Fachgesellschaften sprechen sich gegen Antigen-Schnelltests für alle Kinder aus – das sind ihre Gründe

Michael van den Heuvel

Interessenkonflikte

3. März 2021

Vom heutigen Bund-Länder-Treffen wünschen sich Bürger neue Öffnungsstrategien. Wahrscheinlich verlängern Politiker etliche Beschränkungen bis zum 28. März. Viele Bundesländer haben sich dennoch entschlossen, Kitas und Schulen sukzessive zu öffnen – wenn auch mit unterschiedlichen Strategien wie Distanz- und Präsenzunterricht; eine Rückkehr zum Präsenzbetrieb in voller Klassenstärke wird vielerorts angestrebt.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) setzt nicht nur auf Impfungen, sondern auch auf eine umfangreiche Teststrategie mit Testzentren, aber auch mit Laientests. Lehrkräfte, Kita-Mitarbeiter sowie ältere Schüler könnten sich regelmäßig selbst auf das Coronavirus untersuchen – diese Idee wird unter anderem in Bayern diskutiert.

Kritik kommt jetzt von Kinderärzten. „Die zu erwartende hohe Zahl an falsch-negativen und falsch-positiven Ergebnissen würde aus unserer Sicht weit mehr Schaden anrichten als nutzen“, sagte der Präsident des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ), Dr. Thomas Fischbach. „Angesichts vieler falsch-negativer Ergebnisse könnte das zu mehr Ansteckungen führen, als wenn nicht getestet würde; das wäre verheerend.“

 
Die zu erwartende hohe Zahl an falsch-negativen und falsch-positiven Ergebnissen würde aus unserer Sicht weit mehr Schaden anrichten als nutzen. Dr. Thomas Fischbach
 

In diesem Fall würden Hygienemaßnahmen nicht mehr eingehalten. Und bei falsch-positiven Ergebnissen müssten Kinder unnötig in Quarantäne, ergänzt Fischbach.

Sein Verband hat zusammen mit den Gesellschaften für Pädiatrische Infektiologie, für Kinder- und Jugendmedizin und für Krankenhaushygiene eine Stellungnahme veröffentlicht [1]. Darin fordern sie „umfassende Strategien“ für Schulen, etwa durch regelmäßige Testungen aller erwachsenen Mitarbeiter.

Vor- und Nachteile von Antigen-Schnelltests

In ihren Diskussionsbeitrag sprechen die Autoren bekannte Vorteile von Antigen-Schnelltests wie die vergleichsweise einfache Durchführung ohne apparativen Aufwand an. Ergebnisse liegen schon in 15 bis 30 Minuten vor. Besonders gut eignen sich solche Kits, um Personen mit hoher Viruslast zu erkennen.

Dem stehen einige Schwächen gegenüber. Tests müssen eine Sensitivität von mindestens 80% und eine Spezifität von mindestens 97% erreichen. Hersteller geben als Rate falsch-positiver Testungen 3 von 100 an, wobei dieser Wert bei geringen Infektionsraten und bei vielen Untersuchungen durchaus höher sein kann. Jeder positive Test muss im Anschluss über eine PCR bestätigt werden.

Vor- und Nachteile der PCR-Tests

Seit Beginn der Pandemie gelten Realtime-PCRs als Goldstandard hinsichtlich ihrer Sensitivität und Spezifität. Die Kosten, der logistische Aufwand, aber auch der Zeitverzug, bis Ergebnisse vorliegen, sind zentrale Nachteile des Verfahrens.

Als möglichen Ausweg aus dem Dilemma nennen Fachgesellschaften innovative Konzepte wie Pooltestungen. Finden Labors SARS-CoV-2 in gepoolten Proben einer Schulklasse, können immer noch Einzeltests folgen.

Unterschiedliche Teststrategien

Pädiater geben aber auch zu bedenken, es sei wichtig, sich zu überlegen, welche Ziele man mit Screenings eigentlich verfolge:

  • Sollen Tests verhindern, dass infektiöse Schüler am Unterricht teilnehmen?

  • Oder sollen Tests dazu beitragen, versteckte Infektionscluster zu erkennen, um Infektionsketten zu unterbrechen?

Letztlich zielen beide Strategien darauf ab, den Schulbetrieb sicherer zu machen, aber auf unterschiedliche Art und Weise.

Um zu verhindern, dass Infektionen in Schulen eingeschleppt werden, eignen sich Antigen-Schnelltests generell. Studien deuten darauf hin, dass sich die Anzahl von Sekundärinfektionen, respektive größerer Ausbrüche, minimieren lässt. Das gelingt aber nur, wenn man ganze Gruppen, etwa alle Schüler einer Klasse oder einer Jahrgangsstufe, untersucht. Mindestens 2 Tests pro Woche sind wegen der kurzen Gültigkeit der Resultate erforderlich. Pro Tag wären bundesweit mehr als 8 Millionen Schüler und 750.000 Lehrer zu untersuchen.

 
Zusammenfassend muss der Mehrwert eines protektiven Screening-Ansatzes zu den aktuell bereits bestehenden Maßnahmen hinsichtlich Nutzens und Schadens abgewogen werden. Dr. Thomas Fischbach und Kollegen
 

„Zusammenfassend muss der Mehrwert eines protektiven Screening-Ansatzes zu den aktuell bereits bestehenden Maßnahmen hinsichtlich Nutzens und Schadens abgewogen werden“, schreiben die Autoren. Als Faktoren nennen sie eine niedrige Anzahl an Ausbrüchen und eine vergleichsweise niedrige sekundäre Erkrankungsrate an Schulen. Dem stehen ein hoher Bedarf an Ressourcen und negative Folgen falsch-positiver Resultate gegenüber. 

Auch zu populationsbasierten Strategien äußern sich die Kinderärzte in ihrem Papier. Sie sehen darin den Vorteil, Infektionscluster zu identifizieren und Kontakte dieser Personen nachzuverfolgen. Den Mehrwert solcher Maßnahmen sehen Pädiater vor allem in Gebieten mit hoher Inzidenz oder bei Personen mit Beschwerden. Infektionen in Schulen zu verhindern sei hier ein „Nebeneffekt“, schreiben die Experten. Durch die geringere Anzahl der Personen sei der Ressourceneinsatz aber geringer.

Weitere Folgen ins Kalkül ziehen

Fachgesellschaften und Verbände raten in ihrer Stellungnahme, auch an langfristige Folgen von Untersuchungen zu denken. „Unterschätzt werden die negativen psychologischen Auswirkungen repetitiver Testungen, insbesondere junger Kinder, die entsprechende Konsequenzen wie Quarantäne der eigenen Person oder der Sozialgemeinschaft nach sich ziehen (…)“, geben sie zu bedenken.

 
Unterschätzt werden die negativen psychologischen Auswirkungen repetitiver Testungen, insbesondere junger Kinder. Dr. Thomas Fischbach und Kollegen
 

„Dies ist umso bedenkenswerter, als bis heute nicht gezeigt ist, dass Infektionsausbrüche in Schulen, die von infizierten Schülern ausgehen, tatsächlich relevant als Motor der Pandemie-Entwicklung wirken.“ Außerdem sehen sie als Gefahr, dass Hygienemaßnahmen wie die „AHA+L“-Regel durch negative respektive falsch-negative Tests aufgeweicht würden.

 

Kommentar

3090D553-9492-4563-8681-AD288FA52ACE
Wir bitten darum, Diskussionen höflich und sachlich zu halten. Beiträge werden vor der Veröffentlichung nicht überprüft, jedoch werden Kommentare, die unsere Community-Regeln verletzen, gelöscht.

wird bearbeitet....