Abgesagte Operationen, verunsicherte Patienten – wie die Pandemie die Endoprothetik beeinflusst

Ute Eppinger

Interessenkonflikte

7. Dezember 2020

Die Corona-Pandemie hat sich direkt auf Arthrose-Patienten und Kliniken ausgewirkt: Schon in der 1. Welle mussten viele endoprothetische Operationen verschoben werden, verunsicherte Patienten sagten Eingriffe ab. Wie es jetzt aussieht, wann eine Operation verschiebbar ist und wie sich Patienten darauf vorbereiten können, stellten Experten auf der Pressekonferenz der Deutschen Gesellschaft für Endoprothetik (AE) im Vorfeld der 22. Jahrestagung vor [1].

„Es ist meistens möglich, mit der Operation einer arthrotisch geschädigten Hüfte noch etwas abzuwarten und Zeit zu überbrücken“, beruhigte Prof. Dr. Karl-Dieter Heller, Präsident der AE und Chefarzt der Orthopädischen Klinik am Herzogin Elisabeth Hospital in Braunschweig.

Heller erinnerte daran, dass das Verbot elektiver Eingriffe während der 1. Corona-Welle zu deutlichen Einschränkungen geführt hatte. „Für die Kliniken, die sich an das Verbot der Durchführung elektiver Eingriffe gehalten haben, hat sich die Menge der endoprothetischen Operationen auf etwa 20 Prozent reduziert“, berichtete Heller. Ein Drittel der Patienten habe den OP-Termin abgesagt, ein Drittel den Termin verschoben, und ein Drittel hatte auf der kurzfristigen Operation bestanden.

 
Es ist meistens möglich, mit der Operation einer arthrotisch geschädigten Hüfte noch etwas abzuwarten und Zeit zu überbrücken. Prof. Dr. Karl-Dieter Heller
 

In der 2. Welle jetzt ist die Zahl der Absagen deutlich geringer: „Sie liegt in unserer Klinik unter 10 Prozent. Die Patienten realisieren, dass die Pandemie noch längere Zeit andauern wird und damit ein Aufschieben bei geringem Risiko keine sinnvolle Option darstellt“, so Heller. Verbote planbarer Operationen scheinen derzeit nur lokal ausgesprochen zu werden, das lasse die Durchführung planbarer Operationen zu.

Strenge Hygienekonzepte in den Kliniken sollen Sicherheit gewährleisten: Corona-Testungen bei der Aufnahme, Isolierung von Risikopatienten und umfassende Quarantäneregeln. Dazu kommen regelmäßige Testungen von Personal und Patienten.

Durch die Klinikaufnahme erst am OP-Tag, minimalinvasive Techniken und sofortige Mobilisation nach dem Eingriff hat sich die Aufenthaltsdauer im Krankenhaus in den vergangenen Jahren deutlich verkürzt. „Aus unserer Sicht steht einer Operation momentan nichts im Wege, sofern die Pandemiesituation in Deutschland so stabil bleibt wie momentan“, betonte Heller.

 
Aus unserer Sicht steht einer Operation momentan nichts im Wege, sofern die Pandemiesituation in Deutschland so stabil bleibt wie momentan. Prof. Dr. Karl-Dieter Heller
 

Manche Eingriffe waren nicht verschiebbar. Dazu gehörten massivste Beschwerden bis hin zu ausgeprägten Ruheschmerzen, nicht planbare Operationen wie Schenkelhalsfrakturen, aber auch Hüftkopfnekrosen. „Hier kann man bei ausgeprägten Fällen nicht auf die OP warten“, sagte Heller. Er berichtete, dass vor allem Knieprothesen und Wechseloperationen abnahmen und die Menge der Hüftprothesen zunahm. Beim Knie, so Heller, seien die konservativen Maßnahmen offensichtlich deutlich besser umsetzbar als an der Hüfte.

„Prinzipiell ist es überhaupt kein Problem, mit einer arthrotisch veränderten geschädigten Hüfte zuzuwarten.“ Zwar sei denkbar, dass das Gelenk steifer wird und die Arthrose deutlich fortschreitet. Die fortschreitende Arthrose wirkt sich nur selten nachteilig auf die nachfolgende OP aus. Die Bewegungseinschränkung führe schlimmstenfalls dazu, dass ein paar Wochen später erst die gewünschte optimale Beweglichkeit erreicht wird.

Zeit überbrücken mit Schmerztherapie und mehr Physiotherapie

Mit Schmerztherapie, orthopädischen Hilfsmitteln und Physiotherapie lässt sich die Wartezeit auf eine Operation überbrücken, machte PD. Dr. Stephan Kirschner deutlich. Er ist Vizepräsident der AE und Direktor der Klinik für Orthopädie der St. Vincentius-Kliniken in Karlsruhe. „Die Beschwerden können durch diese Maßnahmen günstig beeinflusst werden, und häufig ist wieder eine normale körperliche Aktivität möglich“, sagte Kirschner.

 
Inaktivität ist bei Hüftprothesen heute ein größeres Risiko als Aktivität. Prof. Dr. Carsten Perka
 

Allerdings ist sowohl bei der Schmerztherapie als auch bei der Physiotherapie noch viel Luft nach oben: „Laut aktuellen Studien erhalten in der Realität nur etwa 60 Prozent der Patienten eine geeignete Schmerztherapie und nur 43 Prozent Krankengymnastik und physikalische Therapien. Hier besteht also Nachholbedarf“, so Kirschner.

Kirschner rät auch zur vorübergehenden Nutzung von Unterarmgehstützen: „Sehr häufig bessern sich die Beschwerden unter der Entlastung des Gelenkes“, weiß der Experte. Ein schöner Nebeneffekt sei zudem die Kräftigung der Muskulatur von Schultergürtel und Armen und die Schulung der Balance. Unterarmgehstützen können vom Arzt verschrieben werden.

Patienten, so Kirschner, sollten die Wartezeit nutzen, um fitter für ihre Endoprothesen-OP zu werden: „Betroffene sollten sich von ihrem Hausarzt über ihre persönlichen Risikofaktoren aufklären lassen und dann versuchen, gezielt gegenzusteuern. Klassische Risikofaktoren für Komplikationen bei einer OP sind Übergewicht, Rauchen, ein schlecht eingestellter Blutzucker – etwa bei nicht erkanntem Diabetes –, ein reduzierter Allgemeinzustand und chronische Infekte etwa von Zähnen, der Blase oder der Haut.“

Sport mit Hüftprothese ausdrücklich erwünscht

Dass Schonung nach einer endoprothetischen Operation eine schlechte Idee ist, machte Prof. Dr. Carsten Perka deutlich. Er ist Generalsekretär der AE und Ärztlicher Direktor des Centrums für Muskuloskeletale Chirurgie an der Charité – Universitätsmedizin Berlin. „Inaktivität ist bei Hüftprothesen heute ein größeres Risiko als Aktivität. Der Patient, der sich operieren lässt, muss verstehen, dass das keine Operation ist, nach der man sich ausruhen sollte, sondern dass es darum geht, ein Höchstmaß an Aktivität wieder zu gewinnen, und durch koordinative Fähigkeiten und eine Kräftigung der Muskulatur Folgeprobleme zu vermeiden“, erklärte Perka.

In der Vergangenheit sei man davon ausgegangen, dass sportliche Betätigung zu vorzeitigem Materialverschleiß und anderen Problemen bei der Prothese führe. Verschleißpartikel etwa könnten eine Entzündungsreaktion rund um das Implantat mit Lockerung auslösen. Dann muss das Kunstgelenk vorzeitig ausgetauscht werden. Ärzte rieten ihren Patienten deshalb früher, das künstliche Gelenk möglichst nur zurückhaltend zu belasten. „Viele Patienten haben sich deshalb eher zu wenig bewegt“, so Perka. Doch diese Empfehlung sei überholt: „Die Endoprothetik hat sich in den letzten 20 Jahren weiterentwickelt. Gerade die Hüftprothesen tolerieren heute deutlich mehr Aktivität.“

In der Hüftendoprothetik ermöglichen innovative Prothesenmaterialien, vielfältige Implantatmodelle und differenzierte, schonende OP-Techniken mittlerweile einen deutlich aktiveren Lebensstil. Eine gleichmäßige, wenn auch intensive Belastung der Prothese durch langsames Joggen, Fahrradfahren, Ski-Langlauf sei unproblematisch. Das gelte auch für Ski Alpin – diese Sportart sollte man allerdings schon vor der Operation beherrschen.

 
Wir empfehlen unseren Patienten mit Ersatzgelenk heute tägliche körperliche Aktivität von mindestens einer Stunde. Prof. Dr. Carsten Perka
 

„Wir empfehlen unseren Patienten mit Ersatzgelenk heute tägliche körperliche Aktivität von mindestens einer Stunde“, sagt Perka. Das gelte umso mehr, da 27% der Erwachsenen während der Corona-Pandemie zugenommen haben. „Wir müssen unsere Empfehlungen hinsichtlich der sportlichen Betätigung nach Implantation einer Hüftprothese anpassen und moderaten Sport nun nicht nur eindeutig erlauben, sondern empfehlen“, betonte Heller.
 

Kommentar

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