„Meilenstein“ für Früherkennung und Diagnostik? Erster Alzheimer-Bluttest in den USA verfügbar

Pauline Anderson

Interessenkonflikte

30. November 2020

Die Versprechungen des Herstellers klingen nach einer Sensation: Erstmals ist jetzt (in den USA) ein Bluttest zum Nachweis von Amyloid als Marker der Alzheimer-Krankheit für den klinischen Einsatz verfügbar. Das teilte der Hersteller des Tests C2N Diagnostics jetzt mit. Demnach könne ein solcher nicht invasiver und einfach zu handhabender Test als Meilenstein in der Früherkennung und Diagnostik der Alzheimer-Krankheit betrachtet werden, so heißt es.

Dieser Test „bedeutet eine neue Option für Patienten, Familien und die gesamte Ärzteschaft, die bereits sehnsüchtig auf innovative Werkzeuge zur Bewältigung der großen Probleme infolge der Alzheimer-Krankheit gewartet haben“, wird Dr. Joel B. Braunstein, Geschäftsführer von C2N Diagnostics, in einer Pressemitteilung zitiert.

 
Dieser Test ist die Antwort auf den dringenden Bedarf an kostengünstigen und zugänglichen Verfahren in der Demenzdiagnostik. Dr. Howard Fillit
 

„Dies ist wirklich ein großer Fortschritt“, meint auch Dr. Howard Fillit, Gründer und Geschäftsführer der Alzheimer's Drug Discovery Foundation (ADDF), welche die Entwicklung des Tests mitfinanziert hat, in einer eigenen Pressemitteilung.

„Sie können jetzt in die Praxis Ihres Arztes gehen, um einen Bluttest zur Erkennung der Alzheimer-Krankheit machen zu lassen“, sagt Fillit. „Dieser Test ist die Antwort auf den dringenden Bedarf an kostengünstigen und zugänglichen Verfahren in der Demenzdiagnostik.“ Hoffnungen, die einige Experten nicht so euphorisch teilen würden.

Mahnung zur Zurückhaltung

Dr. Maria C. Carrillo, wissenschaftliche Leiterin der Alzheimer's Association, mahnt jedoch zur Zurückhaltung. Der Test sei „sehr neu“ und auch Experten verfügten nur über „begrenzte Informationen“ dazu. Er sei zudem für Patienten mit kognitiven Beeinträchtigungen nur auf ärztliche Veranlassung zugänglich, erklärt Carrillo gegenüber Medscape.

„Der Test ist bisher nicht von der FDA genehmigt und er allein vermag auch nicht über die Diagnose Alzheimer-Krankheit zu entscheiden“, fügt sie hinzu. „Ohne die Begutachtung durch die FDA fehlt den Ärzten eine sichere Grundlage darüber, wie der Test in die Entscheidungsfindung über Diagnose und Therapie einbezogen werden soll.“

Carrillo wies auch darauf hin, dass der Test nur bei einer begrenzten Personenzahl eingesetzt wurde und dass es zu verschiedenen Bevölkerungsgruppen auch nur wenige Daten gebe. „Daher ist nicht klar, inwieweit die Ergebnisse auf den Einzelnen und auf die Gesamtbevölkerung übertragbar sind“, stellt sie fest.

 
Ohne die Begutachtung durch die FDA fehlt den Ärzten eine sichere Grundlage darüber, wie der Test in die Entscheidungsfindung über Diagnose und Therapie einbezogen werden soll. Dr. Maria C. Carrillo
 

Ein weiterer wichtiger Punkt, den es zu berücksichtigen gelte, sagte Carrillo, sei, dass der Test derzeit von Versicherungen in den USA, wie Medicare und Medicaid, nicht übernommen werde.

So funktioniert der Test

Der Test (PrecivityAD) ist für den Einsatz bei Patienten mit kognitiver Beeinträchtigung vorgesehen. Er erfordert lediglich 5 ml venöses Blut (ein Teelöffel voll). Die Probe wird dann an das Speziallabor von C2N Diagnostic verschickt und dort massenspektrometrisch analysiert. Damit lassen sich die Konzentrationen von Amyloid-beta 42 und 40 bestimmen und Apolipoprotein-E-Isoformen nachweisen.

Der Laborbericht für den überweisenden Arzt enthält dann Einzelheiten über die Biomarker-Konzentrationen und kommt zu einer kombinierten Gesamtpunktzahl, den so genannten Amyloid-Wahrscheinlichkeitsscore, der eine Wahrscheinlichkeitseinstufung für niedrige, mittlere oder hohe Konzentrationen von Amyloid-Plaques im Gehirn ermöglicht.

Das Unternehmen gab an, dass der Test anhand der Daten von 686 Patienten über 60 mit subjektiver kognitiver Beeinträchtigung oder Demenz bei 86% der Patienten das Ausmaß der Amyloid-Plaques im Gehirn korrekt wiedergegeben habe, was durch quantitative Amyloid-Positronen-Emissions-Tomographie (PET-Scans) bestätigt wurde. In der Analyse betrug die Fläche unter der Grenzwertoptimierungskurve 0,88 (ROC-Kurve, receiver operating characteristic).

Das Unternehmen weist darauf hin, dass der Test, dessen Ergebnisse von einem Arzt interpretiert werden müssen, eine wichtige neue Evaluationshilfe sei. Derzeit sei er in fast allen US-Bundesstaaten erhältlich.

C2N Diagnostics arbeitet weiter an der Entwicklung eines Diagnosesets für das Gehirn, das mehrere Alzheimer-Marker im Blut erkennen soll, um somit zu einer besseren Einordnung der Schwere der Erkrankung, ihres Verlaufes und der Differenzialdiagnosen zu kommen.

Für die ADDF führt der Weg zu einer zugelassenen Alzheimer-Therapie über eine verbesserte Diagnostik, so Fillit in der Pressemitteilung seiner Organisation.

„Die Investitionen in die Biomarker-Forschung sind ein Schwerpunkt für die ADDF. Von zuverlässigen, verfügbaren und bezahlbaren Biomarkern hängt in der Alzheimer-Diagnostik unsere Fähigkeit ab, Wirkstoffe zu finden, mit denen die Krankheit verhindert, gebremst oder vielleicht sogar geheilt werden kann. Unsere Mittel haben dazu beigetragen, den ersten PET-Scan auf den Markt zu bringen und jetzt haben sie den Weg für den ersten Bluttest geebnet.“

Dieser Artikel wurde von Markus Vieten aus www.medscape.com übersetzt und adaptiert
 

Kommentar

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