Gefährliche Weihnachten: Das BMJ benennt in launiger Ausgabe einige der Risiken u.a. Postkarten und Hamster

Ute Eppinger

Interessenkonflikte

23. Dezember 2020

O du fröhliche, o du selige…? Nicht immer – Weihnachten kann auch ins Auge gehen. Prof. Dr. Robin E. Ferner von der University of Birmingham und Dr. Jeffrey K. Aronson von der University of Oxford haben in ihrer Literaturübersicht in der – wie jedes Jahr etwas launig gehaltenen – Weihnachtsausgabe des British Medical Journal die Gesundheitsrisiken an den Festtagen untersucht und einige abschreckende Beispiele ausgegraben [1]. Und sie stellen die wissenschaftliche Frage: Wie sieht es mit der Risk/Benefit-Ratio von Weihnachten aus?

Ein weiterer Artikel der BMJ-Weihnachtsausgabe untersucht die Arbeitsweise des Weihnachtsmanns und klärt die Frage, ob die Medizin etwas davon lernen kann. Ein brasilianisch-kanadisches Autorenteam befasst sich mit Krankenhaus-Clowns und dem Einfluss auf kranke Kinder, ein schwedisch-amerikanisches Team mit der Frage, ob der Arztberuf in der Familie liegt. Außerdem erkannten Wissenschaftler, dass das Schauen von europäischen Fußballspielen in Asien zu mehr Verkehrsunfällen führt.

Weihnachtspostkarten etwa sind nicht zwingend harmlos: So erlitt im Jahr 1876 ein junger Mann eine Arsenvergiftung, nachdem er Weihnachtskarten mit der hochgiftigen Farbe Scheele's Green bemalt hatte. In jüngerer Zeit amputierte sich eine Frau die Fingerspitze, als sie Weihnachtskarten durch die über eine Feder gesteuerte Klappe eines Briefkastens warf.

Und: Immer wieder kommt es zu Stürzen beim Schmücken des Hauses mit Weihnachtsbeleuchtung – dabei hat sich die Kombination Leiter und Schwips als besonders gefahrenträchtig erwiesen.

Unbeabsichtigt verschluckte Gegenstände können ebenfalls Probleme verursachen. Glühbirnen von Weihnachtslichtern, spitze Konfettisterne und Glaskugeln sind schon in den Rachen von Kleinkindern gelangt und mussten entfernt werden.

Auch Weihnachtsbäume können nicht nur Freude, sondern auch Schmerzen bereiten: Aspirierte Tannennadeln können in die Lunge eindringen und Atembeschwerden verursachen, Zweige, die das Auge streifen, können die Hornhaut verletzen, und auch Verbrennungen durch Kerzen sind keine Seltenheit.

Selbst Weihnachtsgeschenke sind mitunter eine Gefahrenquelle: So berichten die Autoren von einem Hamster, der das Virus der lymphozytären Choriomeningitis in sich trug. In den Ziegenfellen von haitianischen Bongotrommeln wiederum fanden sich Milzbrandbazillen.

Und dann natürlich das Weihnachtsmenü: Übermäßiges Essen und zu viel Alkohol setzen nicht nur an, sondern können auch Gastroenteritis und Salmonelleninfektionen auslösen, der Leber schaden und Herzbeschwerden verursachen.

Auch Sport im Freien kann der Gesundheit mehr schaden als nutzen: In Australien beispielsweise kommt es an Weihnachten gehäuft zu üblen Verletzungen beim Jetskifahren.

Australische Forscher hatten im Jahr 2002 eine Kosten-Nutzen-Analyse von Weihnachten durchgeführt und kamen zu dem Schluss: Die Kosten (Ausgaben für Weihnachten, Kosten von Unfällen etc.) übersteigen den Nutzen bei Weitem. Aus Sicht von Ferner und Aronson greift das aber viel zu kurz: „Das ist doch keine reine Kostenfrage – wo bleiben dabei Lebensqualität, Glück und Zufriedenheit?“ Sie fügen hinzu: „Die meisten unserer Quellen sind anekdotisch, und wir haben keine starken Beweise für weit verbreitete schädliche Auswirkungen gefunden.“

 
Die meisten unserer Quellen sind anekdotisch, und wir haben keine starken Beweise für weit verbreitete schädliche Auswirkungen (von Weihnachten) gefunden. Prof. Dr. Robin E. Ferner und Dr. Jeffrey K. Aronson
 

Es bleibe also jedem selbst überlassen zu entscheiden, ob die Vorteile des Feierns die Nachteile überwiegen. Sie raten: „Passen Sie auf sich auf und genießen Sie ein fröhliches Weihnachtsfest!“

Kann die Medizin vom Weihnachtsmann lernen?

24 Stunden-Schicht, extrem hohes Arbeitspensum und zu allem Überfluss kümmert sich der Weihnachtsmann, während er braven Kindern Geschenke bringt, Unartige ermahnt, Schwätzchen hält und diverse Gläschen hebt, auch noch darum, dass seine Rentiere sich zwischendurch ausruhen können und genug zu futtern haben.

Zwar hat er 364 Tage Zeit sich auf seinen Tag X vorzubereiten. Doch wie schafft er das? Und kann die Medizin etwas daraus lernen? Dies fragen Prof.Dr. Peter Brennan, Chirurg am Queen Alexandra Hospital in Portsmouth und Dr. Rachel Oeppen, Radiologin am University Hospital in Southampton [2].

Der Druck auf den Weihnachtsmann, einen Service der Superlative zu liefern, müsse immens sein, schreiben die Autoren. Wie er es überhaupt schaffe, alles sicher zu bewältigen, bleibe ein Rätsel. Sie warnen auch, dass ein Wachzustand von mehr als 18 Stunden „zu einer Verschlechterung der kognitiven Funktionen führt.“

Regelmäßige Pausen – die Santa Claus zwar seinen Rentieren, nicht aber sich selbst gönne – und ausreichend Flüssigkeit und Nahrung während der Arbeit seien wichtig, um die Leistungsfähigkeit aufrecht zu erhalten. Angesichts des üblichen Glases Wein oder Sherry, das in vielen Haushalten für ihn bereitsteht, schlagen sie als Alternative ein Glas Wasser für den Weihnachtsmann vor, damit er nicht dehydriert. Und sie raten ihm zudem, „besser an den Karottenstäbchen zu naschen, die er für seine Rentiere bereithält“, statt „nach zuckerhaltigen Weihnachtsplätzchen zu greifen“.

Das Engagement des Weihnachtsmannes beim „Abarbeiten der Checklisten“ sei zwar vorbildlich, loben sie, merken aber an, dass seine begrenzten verbalen Kommunikationsfähigkeiten („ho ho ho“) verbessert werden könnten. Die Autoren hegen aber keinen Zweifel daran, dass der Weihnachtsmann effektive Teamarbeit und vorausschauende Planung zu schätzen weiß.

Obwohl es keine Belege dafür gebe, dass der Weihnachtsmann ein formelles Team-Briefing durchführe, wäre es nach Ansicht der Autoren naiv zu glauben, dass er diesen wichtigen Aspekt der Arbeit nicht ernst nehme, zumal sein Team ja nur selten zusammenarbeite.

Beispiele für Best Practice sind die Aufteilung der Rollen im Fall einer Krise, der aktive Abbau von Hierarchien und die Wertschätzung aller Mitglieder unabhängig von Dienstalter, Schlittenpaarungen oder charakteristischen Merkmalen (wie etwa einer glänzenden Nase). Die Autoren gehen auch davon aus, dass nach beendeter Arbeit eine Teambesprechung folge, um zu analysieren, was gut gelaufen ist und was im nächsten Jahr womöglich noch verbessert werden könne.

Wie Clowns kranken Kindern helfen können

Krankenhaus-Clowns sind gut für kleine Patienten. Sowohl körperliche Symptome als auch das physische Wohlbefinden bessert sich, wenn kranke Kinder von Clowns besucht werden. Das ist das Ergebnis eines Reviews in der Weihnachtsausgabe des BMJ [3]. Frühere Studien hatten zwar nahegelegt, dass Clowns dazu beitragen können, Stress und Ängste bei Kindern vor und nach Operationen abzubauen, doch die Ergebnisse waren uneinheitlich, schreiben die Autoren.

Prof. Dr. Luís Carlos Lopes-Júnior von der Federal University of Espírito Santo, in Vitória, Brasilien, und sein Team schlossen 24 relevante Studien mit 1.612 Kindern und Jugendlichen in ihr Review ein. Angst war das am häufigsten analysierte Symptom (n=13), gefolgt von Schmerzen (n=9), beeinträchtigtem Wohlbefinden (n=4), Stress (n=4), krebsbedingter Fatigue (n=3) und Weinen (n=2).

Die Ergebnisse zeigen, dass Kinder und Jugendliche – unabhängig davon, ob ihre Eltern anwesend waren oder nicht – während medizinischer Eingriffe signifikant weniger Angst hatten und sich wohler fühlten (p<0,05), wenn sie zuvor von Clowns besucht worden waren. 3 Studien, in denen Kinder mit chronischen Erkrankungen (z.B. Krebs) untersucht wurden, zeigen, dass Kinder in Anwesenheit von Clowns deutlich seltener an Stress, Müdigkeit, Schmerzen und Ängsten litten als bei üblicher Versorgung (p<0,05).

Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass Krankenhaus-Clowns einen positiven Effekt auf die emotionale Stabilität bei Kindern im Krankenhaus haben könnten.

In Schweden liegt Arztsein in der Familie

Medizin liegt in Schweden zunehmend in der Familie, Jurist sein hingegen nicht – das zeigt eine andere im BMJ erschienene Analyse von Prof. Dr. Anupam B. Jena, Harvard Medical School in Boston, und Kollegen [4]. Noch vor 30 Jahren spielte der Familienhintergrund von Ärzten eine geringere Rolle, inzwischen aber hat einer von 5 Ärzten in Schweden ein Elternteil, das ebenfalls Arzt oder Ärztin ist.

Jena und Team hatten Daten von bis zu 3 Generationen daraufhin untersucht, ob Ärzte Verwandte hatten, die ebenfalls eine Ausbildung zum Mediziner absolviert hatten. Zum Vergleich wurden auch Anwälte und ihre Familien untersucht, um zu sehen, ob das Muster auch für andere gut bezahlte Berufe gelten würde.

Unter 27.788 Ärzten, bei denen der Bildungshintergrund beider Elternteile bekannt war, hatten 14% einen Elternteil, der ebenfalls Arzt war, und bei 2% waren beide Elternteile Ärzte. Der Anteil der Ärzte mit mindestens einem Arzt-Elternteil stieg im Laufe der Zeit deutlich an, von 6% bei den 1950 bis 1959 geborenen Ärzten auf 20% bei den 1980 bis 1990 Geborenen. Ein ähnliches Muster war bei den Juristen nicht zu beobachten.

Jena und Kollegen sehen diese Entwicklung durchaus kritisch: „Stammt ein wachsender Anteil der Ärzte aus Familien mit medizinischen Berufen, dann könnte das die Vielfalt innerhalb der Ärzteschaft einschränken. Und es gibt zunehmend Hinweise darauf, dass sich das auf die Ergebnisse für die Patienten auswirken könnte.“

 
Stammt ein wachsender Anteil der Ärzte aus Familien mit medizinischen Berufen, dann könnte das die Vielfalt innerhalb der Ärzteschaft einschränken. PProf. Dr. Anupam B. Jena
 

Die Autoren schränken allerdings ein, dass ihre Untersuchung sich nur auf Schweden bezieht und eine Übertragbarkeit auf andere Länder fraglich ist.

Vorsicht beim Fußballspiel-Schauen: Mehr Verkehrsunfälle in Asien

Das Anschauen hochkarätiger Fußballspiele wirkt sich offenbar auf die Fahrtüchtigkeit aus – jedenfalls sind Tage, an denen solche Spiele ausgetragen werden in Asien mit mehr Verkehrsunfällen verknüpft. Das ist das Ergebnis einer weiteren Publikation in der BMJ-Weihnachtsausgabe [5].

Wie die Studienautoren um Prof. Dr. Kai Chi Yam von der National University of Singapore schreiben, könnte das damit zu tun haben, dass asiatische Autofahrer bis in die frühen Morgenstunden wach bleiben, um hochkarätige Fußballspiele zu sehen. Weil die meisten wichtigen Fußballspiele in Europa ausgetragen werden, haben Fans, die außerhalb Europas in unterschiedlichen Zeitzonen leben und die Spiele mitverfolgen wollen, häufig das Nachsehen. Schlafmangel wiederum führt zu Aufmerksamkeitsdefiziten, langsamerer Reaktion und verlangsamten Entscheidungsprozessen.

Asiatische Fans sind am stärksten betroffen, denn Spiele, die in Europa um 20 Uhr beginnen, bedeuten für Fußballfans in Peking, Hongkong und Singapur, dass sie bis 4.30 Uhr aufbleiben müssen, Fans in Seoul und Tokio müssen sogar bis 5.30 Uhr aufbleiben.

Die Forscher wollten prüfen, ob Autofahrer an Tagen, an denen wichtige Fußballspiele in den frühen Morgenstunden laufen, häufiger in Verkehrsunfälle verwickelt wurden. Sie analysierten fast 2 Millionen Unfälle unter Taxifahrern in Singapur und Autofahrern in Taiwan und glichen die Daten mit 12.788 europäischen Fußballspielen ab.

Es zeigte sich, dass an diesen Tagen überdurchschnittliche viele Verkehrsunfälle verzeichnet waren. Fußballspiele, so die Schätzung der Forscher, waren für mindestens 371 Verkehrsunfälle pro Jahr in Singapur und rund 41.000 Unfälle pro Jahr in Taiwan verantwortlich.

Die daraus entstandenen wirtschaftlichen Verluste schätzen sie auf mehr als 820.000 € bei den Taxifahrern in Singapur und fast 14 Millionen € bei den taiwanesischen Fahrern und Versicherungsgesellschaften.

Sie schlagen vor, wichtige Fußballspiele auf Freitag- oder Samstagabende europäischer Ortszeit (Samstag- oder Sonntagmorgen asiatischer Ortszeit) zu legen, wenn die Fans direkt nach dem Spiel ausschlafen können. Berücksichtigt man, dass Asien die bevölkerungsreichste Zeitzone ist und 24% der Weltbevölkerung umfasst, dürften die gesamten gesundheitlichen und wirtschaftlichen Auswirkungen dieses Ergebnisses noch viel höher sein, schlussfolgern sie.

 

Kommentar

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