Chirurgen warnen vor Engpässen auf den Intensivstationen: Auch Nicht-Corona-Patienten brauchen freie Kapazitäten

Christian Beneker

Interessenkonflikte

9. Dezember 2020

Die Krankenhäuser sind sicher. Das betonten die Teilnehmer der Jahrespressekonferenz der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie (DGCh) immer wieder [1]. „Das Krankenhaus ist kein gefährlicher Ort“, sagte Prof. Dr. Thomas Schmitz-Rixen, Vizepräsident der DGCh auf der Pressekonferenz. „Patienten und Personal haben sich mit dem Corona-Virus eher außerhalb der Krankenhäuser angesteckt als im Krankenhaus. Die Übertragung des Virus im Krankenhaus ist selten geblieben.“ 

 
Patienten und Personal haben sich mit dem Corona-Virus eher außerhalb der Krankenhäuser angesteckt als im Krankenhaus. Prof. Dr. Thomas Schmitz-Rixen
 

Sorgen machten sich die Chirurgen allerdings um die chirurgische Versorgung während der Pandemie. Denn neben der Versorgung der COVID-19-Patienten müssen auch viele andere Patienten mit potenziell lebensbedrohlichen Erkrankungen operiert werden, hieß es. Engpässe habe es z.B. im Zuge der ersten Pandemiewelle bei der Versorgung neurologischer und kardiologischer Patienten gegeben, so Schmitz-Rixen. Ebenso zählten die Chirurgen mehr Amputationen, die wegen verspäteten Behandlungsbeginns vorgenommen werden mussten.

Dagegen seien die Organspenden und die Transplantationen wider Erwarten nicht zurückgegangen, wie in anderen europäischen Ländern, merkte Prof. Dr. Wolf O. Bechstein an, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Allgemein- und Vizeralchirurgie (DGAV). „Im Gegenteil: Die Organspenden sind sogar ein bisschen mehr geworden. Da muss man sehr genau gucken.“

Die DGCh wollte ergründen, ob in den Krankenhäusern während der ersten Welle etwa mehr Darmkrebs-Operationen angefallen sind, weil die Patienten die Vorsorge-Koloskopie seltener in Anspruch genommen haben. Leider habe man für diese Studie keine Mittel akquirieren können, hieß es.

Keine Probleme beim „komplizierten Blinddarm“

Anders bei einer Studie zu Operationen bei Blinddarmpatienten während der ersten Corona-Welle. Auch hier wollte man wissen, ob das Pandemiegeschehen dazu geführt hat, dass Blinddarm-Entzündungen zu spät operiert wurden. Gegebenenfalls hätte die Rate mit komplizierten Blinddarm-Entzündungen ansteigen müssen. Doch dies trat nicht ein, jedenfalls nicht für komplizierte OPs.

„Wir haben die Daten aller Appendektomien aus 1.000 chirurgischen Kliniken in ganz Deutschland ausgewertet, darunter 90 Kliniken mit kinderchirurgischen Abteilungen“, sagte Prof. Dr. Udo Rolle, Präsident der DGCH. „Und zwar für den Zeitraum des Lockdowns sowie 6 Wochen davor und danach, jeweils für die Jahre 2019 und 2020. So hatten wir den direkten Vergleich zwischen Normal- und Ausnahmezustand.“ 

Die Zahl der komplizierten Blinddarmentzündungen blieb danach 2020 konstant. Abgenommen hat die Rate der Eingriffe aber bei unkomplizierten Blinddarmentzündungen. Vermutlich hätten die behandelnden Ärzte mit Antibiotika und Abwarten die Beschwerden der Patienten lindern können. Die Chirurgen haben bei diesem Krankheitsbild also den Stresstest bestanden, sagte Rolle. Die Versorgung sei „komplett vernünftig“ gelaufen.

Unterdessen warnte Schmitz-Rixen vor Engpässen in der chirurgischen Versorgung während der laufenden 2. Corona-Welle, in der inzwischen die gesamte Bevölkerung über alle Altersstufen betroffen sei. „Betten und Beatmungskapazitäten dürften reichen“, so Schmitz-Rixen. „Aber es mangelt am Pflegepersonal und inzwischen auch am ärztlichen Personal, was zu deutlichen Versorgungsengpässen führt.“ 

 
Aber es mangelt am Pflegepersonal und inzwischen auch am ärztlichen Personal, was zu deutlichen Versorgungsengpässen führt. Prof. Dr. Thomas Schmitz-Rixen
 

Das medizinische Personal sei im Durchschnitt ebenso oft an Corona erkrankt wie die Durchschnittsbevölkerung. Der Personalmangel sei besorgniserregend, weil „wir ohnedies zu wenig Personal und darüber hinaus jetzt viel höhere Zahlen als in der ersten Welle haben“, so Schmitz-Rixen.

Die Hauptwelle der Patienten kommt auf die Intensivstationen erst noch zu

„Ein bis zwei Prozent der Erkrankten werden nach bis zu 20 Tagen nach der Infektion intensivpflichtig. Schon jetzt laufen die Stationen voll, und die Krankenhäuser müssen andere Bereiche schließen, um die Intensivstationen noch betreiben zu können.“ Je länger die Infektionen dauern, umso dramatischer werde die Situation bei den Operationen. „Jeder kann sich ausrechnen, dass die Hauptwelle der Erkrankten noch auf die Intensivstationen zukommt“, sagte der DGCH-Vizepräsident. 

 
Schon jetzt laufen die Stationen voll, und die Krankenhäuser müssen andere Bereiche schließen, um die Intensivstationen noch betreiben zu können. Prof. Dr. Thomas Schmitz-Rixen
 

Hinzu komme die lange Verweildauer der COVID-Patienten auf den Intensivstationen von 3 bis 6 Wochen unter Umständen plus Beatmung.

Um die Situation nicht noch mehr zu dramatisieren, rief Schmitz-Rixen die Bevölkerung auf, unbedingt die AHA-Regeln einzuhalten. Er bitte dies nicht nur für die Senioren im Pflegeheim, die infiziert werden könnten und dann an einer Pneumonie sterben, sagte der Chirurg, sondern auch für diejenigen, die zum Beispiel einen Herzinfarkt erleiden und dann freie Intensivkapazitäten brauchen.

 

Kommentar

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