Schlaganfall-Patienten besonders vulnerabel: Update der S1-Leitlinie zu neurologischen Manifestationen bei COVID-19

Dr. Thomas Kron

Interessenkonflikte

4. März 2021

Die S1-Leitlinie „Neurologische Manifestationen bei COVID-19“ wurde im August 2020 unter Federführung von Prof. Dr. Peter Berlit, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN), veröffentlicht. Nun ist die Leitlinie auf den aktuellen Stand gebracht worden [1]. „Die Forschungsaktivität zu SARS-CoV-2/COVID-19 ist enorm hoch, und wir haben in den letzten sechs Monaten neue, relevante Erkenntnisse im Hinblick auf neurologische Manifestationen, ihre Therapien sowie die besondere Risikokonstellation von Patienten mit neurologischen Erkrankungen gewinnen können“, begründet der Berliner Neurologe die Aktualisierung in einer Mitteilung der Fachgesellschaft.

Schlaganfall-Patienten besonders vulnerabel

Eine gute Nachricht und in der aktuellen Situation besonders wichtig sei die Erkenntnis, dass eine neurologische Erkrankung nach jetzigem Wissensstand keine Kontraindikation gegen eine SARS-CoV-2-Impfung sei.

„Wir können nun auch genauer als vor einem halben Jahr die Risikogruppen benennen“, so Berlit weiter. Nach aktueller Datenlage scheinen Patienten mit neuroimmunologischen Erkrankungen wie der Multiplen Sklerose kein erhöhtes Risiko für eine SARS-CoV-2-Infektion oder schwere COVID-19-Verläufe zu haben. Lediglich für jene, die mit einem monoklonalen Antikörper gegen das CD20-Antigen (Rituximab und Ocrelizumab) behandelt werden, liegen laut Berlit Berichte vor, die auf ein erhöhtes Infektions- und Mortalitätsrisiko hindeuten.

 
Wer bereits einen Schlaganfall gehabt hat, ist COVID-19-Risikopatient, sollte sich in besonderem Maße vor dem Virus schützen … Prof. Dr. Peter Berlit
 

Ebenso scheinen Patienten mit präexistenten neuromuskulären Erkrankungen entgegen anfänglicher Befürchtungen nicht besonders gefährdet zu sein. Überraschend sei hingegen die Erkenntnis, dass Menschen mit zerebrovaskulären Erkrankungen in der Anamnese oft sehr schwer an COVID-19 erkrankten und eine besonders vulnerable Gruppe seien. Berlit: „Wer bereits einen Schlaganfall gehabt hat, ist COVID-19-Risikopatient, sollte sich in besonderem Maße vor dem Virus schützen, die Kontaktbeschränkungen und Hygieneregeln strikt einhalten und ein Impfangebot unbedingt wahrnehmen!“

Weitere Neuigkeiten in der Leitlinie

  • Ein höheres Alter, der Grad der Behinderung sowie Übergewicht scheinen prognostisch ungünstig für den COVID-19-Verlauf bei MS-Patienten zu sein.

  • Enzephalopathien gehen mit höherer Morbidität und Mortalität einher.

  • Eine belastbare Grundlage für spezifische Therapiemaßnahmen existiert noch nicht, immunmodulatorische Therapieansätze (IVIG, Plasmapherese) nehmen zu.

  • Eine akute Enzephalitis kann differenzialdiagnostisch Ausdruck einer Autoimmunenzephalitis sein, auch para- oder postinfektiös infolge einer Infektion mit SARS-CoV-2.

  • Das Verhältnis von ischämischen Schlaganfällen zu hämorrhagischen Schlaganfällen unter COVID-19-Erkrankung liegt nach derzeitigen Erkenntnissen bei circa 7:1.

  • Patienten mit zerebrovaskulären Erkrankungen in der Anamnese haben ein höheres Risiko für einen schwereren COVID-19-Verlauf.

  • Das Neuauftreten einer Epilepsie oder von akut symptomatischen Anfällen unter einer SARS-CoV-2-Infektion ist möglich; sie sind aber keine typische Komplikation einer solchen Infektion.

  • Eine Epilepsie oder epileptische Anfälle sind bislang nicht als Komplikation einer SARS-CoV-2-Impfung bekannt. Eine bestehende Epilepsie ist keine Kontraindikation gegen eine Impfung, die unter Berücksichtigung möglicher individueller Merkmale (z.B. Allergien) im Allgemeinen zu empfehlen ist.

  • Das Post-COVID-19-GBS scheint auf die Standardtherapie mit intravenösen Immunglobulinen sowie Plasmaaustauschverfahren anzusprechen.

  • Eine Verschlechterung mit erhöhter Mortalität einer Myasthenia gravis ist möglich.

Die Leitlinie wurde herausgegeben von der Kommission Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Neurologie in Zusammenarbeit mit der Deutschen Gesellschaft für NeuroIntensiv- und Notfallmedizin und der Deutschen Gesellschaft für HNO-Heilkunde, Kopf- und Hals-Chirurgie. 

Dieser Artikel ist im Original erschienen auf Univadis.de.
 

Kommentar

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