Mit 65 ist noch lange nicht Schluss – auch ältere Menschen kommen als Lebendspender für eine Niere in Frage

Dr. Nicola Siegmund-Schultze

Interessenkonflikte

26. Oktober 2020

Daten eines großen deutschen Transplantationszentrums belegen: Eine Nierenlebendspende ist auch bei Menschen ab 65 Jahren möglich. Allerdings nimmt die glomeruläre Filtrationsrate im Verlauf von 10 Jahren bei älteren Spendern deutlich stärker ab als bei jüngeren. Keiner der älteren Spender entwickelte in diesem Zeitraum ein Nierenversagen oder wurde dialysepflichtig. Dr. Antonia Schuster vom Universitätsklinikum Regensburg und Kollegen bewerten daher eine Nierenlebendspende auch bei älteren Spendern als sicher, sofern diese vor und nach der Organentnahme medizinisch gut untersucht und betreut werden. Ihre Ergebnisse sind in den Annals of Transplantation veröffentlicht worden [1].

Nach wie vor zu wenige Spenderorgane

Zum Hintergrund: Der Mangel an Organen für Transplantationen bleibt weltweit problematisch. Im europäischen Vergleich liegt Deutschland schon länger auf einem der hintersten Plätze bei der postmortalen Organspende.

Die meisten Patienten warten auf eine Niere; aktuell sind es 7.148. Allerdings konnten im vergangenen Jahr nur 2.132 Nieren transplantiert werden. Davon stammte fast jede vierte Niere (24%) von einem Lebendspender.

Weil der Altersdurchschnitt der deutschen Bevölkerung zugleich zunimmt, ist eine wichtige Frage, ob auch von älteren Menschen ab 65 Jahren eine Nierenentnahme für Transplantation sicher ist und welche Langzeitrisiken sich daraus ergeben. Jetzt liegen Ergebnisse zur Fragestellung vor.

Nierentransplantationen auch bei älteren Spendern möglich und sicher

Schuster und ihre Koautoren haben Daten der Nierenlebendspender-Kohorte am Universitätsklinikum Regensburg analysiert. Eingeschlossen wurden 214 Spender von Lebendnieren, denen zwischen Januar 2001 und Juli 2016 eine Niere entnommen worden war. Anschließend verglichen Wissenschaftler die Nierenfunktion aller Spender im Abstand von 1, 5 und 10 Jahren nach Explantation. Alle Daten wurden nach dem Alter (< 65 Jahre/≥ 65 Jahre zum Zeitpunkt der Organentnahme) und nach histopathologischen Parametern der gespendeten Nieren gruppiert.

Zu den Ergebnissen: Von den 214 Nierenspendern waren 32 zum Zeitpunkt der Organentnahme ≥ 65 Jahre (Durchschnitt: 68 Jahre) und 182 Spender jünger (Durchschnitt: 50 Jahre). Der Ausgangskreatintinwert lag bei 0,8 mg/dl in beiden Altersgruppen. Die geschätzte glomeruläre Filtrationsrate (eGFR; CKD-EPI) bei durchschnittlich 96,8 ± 12.8 ml/min in der Gruppe jüngerer Spender und bei 83,7 ± 10.3 ml/min in der Gruppe Älterer.

Nach 10 Jahren hatte die eGFR bei den jüngeren Spendern um 29% abgenommen auf 69,4 ml/min, das entsprach 71% der Funktion vor der Organentnahme. Bei den älteren Spendern hatte sich die eGFR um 43% reduziert auf 57% des Ausgangswerts (48,3 ml/min).

Der Kreatininwert betrug nach 10 Jahren durchschnittlich 1,0 mg/dl bei den jüngeren Spendern und 1,3 mg/dl bei den Älteren.

Keiner der älteren Spender hatte nach 10 Jahren eine eGFR < 30 ml/min, so dass auch keine Dialyse erforderlich wurde. Bei den Nieren älterer Spender waren histopathologisch diagnostizierte Läsionen im Sinne einer Glomerulopathie ausgeprägter als bei jüngeren.

Es wurde keine Erhöhung des Risikos für die Entwicklung kardiovaskulärer Erkrankungen durch die Lebendspende festgestellt, auch nicht bei den Älteren.

Kaum Einschränkungen bei der Lebendspende von Nieren erforderlich

Eine Nierenspende sei auch im höheren Alter möglich und sicher, sofern die Spender intensiv vor- und regelmäßig nachuntersucht würden, schreibt das Studienteam. Die renale Funktion nimmt allerdings deutlicher ab als bei jüngeren, und zwar anhaltend.

Die Autoren schränken ein, es handele sich um eine monozentrische Untersuchung mit einer vergleichsweise geringen Zahl älterer Spender, für die 10-Jahresdaten vorlägen (n = 11). Vor dem Hintergrund anhaltend geringer postmortaler Organspender in Deutschland sei das Vorgehen der Spenderauswahl akzeptabel.

Dieser Artikel ist im Original erschienen auf Univadis.de.

 

Kommentar

3090D553-9492-4563-8681-AD288FA52ACE
Wir bitten darum, Diskussionen höflich und sachlich zu halten. Beiträge werden vor der Veröffentlichung nicht überprüft, jedoch werden Kommentare, die unsere Community-Regeln verletzen, gelöscht.

wird bearbeitet....