Spritze für Senioren? Der Vektorvirus-Impfstoff der Oxford University ist immunogen und sicher – gerade bei älteren Menschen

Peter Russell

Interessenkonflikte

24. November 2020

Ein von Wissenschaftlern der Universität Oxford entwickelter SARS-CoV-2-Impfstoff hat bei gesunden Teilnehmern ab 56 Jahren ein ähnliches Wirksamkeits- und Sicherheitsprofil wie bei Probanden zwischen 18 und 55 Jahren.

Ältere Menschen scheinen den Impfstoff auch besser als jüngere Studienteilnehmer zu vertragen. Darauf deuten vorläufige, jetzt in The Lancet veröffentlichte Daten hin [1]. Erstautorin ist Dr. Maheshi N. Ramasamy von der University of Oxford.

Bei ChAdOx1 nCoV-19 handelt es sich um einen Vektorviren-Impfstoff auf Basis eines Adenovirus, das sich nicht in menschlichen Zellen repliziert. Die Vakzine geht auf Forschungsergebnisse der University of Oxford zurück. Industrieller Partner ist AstraZeneca.

Weitere Studienergebnisse bis Weihnachten

In den kommenden Wochen werden Zwischenergebnisse aus größeren Phase-3-Studien erwartet, die zeigen, ob der Impfstoff von Menschen auch davor schützt, schwer an COVID-19 zu erkranken. Prof. Dr. Andrew Pollard, der die Studie leitet, sagte, er sei „zuversichtlich, dass wir Ergebnisse der Phase-3-Studien noch vor Weihnachten erhalten werden“.

 
Ich bin zuversichtlich, dass wir Ergebnisse der Phase-3-Studien noch vor Weihnachten erhalten werden. Prof. Dr. Andrew Pollard
 

Erste Ergebnisse von Pfizer/BioNTech und Moderna, die kürzlich veröffentlicht wurden, deuten darauf hin, dass ihre mRNA-Impfstoffe eine Effektivität von 95% haben.

Pollard sagte jedoch bei einem Briefing des britischen Science Media Centre, dass es sich „nicht um einen Wettbewerb“ handele und dass sein Team daran arbeite, „sehr hochwertige Daten“ zu seinem Impfstoff auf Grundlage des Schimpansen-Adenovirus bereitzustellen.

AZD1222 – was der Hersteller bekanntgibt

In einer Pressemeldung berichtet AstraZeneca über Eckpunkte der Zwischenanalyse aus Großbritannien und Brasilien.

Das 1. Dosierungsschema (n=2.741) zeigte eine Impfstoffwirksamkeit von 90%, wenn AZD1222 als halbe Dosis verabreicht wurde, gefolgt von einer vollen Dosis im Abstand von mindestens 1 Monat. Das 2. Schema (n=8.895) führte zur Effektivität von 62%, wenn 2 Dosen im Abstand von mindestens 1 Monat verimpft wurden. Die kombinierte Analyse beider Gruppen (n=11.636) ergab eine durchschnittliche Wirksamkeit von 70%. Alle Resultate waren statistisch signifikant (p≤0,0001). Es werden weiterhin weitere Daten gesammelt und zusätzliche Analysen durchgeführt.

Ein unabhängiges Data Safety Monitoring Board stellte fest, dass die Studie ihren primären Endpunkt erreicht hat. 2 Impfdosen führen nach 14 Tagen zum Schutz vor SARS-CoV-2-Infektionen. Es wurden keine schwerwiegenden Sicherheitsereignisse im Zusammenhang mit dem Impfstoff gefunden.

Design der Studie

Ergebnisse der Phase-2-Studie mit ChAdOx1 nCoV-19 zeigten, dass der Impfstoff neutralisierende Antikörper und T-Zell-Reaktionen in allen Altersgruppen von 18 bis 70+ induziert, unabhängig davon, ob die Teilnehmer 1 oder 2 Dosen erhielten. Die T-Zell-Antwort erreichte ihren Höhepunkt 14 Tage nach der 1. Impfdosis, und es kam innerhalb von 28 Tagen nach der Auffrischungsimpfung zu einer Antikörperantwort.

An der Phase-2-Studie nahmen 560 gesunde, erwachsene Freiwillige teil. Von ihnen waren 160 im Alter von 18 bis 55 Jahren, 160 zwischen 56 bis 69 Jahren und 240 im Alter von 70 Jahren oder älter. Sie erhielten den ChAdOx1 nCoV-19-Impfstoff in einer niedrigen oder einer Standarddosis beziehungsweise einen Meningokokken-Konjugatimpfstoff zur Kontrolle.

Personen über 55 bekamen entweder eine Einzeldosis des Impfstoffs oder 2 Dosen im Abstand von 28 Tagen.

Gute Verträglichkeit bei älteren Studienteilnehmern

Ramasamy sagte, die Nebenwirkungen seien mit Beschwerden nach einer Grippeimpfung vergleichbar. Sie nennt vor allem Müdigkeit, Kopfschmerzen und Muskelschmerzen. Die Daten zeigten deutlich, dass „mit zunehmendem Alter die Symptome weniger störend waren“, fügte sie hinzu.

Alle jetzt veröffentlichten Ergebnisse dürften die Hoffnung stärken, dass es gerechtfertigt sein könnte, älteren Menschen bei der Impfung Vorrang einzuräumen. Es bleiben jedoch Zweifel, ob Senioren in Pflegeheimen ebenso gut reagieren würden wie die gesunden älteren Erwachsenen in der Studie. Denn die aufgenommenen Teilnehmer seien „nicht repräsentativ für die schwächsten und am meisten gefährdeten Menschen in unserer Gemeinschaft“, gibt Ramasamy zu bedenken.

Die britische Regierung hat 100 Millionen Dosen des Oxford-Impfstoffs bestellt: deutlich mehr als die Order von 40 Millionen Dosen des Pfizer-BioNTech-Impfstoffs und 5 Millionen Dosen des Moderna-Impfstoffs.

Ermutigende Zwischenergebnisse

Dr. Michael Head, Senior Research Fellow im Bereich globale Gesundheit an der University of Southampton, kommentierte die Studie: „Diese Forschungsergebnisse sind keine Ankündigung, dass der Impfstoff für die Zulassung und Markteinführung bereit ist, aber sie sind vielversprechend im Rahmen der Bemühungen um die Entwicklung eines erfolgreichen COVID-19-Impfstoffs.“

 
Der Impfstoff scheint in allen Altersgruppen gut verträglich zu sein, wobei ältere Menschen weniger Nebenwirkungen berichten. Prof. Dr. Deborah Dunn-Walters
 

Prof. Dr. Deborah Dunn-Walters von der University of Surrey nannte die Ergebnisse „ermutigend“ und ergänzte: „Der Impfstoff scheint in allen Altersgruppen gut verträglich zu sein, wobei ältere Menschen weniger Nebenwirkungen berichten.“

Die Expertin weiter: „Ein Monat nach Verabreichung von 2 Dosen des Impfstoffs zeigten alle Altersgruppen ein ähnliches Niveau der Antikörperreaktion.“ Es seien einige altersbedingte Unterschiede in der zellulären Immunantwort festgestellt worden; diese müsse man jetzt untersuchen.

„Wenn jedoch die im Phase-2-Teil dieser Studie beobachteten Immunreaktionen mit dem Schutz vor SARS-CoV-2 korrelieren, dann würden wir positive Ergebnisse aus der Phase-3-Studie erwarten“, so Dunn-Walters.

Dieser Beitrag wurde von Michael van den Heuvel aus www.medscape.com übersetzt und adaptiert.

 

Kommentar

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