MEINUNG

Bericht zur Männergesundheit: Senioren immer fitter aber trotzdem frustriert – wie der Übergang in die Rente gelingt

Christian Beneker

Interessenkonflikte

25. November 2020

Der Dresdner Erziehungswissenschaftler und Berater Dr. Matthias Stiehler ist Mitherausgeber des 4. Männergesundheitsberichts, der gerade veröffentlicht wurde (online nicht verfügbar). Medscape sprach mit Stiehler über die wichtigsten Erkenntnisse daraus und der Eintritt in den Ruhestand für Körper und Psyche der Männer bedeutet.

Dr. Matthias Stiehler

Medscape: 55- bis 65-Jährige haben bessere Gesundheitsdaten als noch vor 10 Jahren. Das hat Ihre Untersuchung ergeben. Woran ist dies genau erkennbar?

Dr. Stiehler: Die Gesundheitsdaten haben sich in den letzten Jahrzehnten insgesamt verbessert. Die spaßige Aussage, dass 60 die neue 50 sei, ist richtig. Herzinfarkte und auch Lungenkrebs – als stark vom Risikoverhalten abhängige Erkrankungen – konnten deutlich reduziert werden. Insgesamt ist diese Altersgruppe fitter und zum Beispiel auch sportlich aktiver. Das gilt übrigens auch für die Altersgruppe von 65 bis 75, die wir als die „jungen Senioren“ bezeichnen.

Medscape: Welche Krankheiten treten heute trotz statistisch besserer Gesundheit am häufigsten auf, wenn Männer an der Schwelle zum Ruhestand stehen?

Dr. Stiehler: Natürlich hinterlässt der Alterungsprozess seine Spuren. Die funktionelle Kapazität fast aller Organsysteme verliert pro Dekade 10 bis 15 Prozent. Und es gibt weiterhin spezifisch männliche Gesundheitsprobleme.

Viele Männer leiden unter Herz-Kreislauf-Beschwerden. Auch die verminderte sexuelle Leistungsfähigkeit macht Probleme. Chronische Erkrankungen wie Diabetes mellitus oder Bluthochdruck treten bei Männern signifikant häufiger auf als bei Frauen. Ihre Herzinfarktrate ist höher. Männer sterben statistisch gesehen 5 Jahre früher als Frauen.

Besonders aber fällt auf, dass psychische Erkrankungen für Männer ein wichtiges Thema sind, was sich an der deutlich höheren Suizid- und Alkohol-Abususrate bei Männern zeigt.

Dennoch hat sich in unserer Untersuchung nicht bestätigt, dass der sogenannte „Rententod“ ein gesellschaftliches Phänomen ist. Zwar gibt es diese Fälle, aber sie sind statistisch nicht signifikant.

Allerdings gibt es häufig ein sogenanntes Rentenloch. Es tut sich auf, wenn nach den ersten Monaten im Ruhestand jedes Beet im Garten umgegraben ist, die große Reise hinter einem liegt und die Wohnung renoviert wurde. Was dann? Viele Männer fallen dann in jenes Rentenloch. Ihr Leben erscheint ihnen nicht mehr sinnhaft.

Medscape: Seltsamerweise sind die Männer an der Schwelle zum Ruhestand zwar gesünder als je zuvor, aber sie fühlen sich nicht besser. Das ist eines der Ergebnisse Ihrer Studien. Woher kommt dieses Missverhältnis?

Dr. Stiehler: Ja, das ist ein sehr interessanter Befund. Männer in den letzten 10 Berufsjahren vor der Rente setzen sich, ob bewusst oder nicht, mit dem Arbeitsende auseinander. Sie fragen sich: Welche Erwartungen habe ich noch an den Beruf? Was bringt die Arbeit eigentlich noch?

Kaum ein Mann in diesem Alter wird zu neuen Ufern aufbrechen. Die berufliche Karriere ist vorbei. Im Bild gesprochen: Wer bald aus seiner Wohnung auszieht, wird sie nicht noch einmal groß und aufwändig renovieren. Viele Männer, die 60 geworden sind, werden gefragt: Wie lange machst Du noch?

Auf der anderen Seite fehlt die Wertschätzung durch die Arbeitgeber. Für sie sind die älteren Arbeitnehmer die selbstverständliche, sichere Bank, um die sich nicht besonders gekümmert werden muss. Die sind ohnehin bald weg. Das beschreiben viele Männer in dieser Situation als ernüchternd und frustrierend.

Medscape: Welche Rolle spielen psychische Erkrankungen genau? Bei den AU-Tagen zum Beispiel sind ja die psychischen Leiden der häufigste Grund.

Dr. Stiehler: Psychische Erkrankungen spielen schon deswegen bei Männern eine wesentliche Rolle, weil sie chronisch unterdiagnostiziert sind. Von Depressionen wissen wir mittlerweile, dass Männer ebenso häufig betroffen sind wie Frauen. Dennoch werden sie bei Männern nur halb so oft diagnostiziert. Auch Suizide werden von Männern in allen Altersgruppen etwa dreimal häufiger durchgeführt als von Frauen. Mit 70 steigt die Suizidrate noch einmal deutlich an.

Wir kennen auch das Phänomen des Altersalkoholismus. Dabei wird der Abbau mentaler Fähigkeiten auf den Alterungsprozess geschoben und nicht auf den Alkoholabusus.

Untersuchungen haben jedoch gezeigt, dass die kognitiven Fähigkeiten von Senioren wieder wachsen, wenn sie auf Alkohol verzichten. Oft tritt zur Erfahrung des körperlichen Abbaus auch eine Vereinsamung hinzu und das Lebensende drängt ins Bewusstsein. All diese Faktoren belasten die Psyche der Männer am Übergang in die Rente und darüber hinaus.

Medscape: Was braucht es für einen gesunden Übergang der Männer in den Ruhestand?

Dr. Stiehler: Der Übergang müsste flexibilisiert werden. So müssten zum Beispiel die Zuverdienst-Anreize in der Rente besser werden. Dann sind mehr Teilzeit-Jobs möglich und die Aktivität kann an das aktuell körperlich, psychisch und sozial Mögliche angepasst werden.

Wir können es uns gesellschaftlich nicht leisten, die Erfahrungen der jüngeren Senioren zwischen 65 und 75 brachliegen zu lassen. Auch der Zeitpunkt der Rente müsste variabler werden. Am besten so, dass individuell entschieden werden kann, ob und wie eine teilweise Weiterarbeit möglich ist. Immerhin haben die Älteren eine Menge Wissen weiterzugeben. Sie werden gebraucht. Und dieses Haltung ihnen gegenüber gilt es zu vermitteln.

Medscape: Was können die Männer selbst tun, um gesund in Ruhestand zu gehen?

Dr. Stiehler: Viele Männer unterhalten ihre sozialen Kontakte auf der und über die Arbeit. Aber diese Beziehungen brechen nach dem Renteneintritt ab. Deshalb ist es wichtig, schon im Erwerbsleben soziale Kontakte außerhalb des Arbeitsumfeldes zu pflegen.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist ehrenamtliche Tätigkeit, weil dadurch sinnhaftes Gebrauchtwerden auch jenseits der Arbeitswelt erlebbar wird. Und natürlich ist es gut, Zeit mit den Enkeln zu verbringen. Für sie ist der Großvater eine ganz besondere Person. Allerdings rate ich auch, sich nicht zu sehr auf die Familie oder die Betreuung der Enkel zu stützen. Erfahrungsgemäß ist ein Zuviel in dieser Hinsicht auch nicht gut.

Insgesamt geht es um die Fragen, wie man seine Zeit verbringen möchte, was das Leben ausfüllt, wohin ich als gesunder und aktiver Ruheständler will. Für Angebote gerade für ältere Männer bedeutet das, dass sie immer dann gut funktionieren, wenn sie aktiv mit einbezogen werden. Der Ansatz ist, mit den Männern etwas zu tun und nicht für sie.

Medscape: Wie kommen Männer im Alter damit zurecht, eventuell Angehörige pflegen zu müssen?

Dr. Stiehler: Im Alter kann die Pflege eines Familienangehörigen, vielleicht der Partnerin oder des Partners, zu einer Herausforderung werden. Wir wissen, dass Männer die Pflege eher als eine Aufgabe sehen, die gemanagt werden muss. Das kann aber auch dazu führen, dass Männer weniger über die daraus resultierende psychische Belastung sprechen. Untersuchungen zeigen jedoch, dass gerade Männer unter der mit dieser Situation manchmal verbundenen Trauer, Einsamkeit und gefühltem Autonomieverlust leiden.

Medscape: Gesund und leistungsfähig in den Ruhestand zu gehen, davon träumen alle, aber die Realität sieht dann oft anders aus. Müssten wir nicht eher ein Verhältnis zu Genügsamkeit entwickeln, statt im Alter von immerwährender Gesundheit zu sprechen?

Dr. Stiehler: Unbedingt. Wir müssen mit der Begrenzung von Gesundheit und mit der Begrenzung des Lebens überhaupt zurechtkommen und nicht so tun, als könnten wir uns ewige Gesundheit und ewiges Leben bewahren.

Es ist Bestandteil des Übergangs in die Rente, dass er uns unsere Begrenzung bewusst macht. Man wechselt ja nicht in die Rente, um dann nach einem oder mehreren Jahren wieder in das normale Arbeitsleben einzusteigen. Es handelt sich um einen endgültigen Abschied von einer Lebensphase, der Erwerbsarbeit, die das Leben über Jahre und Jahrzehnte bestimmt hat. Verbunden mit diesem Abschied sind zwangsläufig auch Erfahrungen mit dem Alterungsprozess und einer geringer werdenden Gesundheit.

Nun ist das sicher eine Erfahrung des gesamten Lebens, denn man ist nie vollkommen, also im absoluten Sinn gesund. Aber im Alter nehmen die Erfahrungen mit den eigenen Begrenzungen zu. Das gilt es zu akzeptieren und in sein Leben zu integrieren.

Kommentar

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