MEINUNG

„Sehr erleichternd“: Kennen Sie schon die neue Heilmittel-Richtlinie? Kritik und Lob eines Hausarztes zu den neuen Regelungen

Christian Beneker

Interessenkonflikte

20. Januar 2021

Seit Jahresbeginn gilt die neue Heilmittel-Richtlinie. Medscape sprach mit dem Hausarzt Dr. Jens Wagenknecht über den Nutzen der Neuerungen und offene Fragen. Wagenknecht ist Hausarzt im niedersächsischen Varel, stellvertretender Vorsitzender des Hausärzteverbandes Niedersachsen und Beisitzer im Bundesvorstand des Deutschen Hausärzteverbandes.

Dr. Jens Wagenknecht

Medscape: Die neue Heilmittel-Richtlinie gilt seit Jahresbeginn. Sind nun die lang diskutierten Probleme mit den Heilmittel-Verordnungen vom Tisch?

Dr. Wagenknecht: Wir hatten in der Vergangenheit in der Tat viel Korrekturbedarf bei den Verordnungen. Wir haben oft nicht gewusst, wie viel Verordnungen zuvor bereits von Kollegen ausgestellt wurden. So haben wir übersehen, dass wir eine Verordnung außerhalb des Regelfalls hätten ankreuzen sollen, weil schon etwa ein Orthopäde eine Erstverordnung ausgestellt hatte.

So haben wir das Kreuz an der falschen Stelle gemacht. Damit war zum Beispiel der Physiotherapeut gezwungen, den Patienten in die Praxis zurückzuschicken, damit er das Formular in eine Verordnung außerhalb des Regelfalls abändern lassen konnte. Dieses System hat uns den Überblick und das korrekte Verordnen schwer gemacht.

Medscape: Und worin besteht hier nun die Neuerung?

Dr. Wagenknecht: Neu und sehr erleichternd für Hausärzte ist, dass sie nicht mehr nachforschen müssen, wo der Patient steht. Es gibt für den Arzt nur noch einen Patienten, eine Diagnose und eine Verordnung. Für den jeweiligen Verordnungsfall sagt mir mein PV-System automatisch, was bereits verordnet wurde, und nur das ist für mich jetzt relevant.

Ich stelle den Behandlungsbedarf fest, und dann gilt der Verordnungsfall für ein halbes Jahr – und zwar für mich, den Patienten und diese Diagnose.

Medscape: Außerdem gibt es Vereinfachungen beim Ausfüllen der Verordnungsblätter …

Dr. Wagenknecht: … genau. Früher musste man auf den Verordnungsblättern immer extra begründen, warum die Verordnung außerhalb des Regelfalls erfolgte. Wegen der Schwere der Erkrankung, auf Grund von Schmerzen oder Bewegungseinschränkungen. Das muss jetzt nicht mehr sein.

Falls die Verordnungsmenge überschritten wird, reicht eine Dokumentation in der Akte des Patienten, es muss nicht im Rezept eingetragen werden. Bei langfristigem Bedarf, etwa nach einem Schlaganfall, muss auch nicht mehr bei der Krankenkasse die erweiterte Behandlung beantragt werden.

Die Kassen müssen die Behandlungen nicht mehr genehmigen, wenn die Behandlungs-Diagnose in der Anlage der Richtlinie steht. Das ist für die Patienten eine echte Entlastung.

Medscape: Ist die Bedienung der Software auch einfacher geworden?

Dr. Wagenknecht: Ja, früher waren beim Ausfüllen der Formulare komplizierte Auswahlbäume zu beachten. Damit sollte die Komplexität der Störungen abgebildet werden. Etwa um die Frage zu klären, ob es sich bei den Beschwerden eines Patienten um Schmerzen, Krämpfe oder mangelnde Beweglichkeit handelte.

Dann genügte es nicht, „Ex“ für Extremitäten anzukreuzen, sondern für die verschiedenen Beschwerden Ex1, Ex2 oder Ex2a oder Ex2b und so weiter. Mit der Neuregelung gibt es jetzt nur noch wenige Auswahlmöglichkeiten, etwa danach, ob die Gelenk- oder die Muskelfunktion gestört ist.

Man kann jetzt auch verschiedene Heilmittel gleichzeitig verordnen. Hier zeigt sich aber, dass die Neuregelung auch Chancen hat liegen lassen: Es bleibt bei in der Summe 6 Behandlungen, die unter Krankengymnastik und zum Beispiel Geräteanwendung aufgeteilt werden müssen, 2 zu 4 oder 3 zu 3. Das kann man wieder mal als bürokratisch kritisieren.

Medscape: Die Neuerungen werden automatisch auf die PVS aufgespielt?

Dr. Wagenknecht: Ja, das klappt auch bei den verschiedenen PVS recht gut. Ich selbst habe keine Schwierigkeiten, habe aber von Kollegen gehört, dass es mit den Neuerungen in den PVS noch nicht klappt. Wegen der schwierigen Programmierung hat sich der Start der Reform auch um ein halbes Jahr verzögert.

Medscape: Was vermissen Sie an der Reform?

Dr. Wagenknecht: Manches Problem wurde auf die Physiotherapeuten abgewälzt. Wenn zum Beispiel der Orthopäde 6 Mal Physiotherapie verordnet und ich auch – welche Verordnung kann der Physiotherapeut dann abrechnen?

Das dürfte sich wahrscheinlich nach der ICD richten: M54 für Rückenschmerz? Oder M48 für Arthrose der Wirbelsäule? Auf jeden Fall sind das verschiedene Behandlungsfälle. Und die Grundkonstruktion – ein Patient, ein Arzt, ein Fall, eine Diagnose ist dann zerbrochen.

Da könnte sich ein Schlupfloch entwickeln, insbesondere wenn Patienten verschiedene Therapeuten in Anspruch nehmen. Das erlebt man immer wieder.

Auch, dass die wirtschaftliche Verantwortung für die Verordnungen auf jeden Fall bei uns bleibt, sehe ich kritisch. Wir als Ärzte haften weiterhin für die Gesamtmenge der Verordnungen und die Gesamtkosten. Das ist eine schlechte Regelung.

Schließlich sorgen wir dafür, dass die Patienten eine gute Behandlung bekommen. Aber wenn die Behandlung teurer wird und die Kosten steigen, wollen wir nicht dafür haften. Die Bedrohung durch einen Heilmittelregress ist immer noch gegeben

Medscape: Was halten Sie vom Blanko-Rezept, das in diesem Punkt Besserungen schaffen soll, aber erst im Laufe des Jahres kommt?

Dr. Wagenknecht: Tatsächlich geht beim Blanko-Rezept die finanzielle Verantwortung auf den Physiotherapeuten über. Der Hausarzt entscheidet nur noch, dass sein Patient Physiotherapie braucht. Der Physiotherapeut entscheidet dann, welche Mittel angewandt werden und wie oft.

Damit kann der Physiotherapeut mit dem Patienten entscheiden, wann das Ziel erreicht ist und braucht nicht mehr auf das nächste Rezept zu schielen, um auf seine Kosten zu kommen.

Denn in der neuen Regelung erhält er je nach Indikation einen Pauschalbetrag. Wenn er in einer Blanko-Verordnung also wenige Termine bis zum Behandlungserfolg benötigt, erwirtschaftet er pro Behandlungseinheit einen höheren Betrag. Das ist ein guter Anreiz. Endlich kann er dem Patienten sagen: „Da haben wir aber gemeinsam viel geschafft“, statt wie jetzt oft zu hören: „Da ist noch viel zu tun!“

Allerdings sind die Rahmenbedingungen für die Blankoverordnung noch nicht definiert. Die KBV, die Kassen und die Physiotherapeuten haben sich noch nicht auf eine verbindliche Indikationsliste verständigt und auch noch nicht über die Honorare. Das wird frühestens zum 2. oder 3. Quartal 2021 kommen.

Medscape: Warum sind viele Fachärzte nicht unbedingt glücklich über das Blanko-Rezept?

Dr. Wagenknecht: Das stimmt. Sie befürchten, dass sie die Kontrolle über die Behandlung verlieren, wenn die Physios freie Hand erhalten.

Dabei haben sie sie schon lange nicht mehr, wenn man ehrlich ist – ich schreibe eine Behandlung auf, der Physiotherapeut führt sie durch, der Patienten ist zufrieden und ich habe eigentlich keine Gelegenheit den Behandlungserfolg zu kontrollieren. So ist die Praxis, das muss man sich klar machen.

Medscape: Dem wissenschaftlichen Institut der AOK, dem WIdO zufolge sind die Anwendungen immer häufiger. 2018 haben jeweils 1.000 GKV-Versicherte rund 511 physiotherapeutische Leistungen mit zusammen 3.528 Behandlungen erhalten, so das WIdO. Das kostete für jeden GKV-Versicherten im Schnitt 67,48 Euro. Wird das Blankorezept dazu beitragen, dass die Zahl der Physiotherapien sinkt?

Dr. Wagenknecht: Das kann ich im Voraus natürlich nicht sagen. Aber was auffällt: Inzwischen wird das Wohlergehen des Körpers schnell an die Physiotherapeuten delegiert.

Ich habe den Eindruck, dass jüngere Leute davon ausgehen: „Ich brauche Physio, mein Therapeut muss mich mal wieder einrenken“. Da geht der Trend in die falsche Richtung, finde ich. Die Eigenverantwortung für unseren Körper geht verloren.

Wir als Hausärzte argumentieren unterdessen ständig gegen diese Haltung an: „Lieber Patient, als Sie viel mit dem Fahrrad gefahren oder mit dem Hund gelaufen sind, da hatten Sie überhaupt keine Beschwerden. Sagt Ihnen das nicht was? Wäre Radeln oder Spazierengehen nicht die beste Therapie für Sie?“
 

Kommentar

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