Hurra! SARS-CoV-2-Vakzine schützen wohl auch vor symptomlosen Infektionen – brauchen wir neue Impfprioritäten?

Michael van den Heuvel

Interessenkonflikte

8. März 2021

Impfungen gegen SARS-CoV-2 schützen nicht nur vor symptomatischem COVID-19, sondern scheinen auch symptomlose Infektionen zu verhindern. Darauf deuten mehrere Veröffentlichungen zum BioNTech/Pfizer-Impfstoff BNT162b2 und zum AstraZeneca-Impfstoff AZD1222 hin.

„Wir haben ja lange auf diese Daten gewartet, die zeigen, ob auch ein Schutz vor asymptomatischer Infektion gegeben ist“, kommentiert Prof. Dr. Marylyn Addo, Leiterin der Sektion Infektiologie am Zentrum für Innere Medizin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE). Sie relativiert: „Die Daten stammen zum Großteil aus Preprints und diese müssen wir sicherlich nochmal sehr kritisch bewerten, auch wenn wir sie vollständig zur Verfügung haben.“

Dennoch gebe es Grund zum Optimismus: „Das, was zumindest jetzt transportiert wird, der ungefähr 90-prozentige Schutz vor Infektionen, das ist ja eigentlich wieder mehr, als wir erhofft hatten“, so die Expertin weiter. „Und wenn wir mit dem Impfstoff auch auf die Infektiosität, also auf den Schutz vor Infektionen, nicht nur auf den Schutz vor Erkrankung Einfluss nehmen können, dann ist das selbstverständlich ein ganz wichtiger Schritt auch für das Infektionsgeschehen.“

 
Und wenn wir mit dem Impfstoff auch auf die Infektiosität… Einfluss nehmen können, dann ist das selbstverständlich ein ganz wichtiger Schritt für das Infektionsgeschehen.  Prof. Dr. Marylyn Addo
 

Addo: „Unsere bisherigen Impfstoffe gegen nicht respiratorischen Erreger erzeugen natürlich einen Schutz vor Infektionen, bei Masern zum Beispiel. Wenn wir jetzt auch vor SARS-CoV-2-Infektionen schützen können, dann können wir auch ganz anders das Infektionsgeschehen beeinflussen, es mit mehr Impfungen weiter nach unten treiben und uns hoffentlich dann noch schneller aus der Pandemie befreien.“

Wichtige Studien im Überblick

In einem Preprint stellen Dr. Nick K. Jones vom Cambridge University NHS Hospitals Foundation Trust, UK, und Kollegen neue Zahlen vor. Sie haben Angestellte in Krankenhäusern mit BNT162b2 geimpft und untersucht. 26 von 3,252 (0,80%) aller nicht geimpften Personen wurden per PCR positiv auf SARS-CoC-2 getestet, verglichen mit 13 von 3.535 (0,37%) weniger als 12 Tage nach der Impfung und 4 von 1.989 (0,20%) 12 oder mehr Tage nach der Impfung. „Dies deutet auf eine vierfache Verringerung des Risikos einer asymptomatischen SARS-CoV-2-Infektion mindestens 12 Tage nach der Impfung im Vergleich zu nicht geimpften HCWs hin“, so die Autoren.

 
Unsere Studie zeigt, dass der BNT162b2-Impfstoff sowohl symptomatische als auch asymptomatische Infektionen bei Erwachsenen im erwerbsfähigen Alter wirksam verhindert. Dr. Victoria Jane Hall
 

Auch Dr. Victoria Jane Hall von Public Health England Colindale ging zusammen mit Kollegen dieser Frage nach. Wie die Autoren in einem Preprint berichten, waren niedrige Impfraten u.a. mit mehr labordiagnostisch bestätigten Infektionen (Odds Ratio: 0,59; 95%-Konfidenzintervall: 0,54-0,64) assoziiert. BNT162b2 hatte eine Wirksamkeit von 72% (95%-KI: 58-86) 21 Tage nach der 1. Dosis und 86% (95%-KI: 76-97) 7 Tage nach 2 Dosen. „Unsere Studie zeigt, dass der BNT162b2-Impfstoff sowohl symptomatische als auch asymptomatische Infektionen bei Erwachsenen im erwerbsfähigen Alter wirksam verhindert“, so Hall und ihre Koautoren.

In der 3. Studie haben Forscher um Dr. Noa Dagan vom Clalit Health Services, Tel Aviv, Daten der landesweiten Impfkampagne ausgewertet. Ihr Artikel ist nach der üblichen Peer Review im NEJM erschienen (Medscape berichtete). Hier ging es primär um die Wirksamkeit. Dennoch zeigen weitere Auswertungen, dass bei Geimpften geringere Virusmengen im Körper sind als bei nicht geimpften. Die Zahl an PCR-Zyklen war geringer.

Was genau im Körper passiert – und wie lange der Schutz tatsächlich anhält – wird derzeit untersucht. SARS-CoV-2 infiziert den Körper über Schleimhäute der Atemwege. Deshalb ist die mukosale Immunität besonders wichtig. Mehrere US-Immunologen kritisieren jedenfalls, die mukosale Immunität sei bei SARS-CoV-2 ein kritischer, bislang zu wenig beachteter Aspekt.

Brauchen wir eine andere Impf-Priorisierung?

„Wenn durch die Impfung die Gefahr der Übertragung des SARS-CoV-2-Virus erheblich reduziert wird, besteht die Möglichkeit, Personen mit vielen Kontakten, wie zum Beispiel Lehrer und Lehrerinnen, bevorzugt zu impfen“, so die Einschätzung von Prof. Dr. Frank Dietrich. Er ist Inhaber des Lehrstuhls für Praktische Philosophie, Institut für Philosophie, Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Dietrich weiter: „Das könnte ein wichtiger Baustein in der Strategie sein, die Zahl der Ansteckungen zu verringern und das Infektionsgeschehen effektiv einzudämmen.“

Gleichzeitig warnt er, das Ziel bei der Priorisierung von Impfungen dürfe nicht darin bestehen, die 7-Tage-Inzidenz zu senken, sondern schwerwiegende Ereignisse oder Todesfälle zu verhindern. „Folglich ist es weiterhin richtig, besonders vulnerablen Bevölkerungsgruppen, insbesondere Personen in einem sehr hohen Lebensalter, Priorität beim Impfen einzuräumen“, sagt der Experte. Gleichzeitig rät er, Vakzine gezielt einzusetzen. „So erscheint es zum Beispiel hinsichtlich der Vergabe des Impfstoffs von AstraZeneca sinnvoll, beruflich besonders exponierte Personen, die eine hohe Zahl von Kontakten nicht vermeiden können, zu bevorzugen“, sagt Dietrich.

Prof. Dr. Gérard Krause, Leiter der Abteilung Epidemiologie am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung (HZI), Braunschweig, warnt davor, Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (STIKO) jetzt schon zu hinterfragen. Alle Experten sind sich aber darin einig, dass mehr Daten benötigt werden.

 

Kommentar

3090D553-9492-4563-8681-AD288FA52ACE
Wir bitten darum, Diskussionen höflich und sachlich zu halten. Beiträge werden vor der Veröffentlichung nicht überprüft, jedoch werden Kommentare, die unsere Community-Regeln verletzen, gelöscht.

wird bearbeitet....