Zum Jahresbeginn startet die elektronische Patientenakte: Was auf Ärzte zukommt

Christian Beneker

Interessenkonflikte

30. Dezember 2020

Zum 1. Januar 2021 startet die Testphase der elektronischen Patientenakte (ePA) – mit Praxen und Krankenhäusern in Berlin und Westfalen-Lippe. Der Termin ist durch das Terminservice- und Versorgungsgesetz (TSVG) festgelegt. Das Mammutprojekt ePA könnte die Behandlung und Beratung von Patienten sehr erleichtern. Aber viele Ärzte sind schlecht vorbereitet. Auch viele Patienten wissen wenig über die ePA [1].

Einer Umfrage der Barmer Ersatzkasse zufolge wünschten sich noch im Sommer 94% von 1.000 befragten Ärzten mehr Informationen über die ePA.

Was kommt mit der ePA auf die Ärzte zu?

Eine Patientenakte wird nur durch die Krankenkasse des Patienten und ausschließlich auf dessen Wunsch hin angelegt. Zugriff auf die Daten der ePA erhalten Ärzte, Zahnärzte, Apotheker, Therapeuten und Krankenhäuser ausschließlich mit dem Einverständnis der Patienten.

Diese digitale Plattform soll zukünftig einen umfassenden Überblick über die Krankengeschichte bieten und den Ärzten eine flüssige Kommunikation ermöglichen.

Die ePA bietet damit eine zentrale Plattform für den e-Medikationsplan, den e-Notfalldatensatz, den e-Arztbrief sowie Befunde, Diagnosen, Therapieberichte etc. Zukünftig sollen Ärzte auch per „Markierungsfunktion“ Dokumente als besonders wichtig kennzeichnen können, die von den Patienten hochgeladen wurden, um Kollegen darauf aufmerksam zu machen, z.B. Daten aus mobilen EKGs.

Berechtigte Ärzte können über ihr Praxisverwaltungssystem (PVS) Dokumente der Akte lesen, aktualisieren und mit der Zustimmung des Patienten auch löschen. Jeder Arzt braucht aber stets die Zustimmung des Patienten, um die Akte einsehen zu können.

Dies funktioniert über eine entsprechende App oder einen Tablet-Computer des Patienten oder über seine Gesundheitskarte mit entsprechender PIN direkt in der Praxis.

Mit Hilfe dieser Zugänge können auch Dokumente hochgeladen, gelesen und für Ärzte frei gegeben werden. Die Patienten können dabei stets nachvollziehen, welcher Arzt auf die ePA zugegriffen hat.

Für das erste Befüllen der Akte aus dem PVS erhält der Arzt einmalig 10 Euro pro Patient. Die Patienten haben einen Anspruch auf das Befüllen der Akte und haben auch das Recht, jederzeit Dokumente aus der Akte oder die komplette ePA löschen zu lassen.

Die ePA ist kompatibel mit allen gängigen Formaten, wie PDF- oder JPEG. Dokumente können gescannt, fotografiert und in die Akte eingestellt werden. Medikationsplan, Notfalldatensatz und Arztbrief sind standardisiert und können als solche eingestellt werden. Das Zahnbonusheft, der Mutterpass oder das U-Heft sollen folgen.

Bleibt die Frage: Wie sicher sind die Daten? Die ePA-Daten sind jedenfalls nicht auf der elektronischen Gesundheitskarte gespeichert, sondern als digitaler Ordner über einen geschützten Zugang der Telematik-Infrastruktur (TI) auf Servern innerhalb der EU.

Ist die Telematik-Infrastruktur in den Praxen zu wackelig?

Ein ganz eigenes Thema ist offenbar die labile TI in den Praxen. Laut Praxisbarometer der Kassenärztlichen Bundesvereinigung klagen 80% der gefragten Ärzte über die Fehleranfälligkeit der IT-Systeme in der Praxis.

Ein Drittel der Praxen bemängelte monatlich auftretende technische Fehler der TI, bei einem weiteren Drittel traten diese sogar wöchentlich und bei nahezu jedem Zehnten gar täglich auf, so die KBV.

 
Die hohe Fehleranfälligkeit der TI ist alarmierend und führt zu Skepsis vor der Einführung weiterer digitaler Anwendungen. Dr. Thomas Kriedel
 

„Die hohe Fehleranfälligkeit der TI ist alarmierend und führt zu Skepsis vor der Einführung weiterer digitaler Anwendungen“, kommentiert KBV-Vorstandsmitglied Dr. Thomas Kriedel.

Skepsis bei Ärzten und Patienten

Die ePA wird laut KBV denn auch eher mit Skepsis erwartet. Nur ein Viertel der befragten Ärzte rechnen durch die ePA mit treffenderen Diagnosen und Indikationen, nur ein Fünftel erwartet eine bessere Behandlung.

Damit sind die Ärzte nicht allein. Laut der Umfrage „Dataplus 2021“ der Firma Socialwave haben 4 von 10 Versicherten und damit 37% noch nie von der elektronischen Patientenakte gehört. Fast die Hälfte und damit 47,4% weiß nicht, wie die ePA funktioniert. Immerhin 43,3% gaben an, leidlich über die Akte Bescheid zu wissen.

Das größte IT-Projekt im deutschen Gesundheitswesen mit potentiell über 70 Millionen beteiligten Versicherten und rund 200.000 beteiligten Ärzten geht damit an den Start und trifft womöglich auf wenig Gegenliebe.

Die Erwartungen bezüglich der ePA sind jedenfalls laut KBV bei den Ärzten eher verhalten. „Von einer flächendeckenden Einführung erwarten die befragten Ärzte und Psychotherapeuten vor allem einen Nutzen für ihre Praxisorganisation“, so die KBV, „lediglich ein Viertel der Praxen rechnet mit Verbesserungen für die Diagnose- und Indikationsqualität, ein Fünftel auch für die Behandlungsqualität. Immerhin geht mehr als die Hälfte der Praxen nicht davon aus, dass sich durch die ePA die Arzt-Patienten-Beziehung verschlechtert.“

 

Kommentar

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