Prädiabetes bei Senioren heterogener als erwartet – Hoffnung auf personalisierte Diagnostik und Therapie

Dr. Thomas Kron

Interessenkonflikte

1. März 2021

Die Prädiabetes-Prävalenz ist bei älteren Menschen hoch, doch aus klinischer Sicht gibt es Unterschiede. Nicht jeder Patient mit Prädiabetes entwickelt einen Typ-2-Diabetes. Neue Erkenntnisse zu Subtypen des Prädiabetes könnten Ansätze für personalisierte Therapien bieten. Das berichten Dr. Mary R. Rooney von der Johns Hopkins Bloomberg School of Public Health, Baltimore, und Kollegen jetzt in JAMA Intrenal Medicine [1].

Kohortenstudie mit 3.412 Teilnehmern

Zum Hintergrund: Typ-2-Diabetes entsteht nicht von heute auf morgen. Meist entwickelt er sich über Jahre hinweg aus einer Vorstufe, dem Prädiabetes. Auch wenn Betroffene keine Beschwerden haben und ihre Laborparameter noch unter kritischen Werten liegen, ist die Regulation des Blutzuckerspiegels leicht beeinträchtigt.  Prädiabetes beschreibt Personen mit einem erhöhten Diabetesrisiko. Der natürliche Verlauf eines Prädiabetes bei älteren Menschen ist jedoch nicht gut charakterisiert: eine Wissenslücke, die Rooney und ihre Koautoren schließen wollten.

Ihre prospektive Kohortenanalyse schloss 3.412 ältere Erwachsene ohne manifesten Typ-2-Diabetes ein. Sie hatten an der US-Langzeitstudie ARIC (Atherosclerosis Risk in Community) teilgenommen. Als mittleres Alter nennen die Autoren 75,6 Jahre; 60% waren Frauen.

Die Teilnehmer wurden zwischen 2011 und 2013 rekrutiert. Sie nahmen zwischen dem 1. Januar 2016 und dem 31. Dezember 2017 an einer Folgeuntersuchung teil. Prädiabetes wurde definiert durch einen HbA1c-Wert von 5,7% bis 6,4% und/oder einen beeinträchtigten Nüchtern-Glukosespiegel (FG bzw. Nüchtern-Glukose 100-125 mg/dl).

Patienten Prädiabetes – eine heterogene Gruppe

Von den 3.412 Teilnehmern nahmen 2.497 am Folgebesuch teil oder starben vorzeitig. Während der Nachbeobachtungsphase von 6,5 Jahren gab es insgesamt 156 Diabetes- und 434 Todesfälle.

1.490 Teilnehmer (44%) hatten einen HbA1c-Wert von 5,7% bis 6,4%, und bei 1.996 (59%) war der Nüchtern-Glukose-Spiegel (IFG: impaired fasting glucose) beeinträchtigt. Damit erfüllten 2.482 (73%) Personen entweder die HbA1c- oder die FG-Kriterien; bei 1.004 Personen (29%) traf beides zu.

In der Subgruppe mit HbA1c-Spiegeln zwischen 5,7% und 6,4% zu Studienbeginn entwickelten 97 Probanden (9%) Zyp-2-Diabetes, bei 148 (13%) normalisierte sich der HbA1c-Wert (< 5,7%), und 207 (19%) starben. 

Von Teilnehmern mit IFG zu Studienbeginn entwickelten 112 (8%) einen Diabestes, 647 (44%) wurden normoglykämisch (FG < 100 mg/dl), und 236 (16%) starben. 

In der Gruppe mit HbA1c-Ausgangswerten unter 5,7% entwickelten 41 (3%) einen Typ-2-Diabetes. Bei Probanden mit FG-Spiegeln von weniger als 100 mg/dl zu Studienbeginn betrug dieser Anteil ebenfalls 3%

Führt der Weg hin zur personalisierten Prävention und Therapie?

Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass ein Prädiabetes im höheren Alter möglicherweise keine robuste diagnostische Entität ist. Dafür sprechen auch Forschungsbefunde, die Wissenschaftlern aus Tübingen und München kürzlich in Nature Medicine vorgestellt haben. In einer Langzeitstudie konnten sie 6 Subtypen des Prädiabetes identifizieren – mit Unterschieden bei der Entstehung, bei Risikofaktoren und bei der Prognose. Beispielsweise laufe nicht jede Person mit Übergewicht automatisch Gefahr, einen manifesten Diabetes zu entwickeln, heißt es dazu in einer Mitteilung der Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG). Entscheidend sei vielmehr die Kombination einzelner Parameter. Der Blutzuckerwert allein reiche nicht aus, einen manifesten Diabetes sicher zu prognostizieren. Aus den neuen Erkenntnissen könnten sich wichtige Ansätze für individuell angepasste präventive und therapeutische Maßnahmen ergeben, hofft die DDG.

Dieser Artikel ist im Original erschienen auf Univadis.de .
 

Kommentar

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