Das altbekannte Problem von Korrelation versus Kausalität: Vitamin D und COVID-19 – im Niemandsland der Evidenz

Dr. Laura Cabrera 

Interessenkonflikte

25. Februar 2021

Günstiger als die Produkte von „Big Pharma“, und deshalb ein bewusst vorenthaltenes Wundermittel – dieses Argument steckt hinter dem angeblich unterschätzten Vitamin D im Kampf gegen die Pandemie. Ein nüchterner Blick auf die Evidenz deckt einige Mängel auf.

Hinter der Debatte um die Anwendung von Vitamin D bei vielen Erkrankungen jenseits des manifesten Mangels steckt das altbekannte Problem von Korrelation versus Kausalität. Während diejenigen, die in dem Vitamin den Schlüssel zur Bekämpfung von COVID-19 sehen, die Kausalität als erwiesen erachten, sucht die evidenzbasierte Medizin nach diesem Beweis noch vergebens, heißt es in einem Ernährungsmedizin-Blog.

Vitamin-D-Mangel soll für SARS-CoV-2 anfälliger machen …

Vitamin D leistet seine Arbeit im Kalzium- und Phosphat-Stoffwechsel und bei der Differenzierung hämatopoetischer Zellen. Auf die Zellen des Immunsystems hat Vitamin D vielfältige Auswirkungen: Es stimuliert die Bildung von antiviral wirksamen Peptiden und spielt eine zentrale Rolle bei der Hemmung überschießender Immunreaktionen, so Prof. Dr. Hans Biesalski von der Universität Hohenheim im NFS Journal [1].

Ein intaktes Immunsystem schützt bestmöglich vor allen Viren, welche die Atemwege befallen, nicht nur vor SARS-CoV-2. Ein direkter Zusammenhang zwischen einer Infektion mit dem Coronavirus und Vitamin D, der stärker ist als bei anderen Erregern, ist nicht nachgewiesen.

… und auch für schwere Verläufe verantwortlich sein

Schaut man sich nun den vermeintlichen Zusammenhang mit schweren Verläufen von COVID-19 an, wird der Sachverhalt etwas komplexer. So gibt es Studien, die nachweisen konnten, dass Patienten, die mit einer schweren COVID-19-Erkrankung intensivpflichtig wurden, oft einen zu niedrigen Vitamin-D-Serumspiegel hatten. Diese Ergebnisse überraschen allerdings wenig, und zwar aus 2 Gründen.

Patienten mit einem Risiko für einen kritischen COVID-19-Verlauf gehören auch zu den Menschen, die eher zu einem Vitamin-D-Mangel neigen – also ältere Menschen, Adipöse sowie Patienten mit Diabetes mellitus Typ 2.

2 große Studien aus Großbritannien nutzten die Daten der UK Biobank, einem Register aus 502.624 Teilnehmern des mittleren und späten Erwachsenenalters. In beiden Studien verschwand der Zusammenhang zwischen dem Vitamin-D-Spiegel und einer schweren COVID-19-Erkrankung nach Berücksichtigung von Alter und Begleiterkrankungen [2,3].

Vitamin D sinkt bei schwerer Immunreaktion

 

Der 2. Grund: Vitamin D ist ein negatives Akute-Phase-Reagens. Bei einer schweren Reaktion des Immunsystems auf Gewebeschädigung sinkt der Vitamin-D-Spiegel drastisch ab. Keine klinische Studie kannte den Vitamin-D-Spiegel zum Zeitpunkt der Infektion. Meistens bestimmten die Forscher den Vitamin-D-Spiegel erst bei Aufnahme ins Krankenhaus bzw. auf die Intensivstation.

Hilft Vitamin D intensivpflichtigen COVID-19-Patienten?

Besonders kritisiert wird die Studie der spanischen Forscher um Marta Entrenas Castillo von der Universität Córdoba und ihren Kollegen [4]. Die Forscher untersuchten 76 Patienten, die mit einer schweren COVID-19-Erkrankung ins Krankenhaus eingeliefert wurden. Alle wurden mit Hydroxychloroquin und Azithromycin behandelt, was zum Zeitpunkt der Studie noch die Regel war. Die eine Patientengruppe erhielt dann zu 3 Zeitpunkten Vitamin D. Ein Placebo wurde hingegen nicht verabreicht.

Auf den ersten Blick sind die Ergebnisse erstaunlich. Die Hälfte der Kontrollgruppe musste im weiteren Verlauf auf die Intensivstation verlegt werden, aber nur 2% der Vitamin-D-Gruppe.

Auf den zweiten Blick jedoch hat die Studie weniger Aussagekraft als erhofft: Von den Patienten, die Vitamin D erhielten, hatten 6% Diabetes und 24 % einen Hypertonus – in der Kontrollgruppe lagen die Anteile bei 19% und 58%. Diese Unterschiede waren beim Hypertonus statistisch signifikant, beim Diabetes grenzten sie an die Signifikanz.

Derzeit wurde noch keine randomisiert-kontrollierte Studie veröffentlicht, die den kausalen Zusammenhang zwischen einem Vitamin-D-Mangel und einer schweren COVID-19-Erkrankung herstellt. Ebenso wenig können Interventionsstudien mit Vitamin D im Pandemiekontext überzeugen.

Ein manifester Vitamin-D-Mangel, wie er in Risikogruppen besonders häufig vorkommt, sollte wie auch schon vor der Pandemie, ausgeglichen werden.

Vitamin D und ARDS

Schon vor der Pandemie war die Rolle von Vitamin D beim Acute Respiratory Distress Syndrome (ARDS) ein Gegenstand der Forschung. Eine viel zitierte Studie von einem Team um Rachel Dancer , University of Birmingham, untersuchte neben Lungenzellen in Kultur auch Patienten, die einer Ösophagektomie unterzogen wurden und einen Vitamin-D-Mangel aufwiesen. Diejenigen, die als Intervention Vitamin D erhielten, zeigten ein signifikant besseres Outcome.

Einige Jahre später versuchte eine groß angelegte randomisierte, kontrollierte Studie diesen Effekt zu bestätigen. Die VIOLET-Studie aus den USA musste jedoch frühzeitig beendet werden, weil das verabreichte Vitamin D bei den intensivpflichtigen Patienten keinen Vorteil erbrachte.

Dieser Artikel ist im Original erschienen auf Coliquio.de.

Kommentar

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