STIKO-Experte zur Aufhebung der Priorisierung für Vektor-Impfstoffe: „Da legt sich meine Stirn in Falten“

Michael van den Heuvel, Sonja Boehm, Dr. Thomas Kron

Interessenkonflikte

12. Mai 2021

Wir informieren Sie in unserem Corona-Blog über aktuelle Entwicklungen, Studien und wissenschaftliche Dispute.

Update vom 12. Mai 2021

  • Weiter rückläufiges Infektionsgeschehen in Deutschland

  • Freigabe der Vektor-Impfstoffe ist „politische Entscheidung“

  • STIKO-Empfehlung: „60 Jahre sind keine biologische Grenze“

  • Verkürzter Impfabstand bei AstraZeneca: Reduzierter Schutz ist „sehr kritisch“

Das RKI berichtet weiter von rückläufigen Zahlen. Gesundheitsämter meldeten dem Institut innerhalb der letzten 24 Stunden 14.909 Neuinfektionen. Vor einer Woche waren es 18.034 Infektionen; 268 Menschen sind innerhalb des letzten Tages an COVID-19 gestorben (5. Mai: 285). Die 7-Tage-Inzidenz ist auf 107,7 gefallen. Am Mittwoch vor einer Woche lag der Wert noch bei 133.

Freigabe der Vektorvirus-Vakzine: „Rein politische Entscheidung“

Jetzt lauter das Gebot der Stunde, möglichst viele Menschen zu impfen. Deshalb hat Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) nun alle Vektorvirus-Impfstoffe für Personen ab 18 Jahren ohne Priorisierung freigegeben. Das betrifft sowohl das AstraZenca- als auch das Johnson & Johnson-Vakzin. Zudem darf die 2. Dosis von AstraZeneca bereits nach 4 Wochen verabreicht werden. Beim Johnson & Johnson-Impfstoff ist sogar nur eine Dosis erforderlich.

Die STIKO spricht sich jedoch weiter für 60 Jahre als Mindestalter für die Impfung mit den beiden Vakzinen aus. Bei einem Press Briefing des Science Media Center Germany diskutierten Experten die Thematik. „Man muss hier 2 Sachen klar trennen: die wissenschaftlich begründete Priorisierung von bestimmten Personengruppen und die pragmatische Frage, wie mit den vorhandenen Dosen mehr Leute erreicht werden können“, stellte Prof. Dr. André Karch vom Universitätsklinikum Münster dort klar.

Dennoch sei die Diskrepanz zwischen Wissenschaft und Politik schwer auflösbar, merkte Prof. Dr. Christian Bogdan von der STIKO an: „Alle Impfstoffe in Deutschland wurden ohne eine Kontraindikation zugelassen.“ Die STIKO-Empfehlungen würden dies präzisieren.

„Wenn jedoch die Priorisierung für einen Impfstoff aufgehoben wird, legt sich meine Stirn in Falten“, erklärte der Experte. „Wir sind in den Gruppen der Über-60-, Über-70- aber auch der Über-80-Jährigen weit von einer vollständigen Durchimpfung entfernt.“ Solange diese Risikogruppen nicht ausreichend geschützt seien, könne man auch Erkrankungs- und Sterbefälle nicht ausreichend senken, wenn man die Priorisierung aufhebe.

STIKO-Empfehlung: „60 Jahre sind keine biologische Grenze“

Auch zu den unerwünschten Reaktionen der Impfung äußerten sich die Experten: Dem Paul-Ehrlich-Institut wurden bislang nach Impfungen mit Vaxzevria® 67 Fälle einer Thrombose mit Thrombozytopenie gemeldet; 14 Personen sind daran gestorben. Der Johnson & Johnson-Impfstoff komme in Deutschland praktisch noch kaum zum Einsatz, wie Bogdan anmerkte. „Der STIKO liegen aber internationale Daten vor.“ Bekanntlich hatte die USA die Impfungen mit der Vakzine zwischenzeitlich ausgesetzt, weil es auch unter diesem Impfstoff vermehrt zu Thrombosen mit Thrombozytopenie-Syndrom (TTS) kam.

„Ergebnisse deuten letztlich auf den gleichen Pathomechanismus hin wie beim AstraZeneca-Impfstoff“, sagte Bogdan. Solche Hinweise könne die STIKO nicht ignorieren. Momentan gebe es allerdings erst eine Pressemeldung zum Thema mit dem Hinweis, das Johnson & Johnson-Vakzin nur bei Menschen ab 60 Jahren zu verimpfen. Die finale STIKO-Empfehlung sei noch nicht veröffentlicht worden, berichtete der Experte.

Zur Erklärung sagt Bogdan: „Beides sind adenovirale Vektoren; sie werden auf ähnliche Weise hergestellt, und beide zeigen das Thrombozytose-Thrombozytopenie-Phänomen in seltenen, aber nachweisbaren Fällen.“ Vergleiche der Fallzahlen seien schwierig, weil deutsche und amerikanische Meldesysteme, aber auch Bewertungen der Daten nicht 1:1 übertragbar seien. „Deshalb können wir die absoluten Risiken nicht auf einer validen Datenbasis vergleichen“, betonte der Experte.

Das Alter von 60 Jahren für die (sichere) Gabe von Vektorvirus-Impfstoffen sei ohnehin keine biologische Grenze; man habe einzelne Fälle auch darüber gesehen, so Bogdan. Jede Empfehlung basiere auf einer Abwägung von Risiken, wobei das Risiko für schwere COVID-19-Verläufe mit zunehmendem Alter stark ansteige – und sich allein deswegen das Risiko-Nutzen-Verhältnis verschiebe.

Verkürzter Impfabstand bei AstraZeneca: Reduzierter Schutz ist „sehr kritisch“

Karch ging noch auf den nun verkürzten Zeitabstand von 4 statt 12 Wochen bei der Gabe der 2. AstraZeneca-Dosis ein. „Es gibt eine Reihe von Modellierungen, dazu muss man aber sagen, dass sie von verschieden Annahmen abhängen“, so der Experte. Er verwies auf die große Unsicherheit solcher Ansätze.

Bogdan äußerte Bedenken: „Auch wenn die Zulassung einen Impfabstand von 4 Wochen erlaubt, sehe ich die Verkürzung des Impfintervalls beim Impfstoff Vaxzevria® von 12 auf unter 6 Wochen sehr kritisch, da dies nachweislich zu einer Reduktion der Schutzwirkung von 82% auf 54% führt.“ Zudem werde durch eine Verkürzung des Impfintervalls an sich die Pandemiebekämpfung nicht verbessert.

Update vom 6. Mai 2021

  • Berlin setzt nach wie vor auf Ausgangssperren und auf mehr Impfungen  

  • Gynäkologen: Schwangere und Stillende impfen – und zwar mit mRNA-Impfstoffen

  • BÄK: Impfstrategien für Heranwachsende fördern!

  • Populationsdaten aus Norwegen und Dänemark: Wie stark erhöht AstraZeneca-Vakzin das Thromboserisiko tatsächlich?

  • Deutsche Forscher publizieren Therapie-Protokolle zu Impf-Thrombosen

  • EMA: Fortlaufende Überprüfung aller Daten zu neuartigem Impfstoff Vero Cell

  • Neue Daten: Wie gefährlich ist die brasilianische Variante P.1?

In Deutschland sinkt die 7-Tage-Inzidenz weiter. Das RKI nennt aktuell 129,1 Fälle pro 100.000 Einwohner. Gestern lag der Wert noch bei 132,8. Innerhalb der letzten 24 Stunden kam es zu 21.953 Neuinfektionen (Vorwoche: 24.736) und zu 250 weiteren Todesfällen durch COVID-19 (Vorwoche: 264).

Berlin setzt nach wie vor auf Ausgangssperren und auf mehr Impfungen

Kanzleramtschef Helge Braun bewertet den Trend der abflauenden Infektionszahlen als Erfolg der „Corona-Notbremse“. Diese sei „erforderlich und verhältnismäßig“, so seine Bewertung. Eilanträge gegen nächtliche Ausgangssperren waren gestern vor dem Bundesverfassungsgericht gescheitert. Ob solche Maßnahmen mit dem Grundgesetz vereinbar sind, entscheidet sich aber erst im Hauptsache-Verfahren.

Neben der „Corona-Notbremse“ setzt Braun auf Impfungen. Es sei nun klar, „dass wir in den nächsten 2 Monaten sehr viel Impfstoff haben werden, um diese Impfkampagne abzuschließen“, sagte der Kanzleramtschef. Ab Juni sollen auch Privatärzte eingebunden werden. Und Bundesgesundheitsminister Jens Spahn plant, Priorisierungen beim AstraZeneca-Vakzin in Kürze aufzuheben. Er will auch den Abstand zwischen der 1. und der 2. Dosis von 12 auf 4 Wochen verkürzen.

Ob Schwangere geimpft werden sollten, könne nicht politisch beantwortet werden, so Braun weiter. Dies sei Sache der Zulassungsbehörden sowie der Hersteller.

Gynäkologen: Schwangere und Stillende impfen – und zwar mit mRNA-Impfstoffen

Klare Worte zum Thema kommen von gynäkologische Fachorganisationen aus Deutschland. Sie haben die wissenschaftliche Literatur ausgewertet und empfehlen auf Grundlage vorhandener Studien, Schwangere und Stillende priorisiert mit mRNA-Vakzinen zu versorgen.

Nachbeobachtungen von mehr als 4.700 geimpften schwangeren Frauen aus den USA hätten keinerlei Hinweise auf vermehrte Komplikationen, etwa Frühgeburten, Fehlbildungen oder Wachstumseinschränkungen bei Säuglingen, gegeben, heißt es in einer Mitteilung.

COVID-19 hingegen sei eine ernsthafte Gefahr für werdende Mütter. Gynäkologen warnen, dass – verglichen mit Frauen ohne Gravidität – Schwangere 6-mal häufiger intensivmedizinisch behandelt und 23-mal häufiger beatmet werden müssten. Sie hätten zudem ein bis zu 80% höheres Risiko für Frühgeburten, erklären die Fachverbände.

„Da nachgewiesen ist, dass durch die Impfung gebildete Antikörper über die Muttermilch transportiert werden, sind gestillte Neugeborene durch eine Nestimmunität geschützt“, erläutert Prof. Dr. Ekkehard Schleußner, Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Perinatale Medizin. Lassen sich Frauen nach ihrer Niederkunft impfen, sind keine Stillpausen erforderlich.

BÄK: Impfstrategien für Heranwachsende fördern!

Neben schwangeren und stillenden Frauen erhalten Kinder und Jugendliche derzeit keine reguläre Impfung, von Ausnahmen abgesehen. Lediglich Comirnaty® (BioNTech/Pfizer) hat eine Zulassung ab 16 Jahren.

Beim Ärztetag appellieren Delegierte an die Bundesregierung, unverzüglich Impfstrategien für Heranwachsende zu konzipieren. Ohne entsprechende Vorbereitung, so die Befürchtung von Ärzten, drohe aufgrund von Infektionen bei dieser Altersgruppe spätestens im Winter 2021/2022 ein neuer Lockdown. Deshalb sollte die Forschung zu Impfstoffen für Personen unter 18 Jahren gefördert werden.

Dr. Klaus Reinhardt, Präsident der Bundesärztekammer, warnte außerdem vor sozialen Auswirkungen des Lockdowns für Kinder und Jugendliche. „Es geht dabei nicht nur um entstandene schulische Bildungsdefizite, sondern mehr noch darum, dass viele Kinder wichtige Entwicklungsphasen in sozialer Isolation erlebt haben“, sagte Reinhardt. Delegierte hatten gefordert, Eindämmungs- und Schutzmaßnahmen umfassend zu evaluieren – auch hinsichtlich psychosozialer Folgen.

Populationsdaten aus Norwegen und Dänemark: Wie stark erhöht AstraZeneca-Vakzin das Thromboserisiko tatsächlich?

Zwar ist die Impfbereitschaft in Deutschland groß, wie Medscape berichtet hat. Dennoch lehnen viele Menschen das AstraZeneca-Vakzin aufgrund der Berichte über damit assoziierte Thrombosen ab. Eine große Studie aus Dänemark und Norwegen, die im BMJ veröffentlicht worden ist, ging der Frage nach, wie häufig solche Ereignisse sind – verglichen mit der nicht geimpften Bevölkerung.

Grundlage waren Daten von 280.000 Personen im Alter von 18 bis 65 Jahren, die zwischen 1. Februar 2021 und dem 11. März 2021 in Dänemark und Norwegen ihre 1. Dosis des AstraZeneca-Impfstoffs erhalten hatten. Anhand von Patientenakten identifizierten die Autoren u.a. Herzinfarkte, Schlaganfälle, tiefe Venenthrombosen oder Blutungen innerhalb von 28 Tagen nach der Impfung. Ihre Ergebnisse verglichen sie mit den zu erwartetenden Raten in Dänemark und Norwegen. Das Ergebnis des Vergleichs:

  • Thromboembolien: 11 zusätzliche Ereignisse pro 100.000 Impfungen

  • Zerebrale Venenthrombosen: 2,5 zusätzliche Ereignisse pro 100.000 Impfungen

Da es sich um eine Beobachtungsstudie handelt, kann keine Ursache, sondern nur eine Korrelation festgestellt werden. Die Forscher weisen zudem auf einige Einschränkungen hin, wie das Fehlen von Daten zu den zugrundeliegenden Risikofaktoren für Gerinnungsstörungen und die fehlende Möglichkeit, Ergebnisse für unterschiedliche Ethnien zu evaluieren. Zu den Stärken der Studie gehören der große bevölkerungsbasierte Ansatz, die Verwendung zuverlässiger nationaler Registerdaten und die nahezu vollständige Nachverfolgung der Teilnehmer.

Dies gilt es abzuwägen, gegen die Schutzwirkung gegenüber COVID-19: „Länder, die ihre eigenen Impfprogramme zu einer Zeit hoher Übertragungsraten verzögert haben, indem sie sich weigerten, den verfügbaren Oxford-AstraZeneca-Impfstoff zu verwenden, sollten wissen, dass ihre Entscheidung zu einem Anstieg der Zahl vermeidbarer Todesfälle durch COVID-19 beigetragen hat“, schreibt Prof. Dr. Paul Hunter von der University of East Anglia, Norwich, in einem Kommentar.

Deutsche Forscher publizieren Therapie-Protokolle zu Impf-Thrombosen

Was Impfwillige neben dem niedrigen Thrombose-Risiko noch beruhigen könnte: Die Behandlung von Thrombozytopenien bzw. Sinusvenenthrombosen macht Fortschritte. Ärzte der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) berichten in Blood über 5 Patienten. Sie fassen pathophysiologische Methoden, Diagnostik, Krankheitsverlauf und Therapie zusammen.

Ihre Beschreibung der Vorgänge: Im 1. Schritt bilden sich aufgrund fehlgeleiteter Immunreaktionen Antikörper gegen den Plättchenfaktor 4 (PF4). „Bei allen betroffenen Patientinnen … haben wir PF4-Antikörper nachgewiesen“, sagt Prof. Dr. Arnold Ganser. Er ist Direktor der Klinik für Hämatologie, Hämostaseologie, Onkologie und Stammzelltransplantation an der MHH. Binden die Antikörper an PF4, werden Blutplättchen aktiviert, und ein Thrombus kann entstehen. Bei den Patienten waren Blutgerinnsel in Hirnvenen, in Venen der Bauchorgane sowie in Arterien des Gehirns und der Beine lokalisiert.

Die Ärzte verabreichten u.a. Pharmaka zur Hemmung der Blutgerinnung, aber auch Kortison. Die Behandlung schlug in allen Fällen an; 3 Patienten konnten die Klinik mittlerweile verlassen. Protokolle zur Therapie haben Ganser und Kollegen jetzt veröffentlicht.

Die Autoren empfehlen allen Patienten: Wer 1 bis 2 Tage nach der Impfung an Kopfschmerzen und leichtem Fieber leidet, braucht sich keine Sorgen zu machen. Starke Beschwerden mehr als 4 Tage nach dem Impftermin sind jedoch ein Alarmzeichen. Dann sollten sich Betroffene umgehend in ärztliche Behandlung begeben.

EMA: Fortlaufende Überprüfung aller Daten zu neuartigem Impfstoff Vero Cell

Als Vermutung bleibt, dass Sinusvenenthrombosen durch virale Vektoren ausgelöst werden. Umso wichtiger sind Vakzine mit völlig anderem Wirkprinzip.

Momentan bewertet die Europäische Arzneimittelagentur Daten zu Vero Cell. Der Impfstoff soll auf Grundlage von inaktivierten Viren Immunität gegen SARS-CoV-2 aufbauen. Die fortlaufende Überprüfung (Rolling Review) wird so lange durchgeführt, bis genügend Beweise für einen formellen Antrag auf Genehmigung für das Inverkehrbringen vorliegen.

Neue Daten: Wie gefährlich ist die brasilianische Variante P.1?

Bei allen Impfstoffen bleibt als Frage, ob sie gegen neue Varianten von SARS-CoV-2 wirksam sind. Deshalb versuchen Molekularbiologen, Mutationen umfassend zu charakterisieren.

Die erstmals in Brasilien entdeckte Coronavirus-Variante P.1 entzieht sich möglicherweise bei Personen, die COVID-19 schon überstanden haben, einem Zugriff durch das Immunsysten, berichten Forscher. Das könnte Besonderheiten in Manaus, der Hauptstadt des brasilianischen Bundesstaates Amazonas, erklären. Wie berichtet hatten sich dort Mitte 2020, während der 1. Welle, schätzungsweise 75% aller Bewohner infiziert. Man hatte angenommen, es sei Herdenimmunität erreicht worden. Trotzdem kam es Ende 2020 zu einer weiteren Welle mit vielen Hospitalisierungen und Todesfällen – wahrscheinlich durch die Variante P.1.

Forscher fanden heraus, dass die brasilianische Variante im Vergleich zum Wildtyp 17 Mutationen aufweist, darunter 3 im Spike-Protein. Der P.1-Stamm ist 1,7- bis 2,4-mal kontagiöser als andere derzeit zirkulierende Varianten. Eine frühere Infektion mit dem Wildtyp oder mit anderen Varianten bietet gegen P.1 nur 54 bis 79% des ansonsten auftretenden Schutzes.

Die Autoren stellten außerdem fest, dass Menschen in Manaus 1,2- bis 1,9-mal häufiger an einer P.1-Infektion sterben als an einer Infektion mit anderen Stämmen.

Update vom 29. April 2021

  • Britische Studie: Impfung senkt Übertragungsrisiko deutlich – schon nach 1. Dosis

  • Lockerungen für Geimpfte in USA – Warnung vor Verteilungskampf

  • RKI: Abrechnungsdaten zeigen, wer die Impfung am dringendsten braucht

  • Impfstoff für Kinder ab 12: EMA-Antrag nächste Woche

  • Der Impfausweis kommt – mit weiteren Funktionen

  • Jugend-Befragung: „No future“-Angst in Corona-Zeiten

  • Virus-Variante in Indien: Impfungen scheinen zu schützen

  • Überblick: Wer profitiert von IL-6-Rezeptorantagonisten?

Heute hat das RKI 24.736 weitere SARS-CoV-2-Infektionen gemeldet. Vor einer Woche waren es 24.884 Fälle. An COVID-19 sind 264 Patienten gestorben (21. April: 331). Die 7-Tages-Inzidenz fiel von 160,6 am Vortag auf aktuell 154,9. Und noch eine positive Nachricht: Der bundesweite Sieben-Tage-R-Wert ist laut RKI-Lagebericht von Mittwochabend auf 0,90 gefallen (Vortag: 0,93) – was für ein Abflauen des Infektionsgeschehens spricht. Laut Impfmonitoring haben 24,7% der Bürger 1 Dosis bzw. 7,4% beide Dosen eine COVID-19-Vakzine erhalten.

Britische Studie: Impfung senkt Übertragungsrisiko deutlich  schon nach 1. Dosis

Die Diskussionen um mehr Rechte für Geimpfte nehmen weiter an Fahrt auf. Denn Wissenschaftler von Public Health England haben gezeigt, dass von ihnen ein deutlich geringeres Übertragungsrisiko ausgeht als von nicht Geimpften – und das schon nach der 1. Dosis.

Die Forscher haben Daten aus rund 24.000 britischen Haushalten analysiert, in denen sich mindestens eine Person mit SARS-CoV-2 infiziert hatte. Diese Indexpatienten standen mit 57.000 Menschen ohne bekannte Infektion in Kontakt. Als Vergleich dienten eine Million Kontakte von nicht geimpften, infizierten Personen. Die Studie umfasste Vakzine von AstraZeneca und BioNTech. Die Übertragungen verringerten sich 3 Wochen nach der ersten Impfdosis um 38 bis 49%. Signifikante Unterschiede zwischen beiden Vakzinen gab es dabei nicht.

Lockerungen für Geimpfte in USA – Warnung vor Verteilungskampf

In den USA ist man mit Lockerungen bereits weiter. Als Folge neuer Daten haben dort die Centers for Disease Control and Prevention (CDC), Atlanta, jetzt ihre Empfehlungen zur Pandemie-Bekämpfung aktualisiert ( Medscape hat berichtet ). „Ab heute müssen Sie, wenn Sie vollständig geimpft sind, sich im Freien und nicht in einer großen Menschenmenge befinden, keine Maske mehr tragen“, sagte Joe Biden bei einen Pressebriefing am 27. April. Der US-Präsident weiter: „Wenn Sie geimpft sind, können Sie mehr Dinge tun, sicherer, sowohl draußen als auch drinnen.“. Laut CDC sind etwa 37% aller Amerikaner vollständig geimpft, und knapp 54% haben mindestens eine Dosis erhalten.

Kanzlerkandidat Armin Laschet (CDU) hat sich bei der Debatte um Erleichterungen für Corona-Geimpfte und -Genesene für ein gemeinsames Vorgehen von Bund und Ländern ausgesprochen. Die Bundesregierung bereite eine entsprechende Verordnung vor, so der nordrhein-westfälische Ministerpräsident. Wie er betonte, müssten Einschränkungen von Grundrechten schnellstmöglich zurückgenommen werden.

Darin steckt politischer Sprengstoff; Vizekanzler Olaf Scholz (SPD) warnte gleichzeitig vor einem Verteilungskampf. „Wir müssen sehr darauf achten, dass sich die soziale Spaltung jetzt nicht auch beim Impfen fortsetzt“, gibt er zu bedenken. „Nicht das Vorhandensein von Ärzten im Freundes- oder Bekanntenkreis darf über die Vergabe von Impfterminen entscheiden, sondern einzig und allein die Priorität.“ Scholz weiter: Scholz. „Niemand hat etwas davon, wenn die noblen Vororte durchgeimpft sind, aber die Pandemie in den sozialen Brennpunkten weiter grassiert."

RKI: Abrechnungsdaten zeigen, wer die Impfung am dringendsten braucht

Apropos Impfpriorisierung: Diese erfolgt in Deutschland bekanntlich gemäß Coronavirus-Impfverordnung (CoronaImpfV) nach dem individuellen Krankheitsrisiko. Es  sollen zunächst diejenigen Personen geimpft werden, die ein besonders hohes Risiko für schwere oder tödliche COVID-19-Verläufe haben oder beruflich stark exponiert sind. Doch, wer tatsächlich ein hohes Risiko hat, hat die STIKO bislang größtenteils aufgrund internationaler Studiendaten geschlossen. Sind diese Daten auf den deutschen Versorgungsalltag übertragbar?

Mehr Klarheit, wer tatsächlich ein Risiko für einen schweren Verlauf hat, sollen nun Abrechnungsdaten von mehr 30 Millionen gesetzlich Versicherten der AOK Bayern, der AOK PLUS Sachsen und Thüringen, der BARMER, der DAK-Gesundheit sowie mehrerer Betriebskrankenkassen schaffen. An der Auswertung waren u.a. die Technische Universität Dresden, das InGef – Institut für angewandte Gesundheitsforschung Berlin und das RKI Berlin beteiligt.

Aus ihren Daten haben die Forscher eine Staffelung des Risikos für einen schweren Krankheitsverlauf und eine daraus folgende Priorisierung errechnet:

  • Rang 1 (am meisten gefährdet): Patienten mit hämatoonkologischen Erkrankungen mit Therapie

  • Rang 2: Patienten mit metastasierter solider Tumorerkrankung mit Therapie

  • Rang 3: Patienten mit Demenz

  • Rang 4: Patienten mit metastasierter solider Tumorerkrankung ohne Therapie

  • Rang 5: Patienten mit Herzinsuffizienz

  • Rang 6: Menschen im Alter von 75-79 Jahren

  • Rang 7: Patienten mit Dialyse

  • Rang 8: Patienten mit solider Krebserkrankung mit Therapie

  • Rang 9: Patienten mit zirrhotischen und schweren Leberkrankheiten

  • Rang 10: Patienten mit Down-Syndrom

  • Rang 11: Patienten mit chronischer Niereninsuffizienz

  • Rang 12: bei Zustand nach Organtransplantation

  • Rang 13: Menschen im Alter von 70-74 Jahren

  • Rang 14: Patienten mit Vorhofflimmern und Vorhofflattern

  • Rang 15: Patienten mit interstitielle Lungenerkrankung

  • Rang 16: Menschen im Alter von 65-69 Jahren

  • Rang 17: Patienten mit koronarer Herzkrankheit

  • Rang 18: Patienten mit schweren psychischen Erkrankungen

  • Rang 19: Patienten mit Diabetes mellitus Typ 1 und 2

  • Rang 20: Patienten mit COPD und sonstigen schweren Lungenerkrankungen

  • Rang 21: Patienten mit zerebrovaskulären Erkrankungen

  • Rang 22: Menschen mit Adipositas

  • Rang 23: Patienten mit neurologischen Erkrankungen

  • Rang 24: Menschen im Alter von 60-64 Jahren

„Die hier dargestellte Rangfolge von Risikofaktoren für einen schweren Verlauf (inklusive Intensivstation-Aufenthalt) bietet eine evidenzbasierte und praxistaugliche Orientierungsmöglichkeit für eine mögliche Aktualisierung der bestehenden Impfrangfolge, die auch im niedergelassenen Bereich einfach eingesetzt werden kann“, betonen die Autoren.

Impfstoff für Kinder ab 12: EMA-Antrag nächste Woche

Biontech-Gründer Uğur Şahin hat in einem Interview mit dem Spiegel Hoffnung verbreitet, dass es schon bald einen Impfstoff geben wird, der auch bei Kindern eingesetzt werden kann. Bislang sind die COVID-19-Impfstoffe in Deutschland erst ab einem Alter von 16 Jahren zugelassen.

Sahin sagte, dass für die Biontech/Pfizer-Vakzine voraussichtlich schon vor dem nächsten Winter ausreichende Daten für alle Kinder ab dem Kindergarten-Alter vorliegen. Schon am kommenden Mittwoch will das Unternehmen Daten für eine Zulassung des Impfstoffes für Kinder ab dem 12. Lebensjahr bei der europäischen Arzneimittelbehörde EMA einreichen. Der Zulassungsantrag für alle Altersklassen soll dann im September folgen.

Erste Impfungen von Schulkindern könnten ab Juni beginnen, sagte Sahin. „Wir haben die Studiendaten für die 12- bis 15-Jährigen in den USA für die bedingte Zulassung eingereicht, in Europa sind wir in den letzten Zügen vor der Einreichung", so Sahin. Die Prüfung dauere gewöhnlich nur wenige Wochen, ab Anfang Juni könnten dann wohl erste Schulkinder geimpft werden.

Die klinische Studie mit rund 4.600 jüngeren Kindern laufe derzeit noch, mache aber Fortschritte. Man habe den Impfstoff in Studien inzwischen schon bei Kindern ab einem Alter von 6 Monaten erprobt. „Es kann jetzt sehr schnell gehen“, wird Sahin zitiert. In den klinischen Studien habe sich bislang eine hohe Wirksamkeit und gute Verträglichkeit der Vakzine gezeigt.

Der Impfausweis kommt – mit weiteren Funktionen

Bei der Dokumentation wird der geplante Impfausweis eine zentrale Rolle spielen. Helge Braun, Chef des Bundeskanzleramts, erwartet, dass die Technologie schon „in wenigen Tagen bis Wochen“ fertig sein könnte. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn strebt sogar eine Gesetzesänderung an, um das Tool möglichst schnell an den Start zu bringen.

Er plant, dass neben Arztpraxen und Impfzentren auch Apotheker für bereits Geimpfte den digitalen Impfpass ausstellen können. Dafür solle das Infektionsschutzgesetz entsprechend modifiziert werden. Der Minister hofft, dass „im Sommer möglichst viele den digitalen Impfpass auch nutzen“. Dieser müsse „für alle leicht zugänglich sein“.

Jugend-Befragung: „No future“-Angst in Corona-Zeiten

Die Politik zeigt sich optimistisch, doch bei der Jugend, den 14- bis 20-Jährigen in Deutschland kommen solche Botschaften (noch) nicht an. Das zeigt eine repräsentative Befragung von iconkids & youth im Auftrag der Bertelsmann Stiftung.

71%, das sind 10% mehr als im Vorjahr, befürchten, dass sich ihre Chancen auf einen Ausbildungsplatz in Corona-Zeiten verschlechtert haben. Bei Jugendlichen mit niedriger Schulbildung sind es 78%, bei künftigen Studierenden nur 24%. 53% gaben an, die Politik tue zu wenig, um die Krise zu meistern. Weitere 20% erkannten das Engagement der Regierung zwar an, vertraten aber die Meinung, es müsse mehr unternommen werden.

„Wir müssen jedem jungen Menschen eine Ausbildungsperspektive geben, gerade in der Krise“, fordert Jörg Dräger, Vorstandsmitglied der Bertelsmann Stiftung. Seine Einschätzung: „Jede Krise vernichtet dauerhaft Ausbildungsplätze. Das war 2008 so und wird auch jetzt wieder so sein.“ Ausbildungsprämien für Betriebe reichten nicht, um diese Entwicklung aufzuhalten. „Wir brauchen eine Ausbildungsgarantie“, so Drägers Einschätzung.

Virus-Variante in Indien: Impfungen scheinen zu schützen

Wie lange die Krise – und damit die Ausbildungsproblematik – weitergehen wird, kann niemand sagen. Impfungen sind der einzige Ausweg. Viele Ärzte befürchten, dass die Impfstoffe ihre Wirkung gegen neue Mutanten verlieren könnten. Aktuellstes Beispiel: Derzeit wird Indien mit ungeheurer Wucht von einer SARS-CoV-2-Welle überrollt. Molekularbiologen identifizierten vor Ort B.1.617 als neue dort vorherrschende Virusvariante. Sie hat im Vergleich zum Wildtyp Mutationen an 3 Stellen im Genom, auch in der Sequenz des Spike-Proteins.

In einem Preprint berichten Forscher nun, dass Blutseren von rekonvaleszenten oder geimpften Personen nicht nur gegen den Wildtyp, sondern auch gegen diese B.1.617-Variante sowie gegen die britische B.1.1.7-Vaiante effektiv sind. Die Teilnhemer, von denen die Seren stammten, hatten Covaxin®, einen indischen Impfstoff mit inaktivierten Viren, erhalten oder SARS-CoV-2-Infektionen überstanden. Allerdings fiel die Wirkung ihrer Antikörper gegen B.1.617 etwas schwächer aus als gegen die anderen Varianten.

„Wenn es sich bestätigt, sind die Daten aus dieser Veröffentlichung äußerst ermutigend“, kommentiert Prof. Dr. Carlos A. Guzman vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung, Braunschweig. „Sie deuten darauf hin, dass es keine Immunflucht gibt.“ Die Variante B.1.617 werde von Antikörpern neutralisiert, die bei Personen nach Infektionen vorhanden seien oder durch COVID-19-Impfstoffe stimuliert würden. „Zu prüfen bleibt jedoch, ob diese Variante eine erhöhte Infektiösität und/oder eine erhöhte Virulenz beziehungsweise krankheitserregendes Potenzial aufweist“, sagt Guzman.

Überblick: Wer profitiert von IL-6-Rezeptorantagonisten?

Von der Prävention zur Therapie. Bekanntlich ist Interleukin-6 (IL-6) an der Pathogenese schwerer Verläufe von COVID-19 beteiligt. Ob Patienten von IL-6-Rezeptorantagonisten profitieren, ist trotz mehrerer randomisiert-kontrollierter Studien unklar. In einem Übersichtsartikel fassen Wissenschaftler die Datenlage jetzt zusammen.

Tocilizumab blockiert die Bindung von Interleukin-6 an seinen Rezeptor und verringert inflammatorische Vorgänge. „Patienten mit schwerem COVID-19, insbesondere solche, die nasalen Sauerstoff mit hohem Durchfluss, nicht-invasive Beatmung oder invasive mechanische Beatmung benötigen, profitieren wahrscheinlich von der Behandlung mit Tocilizumab“, fassen die Autoren zusammen. Bei leichtem COVID-19, bei gleichzeitigen Infektionen mit Bakterien oder Pilzen sowie bei irreversibler Organfunktionsstörung sei der Nutzen unwahrscheinlicher; hier könne es auch zu Schäden kommen.

„Es besteht weiterhin Bedarf, Patienten mit COVID-19 besser zu identifizieren, die wahrscheinlich von Tocilizumab (und anderen entzündungshemmenden Behandlungen) profitieren“, so das Fazit im Artikel. „Zukünftige Studien müssen den optimalen Zeitpunkt für den Beginn der Behandlung ermitteln und feststellen, ob die positiven Auswirkungen der IL-6R-Blockade über die ersten 28 Tage hinaus erhalten bleiben.“ Als neuen Marker bringen sie die Zeit ab der klinischen Verschlechterung – und nicht die Zeit ab dem Auftreten der Symptome – ins Gespräch.

Update 26. April 2021

  • Mehr Infektionen durch das Corona-Modellprojekt in Tübingen?

  • Lockerungen für Geimpfte in Sicht?

  • EMA: Nutzen und Risiken des AstraZeneca-Vakzins

  • EU-weit mehr Impfstoffe herstellen

  • AstraZeneca- und Pfizer-BioNTech-Vakzin: Hoher Schutz bereits nach 1 Dosis

  • Sicherheit des Impfstoffs in der Schwangerschaft

Am Morgen meldete das RKI 11.907 weitere Infektionen mit SARS-CoV-2. Vor einer Woche waren es 11.437. Die 7-Tage-Inzidenz erhöhte sich leicht auf 169 Fälle pro 100.000 Einwohner. Am Vortag lag der Wert bei 164. Es kam zu 60 weiteren Todesfällen durch COVID-19, verglichen mit 286 vor einer Woche.

Bei einer Pressekonferenz kommentierten Bundesgesundheitsminister Jens Spahn, RKI-Vizepräsident Prof. Dr. Lars Schaade und PEI-Präsident Prof. Dr. Klaus Cichutek die Entwicklung. Schaade erklärte, dass obwohl die Fallzahlen derzeit weniger schnell steigen, sie immer noch zu hoch sind. Er warnte: „Auch für Jüngere kann das Virus gefährlich sein.“

Zu B.1.617, der Variante, die derzeit in Indien für riesige Probleme sorgt, erklärte er: „Diese Variante könnte uns vor neue Herausforderungen stellen. Aber die Belege sind noch nicht da.“ Cichutek rechnet mit einer niedrigeren Wirksamkeit bereits zugelassener Impfstoffe gegen die neue Variante, stellt aber auch klar: „Sie wird nicht null sein.“

Optimistische Botschaften kamen dagegen von Spahn. „Über 18 Prozent der Deutschen sind geimpft, und 7 Prozent haben eine zweite Impfung erhalten“, sagte der Minister. „Im Verlauf des Junis werden wir die Impfpriorisierung aufheben können.“ Dies schließt er aus den aktuellen Lieferprognosen für Corona-Impfstoffe. Bald könne jeder 3. Deutsche geimpft sein. Doch die 3. Welle lasse sich nicht wegtesten und man könne auch nicht gegen sie animpfen, gab der Minister zu bedenken. Er verwies weiter auf den „Bundeslockdown“, Abstandsregeln und auf Maskenpflicht.

Mehr Infektionen durch das Corona-Modellprojekt in Tübingen?

Ausnahmen wie das bundesweit beachtete Tübinger Corona-Modellprojekt, es wurde mittlerweile gestoppt, sind umstritten. Auch Tübinger Wissenschaftler haben jetzt aufgrund von Analysen ihre Bedenken geäußert.

Zum Vergleich zogen sie Regionen mit ähnlicher Bevölkerungsdichte, ähnlichem Durchschnittsalter und vergleichbar vielen Arztpraxen heran. Ihre Wahl fiel auf die Städte Heidelberg und Freiburg im Breisgau sowie die Landkreise Enzkreis und Heilbronn. Anhand der Daten simulierten sie, welche Infektionszahlen Tübingen ohne das Modellprojekt mit seinen Lockerungen gehabt hätte.

„Dabei beobachten wir ab Ende März eine deutliche Zunahme der Infektionszahlen in Tübingen gegenüber denen der Kontrollgruppe“, sagt Prof. Dr. Klaus Wälde von der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz. Den größten Unterschied fand er Anfang April. „Dann lag die 7-Tage-Inzidenz in Tübingen bei 144, während sie für die Kontrollgruppe bei 100 liegt“, sagt Wälde.

Dass sich die Unterschiede bald darauf verringerten, erklärt sich der Forscher mit 2 Änderungen im Projekt. Ab 1. April konnte die Außengastronomie nicht mehr am Modellprojekt teilnehmen – und es wurden keine weiteren Partner aus dem Landkreis aufgenommen. Spielen vielleicht auch Massentests eine Rolle? „Unsere Rechnungen zeigen, dass die Zunahme bei der Inzidenz durch das vermehrte Testen zu einem nicht unbeträchtlichen Teil, aber nicht vollständig erklärt werden kann“, kommentiert Wälde.

Lockerungen für Geimpfte in Sicht?

Das Tübinger Modellprojekt ist seit dem „Bundeslockdown“ ohnehin Geschichte. Bürger können laut Medienberichten jedoch mit Erleichterungen rechnen, falls sie geimpft worden sind oder falls sie eine SARS-CoV-2-Infektion überstanden haben.

Das Bundesjustizministerium will laut Bild-Zeitung am heutigen Montag bei der Ministerpräsidentenkonferenz einen Entwurf vorlegen. Demnach brauchen Geimpfte keine Kontaktbeschränkungen mehr einzuhalten. Sie können auch Geschäfte besuchen und körpernahe Dienstleistungen in Anspruch nehmen, ohne Schnelltests vorzuweisen. Ähnliche Rahmenbedingungen sollen für COVID-19-Patienten bis zu 6 Monate nach deren Genesung gelten. Zuvor hatte sich Spahn gegen Sonderrechte ausgesprochen.

Grundrechte seien keine Privilegien, erklärte Bundesjustizministerin Christine Lambrecht im Vorfeld. „Grundrechte stehen mir zu nach der Verfassung, und wenn der Staat eingreift in diese Grundrechte, dann braucht er dafür gute Gründe. Dazu zähle der Schutz von Leib und Leben; aber wenn dieser wegfalle, weil von Geimpften keine Gefahr mehr ausgehe, dann habe der Staat keinen Grund mehr.

EMA: Nutzen und Risiken des AstraZeneca-Vakzins

Impfungen gegen SARS-CoV-2 bleiben auch aus anderen Gründen ein Politikum, nachdem Bayern, Berlin, Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern beschlossen haben, das AstraZeneca-Vakzin auf freiwilliger Basis auch an Menschen unter 60 Jahren zu verabreichen.

Um Mitgliedsstaaten bei solchen Entscheidungen zu unterstützen, hat die Europäische Arzneimittelagentur EMA alle verfügbaren Daten ausgewertet. „Untersucht wurde, inwiefern Vaxzevria® in Abhängigkeit von Alter und Infektionsrate in der Lage ist, Hospitalisierungen, Intensivaufnahmen und Todesfälle durch COVID-19 zu verhindern“, sagte Peter Arlett bei einer Online-Pressekonferenz. Er ist Vorsitzender der EMA Data Analytics and Methods Task Force. „Eine Differenzierung nach Geschlecht ist jedoch aufgrund mangelnder Daten momentan nicht möglich.“

Dazu 2 Zahlen aus dem März 2021 – analysiert bei einer hohen Infektionsrate von 886 Fällen pro 100.000 Einwohner:

  • In der Gruppe über 80 konnten allein durch die 1. Impfung pro 100.000 Personen 1.239 Hospitalisierungen verhindert werden. Rein rechnerisch gab es dabei 0,4 Thrombosen.

  • Bei 30- bis 39-Jährigen wurden pro 100.000 Impfungen 81 Hospitalisierungen vermieden – bei 1,9 Thrombosen.

EMA-Deputy Executive Director Noël Wathion kommentierte: „Der Gesamtnutzen von Vaxzevria® erhöht sich mit dem Alter und der Infektionsrate vor Ort.“ An dem insgesamt positiven Risiko-Nutzen-Verhältnis für alle Altersgruppen habe diese Analyse nichts geändert. Impfwillige sollten zwischen 4 und 12 Wochen nach der ersten Dosis gemäß den Produktinformationen weiterhin eine 2. Dosis Vaxzevria® verabreicht bekommen.

EU-weit mehr Impfstoffe herstellen

Auch mit Fragen zur Produktionskapazität hat sich die EMA befasst. Sie gab grünes Licht, um die Chargengröße am Pfizer-Standort in Puurs, Belgien, zu erhöhen und rechnet jetzt mit „erheblichen Auswirkungen“ auf die europaweite Verfügbarkeit von Comirnaty®.

Außerdem hat die EMA eine neue Abfülllinie am Moderna-Produktionsstandort in Rovi, Spanien, genehmigt. Sie soll mehr Kapazitäten zur Abfüllung der Fertigprodukte schaffen – zusammen mit dem Produktionsstandort für Wirkstoffe bei Lonza im schweizerischen Visp.

AstraZeneca- und Pfizer-BioNTech-Vakzin: Hoher Schutz bereits nach 1 Dosis

Welchen Impfstoff Bürger bekommen, scheint unter dem Blickwinkel der Wirksamkeit unerheblich zu sein. Das geht aus der COVID-19-Infektionsstudie, einer Partnerschaft zwischen der Oxford University, dem Office of National Statistics (ONS) und dem Department for Health and Social Care (DHSC) hervor. Wissenschaftler haben Effekte verschiedener Vakzine bei Personen ab 16 Jahren untersucht; bislang liegen nur 2 Preprints vor.

Die Autoren analysierten 1.610.562 Testergebnisse von Nasen- und Rachenabstrichen, die von 373.402 Studienteilnehmern zwischen dem 1. Dezember 2020 und dem 3. April 2021 entnommen worden waren. 21 Tage nach einer Einzeldosis des AstraZeneca- oder Pfizer-BioNTech-Vakzins – ohne 2. Dosis – fanden sie in beiden Fällen folgende Ergebnisse:

  • Die Rate an COVID-19-Infektionen – unabhängig von deren Art – verringerte sich um 65%

  • Bei symptomatischen Infektionen waren es 74% weniger.

  • Infektionen ohne Symptome waren um 57% gesunken.

Der Rückgang der Infektionen generell und der symptomatischen Infektionen war nach einer 2. Dosis sogar noch größer (70% bzw. 90%) und ähnelte den Effekten bei Personen, die sich zuvor auf natürlichem Wege mit COVID-19 infiziert hatten. Beide Impfstoffe waren gegen Varianten wirksam, die ähnliche Muster wie B.1.1.7 aufwiesen.

Es gab keine Hinweise darauf, dass sich Impfstoffe von Oxford-AstraZeneca und Pfizer-BioNTech in ihrer Fähigkeit, die Infektionsraten zu verringern, unterschieden, obwohl sie zu einer leicht unterschiedlichen Immunantwort führten. Alle Personen zeigten zumindest eine gewisse Reaktion auf beide Impfstoffe nach der 1. Dosis. Ein kleiner Anteil (ca. 5%) sprach nur schwach an – „es wird wichtig sein, deren Reaktion auf eine zweite Impfung zu überwachen“, so die Autoren.

Sicherheit des Impfstoffs in der Schwangerschaft

Spezielle Personengruppen sind bei Vakzinen ebenfalls Thema der Forschung. Erste Ergebnisse deuten darauf hin, dass COVID-19-Vakzine im 3. Trimenon der Schwangerschaft sicher sind.

Forscher hatten Daten des V-safe Pregnancy Registry and Surveillance System und des Vaccine Adverse Event Reporting System (VAERS) analysiert.

  • V-safe ist ein Smartphone-basiertes Impfüberwachungssystem der US-amerikanischen Centers for Disease Control and Prevention (CDC) mit freiwilliger Registrierung. Links zu Umfragen zur Beurteilung des Gesundheitszustands wurden per SMS gesendet, und die Nachverfolgung soll bis ein Jahr nach der letzten Impfstoffdosis dauern. Angaben zur Schwangerschaft sind auch möglich.

  • VAERS ist ein passives Überwachungssystem, das 1990 eingeführt wurde. Ärzte müssen unerwünschte Ereignisse nach der Impfung und schwangerschaftsbedingte Komplikationen über dieses Tool melden.

Das Ergebnis der Auswertung: Lokale und systemische Ereignisse nach der Impfung scheinen bei schwangeren und nicht schwangeren Teilnehmerinnen der Befragung ähnlich oft aufzutreten. Die Rate an Spontanaborten betrug 12,6% bei den Teilnehmerinnen des V-safe-Schwangerschaftsregisters, wobei die meisten Aborte bis zur 13. Schwangerschaftswoche auftraten. Vergleichsdaten aus öffentlichen Registern ergeben stark schwankende

Raten zwischen 10% und 26%. Die Autoren finden keine Hinweise auf erhöhte Werte, wobei sie auf Unsicherheiten durch das Design hinweisen. Von den Schwangeren mit einer Lebendgeburt erhielten 98% ihre 1. Impfstoffdosis im 3. Trimenon.

Update vom 20. April 2021

  • Die geplanten Neu-Regelungen der bundesweiten Notbremse

  • Kritik an 7-Tage-Inzidenz als einzigem Orientierungspunk

  • Pflegepersonal mit „unglaublich hoher Belastung“

  • Aus der Klinik entlassen, heißt nicht gesund: viele Wiederaufnahmen

  • Nochmals Appell an Politiker

Heute am 20. April 2021 meldet das Robert Koch-Institut (RKI) 9.609 Corona-Neuinfektionen in den letzten 24 Stunden und 297 neue Todesfälle im Zusammenhang mit COVID-19. Das sind etwas weniger als vor einer Woche (10.810 SARS-Cov-2-Neuinfektionen; 294 Todesfälle). Die 7-Tages-Inzidenz lag damit laut RKI bei 162,4 – und damit ebenfalls etwas niedriger als am Vortag (165,3).

Die geplanten Neu-Regelungen der bundesweiten Notbremse

Die Änderung des Infektionsschutzgesetzes, die die Bundesregierung auf den Weg gebracht hat, um eine bundesweite Notbremse und entsprechende Maßnahmen zu verankern, wird morgen im Bundestag in die 2. und 3. Lesung gehen. Am Donnerstag soll das Gesetz in den Bundesrat.

Dabei sind die Regelungen für die bundesweite Notbremse nach Kritik aus den Fraktionen nochmals angepasst worden. So soll die nächtliche Ausgangssperre ab einer regionalen 7-Tage-Inzidenz über 100 nun erst ab 22 (statt 21) Uhr bis 5 Uhr morgens gelten und Spazierengehen bzw. Joggen alleine soll sogar bis Mitternacht möglich sein.

Nachgeschärft wurde dagegen bei Schulen und Betrieben: Schüler sollen schon ab einer Inzidenz von 165 (zuvor waren 200 geplant) ins Home-Schooling wechseln und Arbeitgeber müssen ihren Beschäftigten mindestens 1, bei häufigen Kundenkontakten 2 Schnelltests pro Woche anbieten. Auch soll die Pflicht, Homeoffice anzubieten, wenn immer möglich, ins Gesetz aufgenommen werden.

Laut Änderungsantrag der Fraktionen soll auch das Einkaufen mit negativem Test und Terminvereinbarung ("Click & Meet") bis zu einer Inzidenz von 150 möglich bleiben. Auch sollen Zoobesuche mit negativem Test erlaubt bleiben, ebenso wie Sport im Freien für bis zu 5 Kinder bis zum Alter von 14 Jahre. Damit nehmen die Änderungen auch einige Aspekte der von Aerosolforschern angeführten Kritikpunkte auf. Alle Regelungen sollen zunächst bis zum 30. Juni gelten.

Kritik an 7-Tage-Inzidenz als einzigem Orientierungspunkt

Einige Wissenschaftler kritisieren allerdings, dass sich die im Infektionsschutzgesetz verankerten Maßnahmen der Notbremse bislang ausschließlich an der 7-Tages-Inzidenz orientieren. Die Inzidenz der Neu-Infektionen sei nämlich dabei, sich „zunehmend von der Krankheitsaktivität zu entkoppeln“, argumentierte Prof. Dr. Gérard Krause, Leiter der Abteilung Epidemiologie, Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung (HZI), Braunschweig, bei einem Briefing des Science Media Center Germany.

Gründe dafür seien z.B. die steigenden Testzahlen, aber auch die zunehmenden Infektionszahlen in Bevölkerungsschichten, die weniger ernst erkranken, etwa bei Schülern und Jugendlichen. Auch die steigenden Impfzahlen tragen nach seiner Aussage dazu bei, die Krankheitslast insgesamt zu senken. Die Aussagekraft der Inzidenz sei aber vor allem stark gekoppelt an die aktuellen Teststrategien in den Regionen und bildeten so die relevante Infektionslage nicht sinnvoll ab.

Ein Gegenvorschlag für einen nach Ansicht vieler Experten besser geeigneten Parameter ist die Anzahl der täglichen Neuaufnahmen auf den Intensivstationen: Die COVID-19 Data Analysis Group (CODAG) der LMU München hat nun ein eigenes Schätzverfahren für einen neuen Schwellenwert präsentiert, der aus regionalen Neuaufnahmen auf Intensivstationen errechnet wird. Danach würden etwa 5 Hospitalisierungen pro Woche pro 100.000 Einwohner einer derzeitigen Inzidenz bei den Neu-Infektionen von 100 entsprechen.

Legt man diesen neuen Schwellenwert an, zeigt sich laut Hauptautor Prof. Dr. Helmut Küchenhoff, Institut für Statistik, Leiter des Statistischen Beratungslabors, Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU), München, dass aktuell bereits zahlreiche Bundesländer bzw. Regionen den Grenzwert überschreiten, etwa Bayern, Baden-Württemberg, Hessen, Berlin und Brandenburg, Sachsen und Thüringen. In anderen Regionen liegt man noch darunter.

Pflegepersonal mit „unglaublich hoher Belastung“

Auch wenn es aktuelle nach einer Stagnation der Infektionszahlen aussieht, laufen die Intensivstationen in Deutschland weiter voll, hieß es beim Presse-Briefing: Weder für Ärzte und Ärztinnen noch Pflegekräfte sei eine Entlastung in Sicht. Prof. Dr. Uta Gaidys, Pflegewissenschaftlerin und Leiterin des Departments Pflege und Management an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg (HAW), stellte Umfrage-Ergebnisse unter dem Pflegepersonal während der 3. Welle vor.

Diese zeige „nach wie vor eine unglaublich hohe Belastung“. 80% der Befragten sagten, die Belastung sei gestiegen – und 84% sagten, die resultiere bereits in Einbußen in der pflegerischen Versorgungsqualität. Auch der Intensivmediziner Prof. Dr. Christian Karagiannidis, Klinikum Köln-Merheim, Medizinisch-Wissenschaftlicher Leiter des DIVI Intensivregisters, bestätigte: „Was uns im Moment am meisten beunruhigt ist die enorme Belastung des Personals – auch psychisch durch die vielen Todesfälle.“

Aus der Klinik entlassen, heißt nicht gesund: viele Wiederaufnahmen

Derzeit meldeten nur noch rund ein Drittel der deutschen Intensivstationen, dass sie noch weitere Patienten aufnehmen könnten. Rund 650 der etwa 1.300 Intensivstationen könnten wegen des Personals keine zusätzlichen Intensiv-Patienten mehr versorgen – und viele der Kliniken hätten bereits den Regelbetrieb eingeschränkt. Dies sei auch dem Umstand geschuldet, dass beatmete Patienten – sowohl invasiv beatmete, als auch solche, die eine Maskenatmung erhalten – besonders betreuungsintensiv seien.

Derzeit werden laut Karagiannidis rund 20% der wegen COVID-19 in die Kliniken eingelieferten Patienten intensivpflichtig. Hier mache sich auch die erhöhte Krankheitsschwere der britischen b.1.1.7-Variante bemerkbar. Der Intensivmediziner machte auch darauf aufmerksam, dass rund ein Viertel der Patienten, die nach einer COVID-19-Infektion die Klinik verlassen, nicht wirklich gesund sind und innerhalb der folgenden 6 Monate erneut stationär aufgenommen werden müssen. Auch wegen dieser bislang noch gar nicht diskutierten Langzeitfolgen, sei es wichtig, jede zusätzliche Infektion so weit möglich zu vermeiden.

Nochmals Appell an Politiker

Der DIVI-Präsident, Prof. Dr. Gernot Marx, vom Universitätsklinikum Aachen, berichtet in seinem Tages-Update, dass die Lage auf den Intensivstationen in Deutschland nach wie vor angespannt ist. Knapp 5.000 COVID-19-Patienten würden dort derzeit behandelt. Das DIVI-Register gibt es jetzt seit einem Jahr. Im Unterschied zur 1. und 2. Welle handle es sich derzeit bei den Neuaufnahmen oft um junge Patienten in den 30ern und 40ern, berichtet er und appelliert nochmals an die Politiker, morgen die Änderungen des Infektionsschutzgesetzes zu beschließen. „Wir brauchen dringend Ihre Unterstützung, damit das Gesundheitssystem nicht weiter überlastet wird.“

Update vom 14. April 2021

  • Die „Bundes-Notbremse“ kommt – aber es dauert …

  • Prominente Experten halten 7-Tage-Inzidenz für ungeeignete Bewertungsgrundlage

  • Britische Variante: erhöhte Transmission bestätigt, erhöhte Mortalität nicht

  • Johnson & Johnson: Impfungen in USA pausiert, Start in der EU verschoben

  • Britische Studie zur Zweitimpfung mit unterschiedlichen Impfstoffen

  • PRINCIPLE-Studie: Budesonid als „Game Changer“ in der ambulanten Therapie?

  • In 2. Welle hohe Dunkelziffer bei Kindern – viele Infektionen symptomlos

21.693 Neuinfektionen, 342 weitere Todesfälle und eine massiv gestiegene 7-Tages-Inzidenz von 153,2 Fällen pro 100.000 Menschen (gestern: 140,9) – diese Zahlen hat das Robert Koch-Institut heute früh veröffentlicht. Vor einer Woche waren es knapp 10.000 Neuansteckungen und 298 Todesfälle. Das Kabinett will, wie berichtet, der 3. Welle mit einer „Bundes-Notbremse“ gegensteuern.

Die „Bundes-Notbremse“ kommt – aber es dauert …

Die Regeln, die ab einer Inzidenz von 100 bundesweit gelten sollen, beinhalten auch die – nicht nur von Aerosol-Experten kritisierten – Ausgangssperren von 21 Uhr bis 5 Uhr. Außerdem gelten dann verschärfte Kontaktbeschränkungen: Angehörige eines Haushalts dürfen sich nur noch mit einer anderen Person treffen, maximal 5 Menschen dürfen zusammenkommen, Kinder unter 14 nicht mitgerechnet. Gleichzeitig werden Freizeitangebote und Geschäfte geschlossen, von der Grundversorgung abgesehen.

Schulen müssen ihren Präsenzunterricht erst einstellen, wenn der Wert von 200 an 3 Tagen in Folge überschritten wird. Bei niedrigeren Inzidenzen plant die Regierung 2 verpflichtende Schnelltests pro Woche für alle Schüler. Ähnliche Maßnahmen gelten für Kitas, wobei hier eine Notbetreuung möglich sein wird.

Der Bundestag will alle Änderungen des Infektionsgesetzes jedoch nicht im Schnellverfahren beschließen. Kommende Woche sollen die Neuerungen erst vom Parlament beschlossen werden und dann den Bundesrat passieren.

Prominente Experten halten 7-Tage-Inzidenz für ungeeignete Bewertungsgrundlage

Kritik kommt nicht nur von der Opposition. In einem offenen Brief an die Regierung fordern Prof. Dr. Detlev H. Krüger, früherer Direktor des Instituts für Virologie der Charité Berlin, und Prof. Dr. Klaus Stöhr, ehemaliger Leiter des Globalen Influenza- und Pandemievorbereitungsprogrammes der WHO in Genf, andere Herangehensweisen.

Sie bemängeln, dass die 7-Tages-Inzidenz die Krankheitslast in der Gesellschaft immer weniger abbilde. „Zudem unterliegt dieser Wert … schwankenden Erfassungswahrscheinlichkeiten, die völlig unabhängig vom eigentlichen Infektionsgeschehen sind“ so ihre Kritik. Der Inzidenzwert unterscheide nicht zwischen verschiedenen Altersgruppen; er berücksichtige auch nicht die Dynamik in benachbarten Landkreisen.

Krüger und Stöhr fordern: „Bewertungsgrundlage für die Auswahl von Schutzmaßnahmen sollte nicht die Inzidenz der Infektionen sein, sondern vielmehr die Häufigkeit der Erkrankungen und ihrer jeweiligen Schwere, also insgesamt die Krankheitslast.“ Das könne etwa über die „tägliche Anzahl der COVID-bedingten intensivstationären Neuaufnahmen, differenziert nach Landkreis des Patientenwohnortes, Alter und Geschlecht mit Berücksichtigung … zeitlicher Trends“ geschehen.

Britische Variante: erhöhte Transmission bestätigt, erhöhte Mortalität nicht

Als Treiber des Infektionsgeschehens gelten vor allem neue SARS-CoV-2-Mutationen. Deshalb haben Wissenschaftler des Hasso-Plattner-Instituts, des Robert Koch-Instituts, des Europäischen Virus-Bioinformatik-Instituts und der Medizinischen Hochschule Hannover die neue Plattform CovRadar entwickelt. Sie hilft bei der Überwachung genetischer Codes des Corona-Spike-Proteins, auf das die Impfstoffe abzielen. Über eine Web-Anwendung sollen Vergleiche mit bekannten Sequenzen erleichtert werden. Auch eine regionale Verortung von Mutationen ist möglich.

Solche Daten sind nur die halbe Miete. Ob neue Varianten kontagiöser sind, zeigen erst epidemiologische Studien. Neue Publikationen befassen sich mit dem Effekt von B.1.1.7 (Frampton D et al., Graham MS et al.). Die Ergebnisse legen eine höhere Transmission nahe, geben aber keine Hinweise auf einen schwereren Verlauf von COVID-19. Bislang hatte es die Vermutung gegeben, dass B.1.1.7 mit einer höheren Mortalität in Verbindung steht.

Beide Studien wurden letzten Winter in London und Südengland durchgeführt. In den Regionen verbreitete sich B.1.1.7 damals rapide. Bei der 1. Arbeit bestimmten Forscher in Kliniken die Viruslast von Infizierten und erfassten den Schweregrad von COVID-19 bzw. die Zahl an Todesfällen. Sie fanden anhand der Ct-Werte eine höhere Viruslast, klinisch aber keine höhere Mortalität als beim Wildtyp. Bei der anderen Studie meldeten Patienten Symptome über eine App. Sequenzdaten kamen mit hinzu. Auch hier zeigte sich kein signifikanter Unterschied.

„Gut gemachte Sequenzierungs-Studie aus London bestätigt, dass die B.1.1.7-Variante deutlich ansteckender ist und daher auch mehr Jüngere trifft“, kommentiert der SPD-Gesundheitsexperte Prof. Dr. Karl Lauterbach auf Twitter. Er bezieht sich auf die Arbeit von Frampton und Kollegen. Lauterbach weiter: „Die erhöhte Sterblichkeit der Bristol-Studie bestätigte sich nicht. Das ist ein gutes wie überraschendes Ergebnis.“

Zur wissenschaftlichen Kontroverse schreibt der Experte: „Einige Wissenschaftler kommentieren: Da nur Hospitalisierte ausgewertet (worden sind), sei die Aussage, B.1.1.7 sei nicht tödlicher, unbelegt, da B.1.1.7 die Wahrscheinlichkeit der Hospitalisierung erhöhen könnte. Die Autoren halten dagegen, dass dann auch Sterblichkeit bei Hospitalisierten ansteigen müsste.“

Johnson & Johnson: Impfungen in USA pausiert, Start in der EU verschoben

Für Aufregung sorgten gestern neue schlechte Nachrichten zur Vektor-Vakzine von Johnson & Johnson, durch die man auf eine Beschleunigung der Impfkampagne gehofft hatte, weil sie nur einmal gegeben werden soll.

Nachdem – wie Medscape berichtet hat – bereits die EMA am Freitag angekündigt hatte, 4 Berichte über thromboembolische Ereignisse in zeitlichem Zusammenhang mit der Impfung zu prüfen, haben nun in den USA die FDA und die CDC angekündigt, das Vakzin momentan nicht weiter einzusetzen. Laut FDA sind in den USA bereits 6,8 Millionen Dosen verabreicht worden; man prüfe derzeit 6 Berichte über schweren Thrombosen. Am heutigen Mittwoch wollen Experten der US-Zulassungsbehörde das weitere Vorgehen besprechen.

„Laut den derzeit verfügbaren Informationen scheinen diese 6 Fälle mit dem J&J-Impfstoff denen zu ähneln, die beim AZ-Impfstoff beobachtet wurden“, kommentiert Prof. Dr. Ian Douglas von der London School of Hygiene & Tropical Medicine gegenüber dem Science Media Center. Angesichts des gestiegenen Bewusstseins für dieses Problem bei COVID-19-Impfstoffen sei es nicht verwunderlich, dass mehr Fälle gemeldet würden.

„Es ist wichtig, zu betonen, dass alle Anzeichen dafür sprechen, dass dies unglaublich selten ist, in diesem Fall 1 zu einer Million, basierend auf dem, was wir bisher über den J&J-Impfstoff wissen“, so Douglas. Dies ähnele der Wahrscheinlichkeit, in Großbritannien vom Blitz getroffen zu werden. Trotzdem will der US-Pharmakonzern den Marktstart in Europa nun auf unbestimmte Zeit verschieben.

Britische Studie zur Zweitimpfung mit unterschiedlichen Impfstoffen

Und dann ist nach dem AstraZeneca-Debakel auch noch eine andere Frage zu klären: Welches Vakzin sollen Menschen unter 60 Jahren erhalten, die eine Erstimpfung mit Vaxzevria® von AstraZeneca hatten?

Bislang mangelt es an Daten dazu. Aber seit Februar läuft an der University of Oxford die Com-Cov-Studie. Geplant war, in der Studie den Wechsel vom Impfstoff von AstraZeneca auf BioNTech/Pfizer zu untersuchen. Jetzt haben die Forscher beschlossen, ihr Programm um die Impfstoffe von Moderna und die noch nicht zugelassene Vakzine von Novavax zu erweitern. Eingeschlossen werden Erwachsene über 50 Jahre, die ihre 1. Impfung in den zurückliegenden 8-12 Wochen erhalten haben. Ziel ist, die Nicht-Unterlegenheit solcher Kombinationen zu zeigen.

„Wenn wir zeigen können, dass diese gemischten Schemata eine ebenso gute Immunantwort erzeugen wie die Standardschemata, ohne dass es zu einer signifikanten Zunahme der Impfstoff-Reaktionen kommt, könnte dies mehr Menschen ermöglichen, ihre COVID-19-Impfung schneller abzuschließen“, hofft Prof. Dr. Matthew Snape von der University of Oxford.

PRINCIPLE-Studie: Budesonid als „Game Changer“ in der ambulanten Therapie?

Hoffnungsvolle Nachrichten gibt es aus der Therapie. In PRINCIPLE, einer randomisierten, kontrollierten Phase-3-Studie, bewerten Forscher potenzielle COVID-19-Behandlungen bei ambulanten Patienten. Sie haben untersucht, ob das inhalative Asthma-Medikament Budesonid, ein häufig verordnetes Glukokortikoid, COVID-19-Symptome bessert. Jetzt liegen positive Ergebnisse einer Zwischenanalyse als Preprint vor.

Bis zum 25. März 2021 wurden 4.663 Teilnehmer mit Verdacht auf COVID-19 randomisiert. Davon wurden 2.617 (56,1%) positiv auf SARS-CoV-2 getestet; ihre Daten waren Teil der Zwischenanalyse. Von dieser Gruppe erhielten 751 Budesonid, 1.028 die übliche, bestmögliche Therapie und 643 andere Interventionen.

Die Zeit bis zur Genesung laut Patienten-Angaben war in der Budesonid-Gruppe kürzer als in der Kontrollgruppe mit Standardbehandlung (HR 1,21 [95%-KI 1,08-1,36]; geschätzter Nutzen 3 Tage [1,13-5,41]). Innerhalb der 28-tägigen Nachbeobachtungszeit gab es unter Budesonid 59/692 (8,5%) COVID-19-bedingte Krankenhausaufenthalte bzw. Todesfälle im Vergleich zu 100/968 (10,3%) in der Gruppe mit Standardtherapie.

Wie beurteilen Experten die Daten? Prof. Dr. Tim Higenbottam, Präsident der Faculty of Pharmaceutical Medicine, einem britischen Fachverband, sagt: „Dies ist das erste positive Ergebnis aus groß angelegten Studien …., und dies ist sehr wichtig, da wir bisher keine Therapien haben, die das Fortschreiten der Krankheit modifizieren und in der Bevölkerung eingesetzt werden können.“

Die Behandlung sei kostengünstig, habe ein gut beschriebenes Sicherheitsprofil und sei einfach in der Praxis anzuwenden. „Sie verdient eine randomisierte Kontrollstudie, die doppelblind ist und nicht durch unzureichende Tests auf SARS-CoV-2 und die Überprüfung der Verwendung des Inhalators eingeschränkt wird“, ergänzt Higenbottam

„Die Größe des Effekts, 2 oder 3 Tage schneller zu genesen, hat vielleicht nicht so viel Wert an sich“, sagt er. Aber zumindest sei es ein erfolgreiches Ergebnis, das bei früheren Medikamententests nicht erreicht worden sei.

Lauterbach ist deutlich zuversichtlicher. Auf Twitter schreibt der SPD-Gesundheitsexperte: „Meines Erachtens ein Game-Changer, weil Studie gut gemacht wurde und (eine) relevante Hausarzt-Frühbehandlung zeigt.“

In 2. Welle hohe Dunkelziffer bei Kindern – viele Infektionen symptomlos

Auf eine hohe Dunkelziffer an Infektionen bei Kindern und Jugendlichen weisen neue Daten aus Bayern hin. Danach hatten Kinder dort während der 2. Corona-Welle 3- bis 4-mal mehr SARS-CoV-2-Infektionen als offiziell über PCR-Tests gemeldet. Das fanden Münchener Wissenschaftler im Rahmen der Screening-Studie „Fr1da“ heraus. Ziel der Untersuchung ist eigentlich, über spezifische Auto-Antikörper Frühstadien von Typ-1-Diabetes nachzuweisen. Fr1da schließt Kinder zwischen 2 und 10 Jahren aus Bayern ein.

Bereits während der 1. Corona-Welle führten die Forscher anhand gesammelter Blutproben Corona-Tests durch. Im Frühjahr 2020 fanden sie Antikörper gegen SARS-CoV-2 bei 0,87% der Teilnehmer. Zwischen Oktober 2020 und Februar 2021 lag die Häufigkeit positiver Tests bei 5,6%, in der Subgruppe mit Schulkindern sogar bei 8,4%. Die Forscher erklären sich den Anstieg mit einer generell höhere Virusexposition im Herbst und Winter, mit Schulöffnungen und mit neuen, infektiöseren Virusvarianten.

Von 446 Kindern, die in Welle 2 positiv getestet wurden, hatten 92,6% Fragebögen zu Symptomen ausgefüllt. Daraus geht hervor, dass 2 von 3 Vorschulkinder (68%) und jedes 2. Schulkind (51,2%) keinerlei Beschwerden der Infektion berichtet hatte.

Update vom 7. April 2021

  • Angela Merkel für kurzen einheitlichen Lockdown; EMA äußert sich zur AstraZeneca-Vakzine

  • 46 Infektionen und eine Schulschließung nach Bar-Eröffnungsparty

  • Nach COVID-19-Diagnose oft neurologische und psychiatrische Folgen

  • Multisystem-Entzündungssyndrom bei Kindern – ein Update mit 1.700 Fällen

  • Nach Überempfindlichkeitsreaktion auf 1. Dosis: Gestaffeltes Dosierungsprotokoll bei 2. Dosis

Der Ausschuss für Arzneimittelsicherheit (PRAC) der EMA hat nun seine Bewertung hinsichtlich der seltenen gefährlichen Blutgerinnsel nach Impfung mit der AstraZeneca-Vakzine bekannt gegeben – und einen Zusammenhang mit der Impfung mit Vaxzevria® (ehemals COVID-19-Impfstoff von AstraZeneca) eingeräumt. Die mit Thrombozytopenien assoziierten seltenen Blutgerinnsel sollen nun als Nebenwirkung in der Produktinformation aufgeführt werden.

Es habe sich kein eindeutiger Zusammenhang mit bestimmten Risikofaktoren bzw. -gruppen feststellen lassen, hieß es, auch wenn die meisten der gemeldeten Fälle bei Frauen unter 60 Jahren auftraten. Daher will die EMA die Anwendung der Impfung nicht auf bestimmte Patienten- bzw. Altersgruppen einschränken.  

Der Ausschuss hatte nach eigenen Angaben 62 Verdachtsfälle zerebraler Sinusvenenthrombosen und 24 Fällen von Splanchnikus-Venenthrombosen geprüft, von denen 18 tödlich verliefen. Bei seiner Schlussfolgerung berücksichtigte der Ausschuss alle derzeit verfügbaren Erkenntnisse, einschließlich der Empfehlungen einer Ad-hoc-Expertengruppe. Insgesamt überwiege nach wie vor der Nutzen des Schutzes vor schweren COVID-19-Verläufen das Risiko für diese seltene Nebenwirkung, so die EMA.

Die EMA rät Geimpften, die die AstraZeneca-Vakzine erhalten haben, sofort ärztliche Hilfe zu suchen, wenn innerhalb von 2 Wochen folgende Symptome auftreten: Kurzatmigkeit, Schmerzen in der Brust, Schwellung im Bein, anhaltende abdominale (Bauch-)Schmerzen, neurologische Symptome einschließlich starker und anhaltender Kopfschmerzen oder verschwommenes Sehen sowie kleine Einblutungen unter der Haut jenseits der Injektionsstelle.

Bundekanzlerin Angela Merkel hat sich laut ihrer 2. Pressesprecherin Ulrike Demmer für einen „kurzen, einheitlichen Lockdown“ ausgesprochen. Wegen der Oster-Feiertage seien die in den letzten Tagen gemeldeten sinkenden Infektionszahlen nicht verlässlich. Die steigende Zahl der belegten Intensivbetten zeige im Gegenteil, dass die 3. Welle weiter an Fahrt aufnehme. Das Ziel sei eine stabile 7-Tage-Inzidenz von unter 100.

Das RKI hatte für die letzten 24 Stunden 9.677 Neuinfektionen gemeldet und 298 Todesfälle im Zusammenhang mit COVID-19. Die bundesweite 7-Tages-Inzidenz ist damit von 123 gestern auf heute 110 gesunken.

46 Infektionen und eine Schulschließung nach Bar-Eröffnungsparty

Im Journal der US-amerikanischen Centers for Disease Control (CDC) „Morbidity and Mortality Weekly Report (MMWR)“ machen Autoren anhand eines Falles die Gefahren deutlich, die mit vorzeitigen Öffnungen ohne Einhaltung der AHA-Regeln verbunden sein können. In dem berichteten Beispiel wurden 46 Fälle von COVID-19 mit der Party zur Eröffnung einer Bar im ländlichen Illinois in Verbindung gebracht. Durch die Besucher der Veranstaltung kam es zu sekundären Fällen in Haushalten, Langzeit-Pflegeeinrichtungen und in Schulen; Folgen waren eine Krankenhaus-Einweisung und eine Schulschließung, von der 650 Schüler betroffen waren.

Die Bar in Illinois, die etwa 100 Personen Platz bot, öffnete im Februar 2021 mit einer Party, deren Folgen schließlich vom Illinois Department of Public Health (IDPH) und Mitarbeitern des örtlichen Gesundheitsamtes untersucht wurden. Insgesamt wurden 46 COVID-19-Fälle mit der Veranstaltung in Verbindung gebracht: 26 bei Gästen, 3 bei Mitarbeitern sowie 17 Sekundärfälle. Von 4 Personen ist bekannt, dass sie am Tag der Veranstaltung an COVID-19 typischen Symptomen litten.

Zu den sekundären Fällen gehörten 12 Fälle in 8 Haushalten mit Kindern, 2 in einer Schulsport-Mannschaft und 3 in einer Langzeit-Pflegeeinrichtung. Die Infektionen im Zusammenhang mit der Bar-Eröffnung führten zur Schließung einer Schule, von der 650 Kinder betroffen waren (9.100 verlorene Schultage), und zur Krankenhauseinweisung eines Bewohners einer Langzeitpflege-Einrichtung.

Nach COVID-19-Diagnose oft neurologische und psychiatrische Folgen

Das Risiko für neurologische und psychiatrische Erkrankungen ist in den Monaten nach einer COVID-19-Diagnose signifikant erhöht, wie eine retrospektive Studie in The Lancet Psychiatry zeigt. Anhand von elektronischen Gesundheitsakten verglichen die Forscher fast 240.000 Patienten mit COVID-19 mit einer ähnlichen Anzahl von Kontrollpersonen mit anderen Atemwegsinfektionen. In den 6 Monaten nach der COVID-19-Diagnose erhielt etwa ein Drittel der Patienten eine neurologische oder psychiatrische Diagnose, und 13% der Patienten erhielten solche Diagnosen zum ersten Mal.

Das Risiko für die meisten Endpunkte – etwa Stimmungsstörungen, Angstzustände, Substanzmittel-Missbrauch, Demenz, intrakranielle Blutungen und Schlaganfälle – war bei COVID-19-Patienten signifikant höher als bei den Kontrollpersonen. Außerdem war ein höherer Schweregrad von COVID-19 generell mit einem signifikant höheren Risiko verbunden.

In einem Kommentar zu der Studie heißt es: „Leider neigen viele der in dieser Studie identifizierten Erkrankungen dazu, chronisch oder rezidivierend zu sein, so dass wir davon ausgehen können, dass die Auswirkungen von COVID-19 uns noch viele Jahre lang begleiten könnten.“

Multisystem-Entzündungssyndrom bei Kindern – ein Update mit 1.700 Fällen

Das Multisystem Inflammatory Syndrome in Children (MIS-C) scheint aus einer verzögerten immunologischen Reaktion auf die SARS-CoV-2-Infektion zu resultieren, bestätigt eine Analyse in JAMA Pediatrics . Die Forscher untersuchten über 1.700 MIS-C-Fälle, die zwischen März 2020 und Januar 2021 an die CDC gemeldet wurden.

Diese Fälle umfassten Patienten unter 21 Jahren, die mit Fieber ins Krankenhaus eingeliefert wurden und eine Beteiligung von mindestens 2 Organsystemen, Labornachweise für eine Entzündung und Hinweise auf eine SARS-CoV-2-Infektion aufwiesen. Zu den häufigsten Anzeichen und Symptomen außer Fieber gehörten Bauchschmerzen, Erbrechen, Hautausschlag, Durchfall und konjunktivale Hyperämie.

Weniger als 30% der Patienten hatten respiratorische Symptome. Bei etwa der Hälfte der Patienten kam es zu einer Hypotonie, bei 37% zu einem Schock und bei 31% zu einer kardialen Dysfunktion. Fast 60% der Patienten wurden auf die Intensivstation eingeliefert, 1,4% starben. Im Median betrug die Zeit von COVID-19 bis zum MIS-C etwa 4 Wochen. Die MIS-C-Fälle zeigten 3 Spitzen – Anfang Mai, Anfang August und Dezember. Die ersten beiden Peaks folgten den Pandemie-Peaks jeweils um 2 bis 5 Wochen.

Nach Überempfindlichkeitsreaktion auf 1. Dosis: Gestaffeltes Dosierungsprotokoll bei 2. Dosis

In den Annals of Internal Medicine wird über 2 Patienten berichtet, die wegen Überempfindlichkeitsreaktionen auf die 1. Dosis des Moderna mRNA COVID-19-Impfstoffs behandelt werden mussten. Sie erhielten ihre 2. Dosis ohne größere Komplikationen – und zwar in abgestuften Dosierungen.

Nach Reaktionen auf die erste Dosis (z.B. Juckreiz, Urtikaria) unterzogen sich die beiden Patientinnen einem Allergietest; der Hautpricktest für die Impfstoff-Komponenten war negativ, während der intradermale Test eine Allergie gegen den Impfstoff zeigte.

Die 2. Impfstoffdosis wurde daraufhin als eine Serie von 5 Injektionen im Abstand von 15 Minuten verabreicht, beginnend mit 0,05 ml verdünntem Impfstoff und endend mit 0,2 ml Volldosis-Impfstoff. Eine Patientin hatte keine Symptome, während die andere nach der 2. und 5. Injektion jeweils einen vorübergehenden Juckreiz entwickelte. 3 bis 4 Wochen nach der 2. Impfung zeigten die Antikörpertests der Patientinnen IgG-Antikörper gegen das SARS-CoV-2-Spike-Protein.

Die Forscher schlussfolgern, dass bei solchen Patienten nicht sofort die 2. Impfdosis ausgeschlossen, sondern eine Überweisung an einen Allergologen oder Immunologen in Betracht gezogen werden sollte. Sie geben aber zu bedenken, dass ihre Ergebnisse nicht für Patienten mit Anaphylaxie nach der 1. COVID-19-Impfdosis gelten.

Update vom 1. April 2021

  • AstraZeneca-Vakzine: EMA hält an Empfehlung zur Impfung ohne Altersbeschränkung fest

  • KBV beklagt erhöhten Beratungsaufwand in Praxen

  • Bald Impfungen für Kinder und Jugendliche? BioNTech/Pfizer-Vakzin mit ersten Daten

  • USA: CDC erweitert Liste der COVID-19-Risikokonstellationen

Innerhalb eines Tages haben Gesundheitsämter dem Robert Koch-Institut 24.300 neue COVID-19-Fälle gemeldet. Vor einer Woche waren es 22.657. Und 201 Menschen sind während der letzten 24 Stunden durch COVID-19 gestorben, verglichen mit 228 vor einer Woche. Als 7-Tages-Inzidenz nennt das RKI rund 134 Fälle pro 100.00 Einwohner. Am Vortag lag der Wert noch bei 132.

Dass mehr Bürger kostenlose Antigen-Schnelltests in Anspruch nehmen, scheidet laut RKI als Erklärung für die steigenden Infektionszahlen aus. Denn es lasse sich „keine Verzerrung der Anzahl PCR-positiver Testergebnisse durch eine übergroße oder stark ansteigende Anzahl von positiven Antigentests nachweisen“, heißt es dazu. Die Bundesregierung setzt im Kampf gegen die Pandemie neben Tests weiter auf Impfungen. Mit Verzögerungen ist dabei aber aufgrund der gestern verfügten Altersbeschränkung für den AstraZeneca-Impfstoff zu rechnen.

AstraZeneca-Vakzine: EMA hält an Empfehlung zur Impfung ohne Altersbeschränkung fest

Nach einem Beschluss der Gesundheitsminister von Bund und Ländern erhalten seit Mittwoch nur noch Menschen ab 60 Jahren den Impfstoff Vaxzevria® von AstraZeneca (wie  Medscape hat berichtet ). „Es ist ohne Frage ein Rückschlag“, so Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU). Ende April will die STIKO bekanntgeben, wie es mit Menschen unter 60 weitergeht, die eine erste Dosis des AstraZeneca-Impfstoffes bekommen haben.

Anders als die STIKO hält die Europäische Arzneimittelagentur EMA an ihren Empfehlungen für eine Impfung ohne Altersbeschränkung mit der Vakzine fest. „Nach dem derzeitigen wissenschaftlichen Stand gibt es keine Belege, die dafür sprechen, die Verwendung dieses Impfstoffs in irgendeiner Bevölkerungsgruppe zu beschränken“, sagte EMA-Chefin Emer Cooke am 31. März nach einer Sondersitzung des Ausschusses für Risikobewertung im Bereich der Pharmakovigilanz (PRAC). „Unsere Meinung seit der letzten Sitzung hat sich nicht geändert: Die Vorteile des Impfstoffs, COVID-19 vorzubeugen, überwiegen möglicherweise mit dem Vakzin assoziierte Risiken.“

Das PRAC habe Experten unterschiedlicher Fachrichtungen geladen, um alle Informationen über die Fallberichte von Thrombosen zu diskutieren. „Die Experten haben uns mitgeteilt, dass sie nicht in der Lage waren, spezifische Risikofaktoren wie Alter, Geschlecht oder Erkrankungen in der Vorgeschichte zu identifizieren“, so Cooke. „Unser Ausschuss PRAC prüft weiterhin alle Daten, um nächste Woche eine wissenschaftliche Schlussfolgerung zu diesem Signal zu geben.“ Sie kündigte eine aktualisierte Empfehlung zwischen dem 6. und 9. April an.

Bislang habe man, so Emer, im europäischen Wirtschaftsraum 62 Fälle mit zerebraler Sinusvenenthrombose bei 9,2 Millionen Impfungen ausgewertet. Detaillierte Angaben zur Hintergrund-Inzidenz ohne Vakzin kann sie nicht machen. Die EMA-Direktorin verweist nur auf das Verhältnis 10:1 weiblich zu männlich und auf eine Häufung der gemeldeten Fälle bei  Menschen zwischen dem 30. und 45. Lebensjahr. Aus Deutschland wird gemeldet, dass sich Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier aktuell mit der AstraZeneca-Vakzine hat impfen lassen.

KBV: Erhöhter Beratungsaufwand in Praxen

In Deutschland bleibt es momentan bei der STIKO-Empfehlung, Vaxzevria® (so heißt das AstraZeneca-Vakzin neuerdings) nur Personen über 60 Jahren zu geben. Nach Ostern beginnen die Hausärzte mit den Impfungen. „Ein Konzept, welches vorsieht, dass Vertragsarztpraxen in Zukunft mit immensem Aufwand Bürgerinnen und Bürger überzeugen oder gar überreden sollen, sich mit AstraZeneca impfen zu lassen, lehnen wir nachdrücklich ab“, erklärt Dr. Stephan Hofmeister, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der KBV. Ein solches „Konzept“ sei auch nicht geplant, versicherte Gesundheitsminister Spahn bei einer aktuellen Pressekonferenz am Donnerstag.

Hofmeister warnte Ärzte, sich allzu große Mengen der AstraZeneca-Vakzine liefern zu lassen: „Wir können in den vertragsärztlichen Praxen auch kleinere Mengen des Impfstoffs von AstraZeneca vorhalten und an diejenigen verimpfen, die den Impfstoff akzeptieren.“ Theoretisch könne man auch Jüngere damit impfen, aber: Jedes Abweichen von der STIKO-Empfehlung habe einen deutlich erhöhten Beratungs- und Aufklärungsbedarf und gegebenenfalls ein erhöhtes Haftungsrisiko für den Arzt zur Folge, warnte Hofmeister.

Kollegen rät er, geimpfte Personen auf jeden Fall über mögliche Symptome von Thrombosen wie starke, anhaltende Kopfschmerzen, Kurzatmigkeit, Beinschwellungen, anhaltende Bauchschmerzen, neurologische Symptome oder punktförmige Hautblutungen aufzuklären. In solchen Fällen sollten die Patienten umgehend medizinische Hilfe in Anspruch nehmen – und ihre behandelnden Ärzte auf die kürzliche Impfung mit der Vakzine von AstraZeneca hinweisen.

Bald Impfungen für Kinder und Jugendliche?

Vorrangig geht es bei allem Impfungen derzeit um ältere Menschen und um Risikopatienten. Doch weitere Zielgruppen könnten vielleicht schon bald hinzukommen. In einer Pressemitteilung berichten BioNTech und Pfizer von erfolgreichen klinischen Studienergebnissen bei Kindern und Jugendlichen.

Sie haben in ihre Studie 2.260 Probanden aus den USA zwischen 12 und 15 Jahren eingeschlossen. Es kam zu 18 COVID-19-Fälle in der Placebo-Gruppe (n=1.129) und zu keinem Fall in der Impfstoff-Gruppe (n=1.131). Neutralisierende Antikörper-Titer waren einen Monat nach der 2. Impfung vergleichbar hoch wie bei 16- bis 25-jährigen Teilnehmern. Auch die Nebenwirkungen unterschieden sich nicht.

Auf Grundlage dieser Daten wollen BioNTech/Pfizer eine Ergänzung der Notfallzulassung bei der FDA sowie der bedingten Zulassung bei der EMA einreichen. Eine weitere Studie mit noch jüngeren Kindern zwischen dem 6. Lebensmonat und dem 11. Lebensjahr ist angelaufen.

USA: Erweiterte Liste für COVID-19-Risikofaktoren

Welche Patienten besonders gefährdet sind, schwer an COVID-19 zu erkranken, ist in den USA erneut zum Thema geworden. Am 29. März haben die Centers for Disease Control and Prevention (CDC), Atlanta, ihre Zusammenstellung von COVID-19-Risikofaktoren erweitert. Neu hinzugekommen sind dabei Typ-1-Diabetes (zusätzlich zum Typ-2), mittelschweres bis schweres Asthma, Lebererkrankungen, Demenz oder andere neurologische Erkrankungen, Schlaganfälle bzw. zerebrovaskuläre Erkrankungen, HIV-Infektion, Mukoviszidose und Übergewicht (zusätzlich zur Adipositas). Substanzmittel-Missbrauch, der zuvor nicht aufgeführt war, gilt nun ebenfalls als risikoreich. 

Für Deutschland spielt die CDC-Liste allerdings kaum eine Rolle. Zahlreiche Erkrankungen sind in der Priorisierung laut Corona-Impfverordnung ohnehin zu finden. Und bei triftigen Gründen, etwa nicht genannten Indikationen, kann auch von der Impf-Reihenfolge abgewichen werden.

Update vom 26. März 2021

  • Wieler: Auch 100.000 tägliche Neu-Infektionen „vorstellbar“

  • Spahn: „Befinden uns in der Endphase eines Marathons – dies ist der schwerste Teil“

  • AstraZeneca legt korrigierte Wirksamkeitsdaten vor

  • Antikörper-Kombi von Roche reduziert in Studie schwere Verläufe um 70%

Die 7-Tage-Inzidenz ist bundesweit auf 119,1 gestiegen. Das RKI meldete heute Morgen 21.573 Neu-Infektionen und 183 Todesfälle im Zusammenhang mit COVID-19.

Wieler: Auch 100.000 tägliche Neu-Infektionen „vorstellbar“

Bei der heutigen Bundespressekonferenz warnte RKI-Chef Prof. Dr. Lothar Wieler, dass „alle Indikatoren“ darauf hinweisen, dass Deutschland noch einige „schwere Wochen bevorstehen“. Auch 100.000 tägliche Neuinfektionen seien „vorstellbar", räumte Wieler auf eine entsprechende Nachfrage ein. Die 3. Welle, an deren Anfang Deutschland derzeit stehe, werde sehr wahrscheinlich schwerer verlaufen als die 1. und die 2. Welle, so der RKI-Chef, dafür gebe es „sehr deutliche Signale“.

Dies vor allem, weil diese Welle nun durch die leichter übertragbare und wohl auch mit schwereren Erkrankungen assoziierte britische Variante B.1.1.7 verursacht sei. Sie sei 30 bis 70% stärker ansteckend – „das ist riesig viel“ – und bedeute einen Unterschied im R-Wert von 1,0 zu 1,3 oder sogar 1,7. Werde die 3. Welle nicht deutlich abgeflacht, bestehe die Gefahr, dass das Gesundheitssystem schon im April an seine Grenzen gerate, ergänzte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn.

Die Inzidenzen stiegen vor allem bei den jüngeren Erwachsenen, den Berufstätigen, den Kindern und Jugendlichen derzeit deutlich an, sagte Wieler. Sie stiegen zwar auch in den älteren Bevölkerungsgruppen, doch der Anstieg, etwa bei den über 80-Jährigen, falle deutlich geringer aus – was als Erfolg der Impfungen zu werten sei. Spahn berichtete, dass derzeit bereits über 10% der Bevölkerung mindestens eine Impfdosis erhalten hätten.

Er plädierte für mehr Pragmatismus beim Impfen. Es spreche nichts dagegen, z.B. am Wochenende übrig geblieben Dosen an Menschen über 70, die sich mit ihrem Personalausweis legitimieren, unbürokratisch zu verimpfen. „Das gibt die Impf-Verordnung her.“ Auch könne die Lagerhaltung in den Ländern, wegen der nun zuverlässigeren Lieferungen, weiter gesenkt werden. Im April würden 15 Millionen Impfdosen erwartet. „Es wird sich Woche um Woche verbessern. “

Spahn: „Befinden uns in der Endphase eines Marathons – dies ist der schwerste Teil“

Bis der Effekt der Impfungen bevölkerungsweit greife, dauere es aber noch einige Zeit, betonte Wieler. Schon in der letzten Woche seien die Zahlen der Patienten, die auf Intensivstationen wegen COVID-19 behandelt werden, wieder gestiegen. In den nächsten Wochen sei mit einem weiteren Anstieg zu rechnen – und dies gelte auch für die in der letzten Zeit gesunkenen COVID-19-Sterbezahlen, kündigte der Wissenschaftler an.

Wieler und Spahn riefen gemeinsam die Bevölkerung dazu auf, nun mit der Einhaltung der empfohlenen Maßnahmen nicht nachzulassen. Spahn: „Wir befinden uns in der Endphase eines Marathons – und wie bei einem Marathon ist dies der schwerste Teil – aber wir müssen durchhalten, um den Gesamterfolg nicht zu gefährden!“ Er rief die Kommunen und Länder auf, die „Notbremse ab einer Inzidenz von 100 konsequent zu ziehen".

Wieler verwies darauf, dass viele Infektionen im privaten Bereich stattfinden – und es vor allem auch hier gelte, die Vorsichtsmaßnahmen einzuhalten. Kernpunkt sei, die Mobilität und das Reisen sowie persönliche Begegnungen einzuschränken. “Reisen und Kontakte sind die Treiber dieser Pandemie."

Spahn betonte, dass auch die seit 8. März verfügbare Möglichkeit, sich einmal in der Woche kostenlos testen zu lassen, genutzt werden solle. „Ich möchte jeden ermutigen, dies auch zu tun!“ Es gebe inzwischen ein „nahezu flächendeckendes Testangebot“.  Die Test-Infrastruktur sei auch die Voraussetzung für weitere Öffnungsschritte – und die zweimal wöchentliche Testung in Schulen, Kitas und Betrieben müsse genutzt werden, um deren sicheren Betrieb zu gewährleisten. Spahn: „Wer Kitas und Schulen nicht schließen will, muss sie schützen."

AstraZeneca legt korrigierte Wirksamkeitsdaten vor

Nach der Kritik der US-amerikanischen National Institute of Allergy and Infectious Diseases (NIAID) an den Anfang der Woche von AstraZeneca gemeldeten – wohl veralteten bzw. unvollständigen – Wirksamkeitsdaten hat das Unternehmen diese nun berichtigt: Die Gesamtwirksamkeit des Impfstoffs gegen COVID-19 von AstraZeneca ist nun doch etwas geringer.

Laut den neuesten Ergebnissen zeigt der Impfstoff eine 76%ige Wirksamkeit gegen symptomatische COVID-19-Erkrankung; in den am Montag gemeldeten „Zwischenergebnissen“ war die Wirksamkeit noch auf 79% beziffert worden. Allerdings meldet jetzt AstraZeneca für ältere Studienteilnehmer (über 65 Jahre) in der neuen Analyse sogar eine höhere Wirksamkeit von 85% (80% waren es in der Zwischenanalyse).

Die neuen Ergebnisse beinhalten 49 zusätzliche COVID-19-Fälle, die zu den bisherigen 141 Fällen von rund 32.000 Studienteilnehmern hinzukommen. In beiden Analysen zeigte der Impfstoff eine 100-prozentige Wirksamkeit darin, vor schweren COVID-19-Erkrankungen und vor Krankenhausaufenthalten zu schützen.

Antikörper-Kombi von Roche reduziert in Studie schwere Verläufe um 70%

Das Unternehmen Roche hat von Studienergebnissen berichtet, nach denen eine Antikörper-Kombination aus Casirivimab und Imdevimab bei Risikopatienten mit COVID-19 das Risiko für einen schweren Verlauf oder Tod um 70% reduziert habe. Dabei habe die Antikörper-Kombination die Dauer der Symptome signifikant um 4 Tage verkürzt. Es handle sich laut US-amerikanischer Zulassungsbehörde FDA um die einzige Therapie mit monoklonalen Antikörpern, für die eine Wirksamkeit auch gegen die wichtigsten neu auftretenden Mutationen bestätigt sei.

Die Angaben beziehen sich auf aktuelle Ergebnisse der Studie REGN-COV 2067. In die Phase-2/3-Studie waren mehr als 4.500 nicht-hospitalisierte COVID-19-Patienten mit einem erhöhten Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf eingeschlossen worden. Die Patienten erhielten entweder die Antikörper-Kombination oder ein Placebo. In beiden getesteten Dosierungen erwies sich die Antikörper-Kombination als erfolgreich und reduzierte den primären Endpunkt aus Hospitalisierung oder Tod im Vergleich zu Placebo signifikant um 70% bzw. 71%.

Der sekundäre Studienendpunkt – die mittlere Symptomdauer – nahm unter den Antikörper-Kombi von 14 auf 10 Tage ab. In einer zusätzlichen Phase-2-Studie (REGN-COV 20145) mit symptomatisch oder asymptomatisch erkrankten COVID-19-Patienten mit niedrigem Risiko für einen schweren Verlauf sei zudem die Viruslast durch Casirivimab plus Imdevimab signifikant reduziert worden.

Bei den Nebenwirkungen haben sich laut Unternehmensangaben keine neuen Sicherheitssignale gezeigt. Unter der Dosis von 1.200 mg (n = 827) und 2.400 mg (n = 1.849) habe es jeweils 1 Todesfall gegeben; unter Placebo (n = 1.843) starben 5 Patienten. Die Antikörper-Kombination wird aktuell in einem umfassenden Studienprogramm bei hospitalisierten und nicht hospitalisierten COVID-19-Patienten untersucht. Bis März 2021 wurden über 25.000 Menschen in die verschiedenen Studien eingeschlossen. Die Ergebnisse sollen schnellstmöglich in Peer-Review-Verfahren veröffentlicht werden.

Bislang ist die Kombination in der EU noch nicht zugelassen – jedoch sollen die aktuellen Studiendaten den Gesundheitsbehörden weltweit zur Zulassung vorgelegt werden. In Deutschland hat das Bundesministerium für Gesundheit das Präparat zentral beschafft. Es steht zur Anwendung im Rahmen von individuellen Heilversuchen in bestimmten Kliniken zur Verfügung.

Update vom 24. März 2021

  • Neue Bund-Länder-Maßnahmen – Oster-„Ruhetage“ kurzfristig zurückgenommen 

  • Bundesärztekammer fordert „Alternative zum Dauer-Lockdown“

  • Intensivmediziner begrüßen Regelungen: Start in die 3. Welle auf hohem Niveau

  • Bevölkerung will am liebsten vom Fach- oder Hausarzt geimpft werden

  • AstraZeneca: Wieder Ärger mit Studiendaten – US-Institut mit harscher Kritik

„Die dritte Welle hat schon begonnen“: Bereits Mitte März warnte RKI-Präsident Prof. Dr. Lothar H. Wieler vor steigenden Zahlen. Seither geht der Trend nach oben. Aktuell berichtet das RKI von 15.813 Neuinfektionen – vor einer Woche am Mittwoch waren es noch 13.435 Fälle. In den letzten 24 Stunden sind 248 Patienten an COVID-19 gestorben (17. März: 249). Die 7-Tages-Inzidenz liegt bei 108,1 Fällen pro Woche und pro 100.000 Einwohner – ein ähnlicher Wert wie gestern.

Neue Bund-Länder-Maßnahmen – Oster-„Ruhetage“ kurzfristig zurückgenommen

Nachdem Bund und Länder am 23. März einen harten Lockdown zu Ostern beschlossen haben – alle bestehenden Maßnahmen werden bis 18. April verlängert, die „Notbremse“ bei einer Inzidenz von 100 soll konsequent angewendet werden, hat Bundeskanzlerin Angela Merkel die geplante Regelung, den  1. April (Gründonnerstag) und der 3. April (Ostersamstag) zu „Ruhetagen“ zu erklären, wieder zurückgenommen. Die Idee der „Osterruhe“ sei ihre Idee gewesen, die dadurch verursachten Kompliaktionen stünden aber in keinem Verhätnis zum Nutzen. Sie bat die Bürger um Verzeihung für die verursachte Verwirrung.  Bei den übrigen Maßnahmen  liegt es jetzt an den Ländern, diese umzusetzen. Auch zur Öffnung von Schulen werden sie eigene Konzepte vorzulegen haben.

Zudem greift zwischen dem 1. und 5. April ein erweitertes „Ansammlungsverbot“ im Freien, wie es die Regierung nennt. Private Zusammenkünfte beschränken sich in der Zeit auf maximal 5 Personen und 2 Haushalte. Religionsgemeinschaften werden gebeten, Gottesdienste online durchzuführen.

Außerdem appellieren Bund und Länder an alle Bürger, auf nicht zwingend notwendige Reisen im Inland und ins Ausland zu verzichten – der Umgang mit Passagieren aus Nicht-Risiko-Gebieten wie Mallorca bleibt unklar. Gespräche mit Fluggesellschaften laufen, um Schnelltests auf freiwilliger Basis durchzuführen.

Landkreise mit einer 7-Tage-Inzidenz von mehr als 100 können weitere Maßnahmen wie nächtliche Ausgangssperren oder eine Maskenpflicht im Auto bei mehreren Mitfahrern umsetzen. Standesvertreter befürworten die Maßnahmen zwar generell, sehen aber dennoch Schwächen.

Bundesärztekammer fordert „Alternative zum Dauer-Lockdown“

Dr. Klaus Reinhardt, Präsident der Bundesärztekammer (BÄK), hält es zwar ebenfalls für wichtig, die beginnende 3. Welle abzuflachen. Dazu könnten die beschlossenen Maßnahmen beitragen. „Letztlich aber kommt es auf das verantwortliche Handeln eines jeden Einzelnen an“, so der BÄK-Präsident. Er verweist auf Untersuchungen, die zeigen, dass sich viele Menschen in Innenräumen, privat oder auf der Arbeit, infizieren. „Hier kann der breite Einsatz von Corona-Schnelltests für echte Entlastung sorgen“, meint er.

Mit Teststrategien seien sogar Teil-Öffnungen des gesellschaftlichen Lebens möglich, wie Beispiele aus Tübingen und Rostock zeigten. Deshalb fordert der BÄK-Chef: „Bund und Länder sollten solche Projekte zur schrittweisen Öffnung des gesellschaftlichen Lebens fördern, evaluieren und für andere Regionen anpassen.“ Diese seien „echte Alternativen zu den zermürbenden Jo-Jo-Dauer-Lockdowns in Deutschland“.

Hinzu käme, die verfügbaren Impfdosen schnell zu verabreichen, „mit deutlich reduzierten Reserven für die Zweitimpfung“ und mit Ausschöpfung des zeitlichen Abstands für die Zweitimpfung.

Als 3. Säule der Pandemiebekämpfung wünscht sich Reinhardt, zu diskutieren, ob eine stärkere Nutzung digitaler Bewegungsdaten zur Kontaktnachverfolgung möglich wäre. Datenschutz habe in Deutschland einen hohen Stellenwert. „Angesichts der aktuellen Infektionslage und der seit Monaten andauernden Einschränkungen von Grundrechten ist aber jetzt der Zeitpunkt gekommen, Nutzen und Risiken einer natürlich zweckgebundenen Auswertung persönlicher Daten zur Unterbrechung von Infektionsketten gegenüber anderen persönlichen Freiheitsrechten abzuwägen“, so die Einschätzung des BÄK-Präsidenten.

Intensivmediziner begrüßen Regelungen: Start in die 3. Welle auf hohem Niveau

Auch Prof. Dr. Gernot Marx, Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI), nimmt zu den Beschlüssen aus Berlin Stellung. „Die Politik hat erkannt, dass wir in einer schwierigen Phase der Pandemie sind und die Impferfolge nicht gefährden dürfen“, so Marx. „Nur so können wir das derzeitige exponentielle Wachstum der Inzidenzen wieder verlangsamen – und auch nur so sehen wir Intensivmediziner in einigen Wochen wieder weniger Patienten auf den Intensivstationen“, erklärt der DIVI-Präsident.

Er warnt: „Bereits jetzt liegen mehr als 3.100 Intensivpatienten mit COVID-19 auf der Intensivstation.“ Deutschland starte „in die dritte Welle auf dem Niveau des Hochpunktes der ersten“. Ob Patienten jünger würden, wisse man noch nicht, aber: „Der Altersdurchschnitt der 1. wie auch 2. Welle war gleich.“ Er nennt 68 Jahre als Durchschnittsalter für die Patienten derzeit auf Intensivstationen.

„Die Zeit im Lockdown bis Mitte April ist für viele Menschen in der Bevölkerung nur auszuhalten, wenn alle sich die Möglichkeiten im Sommer bereits vor Augen führen können“, so Marx. Bürger, die wüssten, wie es um Tests und um Impftermine bestellt sei, würden sich eher an Regeln halten als wenn es keinerlei Perspektive gebe.

Auch die Deutsche Gesellschaft für Internistische Intensivmedizin und Notfallmedizin (DGIIN) begrüßt die strengeren Maßnahmen zur Kontrolle der Pandemie wie den Lockdown über die Ostertage und erweiterte Testungen an Schulen.

„Wir werden zwar aufgrund der Latenzzeit der Erkrankungen in den kommenden Tagen einen weiteren Anstieg der Belegungszahlen der Intensivstation mit COVID-19-Patienten sehen, dieser wird aber trotz aller bisherigen Belastung kompensierbar sein“, meint Prof. Dr. Christian Karagiannidis, Präsident der DGIIN.

„Der STOP-Lockdown in Kombination mit einem erweiterten Teststrategie, insbesondere in den Schulen, und einer Beschleunigung des Impftempos unter Einbeziehung der Hausärzte ist eine der wichtigsten Maßnahmen der Bundesregierung und Ministerpräsidenten in der B.1.1.7-Pandemie, die eine neue Qualität in der Verbreitung und Schwere der Erkrankung darstellt.“ Karagiannidis zufolge sind derzeit etwa 3.000 Intensivbetten mit COVID-19-Patienten belegt, das ist vergleichbar mit der Spitze der ersten Welle im Frühjahr 2020.

Bevölkerung will am liebsten vom Fach- oder Hausarzt geimpft werden

Verbände betonen unisono, wie wichtig in der aktuellen Situation rasche Impfungen sind. Eine Umfrage im Auftrag des Bundesverbandes der Arzneimittel-Hersteller (BAH) zeigt jetzt: 87% aller Deutschen würden sich gern beim Hausarzt oder Facharzt, 73% im regionalen Impfzentrum, 68% im Krankenhaus und 42% beim Apotheker impfen lassen.

„Dass der Haus- und Facharzt noch vor den regionalen Impfzentren als bevorzugter Ort für eine Impfung gegen das COVID-19-Virus an erster Stelle steht, ist verständlich“, kommentiert Dr. Hubertus Cranz, Hauptgeschäftsführer des BAH, die Umfrageergebnisse. „Hier wurde über lange Zeit ein besonderes Vertrauensverhältnis aufgebaut. Und so ist auch die Entscheidung, bald auch in Arztpraxen gegen das Virus zu impfen, folgerichtig.“

Laut BAH liegt die generelle Bereitschaft, sich impfen zulassen, bei 72%; das sind 6% mehr als im Vorjahr. 57% würden sich am liebsten sofort impfen lassen, 21% warten ab, 10% sind unentschlossen und 12% lehnen dies ab.

AstraZeneca: Wieder Ärger mit Studiendaten – US-Institut mit harscher Kritik

Welches Vertrauen Bürger in die Impfstoffe haben, wird von öffentlichen Debatten maßgeblich beeinflusst. Aktuelles negatives Beispiel: die AstraZeneca-Vakzine. Anfang der Woche hat das Unternehmen in einer Pressemeldung von Zwischenauswertungen einer Phase-3-Studie mit dem Adenovirus-Impfstoff AZD1222 berichtet. Wie schon so oft bei diesem Impfstoff, verlief auch dies nicht komplikationslos. Denn auf die Publikation der positiven Daten, unter anderem aus den USA, folgte prompt Kritik des National Institute of Allergy and Infectious Diseases (NIAID).

Für die Studie hatten Wissenschaftler 32.449 Teilnehmer in den USA, in Peru und in Chile rekrutiert. Sie wurden im Verhältnis 2:1 auf jeweils 2 Dosen Impfstoff versus Placebo randomisiert. Insgesamt traten 141 symptomatische Fälle von COVID-19 auf. Nach Auswertung der Daten konstatierten die Autoren eine 79%ige Wirksamkeit des Impfstoffs zur Vorbeugung von symptomatischem COVID-19 – bei Erwachsenen ab 65 Jahren sogar von 80%.

Zusätzlich habe das Vakzin eine 100%ige Wirksamkeit in der Verhinderung einer schweren oder kritischen COVID-19-Erkrankung inklusive stationärer Therapie gezeigt. Und es gab keine Fälle von Sinusthrombosen. Die Auswertung soll Grundlage einer Notfallzulassung in den USA werden.

Doch das NIAID kritisierte die Daten heftig. Grundlage seien möglicherweise „veraltete Informationen“, heißt es. Man sei „besorgt, dass AstraZeneca möglicherweise veraltete Informationen aus dieser Studie aufgenommen hat, die eine unvollständige Sicht der Wirksamkeitsdaten geliefert haben“. Und weiter: „Wir fordern das Unternehmen dringend auf, mit [dem NIAID-Vorstand] zusammenzuarbeiten, um die Wirksamkeitsdaten zu überprüfen und sicherzustellen, dass die genauesten und aktuellsten Daten zur Wirksamkeit so schnell wie möglich veröffentlicht werden.“

„Dies ist wahrscheinlich ein sehr guter Impfstoff“, räumte NIAID-Direktor Dr. Anthony Fauci öffentlich ein. „Die Daten sind wohl wirklich ziemlich gut, aber als sie in die Pressemitteilung aufgenommen wurden, waren sie nicht ganz korrekt.“

Die Debatte kommt für AstraZeneca zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt, nachdem das Vertrauen der Öffentlichkeit bereits durch Fragen zum Studiendesign (ungeklärte verschiedene Dosierungen) und durch die Berichte über Blutgerinnsel beeinträchtigt worden sind.

Update vom 18. März 2021

  • EMA gibt grünes Licht für AstraZeneca-Impfstoff - aber mit neuem Warnhinweis

  • WHO gegen Impfstopp mit AstraZeneca-Vakzin

  • AstraZeneca-Vakzin: Kaum Schutz vor „Südafrika-Variante“

  • Impfstoff-Antwort bei Transplantat-Empfängern

  • Moderna: Impfstoff-Studien mit Kindern und Jugendlichen beginnen

  • SARS-CoV-2: Mehr Reinfektionen bei älteren Menschen

  • JAK-Inhibitor als mögliche Therapie bei COVID-19

  • Long-COVID: Diese Patienten sind besonders gefährdet

EMA gibt grünes Licht für AstraZeneca-Impfstoff - aber mit neuem Warnhinweis

Die Europäische Arzneimittelagentur EMA hat sich zu den Sicherheitsbedenken zum AstraZeneca-Impfstoff geäußert: Nach ihrer Sondersitzung des Ausschusses für Humanarzneimittel (PRAC) am Donnerstag um 17 Uhr erklärte EMA-Direktorin Emer Cooke, der Impfstoff sei eine „sichere und wirksame Option, um COVID-19 zu verhindern“. Dennoch könne man unerwünschte Effekte nicht ganz ausschließen. Daten würden weiter erfasst und ausgewertet. Cooke berichtete, es werde einen erweiterten Warnhinweis für Ärzte und für Patienten zu möglichen Risiken geben.

Nach dem vorsorglichen Stopp aller Impfungen mit dem Vakzin von AstraZeneca meldet das Bundesgesundheitsministerium heute weitere Betroffene. Mittlerweile haben 13 Personen Thrombosen in zeitlichem Zusammenhang mit Impfungen erlitten. 3 von ihnen sind gestorben. Insgesamt handelt es um 12 Frauen und 1 Mann zwischen 20 und 63 Jahren. 

WHO gegen Impfstopp mit AstraZeneca-Vakzin

Einige Länder in der Europäischen Union haben nach Berichten über seltene Blutgerinnungsstörungen bei Personen, welche den Impfstoff von AstraZeneca erhalten hatten, Vorsichtsmaßnahmen ergriffen. Auch Deutschland setzt Impfungen mit dem Vakzin momentan aus.

„Es ist bekannt, dass thromboembolische Ereignisse häufig auftreten“, schreibt die Weltgesundheitsorganisation WHO. Bei umfangreichen Impfkampagnen sei es Routine, dass Länder mögliche unerwünschte Ereignisse nach der Immunisierung meldeten. Dies bedeute nicht unbedingt, dass Erkrankungen mit der Impfung selbst in Verbindung stünden, aber es sei wichtig, dies zu untersuchen.

Die WHO stehe in regelmäßigem Kontakt mit der Europäischen Arzneimittelagentur EMA und den Aufsichtsbehörden in aller Welt, um neueste Informationen über die Sicherheit dieses Impfstoffs zu erhalten. Auch das Global Advisory Committee on Vaccine Safety der WHO prüfe derzeit alle verfügbaren Sicherheitsdaten. „Zum jetzigen Zeitpunkt ist die WHO der Ansicht, dass der Nutzen des AstraZeneca-Impfstoffs seine Risiken überwiegt und empfiehlt, die Impfungen fortzusetzen“, heißt es in der Stellungnahme.

AstraZeneca-Vakzin: Kaum Schutz vor B.1.351-Variante

Neben der Sicherheit geht es auch um die Wirksamkeit. Die erstmals in Großbritannien nachgewiesene Variante B.1.1.7 breitet sich in Deutschland weiter aus. Sie wird derzeit in 72,2% aller genotypisierten Proben nachgewiesen, in Woche 8 lag die Detektionsrate noch bei 46,1%. B.1.351 oder P.1 aus Brasilien spielen hierzulande derzeit noch eine untergeordnete Rolle.

Aber schützen zugelassene Vakzine auch vor Infektionen mit der in Südafrika vorherrschenden Variante B.1.351? Das scheint beim COVID-19-Impfstoff von AstraZeneca nicht der Fall zu sein, berichten Forscher im NEJM.

Zwischen 24. Juni und dem 9. November 2020 haben sie 2.026 HIV-negative Erwachsene (Durchschnittsalter 30 Jahre) in ihre Studie eingeschlossen. 1.010 bzw. 1.011 Personen erhielten mindestens eine Dosis Placebo bzw. den Impfstoff. 23 von 717 Placebo-Empfänger (3,2%) und 19 von 750 Impfstoffempfänger (2,5%) erkrankten an leichtem bis mittelschwerem COVID-19.

Das entspricht einer Impfstoff-Wirksamkeit von 21,9%. Unter 42 Teilnehmern mit COVID-19 wurden 39 Fälle (92,9%) durch die Variante B.1.351 verursacht. Die Wirksamkeit des Impfstoffs gegen diese Variante, ein sekundärer Endpunkt der Studie, betrug 10,4%.

„Ein Zwei-Dosis-Regime des ChAdOx1 nCoV-19-Impfstoffs zeigte aufgrund der B.1.351-Variante keinen Schutz gegen leichtes bis mittelschweres COVID-19“, so das Fazit der Autoren. Aussagen zu schwerem COVID-19 konnten sie nicht treffen.

Impfstoff-Antwort bei Transplantat-Empfängern

In weiteren Untersuchungen geht es um die Impfung spezieller Patientengruppen. Empfänger von Organtransplantaten haben laut einer in JAMA veröffentlichten Studie geringe Antikörperreaktionen auf COVID-19-mRNA-Impfstoffe. Die Forscher untersuchten dies bei über 400 Transplantatempfängern im Median 20 Tage nach Erhalt einer Dosis des mRNA-Impfstoffs.

Transplantat-Empfänger, die eine Immunsuppressionstherapie mit Antimetaboliten wie Methotrexat oder Azathioprin erhielten, entwickelten mit geringerer Wahrscheinlichkeit eine Antikörperantwort als Patienten ohne diese Pharmakotherapie (37% versus 63%). Unterschiede gab es auch beim Impfstoff. Das Vakzin mRNA-1273 von Moderna führte größerer Wahrscheinlichkeit zur Antikörperantwort als BNT162b2 von BioNTech (69% versus 31%).

„Unsere Befunde einer schlechten Antispike-Antikörper-Antwort bei Empfängern von Organtransplantaten nach der 1. Dosis eines mRNA-Impfstoffs deuten darauf hin, dass diese Patienten trotz der Impfung ein höheres frühes Risiko für COVID-19 haben könnten“, schlussfolgern die Autoren.

Moderna: Impfstoff-Studien mit Kindern und Jugendlichen beginnen

Forscher wollen außerdem klären, wie Impfstoffe bei Personen unter 18 Jahren wirken. Moderna berichtet in einer Pressemitteilung vom weiteren Studienprogramm. Mitte März wurden bereits Probanden in die Phase-2/3-Studie KidCOVE aufgenommen, nämlich Kinder im Alter von 6 Monaten bis unter 12 Jahren.

In dieser kombinierten, offenen Phase-2/3-Studie sollen Sicherheit, Verträglichkeit und Wirksamkeit von 2 Dosen mRNA-1273 im Abstand von 28 Tagen bewertet werden. Moderna plant, rund 6.750 Kinder und Jugendliche aus den USA beziehungsweise aus Kanada zu rekrutieren. Als wissenschaftliche Partner sind das National Institute of Allergy and Infectious Diseases (NIAID) sowie das Biomedical Advanced Research and Development Authority (BARDA) mit im Boot.

Bereits seit Ende 2020 läuft die Studie TeenCove. Geplant ist, 3.000 Teilnehmer zwischen 12 und unter 18 Jahren einzuschließen.

SARS-CoV-2: Mehr Reinfektionen bei älteren Menschen

Impfstoffe gelten als beste Möglichkeit, um COVID-19 zu verhindern. Auch nach einer Infektion sind Patienten für mindestens 6 Monate geschützt. Ältere Patienten scheinen anfälliger zu sein, wie Forscher in The Lancet berichten.

Sie haben Daten, die im Rahmen der nationalen COVID-19-Teststrategie Dänemarks 2020 gesammelt worden sind, ausgewertet. Ihre Kohorte umfasst SARS-CoV-2-Testdaten von mehr als 2 Drittel der Bevölkerung.

  • Von allen untersuchten Personen, die während der 1. Welle zwischen März und Mai 2020 COVID-19 hatten, wurden nur 0,65% (72/11.068) während der 2. Welle zwischen September und Dezember 2020 erneut positiv getestet.

  • Von den unter 65-Jährigen, die in der 1. Welle COVID-19 hatten, wurden 0,60% (55/9.137) in der 2. Welle erneut positiv getestet.

  • Von den Personen im Alter von 65 Jahren oder älter, die während der 1. Welle infiziert wurden, wurden 0,88% (17/1.931) in der zweiten Welle erneut positiv getestet.

„Während eine frühere Infektion bei Personen unter 65 Jahren einen Schutz von etwa 80% gegen eine Reinfektion bot, waren es bei Personen ab 65 Jahren nur 47%, was darauf hindeutet, dass sie sich mit größerer Wahrscheinlichkeit erneut mit COVID-19 infizieren werden“, fassen die Autoren zusammen.

„Unsere Ergebnisse unterstreichen die Bedeutung von Maßnahmen zum Schutz älterer Menschen während der Pandemie, wie z.B. verstärkte soziale Distanzierung und die Impfung auch für diejenigen, die sich von COVID-19 erholt haben.“ Effekte unterschiedlicher Varianten wurden nicht berücksichtigt. Sie spielten zum Studienzeitraum noch keine Rolle.

Stationäre Behandlung von COVID-19-Patienten in Deutschland optimiert

Ältere Menschen gelten bekanntlich als vulnerable Gruppe. Sie erkranken mitunter schwer an COVID-19. Die gute Nachricht: Deutsche Kliniken haben zwischen der 1. und der 2. Pandemiewelle 2020 deutliche Fortschritte bei der Versorgung gemacht ( Univadis hat berichtet). Statistische Daten kamen aus allen deutschen Krankenhäusern, in denen COVID-19-Patienten behandelt worden waren. Ausgewertet wurden Daten zwischen Woche 13 und Woche 52 in 2020.

Die Ergebnisse zeigen, dass sich der Anteil der Patienten, die nach stationärer Erstbehandlung intensivmedizinisch therapiert und invasiv beatmet werden mussten, verringert hat: von 30% (bis Woche 23) auf 14% (bis Woche 52). Als vermutliche Gründe nennen Autoren der Studie häufigere nicht-invasiven High-Flow-Sauerstofftherapien, aber auch frühe Gaben von Dexamethason. Sie schränken jedoch ein, dass in beiden Wellen bei invasiver Beatmung die Mortalität unverändert bei 50% lag.

JAK-Inhibitor als mögliche Therapie bei COVID-19

Umso wichtiger ist die Suche nach weiteren Pharmakotherapien. Ein möglicher Lichtblick: Die Kombination des Janus-Kinase-Inhibitors Baricitinib mit Remdesivir verkürzt bei COVID-19 die Zeit zur Genesung um fast 50% gegenüber Remdesivir alleine. Außerdem reduziert sich die 28-Tage-Sterblichkeit um rund 35%. Dieser klinische Vorteil ist in einer randomisierten Phase-3-Studie für Patienten mit eingeschränkter Atemfunktion, jedoch ohne invasive Beatmung, belegt worden ( Univadis hat berichtet).

Für die Phase-3-Studie wurden insgesamt 1.033 stationäre COVID-19-Patienten randomisiert. Alle Teilnehmer erhielten Remdesivir. Hinzu kam Placebo (n = 518) oder Baricitinib (n = 515). Teilnehmer wurden nach Schwere ihrer Erkrankung stratifiziert.

Die Patienten erholten sich median nach 7 Tage im Kombinationsarm und nach 8 Tage unter Placebo von COVID-19. In der Kombinationsgruppe war die Wahrscheinlichkeit für eine klinisch relevante Verbesserung nach 30 Tagen rund 30% höher als in der Kontrollgruppe. Die Zeit bis zur Genesung betrug median 10 Tage unter Remdesivir plus Baricitinib und 18 Tage in der Kontrollgruppe (Rate Ratio: 1,51).

Als 28-Tage-Mortalität geben die Autoren 5,1% unter Verum versus 7,8% unter Placebo an. Das heißt, die Sterblichkeit konnte durch die Kombinationstherapie um 35% verringert werden. Besonders hoch war der Benefit für Patienten mit eingeschränkter Atemzufuhr, aber ohne invasive Beatmung. Die Autoren schreiben, Dexamethason könne bei Voranschreiten der Erkrankung zusätzlich gegeben werden; dies sei aber nicht untersucht worden.

Long-COVID: Diese Patienten sind besonders gefährdet

Doch selbst nach überstandenem COVID-19 haben Patienten noch Beschwerden. Aktuelle Daten zeigen: Die Wahrscheinlichkeit für lang anhaltende Symptome bei COVID-19 steigt mit dem Alter und ist mit weiblichem Geschlecht sowie mit frühen Krankheitssymptomen assoziiert ( Univadis hat berichtet).

Die Autoren der Studie haben Daten von 4.182 Patienten mit COVID-19 prospektiv ausgewertet. 558 (13,3%) der Teilnehmer klagten über Symptome, die mindestens 28 Tage, 189 (4,5%) über mindestens 8 Wochen und 95 (2,3%) über mindestens 12 Wochen andauerten.

Typische, langanhaltende Beschwerden waren wie in anderen Studien Müdigkeit, Kopfschmerzen, Atembeschwerden und der Verlust des Geruchssinns. Die Wahrscheinlichkeit stieg mit dem Alter und dem BMI. Zudem ist weibliches Geschlecht mit einer höheren Wahrscheinlichkeit assoziiert. Das Auftreten von mehr als 5 COVID-19-Symptomen in der 1. Krankheitswoche war ein prognostischer Faktor für das Long-COVID-Syndrom (Odds Ratio: 3,53).

Teilnehmer musste ihre Beschwerden über eine App melden, was die Aussagekraft der Studie einschränkt. Personen über 70 waren seltener vertreten, Frauen wiederum überrepräsentiert.

Update vom 15. März 2021

  • Deutschland setzt Impfung mit AstraZeneca-Impfstoff aus

  • Intensivmediziner wollen zurück in Lockdown

  • Spahns Strategie für die nächsten Wochen: „Testen, Impfen, Umsicht“

  • Wielers Einschätzung: „Stehen am Anfang der 3. Welle“

  • „Stay at home“: Statistiker zweifeln am Sinn häuslicher Isolation

  • Brasilianische SARS-CoV-2-Variante P.1 international zu wenig beachtet?

Das Robert Koch-Institut (RKI) berichtet aktuell von 6.604 Neuinfektionen und 47 COVID-19-Todesfällen innerhalb eines Tages. Am Montag vor einer Woche waren es noch 5.011 Neuinfektionen und 34 Todesfälle innerhalb von 24 Stunden. Die Sieben-Tage-Inzidenz stieg im Vergleich zum Vortag von 79,0 auf 82,9 – sie steigt damit den 5. Tag in Folge an.  Intensivmediziner warnen nun vor den Folgen und fordern ein Zurück in den Lockdown.

Deutschland setzt Impfung mit AstraZeneca-Impfstoff aus

Auch in Deutschland sind nun die COVID-19-Impfungen mit dem Vakzin des Herstellers AstraZeneca ausgesetzt worden. Laut Presseberichten setzt das Gesundheitsministerium damit eine Empfehlung des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI) um.

Nach neuen Meldungen von Thrombosen der Hirnvenen im zeitlichen Zusammenhang mit der Impfung in Deutschland und Europa halte das Institut weitere Untersuchungen für notwendig, melden Nachrichtenagenturen. Die Europäische Arzneimittelbehörde EMA werde entscheiden, „ob und wie sich die neuen Erkenntnisse auf die Zulassung des Impfstoffes auswirken“, heißt es in der Mitteilung des BMG.

Spahn betonte, es handle sich um eine „reine Vorsichtsmaßnahme“. Man wolle eine Bewertung der EMA abwarten, die nun beginne. Es sei noch nicht klar, wie sich diese Aussetzung der Impfung mit der Vakzine auf die zukünftige Impfstrategie auswirke, ob sich dadurch die z.B. die Impfungen durch die Hausärzte verzögern, lasse sich derzeit noch nicht abschätzen.

Es gebe inzwischen 7 Verdachtsfälle von Hirnvenen-Thrombosen im zeitlichen Zusammenhang mit einer Impfung mit der AstraZeneca-Vakzine. Spahn wies in einer Pressekonferenz darauf hin, dass sich Menschen, die in den letzten Tagen mit dem AstraZeneca-Impfstoff geimpft worden waren und mehr als 4 Tage danach noch (typische) Symptome haben, etwa Kopfschmerzen, mit ihrem Arzt in Verbindung setzen sollten.

Bereits mehrere andere Länder hatten die Impfungen mit der Vakzine in den letzten Tagen ausgesetzt. Anlass war ein Todesfall aufgrund eines Blutgerinnsels nach der Impfung mit dem Wirkstoff von AstraZeneca. Bei den Ländern handelt es sich um Dänemark, Norwegen, Bulgarien, Island und Thailand sowie aktuell auch die Niederlande, Irland und Italien, sie alle wollen die Impfungen bis Ende März stoppen.

AstraZeneca bemüht sich, Zweifel an der Sicherheit des Impfstoffs zu zerstreuen. Auch die Europäische Arzneimittelbehörde EMA hatte bislang erklärt, es gebe keine auffällige Häufung von Thrombosen im zeitlichen Zusammenhang mit der Impfung – und nach ihrer Einschätzung sei der Nutzen des AstraZeneca-Mittels größer als die Risiken.

Ähnlich hatte sich bislang auch noch das deutsche Paul-Ehrlich-Institut geäußert. „In Übereinstimmung mit der EMA überwiegt aus Sicht des Paul-Ehrlich-Instituts der Nutzen der Impfung die bekannten Risiken“, teilte das PEI gestern noch mit. Auch AstraZeneca wies nach einer Analyse von Millionen von Impfdaten die Zweifel an der Sicherheit seines Corona-Impfstoffes zurück.

Intensivmediziner wollen zurück in Lockdown

Der wissenschaftliche Leiter des DIVI-Intensivregisters, Prof. Dr. Christian Karagiannidis, plädierte in den Medien heute dafür, in den Lockdown zurückzukehren, um die 3. Welle niedrig zu halten. Nun sei es wichtig, die beschlossene Notbremse bei einer Inzidenz von 100 auch durchzusetzen. Bund und Länder hatten eine Rückkehr in den Lockdown vereinbart, wenn in einer Region die Zahl der Neuinfektionen wieder die Marke von 100 je 100.000 Einwohner in 7 Tagen erreicht.

Karagiannidis warnte: „Ansonsten würden wir jetzt noch einmal 5.000, 6.000 Patienten auf der Intensivstation sehen.". Nach wie vor sei das Personal auf den Intensivstationen stark belastet: Derzeit sind rund 2.800 COVID-19-Patienten in intensivmedizinischer Behandlung.

Am Freitag hatte eine Prognose des RKI zur 3. Welle für Aufsehen gesorgt: Schon in der Woche nach Ostern könnten die Neuinfektionszahlen höher liegen als rund um Weihnachten, heißt es darin. Die Inzidenz könnte dann bei 350 liegen. Demnach zeigt sich bei der Variante B.1.1.7 ein exponentiell ansteigender Trend der 7-Tage-Inzidenz seit der 2. Kalenderwoche. Alle 12 Tage habe sich diese verdoppelt.

Spahns Strategie für die nächsten Wochen: „Testen, Impfen, Umsicht“

„Die Lage bleibt angespannt“, kommentierte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn am 12. Mai anlässlich eines Presse-Briefings. „Die Fallzahlen steigen wieder – zwar langsam, aber sie steigen. Und Mutationen breiten sich aus.“ Der Minister spricht von „einigen sehr herausfordernden Wochen“, auf die man sich einstellen müsse. Es gebe ein „Ringen um die richtige Balance zwischen dem notwendigen Gesundheitsschutz und der Normalität“.

Gleichzeitig weist der Minister auf Fortschritte hin: Viele Bewohner in Alten- und Pflegeheimen und viele Menschen über 80 seien bereits geimpft worden; in einigen Bundesländern seien Personen über 70 an der Reihe. Spahn weiter: „Die Zahl der Infektionen, der Krankenhausbehandlungen und der … Todesfälle bei Höchstbetagten und Älteren geht deutlich zurück.“ Gleichzeitig gebe es im europäischen Vergleich wenige Länder der Größe und Lage wie Deutschland, die während der 2. Welle im unteren Drittel beim Infektionsgeschehen gewesen seien.

Für die nächsten Wochen bewertet Spahn „Testen, Impfen, Umsicht“ als Strategie der Wahl. Zu Testzentren selbst erklärt der Minister, diese „funktionieren noch unterschiedlich, … aber in vielen Teilen des Landes schon sehr gut“. Man dürfe jedoch „die Wirkung von Schnelltests auf den Pandemie-Verlauf nicht überschätzen“.

Um die 6 Millionen Menschen in Deutschland seien zumindest einmal geimpft; mit 270.000 Impfungen pro Tag habe man Höchstwerte erreicht. Und zu Impfungen beim Hausarzt sagt der Minister: „Was noch Modell ist, soll die Regel werden, … spätestens Mitte April.“

Es gebe noch nicht genügend Impfstoff, um Impfzentren und parallel alle Arztpraxen zu versorgen. „Wir werden jedoch nicht gleich auf Priorisierungen verzichten“, stellt Spahn klar. Wichtig sei weiterhin, Risikogruppen zu schützen.

Wielers Einschätzung: „Stehen am Anfang der 3. Welle“

„Die Pandemie ist noch nicht vorbei; im Gegenteil: Jetzt stehen wir am Anfang der 3. Welle“, warnte auch RKI-Präsident Prof. Dr. Lothar H. Wieler. Und diese müsse man so flach halten wie möglich. Ziel aller Maßnahmen müsse es sein, „nicht in die gleiche Situation wie vor Weihnachten zu kommen“.

Der Experte weiter: „Impfungen weisen uns den Weg aus der Pandemie, aber bis der Großteil aller Menschen geimpft ist, wird es noch eine Weile dauern.“ In letzter Zeit hätten sich „Fallzahlen auf zu hohem Niveau eingependelt“. Speziell bei den Unter-60- und Unter-15-Jährigen steige die Inzidenz seit Februar rasant an. Auch die Zahl an Patienten auf Intensivstationen nehme in einigen Bundesländern wieder leicht zu.

Wieler hält es für wahrscheinlich, dass die ansteckendere Variante B.1.1.7 dahintersteckt. Er macht klar: „Die Impfung ist neben unserem verantwortungsvollen Verhalten das mächtigste Werkzeug, das wir haben.“ Bei den ältesten Menschen beobachte man bereits, dass Fallzahlen zurückgingen; dies sei „auch ein Effekt der Impfungen“.

Selbsttests kämen als „neues Werkzeug“ jetzt hinzu. Der Vorteil sei, Infektionen schneller zu finden. „Ein negatives Ergebnis bedeutet jedoch nicht, freigetestet zu sein“, warnte der Experte. Sein Fazit: „Das Virus wird nicht mehr verschwinden. Aber mit einer Grundimmunität in der Bevölkerung können wir es kontrollieren.“

„Stay at home“: Statistiker zweifeln am Sinn häuslicher Isolation

Zur Pandemie-Kontrolle gehören auch Beschränkungen der Mobilität. Ob die Aufforderungen „Stay at Home“ einen Mehrwert gebracht hat, bezweifeln aber zumindest Forscher um ‪Ricardo Francalacci Savaris von der Universidade Federal do Rio Grande do Sul, Brasilien. Sie haben Assoziationen zwischen dem Verbleib zu Hause und der Änderung der COVID-19-Mortalität untersucht.

Daten kamen weltweit über die Mobilitäts-Websites www.google.com/covid19/mobility, www.ourworldindata.org und https://covid.saude.gov.br. Eingeschlossen wurden nur Länder mit einem Healthcare Access and Quality (HAQ) Index von ≥ 67. Ziel beim HAQ ist es, die Qualität der gesundheitlichen Versorgung zu quantifizieren. Dazu betrachtet man Todesraten bestimmter, behandelbarer Krankheiten wie Tuberkulose, Durchfall, Tetanus, aber auch bestimmte Krebsarten. Deutschland hatte zuletzt einen HAQ von 86,4 Punkten; maximal 100 sind möglich.

Für ihr Projekt haben die Forscher Mobilitäts- und Mortalitätsdaten von Gegenden mit ähnlichem HAQ verglichen. Eingeschlossen wurden 87 Regionen weltweit, was 3.741 paarweise Vergleiche ermöglicht hat. Nur bei 63 (1,6%) dieser paarweisen Datensätze mit und ohne Restriktion bei der Mobilität ergaben Analysen statistisch signifikante Unterschiede. Das bedeutet aber auch: Bei mehr als 98% der Datenpaare blieb unklar, ob ein Aufenthalt zu Hause die COVID-19-Mortalität tatsächlich verringert hat.

Brasilianische SARS-CoV-2-Variante P.1 international zu wenig beachtet?

Virologen bereitet derzeit vor allem die britische „Variant Of Concern“ VOC-202012/01, auch 20I/501Y.V1 oder B.1.1.7 genannt, große Sorgen. Laut RKI liegt deren Anteil schon bei 55% aller Infektionen – und steigt weiter. B.1.1.7 hat ebenso wie die südafrikanische Variante N501Y.V2 eine N501Y-Mutation innerhalb der Rezeptorbindungsdomäne des Spike-Proteins.

Die brasilianische Variante P.1 kommt jetzt noch hinzu. Aufgrund diverser Mutationen rechnet das RKI bei dieser Mutation mit einer geringeren Wirksamkeit neutralisierender Antikörper bei Genesenen bzw. Geimpften. Eine erhöhte Übertragbarkeit gilt auch als wahrscheinlich. Aktuelle genetische Analysen zeigen, dass 17 Aminosäuren im Vergleich zum Wildtyp verändert vorliegen, davon 10 im Spike-Protein, was eine mögliche Erklärung liefert.

P.1 gilt als recht wahrscheinliche Erklärung für die Phänomene im brasilianischen Manaus. Dort waren nach der 1. SARS-CoV-2-Welle im Frühjahr 2020 im Oktober bei 76% aller untersuchten Blutproben einer Stichprobe Antikörper gegen SARS-CoV-2 nachgewiesen worden; damals zirkulierte der Wildtyp. Doch obwohl bei solchen Werten eine natürliche Herdenimmunität auftreten sollte, kam es ab Dezember 2020 erneut zu einer extrem hohen Krankheitsaktivität. Bilder von Massenbestattungen und überfüllten Krankenhäusern gingen um die Welt. Dies könnte an einer schlechteren Immunität gegen P.1 liegen, vermuten Wissenschaftler.

Diese Variante breitet sich immer stärker aus. Brasilianische Wissenschaftler haben Daten über weltweite Genom-Nachweise zusammengetragen. An der Spitze stehen neben Brasilien (350 Fälle) auch Italien (144), Belgien (41), die USA (34), Peru (23) und Deutschland (22). P.1 wird damit weltweit zum Thema.

Update vom 11. März 2021

  • Vierter Impfstoff kommt: EMA-Zulassung der COVID-19-Vakzine von Janssen

  • EMA hat keine Sicherheitsbedenken bei AstraZeneca-Vakzine

  • Ärzte wollen impfen – Start erst Mitte April oder sogar Mai?

  • Mehr Impfstoff, andere Priorisierungen in Hotspots

  • Digitaler Impfnachweis bereits in 8 Wochen?

Mit 14.356 neuen SARS-COVID-19-Infektionen und 321 weiteren Todesfällen innerhalb von 24 Stunden gewinnt die Pandemie weiter an Fahrt. Am Vortag wurden 9.146 Neuinfektionen und 300 Todesfälle gemeldet. Als 7-Tages-Inzidenz nennt das RKI im bundesweiten Schnitt 69 Fälle pro 100.000 Einwohner (Vortag: 65). Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) setzt auf Tests und auf Impfungen.

EMA: Zulassung der COVID-19-Vakzine von Janssen

Der EMA-Ausschuss für Humanarzneimittel hat empfohlen, eine bedingte Marktzulassung für den COVID-19-Impfstoff von Janssen (Mutterkonzern ist Johnson & Johnson) zur Vorbeugung von COVID-19 bei Menschen ab 18 Jahren zu erteilen. Er wird nur als Einzeldosis gespritzt. Damit stehen in Kürze EU-weit 4 Impfstoffe zur Prävention von COVID-19 zur Verfügung.

Grundlage des Impfstoffs von Janssen ist ein nicht replikationsfähiges Adenovirus. Es schleust Gene von SARS-CoV-2 in die Zellen ein, und das Spike-Protein wird synthetisiert. Das Immunsystem erkennt das Protein als fremd, produziert Antikörper und aktiviert T-Zellen.

Ergebnisse einer klinischen Studie, an der über 44.000 Menschen aus den USA, aus Südafrika und aus mehreren Ländern Lateinamerikas teilgenommen haben, zeigen, dass die Vakzine Menschen ab 18 Jahren wirksam vor COVID-19 schützt. Die Hälfte erhielt eine Einzeldosis des Impfstoffs, die andere Hälfte bekam ein Placebo. Unter Verum verringerte sich die Anzahl symptomatischer COVID-19-Fälle nach 2 Wochen um 67% (116 Fälle von 19.630 Personen), verglichen mit der Placebo-Gruppe (348 von 19.691 Personen). In einer Meldung heißt es, Daten zum Impfstoff seien robust und würden Kriterien für die Wirksamkeit, die Sicherheit und die Qualität erfüllen.

Nebenwirkungen waren meist leicht oder mäßig und klangen innerhalb weniger Tage nach der Impfung ab. Besonders oft traten Schmerzen an der Injektionsstelle, Kopfschmerzen, Müdigkeit, Muskelschmerzen und Übelkeit auf. Die Sicherheit und Wirksamkeit der Vakzine wird durch das EU-Pharmakovigilanzsystem und durch zusätzliche Studien weiter überwacht.

EMA: Keine Sicherheitsbedenken bei AstraZeneca-Vakzine

Zuletzt hatten Berichte aus Österreich hohe Wellen geschlagen. Eine Krankenschwester starb 10 Tage nach der Impfung mit dem COVID-19-Impfstoff von AstraZeneca aufgrund multipler Thrombosen. Und 2 Pflegekräfte wurden aufgrund von Lungenembolien stationär behandelt. Jetzt hat sich der EMA-Ausschuss für Risikobewertung im Bereich der Pharmakovigilanz (PRAC) zu Wort gemeldet.

„Es gibt derzeit keinen Hinweis darauf, dass die Impfung diese Erkrankungen verursacht hat, die bei diesem Impfstoff nicht als Nebenwirkungen aufgeführt sind“, heißt es in einer Stellungnahme. „Die bisher vorliegenden Informationen deuten darauf hin, dass die Zahl der thromboembolischen Ereignisse bei geimpften Personen nicht höher ist als in der Allgemeinbevölkerung.“ Bis zum 9. März 2021 wurden 22 Fälle von thromboembolischen Ereignissen unter den 3 Millionen mit COVID-19-Impfstoff von AstraZeneca geimpften Personen im Europäischen Wirtschaftsraum gemeldet.

Die betroffene Charge ABV5300 umfasst 1 Million Dosen. Sie wurde an 17 EU-Länder, laut EMA jedoch nicht an Deutschland, geliefert. Einige Staaten haben diese Charge als Vorsichtsmaßnahme aus dem Verkehr gezogen. Am Donnerstag hatte Dänemark angekündigt 2 Wochen generell mit dem AstraZeneca-Impfstoff zu pausieren.

 „Obwohl ein Qualitätsmangel zum jetzigen Zeitpunkt als unwahrscheinlich angesehen wird, wird die Qualität der Charge untersucht“, schreibt die EMA. Sie wird online über Ergebnisse ihrer Auswertungen berichten.

Ärzte wollen impfen – Start erst Mitte April?

Hausärzte und Fachärzte spielen vielleicht schon bald die zentrale Rolle im Kampf gegen die Pandemie. Ursprünglich sollten sie Anfang April damit beginnen; nach einer Beratung von Bund und Ländern verständigte man sich auf die 16. Kalenderwoche – oder früher, falls es Liefermengen der Hersteller für April zulassen. Andreas Gassen, Vorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung äußerte am Donnerstag jedoch, dass er eher mit einem Startsschuss in den Praxen erst im Mai rechnet. 

Niedergelassene Ärzte sollen sowohl immobile Personen als auch Patienten mit Vorerkrankungen impfen. Die Kassenärztlicher Bundesvereinigung (KBV) hatte zuvor ausgerechnet, dass 50.000 Arztpraxen pro Tag jeweils 20 Impfstoffdosen verabreichten könnten. Das entspricht bis zu 5 Millionen Dosen pro Woche. Laut diesem Szenario wäre es möglich, alle Impfwilligen bis Anfang August zu versorgen.

Auch sollen Betriebsärzte in Unternehmen zum Zuge kommen. Diese könnten „pro Monat etwa 5 Millionen Beschäftigte impfen“, sagte die Vize-Präsidentin des Verbands Deutscher Betriebs- und Werksärzte, Dr. Anette Wahl-Wachendorf.

Zahnärzte bieten ebenfalls Unterstützung an. Als approbierte Ärzte seien Zahnärzte grundsätzlich dazu befähigt, Impfungen durchzuführen, so erklärt Dr. Wolfgang Eßer, Vorsitzender der Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung (KZBV). Gerade im Hinblick auf schnelle und flächendeckende Impfungen sei es wichtig, ausreichend Impf-Ärzte zu haben.

Mehr Impfstoff, andere Priorisierungen in Hotspots

Generell solle, wie Spahn betont, das Impfen flexibler werden. Eine neue Verordnung sieht vor, dass es beim Impfstoff von AstraZeneca keine Altersbegrenzung mehr geben wird. Zuvor hatte die STIKO diese Vakzine nur für 18- bis 64-Jährige empfohlen. Und um möglichst viele Erstimpfungen zu ermöglichen, soll bei Impfstoffen von Biontech/Pfizer und Moderna der Abstand zur Zweitimpfung von 6 Wochen ausgeschöpft werden. Bei der Vakzine von AstraZeneca sind es 12 Wochen.

Die neue Verordnung ermöglicht es Ländern auch, von STIKO-Priorisierungen abzuweichen. Damit könnten etwa Sachsen, Bayern, das Saarland oder weitere Länder die ganze Bevölkerung in grenznahen Hotspots impfen. Sachsen hat die Impfreihenfolge im besonders stark getroffenen Landkreis Vogtland bereits aufgehoben. Welche Folgen dies bundesweit für Risikogruppen hat, ist unklar.

Zumindest mittelfristig ist mit mehr Impfstoffen zu rechnen. Der in Russland entwickelte Impfstoff Sputnik V befindet sich derzeit bei EMA-Experten in Überprüfung. Wird er zugelassen, plant das Pharma-Unternehmen Adienne ab Sommer eine Produktion in der Lombardei. Wegen Lieferverzögerungen bei zugelassenen Vakzinen hatten mehrere EU-Länder bereits ihr Interesse bekundet.

Digitaler Impfnachweis bereits in 8 Wochen?

Neben der Impfung selbst geht es auch um die Dokumentation. Mehrere Reiseveranstalter hatten schon angekündigt, auf Nachweisen zu bestehen. Und am 21. Januar 2021 hatte der Europäische Rat beschlossen, dass Mitgliedsstaaten einen interoperablen und standardisierten Impfnachweis für Smartphones entwickeln sollen. Diese Forderungen setzt Deutschland jetzt um.

Eine App speichert den Impfzeitpunkt, den Impfstoff und den Namen des Geimpften als Zertifikat lokal auf dem Handy. Für Dienstleister, etwa Ärzte oder Mitarbeiter beim Zoll, ist eine spezielle Prüf-App vorgesehen, um den Impfstatus zu kontrollieren. Analoge Impfpässe gelten weiterhin; das digitale Angebot ist freiwillig.

Spahn hat den Auftrag an IBM (USA), Bechtle und Ubirch (beide Deutschland) vergeben. Dabei geht es nicht nur um mehr als 2,7 Millionen Euro für die Entwicklung. Mit jedem Zertifikat, das erstellt wird, erhalten Firmen eine Gebühr von 50 Cent. Bei einer hypothetischen Impfquote von 80%, also 65 Millionen Menschen, wären das zusätzlich 32,5 Millionen Euro. In rund 8 Wochen soll das System einsatzbereit sein.

Update vom 9. März 2021

  • Impfungen: Geld für Termine – ein Gedankenexperiment

  • Fake-Gefahr: Augen auf bei Corona-Schnelltests

  • EMA-Empfehlung: Neue Antikörper gegen COVID-19

  • Therapie-Flop 1: Azithromycin – kein Nutzen bei COVID-19

  • Therapie-Flop 2: Auch Tocilizumab ohne Benefit

Innerhalb der letzten 24 Stunden hat das Robert Koch-Institut 4.252 neue SARS-CoV-2-Infektionen (Vortag: 5.011) und 255 weitere Todesfälle durch COCID-19 (Vortag: 34) erfasst. Die 7-Tages-Inzidenz verringerte sich leicht von 68,0 auf 67,5 Fälle pro 100.000 Einwohner. Bislang haben 6,2% aller Bürger die 1. Impfung und 3,0% die 2. Impfung erhalten.

Bund und Länder wollen dies beschleunigen. Laut DPA planen sie, dass niedergelassene Haus- und Fachärzte ab Anfang April ebenfalls impfen. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) erwartet dadurch zusätzliche 5 Millionen Impfungen pro Woche. Bis 1. August 2021 könnten laut der Modellrechnung alle Bürger versorgt werden.

Impfungen: Geld für Termine – ein Gedankenexperiment

Auch die Zahl an zugelassenen Impfstoffen wird voraussichtlich weiter ansteigen; bei der EMA laufen mehrere Rolling Reviews. Aber das ist nur die halbe Miete, denn wie viele Einwohner lassen sich wirklich impfen? Neue Informationen liefert eine repräsentative Studie. Mitarbeiter des Marktforschungsinstitut SPLENDID RESEARCH haben Ende Februar 2.431 Personen zwischen 18 und 69 Jahren online interviewt. Ihre hypothetische Frage: Wären Bürger mit niedriger Impfpriorität bereit, für einen früheren Termin zu bezahlen?

Die Ergebnisse überraschen: 56% hätten daran Interesse. Sie würden im Mittel 20,83 Euro für die Priorisierung berappen. Bei den 18-29-Jährigen lag die Zahlungsbereitschaft mit 25,60 Euro höher als bei den über 60-Jährigen (19,90 Euro). Und Frauen (23,80 Euro) waren investitionsfreudiger als Männer. Alles in allem zeigt das Gedankenexperiment eine hohe Impfbereitschaft in Deutschland.

Fake-Gefahr: Augen auf bei Corona-Schnelltests

Neben Impfungen gelten Antigen-basierte Tests als weitere Säule zur Kontrolle der Pandemie. Etliche Discounter, aber auch Apotheken oder Drogeriemärte erlebten schon den 1. Ansturm. Ab 8. März soll es einen Gratis-Schnelltest pro Woche für jeden geben. Details sind noch unklar.

Jetzt warnt das Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) vor der Gefahr krimineller Machenschaften. „Fake Shops locken Kunden typischerweise mit besonders günstigen Angeboten zu gerade sehr begehrten Produkten“, sagt Dr. Peter Mayer vom KIT. Als mögliches Einfallstor nennt er Sicherheitslücken offizieller Unternehmenswebsites, um dort gezielt Weiterleitungen auf gefälschte Portale zu platzieren. Diese sehen dem Original auf den 1. Blick recht ähnlich. Selbst Gütesiegel lassen sich fälschen. Betreiber bekommen nur durch Zufall davon Kenntnis. Was tun?

Mayer nennt einige Kriterien, wie selbst Laien solche Fakes erkennen:

  • Anbieter haben außer Schnelltests oft keine weiteren Produkte im Sortiment.

  • Zahlungen sind nur per Kreditkarte oder per Vorkasse möglich.

  • Die Schnelltests sind – verglichen mit dem Markt – deutlich preisgünstiger.

Auf der Website fehlen Kontaktdaten und ein Impressum.

EMA-Empfehlung: Neue Antikörper gegen COVID-19

Auch bei der Therapie von COVID-19 tut sich viel. Der Ausschuss für Humanarzneimittel (CHMP) der Europäischen Arzneimittelagentur (EMA) veröffentlichte ein positives Votum zu Bamlanivimab und Bamlanivimab plus Etesevimab. Vor wenigen Wochen hatte die US Food and Drug Adminstration (FDA) bereits eine Notfallzulassung erteilt.

Die monoklonalen Antikörper sollen bei ambulant behandelten Patienten ab 12 Jahren mit leichter bis mittelschwerem COVID-19, die keinen zusätzlichen Sauerstoff benötigen, zum Einsatz kommen. Hier geht es um eine Subgruppe mit hohem Risiko für schweres COVID-19, etwa aufgrund von Vorerkrankungen.

In Deutschland erhalten Patienten Bamlanivimab bereits seit Februar 2021 im Rahmen der „Verordnung zur Sicherstellung der Versorgung der Bevölkerung mit Produkten des medizinischen Bedarfs bei der durch das Coronavirus SARS-CoV-2 verursachten Epidemie“ (MedBVSV).

Grundlage der CHMP-Empfehlung sind Ergebnisse aus Phase-2- und Phase 3-Studien. Bamlanivimab hat die Viruslast, die Zahl stationärer Therapien und die Häufigkeit von Symptomen bei nicht hospitalisierten Hochrisikopatienten mit leichter bis mittelschwerer COVID-19 um mehr als 70% verringert. Bei Bamlanivimab plus Etesevimab ging das Risiko von Krankenhausaufenthalten und Todesfällen in der identischen Patientenpopulation um 70% nach unten.

Therapie-Flop 1: Azithromycin – kein Nutzen bei COVID-19

Doch nicht jeder Arzneistoff zeigt den gewünschten Effekt. Als Antibiotikum mit potenziell antiviralen und entzündungshemmenden Eigenschaften hatten Ärzte gelegentlich Azithromycin bei COVID-19 verwendet. Beweise aus randomisierten Studien gab es nicht. Diese Lücke schlossen jetzt Forscher der PRINCIPLE Trial Collaborative Group.

Sie haben Daten von 2.120 Teilnehmern einer RCT ausgewertet. 500 Personen erhielten Azithromycin und die bestmögliche Versorgung, 823 nur die bestmögliche Versorgung, und 797 sonstige Pharmakotherapien. Das Follow-Up lag bei 28 Tagen. Erfasst wurde der Zeitraum bis zur Genesung.

„Wir fanden wenig Hinweise auf einen bedeutenden Nutzen in der Azithromycin-Gruppe verglichen mit zur üblichen Pflege allein“, schreiben die Autoren. Als Hazard Ratio geben sie 1,08 bei einem 95%-Konfidenzintervalle von 0,95 bis 1,23 an. Die Zeit bis zur Genesung verkürzte sich um 0,94 Tage (95%-KI -0,56 bis 2,43).

„Unsere Ergebnisse rechtfertigen die routinemäßige Anwendung von Azithromycin zur Verkürzung der Zeit bis zur Genesung oder des Risikos einer Krankenhauseinweisung bei Personen mit Verdacht auf COVID-19 nicht“, lautet das Fazit der Wissenschaftler.

Therapie-Flop 2: Auch Tocilizumab ohne Benefit

Auch Tocilizumab enttäuschte in einer neuen Studie, wie Arvinder S. Soin vom Medicity Hospital, Gurugram, und Kollegen jetzt berichten. Zuvor hatten randomisierte kontrollierte Studien bei stationären COVID-19-Patienten widersprüchliche Ergebnisse gezeigt. Tocilizumab ist ein Antikörper gegen den Interleukin-6-Rezeptor. Er wird bei verschiedenen Erkrankungen des rheumatischen Formenkreises eingesetzt.

180 Patienten wurden zwischen dem 30. Mai und dem 31. August 2020 rekrutiert und zufällig der Tocilizumab-Gruppe oder der einer Gruppe mit Standard-Therapie zugewiesen. 75 (82%) von 91 Personen in der Tocilizumab-Gruppe und 68 (76%) von 89 Personen in der Standardbehandlungsgruppe beendeten die 28-tägige Nachbeobachtungszeit.

Eine Progression von COVID-19 bis zum Tag 14 trat bei 8 (9%) von 91 Patienten in der Tocilizumab-Gruppe und 11 (13%) von 88 in der Standardbehandlungsgruppe auf (Differenz -3,71; 95%-KI: -18,23 bis 11,19; p = 0,42).

33 (36%) von 91 Patienten in der Tocilizumab-Gruppe und 22 (25%) von 89 Patienten in der Standardbehandlungsgruppe hatten unerwünschte Ereignisse; 18 (20%) und 15 (17%) hatten schwerwiegende unerwünschte Ereignisse.

„Der routinemäßige Einsatz von Tocilizumab bei Patienten, die mit mittelschwerem bis schwerem COVID-19 ins Krankenhaus eingeliefert werden, wird durch unsere Daten nicht unterstützt“, schreiben die Autoren. „Post-hoc-Analysen … deuten jedoch darauf hin, dass Tocilizumab bei Patienten mit schwerem COVID-19 wirksam sein könnte und daher in zukünftigen Studien weiter untersucht werden sollte.“

Update vom 5. März 2021

  • STIKO: AstraZeneca-Impfstoff auch für Menschen ab 65

  • EMA beginnt mit fortlaufender Überprüfung von Sputnik V

  • Impfstoff-Herstellung: Novartis und CureVac kooperieren

  • Verzögerte Hautreaktion auf Moderna-Impfstoff

  • Erhöhtes Infektionsrisiko bei Blutgruppe A

Die Zahl an SARS-CoV-2-Neuinfektionen geht geringfügig nach unten. Innerhalb der letzten 24 Stunden erhielt das RKI 10.580 neue Meldungen (gestern 11.912). Es gab 418 Todesfälle im Zusammenhang mit einer Corona-Infektion (gestern 359). Die 7-Tage-Inzidenz liegt bei 65,4 (gestern 65,0).

STIKO: AstraZeneca-Variante auch für Menschen ab 65

Als Weg aus der Pandemie sehen Ärzte und Politiker Impfungen, doch das dauert länger als erwartet. Bislang haben 5,5% aller Bürger eine Dosis und 2,7% beide Dosen bekommen, Stand 4. März 2021.

Bald schon könnte sich das Blatt wenden. Wie verschiedene Medien vorab berichtet haben, erweitert die Ständige Impfkommission (STIKO) am Robert Koch-Institut ihre Empfehlung für die AstraZeneca-Vakzine revidiert. Wie Medscape berichtet hat, sollte der Impfstoff anfangs nur bei Personen zwischen 18 und 64 Jahren zum Einsatz kommen. Die neue Einschätzung beruhe „auf einer intensiven Analyse und Bewertung von neuen Studiendaten, die erst innerhalb der vergangenen Tage als Vorab-Publikationen verfügbar wurden“, wird die STIKO zitiert. Die Wirksamkeit sei „eindrücklich belegt“ worden. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) will alle Änderungen „sehr zeitnah“ in der Impfverordnung umsetzen.

EMA beginnt mit fortlaufender Überprüfung von Sputnik V

Weitere Neuigkeiten zu Impfstoffen kommen aus Amsterdam. Die Europäische Arzneimittelagentur EMA hat mit einer fortlaufenden Überprüfung (Rolling Review) von Daten zur russischen Vakzine Sputnik V begonnen. Antragsteller ist die R-Pharm Germany GmbH im bayerischen Illertissen. Ziel der fortlaufenden Überprüfung ist, eine mögliche Zulassung zu beschleunigen, ohne Abstriche bei der Sicherheit zu machen.

Sputnik V besteht aus 2 verschiedenen Adenoviren, nämlich Ad26 und Ad5. Diese wurden so modifiziert, dass sie das Gen zur Herstellung des SARS-CoV-2-Spike-Proteins enthalten. Sie können sich nicht im Körper vermehren und verursachen keine Krankheiten. Die beiden Adenoviren werden getrennt verabreicht: Ad26 wird in der 1. Dosis und Ad5 in der 2. Dosis verwendet, um die Wirkung des Impfstoffs zu verstärken.

Sobald er verabreicht wurde, liefert das Virus das Gen des SARS-CoV-2-Spike-Proteins in die Zellen im Körper, wo das Eiweißmolekül produziert wird. Das Immunsystem der Person behandelt dieses Spike-Protein als fremd und erzeugt eine Immunantwort - Antikörper und T-Zellen - gegen dieses Protein.

Impfstoff-Herstellung: Novartis und CureVac kooperieren

Neuigkeiten kommen auch von pharmazeutischen Herstellern: Novartis hat eine Vereinbarung mit CureVac zur Zusammenarbeit bei der Impfstoff-Produktion unterzeichnet. Vorbereitungen für den Produktionsstart, den Technologietransfer und für Tests der Anlagen laufen bereits. Nach der endgültigen Vereinbarung plant Novartis, die Produktion im 2. Quartal 2021 aufzunehmen. Erste Lieferungen des Massenarzneimittels an CureVac werden im Sommer 2021 erwartet.

Die Produktion erfolgt in einer neuen Hightech-Anlage, die schon am Standort Novartis Kundl in Österreich im Bau war. Sie wird so umgebaut, dass sie Anforderungen zur Herstellung von Messenger-RNA-Impfstoffen von CureVac entspricht; die Herstellung ist komplex. Novartis plant, in 2021 bis zu 50 Millionen Dosen und in 2022 bis zu 200 Millionen Dosen zu produzieren.

Hautreaktion auf Moderna-Impfstoff

Je mehr Patienten Impfstoffe erhalten, desto eher erfahren Ärzte auch von seltenen Reaktionen. Im NEJM beschreiben Dr. Susan Sadoughi vom Massachusetts General Hospital, Boston, und Kollegen, verzögerten Hautreaktionen bei 12 Patienten nach Erhalt des Moderna-mRNA-Impfstoffs.

Die Reaktionen traten in der Nähe der Injektionsstelle im Median 8 Tage nach der ersten Impfstoffdosis auf; 5 Patienten hatten Plaques mit einem Durchmesser von mindestens 10 cm. Insgesamt klangen die Symptome im Median nach 6 Tagen ab. Die meisten Patienten erhielten eine symptomatische Behandlung mit Eis und Antihistaminika, einige bekamen Glukokortikoide und einer Antibiotika.

Alle Patienten wurden ermutigt, ihre 2. Dosis zu erhalten, da diese Reaktionen keine Kontraindikationen darstellen. Bei der Hälfte von ihnen traten Reaktionen nach der Folgeimpfung erneut auf, im Median 2 Tage nach der Impfung.

Die Autoren hoffen, mit Ihrer Veröffentlichung Bedenken von Patienten zerstreuen, aber auch den unnötigen Einsatz von Antibiotika zu minimieren.

Erhöhtes Infektionsrisiko bei Blutgruppe A

Schon Mitte 2020 fanden Wissenschaftler Hinweise, dass Blutgruppen die Schwere von COVID-19 beeinflussen könnten (wie Medscape berichtete). In Blood Advances haben Forscher jetzt weitere Informationen zusammengetragen.

Sie fanden Hinweise, dass die Blutgruppe A mit einer SARS-CoV-2-Infektion korreliert. Frühere Untersuchungen haben ein höheres Risiko für Atemversagen bei Menschen mit der Blutgruppe A nahegelegt. Das Antigen der Blutgruppe A ist sowohl auf den Epithelzellen der Atemwege als auch auf roten Blutkörperchen vorhanden. In einer früheren Studie fanden Forscher heraus, dass die SARS-CoV-2-Rezeptorbindungsdomäne bevorzugt das auf respiratorischen Epithelzellen exprimierte Blutgruppen-A-Antigen erkennt. Das könnte möglicherweise das erhöhte Risiko für Atemwegsversagen bei diesen Patienten erklären.

Update vom 3. März 2021

  • Drosten: Britische Variante schon bei 50%; höheres Impftempo nötig

  • DEGAM: Hausärztinnen und Hausärzte stehen bereit für Corona-Impfungen in Praxen

  • Preprint-Studie aus UK: Impfstoffe wirken schon bei einmaliger Gabe

  • Deutsche Gesellschaft für Infektiologie (DGI): Kein Zögern bei Wahl des Impfstoffs!

  • COVID-19-Impfung für Kinder: US-Experte Anthony Fauci rechnet zur Jahreswende damit

  • WHO: Impf-Kampagnen mit COVAX in Afrika haben begonnen

In Deutschland steigen die Infektionszahlen weiter allmählich an. Das RKI meldet heute knapp über 9.000 Neu-Infektionen – rund 1.000 mehr als Mittwoch vergangener Woche. Es gab 418 Todesfälle im Zusammenhang mit einer Corona-Infektion; die 7-Tage-Inzidenz liegt bei 64 (gestern 65,4).

Drosten: Britische Variante schon bei 50%; höheres Impftempo nötig

Gestern hat der Leiter der Virologie an der Berliner Charité Prof. Dr. Christian Drosten in seinem NDR-Podcast für mehr Druck bei den Impfungen in Deutschland geworben: „Ich mache mir Sorgen, wie lange das alles dauert, während die Uhr tickt." Es gelte, das Impftempo deutlich nach oben zu fahren. Es müsse nun möglichst schnell ein Bevölkerungsschutz aufgebaut werden.

Drosten plädierte dafür, möglichst rasch Haus- und Betriebsärzte mit ins Boot zu holen. Die Ärzte könnten am besten einschätzen, wer die Impfung wie dringend benötige: „Man kennt seine Pappenheimer als Hausarzt. Dieser menschliche Faktor wird im Moment nicht genutzt", sagte er.

Der Berliner Virologe warnte vor den Bund-Länder-Beratungen an diesem Mittwoch vor den Folgen weiterer Lockerungen. Die Modellierung der Intensivmediziner (wir berichteten) von letzter Woche hält er für realistisch Die DIVI (Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin) hatte eine Beibehaltung der Beschränkungen bis Anfang April gefordert, sonst drohe „eine schwer beherrschbare 3. Welle“, so DIVI-Präsident Prof. Dr. Gernot Marx.

Die derzeit wieder steigenden Infektionszahlen werden vor allem von der sich ausbreitenden britischen Variante B.1.1.7 angetrieben. Sie ist laut Drosten inzwischen bei jeder 2. Neu-Infektion in Deutschland nachweisbar. Die südafrikanische Variante (B.1.3.5.1), gegen die wegen ihrer Immune-Escape-Mutationen bisherige Impfstoffe weniger gut wirksam sind, macht nach seiner Einschätzung derzeit nur rund 1% der Infektionen aus – und er befürchtet auch keinen starken Anstieg dieser Quote.

Drosten warnt in dem Talk außerdem davor, auf einen saisonalen Effekt zu setzen, und darauf zu hoffen, dass Sonne und Wärme die Infektionszahlen sinken lassen. Für solche saisonalen Effekte gebe es keine wissenschaftlichen Belege, die Situation im vergangenen Frühjahr/Sommer sei mit der derzeitigen nicht vergleichbar.

DEGAM: Hausärztinnen und Hausärzte stehen bereit für Corona-Impfungen in Praxen

Die Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM) hält es „für angemessen“ zum jetzigen Zeitpunkt Hausärztinnen und Hausärzte in die Corona-Impfungen miteinzubeziehen. „Impfen ist eine genuin hausärztliche Tätigkeit“, wird DEGAM-Präsident Prof. Martin Scherer in einer Pressemitteilung zitiert. „Jetzt müssen wir es sehr schnell schaffen, die Corona-Impfung auch dorthin zu holen, wo sie ihren natürlichen Platz hat: in die Hausarztpraxen.“

Die DEGAM verweist darauf, dass Impfungen in den hausärztlichen Praxen, die Impfkampagne deutlich beschleunigen können. Zudem könne auch die Impfung in vertrautem Umfeld die Akzeptanz in der Bevölkerung steigern. Die DEGAM geht davon aus, dass mittelfristig alle zugelassenen Impfstoffe in den allgemeinmedizinischen Praxen verimpft werden können.

Zu Beginn werde es sich aber wohl vor allem um den unempfindlicheren Impfstoff von AstraZeneca (sowie voraussichtlich auch den von Johnson & Johnson) handeln. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hat angekündigt, dass die AstraZeneca-Vakzine wohl schon bald aufgrund neuer Daten von der STIKO auch für die Altersgruppe der über 64-Jährigen zugelassen werden wird.

Zudem verwies er auf britische Daten, nach denen durch eine zeitliche Vergrößerung des Abstandes zwischen der 1. und der 2. Impfdosis, der Impfschutz in der Bevölkerung beschleunigt werden kann. So könne bei der Vakzine von BioNTech/Pfizer erst nach 6 Wochen die Zweitimpfung erfolgen, bei der von AstraZeneca sogar erst nach 12 Wochen. Spahn: „Dann können wir mehr Erstimpfungen machen.“

Preprint-Studie aus UK: Impfstoffe wirken schon bei einmaliger Gabe

Bereits eine einzelne Dosis der Impfstoffe von Pfizer/BioNTech bzw. von AstraZeneca/Oxford University bietet einen erheblichen Schutz gegen COVID-19. So das Ergebnis einer Preprint-Studie, die online veröffentlicht ist.

Die britischen Autoren haben die COVID-19-Impfhistorie von Menschen im Alter von 70 Jahren und älter analysiert, die zwischen Ende Oktober 2020 und Februar 2021 fast 160.000 Proben für PCR-Tests einreichten, die jeweils innerhalb von 10 Tagen nach Auftreten von Symptomen genommen worden waren. Rund 28% der Proben wurden positiv getestet.

Laut ihrer Analyse erwies sich eine Einzeldosis des mRNA-Impfstoffs von Pfizer/BioNTech als 60-70% wirksam darin, eine symptomatische Erkrankung zu verhindern, 2 Dosen waren zu 85-90% wirksam. Bei Personen, die eine Dosis erhielten und dann an COVID-19 erkrankten, war die Wahrscheinlichkeit, hospitalisiert zu werden, um 43% und die Wahrscheinlichkeit zu sterben, um 51% geringer als bei Ungeimpften.

Eine Einzeldosis der AstraZeneca-Vakzine war in Bezug auf symptomatische Erkrankungen und Krankenhausaufenthalte ähnlich wirksam, für die Bewertung der Auswirkungen auf die Sterblichkeit sei es noch zu früh. Zur 2. Dosis des AstraZeneca-Impfstoffs gibt es ebenfalls keine Daten, da in Großbritannien alle zunächst nur eine Dosis dieser Vakzine erhielten. Da sich während des Studienzeitraums in UK die britische Variante B.1.1.7 ausgebreitet hatte, „spiegeln die Ergebnisse weitgehend die Wirksamkeit des Impfstoffs gegen diese Variante wider", schreiben die Autoren.

Deutsche Gesellschaft für Infektiologie (DGI): Kein Zögern bei Wahl des Impfstoffs!

Die Deutsche Gesellschaft für Infektiologie (DGI) betont ebenfalls, dass es nun darauf ankommt, möglichst viele Menschen so schnell wie möglich zu impfen. Sie beklagt die „unsachliche Diskussion“ zur Wirksamkeit des Vektor-basierten Impfstoffs von AstraZeneca/Oxford und verweist auf neue Daten aus Schottland mit mehr als 1,1 Millionen Geimpften. Dort habe mehr als ein Drittel der Bevölkerung eine 1. Dosis erhalten (AstraZeneca oder BioNtech/Pfizer Impfstoff, unabhängig vom Alter).

Die über 75-Jährigen hätten dort sogar überwiegend den Impfstoff von AstraZeneca erhalten. In dieser bevölkerungsweiten Studie zeige die Impfung einen beeindruckenden Effekt: Hospitalisierungen wegen COVID-19 seien durch dem AstraZeneca Impfstoff zu 94% verhindert worden, mit der BioNTech/Pfizer Vakzine zu 85%. Für die über 80-Jährigen zeige sich eine Wirksamkeit von 81%, wobei hier nicht zwischen den 2 Impfstoffen unterschieden worden sei.

Die DGI kommentiert: „Die Studie zeigt eindrucksvoll, wie effektiv Impfungen vor schweren Verläufen schützen. Sie zeigt auch, dass das primäre Kriterium für die Wirksamkeit einer Impfung, also die generelle Vermeidung von Infektionen, nur eins der Merkmale ist, nach denen wir Vakzinen beurteilen sollten.“

Für die Bekämpfung der Pandemie komme es nicht darauf an, welcher der zugelassenen Impfstoffe verwendet werde. Es sei nur „absolut wichtig“, so schnell wie möglich so viele Menschen wie möglich zu impfen, unterstreicht die DGI. Zögern und Diskussionen über falsche Kriterien zur Wahl eines Impfstoffs seien hier unnötige Hindernisse.

Die schottische Studie bestätige auch, dass der AstraZeneca-Impfstoff auch bei Älteren wirke, die in den Zulassungsstudien bekanntlich unterrepräsentiert waren. Daher, so heißt es, würde die DGI „den Einsatz des AstraZeneca-Impfstoffes auch für Menschen im Alter über 65 Jahre begrüßen, sollten sich diese Daten bestätigen“.

COVID-19-Impfung für Kinder: US-Experte Anthony Fauci rechnet zur Jahreswende damit

Um den Jahreswechsel 2021/22 könne zudem „sehr wahrscheinlich“ mit der Verfügbarkeit eines COVID-19-Impfstoffes für Kinder im Alter unter 12 Jahren gerechnet werden, sagte Dr. Anthony Fauci, der Direktor des National Institute of Allergy and Infectious Diseases in den USA.

Einige Firmen hätten bereits mit klinischen Studien zur Sicherheit und Wirksamkeit der Impfungen bei Kindern begonnen – die Ergebnisse sollten noch im Laufe des Jahres vorliegen, sagt er. Eine „realistische Prognose“ sei, dass es „frühestens Ende des Jahres, aber auf jeden Fall sehr wahrscheinlich im ersten Quartal 2022 genug Daten geben wird, dass auch Grundschulkinder geimpft werden können.“

Ältere High-School-Schüler könnten wohl schon im Herbst dieses Jahres geimpft werden. Die Impfung der Schüler sei – auch wenn diese in der Regel nicht schwer erkranken – wichtig, um den normalen Schulbetrieb wieder aufzunehmen. Und es könnte dazu beitragen, das Land näher an die Herdenimmunität heranführen, sagte Fauci.

In den USA haben bereits fast 50 Millionen Menschen ihre 1. Impfdosis erhalten, 24,7 Millionen sind schon zum 2. Mal geimpft. US-Präsident Joe Biden kündigte gestern an, die dortige Impfkampagne weiter voranzutreiben: Schon bis Ende Mai soll ausreichend Impfstoff für alle Erwachsenen im Land bereitstehen – dies ist 2 Monate früher als bisher geplant.

Möglich soll dies werden, da das Pharmaunternehmen Merck den Impfstoff seines Rivalen Johnson & Johnson herstellen wird. Der Deal war vom Weißen Haus vermittelt worden. In den USA werden derzeit – trotz eines Rückgangs in den letzten Wochen – noch immer rund 70.000 Neu-Infektionen pro Tag registriert; darunter, wie berichtet, auch solche mit neuen Varianten in Kalifornien und New York.

WHO: Impf-Kampagnen mit COVAX in Afrika haben begonnen

Die WHO berichtet, dass auch in Afrika erste COVID-19-Impfkampagnen begonnen haben, z.B. in der Republik Côte d'Ivoire (Elfenbeinküste) und in Ghana. Dort werden Mitarbeiter im Gesundheitswesen geimpft. In den nächsten 7 Tagen sollen weitere 11 Millionen Dosen der WHO-Impf-Initiative COVAX ausgeliefert werden.

Bei den Kampagnen in Ghana und Côte d'Ivoire wird der Impfstoff von AstraZeneca/Oxford verwendet. Er wurde am 15. Februar von der WHO für den Notfalleinsatz (Emergency Use Listing, EUL) zugelassen.

Die Lieferungen markieren laut WHO den Start des bislang größten, schnellsten und komplexesten weltweiten Rollouts von Impfstoffen in der Geschichte. Insgesamt will COVAX bis Ende 2021 mindestens 2 Milliarden Dosen COVID-19-Impfstoffe liefern. Neben AstraZeneca wird auch die Vakzine von Pfizer-BioNTech verwendet.

„Dies ist ein Tag, auf den wir seit mehr als 12 Monaten hingearbeitet haben", sagte WHO-Generaldirektor Dr. Tedros Adhanom Ghebreyesus. „Ein weltweit gerechter Zugang zu lebensrettenden Impfstoffen ist der sicherste Weg, um Leben zu retten und Volkswirtschaften wiederaufzubauen. Ich möchte mich bei allen Spendern und auch bei der Führung der G7-Staatengruppe bedanken. Impfstoffpolitik ist heutzutage die beste Wirtschaftspolitik", sagte José Manuel Barroso, Vorsitzender der Impfstoffallianz Gavi.

Die Präsidentin der Europäischen Kommission, Ursula von der Leyen, sagte: „Um das Coronavirus zu besiegen, müssen die Impfstoffe so schnell wie möglich in alle Ecken der Welt gelangen. Ich freue mich, dass wir jetzt greifbare Ergebnisse vor Ort haben. Ich möchte den unermüdlichen Einsatz unserer Partner Gavi, CEPI, WHO und UNICEF würdigen. Team Europe ist ein stolzer Unterstützer von COVAX und wird den Menschen in Afrika weiterhin zur Seite stehen.“

Update vom 1. März 2021

  • J&J-Vakzine erhält Notfall-Zulassung in USA – ebenfalls Bedenken über Wirkung bei Älteren

  • Reinfektionen in Pflegeheim in den USA – mit viel schwererem Verlauf beim 2. Mal

  • Ein neuer Name für Long-COVID

  • 2 Studien zur IL-6-Hemmung bei COVID-19 im NEJM – und Probleme bei der Interpretation

  • Neue Virus-Varianten in New York City und in Kalifornien

J&J-Vakzine erhält Notfall-Zulassung in USA – ebenfalls Bedenken über Wirkung bei Älteren

In den USA hat am Wochenende die Corona-Vakzine von Janssen/Johnson & Johnson (J&J) mit dem Namen Ad26.COV2. eine Notfallzulassung (EUA) für Personen ab dem 18. Lebensjahr erhalten. Die US Food and Drug Administration (FDA) folgte damit erwartungsgemäß der Empfehlung eines aus 22 Mitgliedern bestehenden Expertengremiums, das sich am Freitag einstimmig für eine Zulassung ausgesprochen hatte. Damit sind in den USA nun 3 Impfstoffe erhältlich: zusätzlich zur J&J-Vakzine gibt es dort die beiden mRNA-Impfstoffe von Moderna und BioNTech/Pfizer. Die AstraZeneca-Vakzine hat – anders als in der EU – dort noch keine Zulassung.  

Vorteile des Impfstoffes von J&J sind die Möglichkeit der Einmalverabreichung und eine Lagerung bei herkömmlichen Kühlschrank-Temperaturen. In den USA waren die ersten Reaktionen von Wissenschaftlern auf die EUA für den J&J-Impfstoff positiv, berichtet Medscape Medical News . J&J hat vor 2 Wochen auch in der EU einen Zulassungsantrag gestellt, die Genehmigung wird für Mitte März erwartet.

„Dieser Impfstoff hat sich auch als wirksam gegen den B.1.351-Stamm erwiesen, der zuerst in Südafrika beschrieben wurde", zitiert die US-Ausgabe von Medscape Prof. Dr. Paul Goepfert, Direktor der Alabama Vaccine Research Clinic und Spezialist für Infektionskrankheiten an der University of Alabama in Birmingham. Ähnlich wie bei der AstraZeneca-Vakzine, gibt es jedoch auch bei dem J&J-Impfstoff Bedenken bezüglich der Wirksamkeit bei Älteren. Beide nutzen auch die gleiche Technologie, es handelt sich um Vektoren-Impfstoffe.  

Dokumente, die die FDA vergangene Woche veröffentlicht hatte, deuten auf eine geringere Wirksamkeit der J&J-Vakzine bei Menschen über 60 mit bestimmten relevanten Komorbiditäten hin. Diese soll nur 42% betragen, im Gegensatz dazu lag die Wirksamkeit in dieser Altersgruppe ohne Komorbiditäten wie Herzerkrankungen oder Diabetes bei 72%.

Reinfektionen in Pflegeheim in den USA – mit viel schwererem Verlauf beim 2. Mal

Die US Centers for Disease Control (CDC) berichten über Reinfektionen bei 5 Bewohnern einer Pflegeeinrichtung in Kentucky, die während eines Ausbruchs im Juli 2020 positiv auf SARS-CoV-2 getestet worden waren und nun bei einem 2. Ausbruch mehr als 3 Monate später erneut positiv getestet worden sind. Alle 5 hatten zwischen ihrem 1. und 2. positiven Test mindestens 4 negative PCR-Tests. Dies, sowie das lange Intervall zwischen den positiven Tests, lege nahe, dass es sich bei den 2. positiven Tests um Reinfektionen handele.

Alle 5 Patienten hatten mehr als 3 Komorbiditäten, keiner war jedoch immungeschwächt. 3 der 5 Patienten waren beim 1. Ausbruch asymptomatisch gewesen, die 2 anderen hatten nur leichte Symptome. Alle 5 erlebten nun beim 2. Ausbruch einen schwereren Verlauf, 1 Patient starb. Die Forscher schreiben in MMWR, der Publikation der CDC: Diese Befunde unterstreichen, wie wichtig es ist, dass auch nach einer stattgefundenen SARS-CoV2-Infektion die Schutzmaßnahmen wie Masken und Abstandsgebote weiter eingehalten werden.“

Ein neuer Name für Long-COVID

Die als „Long-COVID“ bezeichneten längerfristigen Folgen einer SARS-CoV2-Infektion haben einen neuen Namen. Die Tatsache, dass anscheinend mindestens 10% der Infizierten (nach manchen Quellen bis zu 30%) monatelang anhaltende COVID-19-Symptome haben oder auch neue Symptome entwickeln, nachdem die akute Infektion abgeklungen ist – wird nun als „Post-Acute Sequelae von COVID-19“ oder PASC bezeichnet.

Dies gab Prof. Dr. Anthony Fauci, Direktor des National Institute of Allergy and Infectious Diseases, vergangene Woche bei einem Briefing im Weißen Haus bekannt. Er betonte, dass PASC auch bei denjenigen auftreten kann, die zunächst nur einen milden oder moderaten Verlauf der COVID-19-Erkrankung haben. Es gebe Berichte, dass die Betroffenen bis zu 9 Monate unter den Folgen der Infektion litten.

2 Studien zur IL-6-Hemmung bei COVID-19 im NEJM – und Probleme bei der Interpretation

Die Hemmung von Interleukin-6 (IL-6) könnte eine Rolle bei der Behandlung von COVID-19 spielen. 2 von der Industrie unterstützte Studien tragen weitere Erkenntnisse dazu bei. Beide sind bereits als Preprint publiziert und nun im New England Journal of Medicine veröffentlicht worden.

In der REMAP-CAP-Studie haben rund 800 Patienten mit COVID-19, die intensivpflichtig waren und Atmungs- bzw. Herz-Kreislaufunterstützung benötigten, randomisiert Tocilizumab, Sarilumab oder eine Standardtherapie erhalten. Am Tag 21 waren diejenigen unter den IL-6-Hemmern im Median 10 Tage frei von solchen unterstützenden Maßnahmen, unter der Standardtherapie betrug die Zahl der Tage ohne Organ-Unterstützung 0. Außerdem betrug die Sterblichkeit im Krankenhaus unter IL-6-Hemmung 27%, aber 36% unter der Standardbehandlung.

In der COVACTA-Studie hatten mehr als 400 Patienten, die mit schwerer COVID-19-Pneumonie hospitalisiert waren, randomisiert Tocilizumab oder Placebo erhalten. Doch hier waren am Tag 28 klinischer Status und Mortalität in den beiden Gruppen nicht unterschiedlich.

In einem Editorial wird diskutiert, wie diese scheinbar unterschiedlichen Ergebnisse zu interpretieren sind. Die Hypothese ist, dass der unterschiedliche Zeitpunkt der IL-6-Hemmung und der gleichzeitige Einsatz von Glukokortikoiden die Behandlungsergebnisse beeinflusst haben könnten. Das Fazit des Editorials: „Derzeit bleibt der Nachweis eines Nutzens von Interleukin-6-Hemmern, zumindest unter bestimmten Umständen. Aber wie man sie am besten einsetzt, bleibt weiter unklar.“

Neue Virus-Varianten in New York City und in Kalifornien

Eine Variante von SARS-CoV-2, die erstmals im November in New York City entdeckt worden war, machte Mitte Februar bereits etwa 25% der in der Stadt sequenzierten SARS-CoV-2-Viren aus. Dies berichtet die New York Times . Die Variante hat mindestens eine Mutation, von der angenommen wird, dass sie die aktuellen Impfstoffe weniger wirksam macht.

Unabhängig davon berichtet die Washington Post über eine andere Variante, die in Kalifornien dominant geworden ist und nun für mehr als die Hälfte der SARS-CoV-2-Infektionen in 44 Bezirken dort verantwortlich ist. Es gibt Hinweise darauf, dass diese Variante übertragbarer ist als herkömmliche Versionen von SARS-CoV-2.

Update 25. Februar 2021

  • ControlCOVID“: RKI-Leitfaden für mögliche Lockerungen

  • RKI-Befragung: Rund 36,5 Millionen Menschen gehören zur Hochrisikogruppe

  • Zi-Simulation: Bis Ende Juli alle Erwachsenen in Deutschland geimpft?

Innerhalb der letzten 24 Stunden haben sich 11.869 Personen neu mit SARS-CoV-2 infiziert. Das sind 1.662 Fälle mehr als am Donnerstag vor einer Woche. Die Zahl der neu gemeldeten Todesfälle liegt niedriger als vor 7 Tagen, nämlich 385 versus 534. Trotz dieses unklaren Bildes gewinnt die Öffnungsdebatte weiter an Fahrt. Am 3. März wird Bundeskanzlerin Merkel (CDU) zusammen mit den Ministerpräsidenten der Länder über mögliche Lockerungen beraten. Welchen Weg sollte Deutschland einschlagen?

„ControlCOVID“: RKI-Leitfaden für mögliche Lockerungen

Gefragt sind evidenzbasierte Empfehlungen für Öffnungskonzepte. Deshalb hat das RKI ein Strategie-Papier auf der Grundlage wissenschaftlicher Veröffentlichungen herausgegeben. Bis zum Schutz weiter Teile der Bevölkerung durch Impfungen seien Maßnahmen erforderlich, um das Infektionsgeschehen in einen voraussichtlich kontrollierbaren Bereich zu senken – inklusive effektiver Testung und Nachverfolgung von Kontakten, so die Autoren.

Sie nennen 4 Parameter, welche die Übertragung von SARS-CoV-2 beeinflussen:

  • Umweltfaktoren (Aufenthalt in geschlossenen Räumen oder im Freien, Belüftung, Alten-/Pflegeheime)

  • Kontaktmuster (Dauer der Exposition, Nähe zum Indexfall, Kontakthäufigkeit, Art der Aktivität, etwa Sport, Sprechen oder Singen, etc.)

  • Sozioökonomische Faktoren (Einkommen, Enge im Haushalt, Arbeitszeiten, Arbeitsbedingungen)

  • Faktor „Wirt“ (Alter, Vorerkrankungen, Immunschwäche, Infektiosität)

Anhand dieser Faktoren hat das RKI eine Toolbox mit 17 Bereichen des täglichen Lebens aufgebaut. Dazu zählen Kitas, Schulen, Betriebe, das häusliche Umfeld, Restaurants, Bars, kulturelle Einrichtungen, Kirchen und viele mehr. Für jedes Setting bewerten Epidemiologen das Infektionsrisiko, den Anteil an der weiteren Verbreitung von SARS-CoV-2, den direkten Einfluss auf Public Health sowie indirekte Effekte. Das bedeutet: Je nach Intensität des Infektionsgeschehens rät das RKI zu unterschiedlichen Einschränkungen in diesen 17 Bereichen.

Die Intensität wird anhand der 7-Tages-Inzidenz, der prozentualen Belegung von Intensivbetten mit COVID-19-Fällen, der wöchentlichen Inzidenz hospitalisierter COVID-19-Patienten über 60 und der prozentualen Kontaktverfolgung ermittelt. Hier gibt es neben der Basisstufe noch 3 weitere Stufen.

Um die Basisstufe mit maximal möglichen Lockerungen zu erreichen, sieht das Papier maximal 10 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner und pro Woche, maximal 3% COVID-19-Patienten in Intensivbetten, maximal 3 Patienten über 60 pro 100.000 Personen und Woche sowie eine mindestens 90-prozentige Kontaktnachverfolgung vor. Derzeit befindet sich Deutschland aber noch in der höchsten Stufe im 4-stufigen Modell.

RKI-Befragung: Etwa 36,5 Millionen Menschen gehören zur Hochrisikogruppe

Besonders wichtig ist der Schutz vulnerabler Gruppen. Bislang gab es nur Spekulationen zu den tatsächlichen Zahlen, wer zu dieser Gruppe gehört. Jetzt liefern Auswertungen der RKI-Studie „Gesundheit in Deutschland aktuell“ (GEDA) 2019/2020-EHIS Details. Im Rahmen dieser bundesweiten Querschnittbefragung wurden zwischen April 2019 und Oktober 2020 rund 23.000 Personen ab 15 Jahren telefonisch interviewt. Epidemiologen erfassten außer dem Geburtsdatum noch diverse Vorerkrankungen.

Bei Berücksichtigung eines Alters über 65 Jahren, von Diabetes mellitus, chronischer Nierenerkrankungen und Adipositas mit einem Body Mass Index über 40 kg/m2 als Risikofaktoren, kommen die Autoren im Zuge ihrer Hochrechnung auf 21,6 Millionen Menschen in der Hochrisikogruppe für schweres COVID-19.

Im nächsten Schritt bezogen sie Hypertonie, die koronare Herzkrankheit bzw. Angina pectoris, Herzinfarkte, Schlaganfälle, Asthma bronchiale und chronische Bronchitis ein. Dies führte in Summe zu 36,5 Millionen Menschen mit erhöhtem Risiko.

Bei der Analyse zeigten sich auch soziodemographische und regionale Unterschiede. In der Hochrisikogruppe waren mehr Menschen mit geringer Bildung (49,2%) als mit mittlerem (21,9%) oder hohem Bildungslevel (23,9%). Personen, die eher an schwerem COVID-19 erkranken, lebten zudem mit höherer Wahrscheinlichkeit im Osten Deutschlands oder im Saarland.

Zi-Simulation: Bis Ende Juli alle Erwachsenen in Deutschland geimpft?

Risikogruppen erhalten je nach Alter oder Vorerkrankungen vorrangig Impfangebote. Für sie hat die STIKO Priorisierungen der Gruppen 1 bis 4 vorgesehen. Bislang haben 4,1% aller Einwohner die 1. und 2,2% die 2. Dosis bekommen. Über den weiteren Verlauf von Impfkampagnen wird rege spekuliert.

Um verschiedene Szenarien zu simulieren, hat das Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung (Zi) ein Online-Tool bereitgestellt. Läuft alles nach Plan, könnten alle Erwachsenen bis Ende Juli 2021 geimpft worden sein, so das Ergebnis.

Die Zi-Experten arbeiten mit mehreren Annahmen. Für das 2. Quartal 2021 haben BioNTech und Pfizer 40,2 Millionen Dosen ihrer Vakzine in Aussicht gestellt. Das Bundesministerium für Gesundheit rechnet mit 6,4 Millionen Einheiten des Moderna-Impfstoffes beziehungsweise 16,9 Millionen Dosen von Astra-Zeneca. Im Raum stehen auch weitere EMA-Zulassungen für die Impfstoffe von Johnson & Johnson sowie von Curevac mit geschätzten Volumina von 10,1 bzw. 3,5 Millionen Dosen.

Das Szenario sieht vor, Bürger über Impfzentren, aber auch über niedergelassene Kollegen zu versorgen. 50.000 aller 75.000 Arztpraxen könnten täglich jeweils 20 Impfstoffdosen verabreichen, was rechnerisch bis zu 5 Millionen Impfungen pro Woche ergibt. Hinzu kommen 433 Impfzentren mit rund 140.000 Impfungen pro Tag. Die Länder sehen die maximale Tageskapazität von Impfzentren derzeit bei rund 340.000 Dosen. Sie schätzen, dass diese im März auf über 550.000 gesteigert werden könnte.

„Schafft die Politik die notwendigen Rahmenbedingungen für das Impfen in Arztpraxen, könnten Anfang Mai bereits 35 Millionen Deutsche mindestens eine Erstimpfung erhalten haben“, schreibt das Zi in einer Pressemeldung. „Eine Erstimpfung der erwachsenen Bevölkerung könnte günstigstenfalls schon in der ersten Julihälfte, die vollständige Immunisierung Anfang August abgeschlossen sein, wenn weitere Impfstoffe kurzfristig zugelassen und alle verfügbaren Impfdosen schnellstmöglich verimpft werden.“

Update vom 23. Februar 2021

  • 5 Theorien warum weltweit die Infektionszahlen sinken

  • Aktualisierte S3-Leitlinie „Stationäre Therapie bei COVID-19“

  • Deutlich reduzierte Übertragungsrate bei Biontech-Impfstoff?

  • Häufig kardiale Schäden nach schwerem COVID-19-Verlauf

5 Theorien warum weltweit die Infektionszahlen sinken

Quasi weltweit scheinen derzeit die Fallzahlen von SARS-CoV-2-Infektionen zu sinken – und die Ursache sind nicht weniger Tests, konstatiert Dr. Paul E. Sax, Editor bei NEJM Journal Watch Infectious Diseases in einem lesenswerten Blog. Er nennt 5 mögliche Gründe dafür – oder eigentlich 6.

Tatsächlich nehmen die Infektionszahlen ab, schreibt Sax, und zwar in Stadt und Land, in Gegenden, wo bereits viel geimpft wird und solchen mit wenigen Impfungen, in Nord- und Südamerika, Europa, Afrika und Asien – sogar in Ländern mit der Variante B.1.1.7.

Theorie 1: Saisonalität. Eine attraktive Hypothese, meint Sax, denn Coronavirus-Infektionen – auch vor SARS-CoV-2 – zeigten definitiv ein saisonales Muster, so wie viele Viruserkrankungen. „Jeder Kinderarzt wird Ihnen das bestätigen.“ Natürlich grenze der Begriff der Saisonalität nicht den genauen Zeitpunkt ein: „Denken Sie an die Grippe, bei der wir manchmal eine frühe, manchmal eine späte saisonale Spitze im Winter haben.“ Doch das Problem mit dieser Theorie sei, dass auf der südlichen Hemisphäre die Jahreszeiten umgekehrt sind. Und dass in vielen südlichen US-Bundesstaaten die Fallzahlen im Sommer angestiegen waren.

Theorie 2: Herdenimmunität. In den USA haben derzeit fast 28 Millionen Menschen eine bestätigte COVID-19-Diagnose erhalten – diese Meldungen an die CDC spiegeln aber nur einen Bruchteil der wirklichen Fälle wider. Denn viele verlaufen mild oder gar asymptomatisch. Die CDC schätze, dass nur eine von 4,6 Infektionen gemeldet werde. Sax: „Das könnte uns bis zur Hälfte der US-Bevölkerung bringen, die einen gewissen Grad an natürlicher Immunität gegen die Infektion hat.“

Theorie 3: Verhalten. Inzwischen sei viel klarer, dass das Meiden von Menschenansammlungen und schlecht belüfteten Innenräumen sowie das Tragen von Masken das Infektionsrisiko verringerten. Fallen die Zahlen, weil sich die Menschen in ihrem Verhalten daran anpassen? Die Hypothese hänge auch mit der Herdenimmunität zusammen, erläutert Sax: Menschen, die am wenigsten wahrscheinlich die Ratschläge zur Infektionskontrolle befolgen – oder aufgrund ihrer Arbeits- oder Wohnsituation nicht in der Lage sind, sie zu befolgen – hatten bereits COVID-19 und sind daher immun. Die anderen, die noch nicht infiziert sind, bleiben weiterhin in Deckung und warten, bis ein Impfstoff verfügbar ist.

Theorie 4: Impfstoffe. „Die Welt impft wie verrückt, die Nachfrage sprengt alle Erwartungen“, meint Sax.  Und fast überall erhalten diejenigen Menschen zuerst den Impfstoff, die am ehesten symptomatisch oder schwer erkranken. Zudem deute vieles darauf hin, dass die Impfstoffe nicht nur die Krankheit, sondern auch die Wahrscheinlichkeit einer Übertragung reduzierten – so verringerten sie die Infektionen insgesamt. Das Impfen finde zwar noch nicht umfassend genug statt, um den Rückgang der Fallzahlen allein zu erklären, könne aber dazu beitragen – und spiele in Israel sicher eine Rolle.

Theorie 5: Das Virus. „Vielleicht tut uns das Virus den Gefallen, und wird mit der Zeit weniger virulent“, meint Sax. Vielleicht verursachten auch einige neue Varianten (wenn schon nicht B.1.1.7 dann andere vielleicht) auch weniger schwere Krankheiten. Wenn man die Perspektive des Virus einnehme, dann sei es für den Erreger ja durchaus evolutionär vorteilhaft, eher milde Erkrankungen zu verursachen, da ihm dies mehr Chancen gebe, sein genetisches Material an andere empfängliche Wirte zu verbreiten.

Und dann Punkt 6: ein Gemisch aus all dem. Dies, meint Sax, „bringt uns zu der wahrscheinlichsten Erklärung für den Rückgang der Fälle: Es könnten alle der oben genannten Erklärungen sein, in verschiedenen Anteilen und unterschiedlich in verschiedenen Regionen – plus Dinge, die niemand in Betracht gezogen hat.“

Er warnt mit einem Zitat von Henry L. Menken, einem bekannten US-amerikanischen Schriftsteller und Journalisten deutscher Herkunft, davor, zu sehr auf eine alleinige Erklärung zu setzen. Mencken schrieb: „Jedes komplexe Problem hat eine Lösung, die einfach, direkt und plausibel ist – und falsch.“

Es gebe schon Stimmen, die den Rückgang einer um sich greifenden Herdenimmunität zuschrieben, so Sax. Doch: „Wir können zwar hoffen, dass die optimistischen Vorhersagen zutreffen, das wünschen wir uns alle. Aber wenn es eine Sache gibt, die uns die Pandemie mit dieser neuen Krankheit lehrt, dann ist es, dass es eine Menge gibt, was wir nicht wissen.“

Aktualisierte S3-Leitlinie „Stationäre Therapie bei COVID-19“

Unter der Federführung von 3 Fachgesellschaften der Intensiv- und Notfallmediziner sowie der Pneumologen sind die Empfehlungen zur stationären Therapie von Patienten mit COVID-19 nun aktualisiert worden. Insgesamt waren an der Leitlinie, deren Klassifikation nun auf S3 erhöht wurde (also auf mehr Evidenz basiert) 14 verschiedene medizinische Fachgesellschaften beteiligt.

Die aktualisierte Leitlinie umfasst Empfehlungen über den gesamten Verlauf der stationären Behandlung von COVID-19 – von der Aufnahme und Diagnostik über die Therapie bis hin zum weiteren Krankheitsverlauf und ist damit fächerübergreifend. Der Koordinator der Leitlinie Prof. Dr. Stefan Kluge verweist darauf, dass „derzeit täglich hunderte neue wissenschaftliche Arbeiten zu COVID-19 publiziert werden“. Die vorliegende Leitlinie beziehe alle neuen und gesicherten Erkenntnisse mit ein.

Die medikamentöse Therapie hat in der aktualisierten Leitlinie einen besonderen Stellenwert. Sie enthält neue Empfehlungen zu zahlreichen Medikamenten. Doch: „Eine klinische Wirksamkeit bei moderater bis schwerer COVID-19-Erkrankung hospitalisierter Patienten ist weiterhin mit ausreichender Sicherheit nur für Dexamethason nachgewiesen“, räumt PD Dr. Christoph Spinner, Vertreter der Deutschen Gesellschaft für Infektiologie, ein.

Andere Medikamente, die antiviral oder immunmodulatorisch wirken, können laut den Autoren derzeit außerhalb klinischer Studien und entsprechend qualifizierter klinischer Einrichtungen, nicht regelhaft zum Einsatz empfohlen werden, da hier noch die Evidenz fehle. Die S3-Leitlinie können Interessierte auf der Website der AWMF abrufen.

Deutlich reduzierte Übertragungsrate bei Biontech-Impfstoff?

Etwas Hoffnung nähren Daten aus Israel: Laut einem Manuskript des israelischen Gesundheitsministeriums hemmt der mRNA-Impfstoff von Biontech/Pfizer womöglich die Übertragung des Virus. Medienberichten zufolge soll er die Virus-Übertragung zu knapp 90% verhindern. Ausgewertet wurden Daten von rund 1,8 Millionen Geimpften. Die Daten müssen allerdings sehr zurückhaltend bewertet werden, da es nur ein Bericht ist und keine Studie, die bereits vollständig in einer Fachzeitschrift mit unabhängiger wissenschaftlicher Begutachtung (Peer Review) erschienen ist. Inhalte des Manuskripts waren allerdings bereits letzten Donnerstag auf dem israelischen Internetportal ynet publiziert worden. 

Häufig kardiale Schäden nach schwerem COVID-19-Verlauf

Etwa die Hälfte der Patienten, die mit einem schweren COVID-19-Verlauf ins Krankenhaus eingeliefert wurden und bei der Entlassung erhöhte Troponin-Werte aufwiesen, hatten kernspintomographische Hinweise auf kardiale Schäden. Dies zeigen laut einer aktuellen Studie MRT-Untersuchungen, die mindestens einen Monat nach der Entlassung der Patienten aus dem Krankenhaus durchgeführt wurden ( European Heart Journal ).

Studienleiterin Prof. Dr. Marianna Fontana, Kardiologin am University College London (UK): „Erhöhte Troponin-Werte sind bei COVID-19-Patienten mit einem schlechteren Outcome verbunden.“ Patienten mit einem schweren COVID-19-Verlauf hätten oft schon vorbestehende kardiovaskulär relevante Gesundheitsprobleme wie Diabetes, erhöhten Blutdruck und Fettleibigkeit. Bei einem schweren COVID-19-Verlauf könne jedoch auch das Herz direkt betroffen sein.

Die Forscher untersuchten 148 COVID-19-Patienten (Durchschnittsalter 64 Jahre, Männer-Anteil 70%), die bis Juni 2020 aus 6 Krankenhäusern entlassen wurden. Die sich erholenden COVID-19-Patienten waren zuvor sehr krank; alle benötigten einen Krankenhausaufenthalt und alle hatten erhöhte Troponin-Werte; etwa jeder 3. Patient habe beatmet werden müssen, erklärt Fontana.

Bei den MRT-Untersuchungen 1 oder 2 Monate nach der Entlassung fanden die Wissenschaftler laut der Kardiologin „Hinweise auf hohe Raten von Herzmuskelverletzungen. Einige dieser Schäden hätten vielleicht schon vor der Infektionskrankheit bestanden; einige seien jedoch neu gewesen und wahrscheinlich durch COVID-19 verursacht worden.

Update vom 18. Februar 2021

  • RKI: Britische Mutante hat schon Anteil von 22% - droht die 3. Welle?

  • Ärzte-Organisationen versuchen, Zweifel an AstraZeneca-Vakzine zu zerstreuen

  • Rückhalt für AstraZeneca-Impfstoff aus Politik und Wissenschaft

  • Organisation der Impfungen als Herausforderung: Hausärzte stehen bereit

RKI: Britische Mutante hat schon Anteil von 22% - droht die 3. Welle?

Das Robert Koch-Institut (RKI) hat gestern einen aktualisierten Bericht zum Vorkommen der neuen Besorgnis erregenden Varianten (Variants Of Concern; VOC) von SARS-CoV2 vorgelegt. Demnach breitet sich speziell die britische hochansteckende Variante B.1.1.7 in Deutschland in den vergangenen Wochen stark aus. In der Kalenderwoche 6/2021 handelte es sich schon bei 22% der ausgewerteten Proben um eine Infektion mit B.1.1.7 – in KW 4/2021 hatte diese Quote noch bei knapp 6% gelegen. Die südafrikanische Variante B.1.153, die z.B. in Tirol gehäuft nachgewiesen worden ist, spielt mit einem Anteil von rund 1% aller Proben in Deutschland bislang noch keine große Rolle.

Es sei mit einer weiteren Erhöhung des Anteils der Virusvariante B.1.1.7 zu rechnen, wie dies auch bereits aus anderen europäischen Ländern in den letzten Wochen berichtet wurde, schreibt das RKI. Die Ausbreitung der VOCs in Deutschland soll weiter gemonitort werden. Dafür sind Erhebungen für die KW08 und 10 geplant.

Virologen und Physiker warnen vor einer 3. Infektionswelle durch die Varianten – trotz Lockdown und Corona-Maßnahmen. Die britische Virusvariante B.1.1.7 befinde sich „in einer Phase des exponentiellen Wachstums“, so Prof. Dr. Michael Meyer-Hermann von der Technischen Universität Braunschweig, Leiter der Abteilung System-Immunologie am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung. „Die aktuellen Maßnahmen reichen nicht, um diese Entwicklung auszubremsen“, warnt er.

Die Virologin Prof. Dr. Melanie Brinkmann sprach gegenüber dem „Spiegel“ vor einigen Tagen sogar davon, dass die mutierten Varianten „uns überrennen“ werden. „Das Virus hat einen Raketenantrieb bekommen.“

Ärzte-Organisationen versuchen, Zweifel an AstraZeneca-Vakzine zu zerstreuen

Angesichts der Zunahme von Virusmutanten auch in Deutschland dränge die Zeit bei den Impf-Maßnahmen, heißt es in einer aktuellen gemeinsamen Mitteilung von Bundesärztekammer, KBV, Marburger Bund, Hartmannbund, Virchowbund, der Gesellschaft für Virologie und DIVI. Die Ärzte-Organisationen mahnen: „Wir werben deshalb mit Nachdruck dafür, dass alle prioritär impfberechtigten Beschäftigten in der ambulanten und stationären Versorgung jetzt die Chance der Impfung gegen SARS-CoV-2 ergreifen.“

Mit der Mitteilung reagieren die Ärzte-Organisationen auf Vorbehalte von Beschäftigten im Gesundheitswesen, sich mit der Oxford/AstraZeneca-Vakzine impfen zu lassen. Dieser wird – wie berichtet – von der EMA derzeit eine geringere Effektivität (von nur rund 60%) bescheinigt. Im Gegensatz zu den mRNA-Impfstoffen deren Effektivität laut Studiendaten über 90% beträgt. Zudem hatte die STIKO die Anwendung des AstraZeneca-Impfstoffes in Deutschland auf Menschen unter 65 Jahre eingeschränkt, weil Daten zur Wirksamkeit bei Älteren fehlen.

Dies führt dazu, dass der AstraZeneca-Impfstoff nun vermehrt jüngeren Menschen, die in der Gesundheitsversorgung tätig sind, angeboten wird. Dies hatte der Vorsitzende des Weltärztebundes, Prof. Dr. Frank Ulrich Montgomery, am Mittwoch kritisiert. Der Impfstoff sei zwar ebenso sicher, „doch die geringere Wirksamkeit lässt sich nicht wegdiskutieren“, wurde Montgomery von der Rheinischen Post  zitiert. „Daher halte ich es für geboten, Menschen mit hohem Infektionsrisiko, zu denen medizinisches Personal oder Pflegekräfte gehören, mit besser wirksamen Vakzinen zu impfen.“ Er habe Verständnis für medizinisches Personal, dass sich nicht mit dem AstraZeneca-Impfstoff impfen lassen wolle, sagte er.

Tatsächlich gab es aus mehreren Bundesländern Berichte, dass medizinisches Personal Impfungen mit der AstraZeneca-Vakzine abgelehnt hatte oder angebotene Impftermine einfach nicht wahrgenommen wurden.

Rückhalt für AstraZeneca-Impfstoff aus Politik und Wissenschaft

Dementsprechend war Montgomerys Äußerung als kontraproduktiv bemängelt worden. Es gab sogar Forderungen, ihm die Ehrenpräsidentschaft der Ärztekammer zu entziehen. Dr. Klaus Reinhardt, Präsident der Bundesärztekammer, kritisierte die Äußerungen als „unangemessen“. „Die Alternative wäre ja dann nicht zu impfen. Das finde ich zum jetzigen Zeitpunkt, wo wir nach wie vor Impfstoff-Knappheit haben und gar nicht die Wahl haben, uns zu entscheiden, völlig unangemessen.“

SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach kündigte sogar an, mit gutem Beispiel voranzugehen und sich nächste Woche mit der AstraZeneca-Vakzine impfen zu lassen. Und auch Bundegesundheitsminister Jens Spahn (CDU) sagte in seiner Pressekonferenz am Mittwoch, er sei von den Zulassungsprozessen und Prüfungen der EMA überzeugt und er würde sich „deswegen zu gegebener Zeit sicherlich auch damit impfen lassen".

Auch der Virologe Prof. Dr. Christian Drosten verteidigte im Podcast „Coronavirus-Update“ vom Dienstag beim NDR den Impfstoff. Er halte die grundsätzlichen Bedenken gegen das AstraZeneca-Vakzin für unbegründet. „Wenn ich mir die öffentliche Diskussion um diesen Impfstoff so anschaue, da ist schon vieles falsch verstanden worden“, sagte er. „Nach der derzeitigen Auffassung sollte man sich sofort impfen lassen, sobald man dran ist“, bekräftigte der Virologe – und dies unabhängig davon, welchen der zugelassenen Impfstoffe man dann erhalte.

Organisation der Impfungen als Herausforderung: Hausärzte stehen bereit

Drosten sieht die Herausforderung für Deutschland eher in der Organisation. Man müsse nun bereits überlegen, wie bei der zu erwartenden starken Zunahme der Impfstoff-Lieferungen, diese auch entsprechend verimpft werden können. „Das kann man nicht auf Dauer alles nur über die Impfzentren abwickeln, sondern muss z.B. die niedergelassenen Ärzte und Betriebsärzte einbeziehen. Und hier könne man „gerade mit der AstraZeneca-Vakzine, die ja ohne Minus-70-Grad-Lagerung auskommt, den Durchbruch für den Pandemieschutz der Bevölkerung erzielen“, sagte er.

„Wir haben in Deutschland die Chance, aus dieser Pandemie frühzeitig herauszukommen, das kann im zweiten Quartal plötzlich Schlag auf Schlag gehen.“ Aber entscheidend, ob das gelinge oder nicht, sei die gute Organisation. Gelinge dies nicht, könnten sich – vor allem auch angesichts der Ausbreitung der Varianten – die Einschränkungen auch bis zum Jahresende hinziehen, warnte der Virologe von der Berliner Charité.

Wie der Hausärzteverband Westfalen-Lippe in einer Mitteilung schreibt, sieht er Hausärztinnen und Hausärzte gerüstet, Impfungen gegen das Coronavirus in den Hausarztpraxen zu übernehmen. „Die wichtigste Voraussetzung dafür – ausreichend Impfstoff – wird aller Voraussicht nach im März und April erfüllt sein. Ist das in Kombination mit einem koordinierten Priorisierungs- und Einbestellungssystem durch das Land gegeben, könnten Hausarztpraxen spätestens Anfang des 2. Quartals in den Impfprozess einsteigen“, erklärt Anke Richter-Scheer, 1. Vorsitzende des Hausärzteverbandes Westfalen-Lippe.

Zu Beginn seien dabei Schwerpunktpraxen sinnvoll, um die Impfzentren zu unterstützen und den Impffortschritt zu beschleunigen. „Das Impfen sollte außerhalb der Sprechstundenzeiten laufen, damit die übrige Patientenversorgung davon nicht beeinträchtigt wird“, schlägt sie vor.

Update vom 16. Februar 2021

  • Spahn kündigt kostenlose Schnelltests für alle sowie Zugang zu Laien-Tests an

  • STIKO-Chef sieht keinen Anlass für Priorisierung von Lehrern

  • Neue NERVTAG-Daten: B.1.1.7 doch um bis zu 70% tödlicher?

  • Centogene: Weitere neue VOC für hohe Inzidenz in Oberfranken verantwortlich?

Spahn kündigt kostenlose Schnelltests für alle sowie Zugang zu Laien-Tests an

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) will wohl die Möglichkeiten für Corona-Tests massiv ausweiten. Wie das Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) berichtet, sollen ab 1. März alle Bürgerinnen und Bürger ein Anrecht auf kostenlose Schnelltests erhalten. Die Laien-Tests sollen – sobald sie zugelassen sind – gegen eine geringe Zuzahlung abgegeben werden.

Dies steht laut Informationen des RND in einer Erweiterung der Nationalen Teststrategie, die Spahn dem Corona-Kabinett vorlegen will. „Es sind mittlerweile deutlich mehr Schnelltests am Markt verfügbar. Daher sollen alle Bürgerinnen und Bürger kostenlos von geschultem Personal mit Antigen-Schnelltests getestet werden können”, wird Spahn vom RND zitiert.

Kostenlose Schnelltests soll es den Plänen zufolge nicht nur in Testzentren des öffentlichen Gesundheitsdienstes geben, sondern auch in Arztpraxen, bei Zahnärzten oder Apotheken. Die Kosten will der Bund übernehmen.

Auch Laien-Selbsttests sollen laut dieser Erweiterung der Nationalen Teststrategie – direkt nach ihrer bald erwarteten Zulassung durch das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) - für alle zugänglich sein. Das Bundegesundheitsministerium soll bereits mit verschiedenen Herstellern verhandeln, um entsprechende Kontingente für den deutschen Markt zu sichern.

Sobald diese Tests in ausreichender Zahl verfügbar seien, würden sie als Teil der Teststrategie der Länder für Kitas und Schulen zum Einsatz kommen, heißt es in dem Vorschlag des BGM. „Zudem ist in der Nationalen Teststrategie des Bundes ein niedrigschwelliger Zugang für alle Bürgerinnen und Bürger – gegebenenfalls gegen eine geringe Eigenbeteiligung von 1,- EUR – sinnvoll”, heißt es weiter. „Die neuen Laien-Schnelltests werden schnellstmöglich geprüft und zugelassen”, wird Spahn vom RND zitiert. „Diese Tests können zu einem sicheren Alltag beitragen, gerade auch in Schulen und Kitas.”

Erst gestern hatte Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) gefordert, Schnelltests als Möglichkeit zu nutzen, um Kitas und Schulen sicher zu öffnen und so „die Zeit bis zum Impfen zu überbrücken“.

STIKO-Chef sieht keinen Anlass für Priorisierung von Lehrern

Die STIKO sieht keinen Anlass, Lehrer bei der Corona-Impfung vorzuziehen. Wie STIKO-Chef Prof. Dr. Thomas Mertens gegenüber der „Rheinischen Post“ gesagt hat, basiere die derzeitige Empfehlung der STIKO auf der Auswertung internationaler Daten und der Meldedaten aus Deutschland. „Draus ergibt sich keine Notwendigkeit, die Lehrer jetzt abweichend von der Empfehlung vorzuziehen“, sagte Mertens. Wie bei anderen Berufsgruppen würden auch Lehrer bei einem entsprechenden Alter oder bei besonderen Vorerkrankungen aufgrund dieser Kriterien priorisiert.

Bundeskanzlerin Angela Merkel sowie die Länderchefs hatten bei ihrer jüngsten Beratung das Gesundheitsministerium gebeten, eine höhere Priorisierung von Grundschullehrern und Kita-Mitarbeitern zu prüfen. Mertens betont in dem Interview, dass er zwar keine wissenschaftliche Basis für eine generelle Priorisierung von Lehrern sehe, dass es aber den politischen Entscheidungsträgern unbenommen bleibe, eine solche Priorisierung trotzdem vorzunehmen. „Die Begründung für eine solche geänderte Verhaltensweise muss dann allerdings auch von den politischen Entscheidungsträgern kommen.“

Neue NERVTAG-Daten: B.1.1.7 doch um bis zu 70% tödlicher?

Bereits am vergangenen Donnerstag hat das britische Experten-Gremium NERVTAG (New and Emerging Respiratory Virus Threats Advisory Group) eine Aktualisierung ihrer Auswertung zur Krankheitsschwere bei den von der britischen Variante B.1.1.7 ausgelösten COVID-19-Erkrankungen veröffentlicht. Danach erhärten sich die Befunde, dass die Variante zu mehr schweren und tödlichen Verläufen führt.

Das Fazit der Experten: „Basierend auf unseren aktuellen Analysen ist es wahrscheinlich, dass die Infektion mit VOC B.1.1.7 (VOC steht für Variant Of Concern) mit einem erhöhten Risiko für Hospitalisierung und Tod assoziiert ist – dies im Vergleich zu Infektionen mit Nicht-VOC-Varianten.“

Für ihre – immer noch vorläufigen – Ergebnisse haben die Wissenschaftler 21 unterschiedliche Auswertungen aus 9 verschiedenen Daten-Sets analysiert. Die relative Risikoerhöhung – je nach primärem Endpunkt für Tod oder schweren Verlauf mit Intensiv-Pflicht – lag zwischen ca. 30 und 70%. Die Forscher betonen jedoch, dass nach wie vor „das absolute Risiko, an der Infektion zu sterben, auch für die neue Variante niedrig ist“.

Die von der NERVTAG ausgewerteten Daten stammen unter anderem von der London School of Hygiene & Tropical Medicine, dem Imperial College London, der Universität Exeter sowie von den britischen und schottischen Gesundheitsbehörden. Sie liegen allerdings bislang nur als Preprint vor.

Auch das RKI schreibt in seiner Bewertung der Datenlage zu B.1.1.7: „Während anfangs nicht davon ausgegangen wurde, dass diese Variante mit schwereren Krankheitsverläufen einhergeht, gibt es inzwischen – bei begrenzter Datenlage – erste Hinweise darauf, dass sie mit einer erhöhten Fallsterblichkeit einhergehen könnte.“ Hinweise auf eine verringerte Wirksamkeit der Impfstoffe bei dieser Variante gebe es bislang nicht.

Das RKI geht davon aus, dass mit einer weiteren Erhöhung des Anteils der Virusvariante B.1.1.7 zu rechnen ist – wie dies auch schon in den letzten Wochen aus anderen europäischen Ländern berichtet worden ist. Das RKI plant für die Wochen 6, 8 und 10 eine wiederholte Ad-hoc-Erhebung des Vorkommens der Varianten, vor allem von B.1.1.7, die bislang diejenige VOC mit der weitesten Verbreitung ist. In der 1. Erhebung war, wie berichtet, eine Häufigkeit von VOC B.1.1.7 von knapp 6% unter den analysierten Infektionen festgestellt worden.

Centogene-Daten: Weitere VOC für hohe Inzidenz in Oberfranken verantwortlich?

Das Unternehmen Centogene bietet kommerziell SARS-CoV-2-Tests an. Aktuell hat die Firma retrospektiv 262 Vollgenom-Sequenzierungen vorgenommen – dies bei Proben von Menschen, die bereits im Zeitraum von Juli bis Anfang Oktober 2020 in Deutschland positiv getestet worden waren. Dabei fanden sie bei 10,7% der Proben eine neue mögliche VOC. Die Variante mit Namen B.1.258 hat eine Mutation von N439K im Spike-Protein – und 25 der insgesamt 28 B.1.258-Proben wies noch eine zusätzliche Deletion im Spike auf, wie sie auch relevant für die Pathogenität der britischen Variante B.1.1.7 sei, berichtet das Unternehmen.

Über 90% dieser B.1.258 Isolate kamen aus einem geographischen Dreieck zwischen Frankfurt, München und dem tschechischen Ort Kdyne, heißt es in einer Mitteilung von Centogene. In der Zeit zwischen Juli und September 2020 habe die Zahl der Nachweise von B.1.258 stark zugenommen. Bislang sei die Datenlage zu SARS-CoV-2 Varianten in Deutschland noch dünn. Und: Es gebe bislang keine experimentelle Evidenz bezüglich der Eigenschaften der SARS-CoV-2 Variante B.1.258, die zusätzlich zu der Mutation von N439K des Spike Proteins, eine Deletion im Spike aufweise, räumt Prof. Dr. Peter Bauer, Chief Genomic Officer des Unternehmens, ein.

Doch: „Wir halten es für möglich, dass diese Variante Überlebensvorteile gegenüber dem Wildtyp aufweist. Die Daten anderer Arbeitsgruppen weisen darauf hin, dass die Mutation N439K die Virus-Bindung an den zellulären Rezeptor erhöht und zu einer verminderten Bindung an neutralisierende Antikörper führt, während die Deletion im Spike die Virusinfektiosität erhöht,“ wird er in der Mitteilung zitiert.

„Da diese Variante größtenteils in einem geographischen Dreieck zwischen Kdyne, Frankfurt und München gefunden wurde, halten wir eine Selektion dieser Variante im Bereich Oberfranken für wahrscheinlich. Sie könnte Ende letzten Jahres ein wesentlicher Faktor für die schwere pandemische Lage in dieser Region gewesen sein“, so seine Hypothese.

Update vom 12. Februar 2021

  • RKI kündigt neue Teststrategie ab nächster Woche an

  • Neue Erhebung zur Ausbreitung der Mutationen läuft; Inzidenz: 35 ist das neue 50

  • Antigen-Schnelltest für Jedermann kommen – doch wann ist noch unklar

  • Jeder 2. im Pflegeheim voll geimpft; Arztpraxen sollen bald mitimpfen

In der Bundespressekonferenz haben sich heute RKI-Chef Prof. Dr. Lothar Wieler sowie Prof. Dr. Sandra Ciesek, Direktorin des Instituts für Medizinische Virologie am Universitätsklinikum Frankfurt, und Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) zur aktuellen Corona-Lage und den jüngsten Beschlüssen geäußert.

RKI kündigt neue Teststrategie ab nächster Woche an

Vorneweg ein wichtiger Beschluss, den Spahn ankündigte: Ab nächster Woche wird die offiziellen Teststrategie des RKI geändert: Im November war aufgrund enger Testkapazitäten bei der PCR-Testung empfohlen worden, nicht jeden Patienten mit Symptomen zu testen, sondern nur diejenigen, bei denen zusätzliche Hinweise auf eine mögliche Infektion (Kontakte) vorliegen. Ab nächster Woche lautet die offizielle RKI-Empfehlung jedoch wieder, alle symptomatischen Patienten zu testen.

Der Grund sei, dass zum einen genug Testkapazitäten vorhanden seien – diese wurden in den letzten Wochen auch bei weitem nicht ausgeschöpft, erläuterte Spahn. Wieler ergänzte zudem in seiner Einleitung, dass durch die COVID-19-Schutzmaßnahmen (AHA-L-Regeln), auch die Inzidenz anderer Infektionskrankheiten deutlich abgenommen habe. Die diesjährige Grippesaison sei quasi ausgefallen. Und bei den Atemwegserkrankungen habe man sonst um diese Jahreszeit 5,6 Millionen akute Fälle pro Woche, nun seien es nur 900.000. Da so die Zahl der symptomatischen Menschen niedriger sei, könne auch breiter getestet werden.

Neue Erhebung zur Ausbreitung der Mutationen läuft; Inzidenz: 35 ist das neue 50

Mit den zurückgehenden Fallzahlen stabilisiere sich die Lage auf den Intensivstationen, sagte Wieler. Sie sei aber in manchen Regionen immer noch „angespannt“. Weil sich die Virusmutationen in Deutschland wohl zunehmend ausbreiten, warnte er nochmals vor zu viel Lockerung. In der vergangenen Woche hatte das RKI gemeldet, das in einer Erhebung rund 6% der positiven Tests auf die britische Variante zurückgingen. Diese Woche laufe dazu eine neue Erhebung, sagte Wieler und kündigte die Ergebnisse für kommende Woche an.

Verhindern lasse sich die Ausbreitung der Mutationen nicht, sagte der RKI-Chef, doch zumindest verlangsamen. Die einzige Möglichkeit dazu sei, die Zahl der Neuinfektionen so gering wie möglich zu halten. Wieler erinnerte auch daran, dass er gemeinsam mit anderen deutschen Wissenschaftlern, die NO-COVID-Initiative (wie Medscape berichtete) unterstützt, die Inzidenzen unter 10 anstrebt.

„Eine Inzidenz von 10 wäre eine coole Zahl“, so Wieler. Dies entspräche etwa 830 Fällen am Tag und wäre damit gut zu kontrollieren. Ciesek die nicht zu den Unterzeichnern des Papiers gehört, pflichtete ihm bei, dass es natürlich sinnvoll sei, die Infektionszahlen möglichst niedrig zu halten. Je weniger Infektionen, umso geringer auch das Risiko für weitere Mutationen und deren Ausbreitung. Vor diesem Hintergrund verteidigten auch alle 3 Experten die Neuregelung, dass nun erst ab einem stabilen Inzidenzwert unter 35 weitergehende Öffnungen erfolgen sollen.

Antigen-Schnelltest für Jedermann kommen – doch wann ist noch unklar

Ciesek äußerte sich bei der Pressekonferenz zu Antigen-Schnelltests, bei denen Selbsttests für Jedermann kurz vor der Zulassung stehen. Ob und wann diese Laientests aber tatsächlich zur Verfügung stehen „wird sich entscheiden“, meinte Spahn. Zwar seien die rechtlichen Grundlagen für deren Zulassung geschaffen, doch zunächst gelte es nun auch deren Qualität zu prüfen.

Es bestehe die Gefahr, dass sich Menschen bei einem – möglicherweise falsch – negativen Ergebnis zu sicher fühlten. Ciesek verwies auch auf die umgekehrte Gefahr: „Lassen Sie in einer Schule mit 100 Lehrern die Spezifität nur 95% betragen. Dann heißt das, das bei täglicher Testung jeweils 5 Lehrer falsch positiv getestet werden. Die fallen aus und das Ergebnis muss jeweils mittels PCR überprüft werden.“

Jeder 2. im Pflegeheim voll geimpft; Arztpraxen sollen bald mitimpfen

Gesundheitsminister Jens Spahn verteidigte den Beschluss der Bund-Länder-Konferenz, den Lockdown bis mindestens zum 7. März fortzusetzen. Die Fallzahlen erlaubten noch keine weiteren Lockerungen. „Wenn wir jetzt öffnen, verspielen wir den bisherigen Erfolg", argumentierte er – vor allem mit Blick auf die Mutationen. Es sei besser, noch eine Weile durchzuhalten, als jetzt einen Rückschlag zu riskieren.

Spahn nutzte die Konferenz auch, um die „Erfolge“ der bisherigen Impfbemühungen darzustellen. Bis dato seien 5,7 Millionen Impfdosen ausgeliefert, bis nächste Woche liege diese Zahl bei 8 Millionen. Über 80% der Pflegeheim-Bewohner habe inzwischen mindestens eine Impfdosis erhalten, jeder zweite sei sogar schon 2-mal geimpft. Insgesamt habe inzwischen 1,5% der deutschen Bevölkerung eine abgeschlossene COVID-19-Impfung mit 2 Impfdosen erhalten.   

Da die Zahl der gelieferten Impfdosen erwartungsgemäß bald deutlich ansteigen werde, stießen die Impfzentren in ihren Kapazitäten bald an ihre Grenzen, sagte Spahn. Die Überlegungen, wie man die Arztpraxen in die Impfkampagnen mit einbeziehen könne, liefen schon. Doch einen genauen Zeitpunkt, ab wann dies der Fall sei, könne er zurzeit noch nicht nennen.

Derzeit wird diskutiert, ob Kita-Erzieher und Grundschul-Lehrer im Impfplan vorgezogen werden können. Spahn begründet dies damit, dass bei kleineren Kindern die AHA-Regeln schwierig einzuhalten sind, die direkte enge Betreuung aber gleichzeitig wichtig ist. Eine solche Änderung der Priorisierung werde geprüft. Trotzdem sollten aber nach wie vor die am meisten gefährdeten Menschen als erste ein vollständiges Impfangebot erhalten.

Update vom 11. Februar 2021

  • Es bleibt beim Lockdown – mit vereinzelten Lockerungen

  • EMA: Klarstellung zu Sputnik V im EU-Zulassungsverfahren

  • WHO zum Oxford-Impfstoff: Keine Obergrenze beim Alter

  • Erneut Corona-Boni – aber nicht für Ärzte in Kliniken

„Die tiefgreifenden Maßnahmen zur Kontaktreduzierung haben in den vergangenen Wochen zu einem deutlichen Rückgang des Infektionsgeschehens geführt“, so die positive Nachricht der Bundesregierung am 10. Februar nach einer Schaltkonferenz in ihrem Beschluss. „Erstmals seit Ende Oktober 2020 ist es gelungen, die Anzahl der Neuinfektionen pro 100.000 Einwohnern innerhalb von 7 Tagen bundesweit auf einen Wert von unter 80 zu reduzieren.“

Das RKI nennt derzeit als 7-Tages-Inzidenz 64,2 Infektionen pro 100.000 Menschen – mit starken Schwankungen. Tirschenreuth in Ostbayern liegt bei 333,1 Fällen pro Woche und 100.000 Einwohnern, während Dithmarschen im westlichen Schleswig-Holstein nur von 14,3 Fällen pro Woche und pro 100.000 Einwohnern berichtet.

In den letzten 24 Stunden wurden dem RKI 10.237 neue SARS-CoV-2-Infektionen und 666 neue Todesfälle durch COVID-19 gemeldet. Vor einer Woche, am 4. Februar, waren es laut RKI-Archiv noch 14.211 Neuinfektionen und 786 weitere Todesfälle bei einer 7-Tages-Inzidenz von 81.

Es bleibt beim Lockdown – mit einzelnen Lockerungen

Angesichts der Zahlen hatten einige Ministerpräsidenten gefordert, über den Lockdown-Ausstieg nachzudenken. Bei der Schaltkonferenz am 10. Februar verständigten sie sich nun auf nur einige handverlesene Maßnahmen. Bund und Länder werden die Einschränkungen im Alltagsleben nun erst einmal bis 7. März – und nicht, wie vorab diskutiert, bis 14. März – verlängern. Allerdings dürfen Friseursalons bereits ab 1. März öffnen, falls sie Hygienekonzepte vorzuweisen haben.

Und bei stabilen 7-Tages-Inzidenzen von maximal 35 Neuinfektionen je 100.000 Einwohner können Einzelhandelsgeschäfte, Museen oder Betriebe mit körpernahen Dienstleistungen ihren Betrieb aufnehmen. Details dazu will die Bundesregierung erst am 3. März besprechen.

Zu Schulöffnungen sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU): „Die Länder werden das in eigener Verantwortung entscheiden.“ Und im Beschluss heißt es, Bund und Länder würden den Gesundheitsminister bitten, „zu prüfen, ob bei der nächsten Fortschreibung der Coronavirus-Impfverordnung Beschäftigte in der Kindertagesbetreuung sowie Grundschullehrerinnen und -lehrer frühzeitiger als bisher vorgesehen in der Kategorie 2 mit hoher Priorität geimpft werden können“. Weiterhin gilt, dass der Bund Impfstoffe beschafft, während sich Länder um die Verteilung vor Ort kümmern. Alle Bürger sollen „bis Ende des Sommers“ ein Impfangebot bekommen.

EMA: Klarstellung zu Sputnik V im EU-Zulassungsverfahren

Die Impfstoffe stehen auch bei der Europäischen Arzneimittelagentur EMA weit oben auf der Prioritätenliste. Durch fortlaufende Überprüfungen von Studiendaten, Rolling Reviews genannt, will die Behörde Zulassungen beschleunigen. Aktuell geht es um Sputnik V, den russischen Vektorviren-Impfstoff des Gamaleya National Centre of Epidemiology and Microbiology. Laut Zwischenauswertungen einer Phase-3-Studie mit knapp 22.000 Teilnehmern lag die Wirksamkeit bei 91,6%. Die Studie selbst läuft trotz russischer Zulassung weiter.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) zeigt Interesse. „Wir können ja auch Unterstützung geben für die Produktion eines Impfstoffes, der in Europa noch gar nicht oder gar nicht zugelassen ist“, sagte der Minister.

„Die Entwickler haben von der EMA eine wissenschaftliche Beratung erhalten, die ihnen die neuesten regulatorischen und wissenschaftlichen Hinweise für die Entwicklung ihres Impfstoffs gibt“, heißt es in einer Meldung der EMA. Man arbeite mit dem Unternehmen zusammen, um die nächsten Schritte zu definieren. Die Entwickler hätten Interesse an einer fortlaufenden Überprüfung bekundet. Bis heute sei aber trotz gegenteiliger Berichte kein Antrag eingegangen.

WHO zum Oxford-Impfstoff: Keine Obergrenze beim Alter

Auch der COVID-19-Impfstoff AZD1222 von AstraZeneca und von der University of Oxford ist derzeit in der Diskussion. Wie Medscape berichtet hat, empfiehlt die STIKO den Einsatz nur bei Personen zwischen 18 bis 64 Jahren, während die EMA bei ihrer Zulassung keine Altersobergrenze definiert.

Jetzt meldet sich die Strategic Advisory Group of Experts on Immunization (SAGE) der Weltgesundheitsorganisation WHO zu Wort. Sie empfiehlt, die Vakzine bei Erwachsenen ab 18 Jahren ohne weitere Einschränkungen. Impfwillige sollten 2 Dosen im Abstand von 8 bis 12 Wochen erhalten, und nicht zuvor. Dadurch verringert sich das Risiko möglicher Nebenwirkungen.

Dieses Schema habe sich laut SAGE in klinischen Studien als sicher und wirksam bei der Vorbeugung symptomatischer COVID-19-Erkrankungen erwiesen, wobei keine schweren Fälle und keine Krankenhauseinweisungen aufgrund von Infektionen mehr als 14 Tage nach der zweiten Dosis aufgetreten seien. Experten der WHO SAGE erklärten, dass der Impfstoff sicher und wahrscheinlich auch bei älteren Erwachsenen (trotz fehlender Daten) wirksam sei; man empfehle eine Anwendung auch in dieser Altersgruppe.

„Der Impfstoff ist einfach herzustellen, zu transportieren und bei Kühlschranktemperatur (2 bis 8 Grad Celsius) zu lagern, so dass er problemlos in bestehenden Gesundheitseinrichtungen verabreicht werden kann, was einen schnellen Einsatz des Impfstoffs auf der ganzen Welt ermöglicht“, schreibt die SAGE.

Erneut Corona-Boni – aber wieder nicht für Ärzte in Kliniken

Ärzte setzen alles daran, Patienten mit COVID-19 zu helfen. Sie fühlen sich von der Regierung aber zunehmend im Stich gelassen. Was ist passiert?

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) will für Corona-Boni weitere 450 Millionen Euro bereitstellen. Bis Juni 2021 können sich Pflege- und auch Reinigungskräfte in Krankenhäusern über bis zu 1.500 Euro zusätzlich freuen.

Georg Baum von der Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) begrüßt Spahns Pläne: „Auch während der zweiten Welle haben die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Krankenhäuser wieder Außergewöhnliches geleistet.“ Die Prämie müsse gesetzlich allerdings so verankert werden, dass alle Pflegekräfte im Krankenhaus in den Genuss kämen.

Auch der Marburger Bund Nordrhein-Westfalen/Rheinland-Pfalz befürwortet Sonderzahlungen, stört sich jedoch an der Verteilung. „Uns ist … völlig unverständlich, warum wieder ausgerechnet die Ärztinnen und Ärzte in den Krankenhäusern keinen Corona-Bonus erhalten sollen“, kritisiert der Vorsitzende Dr. Hans-Albert Gehle.

Ärztliche Kollegen riskierten seit über einem Jahr Tag für Tag ihre Gesundheit bei der Versorgung von COVID-19-Patienten. Oft sei ihr Arbeitspensum jenseits der Belastungsgrenze. „Seit der Ankündigung von Minister Spahn melden sich bei uns unzählige enttäuschte Ärztinnen und Ärzte und äußern ihr Unverständnis über diese erneute Ausgrenzung“, berichtet Gehle.

Update vom 8. Februar 2021

  • Wettlauf zwischen Impfungen und Virus-Varianten längst verloren

  • Kontaktverfolgung auch bei 7-Tages-Inzidenz über 50 möglich?

  • Großteil der Corona-Toten stirbt offenbar tatsächlich an COVID-19

  • Klimawandel als wichtiger Faktor für SARS-CoV-2

Dem Robert Koch-Institut sind den RKI-Angaben vom Sonntag zufolge 8.616 Corona-Neuinfektionen und 231 neue Todesfälle innerhalb eines Tages gemeldet worden. Vergangene Woche waren es noch 11.192 Neuinfektionen und 399 neue Todesfälle. Die 7-Tage-Inzidenz ist mit 75,6 ebenfalls deutlich gesunken. Bis zum vergangenen Freitag hatten 2.212.851 Personen (2,7 % der Gesamtbevölkerung) eine Erstimpfung erhalten und 903.271 Personen bereits die Zweitimpfung. Von einer angestrebten Impfquote von mehr als 60% ist Deutschland immer noch weit entfernt.

Wie RKI-Präsident Prof. Dr. Lothar Wieler am vergangenen Freitag mitgeteilt hat, wurde die besonders ansteckende britische Virus-Variante B.1.1.7 bereits in 13 der 16 Bundesländer nachgewiesen. In einer Untersuchung von Virus-Proben habe der Anteil dieser Variante knapp 6% betragen. Laut Wieler ist das Virus durch die Mutationen gefährlicher geworden. Es habe gerade noch einmal einen „Boost“ bekommen. 

Die Entwicklung der Infektionszahlen sei zwar erfreulich, so am Freitag auch Jens Spahn. Doch die Zahlen müssten noch weiter runter, die 7-Tage-Inzidenz „auch deutlich unter 50“. Für deutlich geringere Werte hatten unter anderen in den vergangenen Tagen auch der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach und die Physikerin Dr. Viola Priesemann vom Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation in Göttingen plädiert.

Am Mittwoch dieser Woche wollen Spitzenvertreter von Bund und Ländern über das weitere Vorgehen im Kampf gegen die Corona-Pandemie beraten. Ob der Shutdown verlängert wird oder es zu ersten Lockerungen kommt, ist noch unklar. Es wird allerdings eher mit einer Verlängerung gerechnet.

Wettlauf zwischen Impfungen und Virus-Varianten längst verloren?

In einem Interview mit dem Spiegel  hat die Braunschweiger Virologin Prof. Dr. Melanie Brinkmann erneut vor zu raschen Lockerungen gewarnt und „eine konsequente Eindämmungsstrategie gefordert, um einen Dauer-Shutdown zu vermeiden“. Damit ließe sich laut Brinkmann die 7-Tage-Inzidenz zügig unter 10 drücken. „Die Gesundheitsämter könnten wirklich wieder Infektionsketten nachverfolgen und wir alle bekämen unser Leben zurück. Zumindest ein Leben, so ähnlich wie im Sommer 2020. Dieses Larifari des ‚hier ein bisschen Homeoffice, dort ein improvisiertes Hygienekonzept‘, das muss aufhören.“ 

Die Mutante aus Großbritannien und andere Mutanten würden uns überrennen, das Virus habe einen „Raketenantrieb“ bekommen, so die Virologin weiter. Laut Brinkmann gehe es weniger darum, „immer härtere Maßnahmen einzuführen, als die bestehenden konsequenter anzuwenden“. Wir müssten auch besser kontrollieren, dass sich alle als die Maßnahmen hielten. Und kurzfristig müssten die Schulen geschlossen bleiben, „sonst kriegen wir sie wegen der ansteckenderen Varianten sehr, sehr lange nicht mehr richtig geöffnet. Vielleicht müssen wir sogar wieder Grenzen schließen“.

Fassungslos mache sie, dass Urlaubsreisen ins Ausland immer noch möglich seien. Der Wettlauf zwischen Impfungen und Virus-Varianten sei längst verloren. Alles andere entspringe Wunschdenken, genährt von falschen Versprechungen einiger Politiker. Die britische Mutation habe eine Basisreproduktionszahl von schätzungsweise bis zu 4,5. Da müssten über 80 % der Bundesbürger geimpft sein haben, um die Variante in Schach zu halten. So rasch bekämen wir nie so viel Impfstoff, wie dafür erforderlich sei.

Kontaktverfolgung auch bei 7-Tages-Inzidenz über 50 möglich?

Anders als von der Bundesregierung kommuniziert sei eine Kontaktverfolgung durch die Gesundheitsämter auch bei einer 7-Tages-Inzidenz über 50 möglich, sagen Medienberichten zufolge mehrere Oberbürgermeister deutscher Großstädte. In Köln sei man trotz Werten von über 50 seit Monaten in der Lage, sowohl die positiv Getesteten als auch die Kontaktpersonen „innerhalb von 24 Stunden zu kontaktieren und Quarantäneanordnungen zu verhängen“, wird etwa Oberbürgermeisterin  Henriette Reker in der Welt am Sonntag zitiert.

Laut Helmut Dedy, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städtetags, laufen IT-Lösungen in den Gesundheitsämtern der Großstädte „und befähigen die Gesundheitsämter dieser Städte schon jetzt, auch bei einer Inzidenz weit über 50 die Kontaktnachverfolgung zu gewährleisten“. Allerdings könnten bundesweit nicht alle Ämter bei hohen Inzidenzen so umfassend agieren, schränkte Dedy Medienberichten zufolge ein.

Großteil der Corona-Toten stirbt offenbar tatsächlich an COVID-19

Von manchen Kritikern der Pandemie-Strategie und vor allem von Leugnern der Corona-Pandemie wird behauptet, dass es bei vielen so genannten „Corona-Toten“ gar nicht gesichert sei, dass sie tatsächlich an der Infektionskrankheit und ihren Folgen gestorben seien. Dem widerspricht nun unter anderen der Kieler Pathologe  Prof. Dr. Christoph Röcken , Direktor des Instituts für Pathologie am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH).

„Bei 85 Prozent der Fälle konnten wir wirklich bestätigen, dass sie an Covid-19 verstorben sind“, wird der Pathologe in einem Bericht im Tagesspiegel zitiert. In Kiel wurden dem Bericht zufolge bislang mehr als 50 Menschen im Alter von 53 bis über 90 Jahre obduziert, die sich vor ihrem Tod mit SARS-CoV-2 angesteckt hatten. Leider lägen die ersten Daten eines deutschen Obduktionsregisters noch nicht vor; er habe jedoch von anderen Pathologen bundesweit erfahren, „dass diese zu ähnlichen Ergebnissen kämen“, wird Röcken zitiert.

Klimawandel als wichtiger Faktor für SARS-CoV-2

Globale Treibhausgasemissionen haben im Laufe des letzten Jahrhunderts den wahrscheinlichen Ursprungsort von SARS-CoV-2 in Südchina zu einem Hotspot für Coronaviren gemacht, die von Fledermäusen übertragen werden. Klimatische Veränderungen in dieser Region haben das Wachstum von Waldgebieten befördert, die Fledermäusen geeignete Habitate bieten. Dies ist laut einer Mitteilung das Ergebnis einer neuen Studie von Wissenschaftlern der Universität Cambridge, des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) und der Universität Hawai’i-Manoa.

Die in der Zeitschrift  Science of the Total Environment publizierte Studie beschreibt große, durch den Klimawandel bedingte Veränderungen der natürlichen Vegetation in der südchinesischen Yunnan Provinz und benachbarten Gebieten in Myanmar und Laos im letzten Jahrhundert – weg von tropischem Buschland, hin zu tropischer Savanne und Laubwald. Dieser Prozess habe die Ausbreitung zahlreicher neuer Fledermausarten ermöglicht, durch die rund 100 neue Arten von Coronaviren in die Region gekommen seien, heißt es in der Mitteilung weiter. Genetische Daten legten nahe, dass SARS-CoV-2 in genau dieser Region erstmals in Fledermäusen aufgetreten sei.

„Im letzten Jahrhundert hat der Klimawandel im wahrscheinlichen Ursprungsort von SARS-CoV-2 den Lebensraum für Fledermäuse deutlich attraktiver gemacht – und damit auch für die vielen Coronaviren, die diese Tiere in sich tragen,“, sagt Dr. Robert Beyer, der seit kurzem im Rahmen eines europäischen Marie-Curie-Stipendiums am PIK tätig ist und zuvor an der Universität Cambridge geforscht hat.

Im Zuge der Studie rekonstruierten die Forscher mittels klimatischer Daten die weltweite natürliche Vegetation am Beginn des letzten Jahrhunderts. Auf Grundlage davon ermittelten sie die damalige globale Verteilung von Fledermausarten. Ein Vergleich mit der heutigen Verteilung zeigte, wo sich die Anzahl der verschiedenen Fledermausarten weltweit verändert hat.

In der südchinesischen Yunnan-Provinz sind auch Schuppentiere heimisch, die den Wissenschaftlern zufolge wahrscheinlich als Zwischenwirte für SARS-CoV-2 fungieren. Sie nehmen an, dass das Virus von Fledermäusen auf diese Tiere übergesprungen sei, die dann später auf einem Wildtiermarkt in Wuhan gehandelt worden seien, wo sich dann erstmals Menschen mit SARS-CoV-2 infiziert hätten.

Update vom 5. Februar 2021

  • Merkel und Drosten warnen vor zur frühen Lockerungen

  • Versäumnisse bei Impfstoff-Beschaffung eingeräumt

  • Erkenntnisse zum Pankreas-Befall

  • Weitere Daten zum Impfstoff von AstraZeneca

  • Mehr Ängste und Sorgen, weniger Zufriedenheit

  • Unzufriedenheit mit dem Impfstart gestiegen

Merkel und Drosten warnen vor zur frühen Lockerungen

Angesichts der sinkenden Neuinfektions-Zahlen und 7-Tages-Inzidenz wird nun wieder zunehmend über eine Lockerung der Anti-Corona-Restriktionen diskutiert. Der Berliner Virologe Prof. Dr. Christian Drosten hat erneut vor einer zu frühen Lockerungen gewarnt. „Für die Zeit bis Ostern können wir noch nicht viel an Bevölkerungsschutz durch die Impfung erwarten“, sagte der Wissenschaftler diese Woche im NDR-Podcast „Coronavirus-Update“.

Auch wenn durch die Impfungen die Sterblichkeit sinke, bleibe das Verringern der Fallzahlen für ihn essenziell. Wo und wie schnell man lockere, müsse man genau prüfen, betonte Drosten. Es gebe „einen großen Grund zur Sorge“. Er sprach von einem Szenario, in dem es zu zahlreichen schweren Krankheitsverläufen in der mehr als 23 Millionen Menschen umfassenden Gruppe der 40- bis 60-Jährigen kommen könnte, falls zu früh gelockert würde und diese Menschen noch keinen Impfschutz hätten. Drosten: „Für die Zeit bis Ostern können wir noch nicht viel an Bevölkerungsschutz durch die Impfung erwarten“. 

Angela Merkel mahnt trotz sinkender Corona-Infektionszahlen ebenfalls weiter zu Umsicht: „Wir müssen jetzt ganz, ganz vorsichtig sein, damit auf den letzten Metern nicht so viele Menschen noch sterben", sagte Merkel im Gespräch mit RTL/ntv. Kritik an der schleppend anlaufenden Impfkampagne wies sie erneut zurück. Deutschland werde „noch ein ganzes Stück aufholen“. Auch Markus Söder sprach sich gestern im ZDF gegen voreilige Lockerungen aus.

Versäumnisse bei Impfstoff-Beschaffung eingeräumt

EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hat inzwischen doch Versäumnisse bei der Beschaffung von Corona-Impfstoffen und Fehleinschätzungen auf europäischer Ebene eingestanden. Die EU habe unterschätzt, welche Komplikationen bei der Herstellung solcher Impfstoffe auftreten können, sagte von der Leyen der Süddeutschen Zeitung“ . Und: „Wir haben uns sehr stark auf die Frage fokussiert, ob es ein Vakzin geben wird, also die Entwicklung.“ Aus heutiger Sicht hätte man „stärker parallel über die Herausforderungen der Massenproduktion nachdenken müssen“.

Erkenntnisse zum Pankreas-Befall

SARS-CoV-2 befällt viele Organe. Schwere Verläufe von COVID-19 betreffen nicht nur die Atemwege, den Verdauungstrakt, das Herz-Kreislauf- und Nervensystem, sondern auch den Stoffwechsel. Forscher der Ulmer Universitätskliniken haben nun nachweisen können, dass das Virus bei gravierenden Krankheitsverläufen auch die insulinproduzierenden Beta-Zellen des Pankreas infiziert. Dies erklärt möglicherweise das Auftreten von Diabetes-ähnlichen Krankheitssymptomen von COVID-19-Patienten sowie die Stoffwechsel-Verschlechterung bei Diabetes-Patienten, die mit SARS-CoV-2 infiziert sind. Veröffentlicht wurden die Ergebnisse im Fachmagazin Nature Metabolism.

In der Ulmer Studie wurde untersucht, wie es bei COVID-19-Patienten zu Diabetes-typischen Symptomen kommen kann. Dafür haben die Forscher Gewebe aus der Bauchspeicheldrüse mit SARS-CoV-2 in Kontakt gebracht und so herausgefunden, dass sich die Langerhans‘schen Inseln mit dem Coronavirus infizieren lassen. In diesen Strukturen sitzen die insulinproduzierenden Beta-Zellen. „Diese Beta-Zellen exprimieren bestimmte Eiweißmoleküle, ohne die SARS-CoV-2 die Zellen nicht infizieren kann.

Die körpereigenen Proteine TMPRSS2 und ACE2 sind sozusagen das Schloss, über das die Coronaviren mit ihrem Schlüsselprotein „Spike“ in die Zellen eindringen. Daraufhin vervielfältigen sich die Virus-Bausteine, und viele neue infektiöse Viruspartikel werden freigesetzt. Genau das konnten wir auch in den Langerhans’schen Inseln beobachten“, erklärt Professor Jan Münch, Studienleiter vom Institut für Molekulare Virologie.

Ein weiterer Befund war für das Forscherteam ebenfalls aufschlussreich: Bei Autopsien von COVID-19-Patienten zeigte sich eine SARS-CoV-2-Infektion des Pankreas. „Das Erstaunliche daran: Selbst nachdem in der Lunge keine Virusproteine mehr zu finden waren, konnten diese in der Bauchspeicheldrüse noch nachgewiesen werden, und dies bei unterschiedlich langen Krankheitsverläufen“, sagt der Ulmer Pathologe Prof. Dr. Thomas Barth.

Dies deutet möglicherweise darauf hin, dass das neuartige Coronavirus nicht nur außerhalb der Lunge aktiv ist und andere Organe infiziert, sondern dass diese Infektionen häufiger und andauernder sind als bisher angenommen. Ausserdem haben die Forscher entdeckt, dass auch Pankreasgewebe mit infiziert war, das Verdauungsenzyme produziert. Welche Relevanz dies für den klinischen Krankheitsverlauf hat, ist noch unklar. „Bekannt ist bislang, dass aktive COVID-19-Erkrankungen auch von Entzündungen der Bauchspeicheldrüse begleitet werden“, erklärt Prof. Dr. Alexander Kleger, der am Uniklinikum Ulm die Pankreas-Ambulanz leitet. 

Weitere Daten zum Impfstoff von AstraZeneca

Nach aktuellen Studien-Daten reduziert der Virus-basierte-Impfstoff AZD1222 von AstraZeneca das COVID-19-Risiko um 67%. Darüber hinaus soll die Wirksamkeit bei einem Intervall von mindestens 12 Wochen zwischen erster und zweiter Impfung nach der Gabe er zweiten vollen Impfstoff-Dosis sogar über 80% liegen.

Ein weiteres bemerkenswertes Ergebnis der Datenauswertung: Möglicherweise reduziert die Impfung auch das Ansteckungsrisiko. Dieser Studienbefund ist unter anderem für die Frage relevant, ob bestehende Restriktionen für geimpfte Personen gelockert werden könnten.

Der Deutsche Ethikrat hat dies gerade abgelehnt. Ein Argument ist, dass es noch unklar sei, ob die Impfung – wie erhofft – tatsächlich das Ansteckungsrisiko reduziert. Die nun im Lancet publizierten Daten zu dem Impfstoff von AstraZeneca sind zwar recht positiv, aber es handelt sich um noch vorläufige Daten, die bislang nicht von anderen Wissenschaftlern begutachtet wurden. 

Mehr Ängste und Sorgen, weniger Zufriedenheit

Eine drohende Rezession und die Gefahr immer wiederkehrender Lockdowns bis zum Ende der Impfungen ängstigen mehr als jeden zweiten Deutschen. Zudem schwindet nach einem Jahr „Corona“ das Vertrauen in die Politiker. Das zeigt eine Sonderbefragung   zur R+V-Studie „Die Ängste der Deutschen“ Ende Januar.

Seit fast 30 Jahren untersucht das Infocenter der R+V Versicherung jeden Sommer mit der Langzeitstudie „Die Ängste der Deutschen“ die Sorgen der Bundesbürger rund um Politik, Wirtschaft, Umwelt und Gesundheit. Für die repräsentative Umfrage unter 1049 Bürgern wurden 4 Fragen aus der Standardumfrage ausgewählt, die in der Pandemie große Bedeutung haben. Aktuell hinzugekommen sind 2 neue Fragen. „Uns hat interessiert, wie groß die Angst vor weiteren Lockdowns ist, bis wir alle geimpft sind. Und ob die Deutschen befürchten, dass immer mehr Menschen die Lockdown-Regeln ignorieren“, sagt Brigitte Römstedt, Leiterin des R+V-Infocenters. Ein Blick auf die Ergebnisse zeigt: „Die erzwungene Isolation und die Dauer der Pandemie befeuern die Ängste.“

Die hohen Infektionszahlen in den vergangenen Monaten haben die Angst vor einer Erkrankung verstärkt. Etwa die Hälfte der Befragten (48%) ist besorgt, dass das Coronavirus sie selbst oder die Familie und Freunde infiziert. Im Vergleich zum Sommer ist das ein Anstieg um 16 Prozentpunkte.

Auch Menschenansammlungen, illegale Feiern und Maskenverweigerer lassen die Bundesbürger nicht kalt. Eine deutliche Mehrheit (60%) befürchtet, dass immer mehr Menschen die Lockdown-Regeln missachten – das ist der höchste Wert der diesjährigen Sonderumfrage. „Der Widerstand gegenüber den staatlichen Beschlüssen zur Pandemie-Bekämpfung wächst. Dass viele Kritiker ihren Unmut äußern, indem sie die Corona-Maßnahmen ignorieren, löst bei vielen Menschen große Ängste aus“, kommentiert Prof. Dr. Manfred G. Schmidt dieses Ergebnis. Er ist Politikwissenschaftler an der Ruprecht-Karls-Universität in Heidelberg und begleitet die R+V-Studie seit vielen Jahren.

„Die Kritik am Krisen-Management von Bund und Ländern spiegelt sich auch im nachlassenden Vertrauen in die Politiker“, so Schmidt in einer Mitteilung zu der Umfrage. 54% der Befragten befürchten, dass die Politiker von ihren Aufgaben überfordert sind – ein Anstieg von 14 Prozentpunkten gegenüber dem vergangenen Sommer. Der Politikwissenschaftler ergänzt: „Die von vielen Menschen als hochgradig kritisch eingestufte Impfsituation dürfte den Unmut über die Politik weiter in die Höhe treiben.“ Tatsächlich hellt der Impfstart die Stimmung in Deutschland nicht auf. 58% der Befragten befürchten, dass Lockdown auf Lockdown folgt, bis alle geimpft sind.

Unzufriedenheit mit dem Impfstart gestiegen

Ein gesunkenes Vertrauen in die politisch Verantwortlichen lässt auch eine andere Umfrage annehmen, die vom 29. Januar bis 1. Februar stattfand. Danach habe in der Bevölkerung die Unzufriedenheit mit der Impfkampagne deutlich zugenommen. Fast 70% der Bürger seien mit dem Impfstart in Deutschland eher oder eindeutig unzufrieden. Das gehe aus einer repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Civey exklusiv für den Spiegel hervor, wie das Hamburger Nachrichtenmagazin vor wenigen Tagen gemeldet hat.

Nur noch rund 18% der Befragten hätten sich eher oder eindeutig zufrieden geäußert. Anfang des Jahres sei die Unzufriedenheit mit dem Impfstart zwar auch schon groß gewesen. Nun sei sie aber nochmals deutlich gestiegen. 

Update vom 3. Februar 2021

  • Russischer Impfstoff Sputnik V: Sehr wirksam in Phase-3-Studie

  • Neue Mutation in britischer Virus-Variante: Vakzine-Wirksamkeit reduziert?

  • Der Impfgipfel: Ein Impfplan und mehr Klarheit zu Impfstoff-Lieferungen

  • Geteilte Reaktionen auf den Impfgipfel

Russischer Impfstoff Sputnik V: Sehr wirksam in Phase-3-Studie

Der Vektor-basierte russische Impfstoff Sputnik V hat nach einer aktuellen Zwischenauswertung in einer Placebo-kontrollierten Phase-3-Studie mit knapp 22.000 Probanden eine Wirksamkeit von fast 92% (bezogen auf die Erkrankungsrate) erzielt. Nach den in The Lancet publizierten Daten sind innerhalb der 3 Wochen zwischen der 1. und der 2. Impfung von den knapp 15.000 Probanden mit dem Verum-Impfstoff 16 Personen an der Infektion mit SARS-CoV-2 erkrankt, in der Placebo-Gruppe betrug der Anteil 1,3% (62/4902).

Den Autoren um Dr. Denis Y. Logunov zufolge erwies sich der Impfstoff auch bei über-60-jährigen Probanden als sehr wirksam (Erkrankungsraten: 0,1 versus 1,5%, Effektivität ebenfalls fast 92%). 

Die Probanden erhielten 2 Impfungen mit unterschiedlichen Vektoren des Impfstoffes – zuerst wurde ihnen der Impfstoff mit dem Adenovirus rAd26 verabreicht, 21 Tage später dann der Impfstoff mit dem Adenovirus rAd5. Nach Angaben der Autoren wird so die Immunreaktion verstärkt.

Neue Mutation in britischer Virus-Variante: Vakzine-Wirksamkeit reduziert?

Unerfreuliche Nachrichten kommen aus Großbritannien: Dort haben Wissenschaftler bei der britischen Virus-Variante B1.1.7 die Mutation E484K entdeckt. Diese Mutation hat womöglich zur Folge, dass Impfstoffe an Wirksamkeit verlieren, da sich induzierte neutralisierende Antikörper nicht mehr so stabil an das Virus binden.

Bislang seien 11 Fälle der Kombi-Mutante unter mehr als 200.000 analysierten Virussequenzen identifiziert worden, heißt es im Spiegel mit Verweis auf einen aktuellen Bericht der britischen Nervtag (New and Emerging Respiratory Virus Threats Advisory Group). 

Der Impfgipfel: Ein Impfplan und mehr Klarheit zu Impfstoff-Lieferungen

Auf dem Impfgipfel von Bund, Ländern, Impfstoff-Herstellern und EU-Kommission wurde beschlossen, einen nationalen Impfplan aufzustellen. Zudem soll es mehr Klarheit für Länder und Kommunen geben, was z.B. die Impfstoff-Lieferungen angeht.

Im 1. Quartal dieses Jahres werde es jedoch weiterhin zu wenig Impfstoff-Dosen geben. So sollen laut Bundesministerium für Gesundheit die Impfstoff-Mengen im Laufe des Jahres zwar schrittweise steigen: Nach 18,3 Millionen Dosen im laufenden 1. Quartal könnten im 2. Quartal Schätzungen zufolge rund 77,1 Millionen und im 3. Quartal 126,6 Millionen Dosen verschiedener Hersteller folgen. Im 4. Quartal könnten es dann 100,2 Millionen Impfstoff-Dosen sein. Dennoch werde es auch in den kommenden Wochen nicht genügend Impfstoff geben, so Jens Spahn

Bis Ende des Sommers könnte allerdings jedem Bürger ein Impfangebot gemacht werden, so erneut Angela Merkel. Um die Impfungen besser planen zu können, wollten Bund und Länder nun einen „nationalen Impfplan“ aufstellen, wie die Bundeskanzlerin in einer Pressekonferenz ankündigte.

Geteilte Reaktionen auf den Impfgipfel

Positiv wie auch negativ sind die Reaktionen in Deutschland auf den Impfgipfel. Berlins Bürgermeister Michael Müller (SPD) soll sich laut Medienberichten zufrieden mit den Ergebnissen des Impfgipfels gezeigt haben. Mit Blick auf den verfügbaren Impfstoff habe jedoch auch Müller darauf hingewiesen, dass es mit Impfstoff im 1. Quartal knapp bleiben werde.

FDP-Chef Christian Lindner habe das Ergebnis des Impfgipfels hingegen als „leider enttäuschend“ kritisiert, so ein ZDF-Bericht. Bislang sei es nicht gelungen, den Rückstand gegenüber anderen Ländern wegen der unzureichenden Bestellungen aufzuholen, habe Lindner am Montag den Zeitungen der Funke-Mediengruppe gesagt.

Hamburgs Erster Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) habe den Impfgipfel zwar begrüßt, in einem Tweet aber auch Zweifel daran geäußert, dass wirklich bis Sommer jeder Bürger ein Impfangebot bekommen könne.

Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD) soll dem Bericht nach erneut die weiter fehlende Planungssicherheit bei den Impfungen bemängelt haben: „Zurzeit haben wir nur Planungsdaten bis zum 20. Februar – und das reicht nicht, um den Menschen längerfristige Angebote zu machen“, wird sie zitiert.

Der Deutsche Städte- und Gemeindebund hingegen habe die Ergebnisse des Impfgipfels begrüßt. Hauptgeschäftsführer Gerd Landsberg habe den Zeitungen der Funke Mediengruppe gesagt: „Es ist ein positives Signal, dass bis Ende des Sommers allen Bürgerinnen und Bürgern ein Impfangebot gemacht werden kann.“

Als „Placebo-Gipfel“ bezeichnete dagegen das Hamburger Nachrichtenmagazin Der Spiegel das Treffen. Der Impfstoff bleibe auch in den nächsten Wochen knapp. Daran ändere sich nach der Konferenz von Bund und Ländern nichts, heißt es in dem Magazin.

Die Kritik am „Placebo-Gipfel“ sei unlauter, kommentiert der Berliner Publizist und frühere Spiegel-Redakteur Garbor Steingart . Sein Argument: Das Impftempo dürfte in absehbarer Zeit deutlich erhöht werden. Denn Kanzlerin Angela Merkel und die Ministerpräsidenten hätten verstanden, „dass ihre bisherige Bummelei bei der Impfstoffbeschaffung kein gutes Ende nehmen wird – nicht für das Land und nicht für sie persönlich. Europa darf nicht die Ausrede für nationales Nichtstun sein“. Aber: „Die Fehler einer apathischen EU-Bürokratie und ihrer zögerlichen Vertragspolitik lassen sich nicht über Nacht ungeschehen machen.“ „Wunder werden da jetzt nicht passieren“, habe Merkel die Gespräche beim Impfgipfel zusammengefasst.

Update vom 29. Januar 2021

  • STIKO empfiehlt Vektor-Impfstoff von AstraZeneca nur für Menschen unter 65

  • EMA veröffentlicht erstes Sicherheits-Update zur BioNTech-Vakzine

  • EU-Vertrag mit AstraZeneca zu Impfstoff-Lieferung ist nun öffentlich

  • Weiterer Impfstoff-Kandidat mit knapp 90% Wirksamkeit gegen britische Variante

Die EMA hat dem COVID-19-Impfstoff von AstraZeneca eine bedingte Zulassung für Personen ab 18 erteilt. Es ist damit der 3. Impfstoff mit EMA-Zulassung. „Mit dieser dritten positiven Stellungnahme haben wir das Arsenal an Impfstoffen, das den EU- und EWR-Mitgliedsstaaten zur Bekämpfung der Pandemie und zum Schutz ihrer Bürger zur Verfügung steht, weiter ausgebaut", sagte Emer Cooke, Executive Director der EMA.

Die Zulassung basiert auf 4 klinischen Studien in Großbritannien, Brasilien und Südafrika, an denen rund 24.000 Personen teilgenommen hatten. Die EMA stützte sich bei den Daten zur Wirksamkeit aber auf nur 2 der Studien (in UK und in Brasilien). In den 2 anderen Studien gab es jeweils weniger als 6 COVID-19-Fälle. Ausgewertet wurden nur diejenigen, die 2 Standarddosen – die 2. im Abstand von 4 bis 12 Wochen – erhalten hatten. Bei diesen waren durch die Impfung knapp 60% der symptomatischen COVID-19-Erkrankungen vermieden worden.

Die EMA bemängelt, dass es noch nicht genügend Ergebnisse bei älteren Teilnehmern (über 55 Jahre alt) gibt. Jedoch sei auch in dieser Altersgruppe eine Immunantwort beobachtet worden, so dass die Behörde der Ansicht ist, dass der Impfstoff auch bei älteren Erwachsenen eingesetzt werden kann. Mehr Informationen werden von laufenden Studien erwartet, die mehr ältere Teilnehmer haben.

STIKO empfiehlt AstraZenecas Vektor-Impfstoff nur für Menschen unter 65

Bereits gestern hat sich die STIKO (Ständige Impfkommission am RKI) positioniert, dass das Oxford/AstraZeneca-Vakzin in Deutschland nur an Menschen im Alter unter 65 verabreicht werden soll. Die Empfehlungen wurden entsprechend geändert. Die 2 Impfungen sollen im Abstand von 9 bis 12 Wochen gegeben werden.

Die Begründung: Es gebe aktuell noch zu wenige Daten, um die Impfeffektivität bei Menschen ab 65 zu beurteilen. Abgesehen von dieser Alterseinschränkung werde der Impfstoff jedoch als „gleichermaßen geeignet“ angesehen. In Deutschland hat daraufhin eine Diskussion begonnen, ob unter 65-Jährige aus den unteren Risikogruppen nun früher drankommen können als bisher geplant, wenn das AstraZeneca-Präparat in den Priorisierungsstufen nun laut STIKO nur Personen angeboten wird, die zwischen 18 und 64 Jahre alt sind.  

Der vektorbasierte Impfstoff AZD1222 von AstraZeneca hatte, wie berichtet, in den Studien eine Wirksamkeit von insgesamt rund 70% gezeigt. Es handelte sich dabei um eine gepoolte Analyse von 2 Dosierungsgruppen, mit einer Wirksamkeit von 62% in der Gruppe mit 2 Standarddosen und von 90% bei Personen, die zunächst (irrtümlich, wie es hieß) eine halbe und dann erst die volle Dosis in der 2. Impfung erhalten hatten.

In der Anfang Dezember im Lancet publizierten Studie mit dem Impfstoff waren nur rund 12% der Teilnehmer in einem Alter über 55 gewesen – und es gab nur 5 Krankheitsfälle in dieser Altersgruppe. Daher hieß es in der Publikation, es ließen sich keine Aussagen zur Wirksamkeit bei älteren Menschen machen – doch würden dazu mehr Daten erhoben und diese nachgeliefert.

Der britische Premier Boris Johnson hat die STIKO-Empfehlung kritisiert, wie die Tagesschau berichtet hat. „Unsere eigene Zulassungsbehörde hat sehr deutlich gemacht, dass der Oxford/AstraZeneca-Impfstoff sehr gut und wirksam ist, und bereits nach einer Dosis eine sehr hohe Schutzwirkung bietet und sogar noch mehr nach zwei Dosen", wird er zitiert. Die britische Behörde gehe davon aus, dass das Vakzin in allen Altersgruppen eine gute Immunantwort erziele – es wird in Großbritannien auch in allen Altersgruppen eingesetzt.

EMA veröffentlicht erstes Sicherheits-Update zur BioNTech-Vakzine

Die EMA (European Medical Agency) hat ihr 1. Sicherheits-Update zum COVID-19-mRNA-Impfstoff Comirnaty® (BioNTech/Pfizer) veröffentlicht. Danach sind bisher in den Impfkampagnen keine neuen bislang unbekannte Nebenwirkungen festgestellt worden. Das Update umfasst alle seit der Zulassung gesammelten Daten, inklusive derjenigen von EudraVigilance (der zentralen Datenbank der EU für vermutete Nebenwirkungen), sowie Daten anderer Quellen, etwa des monatlichen Safety-Reports des Unternehmens.

Der Sicherheitsausschuss der EMA (PRAC) hat auch Todesfälle analysiert, die nach der Impfung mit Comirnaty® auftraten – etwa bei gebrechlichen, älteren Menschen. Bei der Bewertung berücksichtigt der PRAC u. a. Vorerkrankungen sowie die Sterberate für die entsprechende Altersgruppe. Bislang, so heißt es, zeigten diese Daten keine Assoziationen mit der Impfung – es gebe dementsprechend keinen Anlass zu Sicherheitsbedenken.

Auch in Zukunft will die EMA monatliche Sicherheitsupdates für alle zugelassenen COVID-19-Impfstoffe veröffentlichen. Neben der Überwachung durch das EU-Pharmako-Vigilanzsystem, gebe es zusätzliche Studien des Unternehmens sowie unabhängige Studien, die von den europäischen Behörden koordiniert werden.

Vertrag mit AstraZeneca zu Impfstofflieferung ist nun öffentlich

Die Präsidentin der EU-Kommission, Ursula von der Leyen (CDU), hat die Verträge mit dem Impfstoff-Hersteller AstraZeneca öffentlich gemacht. Die EU-Kommission hat den Vertrag ins Internet gestellt – und dieser scheint ihr im Impfstoff-Streit mit dem Pharmakonzern Recht zu geben. Wie von der Leyen auch in einem Interview mit dem Deutschlandfunk betont hat, sind die Liefermengen darin klar vereinbart – und auch die Werke in Großbritannien sind als Produktionsstätten angegeben

Bekanntlich hatte AstraZeneca diese Woche angekündigt, nur etwa 40% der vereinbarten Liefermenge für die EU im 1. Quartal 2021 tatsächlich zur Verfügung zu stellen. Die Begründung waren u.a. Probleme in einem Werk in Belgien. Warum es für Großbritannien keine Einschränkungen der Liefermengen gebe, wurde damit erklärt, dass Großbritannien zuerst bestellt habe und deshalb auch zuerst beliefert werde.

Von der Leyen betonte gegenüber Dlf, der Vertrag versichere ausdrücklich, dass „keine anderen Verpflichtungen einer Erfüllung des Vertrages entgegenstünden“. Im Interview fordert sie von AstraZeneca „Transparenz und Planungssicherheit“ und „eine plausible Erklärung“ für die Lieferschwierigkeiten. In Großbritannien hatten gestern viele Medien den Europäern „Impf-Imperialismus“ vorgeworfen. „Nein, die EU kann unseren Impfstoff nicht haben“ titelte etwa die „Daily Mail“. 

Weiterer Impfstoff-Kandidat mit knapp 90% Wirksamkeit gegen britische Variante

Der US-Pharmaproduzenten Novavax hat aktuell mitgeteilt, dass sich auch sein Impfstoff-Kandidat in einer letzten Studien-Phase als sehr wirksam erwiesen habe. Lediglich bei der südafrikanischen gibt es offenbar Probleme.

Die Firma hat ihre Phase-3-Studien unter anderem in Großbritannien vorgenommen. Dabei habe das Vakzin eine hohe Wirksamkeitsrate von 89,3% gezeigt – und dies in einem Umfeld, in dem die ansteckendere britische Virusmutante sehr präsent war. Auch in Südafrika fand eine Studie mit dem Impfstoff-Kandidaten statt. Hier war die Wirksamkeit gegen die dort zirkulierende Virus-Variante B.1.351 nicht so ausgeprägt und erreicht nur knapp 50%.

Das Vakzin NVX-CoV2373 enthält nach Angaben des Unternehmens ein Präfusions-Spike-Protein in voller Länge, das mit der rekombinanten Nanopartikel-Technologie von Novavax und dem firmeneigenen Matrix-M™-Adjuvans auf Saponinbasis hergestellt werde. Das Protein werde in Insektenzellen produziert. Es sei bei 2°C bis 8°C (gekühlt) stabil und werde in einer gebrauchsfertigen Flüssigformulierung ausgeliefert, die den Vertrieb über bestehende Impfstoff-Lieferketten ermögliche.

Der britische Premier Boris Johnson hat angekündigt, dass die britischen Aufsichtsbehörden das Mittel nun prüfen wird – sollte es zugelassen werden, wolle Großbritannien 60 Millionen Impfdosen bestellen.

Update 25. Januar 2021

  • Hochansteckende SARS-CoV-2-Varianten breiten sich in Deutschland aus

  • Lieferengpässe bei Impfstoffen: Machtwort der EU

  • Regierung bestellt Antikörper-Cocktail gegen COVID-19

  • Das RKI hat evaluiert: Wie zuverlässig sind Schnelltests?

Innerhalb der letzten 24 Stunden meldeten Gesundheitsämter dem RKI 6.729 neue SARS-CoV-2-Infektionen und 217 Todesfälle aufgrund von COVID-19. Mit dem üblichen Wochenend-Verzug ist dabei allerdings zu rechnen.

Nach wie vor seien die Fallzahlen zwar zu hoch, „aber wir sehen einen klar leicht positiven Trend“, hatte RKI-Präsident Prof. Dr. Lothar H. Wieler am 22. Januar erklärt. Deutschland sei auf einem „sehr guten Weg“. Laut Situationsbericht haben bis Sonntag knapp 1,5 Millionen Menschen die 1. Impfung gegen SARS-CoV-2 erhalten, das entspricht 1,8% der Einwohner.

Hochansteckende SARS-CoV-2-Varianten breiten sich in Deutschland aus

Auch in Deutschland geben neue Mutationen Anlass zur Sorge. Am Berliner Humboldt-Klinikum sind mehrere Infektionen mit der britischen Variante des Virus aufgetreten. Die Virusvariante B.1.1.7., die als besonders ansteckend gilt – und nach neuen Berichten aus UK  möglicherweise auch für schwerere Verläufe verantwortlich ist – ist dort bei mindestens 20 Menschen gefunden worden. Die Untersuchungen dauern aber noch an, es sei mit noch mehr Infektionen zu rechnen, heißt es von Seiten des zuständigen Amtsarztes.

„Um eine Ausbreitung der Corona-Virusvariante B. 1.1.7 zu verhindern, stoppt das Vivantes Humboldt-Klinikum die Aufnahme neuer Patient*innen“, heißt es auf der Website. „Wir konzentrieren uns auf die derzeit bei uns stationär behandelten Patient*innen.“ Mitarbeiter des Hauses sind in sogenannter Pendelquarantäne, sie dürfen sich nur noch zwischen ihrem Arbeitsplatz und ihrer Wohnung bewegen – falls sie FFP2-Masken tragen, ist dies sogar im öffentlichen Personennahverkehr möglich. Auf externe Arbeitskräfte verzichtet das Krankenhaus derzeit. Insgesamt sind rund 1.700 Mitarbeiter in Quarantäne, ebenso die 400 Patienten in der Klinik.

Auch aus anderen Regionen gibt es Berichte von den neuen Varianten, zuletzt aus Flensburg. Die Auswertung verschiedener Medienberichte ergibt – mit gewisser Unsicherheit – derzeit 106 Nachweise der britischen und südafrikanischen Mutation in Deutschland. „Wir sehen ja momentan, dass wir jetzt in mehreren Krankenhäusern auch schon mit der Mutante zu tun haben“, erklärte Kanzleramtschef Helge Braun (CDU) gestern bei „Anne Will“. „Das heißt, das ist bei uns im Land angekommen, und deshalb wird sie (die Mutante) irgendwann so wie in anderen Ländern auch die Führung übernehmen und Probleme machen.“

Darauf reagieren Behörden mit einer neuen Strategie. „Die Zahl der Genomsequenzierungen wird aktuell verstärkt, dies wurde in einer Verordnung des Bundesministeriums für Gesundheit geregelt“, schreibt das RKI.

Lieferengpässe bei Impfstoffen: Machtwort der EU

Ob bereits zugelassene Vakzine gegen die neuen Varianten wirksam sind, untersuchen Forscher derzeit. Das ist aber nicht die einzige Schwierigkeit. Vielmehr weiten sich nun auch noch die Lieferengpässe aus. In Nordrhein-Westfahlen fehlten zuletzt 100.000 Dosen der BioNTech-Vakzine, und Impftermine wurden verschoben. Andere Bundesländer sind ebenfalls betroffen, wenn auch nicht in diesem Maße.

BioNTech erklärt solche Schwierigkeiten mit Umbauten an einem Werk von Pfizer. Der Konzern will aber auch am Standort Marburg produzieren; das zuständige Regierungspräsidium hat mittlerweile grünes Licht gegeben.

AstraZeneca droht deutlich größerer Ärger. Der Hersteller hat Anfang Dezember einen Antrag auf bedingte Genehmigung eingereicht; mit einer EMA Zulassung wird spätestens am Freitag gerechnet. In Großbritannien ist die Vakzine schon verfügbar und wird in großen Mengen verimpft.

Dass man Großbritannien wie geplant weiter beliefere und bei der Europäischen Union kürze, bewertet der Europapolitiker Peter Liese (CDU) als Provokation: Der Konzern „kriegt den größten Ärger mit der EU“, wenn er Kontinental-Europa nicht ausreichend beliefere. Ein Vertrag zwischen AstraZeneca und der EU umfasst 300 Millionen Impfdosen mit Option auf weitere 100 Millionen, doch Details zu etwaigen Vertragsstrafen kennt nur das Team um EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen.

Regierung bestellt Antikörper-Cocktail gegen COVID-19

Fehlen Impfstoffe, bleiben Therapeutika eine Alternative. In den meisten Fällen ist die Datenlage recht dünn. Umso mehr erstaunt eine Entscheidung der Bundesregierung, 200.000 Dosen REGN-COV2 für rund 400 Millionen Euro zu erwerben – ein Medikament von Regeneron Pharmaceuticals. Dieser Cocktail enthält REGN10933 und REGN10987, 2 neutralisierende Antikörper. „Sie wirken wie eine passive Impfung“, sagt Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU). „Die Gabe dieser Antikörper kann Risikopatienten in der Frühphase helfen, dass ein schwerer Verlauf verhindert wird.“

REGN-COV2 wurde dem früheren US-Präsidenten Donald Trump während seiner COVID-19-Erkrankung gegeben – hat aber eher schwache Evidenz. Studienergebnisse, die am 30. Oktober 2020 veröffentlicht worden waren, blieben hinter den Erwartungen zurück. Das unabhängige Data Safety Monitoring Board hatte empfohlen, bis zur Analyse aller Daten keine Patienten mehr in die Studie aufzunehmen, die mechanisch beatmet werden oder die viel Sauerstoff zur Unterstützung erhalten. Bei Patienten, die keinen oder nur wenig Sauerstoff benötigten, sei das Nutzen-Risiko-Verhältnis jedoch akzeptabel, heißt es in der Meldung.

Medienberichten zufolge soll sich die Bundesregierung weitere Antikörper-Präparate gesichert haben, nämlich Bamlanivimab von Eli Lilly und Casirivimab/Imdevimab von Regeneron. EMA-Zulassungen existieren für diese Präparate noch nicht. Nach Einschätzung des Paul Ehrlich-Institut lässt das Sicherheitsprofil eine Anwendung nach individueller Nutzen-Risiko-Einschätzung in Deutschland grundsätzlich zu, wenn geeignete zugelassene Therapiemöglichkeiten fehlten, so das Bundesministerium für Gesundheit.

Das RKI hat evaluiert: Wie zuverlässig sind Schnelltests?

Neben Impfstoffen bleiben Schnelltests eine weitere tragende Säule in Pandemie-Zeiten, doch wie zuverlässig ist die Untersuchungsmethode? Im „Epidemiologischen Bulletin“ hat das RKI nun Ergebnisse einer Studie dazu veröffentlicht. Eine parallele Testung per Antigen-Test und RT-PCR erfolgte bei 468 Personen. Von ihnen hatten 102 (21,8%) COVID-typische Symptome. Positive Tests gab es bei 9,6% (45/468) unter Antigen-Tests versus 12,8% (60/468) unter PCR-Tests. „Wir konnten zeigen, dass die Sensitivität und Spezifität des Antigen-Tests der Firma SD Biosensor im Vergleich zur RT-PCR bei 71,7 % und 99,5 % lag, was sich sehr gut mit den bereits publizierten Daten deckt“, heißt es in der Veröffentlichung.

„Die Sensitivität war deutlich besser bei Patient*innen, die sich mit Symptomen vorstellten, die mit einer COVID-19-Erkrankung vereinbar waren, als bei asymptomatischen Patienten (85,7 % vs. 38,9 %).“ Ein negativer Antigen-Test bei PCR-positiven Personen könne vor allem dann auftreten, wenn die Virustiter recht niedrig sind: etwa in sehr frühen oder sehr späten Stadien der Infektion.

„Zusammenfassend sind SARS-CoV-2-Antigen-Tests aufgrund ihres Point-of-Care-Ansatzes, der einfachen Handhabung und des günstigeren Preises eine wertvolle Ergänzung zur RT-PCR-Diagnostik“, resümieren die Autoren. Zu Einzeltestung asymptomatischer Personen sei das Verfahren aber nur eingeschränkt geeignet.

Hier empfiehlt das RKI entweder mehrere Antigentests im Abstand von 24 bis 48 Stunden oder PCR-Tests. „Geeignet und ausreichend sicher erscheint der Antigen-Test als Screening Methode für Besuche kurzer Dauer (Pflegeheimbesucher), da er mit ausreichender Sicherheit Personen mit niedrigen Ct-Werten bzw. hoher Viruslast, die man als hochkontagiös erachten würde, erkennt“, so die Einschätzung.

Angesichts der Datenlage plant Spahn, die Medizinprodukte-Abgabeverordnung anzupassen und Corona-Schnelltests in die Hand von Patienten geben – wahrscheinlich ab Ende Januar. Dann soll der sogenante „Arztvorbehalt“ fallen. „Studien belegen, dass auch Laien zuverlässige Testergebnisse erzielen“, bestätigt Thomas Preis, Vorsitzender des Apothekerverbands Nordrhein.

Update vom 20. Januar 2021

  • Lockdown vorerst bis zum 14. Februar verlängert, mehr Home-Office, Schulen bleiben zu

  • Britische Variante B.1.1.7 „segelte auf einer Welle in den weiter geöffneten Schulen“

  • Aktuelle RKI-Zahlen: Neu-Infektionen und Inzidenz gehen zurück, Sterbezahlen noch immer hoch

  • Studie bestätigt Empfehlung, ACE-Hemmer und ARB bei COVID-Patienten weiter zu geben

  • WHO-Chef beklagt „moralisches Versagen“ bei Verteilung der Impfstoffe

Lockdown vorerst bis zum 14. Februar verlängert, mehr Home-Office, Schulen bleiben zu

Vor allem getrieben von der Sorge einer Verschärfung der Situation durch die neue ansteckendere Virusvariante B.1.1.7 aus Großbritannien haben sich Bund und Länder gestern darauf verständigt, den Lockdown vorerst bis zum 14. Februar – also um weitere dreieinhalb Wochen zu verlängern. Gastronomie, ein Großteil der Läden, Freizeiteinrichtungen und grundsätzlich auch Schulen und Kitas bleiben dementsprechend zu. Treffen sind nach wie vor nur noch mit einer Person eines anderen Haushalts erlaubt.

Intensiviert werden soll das „Home-Office“. Arbeitgeber sollen, „wo immer es möglich ist“, den Beschäftigten das Arbeiten von zuhause aus ermöglichen. Das Bundesarbeitsministerium will dazu eine Verordnung erlassen. Wo Abstandsregeln nicht eingehalten werden können, etwa im Büro, in Geschäften oder in öffentlichen Verkehrsmitteln, aber auch bei Gottesdiensten, wird das Tragen medizinischer Masken (FFP2, KN95 oder OP-Masken) Pflicht. Alltagsmasken aus Stoff, sowie Schals sind dort nicht mehr zulässig, da Wissenschaftler davon ausgehen, dass diese weniger zuverlässig schützen (siehe separaten Medscape -Artikel).

Auch Alten- und Pflegeheime sollen besser geschützt werden. Das Personal soll beim Kontakt mit Bewohnern eine FFP2-Maske tragen, es sollen vermehrt Schnelltests für Personal und Besucher eingesetzt werden.

Eine bundesweit einheitliche Regelung zu Ausgangssperren gibt es nicht. Es wird aber Ländern und Regionen mit hohen Infektionszahlen freigestellt, schärfere Maßnahmen zu verhängen. Das Ziel bleibt nach wie vor, bis Mitte Februar flächendeckend eine 7-Tage-Inzidenz von 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohnern zu erreichen. Eine Arbeitsgruppe soll bis Mitte Februar ein Konzept für eine geeignete Öffnungsstrategie entwickeln.

Britische Variante B.1.1.7 „segelte auf einer Welle in den weiter geöffneten Schulen“

Die Diskussionen und Beschlüsse waren wohl vor allem getrieben von dem Bemühen, eine Verbreitung der britischen ansteckenden SARS-CoV2-Variante B.1.1.7 in Deutschland einzugrenzen. Am Tag zuvor hatten die Politiker sich dazu von verschiedenen Wissenschaftlern beraten lassen. Es gebe „ernst zu nehmende Hinweise“, so Kanzlerin Angela Merkel, dass die neue Mutation des Virus sich unter Kindern und Jugendlichen leichter verbreite als die erste Variante. Daher war es ihr wichtig, baldige Schulöffnungen, wie aus einigen Bundesländern gefordert, zu verhindern.

Auch der Virologe Prof. Dr. Christian Drosten von der Charité hatte in seinem Podcast im NDR davon gesprochen, dass die Mutation „wirklich ernst zu nehmen“ sei. Man müsse nun auch in Deutschland verstärkt nach der Mutation schauen. Derzeit, so seine Einschätzung, „glaube ich nicht, dass wir im Moment ein großes Problem mit dieser Variante in Deutschland haben“. Jedoch habe sich in England die Variante im Hintergrund eines Lockdowns ausgebreitet – das Virus sei dabei „auf einer Welle in den weiter geöffneten Schulen gesegelt“ und sei dann im Dezember auf die normale Bevölkerung weiter verteilt worden.

Dies sehen Wissenschaftler und Politiker als warnendes Beispiel. Nun gelte es eine weitere Verbreitung der mutierten Viren in Deutschland zu verhindern. „Man hat nur jetzt einmal dieses Fenster, dieses Gelegenheitsfenster in der Zeit, die Prävention zu leisten“, mahnt Drosten. „Ich denke, es wäre jetzt eine Gelegenheit, die man nutzen sollte, zu verhindern, dass noch mehr dieser im Moment etwas unklaren Mutanten hier bei uns Fuß fassen. Das ist schon wichtig.“ Dies sei aber nur über strengere Allgemeinmaßnahmen möglich.

Aktuelle RKI-Zahlen: Neu-Infektionen und Inzidenz gehen zurück, Sterbezahlen noch immer hoch

Derzeit sieht es aus, als ob die strikteren Lockdown-Maßnahmen durchaus eine gewisse Wirkung entfalten. Das RKI meldet heute knapp 16.000 Neu-Infektionen in den vergangenen 24 Stunden und damit einen Rückgang im Vergleich zum Mittwoch vergangene Woche, doch bleibt die Sterberate hoch: 1.148 Menschen sind im Zusammenhang mit COVID-19 in den letzten 24 Stunden gestorben. Die 7-Tage-Inzidenz ist bundesweit auf 123 gefallen – nach wie vor mit starken regionalen Unterschieden.

Studie bestätigt Empfehlung, ACE-Hemmer und ARB bei COVID-Patienten weiter zu geben

Was die immer wieder geäußerten Bedenken angeht, die Behandlung mit ACE-Hemmern bzw.  Angiotensin-Rezeptor-Blocker (ARB) könne zu einem ernsteren Verlauf einer COVID-19-Erkarnkung beitragen, gibt es nun neue Daten aus Brasilien. Die Autoren, der im JAMA veröffentlichten Studie folgern, dass keine Notwendigkeit bestehe, ACE-Hemmer oder ARB routinemäßig bei Patienten abzusetzen, die mit leichtem bis mittelschwerem COVID-19-Verauf hospitalisiert werden.

Rund 700 Erwachsene in Brasilien, die ACE-Hemmer oder ARBs einnahmen, bevor sie wegen COVID-19 ins Krankenhaus eingeliefert wurden, wurden für die Studie randomisiert, entweder wurden die Medikamente abgesetzt oder (über 30 Tage) weiter genommen. Endpunkt war die durchschnittliche Anzahl der Tage, die die Patienten nach 30 Tagen außerhalb der Klinik am Leben waren. Dieser Endpunkt unterschied sich nicht signifikant zwischen den Gruppen (22 Tage bei abgesetzter Einnahme, 23 bei fortgesetzter Einnahme). Außerdem gab es keine signifikanten Unterschiede in den Endpunkten Tod, kardiovaskuläre Ereignisse und COVID-19-Progression.

WHO-Chef beklagt „moralisches Versagen“ bei Verteilung der Impfstoffe

WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus hat die ungleiche globale Verteilung der COVID-19-Impfstoffe beklagt. Die Welt befinde sich am Rande eines „katastrophalen moralischen Versagens“: Während in wohlhabenderen Ländern inzwischen rund 39 Millionen Menschen eine Impfung erhalten haben, seien in den armen Ländern gerade einmal 25 Dosen verabreicht worden, so der Generaldirektor der Weltgesundheitsorganisation. Guinea in Westafrika sei derzeit das einzige Land mit niedrigem Einkommen überhaupt, in dem es Impfungen gegeben habe. Letzte Woche hatten dort 25 Personen, darunter der Staatspräsident, eine Dosis des russischen Sputnik-Impfstoffes erhalten.

Tedros sagte auf einer Tagung des WHO-Vorstands am Montag, es sei falsch, dass Menschen mit geringem Krankheitsrisiko in den reichen Ländern geimpft würden, während der größte Teil der Welt noch keinen Zugang zu den Vakzinen habe. Covax, ein weltweiter Fond für die gemeinsame globale Nutzung von Impfstoffen, will im Februar erste Impfdosen abgeben, konkurriert jedoch mit Ländern, die ihre eigenen, oft lukrativeren Vereinbarungen mit Herstellern treffen, um die Versorgung mit Impfstoffen sicherzustellen.

Diese Länder versuchten Covax zu umgehen, sorgten so für Preiserhöhungen und wollten damit „an die Spitze der Warteschlange gelangen. Dies könnte die Lieferungen von Covax verzögern", monierte der WHO-Generalsekretär. „Die Welt steht vor einem katastrophalen moralischen Versagen, und der Preis für dieses Versagen wird mit dem Leben und dem Lebensunterhalt in den ärmsten Ländern der Welt bezahlt."

Tedros kritisierte auch einige Hersteller dafür, dass sie die Zulassung ihrer Impfstoffe in wohlhabenden Ländern priorisieren, in denen sie höhere Gewinne erzielen können, anstatt der WHO Daten vorzulegen, damit diese die Zulassung der Impfstoffe zur Aufnahme in das Covax-Portfolio beschleunigen könne.

Update vom 14. Januar 2021

  • Wird der 2. Lockdown zu stark aufgeweicht?

  • ZI-Kritik: Fehlerhafte 7-Tage-Inzidenz durch Meldeverzug

  • Vakzine von Johnson & Johnson: Zwischenergebnisse aus Phase-1/2a-Studie

1.244 Tote durch COVID-19 und 25.164 SARS-CoV-2-Neuinfektionen innerhalb von 24 Stunden: Diese Zahlen stellte RKI-Präsident Prof. Dr. Lothar H. Wieler beim Presse-Briefing heute vor. Als 7-Tage-Inzidenz nennt das RKI bundesweit 151,2 Fälle pro 100.00 Einwohner, wobei es immense regionale Unterschiede gibt. Die höchsten Inzidenzen haben Thüringen mit 310,4 und Sachsen mit 292,4 Fällen pro 100.00 Einwohner. Aus dem thüringischen Landkreis Saalfeld-Rudolstadt werden 601,8 Fällen pro 100.00 Einwohner gemeldet, der Negativ-Rekord. Den niedrigsten Wert hat Bremen mit 84,0 Fällen pro 100.00 Einwohner.

Wird der 2. Lockdown zu stark aufgeweicht?

„Das Virus ist in allen Altersgruppen unterwegs, und das wird noch viele Wochen so bleiben“, erklärte Wieler. Hoffnung hat er dennoch: „Am Ende des Jahres werden wir die Pandemie kontrolliert haben. Nur müssen wir jetzt alle Maßnahmen, die uns zur Verfügung stehen, mit aller Konsequenz nutzen.“ Jede Infektion sei eine zu viel – vor allem angesichts knapper Kapazitäten der Intensivmedizin. Doch auch das Alter der Patienten dort sinke: „Auf manchen Intensivstationen sehen wir mittlerweile viele 60-Jährige“, berichtete der RKI-Chef. Dennoch sei klar, dass Menschen ab 80 das größte Risiko für schweres COVID-19 hätten.

Bei der Umsetzung von Schutzmaßnahmen sieht Wieler durchaus Luft nach oben: "Arbeiten Sie, soweit möglich, von zu Hause aus.“ Und an Firmen gerichtet: „Heimarbeit braucht Digitalisierung und Vertrauen.“ Außerdem verwies er auf die bekannte „AHA+L“-Regel und forderte von allen Bürgern, auf vermeidbare Reisen zu verzichten.

Ein wichtiger Aspekt während der Pandemie ist die individuelle Mobilität. Am RKI untersucht Prof Dr. Dirk Brockmann den Zusammenhang mit den Infektionen. Er leitet die Projektgruppe „Epidemiologische Modellierung von Infektionskrankheiten“ am RKI und forscht an der Humbold-Universität Berlin. Seine Analysen zeigen, dass der aktuelle Lockdown den Aktionsradius vieler Menschen zwar verringert hat. Allerdings fielen die Effekte schwächer als beim 1. Lockdown aus.

„Viele Leute waren sehr vernünftig und haben in den letzten Monaten auf Besuche verzichtet“, sagte Brockmann. „Aber es gab eben auch mehr Tagesausflüge als im Jahr davor.“ Als Beispiele nannte er Rügen, Garmisch-Partenkirchen und den Brocken. Auf den heiß diskutierten 15-Kilometer-Radius angesprochen, sagte er: „Die Maßnahmen sind umso effektiver, je stärker sie die Mobilität einschränken.“ Als Schwachstelle sieht er, dass es beim aktuellen Lockdown zu viele Ausnahmen gebe.

 
Am Ende des Jahres werden wir die Pandemie kontrolliert haben. Nur müssen wir jetzt alle Maßnahmen, die uns zur Verfügung stehen, mit aller Konsequenz nutzen. Prof. Dr. Lothar H. Wieler
 

Wieler bestätigte: „Die Zahl an Neuinfektionen wurde vor allem durch Reisen in die Höhe getrieben.“ Negative SARS-CoV-2-Tests seien eben keine Garantie, denn man könne sich auch kurz zuvor oder kurz danach angesteckt haben. Die wenigen Fälle, in denen bislang eine der neuen ansteckenderen Varianten von SARS-CoV-2 in Deutschland nachgewisen worden sei, seien durch Reisen nach Deutschland eingeschleppt worden. Der RKI-Chef hofft, dass mit der Novelle zur Coronavirus-Testverordnung mehr über die Verbreitung bekannt werde, stellt aber auf Kritik über zu seltene Gen-Sequenzierungen des Erregers in Deutschland (nur rund 250 im vergangenen Monat) auch klar: „Es kommt auf gezielte Testungen an, nicht auf die Quantität.“

Der RKI-Chef musste jedoch auch einräumen, dass man derzeit keinen vollen Überblick über die Verbreitung der Varianten habe. Lägen mehr Sequenzdaten vor, sei ein weiterer Vorteil, dass die mRNA-Impfstoffe schnell angepasst werden könnten. Dies gebe eine zusätzliche Perspektive.

Zi-Kritik: Fehlerhafte 7-Tage-Inzidenz durch Meldeverzug

Wieler räumte ein, dass es vor allem während der Feiertage zu Verzerrungen bei der Erfassung und Weiterleitung von Testergebnissen gekommen sei, so seien zum einen weniger Tests erfolgt, zum anderen gab es Verzögerungen im Meldewesen. Auch würden leider nicht alle Gesundheitsämter die RKI-Software für die Weitergabe nutzen, was zu Problemen führen könne.

Kritik kommt dazu auch vom Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung in Deutschland (Zi). In einer aktuellen Stellungnahme sehen Zi-Experten große Fehler und Schwankungen bei der 7-Tage-Inzidenz durch Verzögerungen und Nachmeldungen bei den Infektionen. Dies mache die 7-Tagesinzidenz zu einem unzuverlässigen Parameter für das Pandemie-Management, es ist aber der Haupt-Parameter auf den sich das Infektionsschutzgesetz bezieht. Weil die Aussagekraft stark beeinträchtigt sei, fordern die Zi-Experten, daneben weitere Parameter heranzuziehen. Außerdem sollten Meldewege neu justiert werden. Sollte dies nicht gelingen, schlagen die ZI-Wissenschaftler vor, die letzten Meldetage bei der Berechnung der 7-Tage-Inzidenzen komplett auszuschließen.

In erster Linie empfiehlt das Zi aber, Prozesse zu verbessern. Dass dies gelingen könne, zeige sich am Beispiel von Thüringen. Das Bundesland hat trotz hoher Inzidenzen rund 95% aller Fälle ans RKI gemeldet.

Vakzine von Johnson & Johnson: Zwischenergebnisse aus Phase-1/2a-Studie

Wieler jedenfalls setzt seine Hoffnungen auf die Impfstoffe und rät allen Bürgern: „Lassen Sie sich impfen, sobald Sie an der Reihe sind.“ Derzeit gebe es noch zu wenig Impfstoff, aber innerhalb des Jahres sollte es Dosen für fast alle Impfwilligen geben.

Noch eine 4. Vakzine ist nun am Horizont: Am 1. Dezember 2020 hat die Europäische Arzneimittelagentur EMA mit einer fortlaufenden Überprüfung („Rolling Review“) des Vektorvirus-Impfstoff Ad26.COV2.S. von Johnson & Johnson begonnen. Jetzt wurden im NEJM Zwischenergebnisse einer Phase-1-2a-Studie veröffentlicht.

Dieser scheint sicher zu sein und eine Immunantwort in allen untersuchten Probanden zu induzieren. Insgesamt 800 Erwachsene im Alter von 18 bis 55 Jahren (Gruppe 1) bzw. 65 Jahren und älter (Gruppe 2) wurden auf verschiedene Kombinationen von niedrig- oder hochdosiertem Impfstoff oder Placebo randomisiert, die im Abstand von 56 Tagen verabreicht wurden.

 
Lassen Sie sich impfen, sobald Sie an der Reihe sind. Prof. Dr. Lothar H. Wieler
 

Unerwünschte Ereignisse traten relativ oft auf, wobei Müdigkeit, Kopfschmerzen, Myalgien und Schmerzen an der Injektionsstelle am häufigsten berichtet wurden. Am Tag 29 nach der ersten Dosis lag die Serokonversionsrate in Gruppe 1 bei allen untersuchten Dosis-Schemata bei 99% oder mehr. Für Gruppe 2 nennen die Autoren 96%. 57 Tage nach der ersten Dosis waren die Antikörper-Titer in beiden Gruppen weiter angestiegen. „Die Sicherheits- und Immunogenitätsprofile von Ad26.COV2.S unterstützen die Weiterentwicklung dieses Impfstoffkandidaten“, heißt es als Resümee.

Update vom 12. Januar 2021

  • EMA hat Zulassungsantrag für COVID-19-Impfstoff von Astra-Zeneca erhalten

  • Darmmikrobiom kann Schweregrad von COVID-19 und Immunantwort beeinflussen

  • Rheumatologen warnen vor Falschinformationen über Impfung

EMA hat Zulassungsantrag für COVID-19-Impfstoff von Astra-Zeneca erhalten

Die EMA berichtet, den Antrag auf bedingte Marktzulassung (CMA) für den von AstraZeneca und der Universität Oxford entwickelten COVID-19-Impfstoff erhalten zu haben. Die Bewertung des Impfstoffs soll nach einem beschleunigten Zeitplan erfolgen. Eine Stellungnahme zur Zulassung könnte bis zum 29. Januar während der Sitzung des wissenschaftlichen Ausschusses für Humanarzneimittel (CHMP) der EMA abgegeben werden, so heißt es.

Voraussetzung sei natürlich, dass die eingereichten Daten zur Qualität, Sicherheit und Wirksamkeit des Impfstoffs hinreichend belastbar und vollständig seien und dass alle zusätzlichen Informationen, die zur Vervollständigung der Bewertung erforderlich seien, zeitnah vorgelegt würden. Der kurze Zeitrahmen für die Bewertung sei nur möglich, weil die EMA bereits einige Daten zu dem Impfstoff im Rahmen einer „rolling review“ geprüft habe.

Im Gegensatz zu den beiden bereits zugelassenen Impfstoffen handelt es sich bei dem AstraZeneca-Impfstoff um eine Adenovirus-basierte Vakzine, die damit ein herkömmliches Prinzip der Impfstoffherstellung nutzt. Laut bisherigen Studiendaten ist der AstraZeneca-Impfstoff mit einer Wirksamkeit von rund 70% etwas weniger effektiv als die beiden bereits zugelassenen mRNA-Vakzine.

Darmmikrobiom kann Schweregrad von COVID-19 und Immunantwort beeinflussen

Die Vielfalt und das Volumen der Bakterien im Darm, bekannt als Mikrobiom, können den Schweregrad von COVID-19 sowie das Ausmaß der Immunantwort auf die Infektion beeinflussen, so die Ergebnisse einer Studie, die online in der Zeitschrift Gut veröffentlicht worden ist.

Ungleichgewichte in der Zusammensetzung des Mikrobioms könnten auch an den anhaltenden Entzündungssymptomen beteiligt sein, die als „Long-COVID" bezeichnet werden, meinen die Autoren.

Die Forscher wollten testen, ob der Darm als das größte immunologische Organ des Körpers, dessen Mikrobiom bekanntermaßen die Immunantwort beeinflusst, auch die Reaktion des Immunsystems auf eine COVID-19-Infektion beeinflussen könnte. Sie analysierten dafür Blut- und Stuhlproben sowie die Krankenakten von 100 stationären Patienten mit bestätigter COVID-19-Infektion und von 78 Personen ohne COVID-19, die vor der Pandemie an einer Mikrobiom-Studie teilgenommen hatten.

Der Schweregrad der COVID-19-Infektion wurde als leicht eingestuft, wenn keine röntgenologischen Hinweise auf eine Lungenentzündung vorlagen; als mittelschwer, wenn eine Lungenentzündung mit Fieber und Atemwegssymptomen festgestellt wurde; als schwer, wenn die Patienten Schwierigkeiten hatten, normal zu atmen; und als kritisch, wenn sie mechanisch beatmet werden mussten oder ein Organversagen auftrat, das eine Intensivbehandlung erforderte.

Um das Darmmikrobiom zu charakterisieren, gaben 41 der COVID-Patienten während ihres Krankenhausaufenthalts mehrere Stuhlproben ab, 27 von ihnen gaben serielle Stuhlproben bis zu 30 Tage nach der Clearance von SARS-CoV-2 ab. Die Analyse aller 274 Stuhlproben zeigte, dass sich die Zusammensetzung des Darmmikrobioms zwischen Patienten mit und ohne COVID-19 signifikant unterschied, unabhängig davon, ob sie mit Medikamenten, einschließlich Antibiotika, behandelt worden waren.

COVID-Patienten hatten eine höhere Anzahl von Ruminococcus gnavus-, Ruminococcus torques- und Bacteroides dorei-Spezies als Menschen ohne die Infektion. Und sie hatten weit weniger der Arten, die die Reaktion des Immunsystems beeinflussen können, wie Bifidobacterium adolescentis, Faecalibacterium prausnitzii und Eubacterium rectale.

Geringere Zahlen von F. prausnitzii und Bifidobacterium bifidum waren besonders mit dem Schweregrad der Infektion assoziiert, dabei wurde für den Einsatz von Antibiotika und das Alter der Patienten korrigiert. Und die Anzahl dieser Bakterien blieb auch in den Proben niedrig, die bis zu 30 Tage, nachdem bei den infizierten Patienten das Virus nicht mehr im Körper nachweisbar war, gesammelt worden waren.

Eine COVID-19-Infektion veranlasst das Immunsystem, als Reaktion darauf entzündliche Zytokine zu produzieren. In einigen Fällen kann diese Reaktion exzessiv sein („Zytokinsturm") und zu weitreichenden Gewebeschäden, septischem Schock und Multiorganversagen führen. Die Analyse der Blutproben ergab, dass das mikrobielle Ungleichgewicht, das bei den COVID-Patienten gefunden wurde, auch mit erhöhten Spiegeln von Entzündungszytokinen und Blutmarkern für Gewebeschäden, wie dem C-reaktiven Protein und bestimmten Enzymen, verbunden war.

Dies deutet darauf hin, dass das Darmmikrobiom die Reaktion des Immunsystems auf die COVID-19-Infektion und möglicherweise die Schwere der Erkrankung und den Ausgang beeinflussen könnte, so die Forscher.

„In Anbetracht von Berichten, dass eine Untergruppe von genesenen Patienten mit COVID-19 anhaltende Symptome wie Müdigkeit, Dyspnoe und Gelenkschmerzen aufweist, teilweise mehr als 80 Tage nach dem ersten Auftreten der Symptome, postulieren wir, dass das dysbiotische Darmmikrobiom zu immunbezogenen Gesundheitsproblemen nach COVID-19 beitragen könnte", schreiben sie.

Da es sich um eine Beobachtungsstudie handelt, kann sie keine kausalen Zusammenhänge nachweisen. Außerdem variiert das Darmmikrobiom stark zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen, so dass die in dieser Studie beobachteten Veränderungen möglicherweise nicht auf andere COVID-Patienten übertragbar sind, warnen die Forscher. Trotzdem, so meinen sie, könne „die Wiederherstellung von nützlichen Darmspezies, die bei COVID-19 dezimiert wurden, ein neuer Weg sein, um die Krankheitsschwere zu lindern“.

Rheumatologen warnen vor Falschinformationen über Impfung

Die DGRh warnt vor Meldungen, nach denen Menschen mit entzündlich-rheumatischen Erkrankungen von einer SARS-CoV-2-Impfung abgeraten wird. In den vergangenen Tagen habe es dazu vermehrt verunsicherte Anfragen gegeben. Die Falschinformationen würden auch seitens Landesregierungen, Krankenkassen und Medien verbreitet: Danach soll die Corona-Impfung für Menschen mit Rheuma risikobehaftet – und damit nicht geeignet – sein. Dies treffe nicht zu, betont die Deutsche Gesellschaft für Rheumatologie. Die Fachgesellschaft empfiehlt dagegen sogar ausdrücklich die Impfung für Patienten mit entzündlich-rheumatischen Erkrankungen.

Die Zulassung der Impfstoffe von Biontech und Moderna schließe Patienten mit chronischen Erkrankungen und Autoimmunerkrankungen ebenso ein wie jene unter immunsuppressiver Therapie. Zwar seien die Vakzine für diese Patienten noch nicht systematisch getestet. „Erfahrungen mit anderen Totimpfstoffen zeigen aber, dass die Impfungen auch bei Patienten mit entzündlich-rheumatischen Erkrankungen in aller Regel sicher und wirksam durchführbar sind“, so DGRh-Präsident Prof. Dr. Andreas Krause, Berlin.

„Die Falschinformationen zur Impfung sind nicht nur unbegründet, sie sind sogar potenziell lebensgefährlich für die Betroffenen, denen man die Impfung verwehrt“, so Krause weiter. Die STIKO rät sogar generell, Patienten mit einem eingeschränkt funktionierenden Immunsystem vorrangig zu impfen. Einzige Gegenanzeige wäre eine Überempfindlichkeit gegenüber einem der Inhaltsstoffe des Impfstoffs. Darüber hinaus sollten Schwangere zurzeit nicht geimpft werden.

Prof. Dr. Christof Specker, 1. Vizepräsident der DGRh, appelliert: „Wir raten ausdrücklich dazu, die fehlerhaften Informationen umgehend zu korrigieren und bitten zudem alle informierenden Stellen, Landesregierungen, Krankenkassen und Medien, die korrekte Information an die Bevölkerung und damit die Betroffenen zu verbreiten.“

Update 11. Januar 2021

  • Corona-Impfstoffe: Mehr Zulassungen – größere Liefermengen

  • Kontroverse um das Impfschema – Experten warnen vor Selektion resistenter Varianten

  • Marburger Bund: Mehr Impfpriorität für Medizinstudierende im PJ

  • US-Todesursachen-Statistik: COVID-19 an 3. Stelle

Deutschlandweit sind dem RKI in den vergangenen 24 Stunden 12.497 Neu-Infektionen mit SARS-CoV-2 gemeldet worden, und weitere 343 Todesfälle im Zusammenhang mit COVID-19 (Stand 11. Januar 2021, 09:00 Uhr). Dabei gilt ein Verzug von Meldedaten durch das Wochenende als wahrscheinlich. Gesundheitspolitiker setzen neben dem verschärften Lockdown, in manchen Bundesländern gilt die 15-Kilometer-Regel, vor allem auf Impfungen. Doch das klappt nicht immer reibungslos.

Corona-Impfstoffe Mehr Zulassungen – größere Liefermengen

Das Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) berichtet von Verzögerungen bei der Anlieferung neuer Impfstoffdosen, was die Hamburger Sozialbehörde dementiert. Bundesminister Jens Spahn (CDU) weist Vorwürfe, Deutschland habe zu wenige Dosen der Vakzine bestellt, zurück, hofft aber auf Entspannung. Die europäische Arzneimittelagentur EMA erklärte letzte Woche, dass Ärzte aus einer Durchstechflasche Comirnaty® von BioNTech 6 Dosen entnehmen können, falls sich nach der 5. Entnahme noch mindestens 0,3 ml darin befinden. Zuvor war man von nur 5 Dosen pro Gebinde ausgegangen.

Auch ein mRNA-Impfstoff von Moderna wurde mittlerweile zugelassen und befindet sich gerade in der Auslieferung. Beim Kandidaten von AstraZeneca ist laut EMA auch mit einer baldigen europäischen Zulassung zu rechnen. Dennoch bleiben Vakzine Mangelware.

Kontroverse um das Impfschema – Experten warnen vor Selektierung resistenter Varianten

Um einen ausreichenden Schutz gegen SARS-CoV-2-Infektione zu erreichen, müssen die bislang zugelassenen Impfstoffe 2-malig verabreicht werden – laut Zulassung im Mindestabstand von 21 Tagen (BioNTech) bzw. 28 (Moderna), aber nicht mehr als 42 Tagen. Britische Behörden wollen den Abstand zur 2. Dosis auf bis zu 12 Wochen hinauszögern, was etwa die FDA in USA sowie die EMA für Europa ablehnen. Die Ständige Impfkommission (STIKO) am Robert Koch-Institut spricht sich in ihrer aktualisierten Empfehlung ebenfalls dagegen aus.

Beim Pressebriefing des Science Media Center Germany diskutierten Experten über die Hintergründe. Prof. Dr. Florian Krammer von der Icahn School of Medicine at Mount Sinai, New York, zufolge habe man in Zulassungsstudien gesehen, dass bereits nach der 1. Impfung ein gewisser Schutz bestehe. „Wir wissen aber auch, dass der Titer an neutralisierenden Antikörpern sehr gering ist“, gibt er zu bedenken. Es könne damit vermehrt zu asymptomatischen Infektionen kommen, und resistente Varianten würden selektiert.

„Je mehr wir den Abstand zwischen beiden Impfungen hinauszögern, desto größer ist das Risiko, dass dies passiert“, so Krammer. Eher noch sieht er die Möglichkeit, beim Moderna-Impfstoff die Dosis zu verringern. „In Phase-1- und Phase-2-Studien hat bereits ein Viertel der jetzt empfohlenen Dosis eine gute Immunantwort induziert“, so der Experte. „Allerdings bräuchte wir dafür weitere Daten.“

In seinem Statement machte Prof. Dr. Thomas Mertens, Vorsitzender der STIKO, klar, man hüte sich, etwas zu empfehlen, was nicht von Zulassungen – und damit von entsprechenden Studiendaten – abgedeckt sei.

„Derzeit stellen wir Personen mit gesicherter SARS-CoV-2-Infektion bei der Priorisierung zurück“, so Mertens. Als weitere Neuerung des STIKO-Papers nennt er, dass keine Bevorratung der 2. Dosis mehr empfohlen werde. Beide derzeit in der EU zugelassenen Vakzine hält er für gleichwertig und ärgert sich darüber, dass die Bevölkerung über Nachkomma-Stellen diskutiert. „Diese Zahlen werden sich ohnehin ändern, sobald wir einige Millionen Menschen weltweit geimpft haben“, sagt der Experte.

Kritik an der Verteilung hält er nicht für gerechtfertigt. „Zu Beginn dachte ich, 100.000 Impfungen am Tag wären schon ein großer Erfolg.“ Hinter den politischen Debatten sieht er eher den herannahenden Wahlkampf.

Vor möglichen Resistenzen warnte auch Prof. Dr. Hartmut Hengel, Leiter des Instituts für Virologie, Universitätsklinikum Freiburg: „Durch eine nicht stringente Impfpolitik haben wir etwa bei Mumps und bei Masern Varianten selektiert, die von Antikörpern nicht mehr neutralisiert werden. Wir sollten uns in der Pandemie-Situation stringenter verhalten.“

Dennoch bleibt er optimistisch, was Mutationen betrifft: „Wir können mRNA-Impfstoffe schnell anpassen und auch die regulatorischen Voraussetzungen gut umsetzen, um ein Wettrennen zu bestreiten.“ Herausforderungen sieht er an anderer Stelle: „Wir haben 2009 bei der Schweinegrippe gesehen, wie wichtig eine offensive Risikokommunikation ist.“ Diese sei auch jetzt wichtig; Forscher müssten sagen, was sie nicht wüssten, und diese Ungewissheit eingestehen und aushalten.

Marburger Bund: Mehr Impfpriorität für Medizinstudierende im PJ

Die STIKO-Empfehlung priorisiert, wie bekannt, Personal in medizinischen Einrichtungen mit engem Kontakt zu vulnerablen Gruppen oder mit hohem Expositionsrisiko. In einer Pressemeldung kritisiert der Marburger Bund, viele Kliniken würden Medizinstudierende im letzten Jahr ihrer Ausbildung, dem Praktischen Jahr (PJ), Impfungen trotz der möglichen Gefährdung verwehren.

In Notaufnahmen sowie auf Infektions- und Intensivstationen seien sie aber ähnlichen Gefahren wie Ärzte oder Pflegekräfte ausgesetzt. „Wer an der Behandlung potenziell infektiöser Patienten mitwirkt und an vorderster Stelle mithilft, die Folgen der Pandemie zu bewältigen, muss auch bei den Impfungen gleichberechtigt berücksichtigt werden“, fordert Philipp Schiller. Er ist Vorsitzender des Sprecherrates der Medizinstudierenden im Marburger Bund.

US-Todesursachen-Statistik: COVID-19 an 3. Stelle

Unterdessen fordert die Corona-Pandemie in den USA ihren Tribut – und treibt die Sterberaten nach oben: COVID-19 war wahrscheinlich die dritthäufigste Todesursache in den USA im Jahr 2020, berichtet CNN unter Berufung auf eine E-Mail von Statistikern der U.S. Centers for Disease Control and Prevention.

„Wir haben immer noch nur vorläufige Daten bis zum 26. Dezember. Wir sollten sehr bald mehr Daten bekommen“, sagen die CDC-Statistiker in der E-Mail. „Derzeit schätzen wir, dass es zwischen 316.252 und 431.792 Exzess-Todesfälle im Jahr 2020 gab.“ Und weiter: „Unsere vorläufigen Sterbeurkunden-Daten zeigen über 301.000 Todesfälle mit COVID-19, was ihm wahrscheinlich Platz 3 auf der Liste der häufigsten Todesursachen bringen würde.“

Laut CDC sind Herzkrankheiten seit Jahren die führende Todesursache, gefolgt von Krebs und Unfällen. Die Statistiker der CDC sagen, dass es „genug Abstand“ zwischen den Krebs-Todesfällen und denen, die durch Unfälle oder unbeabsichtigte Verletzungen verursacht werden, gebe, „um bequem sagen zu können“, dass COVID-19 die dritthäufigste Todesursache für 2020 sei, berichtet CNN.

Die USA hatten am Mittwoch den 6. Januar 357.258 Coronavirus-bedingte Todesfälle registriert, so die Johns Hopkins University. Prof. Dr. Thomas Frieden, ehemaliger Direktor der CDC, gab COVID-19 ebenfalls in einem Interview mit CNN bereits im August den 3. Platz bei den Todesursachen, damals waren nur etwa 170.000 Amerikaner am Coronavirus gestorben.

Im Oktober hatte das JAMA wie berichtet Wissenschaftler mit der Aussage zitiert, dass Erwachsene über 45 Jahre derzeit eher an COVID-19 sterben als an Autounfällen, Atemwegserkrankungen, einer Überdosis Drogen oder Suizid. „Der derzeitige exponentielle Anstieg von COVID-19 erreicht in den USA ein katastrophales Ausmaß“, schrieben die Autoren damals im JAMA. „Diese Zahlen in die richtige Perspektive zu rücken, kann schwierig sein.“

Update 7. Januar 2021

  • Lockdown mindestens bis Ende Januar

  • Weitere Zulassung eines SARS-CoV-2-Impfstoffs in der EU

  • Wissenschaftler befürworten Strategie mit verzögerter 2. Impfung

  • Erschweren neue SARS-CoV-2-Mutationen die Pandemie-Bekämpfung?

  • COVID-19-Therapie mit neuem Wirkstoff: Phase-2-Studie beginnt

Innerhalb der letzten 24 Stunden haben sich 26.391 Menschen mit SARS-CoV-2 infiziert und 1.070 sind aufgrund von COVID-19 gestorben, berichtet das RKI. Die 7-Tage-Inzidenz liegt mittlerweile bei 121,8 Fällen pro 100.000 Einwohner (Stand 7. Januar 2021, 07:00 Uhr).

Lockdown mindestens bis Ende Januar

Auf die hohen Zahlen haben Vertreter von Bund und Ländern reagiert. Alle bisherigen Regeln zur Pandemie-Bekämpfung gelten mindestens bis 31. Januar weiter. Restaurants, Kultur- und Freizeit-Einrichtungen bleiben zu. Betriebskantinen sollen soweit möglich ebenfalls geschlossen werden. Und private Zusammenkünfte werden auf eine weitere nicht im Haushalt lebende Person eingeschränkt – ohne Sonderregelungen für Kinder. Davor durften sich bis zu 5 Personen aus 2 Haushalten treffen, mit Ausnahmen für Kinder und Jugendliche unter 14 Jahren. Schulen und Kitas schränken ihren Betrieb wie bisher ein oder öffnen nach den Ferien erst einmal nicht.

Bei einer 7-Tages-Inzidenz von mehr als 200 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner ist vorgesehen, den Bewegungsradius auf 15 Kilometer um den jeweiligen Wohnort einzuschränken. Welche triftigen Gründe als Ausnahmen gelten, ist noch unklar. Arztbesuche oder Wege zur Arbeit will Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) generell ermöglichen. Wie es weitergeht, werden Politiker am 25. Januar beratschlagen.

Auch der schleppende Start der Impfungen war Thema des Gesprächs. Noch im Januar sollen Risikogruppen weitere Angebote für Impfungen erhalten. Merkel und ihre Kollegen der Länder wollen zudem versuchen, in Absprache mit Herstellern die Produktionskapazitäten auszuweiten. Details sind noch unbekannt. Zusätzliche Kapazitäten kommen von Moderna, dessen Impfstoff eine EU-Zulassungsempfehlung erhalten hat.

Weitere Zulassung eines SARS-CoV-2-Impfstoffs in der EU

Die Europäische Arzneimittelagentur EMA hat am gestrigen 6. Dezember 2021 empfohlen, eine bedingte Genehmigung für den Impfstoff mRNA-1273 von Moderna auszusprechen, und zwar für Personen ab 18 Jahren.

„Dieser Impfstoff bietet uns ein weiteres Instrument zur Überwindung des aktuellen Notfalls“, so Emer Cooke, Executive Director der EMA. „Wie bei allen Zulassungen werden wir die Daten zur Sicherheit und Wirksamkeit des Impfstoffs weiterhin überwachen, um einen kontinuierlichen Schutz der EU-Öffentlichkeit zu gewährleisten.“

Grundlage der Bewertung ist eine randomisierte, verblindete, klinische Studie mit rund 30.000 Probanden. Die Hälfte erhielt den Impfstoff und die Hälfte Scheininjektionen. Die Wirksamkeit wurde bei rund 28.000 Personen im Alter von 18 bis 94 Jahren berechnet, die keine Anzeichen einer früheren Infektion hatten.

Die Studie zeigte eine Verringerung der Anzahl symptomatischer COVID-19-Fälle bei Personen, die den Impfstoff erhielten, um 94,1% (11 Erkrankungen unter 14.134 Personen). In der Kontrollgruppe waren es 185 Erkrankungsfälle unter 14.073 Personen. Bei Teilnehmern mit einem Risiko für schweres COVID-19, einschließlich Patienten mit chronischen Lungenerkrankungen, Herzerkrankungen, starkem Übergewicht, Lebererkrankungen, Diabetes oder HIV-Infektionen, betrug die Wirksamkeit 90,9%.

Die Geimpften erhielten im Abstand von 28 Tagen je 1 Dosis. Die meisten Nebenwirkungen waren leicht oder mäßig und besserten sich innerhalb weniger Tage nach der Impfung. Dazu zählten Schmerzen und Schwellungen an der Injektionsstelle, Müdigkeit, Schüttelfrost, Fieber, geschwollene oder empfindliche Lymphknoten unter dem Arm, Kopfschmerzen, Muskel- und Gelenkschmerzen, Übelkeit und Erbrechen.

Wissenschaftler befürworten Strategie mit verzögerter 2. Impfung

Trotz der neuen Zulassung wird es in den nächsten Monaten zu geringe Mengen für alle Impfwilligen geben. Großbritannien plant deshalb, möglichst vielen Menschen die 1. Impfung zu geben und die 2. Dosis zeitlich stark verzögert zu applizieren (Medscape hat hier im Blog berichtet).

Zu dieser Strategie sind in den Annals of Internal Medicine 3 Beiträge erschienen. Dr. Ashleigh R. Tuite von der University of Toronto und Kollegen haben versucht, den Effekt alternativer Strategien der Dosisverteilung mathematisch zu simulieren.

Bei der festen Strategie soll die 2. Impfung innerhalb von 3 Wochen verabreicht werden. Eine hypothetische flexible Strategie sieht vor, bei 10% aller Personen die 2. Dosis innerhalb von 3 Wochen und bei 90% innerhalb von 6 Wochen nach der 1. Impfung zu verabreichen. Damit bekämen in kürzerer Zeit mehr Bürger die 1. Dosis.

Als Wirksamkeit nennen die Autoren für die Biontech-Vakzine 52,4% nach der 1. und 94,8% nach der 2. Dosis. Durch die flexible Strategie ließen sich laut Simulation zusätzlich 23% bis 29% aller COVID-19-Fälle vermeiden, vorausgesetzt, die Liefermenge bleibt konstant.

Ein Team um Dr. A. David Paltiel, Yale School of Public Health, New Haven, ging der Frage nach, wie die beiden Parameter Wirksamkeit eines Impfstoffs und Geschwindigkeit von Impfkampagnen die Erfolge beeinflussen. Ihr Ergebnis: Einzeldosis-Impfungen mit einer Wirksamkeit von 55% bringen einen größeren Nutzen für die Bevölkerung als ein Impfstoff mit der Wirksamkeit von 95% bei 2 Dosen. Diese Zahlen basieren ebenfalls auf der Wirksamkeit der Vakzine von Biontech.

Der 3. Artikel, ein Meinungsbeitrag, wurde von Dr. Ruanne V. Barnabas, University of Washington, und Kollegen veröffentlicht. Die Autoren sprechen sich trotz der geringeren Wirksamkeit für Einzelimpfungen aus – und zwar aus 4 Gründen:

  • Ein höherer Anteil der Bevölkerung wird geschützt.

  • Die größere Zahl an Impfungen wird als gerechter empfunden.

  • Es treten weniger Nebenwirkungen auf.

  • Die Pandemie könnte schneller bekämpft werden als bei der Gabe von 2 Dosen.

Wie bewerten deutsche Experten die Sachlage? „In der aktuellen Diskussion um die SARS-CoV-2-Impfstrategie möchte die Deutsche Gesellschaft für Immunologie darauf hinweisen, dass bereits die 1. Impfung ab Tag 14 einen beträchtlichen Schutz vor schweren Krankheitsverläufen bieten kann“, heißt es in einer Pressemeldung. „Auf eine 2. Impfung darf nicht verzichtet werden, sie kann aber auch später als an Tag 21 (BNT162b2; Biontech/Pfizer) bzw. Tag 28 (mRNA-1273; Moderna) erfolgen.“

Immunologen fordern jetzt weitere Studiendaten. Laut dpa halten es allerdings Berater der Weltgesundheitsorganisation (WHO) nur im Ausnahmefall für vertretbar, die 2. Dosis der Biontech-Vakzine bis zu 6 Wochen nach der 1. Impfung zu verabreichen.

Erschweren neue SARS-CoV-2-Mutationen die Pandemie-Bekämpfung?

Viel Kopfzerbrechen bereiten Epidemiologen auch die neuen SARS-CoV-2-Varianten VOC 2020/12/01 (B.1.1.7) aus Großbritannien und 501.V2 aus Südafrika (Medscape hat hier ebenfalls im Blog berichtet).

„Wir befinden uns in der winterlichen Blütezeit respiratorischer Erkrankungen und nun sattelt noch diese Variante drauf“, kommentiert Prof. Dr. Friedemann Weber vom Institut für Virologie der Universität Gießen. Bisher wurde die neue Variante B.1.1.7 kaum in Deutschland nachgewiesen, doch Weber vermutet, weil bei uns kaum auf Varianten getestet wird: „Die Dunkelziffer dürfte hoch sein.“ Nach jetzigem Stand führt die Variante nicht zu schwereren Verläufen, hat aber einen um 0,4 bis 0,7 höheren R-Wert – und breitet sich damit sehr viel schneller aus.

Das hat Folgen: Großbritannien befindet sich in einem verschärften Lockdown, und Premierminister Boris Johnson hat alle Bürger aufgefordert, zu Hause zu bleiben. Die Zahl an stationären COVID-19-Patienten ist in der letzten Woche um ein Drittel auf fast 27.000 gestiegen. Das sind 40% mehr als beim Höchststand im April 2020. Und am 29. Dezember wurden mehr als 80.000 Menschen positiv auf SARS-CoV-2 getestet, ein neuer Rekord. Die Zahl der Todesfälle ist um 20% gestiegen, verglichen mit der Woche davor.

„Wir müssen besser bei den Maßnahmen werden, um das Virus zu kontrollieren. Falls nicht, werden wir mehr Corona-Fälle sehen“, befürchtet Dr. Adam Lauring, Forscher an der University of Michigan.

Bleibt als Frage, ob Europa durch Lockerungen im Sommer eine Chance verpasst hat. „Die Entstehung solcher Varianten resultiert daraus, dass so viel Virus unterwegs ist“, erklärt Weber. „Mutanten werden immer eher aus Ländern mit hohen Fallzahlen kommen.“ Er weist in dem Zusammenhang darauf hin, wie wichtig Impfungen sind. Experten rechnen in Kürze mit Daten zur Wirksamkeit von Vakzinen bei neuen Varianten.

COVID-19-Therapie mit neuem Wirkstoff: Phase-2-Studie beginnt

Zwar stehen derzeit vor allem Impfstoffe im Rampenlicht der Öffentlichkeit. Dennoch untersuchen Forscher neue Wirkstoffe auf ihr therapeutisches Potenzial bei COVID-19. Atriva Therapeutics hat jetzt vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) grünes Licht für eine randomisierte, Placebo-kontrollierte Phase-2-Studie bekommen.

Ziel von RESPIRE ist, die Wirksamkeit, Sicherheit und Pharmakokinetik von ATR-002 bei Patienten mit mittelschwerem bis schwerem COVID-19, aber ohne Beatmung zu untersuchen. Beim Molekül handelt es sich um eine niedermolekulare Verbindung in oraler Galenik. Sie hemmt MEK, einen Faktor in der menschlichen Wirtszelle, der für die Replikation diverser RNA-Viren erforderlich ist. Zusätzlich hat ATR-002 immunmodulatorische Effekte, die zu einer verminderten Zytokin- bzw. Chemokin-Freisetzung führt – und möglicherweise einen Zytokin-Sturm verhindert.

An der der Charité – Universitätsmedizin Berlin und an weiteren Studienzentren sollen jetzt 220 Patienten rekrutiert werden. Primärer Endpunkt der Studie ist der Nachweis der Wirksamkeit von ATR-002 versus Standardbehandlung plus Placebo. Die sekundären Endpunkte umfassen verschiedene klinische Vitalparameter und Scores. Alle Patienten werden 90 Tage lang nachbeobachtet.

Update 4. Januar 2021

  • Verlängerung des harten Lockdowns recht wahrscheinlich

  • Spahn an Ärzte und Pflegende: „Gebot der Vernunft, sich impfen zu lassen“

  • Verzögerte Impfung – eine Strategie bei knappen Ressourcen?

  • Neue SARS-CoV-2-Variante: Was Forscher bislang wissen

  • Hypertonie eigenständiger Risikofaktor für schweres COVID-19

Am 4. Januar 2020 lagen dem RKI Angaben zu 9.847 Neuinfektionen mit SARS-CoV-2 und zu 302 weiteren Todesfällen durch COVID-19 vor. Alle Daten sind jedoch aufgrund der Feiertage vorsichtig zu interpretieren. Es ist noch mit Verzögerungen im Meldesystem zu rechnen.

Verlängerung des harten Lockdowns recht wahrscheinlich

Die Infektionszahlen seien „weiter besorgniserregend hoch“, und die Auswirkungen der Feiertage seien noch unklar, so Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU). Heute beraten alle Kultusminister der Länder über das weitere Vorgehen.

Es gilt als wahrscheinlich, dass es bei Schulen noch keine Rückkehr zum Regelbetrieb geben wird. „Wir müssen volle Klassen bei diesem hohen Infektionsgeschehen vermeiden“, so Heinz-Peter Meidinger, Präsident des Deutschen Lehrerverbands. Er plädiert bei Grundschülern für Wechselunterricht mit Abstandsregelungen und für Distanzunterricht bei höheren Jahrgängen.

Am kommenden Dienstag tauscht sich Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) mit den Ministerpräsidenten der Länder aus. Im Vorfeld zeichnet sich bereits ab, dass der harte Lockdown verlängert wird. Zunächst sollten alle Einschränkungen nur bis zum 10. Januar gelten.

Nun bestätigt auch Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU): Im Zweifel solle der Lockdown länger gehen, damit er nachhaltiger wirkt. „Gerade die hohe Zahl der Patienten auf den Intensivstationen zeigt, dass es eine Überlastung des Gesundheitswesens weiterhin unbedingt zu vermeiden gilt“, so der Minister.

Spahn zu Mitarbeitern im Gesundheitswesen: „Gebot der Vernunft, sich impfen zu lassen“

Spahn forderte am Wochenende auch alle Ärzte und Pflegekräfte auf, sich impfen zu lassen: „Es ist ein Gebot der Vernunft und der Solidarität, dass diejenigen, die im Gesundheitswesen arbeiten, sich ebenfalls impfen lassen, zu ihrem eigenen Schutz und dem Schutz der ihnen anvertrauten Patienten“, erklärte Spahn. Er reagierte damit auf Umfragen, nach denen Impfskepsis gegen die neuen Corona-Impfstoffe bei Mitarbeitern im Gesundheitswesen verbreitet ist. 

Spahn sagte, er setze dabei auf gute Argumente. Einen Impfzwang schließt er aus. Das wäre laut Dr. Johanna Wenckebach vom Hugo-Sinzheimer-Instituts für Arbeits- und Sozialrecht (HSI) juristisch ohnehin nicht möglich: „Der mit einer Impfung verbundene Eingriff in die körperliche Unversehrtheit der Beschäftigten ist dafür zu schwerwiegend.“

Verzögerte Impfung – eine Strategie bei knappen Ressourcen?

Aber selbst Impfwillige haben es schwer, denn noch gibt es zu wenige Impfstoffdosen. Von den Publikumsmedien wird zum Teil ein „Impfstoff-Desaster“ durch die Politik bemängelt. In Großbritannien ist neben dem BioNTech-Impfstoff inzwischen, wie berichtet, auch eine Vakzine von AstraZeneca und von der Universität Oxford zugelassen. Dort gilt die Empfehlung, zunächst möglichst vielen Menschen die 1. Impfdosis zu verabreichen, die schon einen gewissen Schutz bietet, und die 2. Dosis dann zeitverzögert zu applizieren.

Einige deutsche Experten sehen dies als gangbaren Weg auch bei uns. „Angesichts der aktuellen Impfstoffknappheit und der sehr hohen Infektions- und Hospitalisierungszahlen halte ich … eine Strategie, bei der möglichst viele Menschen frühzeitig geimpft werden, für effektiver, also ohne Impfstoffdosen für die 2. Impfung zurückzuhalten“, erklärt auch Prof. Dr. Leif-Erik Sander von der Charité – Universitätsmedizin Berlin.

Und weiter: „Die Inkaufnahme eines eventuell verlängerten Intervalls bis zur 2. Impfung ist zumindest für die mRNA-Impfstoffe – von BioNTech/Pfizer und Moderna – aus meiner Sicht unbedenklich, da die Impfungen in den Studien schon etwa 10 Tage nach der 1. Injektion einen sehr hohen Schutz gegen COVID-19 zeigten.“ Seiner Meinung nach könne man die Booster-Impfung problemlos etwas verzögern.

Doch es gibt auch andere Stimmen: „Wir sind an die Zulassungsvorgabe gebunden, und die sieht vor, dass die 2. Dosis nach 3 Wochen erfolgt“, gibt Prof. Dr. Peter Kremsner von der Eberhard Karls Universität Tübingen zu bedenken. Doch auch er sagt: „Grundsätzlich ist der britische Ansatz sehr sinnvoll. Wie bei anderen Impfungen kann man die 2. Dosis wahrscheinlich gut auch nach 2 bis 3 Monaten geben, da schon die 1. Dosis scheinbar eine hohe Wirksamkeit erzielt.“ Wie der Spiegel berichtet, will Gesundheitsminister Spahn nun prüfen lassen, ob diese Strategie auch in Deutschland möglich ist.

Neue SARS-CoV-2-Variante: Was Forscher bislang wissen

Immer mehr Bedenken kommen auch auf, was die neuen Varianten des Coronavirus VOC 2020/12/01 (B.1.1.7) aus Großbritannien und 501.V2 aus Südafrika betrifft. Beide Mutationen sind mittlerweile noch in einigen anderen Ländern (auch in Deutschland) nachgewiesen worden.

Doch sprechen beide Varianten wohl auf die entwickelten Impfstoffe an – auch wenn sie wohl deutlich ansteckender geworden sind: „Selbst wenn eine Mutation vorhanden ist, verhindert dies nicht die Erkennung durch das Immunsystem“, sagt Prof. Dr. Richard Neher vom Biozentrum der Universität Basel. Einzelne Mutationen reichten nicht aus, um der komplexen Immunantwort zu entgehen. Prof. Dr. Thomas Mertens, Vorsitzender der Ständigen Impfkommission, hofft, dass es bereits Anfang Januar explizite Daten dazu geben wird, inwieweit der BioNTech-Impfstoff auch gegen neue Varianten von SARS-CoV-2 schützt.

Relativ klar scheint zu sein, dass die mutierten Erreger höhere virulent sind. Auf Twitter veröffentlichte Prof. Dr. Nick Davies von der London School of Hygiene & Tropical Medicine erste Analysen. Demnach ist die britische Variante um mindestens 50% ansteckender, verglichen mit derzeit zirkulierenden Viren.

Und laut Einschätzungen des Imperial College London beträgt der Unterschied beim R-Wert immerhin 0,4 bis 0,7. Derzeit liegt die Reproduktionszahl in UK zwischen 1,4 und 1,8. Was den klinischen Verlauf angeht, hat die Mutation wohl keine Auswirkung. Die Gesundheitsbehörde Public Health England hat derzeit keine Hinweise, dass VOC 2020/12/01 zu einem schwereren klinischen Verlauf führt. Zu 501.V2 gibt es kaum Details.

Hypertonie eigenständiger Risikofaktor für schweres COVID-19

Bei welchen Personen die momentan zirkulierenden Varianten schweres COVID-19 auslösen, ist immer noch ein Thema in der Forschung. Wissenschaftler der Charité - Universitätsmedizin Berlin fanden jetzt heraus, dass die arterielle Hypertonie ein eigenständiger Risikofaktor ist – und es sich nicht, wie vermutet, nur um einen Effekt des höheren Alters handelt.

In ihre Analyse nahmen die Autoren klinische Daten von 144 Patienten mit COVID-19 auf. Hinzu kamen nasopharyngale Abstriche von insgesamt 48 Personen mit und ohne COVID-19. Dabei zeigten sich in Immunzellen von Personen mit COVID-19 und arterieller Hypertonie stärkere entzündliche Reaktionen als in Zellen von Patienten ohne Bluthochdruck. Klinisch war eine arterielle Hypertonie mit einer langsameren viralen Clearance und einer höheren Anfälligkeit für schwere Atemwegsinfektionen assoziiert.

Erhielten die Bluthochdruck-Patienten jedoch ACE-Hemmer und sprachen darauf an, ließ sich dadurch das Risiko für schwere COVID-19-Erkrankungen fast auf den Wert von Patienten ohne Bluthochdruck senken. Angiotensin-Rezeptor-Blocker (ARB) zeigten schwächere Effekte und beeinflussten vor allem die virale Clearance nicht.

Die Studie zeige den positiven Effekt einer medikamentöse Blutdrucktherapie, kommentiert Prof. Dr. Ulrich Wenzel vom UKE Hamburg. „Das unterstreicht, wie wichtig es ist, Bluthochdruck in den Griff zu bekommen.“ Wenzel und seine Kollegen bewerten dementsprechend während der SARS-CoV-2-Pandemie ACE-Hemmer als bessere Blutdrucktherapie, falls es individuell keine Kontraindikationen gibt.

Update 30. Dezember 2020

  • Mehr als 60.000 Bundesbürger bereits geimpft

  • Wieler: AHA-L-Regeln bleiben nach wie vor sehr wichtig

  • Chichutek: Nutzen überwiegt Risiken weit – jüngere Erwachsene etwas heftigere Nebenwirkungen

  • UK lässt Oxford/AstraZeneca-Vakzine zu, EMA-Zulassung im Januar „unwahrscheinlich“

  • In Großbritannien sollen möglichst viele zunächst die 1. Dosis erhalten

  • Studie: Re-Infektionsrisiko gering – unter 1.177 Seropositiven nur 2 Re-Infektionen

Das RKI meldet am 30. Dezember 2020 mit 1.129 einen neuen Höchstwert an Todesfällen im Zusammenhang mit COVID-19 und bundesweit 22.459 Neuinfektionen. Die Zahlen hat Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) in Berlin in einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Prof. Dr. Lothar Wieler, dem Chef des RKI, und Prof. Dr. Klaus Chichutek, dem Präsidenten des Paul-Ehrlich-Instituts, vorgestellt. Erstmals ist damit die Marke von 1.000 täglichen Sterbefällen an COVID-19 überschritten worden.

Mehr als 60.000 Bundesbürger bereits geimpft

„Diese Zahlen belegen, wie brutal dieses Virus immer noch zuschlägt“, sagte Spahn. „Die Zahlen zeigen auch, dass wir von einer Normalität noch sehr weit entfernt sind. Ich sehe daher nicht, wie wir in den Modus vor dem Lockdown zurückkehren können.“ Er bezeichnete den Impfstart als „gelungen“ – „Die größte Impfkampagne unserer Geschichte ist erfolgreich angelaufen“ – auch wenn es hier und da noch „ruckelt“. Mehr als 60.000 Bundesbürger seien bereits geimpft worden.

Es handle sich um einen „nationalen Kraftakt“. Spahn erwartet die Zulassung des 2. Impfstoffes, der mRNA-Vakzine des Unternehmens Moderna, für Anfang Januar. Dann erwarte er 1,5 bis 2 Millionen Impfstoffdosen zusätzlich. Der Impfstoff sei überall derzeit „knapp“; er bat um Geduld, bis sich die Situation in den kommenden Monaten entzerrt habe. Biontech werde demnächst eine weitere Betriebsstätte bei Marburg in Betrieb nehmen.

Wieler: AHA-L-Regeln bleiben nach wie vor sehr wichtig

RKI-Chef Wieler räumte ein, der Höchstwert bei den Sterbefällen am heutigen Tag sei möglicherweise auch durch verzögerte Meldungen über die Feiertage bedingt. Er mahnte nochmals die Bevölkerung, sich an die AHA-L-Regeln zu halten – und bei Anzeichen einer Erkältung mindestens 5 Tage zu Hause zu bleiben. Das Virus sei nach wie vor in Deutschland in allen Alters- und Risikopopulationen verbreitet – „auch junge Menschen können schwer erkranken“.

Immer mehr Kliniken seien an den Kapazitätsgrenzen. 5.600 Menschen würden derzeit in Deutschland intensivmedizinisch behandelt – auch dies sei ein neuer Höchststand. Die derzeitigen gemeldeten Infektionszahlen unterschätzten wahrscheinlich die tatsächliche Verbreitung, da über die Feiertage weniger getestet werde und einige Gesundheitsämter keine Fälle weiter meldeten.

Chichutek: Nutzen überwiegt Risiken weit – jüngere Erwachsene etwas heftigere Nebenwirkungen

PEI-Präsident Chichutek betonte, der Impfstoff zeige eine „ganz hervorragende Wirkung“ darin, COVID-19-Erkrankungen zu verhindern und sei dabei „sicher“. Er sei „gut verträglich“, der Nutzen überwiege die Risiken weit. Auch wenn es Einzelberichte zu anaphylaktischen Reaktionen auf den Impfstoff gebe, bestehe doch im Allgemeinen kein größeres Problem für Allergiker.

Chichutek verwies darauf, dass bereits nach der ersten Impfdosis ein „partieller“ Impfschutz bestehe, der komplette Schutz von 95% laut Studiendaten bestehe dann 2 Wochen nach der 2. Impfung.

Als Nebenwirkungen nannte er typische Impfreaktionen wie Druckschmerz, Kopfschmerzen, Unwohlsein, Muskel- und Gliederschmerzen, zum Teil auch Fieber. Diese seien in der Regel moderat und vorübergehend – sie fielen bei jüngeren Erwachsenen, die oft stärker reagieren, zum Teil etwas heftiger aus als bei den alljährlichen Influenza-Impfungen.

UK lässt Oxford/AstraZeneca-Vakzine zu, EMA-Zulassung im Januar „unwahrscheinlich“

Als 1. Regulierungsbehörde weltweit hat die britische MHRA den gemeinsam von der Universität Oxford und AstraZeneca entwickelten COVID-19-Impfstoff zugelassen. Die Impfungen damit sollen am 4. Januar beginnen. Damit ist in Großbritannien nun neben der mRNA-Vakzine von Pfizer/Biontech ein 2. alternativer Impfstoff verfügbar. Die Oxford/AstraZeneca-Vakzine nutzt Schimpansen-Adenovirus-Vektoren.

Prof. Dr. Andrew Pollard, Direktor der Oxford Vaccine Group, sagte: „Die Einschätzung der (britischen) Aufsichtsbehörde, dass dies ein sicherer und wirksamer Impfstoff ist, ist ein Meilenstein und eine Bestätigung der enormen Anstrengungen.“ Dies sehen andere Zulassungsbehörden jedoch anders: Wie Reuters berichtet, hält die EMA eine EU-Zulassung des AstraZeneca-Impfstoffes noch im Januar für „unwahrscheinlich“. Das Unternehmen habe bei der EMA die Zulassung noch nicht beantragt.

In Großbritannien sollen möglichst viele zunächst die 1. Dosis erhalten

In UK hat der Gemeinsame Ausschuss für Impfung und Immunisierung (JCVI) angekündigt, bei beiden nun verfügbaren Impfstoffen zunächst die Verabreichung der 1. Dosis zu priorisieren. Aufgrund der „vorliegenden Evidenz“ hält es der JCVI für besser, zunächst an möglichst viele Personen in den Risikogruppen die 1. Dosis zu verabreichen, anstatt die erforderlichen 2 Dosen in so kurzer Zeit wie möglich bereitzustellen. Es heißt jedoch: „Jeder erhält weiterhin seine zweite Dosis und dies innerhalb von 12 Wochen nach der ersten.“ Die 2. Dosis sei vor allem „wichtig für einen längerfristigen Schutz“.

Die Ergebnisse der Phase-3-Studie mit der Vakzine waren am 8. Dezember im Lancet veröffentlicht worden. Sie hatten für einige Irritationen gesorgt: Gepoolt hatte der Oxford-Impfstoff ChAdOx1 nCoV-19, auch bekannt als AZD1222, einen 70,4%igen Schutz gegen SARS-CoV-2 gezeigt.

Gepoolt worden waren dabei die Daten aus 2 Gruppen: Bei Teilnehmern, die wie geplant 2 Standarddosen erhalten hatten, betrug die Wirksamkeit gegen COVID-19 nur 62,1%; dagegen lag sie bei Teilnehmern, die (wohl irrtümlich) eine 1. niedrigere Dosis gefolgt von der Standarddosis erhalten hatten, bei 90,0%. Welches Dosierungsschema nun für die Impfungen ab dem 4. Januar empfohlen wird, will die MHRA erst später bekannt geben.

Im Gegensatz zum Pfizer/Biontech-Impfstoff, der eine Lagerung von -70 °C erfordert, ist der Oxford-Impfstoff einfacher zu verabreichen, da er nur kühl bei Temperaturen zwischen 2 °C und 8 °C gelagert werden muss.

Studie: Re-Infektionsrisiko gering – unter 1.177 Seropositiven nur 2 Re-Infektionen

Die Gefahr, sich ein 2. Mal mit SARS-CoV-2 zu infizieren, ist vermutlich sehr gering. Das geht aus einer britischen Kohortenstudie mit Angestellten im Gesundheitswesen hervor, die im NEJM veröffentlicht worden ist. Danach war das Vorhandensein von IgG-Antikörpern gegen das Spikeprotein oder das Nukleokapsid des Coronavirus mit einem deutlich reduzierten Risiko einer Re-Infektion mit SARS-CoV-2-in den folgenden 6 Monaten verbunden.

Die Forscher hatten Blutproben von 12.541 Mitarbeitern der Universitätsklinik Oxford auf IgG-Antikörper untersucht. 11.364 (90,6 %) waren seronegativ, 1.177 (9,4 %) seropositiv und bei 88 kam es im Studienverlauf zur Serokonversion. In den folgenden Monaten wurde dann die Inzidenz von SARS-CoV-2-Infektionen sowohl bei den seropositiven als auch den seronegativen Mitarbeitern durch regelmäßige PCR-Tests ermittelt.

Von den initial 11.364 Personen mit negativem Antikörpertest wurden im Studienverlauf 223 per PCR-Test positiv getestet. Davon zeigten 123 COVID-Symptome, die restlichen blieben symptomlos. Nur 2 Personen, die zuvor seropositiv waren, wurden nach 190 bzw. 199 Tagen erneut positiv getestet. Beide hatten bei der Erstinfektion keine Symptome. Die Studienautoren errechneten daraus eine Inzidenz der Corona-Infektionen von 1,09 auf 10.000 Personentage bei den Mitarbeitern ohne IgG-Antikörper, aber nur von 0,13 auf 10.000 bei denjenigen mit IgG-Antikörpern.

Unklar bleibe, so schreiben sie, ob der Schutz vor einer Re-Infektion direkt durch die IgG-Antikörper oder durch eine T-Zell-Immunität vermittelt werde. Um das Ausmaß und die Dauer des Schutzes vor Re-Infektion beurteilen zu können, sei zudem eine kontinuierliche Nachbeobachtung erforderlich.

Update 29. Dezember 2020

  • Steigende Fallzahlen nach den Feiertagen erwartet

  • DIVI: Die aktuelle Situation auf den Intensivstationen

  • Gedächtniszellen mindestens 8 Monate im Körper

  • COVID-19-Antikörper: Schutz vor Infektionen?

  • Impfkampagnen in Deutschland: Es holpert noch

  • Neue Studie: Masken retten Leben

Mit 12.892 neu gemeldeten SARS-CoV-2-Infektionen in den letzten 24 Stunden hat die Zahl der bestätigten Infektionen in Deutschland nun über 1,664 Millionen erreicht. 852 zusätzliche Todesfälle im Zusammenhang mit COVID-19 haben die Zahl der Todesfälle auf knapp 31.000 erhöht. Die 7-Tages-Inzidenz beträgt am 29. Dezember laut RKI nun 149,2 Fälle pro 100.000 Einwohner.

Steigende Fallzahlen nach den Feiertagen erwartet

Gleichzeitig warnen RKI-Experten auf dem Daten-Dashboard die niedrigeren Zahlen überzubewerten: „Während der Weihnachtsfeiertage, zum Jahreswechsel und an den umgebenden Tagen ist … zu beachten, dass meist weniger Personen einen Arzt aufsuchen, dadurch werden weniger Proben genommen und weniger Laboruntersuchungen durchgeführt.“ Gesundheitsämter erhielten weniger Meldungen über SARS-CoV-2-Infektionen, würden aber auch weniger Daten an Landesbehörden übermitteln.

Für die USA rechnet Dr. Anthony Fauci, Direktor des NIAID, mit steigenden Fallzahlen nach den Feiertagen, vor allem durch mehr Reisen und damit verbundene Kontakte an Flughäfen oder Bahnhöfen – ein Szenario, dass Epidemiologen auch in Deutschland für möglich halten.

DIVI: Die aktuelle Situation auf den Intensivstationen

Wie sieht es in den Krankenhäusern aus? Die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) berichtet von sinkenden Ressourcen. Ihr letzter Tagesreport ist vom 28. Dezember 2020. Danach befinden sich momentan 5.597 Patienten aufgrund von COVID-19 in intensivmedizinischer Behandlung (35 mehr als am Vortag), davon werden 3.017 (54%) invasiv beatmet.

Belegt sind insgesamt 13.405 Betten im Low-Care-, 8.229 im High-Care- und 354 im ECMO-Bereich. Als freie Kapazitäten nennt die DIVI 1.409, 3.626 bzw. 444 Behandlungsplätze.

„Man muss sagen, dass es zunehmend knapper wird“, kommentierte DGIIN-Präsident Prof. Dr. Christian Karagiannidis bereits am 24. Dezember. Auf die Kritik zu Fehlern im Register sagte der Experte: „Ich glaube schon, dass die allermeisten (Krankenhäuser) richtig melden und mittlerweile auch nur das Bett melden, für das sie auch Personal zur Verfügung haben.“ Vorkommnisse wie in Sachsen – hier hatte ein Arzt aus Zittau eine Triage angesprochen, seien „der Situation geschuldet“, so Karagiannidis.

„Beim Personal haben wir das 1. Mal die Situation, dass die Ampeln bundesweit eher auf Rot als auf Grün stehen“, ergänzt der Experte. Abfragen zur Betriebssituation gibt es seit dem Sommer. Rund 700 Intensivstationen melden Engpässe bei Angestellten – vor allem bei Pflegekräften, teilweise aber auch bei Ärzten.

„Wir haben zunehmend Krankheitsausfälle beim medizinischen Personal“, ergänzt DIVI-Präsident Prof. Dr. Uwe Janssens. „Da würde erst die Impfung … Abhilfe schaffen“, erklärt Karagiannidis. 

Ein mathematisches Prognosemodell lässt weitere Anstiege der Patientenzahlen auf Intensivstationen bis Mitte Januar erwarten. „Der Lockdown hat nur eine Effektivität von 25%“, so Karagiannidis zu den Daten am 24. Dezember. Hält der Trend an, rechnet er mit „mindestens 6.000 Intensivpatienten in Deutschland“.

Dies werde „Krankenhäuser regional an die Grenze bringen“, so seine Befürchtung. Er wünscht sich, dass sich die Menschen strikter an bekannte Regeln halten. Und für Kliniken: „Wir sollten die Arbeitsmoral hochhalten und das Klinikpersonal schützen“, ist seine Botschaft. Auch er hofft auf Effekte der Impfungen – und will in Kliniken Impfquoten von 70 bis 80% erreichen.

Gedächtniszellen mindestens 8 Monate im Körper

Wie lange der Schutz, etwa nach einer überstandenen Infektion mit SARS-CoV-2 anhält, ist eine nach wie vor viel diskutierte Frage. Gemma E. Hartley von der Monash University, Melbourne, und Kollegen berichten jetzt von neuen Ergebnissen. Sie haben insgesamt 36 Blutproben von 25 COVID-19-Patienten zwischen 4 und 242 Tagen nach Auftreten der Symptome entnommen und untersucht.

Wie schon zahlreiche Arbeitsgruppen vor ihnen finden sie ab dem 20. Tag einen Rückgang der Titer an neutralisierenden Antikörpern. Die Zahl der Gedächtniszellen für T- und B-Zellen blieb jedoch im Zeitraum nahezu konstant und waren nach 8 Monaten noch vorhanden, was Hartley und Kollegen über zytometrische Untersuchungen zeigen konnten. Hartley und Kollegen hoffen, wie sie schreiben, deshalb auf eine dauerhafte Immunität. Weitere Studien mit einer größeren Zahl an Blutproben seien jedoch erforderlich.

COVID-19-Antikörper: Schutz vor Infektionen?

Antikörper spielen während der Pandemie auch zunehmend eine therapeutische Rolle: Nicht alle Personen können erfolgreich geimpft werden. Unklar ist, welche Effekte Vakzine bei Risikopatienten mit Immundefizienz, Krebs, HIV-Infektion o.ä. zeigen. Um diese Personengruppe nach Risikokontakten mit SARS-CoV-2-Infizierten zu schützen, setzen Forscher schon länger auf verabreichte COVID-19-Antikörper. Unter der Leitung der University College London Hospitals laufen momentan 2 randomisierte, placebokontrollierte klinische Studien der Phase 3.

Im Rahmen von STORM CHASER wollen Forscher herausfinden, ob AZD7442, eine Antikörper-Kombination von AstraZeneca, sofortigen und langfristigen Schutz nach dem Kontakt mit SARS-CoV-2 bietet. Eingeschlossen werden 1.125 Personen. Die andere Studie PROVENT befasst sich mit AZD7442 bei Personen, die möglicherweise nicht auf eine Impfung ansprechen. Hier sollen 5.000 Probanden eingeschlossen werden. Sowohl in STORM CHASER als auch in PROVENT werden nur Personen ohne Impfschutz aufgenommen.

AstraZeneca bezeichnet die Antikörper als Long Acting Antibodies (LAABs). Diese wurden chemisch so modifiziert, dass sie 6 bis 12 Monate im Blut zirkulieren, ohne abgebaut zu werden. Medienberichten zufolge rechnet AstraZeneca noch im Januar mit einer Zulassung.

Impfkampagnen in Deutschland: Es holpert noch

Mittlerweile sind in Deutschland Impfungen angelaufen – aber nicht ganz ohne einige Schwierigkeiten. So bekamen etwa in einem Pflegeheim in Stralsund 8 Mitarbeiter eine 5-fache Dosis des Impfstoffs. 4 von ihnen wurden vorsorglich stationär beobachtet, sind aber inzwischen wieder entlassen worden.

Pfizer und Biontech wiesen darauf hin, dass für Personen, die eine Überdosis des Impfstoffs erhalten hätten, „eine Überwachung der Vitalfunktionen und eine mögliche symptomatische Behandlung empfohlen wird“.

Eine Panne gab es auch in Bayern: Dort waren 1.000 Impfdosen nicht lückenlos gekühlt worden. Ein Sprecher des Landratsamts erklärte, der Impfstoff sei zwar einsetzbar gewesen. Man wolle aber jegliche Zweifel ausräumen und der Bevölkerung einen 100-prozentig einwandfreien Impfstoff bieten – eine umstrittene Entscheidung.

„Dieser Streit offenbart einen grundlegenden Konflikt der eilig gestarteten Massenimpfung“, schreibt der Spiegel . „Sollten nur 100-prozentig einwandfreie Dosen genutzt werden, um Impfrisiken zu minimieren? Oder sollten Risiken, die aus Sicht von Experten vertretbar scheinen, eingegangen werden, um möglichst viele Dosen der knappen Vakzine rasch zu nutzen und dadurch womöglich Leben zu retten?“

Neue Studie: Masken retten Leben

Wie alle Experten betonen, soll jedoch die „AHA+L“-Regel weiter gelten – auch wenn immer mehr Menschen geimpft sind. Bis eine Herdenimmunität erreicht ist, kann es noch Monate dauern, wenn nicht noch länger.

Dass Masken und Gesichtsbedeckungen die Verbreitung von Viren wirksam eindämmen, zu diesem Schluss kommt nun auch eine neue Übersichtsarbeit mit 100 eingeschlossenen Veröffentlichungen. Das Tragen eines Gesichtsschutzes in einem überfüllten Innenraum verringert demnach die Wahrscheinlichkeit, dass eine infizierte Person das Virus an andere weitergibt.

„Alle diese Studien waren Beobachtungsstudien, aber in allen Fällen blieben die Vorteile der Maskierung nach Korrektur potenzieller Störgrößen bestehen“, so die Autoren. Simulationen zufolge hätten universelle (100%) oder nahezu universelle (85%) Masken in den Vereinigten Staaten während der Pandemie 129.574 Todesfälle (95%-KI: 85.284 bis 170.867 Todesfälle) vermieden. „Selbst kleine Verringerungen der Übertragungsrate können im Laufe der Zeit zu einer großen Verringerung der Anzahl der infizierten Personen führen“, schreiben die Autoren. Sie fanden keine Hinweise auf ernste Schäden bei Personen mit Lungenerkrankungen wie Asthma oder COPD, wie oft befürchtet.

Update 22. Dezember 2020

  • Wieler richtet eindringlichen Appell an die Bevölkerung

  • Die neue SARS-CoV-2-Variante aus UK – wie das RKI die Lage beurteilt

  • Der erste EU-weit verfügbare Impfstoff – was das RKI erwartet

Dem Robert Koch-Institut wurden aktuell 1.530.180 SARS-CoV-2-Infektionen (+19.528 zum Vortag) und 27.006 Todesfälle durch COVID-19 (+731) gemeldet. Bundesweit liegt die 7-Tages-Inzidenz bei 197,6 Fällen pro 100.000 Einwohner, Stand 22. Dezember 2020, 10:00 Uhr.

Wieler richtet eindringlichen Appell an die Bevölkerung

„Das sind tragische Zahlen; wir müssen alles tun, um die Fälle zu verringern“, sagte RKI-Präsident Prof. Dr. Lothar H. Wieler bei einem Online-Pressebriefing am heutigen Tag. Mittlerweile habe man neue Höchstzahlen sowohl bei den Infektionen als auch bei den Todesfällen erreicht. Es gebe viele Ausbrüche in Altenheimen. Ärzte und Pflegekräfte seien häufig am Limit. „Wir können die Pandemie nur gemeinsam bewältigen“, so Wieler. „Wie gut uns das gelingt, haben wir selbst in der Hand.“

Seit 16. Dezember gilt der bundesweite härtere Lockdown. „Es wird mehrere Wochen dauern, bis wir sehen, dass sich die Fallzahlen und die Zahl der Todesfälle verringern“, kündigte Wieler ab. Er befürchtet einen Anstieg der Infektionen während der Weihnachtstage: Menschen verreisen und treffen sich mit Freunden oder Verwandten aus unterschiedlichen Regionen. Es bleibe zu befürchten, dass sich SARS-CoV-2 dann stärker ausbreite

Von der Bevölkerung fordert der RKI-Präsident daher: „Reduzieren sie Kontakte und verzichten Sie auf Reisen! Und bleiben Sie bei akuten Atemwegsinfekten zu Hause!“ Die Regeln seien da; nun müssten sich die Menschen auch daranhalten. Nach wie vor leugneten aber immer noch einige die Existenz des Virus. „Uns stehen schwere Wochen bevor. Wir sollten sie nicht noch schwerer machen“, appellierte Wieler.

Die neue SARS-CoV-2-Variante aus UK – wie das RKI die Lage beurteilt

Wie berichtet (s. hier weiter unten im Blog) sind unter Wissenschaftlern und Politikern die Sorgen wegen neuer in Großbritannien verbreiteten Genvarianten des neuen Coronavirus groß. Was Epidemiologen und Molekularbiologen über „Variant Under Investigation in December 2020“ (VUI – 202012/01) oder auch B.1.1.7 wissen, fasste Wieler kurz zusammen.

„Wir stehen mit den britischen Kollegen seit Freitag in Austausch.“ Schon im September habe man die Variante in UK nachgewiesen. Berichte gebe es auch aus Dänemark oder aus den Niederlanden. „Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass sie auch unerkannt bereits in Deutschland ist“, so Wielers Vermutung.

Er betonte, derzeit lägen nur Beobachtungsdaten vor. Man sehe, dass die Variante häufiger auftrete und andere Formen verdränge. „Das kann – muss aber nicht – an einer höheren Infektiosität liegen“, so seine Einschätzung. „Noch fehlen uns überzeugende Daten.“ Wieler gibt auch zu bedenken, dass die Inzidenz der Infektionen generell angestiegen sei.

Sequenzanalysen zeigen, dass B.1.1.7 eine Reihe von Mutationen aufweist – für Viren kein überraschender Vorgang. Wieler verwies auf bio-informatische Analysen des Genoms, speziell von Genen des Spike-Proteins: „Bisherige Daten sprechen dafür, dass der Impfschutz nicht eingeschränkt wird.“ Bei anderen Viren habe man gesehen, dass sich diese langfristig ihrem Wirt anpassten, um zu überleben. Sprich: Ihre Pathogenität verringere sich. Das könne aber dauern.

Der erste EU-weit verfügbare Impfsoff – was das RKI erwartet

Deutlich kurzfristigere Perspektiven bieten Impfungen. Darauf ging PD Dr. Ole Wichmann, Leiter des Fachgebiets Impfprävention am RKI, ein. „Anfangs werden uns nur geringe Mengen an Impfstoffen zur Verfügung stehen“, sagt Wichmann als Erklärung für die Priorisierung der Ständigen Impfkommission (STIKO). Bekanntlich erhalten Menschen ab 80 Jahren, Bewohner von Alten- und Pflegeheimen, aber auch Ärzte und Pflegekräfte mit hohem Risiko bzw. mit Kontakt zu vulnerablen Gruppen, die Vakzine vorrangig. Dieses Vorgehen gehe auf eine Literaturrecherche zurück, erklärte Wichmann. Mehr als 90 Studien seien dafür ausgewertet und zusammengeführt worden.

„Nach allen Daten ist der Impfstoff sicher und äußerst wirksam“, so seine Einschätzung zur nun in der EU zugelassenen Vakzine von BioNTech/Pfizer. Bei der Überprüfung seien keine Abstriche gemacht worden.

„Nach der Impfung sind manche Menschen durch Fieber oder Schmerzen einige Tage im Alltag beeinträchtigt“, erklärte Wichmann. Doch solche Beschwerden verschwänden schnell. Sehr seltene Nebenwirkungen könne man nicht ausschließen, aber das Paul Ehrlich-Institut überwache dies fortlaufend.

Wichmann nannte auch einige offene Fragen zur Vakzine: „Wir wissen nicht, ob sie Übertragungen des Virus verhindert. Erfahrungen von anderen Impfstoffen deuten aber darauf hin.“ Wie lange der Schutz sei und ob die Vakzine auch bei Patienten mit eingeschränktem Immunsystem wirke, sei derzeit unklar. „Sicher ist, dass sie das Risiko, an COVID-19 zu erkranken, deutlich verringern“, so sein Fazit.

Update vom 21. Dezember 2020

  • Einige Experten gehen davon aus, dass die Variante bereits Deutschland erreicht hat

  • Mehrere Mutationen, die die Übertragbarkeit beeinflussen

  • Keine Hinweise auf höhere Sterblichkeit oder Wirkverlust von Impfungen und Medikamenten

  • Lancet-Papier: Europaweit abgestimmte Pandemie-Bekämpfung gefordert

Die sich in Großbritannien ausbreitende neue genetische Variante von SARS-CoV-2 hat am Wochenende für Aufregung gesorgt. Mehrere europäische Länder haben die Einreise aus Großbritannien gestoppt, um die Ausbreitung der Coronavirus-Variante, die möglicherweise deutlich ansteckender ist, zu unterbinden. So wurde z.B. auch der Flugverkehr zwischen Deutschland und Großbritannien nahezu komplett eingestellt – zunächst bis zum 31. Dezember, so dass über die Feiertage keine Flüge mehr stattfinden.

Einige Experten gehen davon aus, dass die Variante bereits Deutschland erreicht hat

Für heute, Montag, hat die deutsche EU-Ratspräsidentin ein Notfalltreffen mit Vertretern und Experten anderer Mitgliedstaaten einberufen. Es soll eine EU-weite Lösung angestrebt werden, um auch die Einfallstore für die Virusvariante über andere Verkehrswege zu blockieren. Jedoch soll die Variante, wie der Charité-Experte Prof. Dr. Christian Drosten sagt, bereits auch in anderen Ländern nachgewiesen worden sein. Er gehe davon aus, dass der mutierte Erreger bereits Deutschland erreicht habe, wird er vom Deutschlandfunk zitiert.

Auch Prof. Dr. Richard Neher, Leiter der Forschungsgruppe Evolution von Viren und Bakterien, Biozentrum, Universität Basel, Schweiz, sagt gegenüber dem Science Media Center, Deutschland : „Vermutlich ist die im Vereinigten Königreich gefundene Variante auch schon in Deutschland zu finden, aber ob nur ganz vereinzelt oder als substanzieller Anteil, ist nicht klar.“

In der britischen Bevölkerung kursiert die Variante bereits seit September. Der britische Premier Boris Johnson hat allerdings erst am Samstag einen weitreichenden Lockdown (es wurde speziell eine verschärfte Stufe 4 dafür eingeführt) für London und den Südosten Englands verhängt, um die derzeit beschleunigte Ausbreitung zu verhindern.

Mehrere Mutationen, die die Übertragbarkeit beeinflussen

Britische Forscher des COVID-19 Genomics Consortium (COG-UK) haben einen Steckbrief des neuen B.1.1.7.-Clusters der Viren veröffentlicht. Danach vereint die Variante einige Mutationen, die nach ersten Befunden für eine bessere biologische Übertragbarkeit sprechen. Johnson sprach in seiner Begründung für den verschärften Lockdown von einer eventuell um 70% erhöhten Übertragbarkeit im Vergleich zur herkömmlichen Variante.

Die neue Virusvariante ist laut SMC Deutschland definiert durch mehrere Mutationen im Spike-Protein (Deletion 69-70, Deletion 144, N501Y, A570D, D614G, P681H, T716I, S982A, D1118H) – das Protein ermöglicht dem Virus, in menschliche Zellen einzudringen – sowie weitere Mutationen in anderen Regionen des Erbguts. „Eine der biologisch sicher bedeutsamen Mutationen (N501Y) befindet sich direkt innerhalb der Rezeptor-Bindungsdomäne und nimmt Kontakt mit dem menschlichen ACE2-Rezeptor auf Wirtszellen des Virus auf“, heißt es dort.

Ob sich die Variante wirklich explosiv verbreite, sei derzeit aber noch unklar. Genauere epidemiologische Daten sollen diese Woche in den betroffenen Regionen erhoben werden, schreiben Experten der „New and Emerging Respiratory Virus Threats Advisory Group“ (NERVTAG) in einem kurzen Report. Die NERVTAG-Experten schreiben vorsichtig, es bestehe „moderates Vertrauen“, dass VUI-202012/01 zu einer „wesentlichen Steigerung der Übertragbarkeit im Vergleich zu anderen SARS-CoV-2-Varianten führen könnte“.

Dies würde bedeuten, dass auch der R-Wert dieser Virusvariante höher wäre – ein Infizierter also deutlich mehr Kontaktpersonen ansteckt als die bislang zirkulierenden COVID-19-Erreger. „Die Erhöhung des R-Wertes, wie für die Variante im Vereinigten Königreich berechnet, wird in erster Linie abgeschätzt aus der Rate mit der sie andere Varianten verdrängt“, erläutert Neher.

Auch die Europäische Seuchenbehörde ECDC hat in einem „Threat Assessment Brief“ erste Erkenntnisse über die neue Virusvariante zusammengetragen. Danach gibt es bereits aus Dänemark (9), den Niederlanden (1), Australien (1) und Belgien (4) Nachweise des Erregers. Bislang seien aus Deutschland keine Nachweise von B.1.1.7.-Viren bekannt (laut Datenbank des Konsiliarlabors für SARS-CoV-2 am Institut für Virologie der Charité in Berlin).

Allerdings werden in Deutschland nicht wie im COG-UK Konsortium in Großbritannien 5 bis 10% aller positiven Virusproben komplett sequenziert. Es kann also nicht ausgeschlossen werden, dass die neuartige Virus-Variante bereits nach Deutschland eingeschleppt worden ist. „Leider gibt es außerhalb von Großbritannien nur wenige vergleichbar starke Genomsequenzierungsnetzwerke“, sagt Privatdozent Dr. Roman Wölfel, Oberstabsarzt und Leiter des Instituts für Mikrobiologie der Bundeswehr, München.

Keine Hinweise auf höhere Sterblichkeit oder Wirkverlust von Impfungen und Medikamenten

Der Virusexperte und Berater der britischen Regierung Prof. Dr. Chris Whitty gab laut Medscape UK eine Erklärung ab, in der er sagte: „Aufgrund der raschen Verbreitung der neuen Variante, den vorläufigen Modellierungen und den schnell steigenden Inzidenzraten im Südosten hat die NERVTAG (New and Emerging Respiratory Virus Threats Advisory Group) Bedenken, dass sich die neue Variante sehr viel  schneller ausbreiten kann.“ Allerdings, so räumt er ein, gebe es derzeit „keine Hinweise darauf, dass der neue Stamm eine höhere Sterblichkeitsrate verursacht oder die Wirkung von Impfstoffen und Behandlungen beeinflusst“. Derzeit werde mit Hochdruck daran gearbeitet, dies zu bestätigen.

Wie er bei einer Pressekonferenz sagte, handele es sich derzeit bereits im Südosten von England bei 43% des Virusnachweise um diese neue Variante, in Ostengland bei 59% und in London sogar bei 62%. Und: In Gebieten, in denen die neue Variante vorherrsche, seien auch die Hospitalisierungsraten höher.

Medscape UK zitiert einen Tweet des britischen Experte Sir Jeremy Farrar, SAGE-Mitglied und Direktor des Wellcome Trust: „Die neue Variante von COVID-19 ist besorgniserregend und sollte Anlass zu besonderer Vorsicht sei. Die Forschung ist noch nicht abgeschlossen, aber es ist wichtig, jetzt zu handeln. Es gibt keinen Teil in UK oder weltweit, wo man sich nicht Gedanken machen sollte. Die Situation ist fragil."

Lancet-Papier: Europaweit abgestimmte Pandemie-Bekämpfung gefordert

In einem Positionspapier im „Lancet“ haben internationale Wissenschaftler am Wochenende von den Regierungen in Europa gefordert, sich auf gemeinsame Ziele im Umgang mit der SARS-CoV-2-Pandemie zu verständigen. Durch unterschiedlich strikte Maßnahmen in Nachbarländern – ein Land ergreift weitreichende Maßnahmen zur Eindämmung, das Nachbarland aber nicht – drohe ein Pingpong-Spiel erneuter Einschleppungen. SARS-CoV-2 mache vor nationalen Grenzen nicht halt.

Der einzig mögliche Weg ist nach Ansicht der unterzeichnenden Wissenschaftler eine synchronisierte Eindämmungsstrategie. Als Ziel schwebt ihnen dabei eine maximale Neuinfektionsrate von 10 pro 1 Million Einwohner pro Tag vor. Dies entspräche einer Inzidenz von 7 Fällen pro 100.000 Einwohner und 7 Tagen. Derzeit beträgt dieser Wert in Deutschland rund 180 – mit steigender Tendenz. In der Schweiz liegt die 7-Tagesinzidenz derzeit bei rund 340, in Österreich bei 220 (war dort aber schon auf knapp unter 600!).

Um das angestrebte ehrgeizige Ziel von 7/100.000 zu erreichen und die Pandemie nachhaltig einzudämmen, sind nach Ansicht der Autoren vor allem ausreichende Testkapazitäten erforderlich – sie beziffern diese auf minimal 300 Tests pro Tag pro einer Million Einwohner. Zu den Unterzeichnern gehören Experten aus Virologie, Epidemiologie, für Modellierung und Ökonomie, aber auch viele weitere Personen aus Wissenschaft und Wirtschaft.

Dr. Viola Priesemann, Leiterin der Forschungsgruppe Theorie neuronaler Systeme, Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation, Göttingen, ist Koordinatorin sowie Autorin des Positionspapiers, sie sagt dazu: „Ich habe dieses europäische Statement initialisiert, weil ich denke, dass in der Wissenschaft ein wirklich sehr, sehr breiter Konsens herrscht – von der Virologie zur Epidemiologie, zur Wirtschaft und zur Soziologie – dass niedrige Fallzahlen nur Vorteile haben. … Es lohnt sich, die Fallzahlen konsequent runter zu bringen, und dann auch wirklich konsequent dort unten zu halten. Wir haben bei niedrigen Fallzahlen mehr Freiheiten.“

Prof. Dr. Isabella Eckerle, Leiterin der Forschungsgruppe „Emerging viruses“ in der Abteilung für Infektionskrankheiten, Universität Genf, Schweiz, Unterzeichnerin des Aufrufs, betont: „Es gibt keine Zweiteilung in Risikogruppen und in Nicht- Risikogruppen. Alle sind davon betroffen, wenn die Fallzahlen hoch sind, und alle leiden darunter.“ Und Prof. Dr. Barbara Prainsack, Universitätsprofessorin am Institut für Politikwissenschaft, Universität Wien, ebenfalls Unterzeichnerin des Positionspapiers, pflichtet ihr bei: „Wir brauchen eine klare Zieldefinition, und wir brauchen die Unterstützung derjenigen Gruppen, die die Hauptlast dieser Krise tragen.“

Aktualisierung vom 17. Dezember 2020

  • Impfungen in Deutschland sollen nach Weihnachten beginnen

  • Erneut schwere allergische Reaktion nach Impfung in Alaska

  • RKI: Knapp 700 Todesfälle und über 30.000 Neu-Infektionen seit gestern

  • KBV-Chef Gassen glaubt nicht an Erfolg des Shutdown

  • Triage-Berichte aus Klinikum in Sachsen sorgen für Diskussionen

  • Exzess-Mortalität in USA: 12.000 jüngere Menschen Opfer von COVID-19?

  • Virologen halten Abschirmung für keine geeignete Strategie

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hat angekündigt, dass – wenn die EMA, wie vorgesehen, eine Zulassung des Biontech/Pfizer-Impfstoffes am kommenden Montag erteilt – direkt nach Weihnachten, also ab dem 27. Dezember, in Deutschland mit Impfungen begonnen werden wird. Zur Gruppe derjenigen mit höchster Priorität gehören über 80jährige Personen, Menschen in Alten- und Pflegeheimen, deren Pflegekräfte wie auch medizinisches Personal etwa auf Intensivstationen.

In den USA zitiert Prof. Dr. Eric Topol auf seinem Twitter-Account einen Bericht der New York Times über 2 weitere schwere allergische Reaktion auf den Biontech/Pfizer-Impfstoff bei der Impfaktion in einer Klinik in Alaska. Eine Krankenpflegerin habe eine Anaphylaxie in den ersten 10 Minuten nach der Impfung erlitten. Sie habe 2 Mal Adrenalin erhalten, sei über Nacht beobachtet worden, habe sich aber wieder erholt. Auch ein männlicher Angestellter der gleichen Klinik benötigte Adrenalin aufgrund von allergischen Reaktionen auf die Vakzine. Im Unterschied zu den britischen bislang gemeldeten ähnlichen Fällen habe die Frau keine vorherigen Allergien in der Vorgeschichte gehabt. Topols Mahnung: „Wir sollten mit seltenen, unerwarteten Nebenwirkungen rechnen.“

KBV-Chef Gassen glaubt nicht an Erfolg des Shutdown

Das RKI hat am Donnerstag 698 neue Todesfälle im Zusammenhang mit dem Corona-Virus gemeldet. Die Zahl der Neuinfektionen in den vergangenen 24 Stunden wurde zunächst mit 26.923 angegeben – dies wären knapp 3.000 Infektionen mehr als vor einer Woche. Aufgrund von Nachmeldungen aus Baden-Württemberg stieg die Zahl der gemeldeten Neu-Infektionen dann auf über 30.000 – den höchsten jemals gemeldeten Wert. Für die gesamte Bundesrepublik gibt die Behörde eine 7-Tages-Inzidenz von 179,2 an.

In einem Interview mit dem Redaktionsnetzwerk Deutschland hat der Vorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung Dr. Andreas Gassen Zweifel geäußert, dass es mit den jetzt in Kraft gesetzten Beschränkungen gelingen werde, die Infektionszahlen und insbesondere die Zahl der Todesfälle unter den Älteren deutlich zu senken.

„Ich gehe nicht davon aus, dass wir bis zum 10. Januar eine relevante Absenkung der Infektionsraten und schon gar nicht der Todesfälle erreichen werden“, sagte der KBV-Chef. Der Orthopäde, Unfallchirurg und Rheumatologe bekräftigte: „Ein Lockdown, egal wie hart, ist keine geeignete langfristige Strategie in der Pandemiebekämpfung.“ Das Ziel müsse sein, „die verletzlichen Bevölkerungsgruppen grundsätzlich deutlich besser als bisher zu schützen“.

Triage-Berichte aus Sachsen sorgen für Aufsehen

Für Aufsehen hatten Berichte von gestern gesorgt, nach denen der Ärztliche Direktor des Oberlausitzer Bergland-Klinikums in Zittau, Prof. Dr. Mathias Mengel, in einem Online-Bürgerforum am Dienstagabend bereits von Triage-Entscheidungen gesprochen hatte. Wie er sagte, habe das Krankenhaus nicht mehr genug Beatmungsbetten, weshalb Ärzte mehrfach hätten entscheiden müssen, welche Patienten Sauerstoff bekommen und welche nicht.

Wenn die Berichte korrekt sind, würde es sich um die ersten bestätigten Triage-Entscheidungen in Deutschland handeln. Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer verwies in einer Reaktion lediglich auf die "geltenden ethischen und medizinrechtlichen Standards", nach denen „überall im Freistaat“ gearbeitet werde. Von diesen werde auch bei COVID-19 nicht abgewichen. Medizinischen Behandlungen liege immer eine individuelle Abwägung zugrunde. Der Träger des Krankenhauses, das Gesundheitszentrum des Landkreises Görlitz, bestätigte, die Intensivmedizin in der Klinik stoße „an die Grenzen des Leistbaren".

Doch: „Eine klassische Triage, wer leben darf und wer nicht, diese Entscheidung brauchten wir noch nicht fällen“, zitiert der Spiegel Martina Weber, Sozialdezernentin des Landkreises Görlitz. Zwar müssten Patienten teilweise in andere Krankenhäuser verlegt werden, weil die Klinik ausgelastet sei. „Aber: Wir können die Patienten regional versorgen, das werden wir bis Weihnachten schaffen“. Auch Mengel hatte berichtet, dass derzeit versucht werde, für Patienten, denen man keine Versorgung anbieten könne, eine Verlegung in andere Kliniken zu erreichen. Doch sei die Situation in allen Kliniken in Sachsen angespannt.

In einer gemeinsamen Stellungnahme der Deutschen Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) und der Fachgruppe COVRIIN beim RKI, betonen diese, das deutsche Gesundheitssystem sei zwar stark belastet, „wir stehen aber derzeit NICHT an dem Punkt Priorisierungen von Patienten vornehmen zu müssen!“ „Das DIVI-Intensivregister kann differenziert aufzeigen, in welchen weniger belasteten Regionen freie Intensivbetten zur Verfügung stehen. Durch das Verlegungskonzept können alle schwerkranken Patienten diese Betten auch erreichen“, erläutern DIVI und die Fachgruppe.

USA: 12.000 junge Menschen unter 44 Jahre Opfer von COVID-19?

In einem Research Letter im JAMA berichtet eine Forschergruppe über die Exzess-Mortalität während der 1. Welle bei jüngeren Erwachsenen. Danach gab es unter den Erwachsenen im Alter von 25 bis 44 Jahren in den USA von März bis Juli 2020 insgesamt 19% mehr Todesfälle als erwartet – dies entspricht 12.000 Menschen, die zusätzlich gestorben sind.

Wie die Forscher – unter ihnen Dr. Rochelle Walensky von der Harvard Medical School, die als neue CDC-Chefin nominiert ist – berichten, konnten sie 38% dieser Übersterblichkeit direkt auf COVID-19 zurückführen, doch variiere dieser Anteil je nach Region stark. Die Todesfälle durch COVID-19 seien damit ebenso hoch oder in manchen Landesteilen sogar höher als die Sterbefälle durch Opioid-Missbrauch in dieser Altersgruppe. Ihre Berechnungen seien eher konservativ, schrieben die Forscher – und würden die COVID-19-bedingte Mortalität eher unterschätzen.

Virologen bekräftigen: Abschirmung vulnerabler Gruppen weder umsetzbar noch vertretbar

Die Gesellschaft für Virologie (GfV) verwehrt sich in einer aktuellen Mitteilung dagegen, dass suggeriert werde, die GfV habe sich gegen den bestmöglichen Schutz von Wohn- und Pflegeheimen ausgesprochen. Doch bekräftigt die GfV nochmals, dass sie eine Pandemie-Bekämpfungsstrategie ablehnt, die „einzig und allein auf die Abschirmung von Risikogruppen fußt“.

Die Begründung: „Wir weisen erneut darauf hin, dass die Risikogruppen viel zu zahlreich, zu heterogen und zum Teil auch unerkannt sind, um aktiv abgeschirmt werden zu können.“ Die Gesellschaft verweist darauf, dass z.B. Personen mit Übergewicht, Diabetes, Krebserkrankungen, einer Niereninsuffizienz, chronischen Lungenerkrankungen, Lebererkrankungen, nach Schlaganfall oder Transplantationen sowie – nach ersten Erkenntnissen – auch Schwangere ein erhöhtes Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf haben. „De facto sind also weite Teile der Bevölkerung in Deutschland den Risikogruppen zuzuordnen. Dementsprechend ist eine allein auf diese Gruppen abzielende Abschirmungsstrategie in der Realität weder umsetzbar noch ethisch vertretbar.“

Update 15. Dezember 2020

  • EMA-Zulassung noch vor Weihnachten?

  • Die neuen Zahlen, ein harter Lockdown – und FFP2-Masken für Risikogruppen

  • Testphase des Corona-Warnarmbands

  • Biontech: 1. Impfung in den USA

  • FDA: Worauf sollten Ärzte bei der Impfung achten?

  • Geringe Impfbereitschaft im Gesundheitswesen stößt auf Kritik

  • Retrospektive Analyse: Warum grassierte COVID-19 in Italien so stark?

  • Neurologische Beschwerden auch bei leichtem COVID-19

 

Verschiedene Medien haben gemeldet, dass noch vor Weihnachten die Zulassung des Biontech/Pfizer-Impfstoffes durch die EMA erfolgen soll. Diese hat bestätigt, dass die Zulassung nun sogar für den 21. Dezember geplant ist. Wie Bundegesundheitsminister Jens Spahn in einer aktuellen Pressekonferenz sagte, soll dann noch vor dem Jahreswechsel mit den Impfungen in Deutschland begonnen werden. Die Infrastruktur dafür sei bereit. An der Pressekonferenz in Berlin zur „Corona-Lage vor Weihnachten" nahmen auch RKI-Präsident Prof. Dr. Lothar Wieler, die Vorsitzende des Deutschen Ethikrates, Prof. Dr. Alena Buyx, und die Virologin Prof. Dr. Sandra Ciesek teil.

Auf die Nachfrage, warum der Zulassungsprozess in anderen Ländern schneller gehe, erläuterte Spahn: „Wir machen keine Notzulassung, sondern eine ordentliche Zulassung." Diese müsse aber mit allen beteiligten EU-Ländern abgestimmt sein. Zudem werde dabei „tiefer“ in die Daten eingestiegen, was bei der Bevölkerung mehr Vertrauen in die Impfung und den Zulassungsprozess schaffe. Und nicht zuletzt habe dies auch haftungsrechtliche Konsequenzen: Bei einer Notfallzulassung hafte die Regierung, bei einer ordentlichen Zulassung die Unternehmen.

Heute meldete das RKI 14.432 Neu-Infektionen in den vergangenen 24 Stunden. Insgesamt gibt es damit laut RKI in Deutschland mehr als 1,35 Millionen SARS-CoV-2-Infektionen und 22.475 Todesfälle durch COVID-19 (500 mehr als am Vortag). Die 7-Tages-Inzidenz beträgt derzeit 173,7 Fälle pro 100.000 Einwohner. „Die Lage ist so ernst, wie sie noch nie war in dieser Pandemie“, betonte Wieler in der Pressekonferenz. „Im Moment infizieren sich viel zu viele Menschen.“

Harter Lockdown – und FFP2-Masken für Risikogruppen

Ab morgen soll nun ein harter Lockdown beginnen – voraussichtlich bis 10. Januar 2021. Die meisten Geschäfte oder Dienstleistungsunternehmen ohne lebensnotwendige Angebote schließen, und für Silvester gelten strengere Regeln für Zusammenkünfte. Wie es mit Kitas oder Schulen weitergehen wird, entscheiden die Länder. Die Bundesregierung beschränkt sich auf eine „Soll“-Empfehlung. Für Alten- und Pflegeheime sind regelmäßige Tests der Mitarbeiter geplant.

Auch außerhalb von Heimen und Kliniken tut sich viel. Gemäß Coronavirus-Schutzmasken-Verordnung erhalten vulnerable Gruppen ab 15. Dezember 2020 bis 6. Januar 2021 FFP2-Masken kostenlos über öffentliche Apotheken. Dazu gehören Menschen über 60 oder Patienten mit Diabetes Typ-2, COPD bzw. Asthma, Herzinsuffizienz, Schlaganfall oder Demenz, mit aktiver Krebserkrankung, Transplantation oder schwerer Niereninsuffizienz. Tatsächlich reicht es aus, das Alter mit einem Ausweis zu verifizieren oder mögliche Leiden glaubhaft darzulegen. Nach dieser Frist ist geplant, Ansprüche über Bescheinigungen von Krankenkassen zu regeln.

Testphase des Corona-Warnarmbands

Neben Masken, Hygiene und Abstandsregeln gehört die Corona-Warnapp zum Sicherheitskonzept der Bundesregierung. Forscher der Christian-Albrechts-Universität (CAU) zu Kiel haben als Alternative für pflegebedürftige Menschen spezielle Warnarmbänder mit dieser Technologie entwickelt. Über Bluetooth werden andere Armbänder, aber auch Smartphones mit der Warnapp erkannt. Jetzt folgen 3-monatige Tests mit 1.000 Menschen aus Kiel.

„Ziel der Studie ist es natürlich, herauszufinden, ob die Corona-Warnarmbänder funktionieren, aber auch, ob sie akzeptiert werden“, sagt Prof. Dr. Olaf Landsiedel von der CAU Kiel. „Ob die Nutzerinnen und Nutzer damit zurechtkommen und bereit sind, es jeden Tag zu tragen.“

Biontech: 1. Impfung in den USA

In den USA ist gestern – nachdem am 11. Dezember 2020 die FDA die erste Notfallgenehmigung für die Vakzine von Biontech/Pfizer zum Schutz vor SARS-CoV-2-Infektionen erteilt hat – die erste offizielle Impfung mit der Vakzine erfolgt. Geimpft wurde Sandra Lindsay aus New York. Sie arbeitet als Intensivpflegerin im Long Island Jewish Medical Center und betreut u.a. COVID-19-Patienten. „Es fühlte sich nicht anders an als bei jedem anderen Impfstoff“, sagte Lindsay. „Ich bin heute hoffnungsvoll und erleichtert. Ich habe das Gefühl, dass Heilung kommt. Ich hoffe, dies markiert den Beginn des Endes einer sehr schmerzhaften Zeit in unserer Geschichte.“

FDA: Worauf sollten Ärzte bei der Impfung achten?

Mittlerweile hat die FDA ihre Anwendungshinweise für die Vakzine von Pfizer/Biontech konkretisiert.

Für Menschen mit Allergien in der Vorgeschichte sei der Impfstoff sicher, so die FDA. Dies gelte aber nicht für Personen mit schweren Allergien in der Anamnese. In Großbritannien, wo der Impfstoff wie berichtet schon länger eine Notfall-Zulassung hat, hatte es 2 Fälle mit schweren allergischen Reaktionen auf die Vakzine gegeben. Hinzu kam eine Tachykardie bei einer Person ohne bekanntes Risiko. Weitere Fallberichte sollen jetzt gesammelt werden.

Die FDA weist zudem auf Informationslücken bei Schwangeren hin: „Die verfügbaren Daten zum Pfizer-Biontech-COVID-19-Impfstoff, wenn er schwangeren Frauen verabreicht wird, reichen nicht aus, um die mit dem Impfstoff verbundenen Risiken in der Schwangerschaft zu ermitteln“, heißt es in der Mitteilung. Und weiter: „Es sind keine Daten verfügbar, um die Auswirkungen des Impfstoffs auf das gestillte Kind, auf die Milchproduktion oder auf die Muttermilch zu bewerten.“

Geringe Impfbereitschaft stößt auf Kritik

Auch in Deutschland rückt (nach der EMA-Zulassung) die Verteilung von Impfstoffen näher. Jetzt geht es nicht nur um Priorisierung, sondern auch um die Frage: Wer ist überhaupt bereit, sich impfen zu lassen? Die Ständige Impfkommission (STIKO) kritisiert, zu wenige Menschen seien bereit, sich impfen zu lassen – vor allem unter Ärzten und sonstigen medizinischen Fachkräften.

„Es überrascht mich, dass die Impfbereitschaft beim medizinischen Personal nicht deutlich höher ist und es hier eine so große Zurückhaltung gibt“, sagt der SPD-Gesundheitsexperte Prof. Dr. Karl Lauterbach. Doch Claudia Schmidtke (CDU), Patientenbeauftragte der Bundesregierung, ist „fest davon überzeugt, dass die Impfbereitschaft des medizinischen Personals steigen wird, wenn es ein konkretes Impfangebot gibt“.

Retrospektive Analyse: Warum grassierte COVID-19 in Italien so stark?

Die Frage, warum Italien während der 1. Corona-Welle derart stark betroffen war, beschäftigt Forscher bis heute. Jetzt haben sie eine weitere Hypothese entwickelt: Ist das Virus 3 Monate früher als bislang angenommen schon im Land gewesen?

Was dafür spricht: Ein 4-jähriger Junge in Mailand hatte am 21. November 2019 Husten und wurde am 30. November mit akuten Atemproblemen in die Notaufnahme eingeliefert. Am 1. Dezember entwickelte er einen masernartigen Ausschlag, und am 5. Dezember wurden zur Diagnostik Abstriche angefertigt. Weitere Patienten mit verdächtigen Symptomen folgten.

Die Forscher untersuchten 39 Tupfer verdächtiger Masernpatienten, einschließlich des Jungen, erneut. Sein Abstrich wurde positiv auf das Coronavirus getestet.

„Diese Ergebnisse deuten in Übereinstimmung mit anderen Hinweisen auf eine frühe Verbreitung von COVID-19 in Europa bis zum Spätherbst 2019 hin“, schreiben die Forscher.

Neurologische Beschwerden auch bei leichtem COVID-19

Weitere Daten kommen aus der Neurologie. Wissenschaftler fanden jetzt heraus, dass sich neurologische Komplikationen nicht – wie anfangs vermutet – auf Patienten mit schwerem COVID-19 beschränken.

Für die Studie überprüften die Forscher die medizinischen Unterlagen von 74 Erwachsenen (Durchschnittsalter 64 Jahre), die mit COVID-19 ins Krankenhaus eingeliefert wurden. Die häufigsten Symptome waren Husten (39%), Atemnot (36%) und Fieber (34%). 11 Patienten benötigten eine Intubation (15%), und 28 bekamen Sauerstoff (38%). 34 Patienten benötigten eine Intensivstation (46%).

Nach neurologischer Beurteilung war die häufigste neurologische Diagnose eine multifaktorielle oder toxisch-metabolische Enzephalopathie (35%), gefolgt von Anfällen (20%), ischämischem Schlaganfall (20%), primärer Bewegungsstörung (9%), peripherer Neuropathie (8%) und hämorrhagischem Schlaganfall (4%). 3 Patienten (4%) erlitten traumatische Hirnverletzungen, nachdem sie gestürzt waren.

„Wir fanden eine Reihe von neurologischen Diagnosen …, und die Mehrheit der Patienten war nicht kritisch krank, was darauf hindeutet, dass diese Komplikationen nicht nur auf diejenigen Patienten beschränkt sind, die eine Intensivpflege oder ein Beatmungsgerät benötigen“, schreiben die Autoren.

Update 10. Dezember 2020

  • RKI: Alle Bevölkerungsgruppen müssen Maßnahmen mittragen

  • Mehrere Surveillance-Systeme im Einsatz

  • Pfizer-Biontech-Impfstoff: Warnung vor allergischen Reaktionen

  • MEZIS: Transparenz bei SARS-CoV-2-Impfstoffen

1.242.203 nachgewiesene SARS-CoV-2-Infektionen (+23.679 zum Vortag) und 20.372 Todesfälle durch COVID-19 (+440) – diese Zahlen veröffentlichte das Robert Koch-Institut (RKI) am 10. Dezember 2020. „Die Lage ist ernst und hat sich seit letzter Woche weiter verschlechtert“, so RKI-Präsident Prof. Dr. Lothar H. Wieler bei einer Online-Pressekonferenz. Als 7-Tages-Inzidenz nennt er knapp 150 Fälle pro 100.000 Einwohner. „Das Infektionsgeschehen kann schnell kippen und exponentiell ansteigen – das müssen wir verhindern.“

RKI: Alle Bevölkerungsgruppen müssen Maßnahmen mittragen

Gesundheitsämter seien zunehmend erschöpft und es komme oft zu schweren Ausbrüchen in Alten- beziehungsweise Pflegeheimen mit hoher Mortalität, ergänzt Wieler. „Auch die Langzeitfolgen nach überstandenem COVID-19 werden zunehmen.“

Im Sommer habe man, so der RKI-Präsident, vor allem einzelne Ausbrüche gesehen. „Mittlerweile sehen wir ein diffuses Geschehen und das Virus verbreitet sich in der Bevölkerung.“

Dr. Ute Rexroth, Leiterin des Fachgebiets Surveillance am RKI, betonte, es gebe auf regionaler Ebene deutliche Unterschiede. 264 Landkreise hätten eine 7-Tages-Inzidenz von 100-250 Fällen pro 100.000 Einwohner, aber in einigen Landkrisen sei die Entwicklung auch rückläufig.

„Unterschiede gibt es auch nach Altersgruppen“, so Rexroth. „Wir sehen mehr jüngere Patienten, aber die Inzidenz bei älteren Menschen über 80, die besonders gefährdet sind, stieg auf fast 250/100.000 an.“ Ihr Fazit: „Die Eindämmung kann nur gelingen, wenn alle Bevölkerungsgruppen Maßnahmen mittragen.“

Mittelfristig sei das Ziel, allen Menschen Impfungen anzubieten, sagte Wieler. Bis dahin sei es wichtig, auf 3 Säulen zu setzen: Eindämmung durch die „AHA+L“-Regel, Schutz besonders gefährdeter Personen und Abmilderung von COVID-19 durch neue Therapien. Sein Appell: „Eine Trendwende erreichen wir nur gemeinsam. Strengen wir uns gemeinsam an.“

Mehrere Surveillance-Systeme im Einsatz

Wieler gab im Anschluss einen Überblick zu Surveillance-Systemen am RKI. Daten kommen nicht nur von Gesundheitsämtern. 750 Arztpraxen aus allen Bundesländern melden wöchentlich akute Atemwegsinfektionen und 100 schicken Abstriche zur Untersuchung an das RKI. Seit Februar wird das Material auch auf SARS-CoV-2 untersucht. Und beim Projekt „Grippe-Web“ berichten rund 9.000 Bürger Symptome von Atemwegsinfektionen. Einige von ihnen haben auch Testkits bekommen, um Proben an das RKI zu schicken. Auch die Corona-Datenspende-App hilft bei Einschätzungen. Nicht zuletzt liefert das DIVI-Register Informationen über COVID-19 mit schwerem Verlauf.

„Außerdem ist es wichtig, die Dunkelziffer zu erfassen“, sagt Wieler. „Hier reichen PCR- oder Schnelltests nicht aus.“ Er verweist auf seroepidemiologische Studien mit Blutproben. „Bei Hotspots im Sommer hatten sich bis zu 15% der Menschen angesteckt“, so der RKI-Präsident. „In den meisten Gebieten liegen die Zahlen aber im einstelligen Prozentbereich.“ Man sehe derzeit nur wenig Untererfassung.

Pfizer-Biontech-Impfstoff: Warnung vor allergischen Reaktionen

In Großbritannien haben bereits Impfaktionen begonnen. Priorisiert werden Mitarbeiter im Gesundheitswesen und Bürger über 80 Jahren. Nachdem 2 Beschäftigte des NHS allergische Reaktionen erlitten haben, warnen Aufsichtsbehörden Patienten mit „signifikanten“ Allergien auf Medikamente oder Arzneimittel in der Vorgeschichte. Beide Patienten haben sich erholt.

„In der zentralen klinischen Phase-3-Studie wurde dieser Impfstoff im Allgemeinen gut vertragen, ohne dass vom unabhängigen Datenüberwachungsausschuss ernsthafte Sicherheitsbedenken gemeldet wurden“, wird Pfizer UK zitiert. „An der Studie nahmen bisher über 44.000 Teilnehmer teil, von denen über 42.000 eine 2. Impfung erhalten haben.“

Von der US-amerikanischen FDA veröffentlichte Daten zeigen eine geringe Anzahl allergischer Reaktionen, die sowohl in der Impfstoff- als auch in der Placebo-Versuchsgruppe gemeldet wurden (0,63% versus 0,51%).

MEZIS: Transparenz bei SARS-CoV-2-Impfstoffen

Mit möglichen Folgen neuer Impfstoffe befasst sich auch die Ärzteinitiative MEZIS e.V. – Mein Essen zahl‘ ich selbst. Von der Bundesregierung fordert sie, Nutzens, Risiken und Kosten trotz des steigenden Drucks zu berücksichtigen. „Die Skandale um die Pandemrix®-Impfung und Tamiflu® gegen Schweinegrippe, die alle unter Pandemie-Druck breit eingesetzt wurden und letztlich entweder unwirksam waren (Tamiflu®) oder schwerwiegende Nebenwirkungen verursachten (Pandemrix®), sollten Anlass geben, aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen“, heißt es in einer Pressemeldung.

Vor allem die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) und das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) müssten trotz des großen Drucks ihrer Verantwortung gerecht werden. Gleichzeitig schließt sich MEZIS einer Stellungnahme des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) an, dass die EMA mit dem Tag der Marktzulassung alle Daten über COVID-19-Vakzine oder -Pharmaka veröffentlicht. Auch die Cochrane Collaboration unterstützt solche Forderungen.

Update 8. Dezember 2020

  • Corona-Impfung: STIKO gibt Priorisierungsliste bekannt

  • Müssen Ärzte Impfansprüche attestieren? 

  • Neue Studie: 7 Mal höheres COVID-19-Risiko im Gesundheitswesen

  • Mathematische Modellierung: Frühe Reisebeschränkungen sinnvoll

  • Fallbericht: COVID-19 bei homozygoten Zwillingen – mit unterschiedlichem Verlauf

 

Aktuell berichtet das RKI von 1.197.709 SARS-CoV-2-Infektionen in Deutschland – 14.054 mehr als am Vortag – und insgesamt 19.342 COVID-19-Todesfällen (+423 zum Vortag). Im Vergleich zu einer Woche zuvor haben sich die Zahlen damit weiterhin nicht reduziert.  

Dennoch: „Man sieht schon, dass sich die Zahlen stabilisiert haben“, sagte Prof. Dr. Ulrike Protzer, Virologin an der TU München, am 4. Dezember. „Das heißt, der Lockdown light hat auf jeden Fall eine Wirkung gezeigt, sonst wären die Zahlen sprunghaft weiter angestiegen.“ Doch was den weiteren Verlauf angeht, ist die Expertin wenig optimistisch: „Auch wenn wir jetzt um Weihnachten herum Lockerungen haben, wird im Januar und Februar noch mal eine schwere Zeit kommen.“ Entspannung erwartet sie erst ab März. „Den Sommer müssen wir dann nutzen und die Impf-Aktivitäten verstärken (…)“, ergänzt Protzer.

Die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina empfiehlt in einer am Dienstag veröffentlichten Stellungnahme aufgrund der kritischen Infektionslage, die Weihnachtsfeiertage und Silvester für einen harten Lockdown zu nutzen: „Ab dem 24. Dezember 2020 bis mindestens zum 10. Januar 2021 sollte in ganz Deutschland das öffentliche Leben weitgehend ruhen ...“ Bereits ab dem 14. Dezember sollten Kontakte im beruflichen wie im privaten Bereich auf das absolute Mindestmaß reduziert werden. 

SARS-CoV-2-Imfung: STIKO nennt Risikogruppen

Nun, da die Impfstoffe zum Greifen nah sind und vielerorts Impfzentren in Windeseile gebaut werden, stellt sich die Frage, wer vorrangig zu schützen ist. Dazu hat sich gestern die Ständige Impfkommission (STIKO) am RKI geäußert. Ihr Entwurf sieht vor, zuerst Mitarbeiter in Notaufnahmen und anderen Bereichen mit Kontakt zu COVID-19-Patienten, etwa im Rettungsdienst, zu impfen. Zudem Personen mit Kontakt zu vulnerablen Patientengruppen, etwa in der Transplantationsmedizin, der Hämatoonkologie, der Geburtshilfe, der Neonatologie und in Alten- bzw. Pflegeheimen. Zur priorisierten Gruppe gehören ebenfalls Heimbewohner. Allein diese 1. Gruppe umfasst bereits 8,6 Millionen Menschen.

Zur 2. Gruppe gehören dann Senioren im Alter zwischen 75 und 80 Jahren, Bewohner von Demenzeinrichtungen und Pflegekräfte, die Menschen mit Demenz bzw. mit geistiger Behinderung betreuen. Das sind schätzungsweise weitere 6,7 Millionen Personen.

Erst an 3. Stelle stehen dem Entwurf zufolge Bürger zwischen 70 und 75 Jahren, Patienten mit Vorerkrankungen oder Menschen mit Kontakt zu Schwangeren. Hier überrascht, dass die STIKO im medizinischen Bereich weiter nach Tätigkeiten unterscheidet. Das Papier wurde zur Abstimmung an medizinische Fachgesellschaften und an die Bundesländer verschickt.

Müssen Ärzte Impfansprüche attestieren?

Es bleibt aber auch noch zu klären, wie die STIKO-Empfehlungen in die Praxis umgesetzt werden könnte. Medien berichten über den Entwurf einer Coronavirus-Impfverordnung (CoronaImpfV), in der Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) von Ärzten fordert, die Priorisierung der Patienten zu attestieren – für 5 Euro Aufwandsentschädigung. Sie sollen über ein nicht näher definiertes System Codes zur Terminvergabe auf Bescheinigungen drucken und alle Leistungen dokumentieren. Die Technik dazu soll von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) entwickelt werden.

Ulrich Weigeldt, Vorsitzender des Deutschen Hausärzteverbands, kritisiert Spahns Pläne: „Was … nicht sein kann, ist, dass die Politik sich erst davor drückt, klare Priorisierungsentscheidungen zu treffen, und nun offenbar plant, diese Aufgabe quasi durch die Hintertür bei den Hausärztinnen und Hausärzten abzuladen.“ Dies übersteige die Kapazität vieler Praxen.

Neue Studie: 7 Mal höheres COVID-19-Risiko im Gesundheitswesen

Der STIKO-Vorschlag priorisiert wenig überraschend Ärzte und andere Mitarbeiter, die im Gesundheitswesen an vorderster Front arbeiten. Doch welches Risiko haben sie tatsächlich im Vergleich zu sonstigen Berufsgruppen, an COVID-19 zu erkranken? Dieser Frage gingen Forscher um Dr. Miriam Mutambudzi von der University of Glasgow nach. Die Daten dazu kommen aus einer britischen Biobank.

Von 120.075 Personen dieser Datenbank erkrankten 271 an COVID-19 mit schwerem Verlauf. Im Vergleich zu Personen aus anderen Berufen hatten hier Mitarbeiter im Gesundheitswesen ein um mehr als den Faktor 7 erhöhtes Risiko für einen schweren COVID-19-Verlauf (RR: 7,43; 95%-KI 5,52-10,00), solche im Bildungs- und Sozialwesen ein weniger als verdoppeltes Risiko (RR: 1,84; 95%-KI: 1,21-2,82) und in anderen systemrelevanten Berufen war es noch geringer (RR: 1,60; 95%-KI: 1,05-2,45). Angesichts dieser Zahlen fordern Mutambudzi und Kollegen „Richtlinien und Maßnahmen zum Schutz besonders gefährdeter Personen“.

Mathematische Modellierung: Frühe Reisebeschränkungen sinnvoll

Ärzte zu schützen ist nur eine von vielen Strategien. Während der Pandemie galten – und gelten – zudem weitreichende Beschränkungen bei Fernreisen. Doch haben solche Restriktionen viel gebracht? Das wollten Forscher um Dr. Timothy W. Russell von der London School of Hygiene & Tropical Medicine wissen.

Die Autoren verwendeten Flugdaten aus 2019 unter der Annahme, dass sich die Reisezahlen nicht verringern. Das 2. Szenario basierte auf einem Rückgang der Passagierzahlen. Die Zahl der COVID-19-Fälle und die Infektionsraten wurden in einem mathematischen Modell abgeschätzt.

Ihre Ergebnisse: Hätte es im Mai 2020 keine Reisebeschränkungen gegeben, würden die importierten COVID-19-Fälle in den meisten Ländern mehr als 10% der Infektionen ausmachen. Der Schätzung zufolge hätten importierte Fälle in 74 Ländern zu mehr als 10% der Gesamtinzidenz, in 62 Ländern zu weniger als 10% der Gesamtinzidenz und in 8 Ländern zu weniger als 1% beigetragen.

Allerdings hätten Restriktionen im September 2020 laut Simulation kaum noch Effekte gehabt. „Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass internationale Reisebeschränkungen die lokale Übertragung des Virus in frühen Stadien der Pandemie am wirksamsten einschränken konnten“, schreiben Russell und Kollegen.

Fallbericht: COVID-19 bei homozygoten Zwillingen – mit unterschiedlichem Verlauf

Warum es bei manchen Patienten zu schwerem COVID-19 kommt, während andere wenige – oder keine – Symptome entwickeln, ist unklar. Das Rätsel klärt auch ein neuer interessanter Fallbericht nicht: Dr. Davide Lazzeroni von der Fondazione Don Carlo Gnocchi, Mailand, und Kollegen schreiben über 2 homozygote Zwillinge. Laut Fallbericht haben beide im gleichen Betrieb gearbeitet und sich mit hoher Wahrscheinlichkeit bei der identischen Kontaktperson infiziert. Sie wurden nach der Diagnose stationär mit Sauerstoff, Paracetamol, Hydroxychloroquin, Darunavir / Cobicistat und Enoxaparin behandelt. Trotz dieser Parallelen kam es zu einem unterschiedlichen Verlauf.

Zwilling 1 wurde ohne Komplikationen nach 12 Tagen entlassen und erholte sich rasch. Im Gegensatz dazu musste der Zwilling 2 aufgrund einer sinkenden Sauerstoffsättigung erst nicht invasiv und später invasiv mit Sauerstoff versorgt werden. Er entwickelte einen septischen Schock aufgrund einer anaeroben bakteriellen Infektion. Ärzte gaben ihm Vasopressoren, Antibiotika und Steroide. Nach 4 Tagen konnte die maschinelle Beatmung beendet werden. Er verbrachte noch 17 Tage im Krankenhaus und wurde dann entlassen. Seine Rekonvaleszenz verlief langsam, aber mit einer vollständigen Wiederherstellung des Gasaustauschs der Lungen ohne Folgeschäden.

Das Besondere an diesem Fallbericht: Erklärungen wie genetische Unterschiede, Vorerkrankungen, Luftverschmutzung und viele mehr scheiden aus, um Unterschiede zwischen beiden Patienten zu erklären. Auch der Ct-Wert, also die Zyklenzahl bei der PCR, war gleich, was auf eine ähnliche Viruslast hindeutet. Alternative Erklärungen haben die Forscher um Lazzeroni allerdings auch nicht.

Update 3. Dezember 2020

  • Noch keine Trendumkehr – Wieler rechnet mit „vielen weiteren Toten“

  • Fast 5.300 Corona-Tote in Betreuungseinrichtungen – aber auch 55 Tote unter Pflegekräften

  • Inzidenz von 50/100.000 ist erreichbar – Hamburg als Beispiel

  • Mehr Compliance als Lösung? Wieler schlägt Hygienebeauftragte für Schulen vor

Noch keine Trendumkehr – Wieler rechnet mit „vielen weiteren Toten“

RKI-Chef Prof. Dr. Lothar Wieler zeigte sich im heutigen Pressebriefing des Robert Koch-Instituts unzufrieden mit der aktuellen Entwicklung in der Corona-Krise. Am Morgen hatte das RKI wiederum über 22.000 neue Infektionen innerhalb der vergangenen 24 Stunden in Deutschland gemeldet. Auch die Zahl der Corona-Toten sei mit 479 in den letzten 24 Stunden sehr hoch. Über 3.900 Menschen werden derzeit wegen einer Corona-Infektion intensivmedizinisch behandelt. Nach RKI-Angaben sind bislang in Deutschland 1.106.789 Infektionen mit SARS-CoV-2 erfasst worden, insgesamt 17.602 Todesfälle stehen im Zusammenhang mit der Virusinfektion.

„Die befürchtete Entwicklung ist eingetreten“, so Wieler: Immer mehr Gesundheitsämter und Kliniken stießen an ihre Belastungsgrenzen. „Der Trend ist noch nicht gebrochen“, konstatierte er, „Die Lage bleibt angespannt!“ Er appellierte an die Bevölkerung, sich noch mehr an die AHA-L Regeln zu halten, um die Infektionszahlen zu senken. Gelinge dies nicht, sei mit einem weiteren Anstieg der schweren intensiv-pflichten Verläufe zu rechnen – und auch „mit vielen weiteren Toten“.

Fast 5.300 Corona-Tote in Betreuungseinrichtungen – aber auch 55 Tote unter Pflegekräften

Nach wie vor sei die 7-Tage-Inzidenz bei den jungen Erwachsenen im Alter zwischen 15 und 29 Jahren besonders hoch, informierte Dr. Ute Rexroth, die die RKI-Stabsstelle zur Corona-Krise leitet. Aber es infizierten sich derzeit auch immer mehr Ältere. „Es ist uns nicht gelungen, das Virus aus den Alten- und Pflegeheimen herauszuhalten – und diese besonders vulnerable Gruppe zu schützen“, räumte Wieler ein.

Nach aktuellen RKI-Zahlen ist COVID-19 für betreute Menschen in Pflegeeinrichtungen und anderen Gemeinschaftsunterkünften besonders gefährlich: Jeder 5. Infizierte dort stirbt. Insgesamt gab es unter den betreuten Infizierten bislang 5.292 Corona-Todesopfer in Deutschland (Stand 2. Dezember) – aber auch 55 infizierte Pflegekräfte sind dem Erreger zum Opfer gefallen. 

Inzidenz von 50/100.000 ist erreichbar – Hamburg als Beispiel

Von den bislang 17.602 Corona-Toten insgesamt seien über 11.000 in einem Alter über 80 gewesen, berichtete Rexroth. In der Gruppe der 60- bis 69-Jährigen gab es mehr als 1.500 Tote und bei den 50- bis 59-Jährigen noch über 500. Das Virus zirkuliere in der jüngeren Bevölkerung und werde von diesen in die älteren Altersgruppen getragen, sagte die Infektionsepidemiologin. Daher sei es wichtig, die Inzidenz allgemein zu senken. Dabei sei das Ziel nach wie vor unter einen Wert von 50 pro 100.000 Einwohner zu kommen.

Auf die kritische Nachfrage, ob sie dieses Ziel tatsächlich für erreichbar hielten, zeigten sich Wieler und Rexroth optimistisch. Sie verwiesen auf das Beispiel von Hamburg: Die Hansestadt sei bei den Corona-Infektionen unter den Spitzenreitern gewesen, zeige nun einen deutlichen Rückgang der Infektionszahlen und nähere sich mit einer derzeitigen Inzidenz von 67/100.000 dem angestrebten Ziel.

Mehr Compliance als Lösung? Wieler schlägt Hygienebeauftragte für Schulen vor

Wie Wieler sagte, hält er es nicht für erforderlich Strategien und Konzepte zu ändern, weil eine Trendwende bislang nicht gelungen ist. Die Hygienekonzepte müssten einfach konsequenter umgesetzt werden. Er verwies auf RKI-Statistiken, die die Infektionszahlen in Krankenhäusern und Pflegeheimen während der ersten Welle im Frühjahr mit den derzeitigen Zahlen vergleichen.

Was auffällt: Im Vergleich zum Frühjahr sind in den Kliniken die nosokomialen Infektionen deutlich niedriger. Das heißt, es gelingt sehr viel besser, eine Übertragung des Erregers dort zu verhindern. Den gleichen Erfolg sieht man derzeit in den Alten- und Pflegeheimen aber noch nicht.

Er appellierte an die Träger der Heime, die dort benötigten zusätzlichen Ressourcen zur Verfügung zu stellen und verwies auf die kürzlich überarbeiteten Hygiene-Empfehlungen des RKI für solche Einrichtungen. Insgesamt sei es wichtig, auch z.B. in Schulen oder anderen ähnlichen Einrichtungen die Hygienekonzepte entsprechend umzusetzen. Um dies zu gewährleisten, schlug Wieler vor, dass Schulen z.B. einen Lehrer zum „Hygienebeauftragten“ erklärten, der sich über die entsprechenden Regelungen informiere und deren Umsetzung organisiere.  

In diesem Zusammenhang sieht Wieler auch die schnellen Antigen-Tests. Sie könnten als Werkzeug sehr hilfreich sein, müssten aber in ein „Gesamt-Hygiene-Konzept“ eingebettet sein. „Die Tests dienen vor allem dazu zu prüfen, ob die Hygieneregeln funktionieren!“ Das Wichtigste, um die Lage in den Griff zu bekommen, sei derzeit „die Compliance, also die Maßnahmen noch konsequenter umzusetzen“. 

Update 1. Dezember 2020

  • Corona-Impfstoffe: 2 Anträge auf bedingte Zulassung

  • Entlastung von Kliniken

  • Anschlussbetreuung in Hotels

  • Deutschland: COVID-19-Mortalität im mittleren Bereich

Aktuell berichtet das Robert Koch-Institut von 1.067.473 SARS-CoV-2-Infektionen (+13.604, verglichen mit dem Vortag) und 16.636 COVID-19-Todesfällen (+388), Stand 1. Dezember 2020, 13:00 Uhr.

Beim DIVI-Register (30. November 2020) zeigt sich, dass die intensivmedizinischen Behandlungskapazitäten zunehmend schwinden. Aktuell gibt es noch 1.531 Behandlungsplätze im Low-Care-Bereich, 4.374 High-Care- und 443 ECMO-Plätze.

Corona-Impfstoffe: 2 Anträge auf bedingte Zulassung

Die Europäische Arzneimittelagentur EMA hat 2 Anträge auf bedingte Zulassung erhalten. Es handelt sich um BNT162b2 von BioNTech/Pfizer und um mRNA1273 von Moderna Biotech Spain. Beide Vakzine enthalten mRNAs. Körpereigene Zellen stellen auf Grundlage dieser Erbinformation Oberflächenproteine her, und das Immunsystem reagiert darauf mit Antikörpern bzw. T-Zellen. Die mRNAs codieren für sogenannte Spike-Proteine von SARS-CoV-2.

Die EMA will beide Impfstoffkandidaten nach einem beschleunigten Zeitplan beurteilen. Für den Impfstoff von BioNTech/Pfizer soll dies noch bis zum 29. Dezember geschehen und für das Medikament von Moderna bis zum 12. Januar 2021, so die aktuelle Ankündigung der EMA.

Die Gutachten über die Marktzulassung könnten innerhalb weniger Wochen vorliegen, weil die Arzneimittelagentur bereits Daten zu den Impfstoffen im Rahmen einer fortlaufenden Überprüfung („rolling review“) bewertet hat.

Kommt die EMA zu dem Schluss, dass der Nutzen des Impfstoffs eventuelle Risiken überwiegt, wird sie die Erteilung einer bedingten Zulassung empfehlen. Die Europäische Kommission wird dann ihren Entscheidungsprozess beschleunigen, um innerhalb weniger Tage eine bedingte Marktzulassung zu erteilen, die in allen EU- und EWR-Mitgliedstaaten gültig ist.

Entlastung von Kliniken

Zum Hintergrund: Viele Krankenhäuser fahren laut dem Marburger Bund die Zahl an planbaren Eingriffen bzw. Untersuchungen nicht zurück, sondern behandeln COVID-19-Patienten einfach zusätzlich. „Hier droht eine folgenreiche Überforderung der Klinikärztinnen und -ärzte“, erklären Dr. Thorsten Hornung und Dr. Feras El-Hamid vom Arbeitskreis Junger Ärztinnen und Ärzte im Marburger Bund. Von der Politik fordern sie klare Anweisungen, Kapazitäten für COVID-19 freizuhalten, aber auch Hilfen und eine Budgetgarantie für Kliniken.

Anschlussbetreuung in Hotels

Gerade Senioren stehen nach Abschluss ihrer COVID-19-Behandlung vor weiteren Herausforderungen. Sie können nicht mehr in ihr häusliches Umfeld zurück und warten auf geriatrische Rehabilitationen. Nahtlose Übergänge gelingen derzeit kaum. Deshalb schlägt der Marburger Bund vor, Senioren zunächst in Hotels einzuquartieren und zu betreuen, bis sie eine Anschlussbehandlung erhalten. Derzeit stehen Hotels als Folge des Teil-Lockdowns größtenteils leer.

Deutschland: Übersterblichkeit im mittleren Bereich

Welche Folgen SARS-CoV-2 für verschiedene Länder hat, untersuchten Alyssa Bilinski von Harvard Graduate School of Arts and Sciences, Cambridge, und Kollegen.

Zwischen Mitte Februar und Mitte September 2020 lag die COVID-19-Mortalität in Deutschland bei 11,3 Fällen pro 100.000 Einwohner, was einem mittelhohen Wert entspricht.

Die niedrigste COVID-19-Mortalität hatte Südkorea mit 0,7/100.000 Einwohner zu vermelden, gefolgt von Japan (1,2/100.000) und Australien (3,3/100.000 Einwohner). Im mittleren Bereich lagen Norwegen (5,0/100.000), Finnland (6,1/100.000) oder Österreich 8,6/100.000). Zum Vergleich: In den USA waren es 60,3/100.000 Einwohner ohne sichtlichen Rückgang.

Update 30. November 2020

  • G-BA: Wer soll FFP-2-Masken bekommen?

  • Aktualisierte Stellungnahme zur Risikoabschätzung bei Lungenerkrankungen

  • Russischer Impfstoff erreicht eine Effektivität über 95% 

  • EMA: Weitere Daten zu SARS-CoV-2-Vakzinen

  • Nach COVID-19: Hinweise auf Langzeit-Folgen

1.053.869 SARS-CoV-2-Infektionen (11.169 mehr als gestern) und 16.248 Todesfälle (+125) – diese Zahlen hat das Robert Koch-Institut (RKI) am 30. November, 07:00 Uhr, veröffentlicht. Darauf haben Politiker bekanntlich mit einem Teil-Lockdown reagiert. Doch die Kritik wächst.

„Wir können nicht auf Dauer alles schließen und der Staat bezahlt Monat für Monat Milliarden-Ausfälle“, sagt Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet (CDU). „Ab dem neuen Jahr wird ein neues Modell nötig sein.“ Er sieht in Impfstoffen eine langfristige Perspektive. „Noch ein weiteres Jahr wie dieses halten Gesellschaft und Wirtschaft nicht durch“, so Laschet weiter.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) bringt eine nationale Gesundheitsreserve mit Schutzausrüstung, Schutzmasken, Beatmungsgeräten und Medikamenten ins Gespräch. Er will Depots an bundesweit 19 Standorten einrichten.

G-BA: Wer soll FFP-2-Masken bekommen?

Außerdem hat Spahn mit dem 3. Bevölkerungsschutzgesetz juristische Grundlagen geschaffen, um – wie geplant – FFP2-Masken über öffentliche Apotheken zu verteilen. Risikopatienten sollen gegen einen niedrigen Obolus 15 dieser Masken bekommen, also eine Maske pro Winterwoche.

Mittlerweile hat der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) Empfehlungen zur Frage veröffentlicht, wer als besonders vulnerable Gruppe geschützt werden sollte: Menschen ab 60 Jahren, Frauen mit einer Risikoschwangerschaft, Patienten mit Herzinsuffizienz, mit zerebrovaskulären Erkrankungen, mit Typ-2-Diabetes, mit Krebserkrankungen unter einer Chemotherapie, mit Nierenerkrankungen ab dem Stadium 4, mit Asthma, chronisch-obstruktiver Lungenerkrankung, mit Demenz, Übergewicht (BMI ab 30) und nach einer Organtransplantation. Alles in allem umfassen diese vulnerablen Gruppen 27,35 Millionen Bundesbürger.

Aktualisierte Stellungnahme zur Risikoabschätzung bei Lungenerkrankungen

Viele Patienten mit chronischen Lungenerkrankungen stellen sich – und ihren Ärzten – die Frage, wie hoch ihre Gefahr für einen schweren Verlauf ist. Zur Risikoabschätzung haben die Deutsche Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP) und der Bundesverband der Pneumologen, Schlaf- und Beatmungsmediziner (BdP) eine aktualisierte Stellungnahme veröffentlicht.

Für Patienten mit Asthma geben Pneumologen weitgehend Entwarnung. Studien hätten die Erkrankung nicht mit schwerem COVIOD-19 in Verbindung gebracht, schreiben DGP und BdP. In manchen Fällen sollte aber die Medikation angepasst werden. Es gibt zumindest Hinweise, dass orale oder hochdosierte inhalative Steroide einen schweren Verlauf begünstigen. Biologicals gelten als mögliche Alternative. Niedrig oder mittel dosierte inhalative Steroide sind jedoch unproblematisch. Ähnliche Empfehlungen geben Fachgesellschaften für Patienten mit Sarkoidose oder anderen interstitiellen Lungenerkrankungen.

Wer an COPD, Lungenfibrose beziehungsweise Lungenkrebs leidet oder eine Lungentransplantation überstanden hat, gilt als besonders gefährdet. Das liegt laut Positionspapier nicht nur an der Lungenerkrankung, sondern an Komorbiditäten wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Selbst bei höherem Risiko raten DGP und BdP aber nicht zur vorbeugenden Isolation. Vielmehr sollten Hygieneregeln des RKI konsequent umgesetzt werden. Nach Rücksprache mit dem behandelnden Pneumologen mache es auch Sinn, FFP2-Masken zu tragen – und keine Alltagsmasken. Mittelfristig bleibt die Hoffnung auf Impfstoffe.

Russischer Impfstoff erreicht eine Effektivität über 95%

Neue Daten kommen aus Russland: Sputnik V soll laut Pressemeldung des Direktinvestitionsfonds eine Wirksamkeit von 91,4% zum Zeitpunkt 28 Tage nach Erhalt der 1. Dosis (7 Tage nach der 2. Dosis) erzielen. Das geht aus einer geplanten Zwischenauswertung der laufenden Phase-3-Studie hervor.

18.794 Probanden erhielten 2 Dosen der Vakzine (n = 14.095) oder Placebo (n = 4.699). Dabei kam es zu 8 bzw. 31 Infektionen mit SARS-CoV-2. Vorläufige Daten zu Freiwilligen am 42. Tag nach der 1. Dosis (entsprechend 21 Tage nach der 2. Dosis) zeigen, dass die Wirksamkeit sogar über 95% liegt. Bereits Anfang September hatte das Konsortium Resultate ihrer Phase-1/2-Studie in The Lancet veröffentlicht.

Grundlage des Impfstoffs ist – wie bei der Oxford-Vakzine – die Vektorvirus-Technologie. Russische Forscher setzten jedoch 2 verschiedene Vektoren ein. Probanden erhalten bei der 1. Impfung eine Vakzine auf Grundlage des Adenovirus vom Typ 26 (rAd26). Die 2. Impfung enthält ein Adenovirus vom Typ 5 (rAd5).

Warum dieser Aufwand? Das menschliche Immunsystem kann Antikörper gegen Adenoviren bilden, und die 2. Impfung würde abgeschwächt. Dies könnte scheinbar paradoxe Effekte der Oxford-Studie erklären ( Medscape hat berichtet ): Britische Forscher erzielten mit einer halben 1. und einer vollen 2. Dosis ihres Vektorvirus-Impfstoffs die besten Ergebnisse.

EMA: Weitere Daten zu SARS-CoV-2-Vakzinen

Unabhängig vom wissenschaftlichen Einzelfall sind die Prognosen aber gut. Die Europäische Arzneimittelagentur EMA überprüft fortlaufend Daten. Und Jens Spahn rechnet „noch im Dezember“ mit einer Zulassung.

Nun meldete sich die EMA mit einer weiteren Strategie zu Wort. Sie wird eine Erklärung der Internationalen Koalition der Arzneimittelaufsichtsbehörden (ICMRA) ratifizieren. ICMRA-Experten fordern von Impfstoffforschern, Hochschulen, Aufsichtsbehörden und von der Pharmaindustrie, Studien über den vordefinierten Zeitraum hinaus fortzusetzen. Dies könne wichtige zusätzliche und genauere Informationen zur langfristigen Sicherheit und Wirksamkeit eines Impfstoffs gegen COVID-19 liefern, heißt es im Dokument.

Nach COVID-19: Hinweise auf Langzeit-Folgen

Ein weiteres Argument, sich durch Impfungen zu schützen, liefern niederländische Wissenschaftler. Wer an COVID-19 erkrankt, muss mit langfristigen Folgen rechnen. Zu dem Ergebnis kommen Dr. Bram van den Borst, Radboud University Medical Center Nijmegen, und Kollegen. Sie nahmen 124 Patienten einer Nachsorgeklinik in die Studie auf (Alter 59±14 Jahre, 60% Männer). Von ihnen hatten 27 eine leichte, 51 eine mittelschwere, 26 eine schwere und 20 eine kritische COVID-19 überstanden.

Die häufigsten Beschwerden nach 3 Monaten waren Müdigkeit, Atemnot und Schmerzen in der Brust. Viele Menschen hatten auch immer noch Einschränkungen in ihrem täglichen Leben sowie eine verminderte Lebensqualität.

Bei einem Großteil war der Röntgen-Thorax zwar unauffällig. Auch die Sauerstoffsättigung in Ruhe erreichte meist Normalwerte. Borst berichtet jedoch, dass 86% der Patienten weiter leichte Milchglastrübungen im CT hatten. Und im Schnitt wurde nur 81% der Diffusionskapazität für Kohlenmonoxid (DLCO) erreicht. Das zusammen sei als mögliche Hinweise auf eine beginnende Lungenfibrose zu werten, so die Autoren.

Update 26. November 2020

  • Bund-Länder-Treffen: Regeln für die Feiertage

  • Empfehlungen für Orchester

  • Kritik an Oxford-Impfstoffstudie: Halbe Dosis aus Versehen

  • Rekonvaleszenz-Plasma für immunsupprimierte Patienten

Die SARS-CoV-2-Pandemie hat Deutschland weiter im Griff. Aktuell meldet das Robert Koch-Institut 983.588 bestätigte Infektionen (+22.268 zum Vortag) und 15.160 Todesfälle (+ 389), Stand 26. November 2020, 7:00 Uhr. Vor diesem Hintergrund ringen Politiker um weitere Einschränkungen.

Bund-Länder-Treffen: Regeln für die Feiertage

Am 25. November tauschten sich Bund und Länder dazu aus. Die Schaltkonferenz zog sich in die Länge. Kurz vor 22:00 Uhr informierte Angela Merkel (CDU) die Journalisten über Beschlüsse. Der exponentielle Anstieg der Infektionszahlen sei gebrochen worden, so die Bundeskanzlerin. „Aber das ist nur ein Teilerfolg. Wir können uns mit diesem Teilerfolg auf gar keinen Fall begnügen.“

  • Restaurants, Freizeit- und Kultureinrichtungen bleiben mindestens bis 20. Dezember geschlossen.

  • Bestehende Kontaktverbote werden ab 1. Dezember verschärft. Maximal 5 Personen aus 2 Haushalten dürfen sich treffen.

  • Für die Feiertage sind Lockerungen geplant. Zwischen dem 23. Dezember rund dem 1. Januar dürfen sich im engsten Familienkreis bis zu 10 Personen treffen. Kinder unter 14 Jahren werden nicht eingerechnet.

Vor weiteren Restriktionen, etwa einem kontrovers diskutierten Verbot von Silvester-Feuerwerk, scheuten sich die Politiker. Bundesländer mit deutlich weniger als 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner innerhalb von 7 Tagen dürfen von den Regeln abweichen – darauf hatten einige Ministerpräsidenten bestanden.

Empfehlungen für Orchester

Früher oder später werden Kulturbetriebe ihre Pforten wieder öffnen. Umso wichtiger sind geeignete Schutzmaßnahmen. Wie sich Risiken bei Musikern mit Blasinstrumenten verringern lassen, fanden Wissenschaftler der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg und der Ludwig-Maximilians-Universität München heraus. Sie machten Aerosol-Wolken mit Liquids von E-Zigaretten sichtbar und bestimmten die Verteilung im Raum.


Flötistin Natalie Schwabe demonstriert im Testlabor die Aerosol-Verteilung (©: BR)

„Die gemessenen Blasinstrumente unterscheiden sich in ihrer Abstrahlcharakteristik nach vorne hin“, berichtet Prof. Dr. Matthias Echternach, Leiter der Abteilung Phoniatrie und Pädaudiologie der Klinik und Poliklinik für Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde am LMU-Klinikum München.

„Für die Trompete und die Klarinette haben wir im Mittel Abstände der Wolke vom Mund von 0,9 Metern gemessen.“ Manche Musiker hätten jedoch Weiten von 1,5 Metern erreicht, sodass Sicherheitsabstände von 2 Metern nach vorne sinnvoll seien. Speziell bei Querflöten ließen sich 2 Meter nachweisen. Hier rät Echternach zu 3 Metern nach vorne als Sicherheitsabstand.

Die Abstrahlung zur Seite blieb generell unter 1 Meter. „Ein Sicherheitsabstand von 1,5 Metern erscheint daher, im Gegensatz zu den bisher empfohlenen 2 Metern, hinreichend“, so Echternach. Auch hier gilt: Alle Räume müssen regelmäßig gelüftet werden.

Kritik an Oxford-Impfstoffstudie: Halbe Dosis aus Versehen

Vorsichtsmaßnahmen sind so lange erforderlich, bis es wirksame Vakzine gibt – und bis ein Großteil der Bevölkerung geimpft worden ist. Die Arbeiten laufen auf Hochtouren. Doch manche Daten sorgen für Verwirrung.

ChAdOx1 nCoV-19, ein Vektorvirus-Impfstoff der Universität Oxford und des Herstellers AstraZeneca, war bei einem niedrigeren Dosis-Schema wirksamer als bei der kompletten Dosis ( Medscape berichtete ).

Bei den Probanden, die bei der 1. Injektion die halbe Dosis und bei der 2. Impfung – mindestens einen Monat später – die volle Dosis bekamen, erreichte der Impfstoff eine Wirksamkeit von 90%. Damit läge er für diese Gruppe im Bereich der beiden anderen Impfstoffe.

Wurden beide Impfungen in der vollen Dosis verabreicht, erzielte der auch als AZD1222 bekannte Wirkstoff nur 62% Wirksamkeit. Beide Schemata zusammengenommen erreichten den – in der ersten Erfolgsmeldung verbreiteten – Durchschnittswert von 70,4%.

Jetzt kommen Hintergründe dieser merkwürdigen Vorgehensweise ans Licht. Der New York Times zufolge handelte es sich schlichtweg um Fehler bei der Durchführung. Forscher in Großbritannien hatten vorgehabt, Freiwilligen die Anfangsdosis in voller Dosis zu geben, aber sie verabreichten versehentlich die halbe Dosis. Nachdem man den Fehler entdeckt hat, erhielten Probanden etwa 1 Monat später wie geplant die 2. Impfung in voller Dosis.

„Ich denke, dass sie das Vertrauen in ihr gesamtes Entwicklungsprogramm wirklich geschädigt haben“, so Geoffrey Porges, Analyst bei der Investmentbank SVB Leerink, zur New York Times . Menelas Pangalos, Executive Vice-President BioPharmaceuticals R&D bei AstraZeneca, entgegnet, Fehler bei der Dosierung seien von einem Auftragnehmer gemacht worden. Und man habe die die Aufsichtsbehörden umgehend in Kenntnis gesetzt, den Impfstoff in verschiedenen Dosen weiter zu testen.

Auf die Frage, warum AstraZeneca einige Informationen mit Wall Street-Analysten und Experten, aber nicht mit der Öffentlichkeit geteilt habe, antwortete er: „Ich denke, die beste Art, die Ergebnisse zu kommunizieren, ist in einem von Experten begutachteten wissenschaftlichen Journal, nicht in einer Zeitung.“

Phase-3-Studie: Rekonvaleszenz-Plasma für immunsupprimierte Patienten

Impfungen eignen sich im besten Fall für viele, aber nicht für alle Menschen. Patienten mit supprimiertem Immunsystem könnten von der Prä- oder Postexpositionsprophylaxe mit Antikörpern profitieren, so die Hoffnung forschender Hersteller.

AstraZeneca untersucht, welchen Schutz das Präparat AZD7442 aus 2 Antikörpern bieten könnte. Sie werden aus Rekonvaleszenz-Serum gewonnen und so modifiziert, dass sie bis zu 12 Monate wirken. Oft werden sie Long Acting Antibodies (LAAB) genannt. Außerdem hat der Hersteller die Bindung an Fc-Rezeptoren herabgesetzt, um eine antikörperabhängige Verstärkung von Infektion oder Hyperinflammation zu verhindern.

Laut Pressemeldung plant AstraZeneca, 6.100 gesunde Erwachsene in 2 Phase-3-Studien einzuschließen. Zuerst wollen Forscher herausfinden, ob AZD7442 über 12 Monate hinweg Infektionen mit SARS-CoV-2 verhindert (n = 5.000).

Bei der 2. Studie (n = 1.100) sollen Antikörper zur Postexpositionsprophylaxe verabreicht werden. Davon unabhängig plant AstraZeneca, den Antikörper-Cocktail bei Patienten mit COVID-19 zu untersuchen (n = 4.000).

Für das Studienprogramm bekam die Firma 486 Millionen US-Dollar (412 Millionen Euro) von der amerikanischen Regierung als Unterstützung. Sie verpflichtet sich im Gegenzug, 100.000 Dosen des Biologicals für US-Bürger bereitzustellen. Die USA hat sich außerdem Optionen für 1 Million weiterer Dosen gesichert.

Update 23. November 2020

  • Drohen strengere Maßnahmen?

  • Besser keine Familienbesuche

  • Zwischenauswertung zu AstraZeneca-Impfstoff

  • ZI: Bei Engpässen Kontakt-Nachverfolgung priorisieren

  • ECDC: Neue europäische Teststrategie

  • Mindestens 6 Monate Immunität nach SARS-CoV-2-Infektion

929.133 SARS-CoV-2-Infektionen (+10.864 im Vergleich zum Vortag) und 14.112 Todesfälle durch COVID-19 (+90) – von diesen Trends berichtet das Robert Koch-Institut auf seinem Dashboard (23. November 2020, 08:00 Uhr). Das sind weniger Neuinfektionen als noch vor 1 Woche; Grund zur Sorge besteht aber weiterhin.

Drohen strengere Maßnahmen?

Es gebe „keine Aussicht auf Lockerungen und keine Entwarnung“, sagt Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU). „Um ein schönes Weihnachten verbringen zu können, müssen wir den Lockdown verlängern und sicher auch vertiefen.“ Seine Warnung: „Wenn wir jetzt auf diesem hohen Niveau der Infektionszahlen den Lockdown abbrechen und die Geduld verlieren, dann geht alles wieder von vorne los und wir landen am Ende bei noch härteren Maßnahmen als jetzt in Tschechien oder Österreich.“

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) geht noch einen Schritt weiter. Er kann sich SARS-CoV-2-Schneltests an Schulen vorstellen. Bei Auftreten einer Infektion solle umgehend die betroffene Klasse in die häusliche Isolation geschickt werden. „Nach negativen Schnelltests am 5. Tag könnten die Schülerinnen und Schüler wieder in die Schule zurückkehren“, so der Minister.

Entscheidungen wird es frühestens am Mittwoch bei der nächsten Schaltkonferenz von Bund und Ländern geben. Viel spricht aber dafür, dass Ländervertreter weitere Maßnahmen wie eine strengere Maskenpflicht befürworten.

Besser keine Familienbesuche

Als besonders kritisch gelten die Feiertage mit traditionellen Besuchen im Familienkreis – in den USA schon zu Thanksgiving, dem 26. November. Die Centers of Disease Control and Prevention (CDC), Atlanta, raten davon ab.

„Die exponentielle Zunahme der Fälle und die Möglichkeit, die Krankheit von einem Teil des Landes in einen anderen zu verlagern, führt zu unserer Empfehlung, zum jetzigen Zeitpunkt nicht zu reisen“, sagt Dr. Henry Walke, COVID-19 Incident Manager bei der Behörde. Er empfiehlt nur, mit Personen aus dem eigenen Haushalt zu feiern, definiert als diejenigen, die in den 14 Tagen vor der Feier im selben Haus wohnen. Wer sich dennoch entscheidet, andere Menschen einzuladen, sollte laut CDC Masken tragen, im Freien feiern oder Stühle weit auseinanderstellen.

Ähnliche Diskussionen gibt es in Deutschland angesichts der Jahreswende. Viele Städte denken darüber nach, Feuerwerke zu Silvester ganz – oder zumindest in belebten Regionen – zu verbieten.

Zwischenauswertung zu AstraZeneca-Impfstoff

Auch dem Impfstoff-Sektor tut sich ebenfalls viel. Mittlerweile liegen für den Vektorviren-Impfstoff AZD1222 Zwischenergebnisse einer Phase-3-Studie vor. Die Vakzine wird von der University of Oxford in Zusammenarbeit mit AstraZeneca untersucht.

Prof. Dr. Gerd Fätkenheuer, Leiter der Infektiologie, Klinik I für Innere Medizin, Uniklinik Köln, hat sich bislang veröffentlichten Informationen angesehen. „Es werden Ergebnisse von 2 Studien berichtet, die mit unterschiedlichen Dosierungen durchgeführt wurden“, so Fätkenheuer. 2.741 Probanden der Studie COV002 erhielten im Abstand von 1 Monat eine halbe Dosis und dann eine volle Dosis. An der Studie COV003 nahmen 8.895 Personen teil. Sie bekamen 2 volle Dosen des experimentellen Impfstoffs.

Die Zwischenanalyse umfasste 131 SARS-CoV-2-Infektionen. Als Impferfolg geben die Forscher 90% (COV002) bzw. 62% (COV003) an. „Wenn alle 11.636 Teilnehmer zusammengenommen werden, beträgt die Wirksamkeit 70 Prozent“, kommentiert Fätkenheuer. Schwerwiegende Sicherheitsprobleme traten nicht auf.

„Diese sehr vorläufigen Daten sind schwer zu interpretieren“, so der Experte weiter. „Es fällt auf, dass mit einer geringeren Impfdosis eine größere Erfolgsrate zu erzielen war als mit einer höheren Dosis.“ Seine Fragen: „Ist das ein rein zufälliger Effekt? Oder gibt es immunologische Faktoren, die dies begründen?“

Unterschiede sieht Fätkenheuer auch im Vergleich zu Studiendaten von Biontech/Pfizer und Moderna: „In die RNA-Impfstoff-Studien sind jeweils deutlich mehr Teilnehmer eingeschlossen worden. Dennoch ist die Zahl der beobachteten Infektionen in diesen Studien mit 94 beziehungsweise 95 Fällen niedriger als bei AstraZeneca.“ Darin sieht er einen möglichen Hinweis, dass der AstraZeneca-Impfstoff etwas weniger effektiv sein könnte als die beiden RNA-Impfstoffe.

 

ZI: Bei Engpässen Kontakt-Nachverfolgung priorisieren

Trotz präventiver Maßnahmen wird die Zahl an Neuinfektionen zwischen Weihnachten und Neujahr nach oben schnellen. Mit der Frage, wie sich Deutschland angesichts knapper Ressourcen verhalten sollte, befassten sich Wissenschaftler am Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung (Zi). Ihrem Diskussionspapier zufolge sind Testung, Kontaktverfolgung und Isolation nach wie vor die wichtigsten Eckpfeiler.

SARS-CoV-2-Tests sollten nicht eingeschränkt werden. Werden Ressourcen in Gesundheitsämtern knapp, raten die Autoren, bei der Nachverfolgung von Kontakten zu priorisieren. Abgefragt werden sollte, ob eine positiv getestete Person in Gesundheits- oder Pflegeeinrichtungen arbeitet, regelmäßig Senioren oder Patienten mit Vorerkrankungen besucht oder mit anderen Menschen aus dem Gesundheitsbereich zusammenlebt. Dann werden entsprechende Kontakte nachverfolgt. Ansonsten reicht es aus, Infizierte selbst zu isolieren.

Abhängig von der weiteren Entwicklung empfiehlt das ZI auch zum Schutz vulnerabler Personengruppen, dass jede Kontaktperson etwa FFP-2-Maken tragen muss. Und nicht zuletzt könnte man elektive Eingriffe in Krankenhäusern verschieben, um die Kapazität zu erhöhen.

ECDC: Neue europäische Teststrategie

Noch ein Blick auf Testungen. Das Europäische Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC) hat neue Empfehlungen veröffentlicht. Experten sprechen sich für Antigen-Tests aus, vor allem in Situationen mit begrenzten Kapazitäten an PCR-Tests oder wenn es darum geht, schnell Ergebnisse zu haben.

„Die Testempfindlichkeit für Antigen-Schnelltests ist im Allgemeinen geringer als die von RT-PCR-Tests“, gibt das ECDC zu bedenken. Antigen-Tests eignen sich für Patienten mit hoher Viruslast, also wenige Tage nach Infektion bis Mitte der 2. Woche.  Als Mindestanforderung nennt die Behörde eine Sensitivität von mindestens 80% und eine Spezifität von mindestens 97%. Sie empfiehlt allen EU-Mitgliedstaaten, Antigen-Schnelltests vorab zu validieren.

Mindestens 6 Monate Immunität nach SARS-CoV-2-Infektion

Haben Patienten eine Infektion mit SARS-CoV-2 überstanden, sind sie wahrscheinlich 6 oder mehr Monate vor Folgeinfektionen geschützt. Zu dem Ergebnis kommen Sheila F. Lumley vom Oxford University Hospitals NHS Foundation Trust und Kollegen. Ihr Ziel war, bei dieser Frage für mehr Evidenz zu sorgen. Obwohl weltweit schätzungsweise 51 Millionen Menschen mit dem Virus infiziert sind, gab es bislang nur Fallberichte von Patienten, die sich erneut infiziert haben ( Medscape hat berichtet).

Die aktuelle Studie erstreckte sich über einen Zeitraum von 30 Wochen und umfasste 12.180 Beschäftigte im Gesundheitswesen. Sie wurden unabhängig von Symptomen regelmäßig auf Antikörper gegen SARS-CoV-2 getestet. Während der Studie infizierten sich 89 von 11.052 Mitarbeitern ohne Antikörper. Keiner der 1.246 Mitarbeiter mit Antikörpern entwickelte eine symptomatische Infektion. 76 Teilnehmer ohne Antikörper wurden per PCR positiv auf SARS-CoV-2 getestet, verglichen mit 3 Personen mit Antikörpern.

„Dies deutet darauf hin, dass die meisten Menschen wahrscheinlich nicht erneut COVID-19 bekommen werden, wenn sie es bereits in den vergangenen 6 Monaten hatten“, schreiben die Autoren. Wie lange Antikörper vor Reinfektionen schützen, können sie aufgrund der begrenzten Studiendauer nicht sagen.

Update vom 19. November 2020

  • RKI-Update: „Wir wissen nicht, ob das schon eine Trendwende ist.“

  • Steigende Positiven-Rate der PCR-Tests – und die Dunkelziffer?

  • Die Zahl der intensivmedizinisch Betreuten und Todesfälle steigt noch

  • Aktualisierte RKI-Empfehlungen: Quarantäne und Isolierung

22.609 – so viele Neu-Infektionen sind heute dem RKI deutschlandweit gemeldet worden. „Wir sind noch lange nicht über den Berg“, kommentierte RKI-Chef Prof. Dr. Lothar Wieler diese Zahlen bei der heutigen Pressekonferenz. „Die Lage ist nach wie vor sehr ernst.“ Er sah allerdings „Anzeichen für einen vorsichtigen Optimismus“. Die Infektionszahlen scheinen sich zu stabilisierten – dies allerdings auf einem hohen Niveau. „Wir wissen nicht, ob das schon eine Trendwende ist. Das müssen wir noch abwarten.“

Auch Dr. Ute Rexroth, Epidemiologin beim RKI, meint „langsam zu sehen, dass die strengeren Maßnahmen zur Pandemiekontrolle greifen“. Doch seien die Zahlen nach wie vor deutlich zu hoch, sagte sie, viele Gesundheitsämter in ihren Kapazitäten erschöpft.  Die 7-Tagesinzidenz betrage bundesweit 137/100.000 Einwohner. „Diese Zahl ist wenigstens in der vergangenen Woche nicht angestiegen.“ Der R-Wert pendele derzeit um die 1,0.

Das Ziel sei es nach wie vor, die Infektionszahlen deutlich weiter zu senken – um so wieder eine Kontaktnachverfolgung zu ermöglichen. Dies werde allerdings noch einige Zeit in Anspruch nehmen, sagte Wieler.

Steigende Positiven-Rate der PCR-Tests – und die Dunkelziffer?

Zudem ist nicht völlig gesichert, wie gut die derzeitigen Infektionszahlen mit denjenigen vor einigen Wochen vergleichbar sind. Auch die Labore haben bei den PCR-Tests ihre Kapazitätsgrenzen erreicht. Und wie viele Schnelltests zusätzlich zur PCR-Diagnostik erfolgen, dazu fehlt derzeit die Statistik. Seitdem das RKI – wie berichtet – seine Teststrategie geändert hat und empfiehlt, nicht jeden mit Erkältungssymptomen zu testen und Symptomlose per se nicht mehr, ist die Positiven-Rate der vorgenommenen Tests stetig angestiegen. Sie nähert sich derzeit den 10%.

Ist dadurch auch mit einem Anstieg der Dunkelziffer zu rechnen? Wieler sagte, darauf gebe es bislang keine Hinweise. Nach wie vor gehe man aufgrund von Modellrechnungen beim RKI davon aus, dass auf eine entdeckte Infektion 4 oder 5 unerkannte kommen.

Die Zahl der intensivmedizinisch Betreuten und Todesfälle steigt immer noch

Von Entspannung kann also noch lange nicht die Rede sein. Sorgen machen vor allem die immer noch stetig steigenden Zahlen an schwer Erkrankten, Patienten, die hospitalisiert bzw. intensivmedizinisch versorgt werden müssen, betonten Rexroth und Wieler. Deren Zahl nimmt weiter zu: Waren am 8. Oktober noch „nur“ 487 Menschen in Deutschland wegen eine COVID-19 Erkrankung in intensivmedizinischer Behandlung, waren es gestern, am 18. November 3.561 Fälle.

Und die Inzidenz in den höheren besonders gefährdeten Altersgruppen nimmt zu. Aber, so betonte Rexroth: „Es sind eben nicht nur ältere Personen oder solche mit Risikofaktoren betroffen.“ Sie verwies auf eine neue Auswertung des RKI der COVID-19-Erkrankungen während der 1. Welle im Frühjahr. Danach waren bei rund einem Drittel der schwer Erkrankten keinerlei Vorerkrankungen wie eine KHK oder Diabetes oder Krebs bekannt.

Insgesamt 13.330 Todesfälle sind dem RKI bis heute im Zusammenhang mit einer COVID-19-Erkrankung gemeldet worden. Auch hier ist ein deutlicher Anstieg zu verzeichnen. Lagen die Zahlen Anfang Oktober täglich noch im niedrigen 2-stelligen Bereich, werden derzeit täglich über 200 oder sogar 300 Todesfälle an COVID-19 dem RKI übermittelt – „so wie es aussieht, werden es in dieser Woche insgesamt vielleicht sogar über 1.000 sein“, sagte Rexroth.

Aktualisierte RKI-Empfehlungen: Quarantäne und Isolierung

Wieler erläuterte auf der Pressekonferenz nochmals den, wie er betonte, wichtigen Unterschied zwischen einer Quarantäne und einer Isolierung, dies auch anlässlich einiger Aktualisierungen, die das RKI in seinen Empfehlungen dazu vorgenommen hat.

Eine Isolierung betreffe Menschen, die sich mit dem Virus infiziert haben. Sie sei behördlich angeordnet und könne zuhause oder im Krankenhaus stattfinden. Sie ende, wenn der Patient nicht mehr infektiös sei – „in der Regel nach 10 Tagen“.

Dagegen betreffe die Quarantäne Menschen, die aufgrund des engen Kontaktes zu einem Infizierten ein hohes Ansteckungsrisiko hatten oder haben – und „möglicherweise ansteckend sind“. Die Quarantäne könne behördlich angeordnet oder freiwillig sein und dauere – nach dem letzten Kontakt mit dem Infizierten – 14 Tage.

Ein wichtiger Hinweis sei, dass Menschen, die bereits eine nachgewiesene Infektion mit SARS-CoV-2 hinter sich haben, auch nach einem Kontakt mit einem Infizierten nicht mehr in Quarantäne müssen. Sie sollten sich aber selbst auf Symptome beobachten. Treten Symptome auf, sei ein Test zu veranlassen.

Haushaltsmitglieder eines Infizierten müssen nun auch laut einer Aktualisierung der RKI-Empfehlungen nur noch gemeinsam in eine 14-tägige Quarantäne – eine so genannte Ketten-Quarantäne, bei der Haushaltsmitglieder nacheinander in Quarantäne geschickt werden, wird nicht mehr empfohlen. Neu ist auf den RKI-Seiten eine Info-Grafik zum Kontaktpersonen-Management einzusehen.

Update 18. November 2020

  • Kritik von Experten an der Bundesregierung

  • Impfstoffkandidat von Moderna: Vielversprechende Daten

  • Immunantwort nach SARS-CoV-2-Infektion wohl länger als erwartet

  • USA: Notfallzulassung für SARS-CoV-2-Selbsttest

  • Pfizer/Biontech: Ergebnisse der Phase-3-Studie

Aktuell berichtet das Robert Koch-Institut auf seinem Dashboard von 833.307 bestätigten SARS-CoV-2-Infektionen (+17.561 zum Vortag) und 13.119 COVID-19-Todesfällen (+305). Dennoch hatten Bundeskanzlerin Angela Merkel und Ministerpräsidenten der Länder bei ihrer letzten Schaltkonferenz keine weiteren Verschärfungen beschlossen – sehr zum Unmut von Ärzten und Virologen.

Kritik von Experten an der Bundesregierung

Man könne nicht nachvollziehen, „dass man versucht, mit Appellen weiterzukommen“, kritisiert Dr. Ute Teichert, Vorsitzende des Bundesverbandes der Ärzte im öffentlichen Gesundheitswesen. „Wir schaffen es nicht mehr, die Kontaktpersonen nachzuverfolgen. Von daher wären einheitliche Beschlüsse für uns sehr hilfreich gewesen.“ Viele Eltern und Lehrer seien verunsichert, so Teichert. Gerade für Schulen wären klare Regeln gut gewesen.

Auch Prof. Dr. Isabella Eckerle, Leiterin des Zentrums für neuartige Viruserkrankungen an der Universitätsklinik Genf/Schweiz, findet klare Worte: „Ein zögerliches Vorgehen beziehungsweise ein Abwarten in einer Pandemie ist meistens keine gute Idee.“ Die Zahlen hätten sich zwar verlangsamt; sie stiegen aber immer noch an. „Wenn man die Infektionszahlen wirklich runter bekommen möchte, die Kliniken entlasten, in der Gesellschaft ein bisschen mehr Normalität haben möchte, dann wäre es besser gewesen, schon jetzt damit anzufangen.“

Gleichzeitig weist Eckerle auf Informationslücken hin: „Man hat sich lange auf Daten aus der ersten Jahreshälfte berufen, wo sich gezeigt hatte, dass die Kinder eine nicht so große Rolle spielen. Das hat sich jetzt aber geändert.“ Auch sie plädiert dafür, Einschränkungen beizubehalten – wenn nicht sogar zu verschärfen. Gleichzeitig bleibt die Hoffnung, dass bald eine Vakzine zugelassen werden könnte.

Impfstoffkandidat von Moderna: Vielversprechende Daten

Am 9. November informierten Biontech und Pfizer über eine Zwischenauswertung ihres Impfstoffkandidaten BNT162b2. Und am 16. November folgten Zwischenergebnisse von Moderna zum Impfstoff mRNA-1273. „Die … veröffentlichten ersten Daten zum mRNA-Impfstoff der Firma Moderna zeigen sehr ähnliche Ergebnisse wie die Vakzine von Biontech“, kommentiert Prof. Dr. Gerd Fätkenheuer gegenüber dem Science Media Center Germany. Er ist Leiter der Infektiologie, Klinik I für Innere Medizin, Uniklinik Köln. Fätkenheuer: „Während bei Biontech die Wirksamkeit mit über 90% angegeben wurde, liegt sie beim Moderna-Impfstoff bei 94,5%. Das sind fast identische Ergebnisse, die sich bei Biontech auf 94 und bei Moderna auf 95 beobachtete COVID-19-Infektionen beziehen.“

In den Zahlen sieht der Experte ein „sehr starkes Indiz dafür, dass das Prinzip der RNA-Impfstoffe zur Verhinderung der SARS-CoV-2-Infektion tatsächlich funktioniert“: alles in allem ein positives Signal. „Wenn man nach den Ergebnissen von Biontech große Hoffnung in die Wirksamkeit der Impfstoffe setzen konnte, so ist diese Hoffnung jetzt noch ein deutliches Stück größer geworden.“ Als gutes Zeichen sieht er, dass bei der Vakzine von Moderna alle der insgesamt 1 schweren COVID-19-Fälle in der Placebo-Gruppe aufgetreten seien.

Immunantwort nach SARS-CoV-2-Infektion wohl länger als erwartet

In dem Zusammenhang ist noch eine Frage offen: Wie lange reagiert das Immunsystem nach einer Impfung oder nach einem Kontakt mit SARS-CoV-2 auf diese Coronaviren? Laut einer Studie, die auf dem Preprint-Server bioRxiv veröffentlicht wurde, können Immunantworten länger als vermutet anhalten.

185 Erwachsene, die sich von COVID-19 erholt hatten, die meisten hatten eine leicht symptomatische Erkrankung, stellten Blutproben zur Analyse zur Verfügung. Forscher fanden heraus, dass der Spiegel an Spike-spezifischen Gedächtnis-B-Zellen, die bei Bedarf Antikörper bilden, mit der Zeit zunahm. Er war bei den meisten Teilnehmern, die mehrere Proben abgaben, nach 4 bis 6 Monaten höher als zu früheren Zeitpunkten. Darüber hinaus waren die SARS-CoV-2-Spike-IgG-Titer stabil und gingen nach 6 bis 8 Monaten nur leicht zurück.

„Diese Menge an [Immun-]Gedächtnis würde wahrscheinlich die überwiegende Mehrheit der Menschen für viele Jahre davor bewahren, an einer schweren Krankheit im Krankenhaus zu erkranken“, sagt Dr. Shane Crotty vom La Jolla Institute of Immunology, Letztautor der Veröffentlichung.

USA: Schnelltest für Endanwender zugelassen

Bis Impfstoffe zugelassen werden, kann noch Zeit vergehen. Umso wichtiger sind neue Teststrategien. Per Notfallzulassung hat die US Food and Drug Administration (FDA) grünes Licht für einen Test auf SARS-CoV-2 gegeben. Er richtet sich an Patienten, aber an Ärzte, falls rasche Diagnosen erforderlich sind.

Das Lucira COVID-19 All-In-One Test Kit enthält ein Gerät, Chemikalien und Material für Abstriche. Man entnimmt lediglich etwas Nasensekret, verrührt die Probe mit einer Lösung und stellt das Reagenzglas in ein Testgerät. Nach 30 Minuten lässt sich das Ergebnis anhand zweier Lämpchen („positiv“, „negativ“) ablesen. Messprinzip ist eine Methode zur Vervielfältigung von Nukleinsäuren, die Loop-mediated Isothermal Amplification (LAMP, Schleifen-vermittelte isothermale Amplifikation).

Pfizer/Biontech: Ergebnisse der Phase-3-Studie

Am 18. November berichteten Pfizer und Biontech in einer Pressemitteilung von Ergebnissen der Phase-3-Studie mit ihrem Kandidaten BNT162b2. Die Vakzine war zu 95% gegen COVID-19 wirksam. 170 bestätigte Fälle wurden bewertet, wobei 162 in der Placebogruppe gegenüber 8 in der Impfstoffgruppe auftraten. Die Wirksamkeit war in Bezug auf Alter, Geschlecht, Rasse und ethnische Zugehörigkeit gleich. Für Erwachsenen über 65 Jahren nenne die Firmen 94% als Wert.

Damit sei ein Meilenstein zur Genehmigung bei der US Food and Drug Administration erreicht worden, heißt es in der Meldung. Die Daten zeigen, dass der Impfstoff von mehr als 43.000 Probanden gut vertragen wurde. Ernsthafte Sicherheitsbedenken gab es nicht. Die einzigen unerwünschte Ereignisse 3. Grades mit einer Häufigkeit von mehr als 2% waren Müdigkeit bei 3,8% und Kopfschmerzen bei 2,0%.

Beide Unternehmen planen, innerhalb weniger Tage bei der FDA eine Notfallzulassung einzureichen und Daten mit anderen Aufsichtsbehörden zu teilen. Bis Ende 2020 sollen 50 Millionen Impfstoffdosen und bis Ende 2021 etwa 1,3 Milliarden Dosen zur Verfügung stehen.

Update vom 16. November 2020

  • Bundeskanzlerin Angela Merkel und Vertreter der Länder mahnen zur Vernunft

  • Keine neuen Corona-Regeln

  • Die geplanten Corona-Regeln

  • Zahl an Neuinfektionen bleibt weiter hoch

  • IGES-Institut: Lockdown verfehlt Wirkung

  • Fachgesellschaften fordern Schutzschirm für Kliniken

  • Kritik an Triage-Software der KV

  • Moderna mRNA-Vakzine ebenfalls mit über 90%iger Wirksamkeit in Phase 3

  • EMA beginnt „Rolling Review“ auch für Moderna-Impfstoff

Bundeskanzlerin Angela Merkel und Vertreter der Länder mahnen zur Vernunft

Am 16. November trat Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) zusammen mit Bayerns Ministerpräsidenten Markus Söder (CSU) und Berlins regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) nach der Schaltkonferenz vor die Presse. Wider Erwarten verkündete die Bundeskanzlerin keine weiteren Maßnahmen, sondern äußerte sich enttäuscht: „Die Länder wollen keine Zwischenrechtsänderungen, ich hätte mir Beschlüsse vorstellen können, die rechtlich umgesetzt werden.“

Momentan bleibt es beim Teil-Lockdown – und bei einem Appell: Merkel rief alle Bürger auf, ihre sozialen Kontakte auf ein Minimum zu beschränken – auch Familien mit Kindern. Auf private Feiern oder Ausflüge sollte gänzlich verzichtet werden.

Merkel und Söder machten aber klar, dass etwaige Maßnahmen nur vertagt worden seien. Sie verwiesen auf die nächste Sitzung in einer Woche und kündigten an, die weitere Entwicklung zu bewerten. „Wir müssen sehen, wie es sich entwickelt. Deswegen kann man heute nicht sagen, was nächste Woche geboten ist“, so Merkel. Sie stellte ein längerfristiges Konzept in Aussicht. Schon heute versprach sie vulnerablen Patientengruppen ab Dezember 1 FFP2-Maske pro Woche.

Ob Einschnitte wie zusätzliche Hygieneregeln oder eine erweiterte Quarantäne kommen werden, ist offen. Söder nannte als Ziel weniger als 50 Infektionen pro 100.000 Einwohnern in einer Woche. Doch davon sei man noch weit entfernt, sagte der bayerische Ministerpräsident. „Es gibt keinen Anlass, zu glauben, dass Ende November alles wieder gut ist.“

Die geplanten Corona-Regeln

Bund und Länder hatten nach dem Beschluss des Teil-Lockdowns vor gut 2 Wochen verabredet, nach 2 Wochen eine Zwischenbilanz zu ziehen. In einem zuvor erarbeiteten Beschluss-Entwurf waren folgende mögliche Einschränkungen genannt worden.

  • Hauptstreitpunkt dürfte das Vorgehen an den Schulen sein: Geplant war, die Maskenpflicht auszuweiten und Klassen zu teilen.

  • Private Treffen sollen weiter eingeschränkt werden: Bis Weihnachten keine privaten Feiern. Zusammenkünfte mit Freunden und Bekannten sollen sich auf einen festen weiteren Hausstand beschränken. Kinder und Jugendliche sollen sich nur noch mit einem festen Freund in der Freizeit treffen. Größere Zusammenkünfte sind auch im Freien nicht mehr gestattet

  • Außerdem sollen die Bundesländer innerhalb eines Monats die Impfzentren zur Inbetriebnahme vorbereiten, damit ab dem 1. Quartal 2021 eine bis dahin „mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit“ zugelassene Corona-Vakzine eingesetzt werden kann. 

  • Auf Freizeitaktivitäten, nicht notwendige private Reisen sowie touristische Tagestouren soll ebenfalls ganz verzichtet werden.

Zahl an Neuinfektionen bleibt weiter hoch

„Aktuell ist weiterhin eine große Anzahl an Übertragungen in der Bevölkerung in Deutschland zu beobachten“, schreibt das Robert Koch-Institut (RKI) im Tagesreport vom 15. November 2020. „Daher wird dringend appelliert, dass sich die gesamte Bevölkerung für den Infektionsschutz engagiert.“ Am 15. November wurden 16.947 neue Fälle übermittelt; heute waren es 10.824.

Im Vergleich zum Vortag sind weitere 62 Personen (Sonntag 107) an COVID-19 gestorben. Wegen des Meldeverzugs der Gesundheitsämter am Wochenende sind diese Zahlen mit Vorsicht zu betrachten. Politisch stellt sich die Frage, ob alle bisherigen Maßnahmen ausreichen, um die aktuelle Situation zu kontrollieren.

IGES-Institut: Lockdown verfehlt Wirkung  

„Es mehren sich die Anzeichen, dass der aktuelle Lockdown seine Wirkung verfehlt“, kritisiert das IGES-Institut. Forscher haben aktuelle Daten zum Krankheitsgeschehen mit historischen Daten des Lockdowns vom Frühjahr verglichen. Ihre statistische Modellierung zeigt, dass die aktuellen Fallzahlen ab dem 11. November hätten zurückgehen sollen, was nicht eingetreten ist. Am 13. November gab es einen leichten Rückgang, gefolgt von einem neuerlichen Anstieg am 14. November.

„Derzeit ist damit zu rechnen, dass die täglichen Fallzahlen am 30. November noch bei 8.100 liegen werden, wenn der Abwärtstrend sich verstetigen sollte“, so die IGES-Experten. „Bei 8.100 Fällen wird die Aufklärungsquote durch die Gesundheitsämter allenfalls bei 50% liegen, was den Erfolg ihrer Arbeit weiterhin stark einschränken wird.“

Kliniken stoßen in SARS-CoV-2-Hotspots an ihre Belastungsgrenzen

Das hat Folgen für die klinische Versorgung: Laut Tagesreport des DIVI-Intensivregisters vom 15.11.2020 befinden sich derzeit 3.386 COVID-19-Patienten auf Intensivstationen. Das sind 60 mehr als am Vortag. Von ihnen müssen 1.923 (56%) invasiv beatmet werden. Aktuell sind 13.494 Low-Care-, 7.735 High-Care- und 282 ECMO-Behandlungseinheiten belegt. Die freien Kapazitäten liegen bei 1.754, 5.145 bzw. 478 Betten in den jeweiligen Bereichen.

„Wir brauchen jetzt ein klares Signal der Politik, dass die enorme Belastung des Krankenhauspersonals gesehen wird und Konsequenzen daraus gezogen werden“, mahnen Dr. Susanne Johna, 1. Vorsitzende des Marburger Bunds, DIVI-Präsident Prof. Dr. Uwe Janssens, DGAI-Präsident Prof. Dr. Rolf Rossaint, DGIIN-Präsident Prof. Dr. Stefan John und DGINA-Präsident Martin Pin in einer gemeinsamen Erklärung. „Wenn wir jetzt nichts ändern können, wird bald in einigen Regionen Deutschlands die Versorgung aller Patienten nicht mehr sicherzustellen sein. Die Zeit drängt!“

Vertreter der Verbände fordern, dass die Politik Vorgaben erlässt, damit planbare stationäre Eingriffe verschoben werden – oder dass weniger OPs durchgeführt werden. Krankenhäuser sollen dafür eine Entschädigung erhalten, die sich am Vorjahreszeitraum orientiert. Als Schwelle nennen die Verbände mindestens 100 Fälle pro 100.000 Einwohner und Woche.

Notfallmediziner: „Triage-Software gefährdet Patientensicherheit“

Aber auch bei medizinischen Notfällen aller Art, COVID-19 eingeschlossen, sehen Fachgesellschaften die Sicherheit von Patienten gefährdet. Stein des Anstoßes ist das Gesetz zur Weiterentwicklung der Gesundheitsversorgung (GVWG). Es sieht vor, dass künftig die Kassenärztliche Vereinigung eine Triage-Software auswählt, um zu entscheiden, ob ein Notfall ambulant oder stationär behandelt wird – ohne ärztliche Untersuchung.

„Eine ‚Ersteinschätzungs-Software‘ der KV kann und darf nicht den ärztlichen Kontakt und die ärztliche Untersuchung ersetzen“, erklärt DGINA-Präsident Pin. „Wenn Notfälle aufgrund dieser Ersteinschätzung weggeschickt werden, kann dies für die Betroffenen möglicherweise lebensbedrohliche Folgen haben.“ DIVI und DGINA fordern vom Bundesministerium für Gesundheit, entsprechende Passagen im Entwurf zu streichen und die Notfallmedizin grundlegend zu reformieren.

EMA: Rolling Review zu einem mRNA-Impfstoff beginnt

Letztlich versuchen Ärzte und Politiker, die Zeit zu überbrücken, bis es Impfstoffe gegen SARS-CoV-2 gibt. Auch Zulassungsbehörden drücken aufs Gas. Die European Medicines Agency (EMA) hat am 16. November begonnen, Daten über die Vakzine mRNA-1273 des US-Unternehmens Moderna auszuwerten. Das Verfahren, auch Rolling Review oder fortlaufende Überprüfung genannt, beschleunigt Zulassungen. Ansonsten wird die EMA erst aktiv, wenn Hersteller mit ihrem Zulassungsantrag alle Daten übermittelt haben.

mRNA-Vakzine von Moderna ebenfalls mit über 90%iger Wirksamkeit

Moderna hat heute eine Zwischenanalyse der laufenden Phase-3-Studie veröffentlicht. Sie umfasst 95 COVID-19-Fälle. Danach lag die Wirksamkeit ähnlich wie beim der mRNA-Vakzine von Biontech und Pfizer bei 94,5%. 90 Krankheitsfälle seien in der Placebogruppe und nur 5 in der mRNA-1273-Gruppe aufgetreten.

Der Impfstoff enthält eine in Lipiden verkapselte mRNA, die für das Spike-Protein von SARS-CoV-2 codiert. Nach der Impfung lesen körpereigene Zellen die genetischen Anweisungen und produzieren das Protein. Im nächsten Schritt stellt das Immunsystem Antikörper und T-Zellen dagegen her. Wenn die geimpfte Person später mit SARS-CoV-2 in Kontakt kommt, werden Viren anhand ihrer Oberflächenproteine erkannt. Sie können nicht mehr an Rezeptoren andocken.

Update vom 12. November 2020

  • Ob der Lockdown Wirkung zeigt, ist noch nicht klar

  • Die Hälfte der Kliniken nur noch limitierte intensivmedizinische Verfügbarkeit

  • Schulen als Infektionstreiber?

Ob der Lockdown Wirkung zeigt, ist noch nicht klar

„Vorsichtig optimistisch“, äußerte sich RKI-Chef Prof. Dr. Lothar Wieler bei der heutigen Pressekonferenz seines Institutes zur aktuellen Corona-Lage. Die Zahlen der Neu-Infektionen seien in den letzten Tagen „etwas weniger stark angestiegen“ – doch seien auch die Laborkapazitäten am Limit. Die Lage sei „nach wie vor sehr ernst“, sagte Wieler. Noch lasse sich nicht beurteilen, ob die Maßnahmen des Lockdowns schon Wirkung zeigten.

Das RKI hat in den vergangenen 24 Stunden knapp 22.000 neue Infektionen gemeldet. Knapp 12.000 Menschen sind in Deutschland inzwischen infolge von COVID-19 gestorben. Derzeit sind in Deutschland laut den Meldungen ans RKI 3.127 Personen wegen einer Corona-Infektion in intensivmedizinischer Behandlung, berichtete die Leiterin des Corona-Lagezentrum beim RKI Dr. Ute Rexroth. Und Wieler ergänzte: „Diese Zahl hat sich allein in den letzten 2 Wochen verdoppelt und liegt jetzt über dem Wert vom April dieses Jahres.“

Rexroth präsentierte auch die aktuellen Hospitalisierungsraten von Menschen mit SARS-CoV2. Auch hier zeige sich eine leichte Abflachung der Zunahme. Doch steige die Rate derjenigen, die 60 Jahre oder älter sind, was Anlass zur Besorgnis gebe. Zudem seien selbst unter den Todesfällen auch jüngere Patienten sagte sie. Und: Die wahre Zahl der mit SARS-CoV2 hospitalisierten Menschen werde wohl unterschätzt, da nicht alle Hospitalisierungen wegen COVID-19 an das RKI gemeldet würden.

Die Hälfte der Kliniken nur noch limitierte intensivmedizinische Verfügbarkeit

„Bei den intensivmedizinisch betreuten Patienten haben wir aber genauere Zahlen“, betonte Wieler. Dies dank des Intensivregisters der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI), das nach seinem Wissen weltweit einzigartig sei. Und die aktuellen Zahlen stimmen den RKI-Chef nicht ganz so optimistisch. Er erwarte, dass aufgrund der sich in ältere Jahrgänge verlagernden Altersstruktur der Infizierten sich auch der Bedarf an intensivmedizinischer Betreuung vermehren werde, sagte er.

In den intensivmedizinischen Abteilungen machten sich sie aktuellen Infektionszahlen erst mit einem Zeitverzug von etwa 2 Wochen bemerkbar. Und bereits jetzt habe rund die Hälfte der Kliniken eine nur noch begrenzte Verfügbarkeit an intensivmedizinischer Betreuung gemeldet. Der Hauptgrund der Einschränkungen seien Limitationen beim Personal und bei den Räumlichkeiten, dagegen gebe es kaum Engpässe bei Verbrauchsmaterialien und Beatmungsgeräten. Ein Grund sei sicher, dass auch zunehmend das ärztliche und pflegerische Personal infiziert sei oder sich in Quarantäne befinde, so Wieler.

Nach Angaben des RKI bleibt das Ziel, die Infektionszahlen wieder so weit zu senken, dass die Gesundheitsämter, aber auch die Kliniken, „damit umgehen können“. Eine Inzidenz von 50/100.000 sei dabei „immer noch ein sehr wichtiger Wert“.

Als geeignete Maßnahmen dies zu erreichen verwies Wieler erneut auf die AHA-L-Regele (Abstand, Hygiene, Alltagsmasken, Lüften), auf die Bedeutung, die Kontakte zu reduzieren – und zum dritten, da ja die Testkriterien verschärft wurden und sich aufgrund zunehmender Engpässe bei den Laboren nicht mehr jeder mit Erkältungssymptomen auf Corona testen lassen sollte – darauf, dass Menschen mit Erkältungssymptomen eine 5-tägige freiwillige Quarantäne zuhause machen.

Schulen als Infektionstreiber?

Auf die Situation an Schulen angesprochen und ob es nicht doch auch darüber zu vermehrten Infektionen komme, räumte Wieler ein, dass derzeit auch bei den 10- bis 19jährigen die Inzidenzen steigen. „Sie tragen es sicher auch weiter, ab der Pubertät ist die Virusausscheidung wohl nicht geringer als bei Erwachsenen, auch wenn viele Kinder und Jugendliche selbst kaum Symptome entwickeln“, sagte er. Er appellierte an die Schulen die Hygienekonzepte konsequent umzusetzen. Eine Maske zu tragen schade der Gesundheit der Kinder nicht.

Auf die Frage nach der Dunkelziffer an Infektionen verwies der RKI-Chef auf verschiedene Studien, nach denen von 4 bis 5 Mal so vielen Infektionen auszugehen ist, wie nachgewiesen werden. Doch auch dieser Wert hänge natürlich auch von den Testkriterien ab, die ja vergangene Woche verschärft worden sind. Damit sei auch mit einer Verschiebung der Schwere der Verläufe zu rechnen, sagte Rexroth. Wird restriktiver getestet, werde der Anteil der schwer Erkrankten unter den positiv Getesteten steigen.    

Wie lange der Lockdown dauern werde, ob er verlängert werden müsse und ob er überhaupt greife, lasse sich derzeit noch nicht vorhersagen, sagte Wieler. Die 2. Welle sei – allein schon wegen der Jahreszeit – schwieriger zu bewältigen als die 1. Welle im Frühjahr. Auch wenn die Infektionszahlen wieder abnehmen, müsse sich die Bevölkerung weiter an die oben genannten Regeln halten. Selbst wenn man nach den Ankündigungen Anfang der Woche nun bezüglich eines Impfstoffes optimistisch sein könne – „es wird dauern, bis sich alle impfen lassen können“.

Update vom 10. November 2020

  • Positionspapier von Ethikrat, Leopoldina und STIKO: Wer wird zuerst geimpft?

  • 4 verschiedene Impfziele

  • Die Auswahlkriterien für Impfentscheidungen

  • Regierung plant Impfzentren – niedergelassene Ärzte außen vor

  • EU-Vertrag über Corona-Impfstoff ist ausgehandelt

  • Fachärzte fordern einheitliches Corona-Konzept der gesamten Ärzteschaft

Positionspapier von Ethikrat, Leopoldina und STIKO: Wer wird zuerst geimpft?

Mehr als 200 Impfstoffe gegen SARS-CoV-2 befinden sich in der klinischen Entwicklung. Erste Vakzine könnten bereits Anfang 2021 zugelassen werden, schreiben die Ständige Impfkommission (STIKO), der Deutsche Ethikrat und die Deutsche Akademie der Naturforscher Leopoldina in einem gemeinsamen Positionspapier. „Anfängliche Knappheit von COVID-19-Impfstoffen erfordert Auswahlentscheidungen darüber, wer zuerst geimpft werden soll.“

4 verschiedene Impfziele

Die Expertengruppe nennt 4 vorrangige Impfziele: Vakzine sollen schwere COVID-19-Verläufe verhindern und die Mortalität verringern. Hinzu kommt der Schutz beruflich stark exponierter Personen. In Einrichtungen mit vulnerablen Personengruppen, das könnten Alten- und Pflegeheime sein, versprechen sich die Experten einen Schutz vor weiteren Übertragungen. Und nicht zuletzt ist ein Ziel, das öffentliche Leben aufrechtzuerhalten.

„Idealerweise erfüllt ein Impfstoff alle Impfziele, aber vermutlich liegt das Ganze zumindest anfangs irgendwo zwischen Verhinderung schwerer Verläufe und Eindämmung der Übertragung“, sagt Prof. Dr. Alena Buyx, Vorsitzende des Deutschen Ethikrates. „Es sollten also die prioritär geimpft werden, die das höchste Risiko für Tod und schwere Erkrankung tragen (hohes Alter, aber auch bestimmte Vorerkrankungen – die STIKO wird die Feinheiten noch ermitteln).“

Die Auswahlkriterien für Impfentscheidungen

Zu den Details: Im nächsten Schritt analysierte die STIKO wissenschaftliche Publikationen, um Personengruppen für eine Impfung zu priorisieren. Konkret handelt es sich um:

  • Ältere Menschen bzw. Menschen mit Vorerkrankungen: Bei ihnen sind ein schwerer COVID-19-Verlauf und eine höhere Mortalität wahrscheinlich. Ein besonders hohes Risiko haben Personen in Alten- und Pflegeheimen.

  • Mitarbeiter in stationären oder ambulanten Einrichtungen der Gesundheitsversorgung und der Altenpflege: Berufsspezifische Kontakte führen zu einem höheren Infektionsrisiko und zu mehr Transmissionen.

  • Personen in Schlüsselfunktionen des öffentlichen Lebens: Mitarbeiter der Gesundheitsämter, der Feuerwehr, der Polizei, aber auch Lehrer und Erzieher gelten dem Papier zufolge ebenfalls als besonders gefährdet. Apotheker sind nicht genannt.

Bis Ende 2020 will die STIKO auf Basis des Papiers eine Matrix erarbeiten, um verschiedene Personengruppen genauer zu priorisieren. Buyx: „Um einen wichtigen Beitrag zu leisten zum Schutz von Menschen und zum Schutz von uns allen, sollte die Verteilung von knappen Impfstoffen daher transparent und so geregelt, gut und gerecht wie möglich erfolgen.“

Regierung plant Impfzentren – niedergelassene Ärzte außen vor

Wie geht es weiter? „Die Länder sind vom Bund aufgefordert worden, zeitnah eine Strategie für die Lagerung und Verteilung eines Corona-Impfstoffs zu erarbeiten“, erklärt Lukas Fuhrmann, Sprecher von Bremens Gesundheitssenatorin Claudia Bernhard (Linke). In einzelnen Bundesländern, etwa in Berlin und in Rheinland-Pfalz, aber auch Bremen und Niedersachsen, laufen die Vorbereitungen bereits auf Hochtouren.

Insgesamt sollen 60 Impfzentren entstehen, an die Vakzine geliefert werden. Sie könnten beispielsweise auf Parkplätzen von Krankenhäusern entstehen. Die Bundeswehr wird Zelte oder provisorische Bauten errichten. Impfzentren sind erforderlich, weil manche Impfstoffe, etwa die Vakzine von Pfizer und BioNtech, bei minus 70°C gelagert werden müssen. Dort finden auch die eigentlichen Impfungen statt, und nicht in Arztpraxen. Mobile Impfteams ergänzen das Konzept.

Nach jetzigem Stand sind bei Vakzinen, die gerade in Phase-3-Studien untersucht werden, 2 Impfungen erforderlich. Die Kosten für Vakzine trägt der Bund, während die Länder für Material wie Spritzen, Kanülen und Desinfektionsmittel aufkommen.

EU-Vertrag über Corona-Impfstoff ist ausgehandelt

Mittlerweile hat die EU-Kommission heute verkündet, dass sie einen Vertrag mit Biontech und Pfizer ausgehandelt hat, der in den kommenden Tagen unterzeichnet werden soll. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hofft, dadurch für die Bundesrepublik bis zu 100 Millionen Dosen der Vakzine sichern zu können, berichtet die Tagesschau.

Die EU-Kommission hatte mit den Unternehmen, die gestern eine 90%ige Wirksamkeit ihrer Vakzine gegen eine Corona-Infektion verkündet hatten, seit Monaten verhandelt. Nun muss aber zunächst die Zulassung abgewartet werden. Biontech/Pfizer wollen nach eigenen Angaben bei der FDA schon kommende Woche eine Notfall-Zulassung beantragen. Auch in der EU wird eine beschleunigte Zulassung angestrebt. Spahn betonte jedoch, dass die Eile dabei nicht auf Kosten der Sicherheit gehe.

Nach Angaben des Gesundheitsministers gibt es auch bereits fertige Verträge der EU mit anderen potenziellen Impfstoff-Herstellern, etwa mit Astra Zeneca und Sanofi. Ein weiterer Vertrag mit dem Unternehmen Johnson & Johnson stehe kurz vor der Unterschrift.

Fachärzte fordern einheitliches Corona-Konzept der gesamten Ärzteschaft

Die Gemeinschaft Fachärztlicher Berufsverbände e.V. (GFB), die offizielle Vertretung der Fachärzte Deutschlands, hat einen Aufruf veröffentlicht, eine gemeinsame ärztliche Plattform einzurichten, die gegenüber Politik und Gesellschaft möglichst einheitliche Positionen für den Umgang mit der COVID-19-Pandemie erarbeitet.

Der Aufruf richtet sich speziell an die Bundesärztekammer (BÄK), die die Diskussion der Ärzteschaft moderieren und nach außen kommunizieren soll. Es müsse ein gemeinsamer Konsens der gesamten verfassten Ärzteschaft erarbeitet werden, fordert der GFB in dem vom Präsidenten, Dr. Jörg-A. Rüggeberg, und dem Vizepräsidenten, Dr. Gundolf Berg, unterzeichneten Brief.

Der GFB verweist auf die Diskussion um das jüngst erschienene KBV-Positionspapier. Diese zeige, „dass Aussagen Einzelner trotz berechtigter Positionen zunehmend zur Austragung persönlicher Differenzen oder von parteipolitischen Interessen missbraucht werden“.

Ziel müsse es sein, „neben den aktuellen unmittelbaren Maßnahmen der Pandemie-Eindämmung, langfristige Strategien aus ärztlicher Sicht zu entwickeln, um das zweifellos noch lange erforderliche „Leben mit dem Virus“ in Abwägung zwischen Allgemeinwohl und Individualgesundheit mit möglichst geringen Schäden zu gestalten“, heißt es. Denkbar sei eine konzertierte Aktion der bei der BÄK angesiedelten Akademien der Haus- und Fachärzte oder ggf. auch eine gemeinsame Diskussionsplattform der Verbände mit Einzelexperten.

 „Solch ein Konsens auf Grundlage der Expertise aller Fachgebiete und Sektoren der Ärzteschaft ist die einzige Möglichkeit, eine mittel- und langfristige Perspektive für ein Leben mit dem Virus erfolgreich in Gesellschaft und Politik verankern zu können.“

Update vom 9. November 2020

  • Pfizer und Biontech berichten vom Erfolg ihrer mRNA-Vakzine

  • 90% Wirksamkeit in geplanter Zwischenauswertung

  • Experten erwarten Wendepunkt durch Impfung

  • Notfallzulassung bei der FDA und EMA zum Greifen nah?

Pfizer und Biontech berichten vom Erfolg ihrer mRNA-Vakzine

Die Unternehmen Pfizer und Biontech vermelden Erfolge mit ihrem mRNA-basierten Impfstoffkandidat BNT162b2 gegen SARS-CoV-2. Er sei bei Teilnehmern ohne vorherigen Nachweis einer SARS-CoV-2-Infektion wirksam, berichten sie. Das externe unabhängige Data Monitoring Committee (DMC) habe am 8. November Resultate einer Zwischenanalyse übermittelt. Bislang haben sich 94 Personen infiziert.

90% Wirksamkeit in geplanter Zwischenauswertung

Die Daten deuteten auf eine Impfstoff-Wirksamkeitsrate von über 90% hin – und dies bereits 7 Tage nach der Gabe der 2. Dosis. Der Schutz werde demnach bereits 28 Tage nach der 1. Impfung erreicht. Im weiteren Verlauf der Studie kann der endgültige Prozentsatz der Impfstoffwirksamkeit jedoch noch variieren. Das DMC hat aktuell keine ernsthaften Sicherheitsbedenken gefunden und empfiehlt, dass die Studie wie geplant mit der Erhebung zusätzlicher Sicherheits- und Wirksamkeitsdaten fortgeführt wird.

Experten erwarten Wendepunkt durch Impfung

„Das sind großartige und vielversprechende Daten“, kommentiert Prof. Dr. Gerd Fätkenheuer gegenüber dem Science Media Center Germany. Er ist Leiter der Infektiologie, Klinik I für Innere Medizin, Uniklinik Köln. „Es ist unglaublich, dass in so kurzer Zeit dieser Fortschritt mit Entwicklung eines Impfstoffes und klinischer Prüfung innerhalb weniger Monate erzielt werden konnte.“ Die bisherigen Ergebnisse zu Wirksamkeit und Sicherheit seien hervorragend. „Ich denke, das wird unseren Umgang mit der Pandemie entscheidend beeinflussen, und ich hoffe, dass rasch große Mengen des Impfstoffes zur Verfügung stehen werden“, so Fätkenheuer weiter.

Von einem „Silberstreifen an dem sonst so düsteren Horizont“ spricht Prof. Dr. Clemens Wendtner, Chefarzt der Infektiologie und Tropenmedizin sowie Leiter der dortigen Spezialeinheit für hochansteckende lebensbedrohliche Infektionen, München Klinik Schwabing. Die Effektivität von mehr als 90% sei „bemerkenswert“, auch deshalb, weil viele laufende Impfstudien zu COVID-19 lediglich eine Erfolgsquote von mindestens 50% voraussetzten. „Darüber hinaus ist zu betonen, dass ein scharfer Endpunkt definiert wurde – Infektion ja oder nein“, ergänzt Wendtner. Für ihn bleibt als Botschaft, dass mRNA-Vakzine als neues Wirkprinzip ihre Effektivität unter Beweis gestellt haben.

„Die Nachbeobachtungszeit ist noch sehr kurz, die seitens der FDA geforderten 60 Tage nach der zweiten Impfdosis werden aber bereits in Kürze, also in der 3. Novemberwoche erzielt sein“, berichtet der Experte. „Und natürlich müssen nicht nur Langzeitwirkungen im Sinne der Protektion beobachtet werden, auch Langzeitnebenwirkungen müssen langfristig auf dem Radarschirm bleiben.“

Wendtner rechnet noch im November 2020 mit einer Notfallzulassung bei der FDA: „Wenn dieser Schritt erfolgen wird, könnte in der Tat bereits Ende 2020 eine Impfwelle anrollen, dann stehen bereits 50 Millionen Dosen laut Hersteller zur Verfügung.“ Für 2021 habe der Hersteller 1,3 Milliarden Dosen versprochen.

Notfallzulassung bei der FDA und EMA zum Greifen nah?

Zum Hintergrund: BNT162b2 enthält Lipid-Nanopartikel mit modifizierter mRNA, welche für das Spike-Protein von SARS-CoV-2 codiert. Nach der intramuskulären Verabreichung wird das Protein intrazellulär gebildet, was zur Immunreaktion führt.

Die klinische Phase-3-Studie begann am 27. Juli und hat bis heute 43.538 Teilnehmer eingeschlossen, von denen 38.955 bis zum 8. November 2020 eine 2. Dosis des Impfstoffkandidaten erhalten haben. Derzeit werden weitere Probanden rekrutiert. Bis zur abschließenden Analyse sollen 164 bestätigte SARS-CoV-2-Infektionen aufgetreten sein.

Im Rahmen der Studie soll auch das Potenzial des Impfstoffkandidaten bei Personen, die zuvor mit SARS-CoV-2 in Kontakt gekommen sind, bewertet werden. Eine weitere Fragestellung ist, ob die Vakzine gegen schwere COVID-19-Erkrankungen schützt.

Die Daten sollen nun mit Zulassungsbehörden weltweit diskutiert werden, darunter die US-amerikanische Zulassungsbehörde FDA und die europäische EMA; wo bereits ein „Rolling Review” des Impfstoffs läuft. Eine wissenschaftliche Publikation ist offenbar in Vorbereitung.

Update vom 6. November 2020

  • RKI: Mehr als 20.000 Neu-Infektionen/Tag – immer mehr Ältere

  • Münchner Studie in 1. Welle: Dunkelziffer 4-mal so hoch wie gemeldete Infektionen

  • Dänemark: Mutiertes Corona-Virus in Nerzen – über 15 Millionen Tiere werden getötet

RKI: Mehr als 20.000 Neu-Infektionen/Tag – immer mehr Ältere

Gestern waren es mit 19.990 noch knapp unter 20.000 gemeldete tägliche Neu-Infektion mit dem Corona-Virus in Deutschland gewesen – heute Morgen vermeldete das RKI dann den nächsten Höchststand mit 21.506 Neu-Infektionen. Die Zahl der Todesfälle ist um 166 auf 11.096 gestiegen. Seit Beginn der Corona-Pandemie gibt es damit 619.089 nachgewiesene Infektionen mit dem Virus in Deutschland.

Trotz immer neuer Spitzenwerte bei den täglichen Infektionsraten gibt es aber auch Anlass für (verhaltenen) Optimismus: Die Reproduktionszahl R liegt derzeit unter 1 (bei 0,8) – ein Infizierter steckt demnach im Schnitt weniger als eine weitere Person an. R muss aber mehrere Tage deutlich unter 1 liegen, um von einer Trendwende sprechen zu können.

Laut RKI liegt die Inzidenz der letzten 7 Tage deutschlandweit bei 126,8 Fällen pro 100.000 Einwohner und ist damit weiter leicht gestiegen. Seit Anfang September nehme auch der Anteil älterer Personen unter den COVID-19-Fällen wieder zu. Die 7-Tage-Inzidenz bei Personen im Alter von 60 oder höher betrage derzeit 83,8/100.000 Einwohner.

Münchner Studie in 1. Welle: Dunkelziffer 4-mal so hoch wie gemeldete Infektionen

Es wird davon ausgegangen, dass die Dunkelziffer an nicht aufgedeckten Infektionen in der Bevölkerung deutlich höher ist. Wichtige Daten dazu soll nun eine große Antikörper-Studie des Tropeninstituts der LMU liefern, die gestern vorgestellt worden ist und über die die Süddeutsche berichtet. Die Studie soll noch im November publiziert werden, ist aber derzeit noch nicht öffentlich verfügbar. Die Wissenschaftler hatten während der ersten Welle in 3.000 repräsentativ ausgewählten Haushalten in München insgesamt 5.313 Blutproben genommen und analysiert.

Sie fanden eine Antikörperrate gegen SARS-CoV-2 von 1,8% - im gleichen Zeitraum ergab sich aus den gemeldeten Infektionen für die bayrische Landeshauptstadt nur eine Infektionsrate von 0,4%. Damit sei von einer mehr als 4-fach so hohen Infektionsrate auszugehen, wie offiziell gemeldet, heißt es. Sie betonen aber auch, dass diese Daten nicht ohne Weiteres auf den derzeitigen Zeitraum und die 2. Welle übertragbar sind – da sich z.B. die allgemeine Testquote und die Testkriterien seitdem verändert haben.

Anhand ihrer Dunkelziffer und der Zahl der Corona-Toten – die sie mit der allgemeinen Übersterblichkeit im Zeitraum zwischen März und Juni abgeglichen haben und zu dem Ergebnis kamen, dass diese quasi ausschließlich den COVID-19-Fällen zuzurechnen seien – haben die Wissenschaftler eine Infection-Fatality-Rate von 0,76% berechnet. Das heißt, von 10.000 Infizierten starben 76. „Das ist um ein Vielfaches höher als die Rate bei saisonalen Grippe-Infektionen“, wird Prof. Dr. Michael Hölscher, Studienleiter und Leiter des Münchner Tropeninstituts zitiert.

Dänemark: Mutiertes Corona-Virus in Nerzen – über 15 Millionen Tiere werden getötet

In Dänemark sollen alle Nerze in den Farmen des Landes – rund 15 bis 17 Millionen Tiere – wegen Corona getötet werden. Der Grund: Bei einigen Tieren ist eine mutierte Form von SARS-CoV-2 nachgewiesen worden, die auch auf den Menschen übertragbar ist. Insgesamt 12 Übertragungen auf den Menschen soll es bereits gegeben haben.

Regierungschefin Mette Frederiksen hatte am Mittwoch angekündigt, es sei notwendig, alle Nerze zu keulen. Denn es bestehe das Risiko, dass das mutierte Virus künftige Impfungen unwirksam machen könnte.

Dänemark ist der weltweit größte Exporteur von Nerzfellen, in 207 Nerzfarmen ist das Coronavirus bereits nachgewiesen worden. In einigen Fällen habe es sich dabei um eine mutierte Variante gehandelt, die sich durch Antikörper weniger gut hemmen lasse. Es stelle damit eine besondere Bedrohung – auch für die künftige Entwicklung von Impfstoffen dar, sagte der dänische Gesundheitsminister Magnus Heunicke.

Update vom 4. November 2020

  • RKI passt Empfehlungen an Ärzte zu den Testkriterien an

  • Jens Spahn: „Mammutaufgabe“ und „harter November“ liegt vor uns

  • DIVI-Präsident: Kliniken sollen regional angepasst in den Notfall-Betrieb wechseln 

RKI passt Empfehlungen an Ärzte zu den Testkriterien an

Das RKI empfiehlt nun in der Erkältungssaison eine neue Teststrategie für SARS-CoV-2. Es sei unmöglich, bei allen Menschen, die Erkältungssymptome haben, einen Test durchzuführen, sagte RKI-Vizepräsident Prof. Dr. Lars Schaade am Dienstag in Berlin bei der Bundespressekonferenz. „Wollten wir alle mit Erkältungssymptomen testen, müssten wir 3 Millionen Tests jede Woche durchführen“, sagte er. „Das ist weder möglich, noch erforderlich.“

Die Ärzte sollten dementsprechend nur testen, wenn Menschen mehrere typische Symptome wie Verlust des Geruchs- und Geschmackssinns, Husten und Fieber haben. Außerdem seien bevorzugt Risikopersonen und solche mit einem Kontakt zu einem Infizierten zu testen. Hintergrund der neuen vom RKI empfohlenen Strategie ist, dass die Labore zunehmend an ihre Auslastungsgrenzen kommen. Die gestern aktualisierten Testempfehlungen sind auf den Seiten des RKI als Fluss-Schema einzusehen.

Der Vorsitzende des Verbandes der Labormediziner ALM (Akkreditierte Labore in der Medizin) Dr. Michael Müller begrüßte die neue Strategie ausdrücklich: „Es ist gut, die Tests auf ein Maß zurückzuführen, das sinnvoll ist“, sagte er. Die derzeitige Kapazität liege bei 1,4 Millionen PCR-Tests pro Woche – und an dieser Kapzitätsgrenze bewege man sich derzeit. Er versicherte aber ausdrücklich: „Jeder, der ihn benötigt, bekommt auch einen Test!“ Schaade empfahl Personen mit Symptomen, die nicht getestet werden, die Selbstisolation für mindestens 5 Tage – oder zumindest bis 48 Stunden nach Nachlassen der Symptome.

Jens Spahn: „Mammutaufgabe“ und „harter November“ liegt vor uns

Bei der Pressekonferenz rief der nach eigenen Aussagen „von einem milden COVID-19-Verlauf“ genesene Bundesgesundheitsminister Jens Spahn zu „einer nationalen Kraftanstrengung auf, die es gemeinsam zu bewältigen gilt“. Es liege eine „Mammutaufgabe“ und „ein harter November“ vor der Bevölkerung und den Gesundheitsdiensten.

Schaade erinnerte an die stark gestiegenen Fallzahlen der letzten Wochen, die sich zuletzt alle 10 Tage verdoppelt hätten. „Wenn dies so weiter ginge, wären wir zu Weihnachten bei 400.000 Infektionen täglich.“ Es gehe darum, das bislang noch immer exponentielle Wachstum zu unterbrechen.

Derzeit würden 2.243 Patienten mit COVID-19 auf Intensivstationen behandelt – vor einem Monat am 1. Oktober waren es nur 362. „Derzeit können wir die Patienten noch versorgen.“ Doch bei den aktuell hohen Infektionszahlen drohe den Intensivstationen in 8 bis 10 Tagen die Überlastung.

DIVI-Präsident: Kliniken sollen regional angepasst in den Notfall-Betrieb wechseln

Spahn berichtete, er habe bereits mit den Ministerpräsidenten gesprochen, wie sich die Kapazitäten bei den Intensivbetten zwischen den Ländern besser steuern ließen. Der Präsident der Deutschen interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI), Prof. Dr. Uwe Janssens, berichtete, dass auch auf den Normalstationen der Krankenhäuser derzeit sehr viel mehr Patienten mit COVID-19 versorgt würden als während der 1. Welle. Bei einigen von ihnen sei damit zu rechnen, dass sie noch auf die Intensivstationen verlegt werden müssen.

Er verwies auf das fehlende Fachpersonal auf den Intensivstationen, diese seien „das Nadelöhr der Versorgung“ – auch weil es hier bei sowieso knapper Personalsituation ebenfalls zu Ausfällen aufgrund von Infektionen komme.

Janssens forderte, die Kliniken sollten regional angepasst an die Infektionszahlen aus dem Regelbetrieb aussteigen und in den Notfall-Betrieb wechseln. Dabei müsse jedoch der Bund die Ausfälle vollumfänglich und rasch erstatten. Spahn sicherte den Krankenhäusern umfassende Unterstützung zu. Es sei wichtig, Druck von den Intensivstationen zu nehmen. „Viele arbeiten bereits am Rande der Belastungsfähigkeit.“

Update vom 2. November 2020

  • Bundeskanzlerin Angela Merkel erläutert den Teil-Lockdown

  • Das Ziel: 75% der Kontakte reduzieren – „Es waren politische Entscheidungen“

  • Schulen wahrscheinlich keine Hotspots

  • Weniger verfügbare Intensivbetten in Deutschland ist als gedacht

Bundeskanzlerin Angela Merkel erläutert den Teil-Lockdown

Bei heute vom RKI gemeldeten mehr als 12.000 neuen Infektionen mit SARS-CoV-2 in den letzten 24 Stunden (Anfang der Woche sind die Zahlen generell immer niedriger) hat heute der Teil-Lockdown in der Bundesrepublik begonnen. In einer kurzfristig anberaumten Pressekonferenz der Bundesregierung hat Bundeskanzlerin Angela Merkel nochmals die derzeitige Situation dargelegt und die Maßnahmen begründet.

„Die Infizierten von heute werden die Intensivbetten in zwei bis drei Wochen füllen“, warnte sie mit Blick auf die drastisch gestiegenen Zahlen in den letzten Tagen. „Wir können dabei nicht zuschauen – und wollen es auch nicht.“ Inzwischen sei es bei 75% der Infektionen nicht mehr möglich, sie zuzuordnen, das heißt, es sei nicht klar, bei welchen Gelegenheiten sich die Menschen infiziert haben.

Zudem breiten sich die Infektionen in die Fläche bundesweit aus. „Gemittelt über 7 Tage liegen wir heute bei einer Inzidenz von 127,8 pro 100.000“, verkündete die Bundeskanzlerin, „wir müssen wieder unter 50 kommen, damit die Gesundheitsämter die Kontakte wieder nachvollziehen können!“

Und dazu reiche es eben nicht, nur auf die Einhaltung der AHA-Regeln hinzuweisen. Es bestehe ein enger Zusammenhang zwischen der Zahl der Kontakte und der Zahl der Infizierten, sagte sie. „Wir müssen die Kontakte reduzieren wo immer möglich, so wenige Menschen wie möglich sollten sich treffen“ – dies sei unabdingbar, um die Möglichkeiten sich anzustecken zu reduzieren, appellierte sie an die Bürger.

Das Ziel: 75% der Kontakte reduzieren – „Es waren politische Entscheidungen“

Aus wissenschaftlichen Berechnungen lasse sich ableiten, dass die Zahl der Kontakte um rund 75% reduziert werden müssen, damit es gelinge, die 2. Welle zu brechen – und um dies zu erreichen, seien die verordneten Maßnahmen „geeignet und erforderlich“, zeigte sich Merkel überzeugt.

Die Entscheidungen des Teil-Lockdowns seien vor diesem Hintergrund zu sehen. „Es waren politische Entscheidungen“, betonte sie. Man habe sich gefragt: „Was ist das Wichtigste?“ Es gehe darum, zum einen das Gesundheitssystem am Laufen zu halten und abzusichern und zum anderen die Infrastruktur und den Wirtschaftskreislauf nicht zu stark zu beeinträchtigen. Zudem habe man sich diesmal – „als Lehre aus der 1. Welle“ – entschlossen, Kitas und Schulen offen zu halten. Mit diesen Vorgaben müsse dann – um die angestrebte 75%ige Kontakteinschränkung zu erreichen – quasi alles andere, wo Menschen sich nahekommen können und sich treffen können, geschlossen werden.

Und dann gehe es eben nicht mehr darum, dass einzelne Branchen darauf verweisen, sie spielten als Infektionsherde keine Rolle. Diese Entscheidungen seien unabhängig von funktionierenden bzw. nicht funktionierenden Hygienekonzepten zu sehen, sagte Merkel. „Wer mir sagt, ich habe den falschen Bereich geschlossen, soll mir sagen, wo ich sonst schließen soll.“

Sie hoffe auf die Akzeptanz, Einsicht, Vernunft und Verantwortung der Bevölkerung. „Es hat jeder in der Hand, den November zum Wendepunkt zu machen – und damit die Voraussetzung für einen erträglichen Dezember und erträgliche Weihnachten zu schaffen.“

Sie versicherte, keiner werde „mit seinen Einnahmeausfällen allein gelassen“ und die funktionierenden Hygienekonzepte seien „für die Zeit danach von immenser Bedeutung“. Doch für den Monat November brauche es nun einmal mehr als diese Hygienekonzepte. „Wir retten nicht nur Menschenleben, wir kommen auch wirtschaftlich besser durch die Krise, wenn wir uns jetzt beschränken.“ Es handle sich um eine große Bewährungsprobe für die freiheitliche Demokratie, die „größte Krise seit Gründung der Bundesrepublik“.

Die Kanzlerin versuchte auch, Zuversicht zu verbreiten. „Wir stehen besser da als bei der 1. Welle; wir haben Schnelltests, bessere, wenn auch noch nicht optimale Medikamente und Aussicht auf Impfstoffe. Am 16. November soll das nächste Treffen mit den Ministerpräsidenten stattfinden, ei dem eine Zwischenbilanz gezogen werden soll. Merkel machte aber auch darauf aufmerksam, dass wir alle uns darauf einstellen müssen, mit „limitierten Kontakten“ durch die Wintermonate zu gehen.

Schulen wahrscheinlich keine Hotspots

Weltweit gesammelte Daten deuten laut einem Bericht in Nature  zunehmend darauf hin, dass Schulen keine Hotspots für Coronavirus-Infektionen sind. Trotz der Befürchtungen nahmen die COVID-19-Infektionen nicht zu, als Schulen und Kindertagesstätten nach der Lockerung der Pandemie wiedereröffnet wurden. Und wenn es zu Ausbrüchen kommt, werden meist nur wenige Menschen krank. „Es gibt keine Nullübertragung oder kein Risiko", wird die australische Kinderärztin Dr. Fiona Russell (Universität von Melbourne) zitiert. Das Infektionsrisiko in Schulen sei allerdings gering, insbesondere wenn die Übertragungsrate in der Bevölkerung der jeweiligen Region gering sei.

Weniger verfügbare Intensivbetten in Deutschland ist als gedacht

Die Zahl der verfügbaren Intensivbetten in Deutschland ist laut einem aktuellen Bericht der  Welt am Sonntag geringer als gedacht. „Bundesweit melden Kliniken freie Betten als verfügbar an, obwohl einige wegen des Personalmangels gar nicht genutzt werden können“, zitiert die Zeitung Prof. Dr. Christian Karagiannidis, den Sprecher des DIVI-Intensivregisters der Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin.

„Wir wiegen uns bei der Zahl der freien Intensivbetten in falscher Sicherheit“, so Karagiannidis weiter. Und: „Die Zahl ist Grundlage für politische Entscheidungen. Einigen Geschäftsführern ist nicht klar, welche große gesellschaftliche Verantwortung sie mit dieser Meldung tragen.“ Karagiannidis rufe daher alle Kliniken auf, „ganz ehrlich“ ihre freien Betten zu melden. 

Aufgefallen sei Karagiannidis die Entwicklung in den vergangenen 2, 3 Wochen. „Wir bekommen immer mehr Rückmeldungen von Notärzten quer aus Deutschland, die uns sagen: Ich habe Schwierigkeiten, meine Patienten in Kliniken unterzubringen, obwohl uns das Register in der Region Dutzende freie Betten anzeigt“, so der Intensivmediziner in der Welt am Sonntag.

Besorgt ist auch der Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI)  Prof. Dr. Uwe Janssens . Er hat sich sogar mit einem eigenen YouTube-Video an die Bevölkerung gerichtet. Janssens spricht stellvertretend für mehr als 3.000 Intensivmediziner und Pflegekräfte, die derzeit auf deutschen Intensivstationen arbeiten.

Er wolle keine Angst machen und noch seien genug Intensivbetten frei, betont Janssens. Aber mit großer Sorge beobachteten alle den überproportionalen Anstieg der Corona-Infektionen in Deutschland und ganz Europa – und die sich füllenden Betten.

„Wir Intensivmediziner befürchten, bei weiter steigenden Infektionszahlen die intensivmedizinische Versorgung in Deutschland bald nicht mehr in vollem Umfang gewährleisten zu können!“ Janssens bittet aus diesem Grunde  in seinem knapp fünf-minütigen Video, dass sich Bevölkerung jetzt strikt an die Regeln zur Minimierung des Infektionsrisikos halten:

  • Kontakte minimieren

  • Größeren Veranstaltungen fernbleiben

  • Teilnahme an Festen vermeiden

  • AHA+L+A Regel beachten: Abstand, Hygiene, Alltagsmaske, Lüften und App benutzen.

Update vom 30. Oktober 2020

  • Positionspapier der KBV sorgt für Unmut unter Ärzten

  • BÄK sieht in Beschlüssen der Regierung „wichtige Notbremse“

  • Hausärzte warnen vor Überlastung

  • Neue Daten zu Trumps experimentellem Antikörper-Cocktail

  • Bayrische Kinder: Viel höhere Durchseuchungsraten als gedacht

Positionspapier der KBV sorgt für Unmut unter Ärzten

Das Positionspapier der KBV, in dem sich KBV-Vorstand Dr. Andreas Gassen und die beiden Virologen Prof. Dr. Hendrik Streeck und Prof. Dr. Jonas Schmidt-Chanasit dafür aussprechen, in der Pandemiebekämpfung mehr auf Gebote denn Verbote zu setzen – und damit indirekt die Corona-Politik der Bundesregierung und deren angeordneten teilweisen Shutdown kritisieren (s.u.) sorgt für einige Aufregung. Bei der Vorstellung des Papiers bei einer Pressekonferenz am Mittwoch sagte KBV-Chef Gassen. „Eine pauschale Lockdown-Regelung ist weder zielführend noch umsetzbar.“ Nur die Zahl der Corona-Neuinfektionen würde einen solchen Schritt nicht rechtfertigen.

Unter dem Papier werden zahlreiche Ärzteverbände als Unterstützer gelistet, darunter auch der Hausärzteverband und der Spitzenverband Fachärzte Deutschlands, der 29 Verbände vertritt. Einer dieser Verbände, der Berufsverband der Anästhesisten (BDA), hat sich in einer Mitteilung von dem Inhalt des Positionspapiers klar distanziert.

BDA-Präsident Prof. Dr. Götz Geldner wird darin zitiert: „Eine solche Stellungnahme zum jetzigen Zeitpunkt erachtet der BDA als grundsätzlich nicht zielführend. Sie trägt nur zu einer weiteren unnötigen Verunsicherung der Bevölkerung bei.“ Es gebe derzeit keine Alternative zur deutlichen Einschränkung von Kontakten, um die Ausbreitung der Infektion, einen Kollaps der gesamten Intensivmedizin in Deutschland und damit sehr viele Tote zu vermeiden: „Wir können der Lawine, die sich bald lösen könnte, als Gesellschaft und Gesundheitssystem nicht tatenlos zusehen“, so Geldner.

Weiter heißt es: „Der BDA mit seinen mehr als 20.000 Mitgliedern, die als Anästhesistinnen und Anästhesisten derzeit in der Pandemie in der Intensivmedizin an vorderster Front arbeiten, distanziert sich damit deutlich von einem Positionspapier der KBV, … bei dem der BDA über seine Mitgliedschaft im „Spitzenverband Fachärzte Deutschlands“ (SpiFa) als Unterstützer genannt worden ist.“ Der BDA habe im Vorfeld keinerlei Kenntnis über dieses Papier gehabt. Die Auffassung des BDA werde auch von dessen Schwestergesellschaft der „Deutschen Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin“ (DGAI) mit ihren mehr als 15.000 anästhesiologischen Mitgliedern geteilt, heißt es weiter.

In den Sozialen Medien haben sich viele Ärzte ebenfalls von dem KBV-Positionspapier distanziert. Gassen spreche eben nicht für „die Ärzteschaft“ wehren sich viele. Denn diese „kritisiere mitnichten die neuen Maßnahmen zur Eindämmung der COVID19-Pandemie“, schreibt z.B. Prof. Dr. Leif Erik Sander, Facharzt für Innere Medizin und Pneumologie an der Berliner Charité und Corona-Experte, auf Twitter. „Diese Erklärung wird von keiner medizinisch-wissenschaftlichen Fachgesellschaft und auch nicht von Klinikärzt*innen unterstützt“, bemängelt er. Das Papier suggeriere, dass es eine generelle Position „der Ärzteschaft" widergebe. Doch: „Die 'gemeinsame Position von Wissenschaft und Ärzteschaft' ist dies sicher nicht!“

BÄK sieht in Beschlüssen der Regierung „wichtige Notbremse“

Die gibt dann wohl eher die Bundesärztekammer (BÄK) wieder. Sie hat die Beschlüsse der Bundesregierung zur Pandemiebekämpfung als „wichtige Notbremse“ gewürdigt. Sie halten die Einschränkungen „für angemessen und geboten“ und begrüßen vor allem, dass Schulen und Kindergärten offenbleiben, schreiben BÄK-Präsident Dr. Klaus Reinhardt und die BÄK-Vizepräsidentinnen Dr. Ellen Lundershausen und Dr. Heidrun Gitter.

Sie mahnen jedoch, dass der Zugang für Patienten zu Kliniken und Ärzten sicher gestellt bleiben müsse und die Patienten über den notwendigen Infektionsschutz aufgeklärt werden sollten. Zudem fordert die BÄK, sich um praktikable Schutzkonzepte speziell für Risikogruppen zu kümmern und für diese ausreichend FFP-2-Masken zur Verfügung zu stellen.

Hausärzte warnen vor Überlastung

Der Bundesvorsitzender des Deutschen Hausärzteverbandes Ulrich Weigeldt fordert „von der Politik eine nationale tragfähige Corona-Strategie über 2021 hinaus“. Diese müsse den Aufwand in den Hausarztpraxen mitberücksichtigen. Weigelt weiter: „Viele Hausarztpraxen sind bereits jetzt an der Grenze ihrer Belastungsfähigkeit, einige auch schon darüber hinaus.“ Dies liege am hohen Aufwand für Tests, Grippe-Impfungen bei regionalen Impfstoff-Engpässen und der Verunsicherung vieler Patienten. „Wir müssen verhindern, dass die ambulante Versorgung, insbesondere in den Hausarztpraxen, die einen Großteil der Behandlung von COVID-19-Erkrankten stemmt, wegbricht.”

Er beklagt außerdem, dass die Tests derzeit noch einen viel zu hohen bürokratischen Aufwand erforderten und möchte, dass die Erfahrung der testenden Praxen und Ämter bei zukünftigen Teststrategien stärker berücksichtigt werden. Es gelte, die Belastung in den Hausarztpraxen so gering wie möglich zu halten: „Die ambulante Versorgung darf unter keinen Umständen verbrannt werden!“

Neue Daten zu Trumps experimentellem Antikörper-Cocktail

Und noch ein bisschen Wissenschaft: Das Unternehmen Regeneron berichtet, dass sein REGN-COV2-Antikörper-Cocktail (der, den Donald Trump erhalten hatte, obwohl er sich erst in Phase-2 der klinischen Prüfung befindet) die SARS-CoV-2-Viruslast verringert und den Bedarf an zusätzlicher medizinischer Versorgung bei ambulanten Patienten mit COVID-19 reduziert.

Wie es in einer Pressemitteilung des Unternehmens heißt, bestätige eine neue Auswertung schon früher publizierte Zwischenergebnisse von 275 Personen. Die neue Analyse umfasst 500 Patienten. Danach hatten diejenigen Patienten, die randomisiert REGN-COV2 erhalten hatten, bis zum 29. Tag mit geringerer Wahrscheinlichkeit COVID-19-bezogene Arztbesuche als Patienten, die Placebo erhalten hatten (2,8% gegenüber 6,5%). Bei Patienten mit Risikofaktoren habe man eine stärkere Risikominderung gesehen.

Bayrische Kinder: Viel höhere Durchseuchungsraten als gedacht

Auch aus Deutschland gibt es neue Daten: Eine Studie des Helmholtz Zentrums München kommt zu dem Ergebnis, dass wohl 6 Mal mehr Kinder in Bayern mit SARS-CoV-2 infiziert waren als bisher gemeldet. Dies verdeutliche die Relevanz bevölkerungsweiter Antikörper-Screenings zur Überwachung des Pandemieverlaufs, heißt es in der Pressemitteilung. Die Studie beschreibt außerdem einen neuen Ansatz, um Antikörper gegen SARS-CoV-2 mit besonders hoher Genauigkeit zu messen.

Dieser neue Ansatz sei von Forschern unter der Leitung von Prof. Dr. Anette-G. Ziegler am Helmholtz Zentrum München entwickelt worden. Die Messung sei besonders zuverlässig, weil das Ergebnis erst dann als Antikörper-positiv gelte, wenn sowohl gegen die Rezeptor-Bindungsdomäne als auch gegen Nukleokapsid-Proteine des Virus positiv getestet wurde. So werde eine Spezifität von 100% und eine Sensitivität von über 95% erreicht.

Ziegler und ihre Forschungsgruppe haben die Tests in einer Kohorte einer großen, bayernweiten Bevölkerungsstudie namens „Fr1da“ zur Früherkennung von präsymptomatischem Typ-1-Diabetes bei Kindern durchgeführt. In knapp 12.000 Blutproben von Kindern in Bayern im Alter zwischen 1 und 18 Jahren fanden sie zwischen Januar 2020 und Juli 2020 im Schnitt bei 0,87% der Kinder Antikörper gegen SARS-CoV-2. Dies war 6 Mal höher als die vom Bayerischen Landesamt für Gesundheit und Ernährung (LGL) gemeldeten Fälle von Kindern in Bayern, die in diesem Zeitraum positiv auf das Coronavirus getestet worden waren. Jedes 2. positiv getestete Kind sei asymptomatisch gewesen.

„Unsere Studie liefert wichtige Ergebnisse, die die Diskrepanz zwischen gemeldeten Virusinfektionen und Antikörperaufkommen offenlegen“, wird Dr. Markus Hippich, Erstautor der Studie und Postdoc am Helmholtz Zentrum München in der Mitteilung zitiert.

Update vom 29. Oktober 2020

Die Corona-Zahlen eilen von einem Höchstwert zum nächsten: 16.744 Neu-Infektionen hat das RKI heute Morgen für die vergangenen 24 Stunden gemeldet. Trotz dieser Zahlen stößt der gestern Abend von Bundeskanzlerin Angela Merkel gemeinsam mit den Ministerpräsidenten der Länder verkündete teilweise Lockdown, der ab dem 2. November für den gesamten Monat gelten und zur Eindämmung der Pandemie beitragen soll, nicht überall auf Zustimmung.

  • Was ab dem 2. November gilt – die Regelungen im Überblick

  • Intensivmediziner: Lage „absolut besorgniserregend“

  • KBV will Alternativen zum Lockdown: Stärker auf Ge- statt Verbote setzen!

  • Marburger Bund: „Der alleinige Appell an die Eigenverantwortung genügt jetzt nicht!“

Was ab dem 2. November gilt – die Regelungen im Überblick

Die wichtigsten Regelungen sind:

  • Nur noch maximal 10 Personen aus 2 Haushalten dürfen sich treffen.

  • Freizeitveranstaltungen sind deutschlandweit untersagt. Dies betrifft auch Freizeit- und Amateursport, Individualsport bleibt davon ausgenommenen. Profisport (Fußball-Bundesliga) ist nur ohne Zuschauer im Stadion zugelassen.  

  • Fitnessstudios, Schwimm- und Spaßbäder müssen schließen,

  • ebenso die Gastronomie, Lieferung und Abholung bleiben erlaubt.

  • Übernachtungsangebote im Inland werden verboten – außer für zwingende Dienstreisen.

  • Kosmetikstudios, Massagepraxen, Tattoo-Studios müssen schließen; Friseursalons bleiben offen, wenn sie die Hygieneregeln beachten. Auch medizinisch notwendige Behandlungen wie Physiotherapien sind weiter möglich.

  • Unternehmen sollen, wenn immer möglich, Heimarbeit anbieten.

  • Schulen und Kindergärten bleiben geöffnet,

  • ebenso wie der Groß- und Einzelhandel (1 Kunde pro 10 qm ist erlaubt).

  • Gottesdienste sind unter Einhaltung der Hygienekonzepte möglich.

Den betroffenen Unternehmen sollen im Rahmen eines Milliarden-schweren Hilfsprogramms Umsatzausfälle erstattet werden.

Ministerpräsident Markus Söder (CSU) kündigte in einer Pressekonferenz heute an, dass in Bayern die Bundes-Beschlüsse eins zu eins übernommen würden. Wie er sagte, müssten die persönlichen Kontakte um 75% reduziert werden, um die Infektionen einzudämmen – andernfalls drohe die Lage außer Kontrolle zu geraten. Außerdem kündigte er an, in Bayern den Katastrophenfall auszurufen.

Am Morgen hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) die neuen Beschlüsse vor dem Bundestag verteidigt: „Die Maßnahmen, die wir jetzt ergreifen, sind geeignet, erforderlich und verhältnismäßig. Wenn wir stattdessen warten würden, bis die Intensivstationen voll sind, dann wäre es zu spät!" Auf der Pressekonferenz hatte Merkel, darauf hingewiesen, dass sich die Zahl der Intensivpatienten binnen 10 Tagen verdoppelt habe, die der künstlich Beatmeten innerhalb von 9 Tagen. Wenn die Entwicklung sich so fortsetze, sagte Merkel, „kommen wir binnen Wochen an die Grenze der Leistungsfähigkeit unseres Gesundheitssystems“.

Intensivmediziner: Lage „absolut besorgniserregend“

Intensivmediziner hatten zuvor vor einer Überlastung der Krankenhäuser und Intensivstationen gewarnt. Die Lage sei „absolut besorgniserregend“ wird z.B. der Leiter der Intensivmedizin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE), Prof. Dr. Stefan Kluge von dpa zitiert: „Wir müssen diesen Trend stoppen, die Politik muss handeln! Uns bleibt keine andere Wahl.“

Wie Kluge sagte, sind einige Kliniken schon gut mit COVID-19-Patienten belegt, andere Erkrankte würden bereits verdrängt. Auch habe sich bereits eine Reihe von Krankenhaus-Mitarbeitern infiziert. Er warnte davor mit Blick auf die (noch) langsam steigende Zahl der Todesopfer abzuwarten: „Wir müssen auf die Zahl der Intensivpatienten gucken. Dann wissen wir, wohin die Reise geht.“ Und derzeit gehe die Kurve bei den COVID-19-Erkrankten auf den Intensivstationen „steil nach oben“. Im Schnitt vergingen 10 Tage, bis ein Patient mit Symptomen auf die Intensivstation verlegt werden müsse – Todesfälle träten meist erst im Verlauf der im Schnitt 2 bis 3 Wochen auf der Intensivstation auf, so dass sich die Zahl der Neuinfektionen erst mit einer Verzögerung von 3 bis 4 Wochen auf die Zahl der Todesfälle auswirke, betonte er.

Der Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi), Prof. Dr. Uwe Janssens, hat auf einer Bundespressekonferenz am Donnerstag die Regierung aufgefordert, die Krankenhäuser dazu anzuhalten, nun auf Notfallbetrieb herunterzufahren. „Wir befinden uns an einem relativ kritischen Punkt in der zweiten Welle der Pandemie“, sagte er.

„Elektive Operationen müssen wieder verschoben werden, um zusätzliche Kapazitäten frei zu machen“, forderte Janssens. „Dazu brauchen die Krankenhäuser die Anweisung und auch finanzielle Hilfen vom Staat.“ Auch die Intensivmediziner betrachten die geplanten Regelungen für den November „als sinnvoll und verhältnismäßig“.

KBV will Alternativen zum Lockdown: Stärker auf Ge- statt Verbote setzen!

Am Mittwochvormittag hatte die KBV auf einer Online-Pressekonferenz noch ein eigenes Strategie-Papier präsentiert, das von den Virologen Prof. Dr. Hendrik Streeck und Prof. Dr. Jonas Schmidt-Chanasit sowie von dem KBV-Vorstandschef Dr. Andreas Gassen unterzeichnet worden war. Darin warben die Unterzeichner dafür, stärker auf Gebote als Verbote zu setzen und sprachen sich für einen stärkeren Schutz der Risikogruppen, die Einhaltung der Hygienemaßnahmen, mehr Eigenverantwortung und ein bundeseinheitliches Ampelsystem aus. „Wir brauchen eine gesunde Balance aus Einschränkungen und wissenschaftlich begründbaren Maßnahmen“, betonte Gassen in diesem Zusammenhang.

Schmidt-Chanasit vom Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin in Hamburg warnt laut KBV-Pressemitteilung vor „großen Nebenwirkungen“ eines weiteren Lockdowns. Aus seiner Sicht seien die AHA + A + L Regeln (Abstand/Hygiene/Alltagsmaske + App + regelmäßiges Lüften) ausreichend, um die Pandemie durchzustehen. Doch sie müssten auch konsequent umgesetzt werden.

Das Positionspapier solle die Diskussion anschieben, sagte Gassen und verwies auf die zahlreichen Unterstützer der Positionen. „Wir haben auch keine endgültige Lösung, aber es gibt sicherlich Alternativen zum Lockdown.“

Marburger Bund: „Der alleinige Appell an die Eigenverantwortung genügt jetzt nicht!“

Dagegen hat sich allerdings der Marburger Bund (MB) als Vertretung der angestellten und verbeamteten Ärztinnen und Ärzte positioniert: In einem Statement vom Donnerstag betont die MB-Vorsitzende Dr. Susanne Johna, dass es in der „sich zuspitzenden Situation mehr denn je darauf ankommt, Infektionsketten zu durchbrechen und das Gesundheitssystem vor Überlastung zu schützen.“ Es sei wichtig, „eine mögliche Notlage in den Krankenhäusern abzuwenden“.

Bund und Länder hätten den Ernst der Lage erkannt. Zwar könne man „über einzelne Maßnahmen geteilter Meinung sein, die Grundrichtung des Bund-Länder-Beschlusses ist aber absolut richtig: Wir müssen den aktuellen Trend brechen, bevor es zu spät ist. Der alleinige Appell an die Eigenverantwortung genügt jetzt nicht.“

Update vom 25. Oktober 2020

 

  • RKI: Weiter steigende Fallzahlen in Deutschland

  • Modellierung: Masken im öffentlichen Raum könnten Mortalität drastisch senken

  • Studierende im Home-Office: Die Psyche leidet ganz erheblich

  • AstraZeneca und Johnson & Johnson setzen Studien zu SARS-CoV-2-Vakzinen fort

  • Karl Lauterbach fordert Nachjustierung bei den Corona-Beschränkungen

  • FDA-Berater warnen vor einer Notfall-Zulassung für Corona-Impfstoff

  • Könnten einige Impfstoff-Kandidaten die Anfälligkeit für HIV erhöhen?

RKI: Weiter steigende Fallzahlen in Deutschland

429.181 bestätigte SARS-CoV-2-Infektuonen (+11.176 im Vergleich zum Vortag), 10.032 Tote (+29) und geschätzte 317.100 Genesene (+3.000) – diese Bilanz zieht das Robert Koch-Institut, Berlin, in seinem Situationsbericht vom 25. Oktober 2020. Mittlerweile ist die 7-Tages-Inzidenz bundesweit auf 74,9 Fälle pro 100.000 Einwohner angestiegen. 363 Stadt- und Landkreise liegen über 25 Fällen pro 100.000 Einwohner, darunter sind 71 mit mehr als 100 Fällen pro 100.000 Einwohner. „Aktuell ist ein beschleunigter Anstieg der Übertragungen in der Bevölkerung in Deutschland zu beobachten“, heißt es im Report. „Daher wird dringend appelliert, dass sich die gesamte Bevölkerung für den Infektionsschutz engagiert.“

Modellierung: Masken im öffentlichen Raum könnten Mortalität drastisch senken

Von einer möglichen Strategie berichtet das IHME COVID-19 Forecasting Team an der University of Washington, Seattle, jetzt in Nature Medicine . Anhand von Daten über den Verlauf der Pandemie zwischen Februar und September 2020 modellierten Forscher den zukünftigen Verlauf in den USA.

Beim 1. Szenario lockern alle Bundesstaaten Einschränkungen wie Abstandsregeln oder die Pflicht, Masken zu tragen. Das könnte laut Berechnung bis Ende Februar 2021 zu mehr als 1 Million kumulativer Todesfälle führen.

Das 2. Szenario wird von den Autoren selbst als „plausible Referenz“ bezeichnet. Steigende Fallzahlen würden zu weiteren Einschränkungen führen, so die Hypothese der Autoren. Das können Schließungen von Geschäften des Einzelhandels, weitere Restriktionen für die Gastronomie oder ähnliche Maßnahmen sein. Ihre Berechnung ergab bis Ende Februar über 500.000 kumulative Todesfälle durch COVID-19.

Und beim 3. Szenario, falls 95% der Bevölkerung in der Öffentlichkeit zusätzlich zu schärferen Restriktionen Masken tragen, würde die kumulative Zahl der Todesfälle bis Ende Februar etwa 382.000 betragen.

„Die Umsetzung [sozialer Distanzierung], sobald die einzelnen Staaten eine Schwelle von 8 Todesfällen pro Tag und pro Million Einwohner erreichen, könnte die Auswirkungen der Krankheit dramatisch lindern; die nahezu universelle Verwendung von Masken könnte das Erreichen dieser Schwelle verzögern oder in vielen Staaten möglicherweise verhindern und hat das Potenzial, die meisten Leben zu retten und gleichzeitig den Schaden für die Wirtschaft zu minimieren“, fassen die Autoren zusammen. Und das gilt nicht nur für die USA.

Studierende im Home-Office: Die Psyche leidet ganz erheblich

Ziel aller Maßnahmen ist, die Mortalität durch COVID-19 zu verringern. Doch manche Restriktionen haben ihren Preis, wie Dr. Marielle Wathelet vom Centre Hospitalier Universitaire de Lille jetzt zusammen mit Kollegen in JAMA Network Open schreibt.

69.054 Studierende füllten zwischen April und Mai 2020 einen Fragebogen zur psychischen Gesundheit aus. Dabei kamen die Impact of Event Scale - Revised (IES-R), die Perceived Stress Scale und das Beck Depression Inventory zum Einsatz: 3 Scores, um subjektiv belastende Situationen, Stress beziehungsweise depressive Symptome zu erkennen.

Die wichtigsten Ergebnisse: Etwa 11% aller Teilnehmer berichteten von Selbstmordgedanken, 22% von einem hohen Stresslevel, 16% von Depressionen und 28% von Angstzuständen. Besonders gefährdet waren Frauen, aber auch Personen, die sich im binären Geschlechtssystem nicht zuordnen lassen, ausländische Studierende und Personen, die in einem Gebiet mit hohen Infektionsraten lebten.

Weitere Faktoren, die ein erhöhtes Risiko vorhersagten, waren Einkommensverlust, schlechte Wohnverhältnisse, wenig Bewegung oder Sport sowie psychiatrische Behandlungen in der Vorgeschichte.

„Die Ergebnisse dieser Übersichtsstudie deuten auf eine hohe Prävalenz psychischer Gesundheitsprobleme unter Studenten hin, die in Quarantäne waren“, schreiben Wathelet und Kollegen. Besonders wichtig sei deshalb, zielgruppengerechte Angebote der Prävention und Therapie bereitzustellen. Die Autoren rechnen mit ähnlichen Einschränkungen im Wintersemester.

AstraZeneca und Johnson & Johnson setzen Studien zu SARS-CoV-2-Vakzinen fort

Die größte Hoffnung ruht derzeit auf Vakzinen. AstraZeneca untersucht zusammen mit der Oxford University momentan den Vektorviren-Impfstoff ChAdOx1 nCoV-19 (AZD1222). Eine Phase-3-Studie wurde nach dem Tod eines Probanden gestoppt (wie Medscape hat berichtet hat). Ähnlich ist es Johnson & Johnson mit dem Vektorviren-Impfstoff Ad26.COV2-S ergangen. Auch hier wurde die Phase-3-Studie auf Eis gelegt, nachdem ein Proband aus unklaren Gründen erkrankt war.

Die Studie von AstraZeneca war 6 Wochen lang unterbrochen worden, während die von Johnson & Johnson 11 Tage lang auf Eis gelegt worden war. Wie die New York Times berichtet, stünden alle diese Fälle nicht mit den Vakzinen in Zusammenhang. Beide Hersteller setzen nun ihre Untersuchungen fort. Die US Food and Drug Administration lehnte es ab, den Neustart zu kommentieren.

Karl Lauterbach fordert Nachjustierung bei den Corona-Beschränkungen

Der SPD-Politiker und Mediziner Karl Lauterbach hält Agenturmeldungen zufolge einen Lockdown in wenigen Wochen für wahrscheinlich und fordert stärkerer Einschränkungen, um die Pandemie einzudämmen. „Die Einschränkungen, die jetzt beschlossen wurden, reichen leider nicht aus, um überfüllte Intensivstationen und einen deutlichen Anstieg der Todeszahlen im Dezember zu verhindern.“ Da müsste nachjustiert werden, so Lauterbach in der  Bild am Sonntag . Ohne eine entschlossenere Beschränkung persönlicher Kontakte sei ein zweiter Lockdown nicht zu vermeiden, warnt Lauterbach.

Um einen Lockdown abzuwenden, sollten Schulklassen verkleinert bzw. geteilt werden und das Arbeiten im Home Office ausgeweitet werden. Lauterbach: „Wenn es uns in den kommenden zwei bis drei Wochen nicht gelingt, die persönlichen Kontakte zu beschränken, werden die Zahlen in wenigen Wochen so stark gestiegen sein, dass uns nur noch ein erneuter Lockdown bleibt.“

FDA-Berater warnen vor einer Notfall-Zulassung für Corona-Impfstoff

Mit der in vielen Ländern einschließlich Deutschland steigenden Zahl der Neuinfektionen wächst die Hoffnung auf einen wirksamen und sicheren Impfstoff. Bald könnten tatsächlich mehrere Impfstoffe zugelassen werden. Die erste Erfolg versprechende Vakzine komme wohl aus Deutschland, meldet unter anderen der  Spiegel

So erfreulich die Zulassung eines ersten Impfstoffes wäre: Dies könnte einige negative Folgen für die Entwicklung weiterer Impfstoffe gegen das neue Corona-Virus haben. Diskutiert wurden solche möglichen Effekte kürzlich von den Wissenschaftlern eines Beratungsgremiums der FDA (VRBPAC: Vaccines and Related Biological Products Advisory Committee). So könnte der FDA für eine Notfall-Genehmigung eine Impfstoff-Effektivität von 50 Prozent reichen, heißt es in einem  Science-Beitrag

Das könnte zu einem ethischen Konflikt führen: Wäre es in einem solchen Fall ethisch vertretbar, den Probanden der Placebo-Gruppe in der zugrundeliegenden Studie weiterhin das Scheinmedikament zu geben. Oder müssten sie nicht aus ethischen Gründen auch die Verum-Vakzine erhalten?

Eine weitere mögliche Frage, sollte ein Impfstoff eine Notfall-Genehmigung erhalten: Wäre es ethisch vertretbar, in einem solchen Fall den Probanden der Studien mit anderen Impfstoffen noch ein Placebo als Kontroll-Substanz zu geben oder müsste der noch experimentelle Impfstoff nicht gegen die Vakzine getestet werden, die bereits eine Genehmigung erhalten hat? 

Könnten einige Impfstoff-Kandidaten die Anfälligkeit für HIV erhöhen?

Bestimmte COVID-19-Impfstoff-Kandidaten könnten die Anfälligkeit für HIV erhöhen, warnt eine Gruppe von Forschern im Fachmagazin  The Lancet Hintergrund ihrer Warnung ist ihre 2007 gemachte Erfahrung mit experimentellen HIV-Impfstoff in einer Studie. Als Vektor verwendet hatten die Wissenschaftler in dieser Studie ein gentechnisch verändertes Adenovirus (Ad5). Ergebnis der Studie (STEP) war, dass Männer, die vor Erhalt des Impfstoffs auf natürliche Weise mit Ad5 infiziert worden waren, besonders anfällig für das AIDS-Virus wurden. Eine zweite Studie (Phambili) mit diesem Impfstoff bestätigte zudem die Ergebnisse. Der Mechanismus dieses Effekts blieb allerdings unklar. 

Bei vier COVID-19-Impfstoff-Kandidaten, die derzeit in mehreren Ländern, einschließlich den USA, in klinischen Studien sind, wird ebenfalls Ad5 als „Vektor“ verwendet. Bei mehreren Impfstoffen, die bereits weit entwickelt sind, werden allerdings andere Adenoviren verwendet, für die es keine Hinweise oder Belege gibt, dass die das Risiko für eine HIV-Infektion erhöhen könnten. Dazu zählen etwa die Impfstoffe von Johnson&Johnson und AstraZeneca/ Universität Oxford.

Update vom 23. Oktober 2020

  • „Noch kein Kontrollverlust“

  • Ärztekammer-Präsident Reinhardt als „Masken-Skeptiker“

  • Harsche Kritik bis hin zur Rücktrittsforderung

  • Ärztinnenbund gegen „Gefälligkeitsgutachten“ für Maskenverweigerer

Nach der gestern bekannt gewordenen Corona-Infektion von Bundegesundheitsminister Jens Spahn – er befindet sich mit leichten Erkältungssymptomen in häuslicher Quarantäne – sind 4 weitere Mitarbeiter des BGM positiv auf SARS-CoV2 getestet worden. Außerdem ist der Ehemann des Gesundheitsministers ebenfalls mit dem Coronavirus infiziert, wie die Bild-Zeitung berichtet

Zum zweiten Mal in Folge liegen auch die bundesweit von den Gesundheitsämtern in den vergangenen 24 Stunden gemeldeten Neu-Infektionen über der Marke von 11.000. Das RKI meldet 11.242 mehr Fälle als am Vortag. Insgesamt wurden dem RKI damit im Laufe der Pandemie 403.291 COVID-19 Fälle in Deutschland gemeldet. 49 zusätzliche Todesfälle sind seit gestern hinzugekommen. Die Zahl der Corona-Toten in Deutschland liegt laut RKI damit mit 9.954 Fällen knapp unter der 10.000er Marke.

„Noch kein Kontrollverlust“

Noch sieht die Vorsitzende des Bundesverbands der Ärztinnen und Ärzte des Öffentlichen Gesundheitsdienstes, Dr. Ute Teichert, trotz der steigenden Zahlen keinen Kontrollverlust der Gesundheitsämter. „Ich glaube nicht, dass wir an dem Punkt sind, dass wir die Kontrolle verloren haben“, sagte die Verbandschefin am Donnerstagabend in den ARD-„Tagesthemen“. Sie räumte aber ein, dass es aufgrund der steigenden Infektionszahlen sicher vereinzelt Probleme gebe und dass die Personalsituation oft schwierig sei.

Als kritische Schwelle betrachtet der Vorsitzende des Weltärztebundes, Prof. Dr. Frank Ulrich Montgomery, wenn die Rate der Neu-Infektionen die Schwelle von 20.000 pro Tag in Deutschland überschreitet. „Bei 20.000 Neuinfektionen am Tag gerät die Lage außer Kontrolle“, sagte er in einem Interview mit der Rheinischen Post (Link hinter Bezahlschranke). „Dann wäre es für Gesundheitsämter nicht mehr möglich, die Infektionsketten nachzuverfolgen und zu unterbrechen. Dann droht uns ein zweiter Lockdown, weil sich das Virus anders nicht mehr bremsen lässt“, wird er in verschiedenen Medien aus dem Interview zitiert.

Der Weltärzte-Chef begrüßte gleichzeitig die verhängten Einschränkungen, etwa im Landkreis Berchtesgadener Land, wo seit Dienstag strikte Ausgangsbeschränkungen gelten. „Bei lokalen Ausbrüchen müssen wir konsequent reagieren“, betonte der frühere Präsident der Bundesärztekammer.

Ärztekammer-Präsident Reinhardt als „Masken-Skeptiker“

Gleichzeitig sorgte der derzeitige Präsident der Bundesärztekammer, Dr. Klaus Reinhardt, für Irritationen als er in der ZDF-Talkshow Markus Lanz am Mittwochabend die Wirksamkeit von Alltagsmasken anzweifelte. Es gebe „keine tatsächliche wissenschaftliche Evidenz darüber, dass die tatsächlich hilfreich sind“, sagte er. „Schon gar nicht im Selbstschutz und wahrscheinlich auch nur ganz wenig im Schutz andere anzustecken.“

Jedoch befürworte auch er das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes in Situationen, in denen nicht der notwendige Abstand eingehalten werden könne – etwa im öffentlichen Nahverkehr oder in engen Räumlichkeiten, betonte er im Nachgang in einem gemeinsamen Rundschreiben mit seinen beiden Vize-Präsidentinnen am Donnerstag. Darin plädieren sie auch dafür, älteren und besonders gefährdeten Personen, etwa in Seniorenheimen, FFP2-Masken zur Verfügung zu stellen.

Das Tragen eines Mund-Nasenschutzes auch im Freien, wie es derzeit nach den neuen Regelungen an manchen öffentlichen Plätzen und Straßen in den Städten gefordert wird, lehne er ab, hatte Reinhardt in der Talkshow betont und dies als „Vermummungsgebot“ bezeichnet. Er betonte aber auch, dass dies seine persönliche Auffassung sei.

Harsche Kritik bis hin zur Rücktrittsforderung

Bei Kollegen stießen seine Äußerungen auf harsche Kritik. Der SPD-Gesundheitspolitiker Prof. Dr. Karl Lauterbach bezeichnete die öffentlichen Äußerungen des Ärztekammer-Präsidenten auf Twitter als „unentschuldbar" für den "ranghöchsten deutschen Ärztefunktionär". „Der Ärztekammerpräsident kann nicht die Position der führenden Fachgesellschaften der deutschen Ärzteschaft und die aktuelle Studienlage öffentlich für falsch erklären.“ Er beschädige damit die Arbeit seiner Kollegen. Lauterbach schrieb auch, dies sei in seinen Augen „ein Rücktrittsgrund, wenn er das nicht sofort zurücknimmt".

Auch die Vorsitzende des Marburger Bundes, Dr. Susanne Johna, bemängelte in einer Pressemitteilung Reinhardts Auftritt und betonte, wie wichtig, gerade in der jetzigen Phase der Pandemie, klare Botschaften an die Bevölkerung seien. Sie bedauere, dass Reinhardt öffentlich den Eindruck erweckt habe, dass Alltagsmasken zum Schutz vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus nur von geringem Wert seien.

Johna weiter: „Diese persönliche Auffassung des Bundesärztekammer-Präsidenten steht im Widerspruch zur aktuellen Studienlage und ist geeignet, das seit Monaten wirksame und evidenzgestützte Konzept zur Minimierung von Infektionen zu diskreditieren. Für uns als Verband der angestellten und beamteten Ärztinnen und Ärzte steht außer Frage, dass Alltagsmasken das Risiko einer Übertragung reduzieren.“

Ärztinnenbund gegen „Gefälligkeitsgutachten“ für Maskenverweigerer

Und schließlich meldete sich auch der Deutsche Ärztinnenbund (DÄB) zu Wort und sprach sich ebenfalls für „Aufklärung statt Verunsicherung“ als „Gebot der Stunde“ aus. DÄB-Präsidentin Dr. Christiane Groß wird mit den Worten zitiert „Eine Mund-Nase-Bedeckung – auch eine Alltagsmaske – ist ein wichtiger strategischer Pfeiler, um die Corona-Infektionsraten zu reduzieren und Leben zu schützen.“

Groß weiter: „Der Ärztinnenbund unterstützt ausdrücklich das Konzept der Pandemiebekämpfung mit Abstand, Hygiene, Alltagsmasken, Lüften und Corona-Warn-App. Es ist wissenschaftlich belegt, dass Alltagsmasken dazu beitragen, Menschen vor einer Ansteckung, auch mit dem Corona-Virus, zu schützen.“  Gleichzeitig distanziert sich der DÄB „ausdrücklich von Gefälligkeitsgutachten, die einige Ärzte und Ärztinnen ausstellen, um Patienten und Patientinnen die Masken zu ersparen. „Wer das tut, macht sich berufsrechtlich strafbar“, so Groß.

Als Reaktion auf die allgemeine Kollegen-Schelte hat sich Ärztekammer-Präsident Reinhardt am Freitagnachmittag nochmals an die Öffentlichkeit gewandt und seine Aussagen während der Talk-Show bedauert. Er stellt klar: „In der Sendung ‚Markus Lanz‘ hatte ich den wissenschaftlichen Evidenznachweis der Schutzwirkung von Mund-Nasen-Masken in Zweifel gezogen. Dies hat zu erheblichen Irritationen geführt, die ich sehr bedauere. Die aktuelle Evidenz aus vielfältigen Studien spricht für einen Nutzen des Mund-Nasen-Schutzes. Die Studien weisen darauf hin, dass sowohl die Übertragung auf andere als auch die Selbstansteckung durch Alltagsmasken reduziert wird. Aus diesen Daten resultiert die klare Empfehlung zum Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes.“

„Wir sind nicht machtlos“: Welche Strategie das RKI gegen die explosionsartig steigenden Corona-Neuinfektionen empfiehlt

Wenn das kein Zeichen ist: Auch den obersten „Gesundheitshüter“ Jens Spahn hat es erwischt. Er ist positiv auf SARS-CoV-2 getestet worden, hat aber nur leichte Erkältungssymptome.

Für Deutschland sieht die Lage da schon dramatischer aus: Am Morgen hatte das RKI einen neuen Höchstwert bei den Corona-Neuinfektionen gemeldet. So seien von den Gesundheitsämtern binnen 24 Stunden 11.287 Fälle gemeldet worden – eine Zahl, die den bisherigen Höchstwert seit Beginn der Pandemie in Deutschland von 7.830 Neuinfektionen am vergangenen Samstag weit überschreitet.

Für Deutschland liegt die Bilanz damit bei 380.762 bestätigten SARS-CoV-Infektionen, 9.875 Toten und 302.100 Genesenen – diese Zahlen hat Prof. Dr. Lothar H. Wieler, Präsident des Robert Koch-Instituts (RKI) in Berlin, bei der Pressekonferenz am heutigen 22. Oktober 2020 präsentiert [1].

 
Derzeit besteht noch die Chance, eine Ausbreitung des Virus zu verhindern. Wir sind nicht machtlos. Prof. Dr. Lothar H. Wieler
 

„Aktuell ist ein beschleunigter Anstieg der Übertragungen in der Bevölkerung in Deutschland zu beobachten“, so Wielers Einschätzung. Er appelliert an alle Bürger, die „AHHA+L“-Regel zu beherzigen und selbst einen Beitrag zum Infektionsschutz zu leisten. „Derzeit besteht noch die Chance, eine Ausbreitung des Virus zu verhindern“, ist der RKI-Präsident optimistisch. „Wir sind nicht machtlos.“

Details zur Entwicklung

In den letzten 7 Tagen hat sich die Inzidenz bundesweit auf 51,3 Fälle pro 100.000 Einwohner erhöht. Deutlich über dem bundesweiten Durchschnitt liegen Berlin, Bremen, Hessen, Nordrhein-Westfalen und das Saarland.

Auch die Anzahl der Landkreise mit einer 7-Tage-Inzidenz von insgesamt mehr als 25 Fällen pro 100.000 Einwohner steigt weiter. Mittlerweile haben 285 Stadt- und Landkreise diese Fallzahl überschritten (30 Kreise > 100 Fälle pro 100.000 Einwohner und 103 Kreise > 50-100 Fälle pro 100.000 Einwohner).

 
Wir müssen davon ausgehen, dass die Zahl an schweren Fällen und an Toten weiter ansteigt. Prof. Dr. Lothar H. Wieler
 

Wieler dazu: „Das Virus wird sich in Deutschland weiter stark, vielleicht sogar unkontrolliert ausbreiten.“ Momentan seien vor allem jüngere Menschen betroffen, aber seit Anfang September nehme der Anteil älterer Menschen unter den Patienten weiter zu. Es gebe wieder mehr Hospitalisierungen und mehr Therapien auf der Intensivstation. „Wir müssen davon ausgehen, dass die Zahl an schweren Fällen und an Toten weiter ansteigt“, so seine Einschätzung.

Infektion meist im privaten Umfeld

Wie der RKI-Präsident erklärt, versuchen Gesundheitsämter auch, herauszufinden, wo sich die Menschen vor allem infiziert haben. Das gelinge oft, aber nicht immer. „Anfang März haben wir vor allem Ausbrüche in Alten- und Pflegeheimen, aber auch in Flüchtlingsunterkünften oder in Privathaushalten gesehen“, sagte Wieler. „Auch jetzt sehen wir, dass sich ein Großteil im privaten Bereich ansteckt.“ Nur würden inzwischen laut COSMO-Studie 2 von 3 Menschen die Gefahren kennen.

Übernachtungen in Hotels oder das Reisen in öffentlichen Verkehrsmitteln spielen RKI-Analysen zufolge bei der Übertragung eine eher untergeordnete Rolle. Das liege an den kaum vorhandenen Interaktionen, etwa zwischen Bahnreisenden, so Wieler. Viele Aerosole, die die Übertragung begünstigen, entstünden dagegen vor allem beim (lauten) Sprechen oder sogar Singen, was vor allem auf Feiern oder Partys zutreffe.

Im Monat Juni sei SARS-CoV-2 oft am Arbeitsplatz übertragen worden – was den Ausbrüchen in der fleischverarbeitenden Industrie geschuldet war. „In Schulen sind solche Ereignisse noch selten, werden aber mit steigenden Fallzahlen an Bedeutung gewinnen“, sagte Wieler voraus.

Diese Strategie empfiehlt das RKI weiterhin

Wie geht es weiter? Der RKI-Präsident will keinen generellen Strategie-Wechsel. Er verwies auf die 3 etablierten zentralen Säulen im Kampf gegen die Pandemie:

  • Mit der „AHA+L“-Regel, mit der Corona-Warn-App und mit der Strategie von Gesundheitsämtern, Infizierte, aber auch deren Kontaktpersonen, zu identifizieren, soll die Pandemie weiter eingedämmt werden.

  • Gefährdete Personengruppen, etwa Menschen in Alten- und Pflegeheimen, seien besonders zu schützen. Mittlerweile hätten, so Wieler, viele Einrichtungen gute Hygienekonzepte.

  • Mehr Behandlungskapazitäten und neue Therapien sollen dazu beitragen, die Folgen der Infektionen abzumildern.

 
Auch wenn man nicht mehr alles schafft: Jeder nachgewiesene Kontakt vermindert weitere Ausbrüche. Prof. Dr. Lothar H. Wieler
 

„Wir müssen die Zahl der Infektionen auf ein Level bringen, auf dem wir damit umgehen können“, resümierte der RKI-Präsident. „Noch haben wir die Chance, die weitere Ausbreitung des Virus zu verlangsamen.“ Ihm sei bewusst, dass manche Gesundheitsämter dabei an ihre Grenzen stoßen werden – oder schon gestoßen sind. „Auch wenn man nicht mehr alles schafft: Jeder nachgewiesene Kontakt vermindert weitere Ausbrüche“, betonte Wieler.

 

Kommentar

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