EMA: Grünes Licht für 5 neue Medikamente, 3 Orphan Drugs, 2 Biosimilars und 5 Generika

Michael van den Heuvel

Interessenkonflikte

11. Dezember 2020

Der Ausschuss für Humanarzneimittel (CHMP) der Europäischen Arzneimittel-Agentur (EMA) hat bei seinem Dezember-Meeting 15 neue Pharmaka zur Zulassung empfohlen, darunter 5 neue Medikamente, 3 Orphan Drugs, 2 Biosimilars und 2 generische Wirkstoffe [1].

Enhertu® (Trastuzumab-Deruxtecan)

Der Ausschuss riet, Enhertu® (Trastuzumab-Deruxtecan) eine bedingte Genehmigung für das Inverkehrbringen zu erteilen. Das Präparat soll zur Behandlung von metastasiertem HER2-positivem Brustkrebs verwendet werden. Enhertu® wurde im Rahmen des beschleunigten Bewertungsprogramms der EMA überprüft.

Trastuzumab-Deruxtecan ist ein monoklonales Antikörper-Wirkstoff-Konjugat, das an den humanen epidermalen Wachstumsfaktor-Rezeptor 2 (HER2) bindet, die HER2-Signalübertragung stört und auch die antikörperabhängige zellvermittelte Zytotoxizität vermittelt. Zusätzlich wird Trastuzumab-Deruxtecan nach der Bindung internalisiert und intrazellulär gespalten, was zur Freisetzung von Deruxtecan führt. Bei der Freisetzung verursacht Deruxtecan DNA-Schäden und apoptotischen Zelltod.

Die Vorteile von Enhertu® sind eine verbesserte objektive Ansprechrate und Ansprechdauer bei Patienten, die zuvor 2 oder mehr Anti-HER2-basierte Therapien erhalten hatten. Als häufigste Nebenwirkungen nennt die EMA Übelkeit, Müdigkeit, Erbrechen, Alopezie, Verstopfung, verminderten Appetit, Anämie, Neutropenie, Durchfall, Thrombozytopenie, Husten, Leukopenie und Kopfschmerzen.

Heplisav B® (Hepatitis B-Oberflächenantigen)

Der CHMP verabschiedete auch eine positive Stellungnahme für Heplisav B® zur aktiven Immunisierung gegen Hepatitis B-Virusinfektionen. Aktive Komponente ist ein Hepatitis B-Oberflächen-Antigen (HBsAg). Heplisav B® induziert spezifische humorale Antikörper.

Die häufigsten Nebenwirkungen sind Kopfschmerzen, Muskelschmerzen, Müdigkeit, Schmerzen an der Stelle, an der die Injektion verabreicht wurde, und Unwohlsein.

Inrebic® (Fedratinib)

Inrebic® (Fedratinib) erhielt ein positives Votum zur Behandlung der primären Myelofibrose und der Myelofibrose infolge von Polyzythämia vera oder essentieller Thrombozythämie.

Fedratinib wirkt als Proteinkinase-Inhibitor. Seine antineoplastische Aktivität hängt mit der selektiven Hemmung der Janus-assoziierten Kinasen (JAK) zusammen, die an der Signalvermittlung einer Reihe von Zytokinen und Wachstumsfaktoren beteiligt sind, die für die Hämatopoese und die Immunfunktion wichtig sind.

Die Vorteile von Inrebic® sind seine Fähigkeit, die Größe der Milz um mindestens 35% zu reduzieren und andere Symptome bei Erwachsenen mit primärer Myelofibrose und Myelofibrose nach Polyzythämia vera oder essenzieller Thrombozythämie zu behandeln. Häufig kommt es zu Durchfall, Übelkeit, Erbrechen, Thrombozytopenie, Anämie und Blutungen.

Lumoxiti® (Moxetumomab-Pasudotox)

Der Ausschuss empfahl, Lumoxiti® (Moxetumomab-Pasudotox) unter außergewöhnlichen Umständen eine Genehmigung für das Inverkehrbringen zur Behandlung von rezidivierter oder refraktärer Haarzellenleukämie zu erteilen.

Bei Moxetumomab-Pasudotox handelt es sich um ein Antineoplastikum, speziell um ein CD22-gerichtetes Immuntoxin, welches die zytotoxische Wirkung des verkürzten Pseudomonas-Exotoxins auf Zellen mit CD22-Rezeptor lenken soll.

Ärzte erzielen bei Patienten mit rezidivierter oder refraktärer Haarzellenleukämie eine dauerhafte Reaktion. Die häufigsten Nebenwirkungen sind periphere Ödeme, Übelkeit, Müdigkeit, Kopfschmerzen und Pyrexie. Wichtige identifizierte Risiken sind das hämolytische urämische Syndrom und das Kapillarlecksyndrom.

Retsevmo® (Selpercatinib)

Auch für Retsevmo® (Selpercatinib) gab der Ausschuss grünes Licht in Form einer bedingten Genehmigung. Zielgruppe sind Patienten mit Krebserkrankungen, bei denen während der Transfektion ein umgeordnetes Gen auftritt: etwa beim RET-Fusion-positiven, nicht-kleinzelligen Lungenkrebs (NSCLC), bei RET-Fusion-positivem Schilddrüsenkrebs und bei RET-mutiertem medullärem Schilddrüsenkrebs.

Selpercatinib, ein RET-Rezeptor-Tyrosinkinase-Inhibitor, hemmt die Wildtyp-RET-Rezeptor-Tyrosinkinase und mehrere mutierte Isoformen. Die Vorteile von Retsevmo® sind die objektive Ansprechrate und Ansprechdauer bei Patienten mit RET-Fusion-positivem NSCLC oder Schilddrüsenkrebs und RET-mutiertem Schilddrüsenkarzinom, die zuvor behandelt wurden.

Unter der Therapie traten erhöhte Aspartat-Transaminase- und erhöhte Alanin-Transaminase-Spiegel auf. Es kam auch zu einer verringerten Lymphozytenzahl, zu trockenem Mund, erhöhtem Kreatinin, Durchfall, Müdigkeit, Ödemen und Bluthochdruck.

Rukobia® (Fostemsavir)

Rukobia® (Fostemsavir) erhielt eine positive Meinung zur Behandlung der multiresistenten HIV-1-Infektion. Fostemsavir hemmt selektiv die Wechselwirkung zwischen HIV und zellulären CD4-Rezeptoren und verhindert dadurch den Eintritt von Viren in die Wirtszellen. Unter der Therapie wird die Viruslast reduziert und auf einem niedrigen Niveau gehalten.

Angesichts der Tatsache, dass HIV die Anzahl der CD4-Zellen verringert, erhöht das Halten eines niedrigen HIV-Niveaus auch die CD4-Zellzahl. Die häufigsten Nebenwirkungen sind Übelkeit, Durchfall, Erbrechen, Bauchschmerzen, Kopfschmerzen und Hautausschlag.

Sibnayal® (Kaliumcitrat / Kaliumhydrogencarbonat)

Der CHMP empfahl die Erteilung einer Genehmigung für Sibnayal® (Kaliumcitrat / Kaliumhydrogencarbonat) zur Behandlung der distalen renalen tubulären Azidose, einer seltenen genetischen Störung, die die Fähigkeit der Nieren beeinträchtigt, Säure aus dem Blut zu entfernen. Die Wirkstoffe sind Basen bzw. Puffer. Sie korrigieren den pH-Wert bei metabolischer Azidose.

Unter der Therapie kann es teilweise zu Bauchschmerzen, Magen-Darm-Schmerzen und Übelkeit.

Tukysa® (Tucatinib)

Tukysa® (Tucatinib) erhielt ein positives Votum zur Behandlung von HER2-positivem lokal fortgeschrittenem oder metastasiertem Brustkrebs.

Tucatinib wirkt als antineoplastischer Proteinkinase-Inhibitor, der die HER2-Kinase hemmt. Dies führt zu einer Unterbindung der nachgeschalteten Zellsignale bzw. der Zellproliferation und induziert den Zelltod in HER2-getriebenen Tumorzellen.

Die Vorteile von Tukysa® sind seine Fähigkeit, das progressionsfreie Überleben und das Gesamtüberleben zu verbessern, auch bei Patienten mit Metastasen. Die häufigsten Nebenwirkungen sind Durchfall und erhöhte Leberenzyme.

Biosimilars

Der CHMP riet zur Genehmigung für 2 Biosimilar-Arzneimittel:

  • Kixelle® (Insulinaspart) zur Behandlung von Diabetes mellitus und

  • Yuflyma® (Adalimumab) zur Behandlung bestimmter entzündlicher und Autoimmunerkrankungen.

Kixelle® ähnelt dem am 7. September 1999 in der EU zugelassenen Referenzprodukt NovoRapid® (Insulinaspart). Und Yuflyma ist dem am 8. September 2003 in der EU zugelassenen Referenzprodukt Humira® (Adalimumab) sehr ähnlich.

Generika

Ein positives Votum gab es für mehrere Generika:

  • Lenalidomid Krka® (Lenalidomid) zur Behandlung des multiplen Myeloms und des follikulären Lymphoms;

  • Lenalidomid Krka dd® (Lenalidomid) zur Behandlung des multiplen Myeloms, des myelodysplastischen Syndroms und des follikulären Lymphoms;

  • Lenalidomid Krka dd Novo mesto® (Lenalidomid) zur Behandlung des multiplen Myeloms und des myelodysplastischen Syndroms, des Mantelzelllymphoms und desfollikulärem Lymphoms sowie

  • Sunitinib Accord® (Sunitinib) zur Therapie verschiedener maligner Erkrankungen.

Hybrid-Arzneimittel

Der CHMP empfahl die Erteilung einer Genehmigung für das Inverkehrbringen von Ogluo® (Glucagon), einem Hybridarzneimittel zur Behandlung schwerer Hypoglykämie bei Diabetes mellitus. Hybridanwendungen beruhen zum Teil auf den Ergebnissen vorklinischer Tests und klinischer Studien eines bereits zugelassenen Referenzprodukts und zum Teil auf neuen Daten. Einsatzgebiet von Ogluo® ist die Wiederherstellung des Blutzuckerspiegels bei hypoglykämischen Patienten. Die häufigsten Nebenwirkungen sind Übelkeit und Erbrechen.

Erweiterung der therapeutischen Indikation

Erweiterungen der Indikation sind geplant für Bavencio® (Avelumab, zur Krebsimmuntherapie), Doptelet® (Avatrombopag, ein Thrombopoetin-Rezeptoragonist), Iscover® (Clopidogrel, zur Hemmung der Thrombozytenaggregation), Keytruda® (Pembrolizumab, zur Behandlung verschiedener Tumoren), Nplate® (Romiplostim), Nordimet® (Methotrexat, als Zytostatikum und Rheuma-Therapeutikum), Plavix® (Clopidogrel zur Hemmung der Thrombozytenaggregation), Rinvoq® (Upadacitinib, bei rheumatoider Arthritis) und bei Spravato® (Esketamin, bei Depressionen).

Einschränkung der Indikation

Der CHMP nahm eine positive Stellungnahme an und empfahl eine Änderung der Produktinformationen für Veklury® (Remdesivir), um klarere Anweisungen zu geben, bei welchen COVID-19-Patienten, die zusätzlichen Sauerstoff benötigen, dieses verwendet werden sollte.

 

Kommentar

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