Dicke Lippe riskieren: Dermafiller plus Corona-Impfung könnten zu Schwellungen führen – aber keine Kontraindikation 

Ted Bosworth

Interessenkonflikte

12. Januar 2021

Für einige Aufregung haben unter anderem Bilder in den sozialen Medien von geschwollenen aufgespritzten Lippen gesorgt, nach denen es einen Zusammenhang zwischen einer SARS-CoV-2-Impfung und Entzündungsreaktionen nach Dermalfiller-Anwendung geben soll. Die American Society for Dermatologic Surgery (ASDS) sah sich daher dazu veranlasst, einen Leitfaden herauszugeben, der dieses potenzielle Risiko und seine klinische Relevanz beschreibt [1].

Dass sich ein solcher Zusammenhang zeige, sei nicht sehr überraschend, da z.B. auch Influenza-Impfstoffe mit Entzündungsreaktionen nach Dermalfiller-Anwendung zur Faltenunterspritzung in Verbindung gebracht würden, heißt es. Für Dr. Sue Ellen Cox, Mitautorin des Leitfadens und designierte Präsidentin der ASDS aus Chapel Hill, North Carolina, sollte daher ein Warnhinweis vor entzündlichen Ereignissen durch diese und andere mögliche immunologische Trigger-Substanzen in die Standard-Einverständniserklärungen für die Impfung aufgenommen werden.

„Jedoch sollten Patienten, die einen Dermalfiller erhalten haben, nicht deswegen von der Impfung abgehalten werden, und umgekehrt müssen geimpfte Personen nicht auf eine Behandlung mit einem Dermalfiller verzichten“, so Cox in einem Interview.

 
Patienten, die einen Dermalfiller erhalten haben, sollten nicht deswegen von der Impfung abgehalten werden, und umgekehrt müssen geimpfte Personen nicht auf eine Behandlung mit einem Dermalfiller verzichten. Dr. Sue Ellen Cox
 

Wenige Daten aus Moderna-Studie

Die einzigen Daten, die zur Risikobewertung zur Verfügung stehen, stammen aus der Studie zum Moderna-Impfstoff. Von insgesamt 15.184 Teilnehmern, die mindestens eine Dosis mRNA-1273 erhielten, entwickelten 3 eine Schwellung im Gesicht oder an den Lippen, die vermutlich mit dem Dermalfiller in Zusammenhang stand. In der Placebogruppe gab es keine vergleichbaren entzündlichen Ereignisse.

„Dies ist eine sehr kleine Zahl, doch sind die Angaben zur Anzahl der Patienten in den jeweiligen Gruppen, die Dermalfiller einsetzten, nicht zuverlässig, sodass die Bezugsgröße etwas unklar bleibt“, sagte Cox weiter.

In allen 3 Fällen entwickelte sich die Schwellung an der Injektionsstelle des Dermalfillers innerhalb von 2 Tagen nach der Impfung. Keiner der Fälle wurde als schwerwiegendes unerwünschtes Ereignis eingestuft, und die Symptome bildeten sich wieder vollständig zurück.

In einem Fall war der Dermalfiller 2 Wochen vor der Impfung verabreicht worden, in einem anderen Fall 6 Monate zuvor und im 3. Fall war der Zeitpunkt der Verabreichung unbekannt.

Auch andere immunologische Trigger

Das Abklingen der Entzündungsreaktionen im Zusammenhang mit dem SARS-CoV-2-Impfstoff und einem Dermalfiller ist vergleichbar mit dem Verlauf bei anderen immunologischen Triggern, zu denen nicht nur verschiedene Impfstoffe, sondern auch virale oder bakterielle Erkrankungen sowie zahnärztliche Eingriffe gehören. Normalerweise sind diese Reaktionen mit oralen Kortikosteroiden gut kontrollierbar, aber auch ohne Behandlung klingen sie in der Regel wieder ab, wie Cox erklärte. „Die gute Nachricht ist, dass die Symptome wieder verschwinden.“ 

 
Die gute Nachricht ist, dass die Symptome wieder verschwinden. Dr. Sue Ellen Cox
 

Der ASDS-Leitfaden soll Ärzte und Patienten auf den möglichen Zusammenhang zwischen den entzündlichen Ereignissen und der SARS-CoV-2-Impfung bei Patienten aufmerksam machen, die Dermalfiller einsetzen.

Auf ihre eigene Praxis würde das jedoch nur wenig Einfluss haben, führte Cox weiter aus. Sie verwende bereits eine Einverständniserklärung, die Warnhinweise auf das potenzielle Risiko lokaler Reaktionen auf immunologische Trigger beinhalte, zu denen eben auch Impfstoffe gehörten. Die SARS-CoV-2-Impfung könne nun der Liste der möglichen Auslöser hinzugefügt werden. Das ändere jedoch nichts daran, dass die Patienten über solche Auslöser informiert werden müssten, erklärte Cox.

Patienten sollten informiert werden

Dr. Mathew Avram, ASDS-Präsident und Direktor der dermatologischen Chirurgie am Massachusetts General Hospital in Boston sowie Erstautor des Leitfadens, empfahl, die Patienten speziell über den Zusammenhang zwischen einer Entzündungsreaktion auf Dermalfiller und der SARS-CoV-2-Impfung zu informieren. Die Nebenwirkungen seien zwar eindeutig selten, doch glaube er dennoch, dass sie Aufmerksamkeit verdienten.

„Wir wollten erreichen, dass sich Dermatologen und andere Ärzte dieser Möglichkeit bewusst sind. Wir haben uns auf die verfügbaren Daten konzentriert, aber ausdrücklich beschlossen, zu diesem Zeitpunkt keine Behandlungsempfehlungen auszusprechen“, sagte er in einem Interview. 

 
Wir haben uns auf die verfügbaren Daten konzentriert, aber ausdrücklich beschlossen, zu diesem Zeitpunkt keine Behandlungsempfehlungen auszusprechen. Dr. Mathew Avram
 

Sobald neue Daten zur Verfügung stünden, würde die Arbeitsgruppe der ASDS, welche auch den Leitfaden erstellt hat, die Beziehung zwischen SARS-CoV-2-Impfungen und den Reaktionen auf Dermalfiller weiter überwachen, was auch andere SARS-CoV-2-Impfstoffe und ihr relatives Risiko im Zusammenhang mit Hyaluronsäure-basierten und Nicht-Hyaluronsäure-basierten Dermalfillern umfasse.

„Unser Leitfaden basierte nur auf den genannten Studiendaten, aber es wird bald zig Millionen Menschen geben, die verschiedene SARS-CoV-2-Impfstoffe erhalten haben. Möglich ist, dass wir dabei auf Dinge stoßen, die uns bislang noch unbekannt sind. Wir planen, unsere Mitglieder und auch alle anderen Interessierten mit neuen Informationen zu versorgen, sobald diese vorliegen“, sagte Avram.

Empfehlung: 2 Wochen Abstand

Aufgrund ihrer persönlichen Erfahrungen schlug Cox vor, zwischen der Verabreichung des SARS-CoV-2-Impfstoffs und einer Dermalfiller-Anwendung nach Möglichkeit mindestens 2 Wochen Zeit zu legen, ganz gleich, welche Substanz dabei zuerst zum Einsatz käme. Ihre Empfehlung basiere allerdings nicht auf kontrollierten Daten, doch handele es sich aus ihrer Sicht dabei um einen vernünftigen zeitlichen Abstand.

Der vollständige ASDS-Leitfaden soll in einer der kommenden Ausgaben von Dermatologic Surgery erscheinen.

Dieser Artikel wurde von Markus Vieten aus www.medscape.com übersetzt und adaptiert.

 

Kommentar

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