Bluthochdruck erhöht das Risiko für schwere COVID-19-Verläufe – ACE-Hemmer könnten es senken

Dr. Nicola Siegmund-Schultze

Interessenkonflikte

22. Januar 2021

Bluthochdruck ist ein eigenständiger Risikofaktor für schwere COVID-19-Verläufe. COVID-19-Patienten mit Hypertonie und mit einer effektiven Behandlung des Bluthochdrucks durch ACE-Hemmer haben kein erhöhtes Risiko für schwere Verläufe. Dies ergab eine kürzlich in Nature Biotechnology veröffentlichte Studie [1].

Molekularbiologische und immunologische Analysen legen eine pathophysiologische Erklärung für die Assoziation nahe: Bei Hypertonie ist das Immunsystem voraktiviert. Diese Voraktivierung macht die Patienten für überschießende Entzündungsreaktionen empfindlicher. Eine Hyperinflammation ist für schwere Verläufe charakteristisch und therapeutisch häufig nicht mehr zu beeinflussen.

Das SARS-CoV-2-Virus bindet – ebenso wie das vor Jahren identifizierte SARS-CoV - an das Enzym ACE2 in der Membran der Wirtszelle und kann nach Wechselwirkung mit einem weiteren Enzym die Zelle entern. ACE2 gehört zum Renin–Angiotensin–Aldosteron-System (RAAS). Es reguliert den Blutdruck und löst Reparaturprozesse in den Blutgefäßen aus.

Nachdem ein deutsches Forscherteam im Frühjahr 2020 diesen Eintrittsmechanismus aufklärte und erste Studien Zusammenhänge zwischen kardiovaskulären Vorerkrankungen und schwerem COVID-19 aufzeigten, liegt ein Fokus der Forschung auf der Molekularpathophysiologie unter dem Aspekt von Hypertonie und kardiovaskulären Erkrankungen.

Kombinierte Studienform

Dr. Saskia Trump von der Berliner Charité und ihre Kollegen nahmen eine logistische Regressionsanalyse zur Bedeutung der Hypertonie bei COVID-19-Patienten mit nachgewiesener SARS-CoV-2-Infektion und mit gut dokumentiertem Verlauf vor. Sie untersuchten dafür 144 Patienten der Charité – Universitätsmedizin Berlin, davon 90 mit vorbestehenem Bluthochdruck plus/minus andere kardiovaskuläre Erkrankungen und 54 Patienten ohne Hypertonus und andere kardiovaskuläre Erkrankungen.

Die Forscher führten eine umfassende molekularbiologische Charakterisierung inklusive einer Analyse des Transkriptoms (Summe der zu einem bestimmten Zeitpunkt für die Proteinbiosynthese transkribierten DNA in RNA) an Einzelzellen von Patienten (114.761 Transkriptome) durch und eine immunologische Phänotypisierung des Abstrichmaterials aus dem Nasopharynx von 48 Patienten der Kohorte.

Mit Hypertonie 4-mal höheres Risiko für schwere Verläufe

Die Regressionsanalyse ergab nach Berücksichtigung von Alter, Geschlecht, Body-Mass-Index und relevanten Vorerkrankungen ein um den Faktor 4,28 erhöhtes Risiko für schwere Verläufe bei Patienten mit Bluthochdruck.

Das Risiko für die Untergruppe, die ACE-Hemmer einnahm, war dagegen vergleichbar dem von Patienten ohne Hypertonie. Bei Einnahme von Angiotensin-Rezeptorblockern (ARB) war das Risiko immer noch erhöht.

Bei Nicht-Hypertonikern und bei Hypertonie-Patienten unter ACE-Inhibitor-Therapie waren intrinsische antivirale Reaktionen ausgeprägter und die Expression von proinflammatorischen Zytokinen in Makrophagen und Neutrophilen niedriger als bei Patienten mit Bluthochdruck unter ARB-Behandlung.

Die Daten könnten nach Meinung der Autoren auf einen Vorteil der ACE-Hemmer-Behandlung bei COVID-19-Patienten mit Bluthochdruck hinweisen.

Keine voreiligen Schlüsse

„Es ist bekannt, dass die arterielle Hypertonie entzündliche Prozesse im Körper aktiviert und daher naheliegend, dass sie eine COVID-19-Erkrankung aggravieren kann“, erläutert Prof. Dr. Ulrich Wenzel vom UKE Hamburg, Vorstandsvorsitzender der DHL und Deutsche Gesellschaft für Hypertonie und Prävention in einer Pressemitteilung.

 
Der Hypothese, ACE-Hemmer seien während der Corona-Pandemie die bessere Blutdruckmediaktion, möchten wir uns aber nicht anschließen. Prof. Dr. Ulrich Wenzel
 

„Die Studie bestätigt die Hypothese: Die untersuchten Bluthochdruckpatientinnen und -patienten hatten ein höheres Risiko für kritische COVID-19-Verläufe. Eine ARB-Therapie hatte im Gegensatz zu ACE-Hemmern keinen relevanten Effekt auf die virale Clearance. Der Hypothese, ACE-Hemmer seien während der Corona-Pandemie die bessere Blutdruckmedikation, möchten wir uns aber nicht anschließen. Die Zahl der Studienteilnehmer war zu klein und die Studie auch gar nicht dafür ausgelegt, um verschiedene blutdrucksenkende Therapien im Hinblick auf ihr ‚Anti-COVID-19-Potenzial‘ vergleichen zu können.“

Dieser Artikel ist im Original erschienen auf Univadis.de.

 

Kommentar

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