MEINUNG

Polyneuropathie nach Chemotherapie: Älter, adipös und weiblich – für diese Patienten ist das Risiko besonders hoch

PD Dr. Georgia Schilling

Interessenkonflikte

29. März 2021

„Extrem häufig und beeinträchtigend“: PD Dr. Georgia Schilling diskutiert eine Studie zu den Risikofaktoren für eine Chemotherapie-induzierte Polyneuropathie (CINP) und worauf man künftig achten sollte.

Transkript des Videos von PD Dr. Georgia Schilling:

Sehr geehrte Damen und Herren,

mein Name ist Georgia Schilling, ich bin Chefärztin der internistisch-onkologischen Rehabilitation in der Asklepios-Nordsee-Klinik in Westerland auf Sylt und leitende Oberärztin im Asklepios-Tumorzentrum in Hamburg.

Risikofaktoren für eine CINP

In der Reha sehen wir natürlich sehr viele Patienten mit einer Chemotherapie-induzierten Polyneuropathie (CINP), die den Patienten extrem beeinträchtigt. Zu dieser Nebenwirkung wurde nun ein neuer Beitrag von David Mizrahi, University of New South Wales, Sydney, Australien, und Kollegen im JAMA Network Open am 15. Februar 2021 veröffentlicht.

Es geht um Hämoglobin, Body Mass Index (BMI) und Alter als Risikofaktoren für die Paclitaxel- und Oxaliplatin-induzierte Polyneuropathie.

Die Chemotherapie-induzierte Polyneuropathie kann eine sehr lang anhaltende Nebenwirkung einer Chemotherapie sein und sie kann sich sogar nach Beendigung der Therapie noch verschlechtern. Die CIPN ist eine dosis-limitierende Toxizität und eine sehr häufige unerwünschte Wirkung bei einer Vielzahl von Chemotherapeutika, z. B. den Taxanen und Platinderivaten.

Die Polyneuropathie behindert den Alltag unserer Patienten stark und hat große, negative Auswirkungen auf die Lebensqualität. Daher ist es wichtig, individuelle Risikofaktoren zu identifizieren, um die Inzidenz von Langzeit-Polyneuropathien zu senken.

Viele potenzielle Risikofaktoren

Viele Studien haben bereits potenzielle Risikofaktoren untersucht, inklusive genetischen Variationen, also SNIPs, Ernährungsstatus, eine vor der Therapie bereits bestehende Anämie oder eine Veränderung in der Neutrophilen/Lymphozyten-Ratio. Bislang gibt es aber bezüglich dieser Risikofaktoren aufgrund der unklaren Datenlage keinen klaren Konsens.

Wir wissen, dass auch ein Typ-2-Diabetes, Adipositas oder ein höheres Lebensalter potenzielle Risikofaktoren für die Entwicklung einer CINP sind.

Die Identifizierung von prognostischen Faktoren für die Entwicklung einer lang andauernden CINP würde uns als Behandler erlauben, diese gefährdeten Patienten engmaschiger zu überwachen und die Therapie frühzeitiger zu individualisieren. Und vielleicht nicht erst dann, wenn die Polyneuropathie schon manifest ist.

Querschnittstudie aus Australien

Die Studie, die ich Ihnen heute vorstellen möchte, ist eine Querschnittsstudie. Es wurden Blutwerte, klinische Faktoren und demographische Daten von 333 Patienten ab 30 Tage vor Beginn der Chemotherapie gesammelt, die mit Oxaliplatin oder Paclitaxel behandelt wurden.

Die größte Gruppe mit 80% waren Frauen, die mehrheitlich Brust- oder Darmkrebs hatten. Es hat ein sehr umfangreiches neurophysiologisches Assessment bezüglich Sensorik und Feinmotorik stattgefunden. Zudem wurden Patient Reported Outcomes (PROs) 3 bis 12 Monate nach Beendigung der Therapie erhoben.

Die Schwere der nach der Behandlung aufgetretenen Polyneuropathie wurde mit den initial 30 Tage vor der Therapie erhobenen Daten verglichen.

Die Ergebnisse

Patienten mit niedrigen Hämoglobin-Werten vor der Therapie hatten nach der Behandlung eine nachweislich schlimmere Polyneuropathie. Weitere Faktoren, die eine schwerere Polyneuropathie bedeutet haben, waren:

  • ein höherer Body Mass Index

  • höheres Alter

  • weibliches Geschlecht.

Ich fand es ganz interessant, dass die Autoren darauf hingewiesen haben, dass ein niedriges Hämoglobin auch bei der diabetischen Polyneuropathie eine Rolle spielt. Irgendwo scheint es da einen Zusammenhang zu geben, wenn der auch bislang noch nicht geklärt ist.

Assoziation mit Adipositas

Die schwerwiegendere Polyneuropathie war auch mit einem höheren BMI assoziiert, allerdings nur in der Paclitaxel-Kohorte. Dazu gibt es auch andere Daten. Aber wir wissen, dass Adipositas auch mit einem erhöhten Risiko für eine idiopathische Neuropathie assoziiert ist. Gegebenenfalls sind die Effekte auch durch höhere Dosen bedingt, die wiederum durch die größere Körperoberfläche bedingt sind. Natürlich geht es auch um den Insulinstoffwechsel, das ist durchaus nachvollziehbar.

Warum die Assoziation mit einem höheren BMI für die Oxaliplatin-Kohorte nicht gezeigt werden konnte, ist unklar. Es gibt aber andere Daten, die das auch schon bestätigt haben.

Viele Limitationen

Die Studie hat meines Erachtens große Limitationen. Die Autoren gehen ehrlicherweise darauf ein:

  • Die Studie umfasste zu 80% Frauen.

  • Es wurden nur Oxaliplatin und Paclitaxel untersucht.

Die Daten können nicht ohne weiteres auf z. B. Vincristin übertragen werden.

  • Mehrheitlich waren die Patienten an Brust- oder Darmkrebs erkrankt. Auch das macht es schwierig, die Befunde einfach auf andere Entitäten zu übertragen.

  • Außerdem gibt es keinerlei Daten dazu, ob die Patienten transfundiert wurden, es gibt keine Daten zu Ferritin oder Transferrin, zur Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln oder anderen Interventionen, die die Polyneuropathie eventuell beeinflusst haben.

Diese Punkte muss man zu dieser Studie wirklich kritisch anmerken.

Nichtsdestotrotz konnte die Studie zeigen, dass Patienten mit einem niedrigen Hämoglobin-Wert, einem höheren BMI, einem höheren Lebensalter sowie Frauen ein offensichtlich höheres Risiko haben, eine lang dauernde Polyneuropathie zu bekommen. Diese Patienten sollten wir dann doch engmaschiger auf eine Polyneuropathie kontrollieren und überwachen.

Prospektive Validierung erforderlich

Natürlich ist eine prospektive Validierung dieser Risikofaktoren nötig. Man muss zudem untersuchen, ob ein engmaschigeres Monitoring bei diesen Patienten potenziell wirklich einen Nutzen hat, das ist momentan noch hypothetisch.

Nicht zuletzt ist natürlich eine Evaluation von möglichen Interventionen dringend erforderlich, beispielsweise ob es sinnvoll ist, den Hb-Wert vor und unter der Therapie anzuheben.

Trotzdem finde ich die Daten interessant und wollte Sie Ihnen unbedingt vorstellen, denn es handelt sich um einfache Faktoren, die man sowieso erhebt, wenn man die Patienten therapiert.

Vielleicht hilft es wirklich, wenn wir auf diese Risikogruppe besonders sorgfältig achten und das in Zukunft auch noch stärker wissenschaftlich untersuchen.

Damit danke ich Ihnen für heute fürs Zuhören – bis zum nächsten Mal.
 

Kommentar

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