„Nicht zurück ins Hamsterrad des geschürten Wettbewerbs“: Wie Internisten aus der Corona-Krise lernen wollen

Bettina Micka

Interessenkonflikte

15. Februar 2021

Das Gesundheitssystem war schon zuvor ein „Risikopatient“ und nun ist es auch noch an COVID-19 erkrankt. Doch die Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) will darin eine Chance sehen und „Von der Krise lernen“ – das hat sie sich auf die Fahnen geschrieben und es auch zum Motto ihres bevorstehenden Kongresses gemacht. Auf der Jahrespressekonferenz der DGIM erläuterten die Internisten, wie das gehen könnte [1].

Geld für Gesundheitsleistungen wird knapper

Prof. Dr. Sebastian M. Schellong, Vorsitzender der DGIM 2020/2021 und Chefarzt der II. Medizinischen Klinik am Städtischen Klinikum Dresden, stellte klar, dass sich die Rahmenbedingungen des Gesundheitswesens nach dem Ende der Krise verändern werden. Durch den wirtschaftlichen Rückgang werde die Grundlohnsumme in Deutschland sinken und damit die Beiträge zur Krankenversicherung, sagt er voraus.

Prof. Dr. Sebastian M. Schellong © DGIM

Dies könne nicht dadurch ausgeglichen werden, dass die Beitragssätze der verbliebenen sozialversicherungspflichtigen Einkommen angehoben werden. Und angesichts sinkender Steuereinnahmen und eines erhöhten Schuldenstandes sei nicht zu erwarten, dass die öffentliche Hand diese Defizite kompensieren könne – oder wolle, so der Dresdener Angiologe.

 
Dass die Ressourcen nach der Pandemie weniger werden, ist klar. Daran muss sich auch das Leistungsaufkommen orientieren. Prof. Dr. Sebastian M. Schellong
 

Der Versuch, die Leistungen in vollem Umfang zu erhalten – und das bei geringeren Kosten – sei die am wenigsten nachhaltige Reaktion. Zukunftsfähiger sei es dagegen, wenn sich die Akteure in der Medizin damit auseinandersetzen, wie Art und Umfang der Leistungen in Klinik und Arztpraxis an die zur Verfügung stehenden Mittel angepasst werden könnten. Hierfür könnten die Erfahrungen während der Pandemie einen wesentlichen Beitrag leisten. „Dass die Ressourcen nach der Pandemie weniger werden, ist klar. Daran muss sich auch das Leistungsaufkommen orientieren“, machte Schellong deutlich.

Gesundheitsversorgung in der Pandemie auf Sparflamme

Um die COVID-19-Patienten versorgen zu können, haben Krankenhäuser Leistungen um bis zu 50% zurückgefahren. Stationen wurden umgewidmet, ganze Abteilungen geschlossen und es gab wesentlich weniger elektive Eingriffe.

Der größte Engpass in den meisten Kliniken war und ist die Pflege. Immer wieder erkranken Mitarbeiter selbst. Durch die schon vor der Pandemie eingeführten Personaluntergrenzen müssen dann Bereiche geschlossen werden, weil die notwenige Zahl der Pflegenden nicht zur Verfügung steht.

Doch nicht nur das Angebot an medizinischen Leistungen ging zurück, auch die Nachfrage sank erheblich. So kamen circa 30% weniger Patienten mit Herzinfarkt oder Schlaganfall zur stationären Aufnahme. Auch die Besuche bei Niedergelassenen, insbesondere Fachärzten, gingen in vergleichbarem Umfang zurück.

Chance für die Priorisierung von Leistungen

Diese Situation begreift die DGIM nun als Chance, Überversorgung abzubauen und gleichzeitig Behandlungsqualität bewahren: „Nun sollte evaluiert werden: Wo ist Patienten ein Schaden entstanden, dadurch dass Leistungen nicht erbracht wurden, und wo ist dieser Schaden nicht aufgetreten? Möglicherweise sind so Patienten durch Checkup-Untersuchungen, die sie nicht wahrgenommen haben, ganze diagnostische Kaskaden erspart geblieben“, gab Schellong zu bedenken. Auch müsse analysiert werden, nach welchen Kriterien die Krankenhäuser ihre Leistungen zurückgefahren hätten.

In diesem Prozess einer begleitende Versorgungsforschung sieht Schellong vor allem die Krankenkassen und Fachgesellschaften als Akteure. Anhand der Abrechnungsdaten könne erfasst werden, welche Untersuchungen zurückgegangen seien und dies könne dann ins Verhältnis zum Outcome gesetzt werden.

 
Möglicherweise sind so Patienten durch Checkup-Untersuchungen, die sie nicht wahrgenommen haben, ganze diagnostische Kaskaden erspart geblieben. Prof. Dr. Sebastian M. Schellong
 

Die Ergebnisse der Begleitforschung könnten äußerst hilfreich bei der Umsetzung der bereits vor der Krise begonnenen, notwendigen Strukturveränderungen des Gesundheitswesens sein, wie etwa die flächendeckende Anwendung von Pflegepersonal-Untergrenzen, die Ausweitung solcher Untergrenzen auch auf ärztliches Personal, die Neuordnung der Krankenhauslandschaft und die bessere Verzahnung von ambulanter und stationärer Versorgung über die Sektorengrenzen hinweg.

Die Fokussierung auf höher priorisierte Leistungen und der Verzicht auf niedrig priorisierte („low value medicine“) sei in der Lage, die begrenzten Ressourcen dorthin zu lenken, wo sie für eine hohe Qualität der medizinischen Leistungen benötigt werden, so Schellong.

Die DGIM hatte bereits lange vor der Pandemie begonnen, als Teil ihrer „Klug-Entscheiden“-Initiative evidenzbasierte Negativempfehlungen für bestimmte diagnostische oder therapeutische Prozeduren zu erarbeiten. Das Projekt, Leistungen zu priorisieren, hatte aber bisher kein großes Gehör gefunden, wie Schellong darlegte. Jedoch: „Jetzt waren sowohl Patienten als auch Leistungserbringer in kurzer Zeit in der Lage, das zu machen.“

 
Das Falscheste wäre, jetzt alles wieder hochzufahren, sich wieder in das Hamsterrad des geschürten Wettbewerbs der Leistungserbringer zu begeben. Prof. Dr. Sebastian M. Schellong
 

„Das Falscheste wäre, jetzt alles wieder hochzufahren, sich wieder in das Hamsterrad des geschürten Wettbewerbs der Leistungserbringer zu begeben“, betonte Schellong. Dies bedeute allerdings auch: „Ärzte müssen bereit sein, mehr Planung zu akzeptieren – auch wenn das vielleicht zunächst keine so frohe Botschaft ist. Aber je mehr sie daran mitgestalten … desto besser wird es gelingen.“

Rückenwind für den Facharzt für Infektiologie

Auch eine weitere Forderung der DGIM erhält durch die Pandemie Rückenwind: die Einführung eines Facharztes für Infektiologie. Nach der HIV- sei die Corona-Pandemie ein weiteres Signal, dass Infektionserkrankungen keinesfalls überwunden sind, sondern stattdessen eine sich rasch wandelnde Herausforderung darstellten, konstatierte Prof. Dr. Bernd Salzberger, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Infektiologie (DGI). Dies erfordere eine klinische Spezialisierung durch intensive fachspezifische Weiterbildung.

„Ich hoffe, dass in diesem Jahr darüber entschieden wird“, sagte Salzberger, der Leiter der Infektiologie am Universitätsklinikum Regensburg ist. Das Curriculum jedenfalls steht. „Mit dem Facharzt kommen dann hoffentlich auch bessere Karrierechancen für junge Infektiologen.“

Prof. Dr. Bernd Salzberger © UKR

Die 1-jährige Zusatzweiterbildung Infektiologie, die es bereits gibt, soll weiterhin bestehen bleiben, um „die Breite abzudecken“, wie Salzberger sagte. Der Facharzt solle hingegen die „größere Tiefe“ haben. Er wird sich vor allem um die komplizierten Infektionen kümmern – um Prophylaxe und Präventionsmaßnahmen, die über das hinausgehen, was in anderen Fachgebieten bereits etabliert ist.

Dies wären etwa die Prävention, Prophylaxe und Therapie von opportunistischen Infektionen wie CMV-Infektionen nach Organ- oder Stammzelltransplantationen oder Biologika-Therapie. Hierfür sei Spezialwissen und -erfahrung notwendig.

 

Kommentar

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