MEINUNG

So funktioniert´s: In Mecklenburg impfen schon 10 Hausärzte in ihren Praxen gegen das Corona-Virus. Einer von ihnen erzählt…

Christian Beneker

Interessenkonflikte

24. Februar 2021

Dieser Hausarzt macht es vor: Dr. Fabian Holbe aus Neuburg in Mecklenburg-Vorpommern ist nicht nur Allgemeinmediziner, sondern hat auch Projektmanagement studiert. Das zahlt sich jetzt aus – auch für seine Patienten.

Dr. Fabian Holbe, Hausarzt in Neuburg Foto: privat

Als die Impfungen gegen Corona in Deutschland starteten entwickelte er sein eigenes Projekt. Nun impft er in seiner Praxis Senioren gegen das Corona-Virus. 9 weitere Praxen im Landkreis machen inzwischen mit. Im Gespräch mit Medscape berichtet Holbe von seinen Erfahrungen. Er sieht in seiner Aktion viele Vorteile …

Medscape: Herr Dr. Holbe, wenn Sie sich impfen lassen wollten, wo wäre es Ihnen lieber – in einem Impfzentrum oder einer Hausarztpraxis?

Dr. Holbe: In der Praxis natürlich!

Medscape. Warum?

Dr. Holbe: Weil ich den Menschen, der mich da impft, kennen würde. Das ist ja mein Hausarzt! Wenn ich also meine Oma wäre, wüsste ich, dass mein Hausarzt alle meine Zipperlein kennen würde und genau wüsste, was ich vertrage und was nicht und wie ich auf andere Impfungen reagiert habe.

Das ist etwas anderes als vor einem Arzt in einem Impfzentrum zu sitzen, der alle diese Einzelheiten in fünf Minuten herauskitzeln müsste, Einzelheiten, die der Hausarzt in Jahren der Versorgung über mich gesammelt hat.

Medscape: Welche Realität steht dahinter? Haben Sie schon mal einen Patienten etwa vom Impfen abraten müssen – aus der Kenntnis seiner Vorerkrankungen heraus?

 
Ich hatte einen Patienten, der sich im Vorfeld gegen Gürtelrose hatte impfen lassen ..., da haben wir die Corona-Impfung verschoben. Dr. Fabian Holbe
 

Dr. Holbe: Ja, ich hatte einen Patienten, der sich im Vorfeld gegen Gürtelrose hatte impfen lassen und bei dem die Impfung noch nicht lange genug her war. Da haben wir die Corona-Impfung verschoben.

Medscape: Wer wird bei Ihnen geimpft?

Dr. Holbe: Alle, die 80 Jahre oder älter sind. Die hochaltrigen Impfwilligen werden ganz normal über die Hotline an uns vermittelt. Es kommen also nicht nur die eigenen Patienten. Wir geben den alten Patienten die Chance, dass sie nicht den weiten Weg zum Impfzentrum machen müssen, sondern nur den kurzen zur Hausarztpraxis.

Die Schwelle zur Impfung soll niedrig liegen. Wir verimpfen in den Praxen auch nur den Impfstoff von Biontech, da der von AstraZeneca nur bei den unter 65-Jährigen zugelassen ist.

Medscape: Wie ist es überhaupt zu Ihrem Projekt gekommen?

Dr. Holbe: Dazu muss man wissen, dass ich nicht nur Arzt bin. Ich habe auch Projektmanagement studiert. Und als die große Aufgabe im Raum stand, habe ich mich eben auch als Projektmanager dafür interessiert: Welche Risiken würden mit einer Impfung in der Hausarztpraxis auftauchen? Welche Chancen? Wen müsste ich ansprechen? Wir als Ärzte sind ja ein etwas schwieriges Klientel und werden gerne von unseres Gleichen auf Augenhöhe angesprochen. Von Arzt zu Arzt ist eben manches leichter. Da habe ich die Chance gesehen, die ganze Sache in ärztliche Hände zu legen. Und das klappt.

Inzwischen sind 10 Praxen an dem Projekt beteiligt. Zuvor haben wir gesehen, dass Impfteams in die Seniorenheime gingen. Und da haben wir uns gefragt: Warum machen das nicht die zuständige Hausärzte? Sie kennen doch die Gegebenheiten in den Heimen besser als jedes Impfteam. Und so geschah es. Danach brauchten wir die Impfinitiative nur noch aus den Heimen in unsere Praxen zu verlegen.

Medscape: Was müssen Ärzte tun, die Ihr Projekt kopieren wollen?

Dr. Holbe: Der Bund delegiert den Impfauftrag an die Länder und diese an die Landkreise und kreisfreien Städte. Wer unser Projekt kopieren will, muss sich also an seinen Landrat, beziehungsweise seinen Bürgermeister wenden.

Denn sie wiederum geben den Auftrag weiter an ihre Gesundheitsämter oder an Subunternehmer, etwa das Rote Kreuz. Wenn bereits ein Subunternehmer im Spiel ist, müssten Ärzte sich unter Umständen von diesem Subunternehmer selber als Subunternehmer anstellen lassen und einen entsprechenden Vertrag schließen.

Wir dagegen waren mit unserer Initiative sehr früh dran und haben uns schon Ende Oktober 2020 an die Landrätin gewandt. Da hatte Biontech gerade angekündigt, sich um eine Zulassung zu bemühen. Mir war klar, dass wir rasch einen Plan schmieden mussten. Als dann der Impfstoff da war, waren wir die ersten, die einen Plan hatten.

Medscape: Wie haben ihre Kolleginnen und Kollegen auf Ihre Idee reagiert?

Dr. Holbe: Fast durchweg positiv! Nur wer ohnehin skeptisch auf die Corona-Impfung blickt, war auch bei dem Projekt zurückhaltend.

Medscape: Wird das Projekt weitergeführt, wenn die Impfberechtigten der Gruppen 2 und 3 dran sind?

Dr. Holbe: Da bin ich zuversichtlich. Unser Gesundheitsminister Harry Glawe und der Vorsitzender der KV Mecklenburg-Vorpommern, Axel Rambow, haben jedenfalls bereits den Landräten aufgrund der positiven Erfahrungen mit unserem Projekt geschrieben und um die Unterstützung durch Impfpraxen in allen Landkreisen gebeten. Denn wenn mehr Impfstoff kommt, werden auch die Impfzentren an ihre Kapazitätsgrenzen stoßen. 

Medscape. Wie viel Honorar bekommen Sie für die Impfungen? 

Dr. Holbe: Wir erhalten genauso viel wie in den Impfzentren gezahlt wird: 100 Euro pro Arztstunde und 35 Euro pro MFA Stunde. Uns geht es aber nicht um das Geld. Sondern wir haben erkannt, dass vor unserer Ärztegeneration eine epische Aufgabe liegt.

 
Was sollte ich meinen Kindern in 20 Jahren sagen? Da war eine Großkrise, und ich habe meine Abrechnung optimiert? Doch wohl nicht! Dr. Fabian Holbe
 

Noch nie hatten wir einen so großen Gegner in den zurückliegenden Jahrzehnten. Sich da an der Impfung zu beteiligen, ist selbstverständlich. Was sollte ich meinen Kindern in 20 Jahren sagen? Da war eine Großkrise, und ich habe meine Abrechnung optimiert? Doch wohl nicht!

Medscape: Was mussten Sie an Praxisorganisation umstellen?

Dr. Holbe: Gar nicht so viel. Ich stelle derzeit 2 Stunden in der Woche nur für die Impfung zur Verfügung, mittwochs von 13 bis 15 Uhr. In dieser Zeit impfen wir 24 Patientinnen und Patienten, also einen Patienten pro 5 Minuten. Bisher haben wir in den Praxen insgesamt mehr als 800 Patientinnen und Patienten geimpft.  Mit mehr Impfstoff könnten wir auch mehr schaffen, aber bei den 10 Praxen kommen derzeit nun rund 300 Dosen pro Woche an.

Wenn mehr Impfstoff kommt, werden auch mehr Praxen mitziehen. Demnächst werde ich auf 4 Stunden in der Woche gehen. Zwar muss der Biontech-Impfstoff gekühlt werden. Aber da reicht unser normaler Medikamentenkühlschrank, also eine Temperatur von 2 bis 8 Grad. Der Impfstoff wird uns tagesaktuell geliefert. Wir sind zu zweit – eine MFA mit 2,5 Stunden und ich als Arzt.

Medscape: Eigentlich erfüllen Sie mit den Impfungen ja eine Aufgabe des Landes …

Dr. Holbe: Das ist so. Und ich muss sagen: Hut ab vor unserer Landrätin Kerstin Weiss, die dieses Projekt mitgegangen ist! Da gehört eine Menge Mut dazu. Denn wir als Ärzte arbeiten ja nicht weisungsgebunden, sondern selbstständig wie externe Berater.

Die eigentliche Projektarbeit habe ich ehrenamtlich und unentgeltlich gemacht - als externer Berater. Die impfenden Ärzte haben aber alle einen Honorarvertrag. Das ist wichtig für die Versicherung, damit sind sie natürlich weisungsgebunden im Rahmen des Arbeitsrechts. Diese Konstruktion hat die Landrätin akzeptiert und hat darauf gesetzt, dass wir Hausärzte diese Aufgaben bewältigen. Das ist eindeutig ein Vertrauensbeweis.
 

Kommentar

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