Stell Dir vor, es ist Impfung und kaum einer geht hin – Corona-Vakzine naht, doch wie steht‘s um die Impf-Bereitschaft?

Dr. Thomas Kron

Interessenkonflikte

9. Dezember 2020

Mehrere Impfstoffe gegen SARS-CoV-2 stehen nicht nur vor den Türen, sondern haben schon laut angeklopft. In Großbritannien ist gerade eine Genehmigung für die mRNA-Vakzine von Biontech und Pfizer erteilt worden. Am Dienstag wurde mit den Impfungen begonnen. Es wird damit gerechnet, dass sich vor Weihnachten noch weitere Türen öffnen. Bereits in wenigen Wochen könnte dann wahrscheinlich auch in Deutschland mit den Impfungen gestartet werden. 

Wie groß wird die Impfbereitschaft sein?

Doch was ist, wenn die Bereitschaft, sich impfen zu lassen, am Beginn schon nicht sehr groß ist und im weiteren Verlauf sogar noch nachlässt, etwa aufgrund von Meldungen zu Nebenwirkungen und der damit oft einhergehenden Panikmache, sei es in den konventionellen Medien, sei es in den sogenannten Sozialen Medien?

Das wäre in vielerlei Hinsicht höchst unerfreulich, auch ökonomisch, denn die politisch Verantwortlichen in der Bundesregierung und in der EU-Kommission haben große „Spendierhosen“ angezogen, um die Versorgung der Bevölkerung mit Impfstoffen zu sichern. „Mehr als eine Milliarde Impfstoffdosen scheinen somit für die EU-Länder im kommenden Jahr gesichert“, hieß es vor wenigen Tagen in der Wochenzeitung Die Zeit

Allein die Kosten für die Impfstoffe sind keine „Peanuts“: So wolle der britische Impfstoffhersteller AstraZeneca laut der Wochenzeitung „seinen Impfstoff nach Berichten von Industrieseite für 3 bis 4 Dollar pro Dosis an die EU-Kommission verkaufen, das US-Unternehmen Moderna verlangt dagegen offenbar bis zu 37 Dollar pro Dosis“. Hinzu kommen Kosten für Transport, Lagerung und die Impfungen selbst.

Es wäre demnach mehr als ärgerlich, wenn die Bereitschaft der Menschen, sich gegen das neue Corona-Virus impfen zu lassen, nicht so groß wäre wie angenommen. Aber ist das wirklich eine begründete Sorge?

Optimismus, aber nicht nur

Die Impfbereitschaft werde groß sein, zeigte sich zum Beispiel die Heidelberger Gesundheitspsychologin Prof. Dr. Monika Sieverding in der WDR-Sendung „Hart aber fair“ am vergangenen Montag optimistisch. Auch Gesundheitsminister Jens Spahn verbreitet Optimismus: „Ich bin überzeugt, wenn wir gemeinsam diesen harten schwierigen Corona-Winter hinter uns gebracht haben, wird auch die Bereitschaft steigen, sich impfen zu lassen“, sagte Spahn vor wenigen Tagen bei einem Besuch des Impfstoff-Herstellers IDT Biologika in Dessau-Roßlau.

 
Ich bin überzeugt, wenn wir gemeinsam diesen harten schwierigen Corona-Winter hinter uns gebracht haben, wird auch die Bereitschaft steigen, sich impfen zu lassen. Jens Spahn
 

Umfragen stimmen jedoch nicht zwingend nur optimistisch: In einer Umfrage für das ZDF-Politbarometer gaben 51% der Befragten an, dass sie sich impfen lassen wollen, 29% waren sich da noch nicht sicher. Immerhin 20% sagten, dass sie sich definitiv nicht impfen lassen würden.

Laut einer Umfrage von Infratest dimap für den ARD-DeutschlandTrend im vergangenen Monat wollen sich nur 37% auf jeden Fall impfen lassen. Im August waren es noch 44%. 34% gaben an, es für wahrscheinlich zu halten, sich impfen zu lassen. Fast jeder Dritte (29%) sagte jedoch, sich „wahrscheinlich nicht" oder „auf gar keinen Fall" impfen zu lassen.

Außerdem: Ende März hätten noch fast 60% der Deutschen das neue Corona-Virus als „(eher) angsteinflößend“, empfunden, wie die Monitoring-Untersuchung „Cosmo“ der Psychologin Cornelia Betsch von der Universität Erfurt ergab. Doch kürzlich seien es nur noch 48% gewesen, berichtete kürzlich der Spiegel.

Und wie die Zahlen aussehen werden, wenn in einigen Wochen tatsächlich mit den Impfungen begonnen wird, ist zudem unklar. Nicht auszuschließen ist, dass sich, wie es in dem Hamburger Nachrichtenmagazin weiter heißt, eine gewisse „Pandemiemüdigkeit“ einstelle – „ein Mix aus gesunkener Risikowahrnehmung, geringer Bereitschaft, sich zu informieren, und nachlassendem Schutzverhalten“. 

Ohne Vertrauen geht es nicht

Ein zweiter relevanter Faktor ist in diesem Zusammenhang das Vertrauen der Bürger – in den Staat, die Wissenschaft und auch in die pharmazeutischen Unternehmen, die Impfstoffe herstellen. Ohne Vertrauen sind bekanntlich auch verfügbare Impfstoffe nur die „halbe Miete“.

Leider musste in den vergangenen Jahren dieses Vertrauen immer wieder einige Dellen hinnehmen. Einen nicht unerheblichen Beitrag haben dazu Wissenschaftler, wissenschaftliche Organisationen und auch Fachmedien geleistet. Erinnert sei nur an die später zurückgezogene Lancet-Studie von Andrew Wakefield zu Autismus und der Masern-Mumps-Röteln-Impfung und auch an den Surgisphere-Skandal in diesem Jahr. Zur Erinnerung: Die international renommierten Fachzeitschriften The Lancet und das New England Journal of Medicine sahen sich, wie Univadis berichtete, gezwungen, 2 vielbeachtete klinische Studien zur Infektion mit SARS-CoV-2 zurückzuziehen. Der Grund: erhebliche Zweifel an den Daten, die den Studienautoren von der US-Firma Surgisphere geliefert worden waren.

Wenig vertrauensfördernd ist auch die Tatsache, dass es hin und wieder Wissenschaftler gibt, die ihre wissenschaftlichen Aussagen zuvor im Windkanal eines Sponsors designen lassen. Und auch Medien und ihre Vertreter haben schon häufiger dem Vertrauen der Bürger in die Wissenschaft einige Dellen bereitet. Nicht gerade vertrauensfördernd war vor wenigen Tagen leider auch die Art der Kommunikation von AstraZeneca/Oxford University zu ihrem Impfstoff gegen SARS-CoV-2. 

Wahrhafte Kommunikation kontra Gerüchteküche

Besonders schädlich ist in diesem Zusammenhang, dass vor allem Soziale Medien so gut wie jeden Blödsinn verbreiten – also auch den mancher Impfgegner. Insbesondere Google, Facebook und YouTube seien „Nährboden und Verstärker für Anti-Impf-Verschwörungstheorien. Weil Inhalte, die Angst und Wut auslösen, dort besonders gut laufen“, so Spiegel-Kolumnist Christian Stöcker letztes Jahr in seinem Beitrag zur „Tödlichen Dummheit“ der Impfgegner. Da Dummheit unsterblich ist, werden leider auch im aktuellen Fall der Corona-Pandemie allerlei bedenkliche Botschaften verbreitet, wie ein Blick auf das zeigt, was so manche verwirrte Zeitgenossen etwa auf Twitter verbreiten. Da reicht das Spektrum der „Botschaften“ bis hin zu der Behauptung, die geplante Impfung sei eine „Massenvernichtungswaffe“. 

 
Wahrhafte Kommunikation ist das beste Mittel gegen Zweifel. Ranga Yogeshwar
 

Man müsse sich jetzt eine Strategie überlegen, um gegen Falschmeldungen in sozialen Netzwerken gewappnet zu sein, empfahl daher der Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar in der WDR-Sendung „Hart aber fair“. Zumal „jede Impfung auch ein Risiko hat, so wie alles im Leben. Das müssen wir jetzt kommunizieren, bevor die Gerüchteküche hochkocht. Wahrhafte Kommunikation ist das beste Mittel gegen Zweifel.“ Das ist zwar keine besonders originelle Erkenntnis mehr, aber trotzdem eine notwendige Forderung.

Eine völlig neue Art von Impfstoffen

Zu einer „wahrhaften Kommunikation“ zählt im aktuellen Fall der Impfstoffe gegen SARS-CoV-2 auch die Aufklärung darüber, dass es sich – anders als bei der Masern- oder der Influenza-Impfung – bei den mRNA-Vakzinen von Biontech und Moderna um eine völlig neue Art von Impfstoffen handelt. Dabei geht es zwar nicht, wie teilweise behauptet, um eine „Gentherapie“ oder einen Eingriff in das menschliche Genom: Die mRNA-Vakzine enthalten nicht den Code für ein menschliches Protein, sondern die Bauanleitung für das virale Spike-Protein (oder einen Teil davon). Auch wird an den Grundlagen nicht erst seit diesem Corona-Jahr, sondern schon seit vielen Jahren geforscht. Beide mRNA-Impfstoffe von Moderna und Biontech kommen außerdem ohne Adjuvans aus.

Bei keinem dieser Impfstoffe können jedoch Nebenwirkungen ausgeschlossen werden. Passagere Nebenwirkungen wie Rötungen und Schmerzen an der Injektionsstelle sind sogar relativ wahrscheinlich, aber sicher kein Grund, die Impfung abzulehnen. Auch weniger harmlose Nebenwirkungen sind nicht mit absoluter Sicherheit auszuschließen. Seltene, aber möglicherweise schwere Komplikationen fallen vielleicht erst dann auf, wenn bereits mehrere Millionen Menschen geimpft worden sind und zudem einige Monate verstrichen sind. 

 
Wir haben einfach noch nicht die Nachbeobachtungszeiten, die man gerne hätte. Prof. Dr. Eva Hummers
 

Prof. Dr. Eva Hummers, Mitglied der Ständigen Impfkommission, verschwieg daher in der WDR-Sendung „Hart aber fair“ auch nicht, dass durchaus noch viele Fragen unbeantwortet seien. „Wir haben einfach noch nicht die Nachbeobachtungszeiten, die man gerne hätte“, so die Allgemeinmedizinerin der Universität Göttingen.

Es kann daher auch kaum verwundern, dass vermutlich selbst Ärzte nicht alle sofort „hier“ schreien werden, wenn sie selbst geimpft werden können. So hat eine aktuelle Umfrage von Medscape gezeigt: Nur jeder 2. Arzt (49%) würde sich so schnell wie möglich impfen lassen. Immerhin etwas mehr als ein Drittel würde sich lieber noch in Geduld üben. Und 15% der Ärzte lehnten in dieser Umfrage die Corona-Impfung sogar ab. Vorsicht ist offenbar auch für Ärzte besser als Nachsicht.  

Dieser Artikel ist im Original erschienen auf  Univadis.de.
 

Kommentar

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