Die Rate an Suiziden und Suizidabsichten in Zeiten von Pandemie und Lockdown bleibt hinter den Befürchtungen zurück

Dr. Jürgen Sartorius

Interessenkonflikte

16. Februar 2021

2 Research Letters aus USA lassen aufhorchen: Es wurden im letzten Jahr weniger Suizide und Internet-Recherchen zum Thema Suizid verzeichnet. Die Bedrohung und die Einschränkungen durch COVID-19 scheinen somit keinen negativen Effekt auf Suizidabsichten in der Bevölkerung zu haben.

„Diese Fragen interessieren uns in Deutschland natürlich auch sehr“, sagt dazu Dr. rer. nat. Dipl.-Psych. Dietrich Munz, Präsident der Bundespsychotherapeutenkammer. „Aber leider haben wir noch keine harten Daten zu diesen Themen.“

Dr. rer. nat. Dipl.-Psych. Dietrich Munz

Der eine Bericht in JAMA Network zeigt die Suizidrate in Massachusetts von Januar 2015 bis Mai 2020 [1]. Die Rate zwischen März und Mai 2020 lag bei 0,67 (0,56 bis 0,79 im 95% KI) und damit unter derjenigen von März bis Mai 2019 mit 0,80 (0,68 bis 0,93 im 95% KI), jeweils pro 100.000 Personen. Die Zahlen zeigten sich somit durch die Pandemie-bedingten erzwungenen sozialen Distanzierungen im Vergleich zu den entsprechenden Perioden der Jahre 2015 bis 2019 nicht erhöht, sondern sogar tendenziell niedriger.

 
Bisher haben wir weder von Kollegen noch aus Notfallstationen etwaige Hinweise auf eine Zunahme der Suizidrate. Dr. rer. nat. Dipl.-Psych. Dietrich Munz
 

„Diese Ergebnisse entsprechen auch unseren Erfahrungen“, bestätigt Munz. „Bisher haben wir weder von Kollegen noch aus Notfallstationen etwaige Hinweise auf eine Zunahme der Suizidrate.“

Soziale Botschaften in den Medien fangen Ängste der Menschen auf

Als Gründe dafür diskutieren die Autoren um Dr. Jeremy S. Faust, Notfallmediziner an der Harvard Medical School in Boston, USA, dass es besonders in den ersten Wochen der Isolationsperiode zahlreiche Initiativen im TV und Internet gab, die sich mit Themen zum Umgang mit der Isolation, Einsamkeit und Verzweiflung auseinandersetzten und staatliche Hilfsmaßnahmen ankündigten. Außerdem bemerken sie, dass auch bei Ereignissen wie Erdbeben, Feuersbrünsten oder Überflutungen, die viele Menschen gleichermaßen betreffen, oft ebenfalls keine direkte Erhöhung der Suizide beobachtet wurden.

„Wir Menschen sind sozialen Wesen. Gefühle von Zusammengehörigkeit können Angst und Verzweiflung auffangen. Wer sich in sozialen Beziehungen aufgehoben fühlt, ist auch resilienter gegenüber Suizidgedanken“, erläutert Munz.

 
Es ist wirklich zu befürchten, dass die Resilienzkräfte vieler Menschen nachlassen, wenn kein Ende der sozialen Isolation absehbar ist und zu frühe Hoffnungen auf Normalisierung zerstört werden. Dr. rer. nat. Dipl.-Psych. Dietrich Munz
 

Die ausgewerteten Daten reichen allerdings nur bis Ende Mai 2020, so dass über Langzeitauswirkungen keine Aussagen gemacht werden können. Hier sieht Munz eine konkrete Gefahr: „Es ist wirklich zu befürchten, dass die Resilienzkräfte vieler Menschen nachlassen, wenn kein Ende der sozialen Isolation absehbar ist und zu frühe Hoffnungen auf Normalisierung zerstört werden.“

Suizidabsichten aus Aufrufen relevanter Internetseiten ermittelt

In einem zweiten Bericht derselben Ausgabe von JAMA Network stellen die Autoren um Dr.John W. Ayers, Epidemiologe an der University of California, San Diego, USA, eine Studie vor, in der Google-Suchen gezählt wurden, die mit Suizidabsichten korrelieren könnten [2]. Hier stieg die Anzahl dieser Aufrufe durch COVID-19 bedingte Einschränkungen nicht an.

Das Team wertete die wöchentliche Anzahl der Aufrufe 20 verschiedener Seiten, die auch schon in früheren Studien mit Suizid in Verbindung gebracht wurden, von Juli 2019 bis Juli 2020 aus. Nach der 2. Märzwoche, in der der damalige US-Präsident den nationalen Notstand wegen COVID-19 ausrief, blieb die erwartete Steigerung der Anfragen in der Suchmaschine Google aus.

Dieses Verhältnis hatten die Autoren aus der 1. Januar- bis zur 1. Märzwoche mit dem Vergleich zur 2. März- bis 2. Juliwoche aus kumulativen Zahlen der Klicks auf Google errechnet. Danach sanken die Suchen nach Suizid-Themen in den 18 Wochen nach Beginn der Isolation sogar um 22% (18 bis 26% in 95% KI), in ganz USA etwa 80.000 Suchen weniger als erwartet.

In ihrer Diskussion vergleichen die Autoren ihre Ergebnisse mit einem sogenannten „Pulling-together-Effekt“, also die Kommunikation der Botschaft „Wir stehen zusammen und ziehen an einem Strang“, wie sie auch nach dem Anschlag auf das World Trade Center am 11. September 2001 in den US-Medien verbreitet wurde. Damals sei ebenfalls ein Rückgang der Suizid-Gedanken beobachtet worden.

Bisher besser als erwartet – aber die Zukunft wird unsicher

„Die Medien bieten heute eine Fülle von Informationen, die Gefühle des sozialen Zusammenhalts stärken können“, bestätigt Munz. „Wir müssen aber auch sehen, dass viele Präsenz-Angebote wie Arztbesuche, therapeutische Gespräche oder Selbsthilfegruppen nicht mehr oder sehr viel weniger angenommen werden können. Besonders für die seelische Gesundheit psychisch bereits labiler Menschen stellt dies ein – meines Erachtens wachsendes – Risiko dar, je länger der Lockdown andauert.“

 
Der Umkehrschluss, also zu sagen, man könnte die psychische Belastung der Bedrohung durch die Pandemie außer Acht lassen, ist allerdings falsch. Dr. rer. nat. Dipl.-Psych. Dietrich Munz
 

Ayers und seine Kollegen kündigen die weitere Beobachtung der Internet-Suchen für den langfristigen Verlauf der Corona-Pandemie zum Thema Suizid an. Darüber hinaus fordern sie Ärzte und Gesundheitsbehörden auf, entsprechende Analysen auch in anderen Staaten – unter Zuhilfenahme entsprechender Quellen aus dem Internet – durchzuführen und politische Entscheider auf ihre die Ergebnisse aufmerksam zu machen.

„Auch unsere Kammern sammeln selbstverständlich Daten, um Zusammenhänge zwischen dem Lockdown und psychischen Problemen der Menschen zu dokumentieren“, resümiert Munz. „Es ist erfreulich, dass es bisher offensichtlich nicht zu vermehrten Suizidgedanken gekommen ist. Der Umkehrschluss, also zu sagen, man könnte die psychische Belastung der Bedrohung durch die Pandemie außer Acht lassen, ist allerdings falsch. Gerade in den letzten Wochen werden Klagen von Jugendlichen häufiger, die auf eine große Hoffnungslosigkeit durch Isolation und Verlust von Perspektiven für Ausbildung und Beruf schließen lassen.“
 

Kommentar

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