Gefährliche „Querdenken“-Demos: Vermutlich bis zu 21.000 zusätzliche SARS-CoV-2-Infektionen durch 2 Großveranstaltungen

Dr. Thomas Kron

Interessenkonflikte

16. Februar 2021

Die „Querdenken“-Demonstrationen im November 2020 haben dazu beigetragen, dass sich SARS-CoV-2 innerhalb Deutschlands stark verbreitet hat. Mögliche Gründe sind der fehlende Abstand und der Verzicht auf Schutzmasken. Ohne solche Veranstaltungen hätte man viele Infektionen vermeiden können, schlussfolgern Wissenschaftler um Dr. Martin Lange vom ZEW – Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung. Sie haben Auswirkungen zweier Kundgebungen analysiert [1].

Allein in Deutschland 10% „Leugner“

Zum Hintergrund: Die COVID-19-Pandemie wird, wie frühere Pandemien auch, seit Beginn von Gerüchten und Verschwörungstheorien begleitet. Einige Menschen halten die Bedrohung für nicht so groß wie von Wissenschaftlern und Politikern behauptet; manche Bürger leugnen sogar die Existenz des Virus selbst. Bei einer Umfrage im vergangenen Jahr sagten 13% aller befragten US-Einwohner, dass das neue Coronavirus wahrscheinlich oder definitiv nicht existiere. In Frankreich und Deutschland werde der Anteil der „Leugner“ auf rund 10% geschätzt, schreiben die Studien-Autoren.

Um herauszufinden, ob solche Überzeugungen und daraus resultierende Verhaltensweisen das Infektionsgeschehen beeinflussen, haben Wissenschaftler das Infektionsgeschehen speziell in Landkreisen untersucht, aus denen zehntausende Demonstranten zu „Querdenken“-Kundgebungen am 7. November 2020 nach Leipzig und am 18. November 2020 nach Berlin angereist waren. Um diese Orte zu bestimmen, wurden Informationen über das Angebot von Reisen eines Netzwerks von Busunternehmen genutzt, das sich seit Sommer 2020 auf die Beförderung von Demonstranten zu den „Querdenken“-Kundgebungen spezialisiert hat.

Bei den so genannten „Querdenkern“ handelt es sich um eine heterogene Gruppe von Personen, deren offizielles Ziel die uneingeschränkte Wiederherstellung eingeschränkter Grundrechte ist. Charakteristisch für diese neue Bewegung sei „eine starke Entfremdung von den Institutionen des politischen Systems, den etablierten Medien und – zumindest für Deutschland – den alten Volksparteien“, schreiben Forscher der Universität Basel unter Leitung von Prof. Dr. Oliver Nachtwey.

Sie haben für ihre Studie „Politische Soziologie der Corona-Proteste“ Protestveranstaltungen in Deutschland und in der Schweiz untersucht. „Querdenker“ seien weder ausgesprochen fremden- noch islamfeindlich, in einigen wenigen Bereichen sogar eher anti-autoritär und der Anthroposophie zugeneigt, schreiben Nachtwey und Kollegen. Ein Großteil wolle die Alternativmedizin der Schulmedizin gleichstellen, natürlicher leben und stärker auf ganzheitliches und spirituelles Denken setzen. Doch solche Demos bleiben nicht ohne gesundheitliche Folgen.

Ohne Demos bis zu 21.000 Infektionen weniger

Wissenschaftler um Lange fanden heraus, dass die 7-Tages-Inzidenz nach Demonstrationen in Landkreisen mit Busverbindung zu „Querdenken“-Veranstaltungen deutlich stärker angestiegen ist als in vergleichbaren Regionen ohne diesen Transfer – teilweise um den Faktor 40. Bis Weihnachten hätten zwischen 16.000 und 21.000 Infektionen mit SARS-CoV-2 hätten verhindert werden können, wären beide großen „Querdenker“-Kundgebungen abgesagt worden. 

Langes Analyse quantifiziert erstmals den Zielkonflikt zwischen der Einschränkung von Freiheitsrechten und gesundheitspolitischen Maßnahmen zum Infektionsschutz. Das individuelle Verhalten – wenn Personen beispielsweise entgegen der geltenden Regeln keine Mund-Nasen-Bedeckung tragen oder Abstandsregeln missachten – hat laut Untersuchung große Auswirkungen auf die öffentliche Gesundheit. „Eine mobile Minderheit, die sich nicht an geltende Hygieneregeln hält, kann so ein erhebliches Risiko für andere Personen darstellen“, betont Lange.

 
Eine mobile Minderheit, die sich nicht an geltende Hygieneregeln hält, kann so ein erhebliches Risiko für andere Personen darstellen. Dr. Martin Lange
 

Mangelndes Vertrauen in Institutionen

Wissenschaftler gingen auch der Frage nach, warum manche Menschen die Gefährlichkeit oder gar die Existenz des Virus leugnen. Als möglichen Grund nennen sie mangelndes Vertrauen in Institutionen, etwa in Ministerien, in Behörden oder in wissenschaftliche Einrichtungen. COVID-19-Leugner vertrauten der Bundesregierung, der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel und Wissenschaftlern im Allgemeinen weniger als andere Menschen, schreiben die Autoren.

Außerdem nutzen diese Menschen vermutlich seltener herkömmliche Medien wie öffentliches Fernsehen, Radio oder Zeitungen, wenn sie Informationen über das neuartige Coronavirus suchen. „COVID-19-Leugner scheinen sich von „Mainstream-Medien“ abgewandt zu haben“, heißt es im Diskussionspapier.

Zusammenfassend dokumentiere die Studie, dass eine radikale Minderheit ein erhebliches Risiko für die gesamte Bevölkerung darstellen könne, konstatieren die Autoren. Angesichts der schwerwiegenden negativen Folgen für die öffentliche Gesundheit sollten politische Entscheidungsträger besser auf solche Zusammenhänge achten. Zum Schutz der Gesundheit der Bürger sei es sinnvoll, das Vertrauen in Institutionen, politische Entscheidungsträger und wissenschaftliche Erkenntnisse stärker zu fördern.

Dieser Artikel ist im Original erschienen auf Univadis.de

 

Kommentar

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