Neue Studie aus Sambia: Überraschend viele Gestorbene mit SARS-CoV-2 infiziert – auch Jüngere und sogar Kinder

Ute Eppinger

Interessenkonflikte

23. Februar 2021

Die Auswirkungen der COVID-19-Pandemie in Afrika wurden bislang wohl stark unterschätzt. Eine Analyse aus Sambia, publiziert im British Medical Journal, hat jetzt ergeben, dass dort deutlich mehr Menschen an COVID-19 gestorben sind als bislang vermutet – demnach könnten zwischen 15 und 20% aller untersuchten Todesfälle auf das Virus zurückgehen [1].

Ein internationales Forscherteam um den Epidemiologen Prof. Dr. Lawrence Mwananyanda von der Universität Boston hatte zwischen Juni und September 2020 PCR-Tests an 364 Verstorbenen in Lusaka, Sambia, durchgeführt. 70 von 364 (19%) waren mit SARS-CoV2 infiziert. Damit ist die Zahl der positiven Befunde „viel höher als die offiziellen Berichte vermuten lassen und stehen im Widerspruch zu der weit verbreiteten Ansicht, dass COVID-19 Afrika weitgehend übersprungen hat und kaum Auswirkungen hatte“, schreiben die Forscher.  

 
Nur weil so wenig getestet wurde, wurde von nur wenigen Fällen berichtet – nicht, weil es tatsächlich nur wenige Fälle gab. Prof. Dr. Lawrence Mwananyanda und Kollegen
 

Ihre Daten zeigen auch, dass Menschen allen Alters an COVID-19 starben, auch unerwartet viele Kinder (7). Das Durchschnittsalter zum Zeitpunkt des Todes lag bei 48 Jahren, und 70% der an COVID-19 Gestorbenen waren Männer.

Das wahre Ausmaß der Pandemie auf Afrika muss gesehen werden

Die meisten Todesfälle bei Menschen mit COVID-19 (73%) traten zuhause auf, und keiner dieser Patienten war vor seinem Tod auf das Virus getestet worden. Von den 19 Personen, die im Krankenhaus starben, wurden nur 6 vor dem Tod auf SARS-CoV-2 getestet.

Von 52 Verstorbenen lagen Angaben zu Symptomen vor, davon wiesen 44 typische Symptome auf (Husten, Fieber, Kurzatmigkeit); doch auch von ihnen wurden nur 5 vor ihrem Tod getestet. COVID-19 wurde bei 7 Kindern identifiziert, von denen nur eines vor dem Tod getestet worden war.

76% der Verstorbenen waren unter 60 Jahre alt. Die 5 häufigsten Komorbiditäten waren:

  • Tuberkulose (31%),

  • Bluthochdruck (27%),

  • HIV/AIDS (23%),

  • Alkoholmissbrauch (17%) und

  • Diabetes (13%).

„Es ist entscheidend, das tatsächliche Ausmaß der Pandemie auf Afrika zu verstehen“, schreiben Mwananyanda und Kollegen. „Die meisten Patienten starben zuhause, und nur wenige, die in der Klinik starben, wurden überhaupt getestet – obwohl sie typische Symptome zeigten. Nur weil so wenig getestet wurde, wurde von nur wenigen Fällen berichtet – nicht, weil es tatsächlich nur wenige Fälle gab“, stellen sie klar.

 
Wenn unsere Daten verallgemeinerbar sind, dann wurde der Einfluss von COVID-19 in Afrika bislang massiv unterschätzt. Prof. Dr. Lawrence Mwananyanda und Kollegen
 

Aus Sicht der Autoren ist das ein Beispiel dafür, dass das ‚Fehlen von Beweisen‘ als ‚Beweis für das Fehlen‘ missverstanden wird. Das hat ihrer Einschätzung nach zu der weit verbreiteten Ansicht geführt, dass SARS-CoV-2 Afrika weitgehend übersprungen hat und kaum Auswirkungen hatte.

„Wenn unsere Daten verallgemeinerbar sind, dann wurde der Einfluss von COVID-19 in Afrika bislang massiv unterschätzt.“ Mit gravierenden Folgen: „Wird die Situation in Afrika als wenig bedrohlich eingeschätzt, dann kann das dazu führen, dass afrikanische Länder eine geringere Priorität für den Zugang zu COVID-19-Impfstoffen erhalten“, schließen sie.

Ebola und COVID-19 in Afrika – eine doppelte Herausforderung

Doch Afrika ist nicht nur durch COVID-19 bedroht: Nachdem am 7. Februar aus der Demokratischen Republik Kongo und am 14. Februar aus Guinea Ebola-Fälle gemeldet wurden, steht der Kontinent vor einer doppelten Herausforderung (siehe Kasten am Ende des Artikels). Wie dringend der Handlungsbedarf ist, wurde auf einer Pressekonferenz der WHO deutlich [2]

Mehr als 3,8 Millionen Menschen haben sich in Afrika bislang mit COVID-19 infiziert, „darunter 77.000 neue Fälle allein in der vergangenen Woche. Und über 100.000 Menschen haben bislang durch die Pandemie ihr Leben verloren“, sagte Dr. Matshidiso Moeti, WHO-Direktorin für Afrika. Wobei die Zahlen aus offiziellen Berichten stammen. Überträgt man die Ergebnisse von Mwananyanda und Kollegen, dürfte die tatsächliche Zahl wohl deutlich höher sein.

 
Impfstoffe müssen für alle und überall verfügbar und erschwinglich sein. António Guterres
 

Wie Moeti berichtete, sei die Inzidenz in einigen der am stärksten betroffenen Ländern wie Südafrika, Nigeria, Ägypten und Tunesien in den vergangenen 2 Monaten zwar rückläufig, „in mehreren Ländern aber – darunter Sambia, Togo, Süd-Sudan, Senegal und Ghana – nimmt die Epidemie weiterhin an Fahrt auf“, berichtete Moeti.

Vergangenen Montag hat die WHO AZD1222 – dem Vakzin von AstraZeneca – grünes Licht für den Notfalleinsatz gegeben. Nach Moetis Einschätzung kann damit die Auslieferung über die COVAX-Initiative (COVID-19 Vaccines Global Access) noch im Februar beginnen. Geleitet wird COVAX von der WHO, der Impfallianz Gavi und dem Bündnis Cepi zur Impfstoff-Forschung.

In der ersten Jahreshälfte sollen mehr als 300 Millionen Dosen nach Afrika geliefert werden, darunter 1,15 Millionen nach Simbabwe und 2,43 Millionen nach Mosambik. Es ist auch geplant, 1,2 Millionen Dosen des Impfstoffs von Pfizer/BioNTech zu verteilen.

Südafrikanische SARS-CoV-2- Variante breitet sich in Sambia aus

Dass die südafrikanische Variante von SARS-CoV-2 einen erheblichen Anteil daran hat, dass die Epidemie in Sambia wieder an Fahrt aufnimmt, bestätigte Dr. Ngonda Saasa, Virologe und Leiter des Department of Disease Control der Universität Sambia in Lusaka. Saasa berichtete, dass die Inzidenz nach einem monatelangen Rückgang der Fallzahlen im Dezember plötzlich stark anstieg.

Bei der Nachverfolgung der Kontakte habe sich gezeigt, dass ungewöhnlich viele positive Tests darunter waren. Bei der Sequenzierung der Proben fanden Saasa und Kollegen heraus, dass 22 der 23 sequenzierten Genome mit der südafrikanischen Variante assoziiert waren. „Wir sind besorgt über diese Befunde und halten sie für die wesentlichen treibenden Faktoren der zweiten Welle“, sagte er.

Globale Ungleichheiten bestehen seit Beginn der COVID-19-Pandemie. Intensivstationen, Beatmungsgeräte und Sauerstoff sind auf dem afrikanischen Kontinent Mangelware. „Aber in den ersten Monaten haben die grundlegenden Maßnahmen, die notwendig waren, um die Ausbreitung des Virus zu verhindern, die Länder mehr oder weniger gleichgestellt“, wird John Nkengasong, Leiter des Africa Centres for Disease Control and Prevention, in einem Artikel von Kai Kupferschmidt in Science zitiert.

Reiche Länder horten Vakzine, in Afrika sterben Ärzte und Pflegepersonal

Doch bei den Impfungen gegen COVID-19 zeigt sich deutlich, wie sehr Afrika ins Hintertreffen geraten ist. Länder in Europa, Asien und Amerika haben seit Dezember 2020 mehr als 175 Millionen Impfungen verabreicht, um Menschen vor COVID-19 zu schützen, wobei die meisten Länder vorrangig medizinisches Personal geimpft haben.

In Subsahara-Afrika sieht das ganz anders aus – als erstes Land hat Südafrika gerade erst mit den Impfungen begonnen. So stirbt medizinisches Personal dort, wo es ohnehin schon knapp ist, schreibt Kupferschmidt. In Afrika sind bereits viele Pflegekräfte und Ärzte durch COVID-19 gestorben.

 
Nur mit einer weltweiten Impfkampagne führt der Weg aus der Pandemie heraus. Gerd Müller
 

Mosambik beispielsweise hat in den letzten Wochen einen Anästhesisten, einen Gastroenterologen, einen Urologen und 2 Allgemeinmediziner durch COVID-19 verloren, mehrere Ärzte und Pflegekräfte sind schwer erkrankt. Ihr Tod trifft Mosambik ganz besonders hart – denn dort kommen auf 100.000 Einwohner gerade mal 8 Ärzte – in den USA sind es fast 300 Ärzte auf 100.000 Einwohner.

Entwicklungshilfeminister Müller drängt auf weitere Mittel für COVAX

Viele reiche Länder haben auf mehrere Impfstoffe gesetzt und Verträge für genügend Dosen unterzeichnet. Doch das schränkt die Versorgung des Rests der Welt ein. Nach Angaben der WHO wurden bisher 3 Viertel aller Impfungen in 10 Ländern durchgeführt, die 60% des weltweiten Bruttoinlandsprodukts erwirtschaften; 130 Länder hingegen haben noch keine einzige Dosis verabreicht.

„Ich verstehe nicht, weshalb es nicht einen massiven Aufschrei gibt, etwas dagegen zu tun“, sagt Gavin Yamey vom Global Health Institute der Duke University. „Die Welt steht am Rande eines katastrophalen moralischen Versagens“, hatte Dr. Tedros Adhanom Ghebreyesus, der in Äthiopien geborene Generaldirektor der WHO, schon im Januar gewarnt.

Um schneller an Impfstoff heranzukommen, haben die afrikanischen Länder eine Task Force gebildet und 7 Millionen Dosen AZD1222 gekauft. Die ersten 1,5 Millionen Dosen sollen diese Woche in 19 Länder verschickt werden, so dass Pflegepersonal und Ärzte bis Ende der Woche geimpft werden können.

COVAX braucht in diesem Jahr 6,8 Milliarden Dollar, um sein Ziel zu erreichen, mit 1,3 Milliarden Dosen rund 20% der Bevölkerung in Entwicklungsländern zu impfen. Deutschland hat beim digitalen G7-Gipfel 1,5 Milliarden Euro zugesagt, die internationale Impfallianz Gavi soll davon 1 Milliarde erhalten, 500 Millionen gehen an die WHO.

Entwicklungshilfeminister Gerd Müller reichen die zugesagten Mittel nicht aus, das Engagement von G20 und EU müsse ebenfalls weiter ausgebaut werden, fordert er. Bislang finden nur 0,5% der Impfungen gegen COVID-19 in den ärmsten Ländern statt.

UN-Generalsekretär António Guterres fordert deshalb einen globalen Impfplan: „Impfstoffe müssen für alle und überall verfügbar und erschwinglich sein.“ Eine faire Verteilung der Impfstoffe sei „entscheidend für die Rettung von Menschenleben und Volkswirtschaften“, so Guterres.

Laut Müller haben sich die reichen Länder 2 Drittel der Impfstoffdosen gesichert – obwohl sie nur 16% der Weltbevölkerung ausmachen. „Nur mit einer weltweiten Impfkampagne führt der Weg aus der Pandemie heraus“, betonte Müller nach dem G7-Gipfel.

Ebola: Per Taxi vom Südosten Guineas in die Hauptstadt Conakry

Wie Dr. Mohamed Lamine Yansane, Berater des Gesundheitsministers von Guinea berichtet hatte, sind derzeit 7 Ebola-Fälle bekannt, der Ausbruch scheint auf eine Krankenschwester aus Nzérékoré im Südosten Guineas zurückzugehen, die inzwischen gestorben ist. Offenbar haben sich 5 Familienmitglieder bei ihr angesteckt. 4 davon sind gestorben.

Nach ihrem Tod fuhr ihr Mann im Taxi in die Hauptstadt Conakry ins Krankenhaus, wo er stationär behandelt wurde. Bislang, so Yansane, wurden 250 Kontaktpersonen dieser Infektionskette ausfindig gemacht, 94% davon wurden bereits getestet, bislang habe es keinen positiven Fall darunter gegeben.

Um die betroffene Gegend wurde ein Schutzring errichtet. Hinein und hinaus kommen die Bewohner nur noch über Hygieneschleusen. Die offenen Märkte in der Region wurden verboten, Überwachungsmaßnahmen verstärkt. „Wir hoffen, dass wir so die Lage kontrollieren können und mit Unterstützung der internationalen Gemeinschaft Lösungen finden werden“, sagte Yansane. Anfang dieser Woche soll in Guinea damit begonnen werden, die Kontaktpersonen der Patienten gegen Ebola zu impfen.

Aus dem Kongo sind 4 Ebola-Fälle bekannt. Auch dort soll so schnell wie möglich damit begonnen werden, die Kontaktpersonen zu impfen. Weil Ebola eine lange Inkubationszeit hat, kann eine frühzeitige Impfung den Verlauf deutlich mildern. Zudem senkt die Impfung die Ansteckungsgefahr erheblich, erklärte Moeti.

 

Kommentar

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