SARS-CoV-2: Nicht nur an die PCR denken. Welche Chancen Antigen-Schnelltests bieten – und wo ihre Grenzen liegen

Michael van den Heuvel

Interessenkonflikte

5. Februar 2021

Erste Lichtblicke bei der SARS-CoV-2-Pandemie in Deutschland: „Die Zahlen sind ermutigend, es gibt bei den Neuinfektionen einen spürbaren Trend nach unten“, sagt Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU). „Aber man kann noch nicht abschließend sagen, wo wir am 14. Februar stehen.“ Das Vorgehen an diesem Termin, wenn die derzeitigen Vorgaben enden, wird beim nächsten Bund-Länder-Treffen ein zentrales Thema sein. Wird es Lockerungen geben? Mehrere Ministerpräsidenten denken darüber nach, Schulen sukzessive zu öffnen – vielleicht zusammen mit regelmäßigen Testungen vor Ort. Schnelltests dürfen seit 3. Februar auch an Laien abgegeben werden.

Doch wie gelingt es, vor allem angesichts neuer SARS-CoV-2-Varianten das Infektionsgeschehen zu überwachen? Und welchen Platz haben Antigen-Schnelltests im Gesamtkonzept? Darüber sprachen Experten bei einem Pressebriefing des Science Media Center Germany [1].

Schnelltests: Nicht nur an die Sensitivität und die Spezifität denken

„Seit März 2020 hat das BfArM eine Liste mit Antigen-Schnelltests veröffentlicht“, berichtet PD Dr. Claudia Denkinger, Leiterin der Sektion Klinische Tropenmedizin mit Schwerpunkt Innere Medizin, Infektiologie und Tropenmedizin, am Universitätsklinikum Heidelberg. Die Zusammenstellung basiert jedoch auf Herstellerangaben; eine unabhängige Evaluation der Tests unter Praxisbedingungen stehe aus, sei aber wichtig.

„Wir haben eine Studie gemacht und Personen gebeten, selbst Schnelltests durchzuführen“, berichtete Denkinger. Bei 39 aller 289 Teilnehmer (13,5%) zeigte die PCR-Testung einen Infekt mit SARS-CoV-2. Bei 31 von ihnen (knapp 80%) schlug auch der Antigen-Schnelltest an, wenn die Probe nach Anleitung tief aus der Nase entnommen wurde. Der Selbstabstrich aus der vorderen Nase lieferte bei 29 von den Infizierten (rund 74%) das korrekte Ergebnis.

„Dabei haben wir gesehen, dass Tests – wenn auch mit Fehlern – selbst durchführbar sind“, sagt die Ärztin. Möglich sei dies nach einmaliger Anleitung durch medizinisches Personal gewesen.

Wie sie betont, sei es wichtig, bei Antigen-Schnelltests neben der Sensitivität und Spezifität auch die Gebrauchstauglichkeit, sprich Usability, zu evaluieren. Und Kommunikation erweise sich als zentrales Thema, denn man müsse Personen ohne Vorerfahrungen geeignete Instruktionen an die Hand geben. Schnelltests in Patientenhand hätten aber „Potenzial“, so ihre Einschätzung.

Antigen-Schnelltests in Laienhand

Dennoch gibt es offene Fragen zu diesen Heimtests. „Was sind die Konsequenzen? Ist bei positivem Ergebnis ein PCR-Test nachzuschalten?“, fragt Prof. Dr. Dr. Tobias Kurth, Direktor des Instituts für Public Health an der Charité – Universitätsmedizin Berlin.

„Negative Ergebnisse vermitteln das Gefühl, es sei alles gut, und es werden keine Konsequenzen gezogen“, befürchtet Prof. Dr. Florian Klein, Direktor des Instituts für Virologie an der Uniklinik Köln. Deshalb sei die Kommunikation hier ganz entscheidend.

Denkinger fordert, Menschen aufzuklären, wie wichtig es sei, sich bei einem positiven Ergebnis zu isolieren. Sie bringt eine Idee aus Südkorea ins Gespräch: Gesundheitsbehörden haben dort für Bürger niedrigschwellige Angebote entwickelt. Interessierte können sich auf Marktplätzen testen lassen – und zwar anonym. Dort erhalten sie auch Informationen, was bei positiven Resultaten zu beachten ist.

Es muss nicht immer die PCR sein

Noch ein Blick auf unterschiedliche Teststrategien. „Wir sollten uns überlegen, welchen Test wir in welcher Situation einsetzen“, so Klein. PCR-Tests seien bekanntlich der Goldstandard, doch es dauert, bis Ergebnisse vorliegen und übermittelt werden. „In der Pandemie-Kontrolle ist aber auch die Geschwindigkeit entscheidend“, sagt der Experte. „Antigen-Tests jedoch lassen sich schnell und ohne viele Geräte vor Ort durchführen.“

Er berichtet von eigenen Untersuchungen aus Köln. Ärzte haben bei rund 2.000 Probanden parallel Antigen- und PCR-Tests verglichen. Nur bei 50% aller positiven Tests sprachen beide Systeme an; die PCR ist eben empfindlicher. Sie erkennt auch SARS-CoV-2-positive Patienten, die möglicherweise nicht mehr Infektiös sind.

Dennoch hätten Antigen-Tests, so Klein, ihre Berechtigung, etwa, um Personen mit hoher Viruslast – und damit hohem Übertragungsrisiko – zu erkennen. Hier seien die Schnelltests zuverlässig.

Als Beispiel zum Einsatz nennt der Experte das Kölner Uniklinikum. „Zwar gibt es bei jedem Patienten bei der Aufnahme ein PCR-Screening“, berichtet Klein. „Aber in manchen Situationen wie beim Kreißsaal der Frauenklinik brauchen wir sehr schnell Ergebnisse.“ Pflegeheime seien ein weiteres denkbares Setting, wobei man dort trotz negativer Tests natürlich auch weiter bekannte Vorsichtsmaßnahmen beachten müsse.

Surveillance-Systeme ausbauen

Die anwesenden Experten waren sich darin einig, dass neue Varianten von SARS-CoV-2 besonders engmaschig zu überwachen sind. „Wir brauchen mehr Einblicke auf Bevölkerungsebene“, sagte Kurth. „Wir müssen regelmäßiger testeten (…), auch bei Patienten mit asymptomatischem Verlauf.“

Klein untersucht das Auftreten neuer Varianten seit mehreren Wochen in Köln. Um Zeit zu sparen, arbeitet er nicht mit Sequenzanalysen, sondern mit speziellen PCR-Markern. Die B.1.1.7-Mutante wurde dabei bei 5,96% aller positiven Proben nachgewiesen, während B.1.351 bei 3,0% detektiert wurde. Sequenzanalysen, die viel länger brauchen, kämen dann zu spät, um daraus weitere Maßnahmen abzuleiten, etwa durch Gesundheitsämter, gab Klein zu bedenken.

Mehr PCR-Tests mit solchen Mutationsmarkern wären in der Praxis durchaus möglich. Deutschland hat seine Obergrenze bei Laboruntersuchungen längst nicht erreicht. Laut Daten der Akkreditierten Labore in der Medizin (ALM) wurden bundesweit in Kalenderwoche 4 genau 981.404 PCR-Tests durchgeführt. Die Kapazität lag zuletzt rund doppelt so hoch bei 1.912.242 Tests.

 

Kommentar

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