Frauen in London testen sich selbst auf HPV: Verbessern die Home-Tests die Früherkennung auf Gebärmutterhalskrebs?

Liam Davenport, Ute Eppinger

Interessenkonflikte

8. März 2021

Tragen Selbsttests auf humane Papillomaviren (HPV) dazu bei, dass das Screening auf Gebärmutterhalskrebs mehr in Anspruch genommen wird? In London hat jetzt eine Studie dazu begonnen. Die Frauen müssen dazu nicht mehr zum Frauenarzt. Der Abstrich lässt sich mit einem Selbsttest zuhause durchführen.

Aufgenommen wurden in die Studie 31.000 Frauen im Alter von 25 bis 64 Jahren, die seit 15 Monaten nicht mehr von einem Gynäkologen auf HPV untersucht worden sind oder ihren Hausarzttermin seit mindestens 6 Monaten nicht mehr wahrgenommen haben.

Schätzungsweise 19.000 Frauen bekommen ein Test-Kit zugeschickt. Weitere 12.000 werden vor Ende des Jahres eines von ihrem Hausarzt erhalten. Die Frauen, die den Selbsttest erhalten haben, können dann auf ein Video zugreifen, das erklärt, wie man den Test zu Hause richtig durchführt.

„Die Möglichkeit, diesen Test selbst durchzuführen ist ein entscheidender Fortschritt für das Screening auf Gebärmutterhalskrebs“, sagt Studienleiterin Dr. Anita Lim, Epidemiologin am King's College London in einer Stellungnahme.

Lim erläutert, dass fast die Hälfte der Frauen in einigen Teilen Londons beim Screening auf Gebärmutterhalskrebs nicht auf dem neuesten Stand sind. Sie sagte auch, dass „viele Frauen“ ihre Termine nicht wahrnehmen. „Es ist ein intimer Eingriff, und es gibt eine ganze Menge Hürden, die Menschen davon abhalten kann, daran teilzunehmen, obwohl der Test Leben retten kann.“

Frühere Untersuchungen haben gezeigt, dass ein Gefühl der Peinlichkeit häufig der Grund dafür ist, weshalb Frauen keinen Abstrich vornehmen lassen. Es gibt auch kulturelle Hürden und körperliche und praktische Gründe, sich nicht testen zu lassen, hinzu kommt die Angst vor dem Testergebnis.

HPV-Selbsttests: Für Deutschland nicht sinnvoll

„Die Diskussion, ob HPV-Selbsttests gegenüber oder begleitend zu unterschiedlichen Varianten der Zervixkarzinom-Früherkennung einen Vorteil haben könnten, wurde – auch in Deutschland – schon vor längerer Zeit geführt“, sagt Prof. Dr. Klaus Neis, Gynäkologe in Saarbrücken auf Nachfrage von Medscape. Neis hat die Entwicklung der Krebsfrüherkennungsrichtlinie als Experte der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe e.V. (DGGG) mitbegleitet.

 
Durch eine flächendeckende Selbsttestung in dieser Altersgruppe wird eine große Welle an nachfolgenden Abklärungen notwendig, die unnötig sind. Prof. Dr. Klaus Neis
 

Das Fazit lautete: HPV-Selbsttests könnten möglicherweise überall dort eine Berechtigung haben, wo es keine regelmäßige frauenärztliche Versorgung gibt und wo die Teilnahmeraten an den Programmen der Früherkennung des Zervixkarzinoms sehr niedrig sind.

„In Deutschland ist das – anders als in Großbritannien – nicht der Fall“, sagt Neis. Daten des RKI zur Krebsfrüherkennung zeigen, dass zwischen 60 und 70% aller Frauen bis zum 50. Lebensjahr jährlich die qualitätsgesicherte Früherkennungsuntersuchung beim Frauenarzt wahrnehmen. Über 3 Jahre gesehen liegt der Anteil sogar über 80%.

In der Londoner Studie sind Frauen ab dem 25. Lebensjahr eingeschlossen. „Im Alter von 25 bis 30 Jahren sind HPV-Infektionen noch sehr weit verbreitet und haben eine hohe Selbstheilungs-Tendenz. Durch eine flächendeckende Selbsttestung in dieser Altersgruppe wird eine große Welle an nachfolgenden Abklärungen notwendig, die unnötig sind“, erklärt Neis.

 
Für Deutschland sind HPV-Selbsttests nicht sinnvoll. Prof. Dr. Klaus Neis
 

Weil die Krebsfrüherkennung in Deutschland hohe Ansprüche an die Sicherheit der Patientin stellt, wird der HPV-Test routinemäßig deshalb auch erst ab dem 35. Lebensjahr zusätzlich zur zytologischen Auswertung des Abstrichs durchgeführt. „Für Deutschland sind HPV-Selbsttests nicht sinnvoll. Dennoch werden wir die in London soeben beginnende Studie aufmerksam begleiten“, schließt Neis.

Die YouScreen-Initiative wurde am 24. Februar vom National Health Service (NHS) in England gestartet. Der HPV-Abstrich für Zuhause wird in Großbritannien als einfache Möglichkeit für Frauen gesehen, den Test selbst durchzuführen, statt ihn von einer Arzthelferin vornehmen zu lassen. Eine frühere Studie hatte ergeben, dass 99% der Frauen einen Selbstabstrich effektiv durchführen können, berichtete die britische Studienleiterin Lim.

„Frauen, die nicht regelmäßig zur Vorsorgeuntersuchung gehen, tragen das höchste Risiko, an Gebärmutterhalskrebs zu erkranken“, betonte sie. „Es ist von entscheidender Bedeutung, dass wir Wege finden, um Frauen das Screening zu erleichtern. So stellen wir sicher, dass sie vor einer weitgehend vermeidbaren Krebserkrankung geschützt sind.“

„Die Selbstuntersuchung beseitigt viele Hürden des Screenings auf Gebärmutterhalskrebs. Und durch unsere Forschung wissen wir, dass sich Frauen eine solche Möglichkeit sehr wünschen“, kommentierte Kate Sanger, Leiterin der Abteilung Politik und Kommunikation bei der britischen Wohltätigkeitsorganisation Jo's Cervical Cancer Trust.

 
Frauen, die nicht regelmäßig zur Vorsorgeuntersuchung gehen, tragen das höchste Risiko, an Gebärmutterhalskrebs zu erkranken. Dr. Anita Lim
 

„Es ist fantastisch, Teil dieser Studie zu sein, und wir hoffen, dass sie zu Veränderungen führt, die Leben retten und das Trauma der Diagnose Gebärmutterhalskrebs lindern kann“, sagte sie.

Selbsttest per Post

Nachdem die Frauen den Abstrich zu Hause durchgeführt haben, schicken sie das Testkit per Post ans Labor des NHS Cervical Screening Programme in London. Die Ergebnisse werden den Frauen und ihrem Hausarzt mitgeteilt. Frauen, bei denen ein HPV-positiver Befund festgestellt wird, werden eingeladen, sich bei ihrem Hausarzt für einen Standard-Abstrich des Gebärmutterhalses vorzustellen; andernfalls werden sie je nach Alter in 3 oder 5 Jahren für eine weitere Untersuchung registriert.

Das Verfahren ähnelt der aktuellen Vorgehensweise in England bei der Darmkrebsvorsorge. Personen, die älter als 60 Jahre sind, erhalten per Post immunhistologische Stuhltests. Ihre Stuhlproben schicken sie dann per Post zurück ans Labor.

„Das ist ein wichtiger neuer Weg, das Screening für Tausende von Frauen zu erleichtern“, kommentiert Dr. Peter Johnson, Onkologe am University Hospital Southampton des NHS.

„Wir wissen, dass es viele Gründe gibt, warum Frauen nicht zu einem Screening-Termin gehen, einschließlich der Sorge um COVID-19. Die Hausärzte haben zusätzliche Vorkehrungen getroffen, um die Praxen sicher zu machen, und die Selbsttests für Zuhause geben Tausenden von Frauen eine weitere Möglichkeit, ihre Vorsorgeuntersuchung wahrzunehmen.“

Ruth Stubbs, Managerin des National Cervical Screening Programme bei Public Health England (PHE), sagte: „London hat die niedrigste Screening-Rate auf Gebärmutterhalskrebs im Land und ist insofern ideal für die Durchführung dieser Studie.“ Sie fügte hinzu, dass PHE mit einer Reihe von Organisationen an einer „klinischen Validierungsstudie arbeitet, um eine größere nationale Bewertung von HPV-Selbsttests zur Verfügung stellen zu können.“ Zusammen mit den Ergebnissen der aktuellen Analyse werde diese Studie Daten „über den potenziellen Einfluss des Angebots von HPV-Selbsttests auf die Prävention und Früherkennung von Gebärmutterhalskrebs“ liefern.

Dieser Artikel wurde von Ute Eppinger aus www.medscape.com übersetzt und adaptiert.

 

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