„Anlass zur Sorge“ – wie Wissenschaftler die neuen hochansteckenden Varianten von SARS-CoV-2 bewerten

Michael van den Heuvel

Interessenkonflikte

8. Januar 2021

Viren ändern sich ständig durch Mutation, und so ist das Auftreten neuer Varianten bei SARS-CoV-2 für Virologen wenig überraschend. Evolutions- und Anpassungsprozesse waren zu erwarten. Dennoch geben die neue Variante aus Großbritannien (VOC202012/01, B.1.1.7 oder 501Y.V1) und eine aus Südafrika (B.1.351) Anlass zur Sorge, wie Experten bei einem Pressebriefing des Science Media Center Germany sagten.

„Die Varianten sind unabhängig voneinander entstanden; wahrscheinlich hatten sie Anfang 2020 gemeinsame Vorfahren“, sagte Prof. Dr. Richard Neher von der Universität Basel. „Im Verlauf des Spätsommers und des Herbstes haben sie sich dann ausgebreitet und begonnen, andere Varianten zu dominieren.“

 
Grund zur Sorge bereitet vor allem die Beobachtung, dass sich diese Varianten in einem kurzen Zeitraum stark verbreitet haben, was durchaus ungewöhnlich ist. Prof. Dr. Isabella Eckerle
 

„Grund zur Sorge bereitet vor allem die Beobachtung, dass sich diese Varianten in einem kurzen Zeitraum stark verbreitet haben, was durchaus ungewöhnlich ist“, erklärte Prof. Dr. Isabella Eckerle von der Universität Genf. „Bei einer insgesamt starken Zirkulation von Viren sehen wir nur dann, dass eine Variante die andere dominiert, wenn es tatsächlich starke Unterschiede bei den Eigenschaften gibt“, erläuterte sie.

Zeitlicher Ablauf der Ausbreitung

In Großbritannien kam es anfangs im Südosten, im Osten und im Raum London zu einem raschen Anstieg der COVID-19-Fallzahlen. Bis zum 26. Dezember 2020 wurden aus dem Königreich mehr als 3.000 Infektionen mit dieser neuen Variante gemeldet, die durch Genomsequenzierung bestätigt wurden. Rückwirkend ist es gelungen, erste Fälle auf Ende September zu datieren.

Eckerle wies darauf hin, dass man momentan nur epidemiologische Daten habe, aber keine biologischen Daten zum Erreger. Diese im Labor zu generieren dauere. Insofern bleibe es bei der reinen Beobachtung. „Auf biologische Daten können wir nicht warten“, betonte Eckerle. Denn dies könne Wochen oder Monate dauern.

„Die Modellierung deutet auf eine stärkere Übertragung der neuen Variante hin“, ergänzte die Expertin. Es gebe derzeit aber keine Hinweise auf mehr Reinfektionen, auf eine höhere Mortalität oder einen schwereren Krankheitsverlauf bei Infektion mit der Virusvariante.

Neben VOC 202012/01 hat Südafrika eine weitere SARS-CoV-2-Variante mit der Bezeichnung 501.V2 gemeldet. Sie wurde ab Oktober in Proben nachgewiesen. Seitdem wurden mehr als 300 Fälle durch die Sequenzierung des gesamten Genoms in Südafrika bestätigt, wo sie heute die dominierende Form des Virus ist. Vorläufige Ergebnisse deuten darauf hin, dass diese Mutation ebenfalls eine erhöhte Übertragbarkeit aufweist.

 
Die Modellierung deutet auf eine stärkere Übertragung der neuen Variante hin. Prof. Dr. Isabella Eckerle
 

Wie beim VOC 202012/01 gebe es zum gegenwärtigen Zeitpunkt jedoch keine Hinweise darauf, dass 501.V2 mit einer höheren Schwere der Infektion verbunden ist, so das Experten-Panel beim Pressebriefing.

Dr. Andreas Bergthaler vom Forschungsinstitut für Molekulare Medizin der Österreichischen Akademie der Wissenschaften nannte 2 Hypothesen zur Entstehung der Varianten: „Vielleicht gab es einen tierischen Zwischenwirt. Oder immunsupprimierte Patienten, deren Körper das Virus nicht kontrollieren konnte, spielen eine Rolle.“ Die Wissenschaft müsse klären, wie man mit solchen möglichen „Evolutionsbeschleunigern“ umgehe.

Mehr Surveillance auch in Deutschland

Einstimmig sehen Experten die größte Herausforderung für Deutschland darin, bessere Surveillance-Systeme aufzubauen, um neue Mutationen zeitnah zu identifizieren und um deren Ausbreitung zu verfolgen.

Großbritannien sequenziere 5% aller positiven Abstriche, in Dänemark seien es 12% und in Deutschland nur 0,2%, berichtete Bergthaler. Laut Neher ist es wichtig, „in kurzer Zeit viele Daten öffentlich verfügbar zu machen“; der zusätzliche Aufwand würde sich definitiv lohnen.

„Wir sind in Deutschland, was die molekulare Überwachung des Coronavirus angeht, wirklich miserabel“, hat Prof. Dr. Hartmut Hengel gegenüber Medien erklärt. Er ist Leiter der Virologie der Universität Freiburg. „Wir sequenzieren ohne repräsentative Probenerfassung auf dem Niveau eines Entwicklungslandes.“ Bereits zu Beginn der Pandemie – also vor einem Jahr – hatten Hengel und mehrere Kollegen eine andere Strategie gefordert – doch zu Gesprächen im Bundesministerium für Gesundheit kam es nie.

 
Wir sind in Deutschland, was die molekulare Überwachung des Coronavirus angeht, wirklich miserabel. Prof. Dr. Hartmut Hengel
 

Über die Verbreitung der neuen Varianten in der Bevölkerung lässt sich aktuell recht wenig sagen – ein Aspekt, den auch das European Centre für Disease Prevention and Control (ECDC) kritisiert. Die Behörde fordert u.a., gezielte und repräsentative Sequenzierungen positiver Proben durchzuführen, um die Inzidenz der Varianten frühzeitig zu erkennen und zu überwachen.

Momentan keine Schwierigkeiten bei Impfungen zu erwarten

Die Experten gingen beim Presse-Briefing auch der Frage nach, ob es Probleme mit den bereits zugelassenen Vakzinen geben könne. Reuters berichtet über eine Studie von Biontech und Pfizer. Der Impfstoff soll demnach gegen weitere Varianten wirksam sein, auch gegen diejenigen Mutationen, die momentan in Großbritannien und Südafrika zirkulieren.

Die Forscher arbeiteten in ihrer Untersuchung, die noch keinen Peerreview hat, mit Blutproben von 20 geimpften Personen. In vitro neutralisierten deren Antikörper auch Mutationen des Virus. „Wir haben jetzt 16 verschiedene Mutationen getestet, von denen keine wirklich signifikante Auswirkungen (auf die Impfstoff-Wirkung) hatte. Das sind die guten Nachrichten“, sagte einer der führenden Wissenschaftler für virale Impfstoffe bei Pfizer. „Das heißt aber nicht, dass auch die 17. keine Auswirkungen haben wird.“

 
Wir haben jetzt 16 verschiedene Mutationen getestet, von denen keine wirklich signifikante Auswirkungen (auf die Impfstoff-Wirkung) hatte. Pfizer-Mitarbeiterin
 

Bergthaler bestätigt: „Es spricht viel dafür, dass die Impfstoffe auch die neuen Varianten abdecken; letztgültige Antworten hat man aber noch nicht.“ Dennoch rät er, sich nicht in Sicherheit zu wiegen. Vielleicht erzeugten die Vakzine keine sterile Immunität, und das Virus werde weitergegeben. Auch das könne zu einem gewissen Selektionsdruck führen.

Keine weiteren Maßnahmen erforderlich

Und was heißt dies alles für die Pandemiekontrolle? „Aus den neuen Mutationen leiten sich keine spezifischen Empfehlungen ab“, unterstrich Eckerle. Es bleibe wichtig, enge Kontakte zu vermeiden und infizierte Personen zu isolieren. Die bisherigen Handlungsempfehlungen würden sich dementsprechend nicht ändern – sie müssten vielleicht wegen der höheren Ansteckungsgefahr nur noch strikter gestaltet sein. Nur würden Bürger diese Ratschläge auch einhalten?

Nach der Rolle von Kindern bei der Verbreitung neuer Varianten gefragt, erklärt sie, dass dies schwer zu beurteilen sei. „Wir haben eine Mischung verschiedener Phänomene“, so die Expertin. Das Virus zirkuliere auch in Kindern, nur eben ohne Symptome. Und in Großbritannien seien beim Lockdown die Schulen teilweise offengeblieben.

Was gegen Lockerungen bei uns spricht: Irland hatte nach einem Lockdown mit niedrigen Fallzahlen die Beschränkungen vor Weihnachten aufgeweicht. Ein explosionsartiger Anstieg an Neuinfektionen war die Folge – wohl auch wegen des mutierten Erregers. Deutschland könnte es ähnlich ergehen.

 

Kommentar

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