Ärzte unter „ferner liefen“? Harsche Kritik der Verbände am STIKO-Entwurf zur Priorisierung von SARS-CoV-2-Impfungen

Christian Beneker

Interessenkonflikte

11. Dezember 2020

Wer darf zuerst? Wer muss sich anstellen? Der Verteilungskampf um Corona-Impfungen ist bereits entbrannt. Ärzteverbände kritisierten mit teils scharfen Worten die Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (STIKO) zur Priorisierung. Der STIKO-Vorschlag sei „bizarr“ und „paradox“, weil er niedergelassene Ärzte und Praxispersonal nicht priorisiere, so die Kritik.

Vor wenigen Tagen hat die STIKO konkrete Vorschläge unterbreitet, wer zuerst gegen eine Infektion mit SARS-CoV-2 geimpft werden sollte. Ärzte und Praxispersonal als Gesamtberufsgruppen stehen nicht ganz oben auf der Liste.

Umstrittene Priorisierung

Stattdessen hat die STIKO folgende Gruppen für Impfungen priorisiert, wie kürzlich in Berlin bekannt wurde:

  • Bewohner von Pflegeheimen,

  • Pflegekräfte in der Altenpflege und andere Personen, die engen Kontakt zu den Bewohnern haben,

  • Mitarbeiter in medizinischen Einrichtungen, die besonders stark der Gefahr einer Ansteckung ausgeliefert sind,

  • Personal in medizinischen Einrichtungen mit engem Kontakt zu besonders vulnerablen Patientinnen und Patienten und

  • Hochaltrige von 80 Jahren und mehr.

Die Liste wurde mit der Aufforderung an die Fachgesellschaften versandt, Stellung zu nehmen.

Hartmannbund: „Paradoxe Entscheidung“

Dr. Claus Reinhardt, Präsident der Bundesärztekammer, kritisiert, dass Ärzte „mit Blick auf die eigene Einordnung in die Impfreihenfolge“ von der STIKO einen Platz „auf den hinteren Bänken“ zugewiesen bekomme. Die Entscheidung offenbare wenig Wertschätzung und Unkenntnis; sie sei „paradox“, so Reinhardt. „Versorgung und medizinische Verantwortung machen nicht an der Klinikpforte halt! Die Einordnung von Ärztinnen und Ärzten in der ambulanten Versorgung muss revidiert werden.“ Schließlich seien Ärztinnen und Ärzte ganz besonders der Ansteckung mit dem Coronavirus ausgesetzt.

 
Die Einordnung von Ärztinnen und Ärzten in der ambulanten Versorgung muss revidiert werden. Dr. Claus Reinhardt
 

Die STIKO-Empfehlungen hätten „den Praxistest nicht bestanden“, moniert auch der Vorsitzende der Virchowbundes, Dr. Dirk Heinrich. Er kritisiert die Bewertung der STIKO, dass niedergelassene Ärzte allgemein nur einem moderaten Expositionsrisiko ausgeliefert seien als „bizarr“.

 
Dass im Kassenärztlichen Notdienst und in den Praxen niedergelassener Allgemeinärzte bis heute rund 94 Prozent aller Corona-Abstriche gemacht werden, blendet die STIKO-Beschlussempfehlung völlig aus! Dr. Dirk Heinrich
 

Warum würden Rettungsdienst und Notaufnahmen richtigerweise mit der höchsten Priorisierung versehen, während der kassenärztliche Notdienst 2 Stufen niedriger eingestuft werde, fragt Heinrich: „Dass im Kassenärztlichen Notdienst und in den Praxen niedergelassener Allgemeinärzte bis heute rund 94 Prozent aller Corona-Abstriche gemacht werden, blendet die STIKO-Beschlussempfehlung völlig aus!“ Ärztinnen und Ärzte teilten sich nach den STIKO-Kriterien ihre Einstufung „mit dem Reinigungspersonal in Kliniken und Praxen“.

Drohender Ausfall des ambulanten Notdienstes

Auch die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) kritisiert Priorisierungsvorschläge der STIKO. Die Empfehlung sei ein wichtiger Schritt, sagte KBV-Vize Dr. Stefan Hofmeister. Allerdings müsse bei der Einordnung des Personals der ambulanten Notdienste und der Vertragspraxen nachgebessert werden. Sie müssten zu der prioritär zu impfenden Kohorte gezählt werden.

Insbesondere bei der Behandlung von unbekannten Patienten, deren Vorgeschichte und Diagnosen man nicht kenne, sei ein erhebliches Infektionsrisiko gegeben. „Ein drohender Ausfall von ambulantem Notdienst und Praxen hätte katastrophale Auswirkungen auf den Verlauf der Pandemie“, betonte Hofmeister.

 
Die STIKO-Mitglieder werden sich die Stellungnahmen zeitnah anschauen und möglicherweise Veränderungen vornehmen. Robert Koch-Institut
 

Positiv bewertete der Deutsche Pflegerat die STIKO-Empfehlungen. Der Präsident des Rates, Dr. Franz Wagner, erklärte auf Nachfrage, der STIKO-Entwurf sei „sachlich gut nachzuvollziehen“. Die eigentliche Herausforderung in dem vorliegenden Vorschlag stecke „in der Entscheidung, wer aus der Gruppe mit höchster Priorität zuerst geimpft werden wird, da der Impfstoff nach heutigem Stand erstmal nicht für alle diese Personen reichen wird“, so Wagner. „Unabhängig davon muss an der Impfbereitschaft in der Bevölkerung gearbeitet werden damit nach Vorliegen ausreichender Mengen an Impfdosen eine hohe Impfrate erreicht wird.“ 

Änderungen an der Empfehlung möglich

Die STIKO-Empfehlung befindet sich derzeit im nicht-öffentlichen Stellungnahme-Verfahren. Die Frist zur Stellungnahme sei am Donnerstag abgelaufen, hieß es. „Die STIKO-Mitglieder werden sich die Stellungnahmen zeitnah anschauen und möglicherweise Veränderungen vornehmen“, sagte eine Sprecherin des Robert-Koch-Institutes, das die Arbeit der STIKO koordiniert. Die Geschäftsordnung der STIKO sehe vor, dass die maßgebende Fassung der Empfehlung „erst bei einem zugelassenen Impfstoff veröffentlicht werden kann“, sagte die Sprecherin.

 

Kommentar

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