Seltene Form von Alzheimer ohne Gedächtnisverlust, aber mit Sprachproblemen – was die Forschung daraus lernen kann

Interessenkonflikte

19. Februar 2021

Es gibt eine seltene Unterform der Alzheimer-Krankheit, bei der die Patienten auch langfristig nicht den für die Krankheit charakteristischen Gedächtnisverlust zeigen. Auch weisen sie einige neuropathologische Unterschiede zu typischen Alzheimer-Patienten auf. Forschungsergebnisse hierzu wecken die Hoffnung, neue Mechanismen zu entschlüsseln, die einen Ansatz zum Schutz vor dem typischen Gedächtnisverlust bieten. Die Studie ist in Neurology publiziert [1].

„Wir entdeckten, dass es mehr als eine Form der Alzheimer-Krankheit gibt. Während der typische Alzheimer-Patient Gedächtnisstörungen hat, sind Patienten mit einer primär progredienten Aphasie (PPA) im Zusammenhang mit der Alzheimer-Krankheit ganz anders. PPA-Patienten haben Probleme mit der Sprache – sie wissen, was sie sagen wollen, können aber die Worte nicht finden. Ihr Gedächtnis hingegen ist intakt“, erläuterte Hauptautor Dr. Marsel M. Mesulam, Direktor des Mesulam Center for Cognitive Neurology and Alzheimer's Disease an der Northwestern University Feinberg School of Medicine in Chicago, gegenüber Medscape.

 
PPA-Patienten haben Probleme mit der Sprache – sie wissen, was sie sagen wollen, können aber die Worte nicht finden. Ihr Gedächtnis hingegen ist intakt. Dr. Marsel Mesulam
 

„Wir haben festgestellt, dass diese Patienten die gleichen Mengen an Alzheimer- oder Tau-Fibrillen aufweisen, welche die Neuronen im Gedächtnisteil des Gehirns zerstören, wie typische Alzheimer-Patienten. Aber bei PPA-Patienten war die nicht dominante Seite dieses Gehirnteils weniger atrophisch“, fügte Mesulam hinzu. „Es scheint, als seien diese Patienten widerstandsfähiger gegenüber den Auswirkungen der Alzheimer-Fibrillen.“

Die Untersucher stellten zudem fest, dass 2 etablierte Biomarker und Risikofaktoren der typischen Alzheimer-Krankheit keine PPA-Risikofaktoren zu sein scheinen. „Diese Beobachtungen sprechen dafür, dass es Mechanismen gibt, die das Gehirn vor Alzheimer-ähnlichen Schäden schützen können. Die Untersuchung von PPA-Patienten könnte uns Hinweise dafür liefern, wo wir nach diesen Mechanismen suchen müssen, um neue Behandlungen für den typischen Alzheimer-Gedächtnisverlust entwickeln zu können“, sagte Mesulam weiter.

Eine PPA wird diagnostiziert, wenn eine Sprachstörung vor dem Hintergrund eines erhaltenen Gedächtnisses und Verhaltens eintritt, wobei etwa 40% der Fälle atypische Manifestationen der Alzheimer-Krankheit darstellen, erklärten die Forscher.

 
Es scheint, als seien diese Patienten widerstandsfähiger gegenüber den Auswirkungen der Alzheimer-Fibrillen. Dr. Marsel Mesulam
 

„Wir wussten zwar, dass die Erinnerungen von Menschen mit PPA zunächst nicht beeinträchtigt sind, doch war uns nicht klar, ob sie ihre Gedächtnisfunktionen über Jahre hinweg beibehielten“, so Mesulam. Das Ziel der vorliegenden Studie war es, zu untersuchen, ob der Gedächtniserhalt bei PPA im Zusammenhang mit Alzheimer ein konsistentes Merkmal oder nur ein vorübergehender Befund ist, der auf die Erstpräsentation beschränkt ist. Zudem sollte die zugrunde liegende Pathologie der Erkrankung erforscht werden.

17 PPA-Patienten mit 14 typischen Alzheimer-Patienten verglichen

Das Team durchsuchte ihre Datenbank, um PPA-Patienten autoptisch oder durch Biomarker-Nachweis als Alzheimer-Patienten zu identifizieren, bei denen mindestens 2 aufeinanderfolgende Untersuchungen mit den gleichen Sprach- und Gedächtnistests dokumentiert waren. An der Studie nahmen 17 Patienten mit der Alzheimer-Krankheit vom PPA-Typ teil. Sie wurden mit 14 Patienten verglichen, die eine typische Alzheimer-Krankheit mit Gedächtnisverlust aufwiesen.

Die Evaluation des Gedächtnisses sei bei PPA-Patienten eine besondere Herausforderung, so die Autoren, da die meisten Tests Wortlisten verwenden, welche die Patienten jedoch aufgrund ihrer Sprachbeeinträchtigungen möglicherweise nicht bestehen. Um dieses Problem zu umgehen, wählten sie PPA-Patienten aus, deren Gedächtnistests aus Bildern gewöhnlicher Objekte bestanden. Patienten mit typischer Alzheimer-Krankheit unterzogen sich ähnlichen Tests, verwendeten aber eine Liste mit geläufigen Begriffen.

Eine 2 Testreihe erfolgte in der PPA-Gruppe im Mittel 2,4 Jahre später und in der Gruppe mit typischer Alzheimer-Krankheit durchschnittlich 1,7 Jahre später. Für die PPA-Patienten lagen zudem Hirnscans vor sowie für 8 der PPA-Fälle und alle typischen Alzheimer-Fälle autoptische Befunde.

Kein Rückgang der Gedächtnisleistungen – asymmetrische Atrophie

Die PPA-Patienten zeigten in der 2. Testreihe keinen Rückgang bei den Gedächtnisleistungen. Zu diesem Zeitpunkt hatten sie bereits seit durchschnittlich 6 Jahren Symptome. Allerdings verschlechterten sich ihre sprachlichen Fähigkeiten im gleichen Zeitraum erheblich. Bei den typischen Alzheimer-Patienten nahmen das verbale Gedächtnis und die Sprachfähigkeiten während des Studienzeitraums in gleichem Maße ab.

Die Obduktionsergebnisse zeigten, dass beide Gruppen einen vergleichbaren Grad an Alzheimer-Pathologie im medialen Temporallappen aufwiesen. Dieser Teil des Gehirns ist bei der Alzheimer-Demenz als erster betroffen.

Die MRT zeigten jedoch, dass die PPA-Patienten eine asymmetrische Atrophie der dominanten (linken) Hemisphäre aufwiesen, wobei die rechte, nicht dominante Seite des medialen Temporallappens trotz des Vorhandenseins der Alzheimer-Pathologie keine Neurodegenerationen aufwies.

 
Das PPA-Alzheimer-Syndrom bietet eine einzigartige Möglichkeit zur Erforschung der Frage, wie die Alzheimer-Neuropathologie die kognitive Funktion beeinträchtigt. Dr. Marsel Mesulam und Kollegen
 

Patienten mit PPA hatten zudem bei 2 Faktoren, die eng mit der Alzheimer-Krankheit verbunden sind, eine signifikant niedrigere Prävalenz als typische Alzheimer-Patienten: TDP-43 (TAR-DNA-bindendes Protein 43kDa) und APOE ε4 (Apolipoprotein E).

Für die Autoren heißt das: „Das PPA-Alzheimer-Syndrom bietet eine einzigartige Möglichkeit zur Erforschung der Frage, wie die Alzheimer-Neuropathologie die kognitive Funktion beeinträchtigt.“

„Der Erhalt der Kognition ist der Heilige Gral“

In einem begleitenden Editorial äußern sich Dr. Seyed Ahmad Sajjadi, University of California in Irvine, Dr. Sharon Ash, University of Pennsylvania in Philadelphia, und Dr. Stefano Cappa, University School for Advanced Studies im italienischen Pavia, so [2]: Die Ergebnisse hätten bedeutsame Implikationen, „da letztlich der Erhalt der Kognition der Heilige Gral der Forschung auf diesem Gebiet ist.“

Sie weisen darauf hin, dass die aktuellen Beobachtungen „eine Entkopplung von Neurodegeneration und Pathologie“ bei Patienten mit Alzheimer vom PPA-Typ implizierten und fügten hinzu: „Man kann daraus schließen, dass die Neurodegeneration und nicht das bloße Vorliegen der pathologischen Veränderungen das ist, was mit der klinischen Präsentation bei diesen Patienten korreliert.“

Die Autoren weisen auch darauf hin, dass die Studie einige Beschränkungen hat: Die Stichprobengröße sei relativ klein, nicht alle Patienten mit einer Alzheimer-Krankheit vom PPA-Typ wurden obduziert, MRT-Befunde waren nur für die Aphasie-Gruppe verfügbar und die beiden Gruppen wurden über unterschiedliche Gedächtnistests miteinander verglichen.

Allerdings liefere diese Studie „wichtige Erkenntnisse über die möglichen Gründe für die unterschiedliche Anfälligkeit des neuronalen Substrats des Gedächtnisses bei Menschen mit verschiedenen klinischen Alzheimer-Bildern“.

Dieser Artikel wurde von Markus Vieten aus www.medscape.com übersetzt und adaptiert.

 

Kommentar

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