Tod im Pflegeheim oder zuhause: Mängel bei der Leichenschau – kann die Schulung Niedergelassener es richten?

Dr. Thomas Kron

Interessenkonflikte

16. November 2020

Die ärztliche Leichenschau ist eine Aufgabe mit weitreichenden Folgen: Sie dient der sicheren Feststellung des Todes, der Aufdeckung möglicher strafbarer Handlungen, gesundheitspolitischen Zwecken und epidemiologischen Fragestellungen. Zudem ist sie die Grundlage der amtlichen Todesursachenstatistik.

Trotz der großen Bedeutung wird seit Jahren die Qualität der ärztlichen Leichenschau diskutiert. Münchener Rechtsmediziner haben nun alle Todesbescheinigungen der Münchner Altenheimbewohner ausgewertet und mit den Todesbescheinigungen betagter Menschen verglichen, die nicht in einer stationären Pflegeeinrichtung lebten [1]. Die Rechtsmediziner PD Dr. Sabine Gleich und Prof. Dr. Matthias Graw wollten u.a. folgende Fragen beantworten:

  • Wie hoch war das durchschnittliche Sterbealter, wie war die Geschlechtsverteilung?

  • Wie verteilten sich die vom Leichenschauer bescheinigten Todesarten auf die 3 Kategorien natürlich, ungeklärt, nichtnatürlich? Gab es hierbei Unterschiede bei Niedergelassenen und bei Krankenhausärzten?

  • Welche Todesursachen wurden bescheinigt?

  • Wie häufig wurden Obduktionen vom Leichenschauer angestrebt, wie häufig wurde tatsächlich obduziert?

  • Gibt es statistisch signifikante Unterschiede in den untersuchten Parametern zwischen beiden Kollektiven?

Es wurden über 16.000 Todesbescheinigungen aller Sterbefälle der Jahre 2013 und 2014 im Stadtgebiet München ausgewertet. Zum Zielkollektiv (gestorbene Bewohner stationärer Pflegeeinrichtungen) gehörten 4.740 Personen, zum Kontrollkollektiv 11.929 Personen, die nicht in stationären Pflegeeinrichtungen lebten und in einem Alter von über 75 Jahren starben. 

Unterschiede bei bescheinigten Todesarten …

Das durchschnittliche Sterbealter der Alten- und Pflegeheimbewohner betrug 85,8 Jahre. Bei der Mehrheit (69,3%) handelte es sich um Frauen. Das durchschnittliche Sterbealter des Kontrollkollektivs betrug 84,6 Jahre. Das Geschlechterverhältnis war in diesem Kollektiv fast ausgeglichen: 6.332 Frauen (53,1%) und 5.588 Männer (46,8%). 

Bei 14.792 Gestorbenen wurde in beiden Kollektiven am häufigsten ein natürlicher Tod bescheinigt, allerdings häufiger beim Zielkollektiv als beim Kontrollkollektiv (96,0% versus 85,9%). 

Niedergelassene Ärzte attestierten bei gestorbenen Altenheimbewohnern am häufigsten eine natürliche Todesart (74,5%), Krankenhausärzte hingegen eine ungeklärte Todesart (53,7%). Ärzte des Leichenschaudienstes bescheinigten am häufigsten eine nichtnatürliche Todesart (46,4%). 

Beim Kontrollkollektiv attestierten Krankenhausärzte am häufigsten eine natürliche Todesart (71,4%). Beim Zielkollektiv wurde eine ungeklärte Todesart in etwa gleich häufig vom Leichenschaudienst und von Krankenhausärzten bescheinigt (48,5% bzw. 47,8%). 

Eine nichtnatürliche Todesart wurde am häufigsten vom Leichenschaudienst und von Krankenhausärzten bescheinigt (49,6% und 46,3%). 

Beim Zielkollektiv wurden als todesursächliche Krankheiten am häufigsten attestiert: Krankheiten des Herz-Kreislauf-Systems (36,1%), Krankheiten des Atmungssystems bei (18,8%) sowie sonstige ungenau bezeichnete und unbekannte Todesursachen (18,0%).

Beim Kontrollkollektiv hingegen wurden attestiert: sonstige ungenau bezeichnete und unbekannte Todesursachen (25,2%), Krankheiten des Kreislaufsystems (23,8%) und Krankheiten des Atmungssystems (19,0%).

… und Zahl der Obduktionen

Leichenschauende Ärzte strebten im Zielkollektiv bei 133 Gestorbenen (2,8%) eine Obduktion an, im Kontrollkollektiv hingegen bei 1.515 Gestorbenen (12,7%). Tatsächlich obduziert wurden 68 Gestorbene (1,4%) des Zielkollektives und 734 (6,2%) des Kontrollkollektives.

Am häufigsten obduziert wurden bei beiden Kollektiven Gestorbene mit attestierter nichtnatürlicher Todesart, am zweithäufigsten Personen mit ungeklärter Todesart. 

Hinweise auf schlechte Qualität der Leichenschau

Die Studie ermöglichte in beiden Kollektiven die erstmalige Beantwortung wichtiger Fragen zu Sterbealter und -orten, Todesart und -ursache sowie zur Obduktionshäufigkeit, schreiben die Autoren. Sie haben zeigen können, dass sich beide Kollektive in allen untersuchten Fragestellungen statistisch signifikant voneinander unterschieden.

Ebenso gelang der Nachweis, dass die Todesursachen das Zielkollektivs von der amtlichen Todesursachenstatistik abwichen. Zudem ergaben sich Hinweise auf eine schlechte Qualität der Leichenschau: Das betraf insbesondere niedergelassene Ärzte, die bei nahezu allen in ihrer Einrichtung gestorbenen Altenheimbewohnern eine natürliche Todesart bescheinigt und gleichzeitig bei knapp 20% als unmittelbare Todesursache eine ungenau bezeichnete bzw. ungeklärte angaben.

Die beiden Rechtsmediziner Gleich und Graw wiederholen die schon oft gestellte Forderung, die Qualität der Leichenschau durch (verpflichtende) Schulungen der Leichenschauer zu verbessern. Zudem betonen sie, dass nur dann ein „zuverlässiger Überblick über die tatsächliche Situation in den Altenpflegeeinrichtungen und die Todesursachen der Bewohner“ erhalten werde, wenn die Obduktionsraten gestorbener Pflegebedürftiger deutlich gesteigert würden.

Dieser Artikel ist im Original erschienen auf Univadis.de.
 

Kommentar

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