Sind Kita- und Grundschulschließungen obsolet? Forscher sagen ja – doch regionale Ausbrüche stoppen Lockerungen

Dr. Jürgen Sartorius

Interessenkonflikte

29. Januar 2021

Die Schließung von Kindertagesstätten und Schulen, vor allem Grundschulen, gehört zu den meistdiskutierten Maßnahmen zur Eindämmung der SARS-CoV-2-Panemie. In Baden-Württemberg wurden währen der 1. Welle Daten von 2.482 Kindern im Alter von 1 bis 10 Jahren und einem ihrer Elternteile erhoben. Laut Auswertung war die Seroprävalenz bei Kindern mit 0,6% nicht nur insgesamt sehr gering, sondern auch 3-mal geringer war als bei deren Eltern (1,8%).

Die Gruppe um Prof. Dr. Burkhard Tönshoff vom Kinderkrankenhaus der Universität Heidelberg testete alle Kinder der Kohorte, sie waren 1 bis 10 Jahre alt (Durchschnitt 6 Jahre) und jeweils 1 Elternteil (23 bis 66, im Durchschnitt 40 Jahre), zumeist handelte es sich um Mütter. Ärzte untersuchten Nasenabstriche per Reverse Transkriptase-PCR auf SARS-CoV-2. Hinzu kamen 2 verschiedene immunologische Bluttests, um überstandene Infektionen nachzuweisen. Die Ergebnisse dieser Studie wurden nun in JAMA Pediatrics veröffentlicht [1]

Eltern häufiger infiziert als ihre Grundschul- und Kitakinder

In der Studienperiode von März bis Mai 2020 wiesen lediglich 2 Personen, ein Kind und seine Mutter, einen positiven PCR-Test auf (0,04%). Auch die Seroprävalenz lag mit 0,6% bei den Kindern und 1,8% bei den Erwachsenen auf einem niedrigen Niveau.

Dabei trat die Kombination von einem seropositiven Elternteil und einem seronegativen Kind der gleichen Familie 4,3-mal häufiger auf (34 Fälle) als die Kombination von einem seronegativen Elternteil und einem seropositiven Kind (8 Fälle). Die Mehrheit der erwachsenen infizierten Studienteilnehmer schien sich also nicht bei ihren Kindern angesteckt zu haben.

Um die mögliche Seroprävalenz eindeutig nachzuweisen, wurden alle Blutproben sowohl einem ELISA-Test von Euroimmun, Roche Elecsys oder Microgen recomWell gegen das Spike1-Protein des Virus als auch einem Immuno-Fluoreszenztest auf SARS-CoV-2-infizierte VeroE6-Zellen unterzogen. Bei unklaren Ergebnissen wurden die Tests wiederholt oder weitere ergänzende Tests durchgeführt. 66 der insgesamt 70 IgG-positiven Proben zeigten eine Virus-neutralisierende Aktivität.

Kinder wurden in Tagesstätten oder Grundschulen aus Heidelberg (27%), Ulm (28%), Tübingen (24%), und Freiburg (21%) rekrutiert. Ein signifikanter Unterschied der Altersgruppen 1-5 und 6-10 Jahre ergab sich in der Analyse nicht – selbst dann nicht, wenn Kinder während des Lockdowns zu Hause oder bei der Tagesbetreuung waren.

Außerdem befragten die Forscher alle Teilnehmer, ob es in jüngerer Vergangenheit zu Fieber, Husten, Geschmacksstörungen oder Durchfall gekommen war. Unterschiede zwischen seropositiv und seronegativ getesteten Kindern gab es – anders als bei den Eltern – jedoch nicht.

Infektionsrisiko scheint durch Grundschule oder Kita nicht zu steigen

Die Autoren ziehen aus den insgesamt geringen Infektionszahlen den Schluss, dass von Kindern im Alter bis zu 10 Jahren nur ein geringes Risiko einer Infektion mit SARS-CoV-2 für Erwachsene ausgeht. Diese könnten deshalb nicht mit der Ausbreitung der COVID-19-Pandemie in Verbindung gebracht werden.

Aufgrund der geringen Fallzahlen konnten allerdings keine Aussagen darüber gemacht werden, mit welcher Häufigkeit einzelne Kinder, die an COVID-19 erkrankt sind, die Infektion innerhalb ihrer Altersgruppe oder innerhalb der Familie weitergeben.

In seinem Editorial zu dieser Publikation unterstreicht Prof. Dr. Sean T. O´Leary vom Children`s Hospital, University of Colorado, Aurora, den Wert dieser großen Cross-sektionalen Studie aus der ersten Welle der Corona-Pandemie, die das heutige Wissen bestätige [2]. Er geht sogar noch einen Schritt weiter und erklärt, dass zum jetzigen Zeitpunkt die Öffnung von Grundschulen und Kindertagesstätten vorangetrieben werden müsse – ein Schritt, den der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) eigentlich auch umsetzen wollte. Seine Pläne hat er allerdings vorerst auf Eis gelegt, nachdem sich in einer Dreiburger Kita 10 Kinder und 14 Erzieher mit SARS-CoV-2 infiziert hatten. Womöglich handelt es sich um Infektionen mit einer mutierten SARS-CoV-2-Variante.

Kommentar

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