Ernährungsstudie PURE: Mit dem glykämischen Index der Nahrung steigt auch das kardiovaskuläre Risiko

Antje Sieb

Interessenkonflikte

1. März 2021

Je höher der glykämische Index der Ernährung, desto höher auch das Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse sowie die Gesamtmortalität. Dies schließen Wissenschaftler um den kanadischen Forscher Prof. Dr. David Jenkins aus einer neuen jetzt im New England Journal of Medicine veröffentlichten Auswertung der Beobachtungsstudie PURE [1].

Die Forscher nutzten die Daten der Studie, um für knapp 138.000 Probanden von 5 Kontinenten jeweils den glykämischen Index der Ernährung zu berechnen. Diesen Indexwert setzten sie dann in Verbindung zu aufgetretenen kardiovaskulären Ereignissen und sämtlichen Todesfällen. „Der glykämische Index ist ein ungünstiger Marker für Kohlenhydratqualität“, kritisiert allerdings Dr. Stefan Kabisch vom Deutschen Zentrum für Ernährungsforschung in Potsdam Rehbrücke gegenüber Medscape.

 
Der glykämische Index ist ein ungünstiger Marker für Kohlenhydratqualität. Dr. Stefan Kabisch
 

Denn hohe Indexwerte würden zwar zuverlässig eine schlechte Kohlenhydratqualität anzeigen. Niedrige Werte seien aber nicht unbedingt gleichbedeutend mit gesunden Kohlenhydraten. „Das verfälscht die komplette Studie.“

Für die Berechnung des glykämischen Index (GI) ist entscheidend, wie stark der Blutzuckerspiegel nach dem Verzehr eines Nahrungsmittels ansteigt. Durchschnittswerte für einzelne Lebensmittel finden sich in Tabellen, die entweder Glukose oder Brot als Bezugsgröße mit dem Wert von 100 annehmen. Jenkins und seine Kollegen haben sich für ihre Arbeit für die Brot-bezogene Tabelle entschieden.

Der GI ist allerdings auch deshalb umstritten, weil er sich in Untersuchungen als hochgradig individuell erwiesen hat – Versuchspersonen reagierten dabei sehr unterschiedlich auf den Verzehr gleicher Lebensmittel. „Es ist individuell sehr unterschiedlich, wie bestimmte Lebensmittel in unserem Körper für einen Blutzuckeranstieg sorgen“, erklärt Kabisch.

Ein Zusammenhang zwischen schlechter Kohlenhydratqualität und kardiovaskulärem Risiko sei allerdings durchaus logisch, erläutert der Ernährungsmediziner. „Einfache Kohlenhydrate führen auf verschiedene Weise dazu, dass sich die kardiovaskulären Risikofaktoren erhöhen.“

 
Es ist individuell sehr unterschiedlich, wie bestimmte Lebensmittel in unserem Körper für einen Blutzuckeranstieg sorgen. Dr. Stefan Kabisch
 

Ein übermäßiger Verzehr ungünstiger Kohlenhydrate könnte zu Übergewicht, Anstieg der Blutfette sowie zu Insulinresistenz und Bluthochdruck beitragen. „Da haben sie alle Bestandteile des metabolischen Syndroms, das die kardiovaskuläre Mortalität so massiv beeinflusst“, sagt der Berliner Wissenschaftler.

Erhebungen in 20 Ländern

Die Autoren der aktuellen Studie hatten für ihre Berechnungen 7 Nahrungsmittel-Gruppen gebildet, denen sie jeweils einen mittleren Indexwert zuwiesen. Hülsenfrüchte bekamen etwa den günstigen Indexwert 42, gezuckerte Limonaden den ungünstigen Wert 87.

Ein Grund für diese Berechnungsmethode: Nicht für alle Lebensmittel, die in sehr unterschiedlichen Kulturkreisen auf 5 Kontinenten verzehrt wurden, fanden sich in der Literatur auch Werte für den glykämischen Index. Deshalb behalfen sich die Wissenschaftler mit der Einordnung ähnlicher Lebensmittel in Gruppen. Denn die Erhebungen für die Studiendaten hatten in 20 verschiedenen Ländern stattgefunden, in der Mehrzahl Staaten mit mittlerem oder niedrigem Pro-Kopf-Einkommen.

„Die meisten Daten zu den Zusammenhängen von glykämischem Index und kardiovaskulären Erkrankungen kommen aus einkommensstarken westlichen Ländern“, schreiben die Autoren – ihre Studie solle das Spektrum nun erweitern. Das hält auch Kabisch für einen wichtigen Ansatz: „Weil regionale Unterschiede in der Ernährung und ganz andere Kohlenhydratquellen eine Rolle spielen können, ist es wichtig, zu erforschen, wie sich das auswirkt.“

Höheres Risiko bei Übergewichtigen

Die Teilnehmer der Studie waren zwischen 35 und 70 Jahren alt und wurden im Mittel über 9,5 Jahre nachverfolgt. Dabei erlitten 8.252 Teilnehmer mindestens einmal einen Herzinfarkt, Schlaganfall oder Herzversagen. Im Laufe der Beobachtungszeit kam es zu insgesamt 8.780 Todesfällen, von denen 3.229 definitiv oder möglicherweise kardiovaskuläre Ursachen hatten. Todesfälle durch Unfall schlossen die Autoren aus ihrer Analyse aus, weil dabei kein Zusammenhang mit Ernährungsfaktoren zu erwarten war.

Alle Teilnehmer wurden nach der Höhe des GI ihrer Ernährung in 5 gleichgroße Gruppen eingeteilt. Die niedrigste Indexquintile galt dabei als Bezugsgröße für die Risikoberechnung. Teilnehmer im höchsten Quintil hatten ein um 25% erhöhtes Risiko für ein kardiovaskuläres Ereignis oder Tod.

Die Beziehung zwischen GI und kardiovaskulären Ereignissen und Todesfällen war in der Untergruppe der übergewichtigen Teilnehmer ausgeprägter als bei Normal- oder Untergewichtigen – dort stieg das Risiko für die Teilnehmer mit den höchsten Indexwerten um 38%.

Neben dem GI berechneten die Wissenschaftler auch die glykämische Last (GL) ihrer Versuchspersonen. Dieser Wert setzt die Kohlenhydratqualität in Beziehung zur Gesamtmenge der aufgenommenen Kohlenhydrate – hohe Werte würden also bedeuten, dass Versuchspersonen ungünstige Kohlenhydrate in großer Menge zu sich nehmen. Erstaunlicherweise ergab sich bei der glykämischen Last aber keine statistisch signifikante Beziehung zu kardiovaskulären Ereignissen und Sterblichkeit.

 
Es ist in der Studie völlig ausgeklammert, ob die Menschen z.B. viel Fett essen und welche Eiweiße sie zu sich nehmen. Dr. Stefan Kabisch
 

Kabisch macht die isolierte Betrachtung der Kohlenhydrate für solche Ergebnisse verantwortlich: „Es ist in der Studie völlig ausgeklammert, ob die Menschen z.B. viel Fett essen und welche Eiweiße sie zu sich nehmen – das sind alles Faktoren, die auch Auswirkungen haben, und so kann es dazu kommen, dass beim glykämischen Index eine Beziehung zu sehen ist und bei der glykämischen Last plötzlich schon nicht mehr.“

 

Kommentar

3090D553-9492-4563-8681-AD288FA52ACE
Wir bitten darum, Diskussionen höflich und sachlich zu halten. Beiträge werden vor der Veröffentlichung nicht überprüft, jedoch werden Kommentare, die unsere Community-Regeln verletzen, gelöscht.

wird bearbeitet....