Fall: Höllische Schmerzen in der Schulter rauben diesem 50-Jährigen den Schlaf – woher kommt sein Leiden?

Olusegun John Oluwole

Interessenkonflikte

1. März 2021

Nach einem normalen MRT der Halswirbelsäule wurde ein MRT der Schulter angeordnet. Die Ergebnisse waren unauffällig (s. Abb. 3 u. 4).

 

Daraufhin wurden die Prüfung der Nervenleitgeschwindigkeit (NLG) und ein Elektromyogramm (EMG) in Auftrag gegeben. Bei diesen Untersuchungen zeigte sich dann eine axonale Läsion am Truncus superior des linken Plexus brachialis. Zudem fanden sich Hinweise für eine beidseitige demyelinisierende Medianus-Neuropathie am Handgelenk sowie für eine distale sensorische axonale Polyneuropathie an den Beinen. Die NLG- und EMG-Befunde sind in Tab. 1 und 2 wiedergegeben.

Tab. 1 NLG-Ergebnisse.

Nerv

Distale motorische Latenz

Peak-Latenz

Amplitude

Nervenleitgeschwindigkeit

N. medianus links, sensorisch

4,0 ms

4,6 ms

14 µV

39 m/s

N. medianus links, motorisch

6,0 ms

-

Handgelenk: 6,2 mV

Ellbogen: 6,0 mV

Axilla: 5,6 mV

 

 

55,0 m/s

 

50,0 m/s

N. axillaris links

5,2 ms

-

1 mV

-

N. infraspinatus links

3,5 ms

-

1,8 mV

-

N. musculocutaneous links

5,0 ms

-

6,5 mV

-

N. suralis rechts

3,2 ms

4,1 ms

6,0 µV

42 m/s

N. medianus rechts, sensorisch

3,9 ms

4,4 ms

12 µV

36 m/s

N. medianus rechts, motorisch

5,8 ms

-

Handgelenk: 5,9 mV

Ellbogen: 5,2 mV

Axilla: 5,1 mV

 

 

58,0 m/s

 55,0 m/s

N. axillaris rechts

4,8 ms

-

6 mV

-

N.infraspinatus rechts

3,5 ms

-

5,3 mV

-

N.musculocutaneous rechts

5,2 ms

-

5,9 mV

-

N. suralis rechts

3,0 ms

3,9 ms

6,6 µV

40 m/s

 

Tab. 2 EMG-Befunde.

Muskel

Einstichaktivität

Spontanaktivität

Faszikulationen

Polyphasie

Rekrutierung

M. infraspinatus (links)

erhöht

Fibrillationen und PSW

ja

erhöht

diskret

M. deltoideus (links)

erhöht

Fibrillationen

keine

normal

diskret

M. serratus anterior (links)

erhöht

Fibrillationen und PSW

keine

erhöht

vermindert

M. biceps brachii (links)

normal

keine

keine

normal

voll

M. triceps brachii (links)

normal

keine

keine

normal

voll

PSW = positive scharfe Welle

 

Epidemiologie

Die neuralgische Schulteramyotrophie (Parsonage-Turner-Syndrom, idiopathische Armplexusneuritis) ist eine seltene entzündliche Erkrankung des Plexus brachialis. Die Inzidenz wird mit 2 bis 3 Fällen pro 100.000 angegeben [7].

Am häufigsten sind Männer mittleren Alters betroffen, obwohl die Erkrankung grundsätzlich in praktisch allen Altersgruppen, auch bei Kindern, vorkommen kann [7,8]. In der Regel ist nur eine Seite erkrankt, aber es gibt auch beidseitige Fälle. Zumeist besteht dann eine auffällige Asymmetrie zwischen den beiden Seiten. In seltenen Fällen wurde von einer extrabrachialen Beteiligung und auch von in Mitleidenschaft gezogenen Hirnnerven berichtet [7].

Die Erkrankung ist meist idiopathisch, aber es sind auch Fälle nach Impfungen, Infektionen, Traumata an entfernten Körperstellen und Operationen aufgetreten [3]. In Fällen, die scheinbar mit einer Infektion in Zusammenhang stehen, ist es unklar, ob der Erkrankung eine direkte Infektion des Plexus brachialis oder eine sekundäre Autoimmunreaktion zugrunde liegt.

Ein ebenfalls diskutierter plausibler Pathomechanismus sind mikrovaskuläre Läsionen von Teilen des Plexus brachialis [8]. Unabhängig vom Mechanismus scheinen Menschen mit einer neuralgischen Schulteramyotrophie eine genetische Prädisposition mitzubringen, die dann noch eines Auslösers bedarf, um die autoimmune Reaktion am Plexus brachialis ingang zu setzen [9].

Der Beginn der Erkrankung wird in der Regel durch starke Schmerzen im Bereich des Schultergürtels und des Oberarms eingeläutet. Der Schmerz ist normalerweise in der Nacht stärker und mitunter bringt er den Betroffenen um den Schlaf.

Die Schmerzlokalisation entspricht oft dem Verlauf der betroffenen Nerven:

  • Schmerzen im seitlichen Bereich der Schulter treten bei Beteiligung des N. axillaris auf

  • Skapulaschmerzen bei Beteiligung des N. suprascapularis

  • in der superolateralen Thoraxwand beim N. thoracicus longus

  • und seitliche Arm- und Unterarmschmerzen beim N. musculocutaneus [8].

Die Schmerzen klingen nach einigen Wochen ab, jedoch schließt sich dann eine rasch fortschreitende Muskelschwäche mit Muskelatrophien im Schultergürtel an. Sensibilitätsstörungen können diese Schwäche begleiten und manifestieren sich häufig als Sensibilitätsverlust oder Allodynie im Bereich des Deltamuskels. Der laterale Unterarm kann mitbetroffen sein.

Der Muskelschwund und die damit verbundene Schwäche können sich über mehrere Wochen fortentwickeln. Die Erholung setzt normalerweise innerhalb von 6 Monaten ein. Eine vollständige oder nahezu vollständige Genesung kann nach 18 Monaten erwartet werden.

Bei einer sorgfältigen neuromuskulären Untersuchung kann meist gezeigt werden, dass mindestens 2 Nerven betroffen sind. Dieses Merkmal hilft dann, den Ursprung im Plexus brachialis zu verorten.

Ein interessantes Merkmal der neuralgischen Schulteramyotrophie ist, dass verschiedene Muskeln innerhalb derselben peripheren Nervenverteilung betroffen sind [8]. Obwohl üblicherweise mindestens 2 periphere Nerven beteiligt sind, wurde auch von Fällen berichtet, in denen nur ein einzelner peripherer Nerv erkrankt war.

Die am häufigsten beteiligten Nerven sind:

  • N. thoracicus longus

  • N. suprascapularis

  • N. axillaris

  • N. musculocutaneus

  • N. interosseus (antebrachii) anterior bzw. posterior [8].

Die neuralgische Schulteramyotrophie verläuft monophasisch, obwohl bei der erblichen Form der Erkrankung auch über Rezidive berichtet wurde.

Kommentar

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