Quarantäne verkürzen oder vermeiden: Tägliche Tests oder 7 Tage plus Abschluss-Test – was für diese Strategien spricht

Michael van den Heuvel

Interessenkonflikte

25. Januar 2021

Die Isolationszeit nach Kontakt mit einem bestätigten SARS-CoV-2-Fall könnte unter bestimmten Voraussetzungen auf 7 Tage verringert werden, ohne das Risiko einer Weiterverbreitung zu erhöhen, berichten Dr. Billy J. Quilt von der London School of Hygiene & Tropical Medicine und Kollegen in The Lancet Public Health[1]. Sie schlagen vor, dass Personen am 7. Tag entweder per PCR- oder per Lateral-Flow-Antigentest untersucht werden, um zu entscheiden, ob sie ihre Wohnung verlassen dürfen. Auch ein Modell ganz ohne Quarantäne nach einem Risikokontakt, dafür aber mit täglichen Tests, haben sie evaluiert.

„Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass diese Tests dazu beitragen könnten, Quarantänezeiten zu verkürzen, was wiederum die Adhärenz verbessern könnte“, sagt Prof. Dr. Sam Clifford, Koautor der Veröffentlichung und Mitglied der CMMID COVID-19-Arbeitsgruppe an der London School of Hygiene & Tropical Medicine. „In unserer Studie wurden die Kosten solcher Untersuchungen jedoch nicht bewertet und es sind weitere Studien erforderlich, um unsere Ergebnisse zu verifizieren“, schränkt Clifford ein.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO empfiehlt, dass Menschen nach Kontakt mit einer positiv auf SARS-CoV-2 getesteten Person 14 Tage lang in Quarantäne gehen sollten, was regional unterschiedlich umgesetzt wird. Einige Länder haben ihre offiziellen Richtlinien auf 7 Tage verringert – in der Hoffnung, dass sich mehr Bürger an die Vorgaben halten. Dazu gehören Frankreich und Belgien. Dennoch ist diese Strategie umstritten, weil wissenschaftliche Daten fehlen.

Simulation verschiedener Quarantänemodelle

Clifford und seine Koautoren arbeiten mit mathematischen Modellen, um die Auswirkungen verschiedener Quarantäne- und Teststrategien auf Virus-Transmissionen abzuschätzen. Grundlage ihrer Berechnung sind Daten von Public Health England und NHS England. Hinzu kamen Angaben über den Zeitpunkt erstmaliger Symptome, über die Empfindlichkeit von Tests und über die Rückverfolgbarkeit von Kontaktpersonen, bezogen auf Großbritannien.

Dem Modell zufolge bleiben nur 67% aller Menschen 14 Tage in Quarantäne, nachdem sie positiv getestet wurden oder Symptome von COVID-19 entwickelt haben. Nach Risikokontakten halten sich etwa 50% an gesetzliche Maßnahmen. Die Forscher nehmen an, dass eine Verzögerung von 3 Tagen zwischen positiven Tests und der Ermittlung von Kontaktpersonen gibt.

Basierend auf diesen Rahmenbedingungen schätzen Quilt und Kollegen, dass eine 14-tägige Quarantäne von Kontaktpersonen in 59% aller Fälle die weitere Transmission von SARS-CoV-2 unterbricht. Ähnliche Werte errechneten die Forscher bei 7-tägiger Quarantäne mit PCR- oder Lateral-Flow-Test (LFA) am letzten Tag, nämlich 54% bzw. 50%.

Sie untersuchten auch einen Ansatz ganz ohne Quarantäne – mit täglichen LFA-Tests für 5 Tage nach Risikokontakt. Dies führte laut Berechnungen in 50% aller Fälle zur Unterbrechung von Infektionsketten, falls die Personen nach Erhalt eines positiven Testergebnisses umgehend isoliert werden. Auch so könne man die 14-tägige Quarantäne vermeiden, heißt es im Artikel.

Quilts Modell sagt voraus, dass sogar 80% aller Transmissionen verhindert werden könnten, falls Menschen die empfohlene 14-tägige Selbstisolierung nach einem positiven Test perfekt einhalten, ihre engen Kontaktpersonen isoliert und verpflichtet werden, 5 Tage lang täglich einen LFA-Test durchzuführen. Ist der letzte Test negativ, dürfen sie ihre Wohnung wieder verlassen.

„Die Tests könnten helfen, Personen zu identifizieren, die nicht infiziert sind, damit sie frühzeitig aus der Quarantäne entlassen werden können“, so die Autoren. Sie bewerten jedoch weder Kosten noch erforderliche Kapazitäten für solche Strategien.

LFA-Tests oder PCR-Tests?

Die Forscher um Quilt weisen auf wichtige Unterschiede bei der Untersuchung hin. Bekanntlich sind PCR-Tests der Goldstandard. Sie führen zu wenigen falsch-positiven Ergebnissen, haben in Großbritannien aber einen Zeitverzug von bis zu 2 Tagen. Ihre hohe Sensitivität kann dazu führen, dass auch nicht mehr infektiöse Personen mit sehr niedriger Viruslast positiv getestet werden.  

Die schnelleren Lateral-Flow-Tests weisen Oberflächenproteine des SARS-CoV-2-Virus nach. Solche Assays liefern innerhalb von 15 bis 30 Minuten ein Ergebnis und sind wesentlich kostengünstiger als PCR-Tests. Studien zur Bewertung der Leistungsfähigkeit von LFA-Tests ergaben, dass 76,8% aller positiven COVID-19-Fälle erkannt wurden und dass LFA-Tests eine 95-prozentige Chance haben, Fälle mit hoher Viruslast zu entdecken, die wahrscheinlich am ansteckendsten sind.

Daten, die aus „Real World“-Bedingungen kommen, zeigen allerdings eine deutlich schlechtere Performance. Hier wurden – verglichen mit der PCR – nur 48,89% aller Infektionen erkannt. Unklar ist, wie viele der per LFT nicht erkannten Patienten eine ausreichend hohe Viruslast hatten, um andere Menschen zu infizieren. Weitere Untersuchungen seien erforderlich, um dies zu beurteilen, schreiben die Autoren.

 

Kommentar

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