MEINUNG

Runter mit dem Insulin! Studie testet erfolgreich neues Low-Insulin-Abnehmprogramm – warum die Methode funktioniert  

Prof. Dr. Stephan Martin

Interessenkonflikte

1. Februar 2021

Zu wenig Insulin ist schlecht – aber zu viel auch. Prof. Dr. Stephan Martin erklärt, mit welcher Ernährung die Teilnehmer seiner Studie auch nach einem Jahr noch erfolgreich abgenommen hatten. 

Transkript des Videos von Prof. Dr. Stephan Martin, Düsseldorf

 

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

in meinem heutigen Blog geht es um Gewichtsabnahme.

Übergewicht und Adipositas sind Risikofaktoren für eine Vielzahl von Erkrankungen. Im Vordergrund steht der Typ-2-Diabetes, aber auch andere Erkrankungen wie arterielle Hypertonie, Gelenkerkrankungen und die NASH. Auch ein schwerer Verlauf einer COVID-19 hat viel mit Übergewicht zu tun.

Die Zahlen an Adipositas in Deutschland steigen, aber wir haben überhaupt keine verlässlichen Daten. Ich sage immer, wenn man keine Daten hat, hat man auch kein Problem.

In den USA sieht das etwas anders aus, dort wird die Verbreitung sehr genau erfasst. Wir wissen, dass weit über ein Drittel der Bevölkerung adipös ist, also der BMI der Menschen über 30 kg/m² liegt.

Wir gehen davon aus, dass im Jahr 2030 jeder 2. Amerikaner eine Adipositas hat. Jetzt könnte man sagen, die USA sind weit weg. Wir haben aber erkannt, dass viele Trends aus den USA nach Deutschland und Europa rüber schwappen.

Was ist die Ursache?

Die Ernährungswissenschaft wiederholt ihr Mantra, dass fettreiche Ernährung dazu führt, dass die Menschen übergewichtig werden. In 1 g Fett sind deutlich mehr kcal enthalten als in 1 g Kohlenhydrate. Aber ist das nicht eigentlich schon in allen Köpfen drin? Und haben wir nicht genügend fettreduzierte Lebensmittel?

Es wird häufig gesagt, die Patienten seien nicht „compliant“. Das ist eine der Erklärungen für uns Mediziner. Doch ich glaube, dass das nicht fair ist. Viele Patienten versuchen, sich dran zu halten und reduzieren ihre Fettmengen und es passiert überhaupt nichts bei ihren Abnehmversuchen – oder sie nehmen sogar noch zu.

Vielleicht sollten wir einfach eine Zäsur machen und darüber nachdenken, ob dies der richtige Weg ist. Sehr viele sagen, das ist der falsche Weg. Ich möchte auch noch einmal klar machen: Es muss nicht jeder Normgewicht haben. Wir sollten als Ärzte immer ganz klar unterscheiden zwischen „dick und gesund“ oder „dick und krank“.

Als Arzt – Internist, Endokrinologe und Diabetologe – bin ich nur für „dick und krank“ zuständig. Wir wissen, dass ein Patient mit neu diagnostiziertem Typ-2-Diabetes in eine klinische Remission gebracht werden kann, wenn er genügend Gewicht abnimmt.

Macht Fett fett?

Bei der Regulation des Fettstoffwechsels spielt Insulin eine ganz wesentliche Rolle. Insulin senkt nicht nur die Blutzuckerwerte, sondern blockiert auch die Lipolyse und fördert die Fettablagerung.

Das kann ich Ihnen relativ einfach darstellen: Patienten mit Typ-1-Diabetes nehmen ab, weil sie zu wenig Insulin haben. Sie entwickeln Ketonkörper, im Extremfall kommt es zur Ketoazidose. Das sind die Abbauprodukte des Fetts. Insulin blockiert die Fettverbrennung.

Bei Personen mit Typ-2-Diabetes gibt es eine Insulinresistenz. Interessant ist, dass die Insulinresistenz nur die blutzuckersenkende Wirkung betrifft. Die Wirkung auf den Fettstoffwechsel und andere Faktoren sind nicht betroffen.

Allgemein bekannt ist, dass Übergewichtige mehr Insulin produzieren, sie haben schon basal eine Hyperinsulinämie. Wenn sie nüchtern sind, können sie weniger Fett abbauen, haben also eine geringere Lipolyse als schlanke Personen.

Wir wissen auch aus sehr guten Untersuchungen, dass Übergewichtige bei einem Glukose-Stimulationstest exorbitante Insulinmengen produzieren – sie blockieren damit ihre Fettverbrennung.

Das Low-Insulin-Programm in Studie getestet

Daher haben wir all diese Informationen zusammengefasst und ein neues Programm entwickelt: Das Low-Insulin-Programm.

Wir haben das Low-Insulin-Programm in einer randomisierten kontrollierten Studie evaluiert, Sie ist kürzlich in Nutrients publiziert worden [1].

Randomisierung und ein kontrolliertes Design ist bei einer Ernährungsstudie immer schwierig. Wir haben eine große Gruppe – Mitarbeiter von unserem Verbund Katholischer Kliniken – randomisiert in eine Interventions- und in eine Wartegruppe. Jeder musste bereit sein, auch 3 Monate zu warten. Alle Teilnehmer haben dann das Programm durchlaufen. Primärer Endpunkt war die Gewichtsentwicklung nach 12 Wochen.

In Gruppenseminaren wurden die Teilnehmer in der Interventionsgruppe trainiert Lebensmittel zu meiden, die eine Insulinantwort auslösen. Das ist zum einen natürlich Zucker, aber es sind auch stärkehaltige Lebensmittel. So liegt der glykämische Index von Kartoffelpüree höher als der von Zucker. Brot, egal ob hell oder dunkel oder Vollkorn, enthält Stärke und führt zu einem deutlichen Anstieg der Insulinspiegel.

Auch künstliche Süßstoffe können in Kombination mit Kohlenhydraten die Insulinproduktion ansteigen lassen. Im letzten Jahr wurde eine Studie publiziert, die von der Ethikkommission abgebrochen werden musste, weil die Kombination aus Süßstoff plus Glukose zu einer Explosion der Insulinspiegel geführt hatte.

Weitere Stoffe, z. B. Monoglyceride als Emulgatoren in Fertigprodukten, stehen im Verdacht, Insulinspiegel zu erhöhen. Wer guten Glaubens einen fettarmen Käse konsumiert, in dem solche Stoffe enthalten sind, erfährt eine Steigerung der Insulinproduktion und die Gewichtsabnahme ist erschwert.

Der primäre Endpunkt unserer Studie nach 12 Wochen ergab, dass die Interventionsgruppe im Vergleich zur Kontrollgruppe 6,3 kg abgenommen hatte. Auch die kardiometabolischen Risikofaktoren wie HbA1c-Wert und viele andere Faktoren verbesserten sich.

Die Wartegruppe hat das Programm dann ebenfalls durchlaufen, wir sahen einen absolut identischen Effekt. Wir haben beide Gruppen über 1 Jahr nachverfolgt und konnten zeigen, dass das Gewicht gehalten wurde, es gab also keinen Jo-Jo-Effekt. 

Wir hatten die Chance, dieses Programm von einer 2. Kohorte noch einmal durchlaufen lassen. Das waren Mitarbeiter der Deutschen Bundesbank. Hier gab es keine Wartegruppe. Das Programm war noch erfolgreicher. Nach einem Jahr hatten die Teilnehmer im Mittel 10 kg abgenommen.

Je höher die basalen Insulinspiegel waren, umso stärker war die Gewichtsabnahme. Auch dies ist ein Hinweis auf die Bedeutung des Insulins.

Wenn man diese Erkenntnisse den Patienten erläutert, besteht die Gefahr, dass sie Kohlenhydrate reduzieren und mehr Fett konsumieren. Doch in unserer Studie ist der LDL-Cholesterin-Wert sogar – nicht-signifikant – leicht gesunken.

Noch ein Hinweis auf ein aktuelles Statement des American College of Cardiology zu gesättigten Fetten [2]: Gesättigte Fette, die „bösen“ tierischen Fette, haben nichts mit einem Herzinfarkt zu tun. Vielmehr: Je mehr gesättigte Fette zugeführt werden, umso geringer ist das Apoplex-Risiko.

Wir haben parallel zu den Daten in Nutrients auch ein Buch im Becker-Joest-Volk Verlag publiziert: „Wie Insulin uns alle dick oder schlank macht“. Es wendet sich nicht an Fachpublikum. Es ist kein Diabetesbuch, es will Zusammenhänge aufklären. Sollten Sie von Ihren Patienten angesprochen werden, kennen Sie nun auch die Hintergründe.

Ich hoffe, es war für Sie interessant, für den einen oder anderen vielleicht auch persönlich interessant.

Ihr Stephan Martin

Kommentar

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