Führt die britische SARS-CoV-2-Variante B.1.1.7 doch zu höherer Mortalität? Laut neuer Daten ja – doch es bleiben Zweifel

Michael van den Heuvel

Interessenkonflikte

26. Januar 2021

Eine höhere Mortalitätsrate durch die SARS-CoV-2-Variante B.1.1.7 – davor warnen Experten des NERVTAG (The New and Emerging Respiratory Virus Threats Advisory Group), eines Beratergremiums der britischen Regierung. Starben an der anfangs zirkulierenden Variante 10 von 1.000 Infizierten, seien es bei B.1.1.7 zwischen 13 und 14 Tote pro 1.000 Infektionen – jeweils bezogen auf die Gesamtmortalität. Die Mortalität unter stationärer Behandlung blieb gleich. Das berichten Forscher um Prof. Dr. Peter Horby, University of Oxford [1]. Sie haben verschiedene epidemiologische Daten ausgewertet.

„In allen 4 von der NERVTAG berücksichtigten Studien gab es nur 8% aller Todesfälle seit der Identifizierung der neuen Variante (…)“, kommentiert Dr. David Strain von der University of Exeter gegenüber dem britischen Science Media Centre (SMC). „In Regionen mit der niedrigsten Prävalenz der neuen Variante können 1 oder 2 Fälle jedoch einen großen Einfluss auf die Prozentsätze haben. Wir benötigen viel mehr Daten, bevor wir Schlussfolgerungen ziehen.“

Auch Prof. Dr. Julian Tang, Universität of Leicester, ist skeptisch: „Verschiedene Faktoren können die klinischen Gesamtergebnisse von COVID-19 beeinflussen, darunter ethnische Zugehörigkeit, Alter, Geschlecht, bereits bestehende Komorbiditäten sowie die zunehmende Belastung der NHS-Teams“, erklärt er gegenüber dem SCM. Die Interpretationen basierten auf einer geringen Zahl an Fällen, moniert auch er. Neue Daten könnten zu starken Abweichungen von der bisherigen Aussage führen.

 
Wir benötigen viel mehr Daten, bevor wir Schlussfolgerungen ziehen. Dr. David Strain
 

Der Forscher weist auf eine weitere mögliche Verzerrung hin: „Wir wissen, dass die Mortalität bei Menschen mit Komorbiditäten im Winter ohnehin erhöht ist – unabhängig vom Virus treten etwa bei Patienten mit Herzerkrankungen im Winter häufiger Exazerbationen auf, da die Kälte Anforderungen an das Herz stellt, die Herzinfarkte wahrscheinlicher machen.“ Tang ergänzt: „Dies bedeutet jedoch, dass es irreführend sein kann, eine erhöhte Mortalität bei COVID-19-Patienten nur diesem britischen Virus zuzuordnen, ohne die insgesamt erhöhte Wintermortalität zu berücksichtigen (…).“

Neue Variante gibt Anlass zur Besorgnis

Horby und seine Kollegen sehen dennoch Anlass zur Sorge. Die Mutation B.1.1.7 scheint bekanntlich im Vergleich zu anderen Varianten eine wesentlich höhere Übertragbarkeit aufzuweisen und hat sich schnell zur dominierenden Variante in weiten Teilen Großbritanniens entwickelt. Eine frühe Fall-Kontroll-Studie von Public Health England brachte zwar keine signifikanten Unterschiede beim Hospitalisierungs- oder Mortalitätsrisiko zu Tage. Mehrere neue Analysen kommen jedoch zu abweichenden Ergebnissen:

  • Die London School of Hygiene & Tropical Medicine gibt als relatives Risiko, innerhalb von 28 Tagen nach einem positiven Test auf SARS-CoV-2 zu sterben, für die Risikovariante im Vergleich zur früheren Variante 1,35 (95% KI 1,08-1,68) an.

  • Das Imperial College London nennt als Infektionssterblichkeit (case fatality rate) für die Risikovariante im Vergleich zur normalen Variante je nach Berechnungsmodell 1,36 (95% KI 1,18-1,56) bzw. 1,29 (95% KI: 1,07-1,54).

  • Weitere Daten kommen von der University of Exeter. Sie hat für die Risikovariante im Vergleich zur normalen Variante für die Mortalität sogar eine HR von 1,91 (95% KI 1,35-2,71) berechnet.

  • Public Health England gibt für die Risikovariante versus die normale Variante als Mortalitätsrisiko eine HR von 1,65 (95% KI 1,21-2,25) an.

Dennoch bleiben einige Schwächen. Wie die Autoren schreiben, seien einige Datensätze nicht repräsentativ. Diese enthielten weniger als 10% aller Todesfälle aufgrund von COVID-19. Verzerrungen bei der Erfassung von Fällen können sie nicht ausschließen.

Abweichende Beobachtungen machen die Thematik nicht einfacher. So haben Analysen von Daten hospitalisierter Patienten mit B.1.1.7 kein erhöhtes Sterberisiko ergeben, gemessen an der zuerst aufgetretenen Variante. Außerdem sind die Zeiträume von der Infektion bis zur Hospitalisierung und zum eventuellen Tod relativ groß. Sprich: Für abschließende Bewertungen ist es noch zu früh. Deshalb warten die Autoren auf weitere Daten, um bessere Aussagen zu treffen.

Klare Aufgaben für die Politik

„Trotz alledem ist die Botschaft der öffentlichen Gesundheit immer noch dieselbe“, resümiert Tang. „Wir sollten alle unsere sozialen Kontakte weiter reduzieren und versuchen, zu Hause zu bleiben, um die Ausbreitung des Virus zu verringern – während das Impfprogramm zum Schutz anläuft.“

Hier kommen weitere Fragen auf die Forschung zu. „Erste Untersuchungen zeigen, dass die im Virus-Spike-Protein gefundenen Mutationen die Reaktion von Antikörpern auf das Vorhandensein des Coronavirus nicht beeinflussen (…)“, berichtet Prof. Dr. Simon Clarke, University of Reading. „Wir wissen noch nicht, ob die Mutationen im Spike-Protein oder in anderen Teilen des Coronavirus die Fähigkeit von Antikörpern beeinflussen, das Virus zur Zerstörung durch weiße Blutkörperchen zu markieren. Wir wissen auch nicht, inwieweit die T-Zell-Immunität betroffen ist.“

 

Kommentar

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