Eignet sich die Hirnstamm-Audiometrie bei Neugeborenen zur Autismus-Früherkennung?

Pauline Anderson

Interessenkonflikte

8. Dezember 2020

Ein häufig bei Neugeborenen eingesetzter Hörtest scheint nach einer aktuellen Studie auch als Früherkennungsinstrument für Autismus-Spektrum-Störungen einsetzbar zu sein. Die Ergebnisse der bislang größten derartigen Studie zeigen, dass die BERA (brainstem-evoked response audiometry, Hirnstammaudiometrie), die z.B. bei Neugeborenen durchgeführt wird, „ein großes aber bislang ungenutztes Potenzial“ zur Früherkennung von Autismus darstellt, sagt Hauptautor Oren Miron von der Abteilung Biomedizinische Informatik der Harvard Medical School in Boston und Doktorand der Ben-Gurion-Universität im israelischen Beersheba gegenüber Medscape.

 
Die Ergebnisse stärken unser Bild, dass der Autismus in vielen Fällen eine sensorische und eine auditive Komponente hat. Oren Miron
 

„Die Ergebnisse stärken unser Bild, dass der Autismus in vielen Fällen eine sensorische und eine auditive Komponente hat“, sagte Miron und fügte hinzu, dass eine negative Reaktion auf akustische Reize eines der frühesten Verhaltensmerkmale bei Autismus sei. Die Ergebnisse wurden in Autism Research veröffentlicht [1].

Frühe Intervention entscheidend

Die Autismus-Spektrum-Störung (ASD), die Probleme in der sozialen Kommunikation und Interaktion mit sich bringt, betrifft etwa 1,7% der Kinder. Das frühzeitige Erkennen und die anschließende Intervention sind entscheidend für ein verbessertes Outcome und eine Senkung der Gesundheitskosten im Zusammenhang mit einer ASD.

Der BERA-Test, der u.a. im Neugeborenen-Hörscreening (UNHS) verwendet wird, misst die frühen akustisch evozierten Potenziale (FAEP) über Oberflächenelektroden an den Hörnerven und am Hirnstamm als Reaktion auf einen Schallreiz.

Bereits in früheren Untersuchungen wurde eine abnorme BERA-Amplitude bei Kindern mit ASD festgestellt. Es ist jedoch unklar, ob gesunde Neugeborene, die später Autismus entwickeln, ebenfalls Unterschiede bei der BERA im Vergleich zu denjenigen aufweisen, welche die Störung nicht entwickeln.

Die Forscher verwendeten UNHS-Daten aus Florida zwischen 2009 und 2015. Die Daten ermöglichten es ihnen, eine größere, jüngere und gesündere Stichprobe im Vergleich zu früheren Studien zu untersuchen. So wurden 321 Neugeborene, bei denen später eine ASD diagnostiziert wurde, und 138.844 Kontrollkinder ohne anschließende ASD-Diagnose erfasst.

Das Durchschnittsalter für die BERA-Testung betrug 1,76 Tage für Neugeborene, bei denen später ASD diagnostiziert wurde, und 1,86 Tage für die Kinder der Nicht-ASD-Gruppe.

Die ASD-Gruppe war zu 77% männlich und die Nicht-ASD-Gruppe zu 51%. Die Einweisungsrate auf eine Intensivstation für Neugeborene betrug 8% in der ASD-Gruppe und 10% in der Nicht-ASD-Gruppe.

Fragliche Hirnstamm-Anomalien

Bei dem Hörtest wird ein Kopfhörer in das Ohr des Babys eingesetzt und ein Klickgeräusch mit 35 dB über dem normalen Hörpegel (nHL, normalized hearing level) und einer Frequenz von 77 Klicks/Sekunde im rechten Ohr und 79 Klicks/Sekunde im linken Ohr abgegeben.

Die Klicks erzeugen eine elektrische Aktivität, die von den Oberflächenelektroden aufgezeichnet und in die Wellenform der BERA umgewandelt wird. Wenn ein Schallreiz den Hirnstamm erreicht, erzeugt er 5 aufeinanderfolgende Wellenformen I bis V.

Frühere Studien konzentrierten sich auf die Welle V, die am einfachsten zu erkennen ist. In der aktuellen Studie wurde jetzt Schall mit niedriger Intensität verwendet, der zu einem schwächeren Signal führte. Um das Problem der geringen Intensität zu lösen, konzentrierten sich die Forscher auf den negativen Abfall (Latenz) nach der Welle V (Vn), der leichter zu erkennen ist, sowie auf die BERA-Phase oder die gesamte Wellenform. Sie machten dann die Unterschiede zwischen den ASD- und Nicht-ASD-Gruppen in verschiedenen Diagrammen anschaulicher.

Die Ergebnisse zeigten, dass die BERA-Phase im rechten Ohr in der ASD-Gruppe gegenüber der Nicht-ASD-Gruppe signifikant verlängert war (p<0,001). Die BERA-Phase im linken Ohr war in der ASD-Gruppe ebenfalls signifikant verlängert (p=0,021).

Die Vn-Latenzzeit im rechten Ohr war in der ASD-Gruppe im Vergleich zur Nicht-ASD-Gruppe signifikant länger (p=0,048). Im linken Ohr war dies jedoch nicht der Fall. Bei normal entwickelten Kindern trat die V-negative Welle nach 8 Millisekunden auf, während sie bei Kindern mit Autismus 8,5 oder 9 Millisekunden betrug, so Miron.

Diese neue Studie zeige erstmalig, so die Autoren, dass die V-negative Welle und Phasenanomalien mit ASD assoziiert seien. Die Prolongation im Hirnstamm könne auf dortige anatomische Anomalien bei Personen mit ASD zurückzuführen sein.

Schon vor der Geburt angelegt?

Die Existenz eines Biomarkers bei der BERA für die Autismus-Spektrum-Störung schon in den ersten Wochen nach der Geburt deutet darauf hin, dass die Erkrankung bei den meisten Kindern wahrscheinlich schon vor der Geburt vorhanden ist, stellten die Untersucher fest.

Die BERA könnte so modifiziert werden, dass sich mit den niedrigeren Intensitäten nicht nur Hörschäden, sondern auch eine Autismus-Prädisposition erkennen ließe, sagte Miron. „Der Test ist für das Aufdecken einer Hörschädigung optimiert und vermag dies auch sehr zufällig zu leisten, wodurch er Tausenden Kindern hilft. Eine solche Optimierung streben wir auch für den Autismus an“, so Miron weiter. Dies könnte zu einer früheren Diagnose führen, was wiederum eine früher einsetzende Therapie und ein besseres Outcome für Kinder mit ASD bedeuten könne.

Derzeit ist noch unklar, ab welcher Verzögerung eine ASD diagnostiziert werden kann. „Ich glaube, dass viele hier von einer Standardabweichung ausgehen würden, aber es hängt von mehreren Faktoren ab, wie etwa, ob ein Baby vorzeitig geboren wird“, sagte Miron. Bevor der Neugeborenen-Hörtest klinisch hilfreich sein könne, seien noch weitere und genauere Untersuchungen mit einer höheren Spezifität erforderlich.

Miron ergänzte noch, dass der Hörtest nur ein Marker für Autismus sei und dass er sich möglicherweise mit anderen Verhaltensmerkmalen und genetischen Markern kombinieren ließe, um dadurch zu der früheren Diagnose und Therapie zu kommen, sodass es für die von ASD betroffenen Kinder zu einem besseren Outcome käme.

Er möchte mit seinem Team zukünftig untersuchen, ob der Grad der verzögerten Signalverarbeitung mit dem Schweregrad des Autismus korreliert. Zudem sei die Untersuchung von ASD-Subpopulationen geplant, wie z.B. bei Kindern mit gleichzeitig bestehender Epilepsie.

Herausragende und intelligente Studie

Prof. Dr. Jeremy Veenstra-VanderWeele, Kinder- und Jugendpsychiater an der Columbia University in New York, bezeichnete in einem Kommentar für Medscape die Studie mit ihrer Nutzung eines bestehenden Datensatzes als „herausragend“ und „intelligent“. Die Autoren konnten so „einen Unterschied zwischen einer großen Gruppe von Kindern mit Autismus und einer großen Gruppe von Kindern ohne Autismus aufzeigen.“

 
Damit dieses Verfahren als Screening eine breite Anwendung finden kann, muss ein Grenzwert identifiziert werden, ab dem man definitiv von einem Autismus-Risiko für ein Kind ausgehen kann. Prof. Dr. Jeremy Veenstra-VanderWeele
 

Jedoch seien, so fügte er hinzu, weitere Forschungsanstrengungen erforderlich, bevor der Test als Hilfsmittel im Autismus-Screening Einzug in die Praxis halten könnte. „Damit dieses Verfahren als Screening eine breite Anwendung finden kann, muss ein Grenzwert identifiziert werden, ab dem man definitiv von einem Autismus-Risiko für ein Kind ausgehen kann. Doch wenn ich mir die Diagramme in dem Artikel anschaue, gibt es einen solchen Wert noch nicht“, sagte Veenstra-VanderWeele weiter.

Für diesen Schritt „müsste man die Sensitivität und die Spezifität ermitteln, also nicht nur Kinder mit Autismus und Kinder ohne Autismus vergleichen, sondern ihn prädiktiv bei einer zweiten Population anwenden“.

Dieser Artikel wurde von Markus Vieten aus www.medscape.com übersetzt und adaptiert.
 

Kommentar

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