Alle 1,5 Tage ein „11. September“: So drastisch veranschaulichen US-Experten die COVID-19-Mortalität

Michael van den Heuvel  

Interessenkonflikte

24. Dezember 2020

In den USA erreicht die Zahl an SARS-CoV-2-Infektionen (knapp 18,3 Millionen bislang, Stand 23. Dezember 2020) und an COVID-19-Todesfällen (323.000) einmal mehr katastrophale Ausmaße. Dr. Steven H. Woolf von der Virginia Commonwealth University, Richmond, und Kollegen befürchten, die Gesundheitsversorgung könne erneut bis über ihre Grenzen hinaus belastet werden [1]. Soweit ist das nichts Neues, doch die Autoren kritisieren, statistische Zahlen würden kaum wahrgenommen oder vom Kontext her fehlinterpretiert.

„In dieser Ausgabe von JAMA werden diese Zahlen durch die einfache, aber leistungsstarke Analyse von Woolf et al. relativiert“, schreiben Dr. Howard K. Koh von der Harvard T.H. Chan School of Public Health, Boston, und Kollegen in einem begleitenden Editorial [2]. „Die Autoren vergleichen die unbekannte Bedrohung durch COVID-19 mit bekannteren Krankheiten.“ Nach einem Anstieg der Todesfälle im Sommer habe sich die Entwicklung stark beschleunigt, so die Kommentatoren weiter. „Zwischenzeit berichten die Medien regelmäßig über eine Flut von Statistiken, deren Kontextualisierung schwierig sein kann.“

COVID-19-Mortalität in einen Kontext rücken

Das Problem: Zahlen zur Mortalität seien zu abstrakt, um von Laien verstanden zu werden, erklären Woolf und seine Koautoren. Deshalb wagen sie einige Vergleiche.

Die tägliche COVID-19-Mortalität in den USA entspricht…

  • alle 1,5 Tage der Opferzahl des 11. September 2001,

  • alle Tage 15 Abstürzen von Airbus 320-Flugzeugen mit je 150 Passagieren.

Außerdem vergleichen sie die Mortalität aufgrund häufiger Grunderkrankungen (März bis Oktober 2018) mit der COVID-19-Sterblichkeit (März bis Oktober 2020). Vor allem bei älteren Menschen sehen sie deutliche Unterschiede.

Mortalitätsraten pro 1 Million Menschen:

Alter

Mortalität durch COVID-19

Mortalität durch Herzerkrankungen

Mortalität durch maligne Erkrankungen

Mortalität durch Erkrankungen des unteren Atemtrakts

45-54

294,8

509,7

597,5

100,7

55-64

683,3

1.239,8

1.802,4

285,8

65-74

1.574,6

2.516,9

3.702,0

809,9

75-84

3.832,4

6.478,5

6.845,7

2.117,3

Ab 85

10.699,7

24.530,2

10.442,4

4.278,4

 

COVID-19 war bis Oktober 2020 die dritthäufigste Todesursache bei Personen im Alter von 45 bis 84 Jahren und die zweithäufigste Todesursache bei Personen im Alter von 85 Jahren oder darüber. Erwachsene ab 45 Jahren starben in 2020 häufiger an COVID-19 als an chronischen Erkrankungen der unteren Atemwege, an Unfällen im Straßenverkehr, an überdosierten Medikamenten, an Suiziden oder an Morden.

Speziell für ältere Erwachsene kann die Bedrohung durch COVID-19 aus 3 Gründen noch größer sein als in dem Artikel angegeben:

  • Die Daten zeigen die Mortalität durch COVID-19 nach 8 Monaten, nicht die aktuelle – deutlich höhere – Sterblichkeit.

  • Daten zur COVID-19-Mortalität können fehlerbehaftet sein, etwa durch einen Meldeverzug oder durch Fehlcodierungen von Ärzten. Die Autoren schätzen, dass es bis zu 20% mehr Todesfälle geben könnte.

  • COVID-19 unterscheidet sich von anderen Todesursachen durch die Übertragbarkeit des Virus. Im Unterschied zu Krebs oder Herzerkrankungen resultieren aus einer Infektion eventuell weitere Todesfälle.

„Ein Großteil dieser Eskalation war vermeidbar …“, schreiben die Autoren. „Die Notwendigkeit für die gesamte Bevölkerung, die Krankheit ernst zu nehmen – insbesondere Masken zu tragen und soziale Distanz zu wahren – könnte nicht dringender sein.“

Mögliche Folgen für die US-Bevölkerung

Koh und Kollegen ziehen aus der Analyse 4 Schlussfolgerungen für die US-amerikanische Gesellschaft:

  • COVID-19 war in den USA (von dort kamen alle Daten) je nach Zeitpunkt und Altersgruppe eine der wichtigsten Todesursachen, wenn nicht sogar die wichtigste Todesursache.

  • Das Risiko, an COVID-19 zu sterben, ist bekanntlich stark vom Alter abhängig.

  • Durch COVID-19 hat sich in den USA die ohnehin stagnierende Lebenserwartung weiter verringert.

  • Viele, wenn nicht sogar die meisten Todesfälle durch COVID-19 in den USA hätte man durch geeignete Programme verhindern können.

„Die Beendigung dieser Krise erfordert nicht nur weitere Fortschritte in der Behandlung, sondern auch ein beispielloses Engagement für alle Aspekte der Prävention, Impfung und öffentlichen Gesundheit“, schreiben die Editorilalisten. „Nur so kann diese Krankheit in den kommenden Jahren wieder in den ungewohnten und unbekannten Zustand zurückkehren, in dem sie einst war.“

 

Kommentar

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