Exklusiv: Medscape-Umfrage zeigt, die Mehrheit der Ärzte würde sich gegen Corona impfen lassen – aber viele machen sich Sorgen

Claudia Gottschling,  

Interessenkonflikte

18. November 2020

Mitarbeiter im Gesundheitswesen sollen zu den ersten gehören, die sich – nach den Plänen der nationalen Impfstrategie – mit einer Corona-Vakzine impfen lassen können. Aber werden sie auch motiviert, oder gar mutig, sein und mitmachen, sobald einer oder mehrere Impfstoffe verfügbar sind?

Die Offenheit für eine Schutzimpfung gegen COVID-19 ist groß: In der Summe würden sich 81% der Teilnehmer einer Medscape-Umfrage impfen lassen (Auswertung Stand 17.11.2020).

Diesen Trend macht unsere Blitz-Umfrage „7 Fragen: Bald kommt der 1. Corona-Impfstoff  – sind Sie bereit?“ deutlich, die wir in der vergangenen Woche – gleich nach der Ankündigung des Pfizer/Biontech Impfstoffes – online unter unseren Lesern durchgeführt haben.

 

 

Impfung – gerne, aber nicht unbedingt sofort …

Allerdings wollen nur 42% der Teilnehmer beim Start der Impfaktionen in der ersten Reihe stehen, also sich den Schutz holen, sobald der Impfstoff verfügbar ist.

39% äußern sich etwas vorsichtiger und würden lieber noch eine Weile warten, bis sie sich den völlig neuen Wirkstoff injizieren lassen. Nur 19% lehnen es ab, sich gegen SARS-CoV-2 impfen zu lassen.  

Über 1.000 Leser haben an unserer Online-Umfrage teilgenommen. Unter ihnen sind insgesamt 81% im Gesundheitswesen tätig: 58% Prozent gaben an, dass sie als Arzt oder Ärztin arbeiten. Weitere 23% haben einen anderen Job im Gesundheitswesen, 2% in der Pflege und 18% in weiteren Berufen.

 

 

Überzeugen die Studien?

Die Hoffnungen auf einen erfolgreichen Impfstoff wachsen derzeit von Woche zu Woche. Anfang November verkündeten Pfizer und das Mainzer Unternehmen Biontech die erfolgreichen Ergebnisse einer Zwischenauswertung der Studie zu ihrer mRNA-Vakzine. Nach Aussagen der Hersteller erreichen sie damit einen 94%igen Schutz – zumindest laut derzeitiger Analyse.

Diese Woche folgte nun der Konkurrent Moderna aus den USA und setzt noch einen Prozentpunkt drauf. Die Firma spricht von fast 95% Schutzwirkung (lesen Sie hier unseren Blog zu den aktuellen Entwicklungen). Beides sind Quoten, die Impfstoffe in der Regel nicht erreichen. Die Messlatte hängt extrem hoch für die Mitbewerber in der Pharma-Industrie.

Aber wie denken die Leser eines medizinisch versierten Fachmediums wie Medscape im Detail über dieses einmalige Tempo in der Wissenschaft und über das Prozedere von Notfall-Zulassungsverfahren? Wie groß ist das Vertrauen in die Kollegen an der Forschungsfront, die unter dem Druck einer Pandemie einen Schutz finden wollen?

Wie stehen die Ärzte zur Impfung?

Eine Analyse der Subgruppe hat gezeigt: Jeder 2. Arzt (49%) würde sich so schnell wie möglich mit der neuen Corona-Vakzine impfen lassen. Weitere 36% würden damit lieber noch eine Weile warten. 15% der Ärzte lehnen die Corona-Impfung ab. In dieser Berufsgruppe ist also die Offenheit für eine Impfung etwas höher als im Durchschnitt. Dies ergab eine getrennte Auswertung der Umfrageergebnisse in der Gruppe der Ärzte (nicht online dargestellt). Eine verpflichtende Impfung lehnen 70% der Mediziner ab.

Impfstoff nicht genug getestet?

Trotz der Offenheit für die Impfstoffe, die in „Über-Lichtgeschwindigkeit“ (so der Projektname) entwickelt wurden, äußern unsere Leser auch Bedenken. 64% von ihnen machen sich Sorgen, dass der Impfstoff in den wenigen Monaten der Testphase nicht ausreichend geprüft werden konnte. 69% äußern zudem, dass sie durchaus Angst vor Nebenwirkungen des ersten mRNA-Impfstoffs haben.

Auch viele Ärzte sehen die Turbo-Entwicklung mit Sorge (60%) und haben Angst vor Nebenwirkungen (66%).

Wer soll sich alles impfen lassen?  

 

Unsere Umfrageteilnehmer sind bei dieser Frage (mehrere Antworten waren möglich) der Meinung, dass sich vor allem Pflegepersonal (66%) unbedingt impfen lassen sollte, noch vor Ärzten und Ärztinnen (55%). Auch Lehrer und Erzieher (55%) sehen sie als eine Zielgruppe, die Vorrang haben sollte.

Für eine der wichtigsten Risikogruppen, den Bewohnern von Altenheimen und Betreuungseinrichtungen, entscheiden sich nur 33%, ebenso viele wie für die Gruppe der Senioren im Allgemeinen. Aber nur rund jeder 5. ist dafür, unbedingt Schulkinder gegen das SARS-CoV-Virus zu impfen.

Ärzte setzen in dieser Frage andere Prioritäten: Die Mediziner unter den Umfrageteilnehmern plädieren zu 72% dafür, dass sich Ärzte unbedingt impfen lassen sollten (nicht in der Abbildung dargestellt). Ähnlich dringend ist ihrer Meinung nach die Notwendigkeit für Pflegepersonal (74%) und Bewohner von Betreuungseinrichtungen (76%).

Würden Sie eine verpflichtende Impfung für Mitarbeiter im Gesundheitswesen begrüßen?

Diese heikle Frage beantwortet immerhin fast jeder 3. Umfrageteilnehmer mit „ja“. Allerdings gibt es bisher keine Anzeichen dafür, dass ein Zwang zur Impfung politisch gewollt ist.

Persilschein für Geimpfte?

Eine weitere sehr umstrittene Idee ist, dass man als Geimpfter mit einem entsprechenden Nachweis möglicherweise eine Art Persilschein bekommt, und damit eventuell Vorteile gegenüber Nichtgeimpften erhält – etwa bei Flugreisen, Versicherungen oder Jobangeboten. Ein Impfnachweis als Auswahlkriterium – für was auch immer – befürwortet nur jeder 6. Teilnehmer. 44% sind strikt dagegen. Aber 41% räumen ein, dass ein solches Vorgehen in manchen Bereichen vielleicht sinnvoll wäre.

Kommentar

3090D553-9492-4563-8681-AD288FA52ACE
Wir bitten darum, Diskussionen höflich und sachlich zu halten. Beiträge werden vor der Veröffentlichung nicht überprüft, jedoch werden Kommentare, die unsere Community-Regeln verletzen, gelöscht.

wird bearbeitet....