Treppensteigen für die Seele: Wie einfache Alltagsbewegung die Psyche beeinflusst – und was im Gehirn abläuft

Dr. Thomas Kron

Interessenkonflikte

31. Dezember 2020

Körperliche Aktivität fördert die Stimmung und ist auch wichtig, um psychisch gesund zu bleiben. Forscher des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) und des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit (ZI) in Mannheim haben untersucht, welche Hirnregionen dabei eine zentrale Rolle spielen [1].

Ihre Ergebnisse zeigen: Man muss sich nicht unbedingt besonders schweißtreibenden sportlichen Tätigkeiten hingeben, um sich rundum wohl und fit zu fühlen. „Schon das alltägliche Treppensteigen kann helfen, sich wach und energiegeladen zu fühlen und damit das Wohlbefinden zu steigern“, erläutern die beiden Erstautoren der Studie, Dr. Markus Reichert (ZI und KIT) sowie Dr. Urs Braun vom ZI. 

 
Schon das alltägliche Treppensteigen kann helfen, sich wach und energiegeladen zu fühlen und damit das Wohlbefinden zu steigern. Dr. Markus Reichert und Dr. Urs Braun
 

Besondere Relevanz haben die Forschungsergebnisse womöglich bei Corona-Beschränkungen und beim bevorstehenden Winter. „Aktuell leiden wir unter starken Einschränkungen des öffentlichen Lebens und unserer sozialen Kontakte, was sich auf unser Wohlbefinden niederschlagen kann“, so Prof. Dr. Heike Tost, ebenfalls Studienautorin, in einer Mitteilung.

67 Probanden und eine neuartige Kombination verschiedener Methoden

„Die Untersuchungen wurden durch eine neuartige Kombination verschiedener Forschungsmethoden im Alltag und im Labor möglich“, so Prof. Dr. Ulrich Ebner-Priemer (ZI Mannheim und KIT). Forscher arbeiteten mit Alltagserhebungsverfahren (sogenannte Ambulante Assessments) mit Bewegungssensoren und Smartphone-Abfragen zum Wohlbefinden, die anhand von Geolokalisations-Daten aktiviert wurden, sobald sich Studienteilnehmer bewegten. 

Mit diesen Verfahren wurde bei 67 Probanden der Einfluss der Alltagsaktivität auf Wachheit und Energiegeladenheit über 7 Tage hinweg erfasst. Studienteilnehmer fühlten sich direkt nach alltäglichen Aktivitäten wacher und energiegeladener. Dies waren nachweislich wichtige Komponenten des Wohlbefindens und der psychischen Gesundheit.

Gehirnareale für Alltagsbewegung und Wohlbefinden identifiziert

Bei einer Gruppe von 83 Personen kamen MRT-Befunde mit hinzu. Forscher haben das Volumen der grauen Hirnsubstanz gemessen, um herauszufinden, welche Areale im Gehirn für diese Alltagsprozesse eine Rolle spielen. Wichtig für das Zusammenspiel von Alltagsbewegung und affektivem Wohlbefinden ist ein Bereich der Großhirnrinde, der subgenuale Anteil des vorderen cingulären Cortex.

Diese Hirnregion spielt eine zentrale Rolle bei der Regulation von Emotionen und der Widerstandsfähigkeit gegen psychische Erkrankungen: laut den Autoren ein entscheidendes neuronales Korrelat, das den Zusammenhang von körperlicher Aktivität und subjektiver Energiegeladenheit vermittelt.

„Personen, die ein geringeres Volumen an grauer Hirnsubstanz in dieser Region aufwiesen und ein erhöhtes Risiko haben, an psychiatrischen Erkrankungen zu leiden, fühlten sich einerseits weniger energiegeladen, wenn sie körperlich inaktiv waren“, beschreibt Heike Tost die Ergebnisse, „aber andererseits nach alltäglicher Bewegung deutlich energiegeladener als Personen mit größerem Hirnvolumen.“

Spezifischer Nutzen von körperlicher Aktivität im Alltag

Prof. Dr. Andreas Meyer-Lindenberg, Vorstandsvorsitzender des ZI und Ärztlicher Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, schlussfolgert: „Die Ergebnisse weisen damit auf einen spezifischen Nutzen von körperlicher Aktivität im Alltag für das Wohlbefinden hin, insbesondere bei Menschen, die anfällig für psychiatrische Erkrankungen sind.“

 
Die Ergebnisse weisen damit auf einen spezifischen Nutzen von körperlicher Aktivität im Alltag für das Wohlbefinden hin, insbesondere bei Menschen, die anfällig für psychiatrische Erkrankungen sind. Prof. Dr. Andreas Meyer-Lindenberg
 

Zukünftig könnten die in der Studie gewonnen Ergebnisse im Alltag dazu führen, dass eine auf dem Smartphone installierte App bei sinkender Energie die Nutzer zu Bewegung stimulieren soll, um das Wohlbefinden zu steigern. „Langfristig ist in Studien zu klären, ob sich durch Alltagsbewegung kausal das Wohlbefinden und das Hirnvolumen verändern lassen und inwieweit diese Ergebnisse helfen könnten, psychiatrische Erkrankungen zu vermeiden und zu therapieren,“ so Urs Braun.

Dieser Artikel ist im Original erschienen auf Univadis.de.  

 

Kommentar

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