mit den Angeboten des Online-Handels für alle Bedarfe des Alltags. Deutschland war auch schon früh im Bereich der Produktion auf digitale, personalsparende Produktionsweisen übergegangen.

Nunmehr ändern sich Gewohnheiten in allen Lebens- und Arbeitsbereichen unter dem Eindruck von Corona-Krise und Klimaveränderung rapide. Innerhalb von 1 bis 2 Jahren geschieht, was früher langsam und fast unsichtbar 10 Jahre und länger dauerte.

Arbeit zuhause beeinflusst tradierte Versorgungskonzepte

Homeoffice-Tätigkeiten für Berufstätige und E-Learning-Strukturen für Schüler und Studenten reduzieren nicht nur digitalbasiert die Patientenströme in den Innenstädten, sondern beeinflussen auch tiefgreifend tradierte medizinische Versorgungskonzepte.

Je mehr Zeit die Menschen mit dem täglichen Arbeiten und Lernen zu Hause verbringen statt zu Arbeits- und Ausbildungszwecken in den Innenstädten der Ballungsgebiete, umso mehr entstehen auch neue medizinische Versorgungsansätze für bisherige Wohnquartiere in Peripherie und ländlichem Raum. Diese hatten bisher eher den Charakter von Schlafquartieren und als Aufenthaltsort für die ältere Bevölkerung. Sie entwickeln sich zu Orten, die Wohnen mit Arbeits-, Sozial- und Kulturleben verbinden und an denen die medizinische Versorgung mehr und mehr gefragt sein wird.

Patientenverluste in Innenstadtpraxen durch geringere Mobilität

Es lohnt sich ein Gedankenexperiment zu den veränderten Gewohnheiten der Bevölkerung, was die Mobilität von Berufstätigen und Käufern angeht.

Die Zahl der Berufstätigen und der Käufer, die noch in die Innenstädte streben, wird wohl massiv zurückgehen. Anders gesagt: Man könnte davon ausgehen, dass sich das Leben in den bisherigen Wohnstandorten oder in neuen Wachstumsquartieren des ländlichen Raums auf 3/5 der Arbeitszeit einpendelt.

Das heißt: Nur 2/5 der bisherigen Zeit werden an den bisherigen Tätigkeitsstandorten verbracht. Dies betrifft die Nutzung von Büroeinheiten der Wirtschaft und der öffentlich-kommunalen Verwaltung ebenso wie Selbstständige in Ingenieurbüros, als Architekten, Steuerberater oder Anwälte.

Hinzu kommen die Frequenzverluste weiterer Gewerbetreibender und Dienstleister. Hierzu zählen beispielsweise Mode, Gastronomie, Hotelgewerbe, Taxibetrieb und öffentlicher Nahverkehr und auch Bank- und Versicherungsdienstleister.

Grobe Kalkulation der Folgen für Haus-, Fach- und Zahnarzt

Der Arzt- und Zahnarztbereich verzeichnete schon auf Durchschnittsbasis durch die aktuelle Corona-Krise eine Minderung der Patientenfrequenz von 10% und mehr. 10% Patientenfrequenzveränderung ist bei gleichbleibenden Kosten von unterstellten 50% ein Gewinnverlust von 20%. Bei einem Gewinn von 180.000 Euro wäre dies ein Gewinnverlust von 36.000 Euro.

Geht man davon aus, dass sich dieser Prozess aufgrund der Spätfolgen der Pandemie im Laufe der Jahre auf 30% ausdehnt, wäre dies schon ein Anlass, die Corona-Folge-Aspekte genauer zu prüfen. Naturgemäß betrifft dies neben den Haus-, Fach- und Zahnärzten auch die Nachfrage bei Apotheken, Sanitätshäusern etc. Selbst die Frequenz von Krankenhäusern in den Zentren könnte gefährdet sein.

Wie in Zukunft den Patienten nahe sein?

Also gilt es zu prüfen, ob und inwieweit die Verlagerung der Patientenströme dazu Anlass gibt, diesen auch mit medizinischen Leistungen zu folgen. Dies erfordert es – in Zukunft digitalbasiert –, die Bevölkerung mit neuen Konzepten in den nun auch tagsüber belebten und wachsenden Stadtrandgebieten, in der Peripherie der Ballungsräume und des ländlichen Raums zu versorgen.

Dieser Artikel ist im Original am 3. März 2021 erschienen auf  Coliquio.de .
 

Kommentar

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