RKI: Lage angespannt, es drohen „viele weitere Tote“; Sorge um Situation in Pflegeheimen; Hygiene-Beauftragte für Schulen?

Michael van den Heuvel, Sonja Boehm, Dr. Thomas Kron

Interessenkonflikte

3. Dezember 2020

Der Herbst hat begonnen – und die Zahl der SARS-VoV-2-Infektionen steigt nicht nur in Deutschland drastisch an. Wir informieren Sie in unserem Corona-Blog über aktuelle Entwicklungen, Studien und wissenschaftliche Dispute.

Update 3. Dezember 2020

  • Noch keine Trendumkehr – Wieler rechnet mit „vielen weiteren Toten“

  • Fast 5.300 Corona-Tote in Betreuungseinrichtungen – aber auch 55 Tote unter Pflegekräften

  • Inzidenz von 50/100.000 ist erreichbar – Hamburg als Beispiel

  • Mehr Compliance als Lösung? Wieler schlägt Hygienebeauftragte für Schulen vor

Noch keine Trendumkehr – Wieler rechnet mit „vielen weiteren Toten“

RKI-Chef Prof. Dr. Lothar Wieler zeigte sich im heutigen Pressebriefing des Robert Koch-Instituts unzufrieden mit der aktuellen Entwicklung in der Corona-Krise. Am Morgen hatte das RKI wiederum über 22.000 neue Infektionen innerhalb der vergangenen 24 Stunden in Deutschland gemeldet. Auch die Zahl der Corona-Toten sei mit 479 in den letzten 24 Stunden sehr hoch. Über 3.900 Menschen werden derzeit wegen einer Corona-Infektion intensivmedizinisch behandelt. Nach RKI-Angaben sind bislang in Deutschland 1.106.789 Infektionen mit SARS-CoV-2 erfasst worden, insgesamt 17.602 Todesfälle stehen im Zusammenhang mit der Virusinfektion.

„Die befürchtete Entwicklung ist eingetreten“, so Wieler: Immer mehr Gesundheitsämter und Kliniken stießen an ihre Belastungsgrenzen. „Der Trend ist noch nicht gebrochen“, konstatierte er, „Die Lage bleibt angespannt!“ Er appellierte an die Bevölkerung, sich noch mehr an die AHA-L Regeln zu halten, um die Infektionszahlen zu senken. Gelinge dies nicht, sei mit einem weiteren Anstieg der schweren intensiv-pflichten Verläufe zu rechnen – und auch „mit vielen weiteren Toten“.

Fast 5.300 Corona-Tote in Betreuungseinrichtungen – aber auch 55 Tote unter Pflegekräften

Nach wie vor sei die 7-Tage-Inzidenz bei den jungen Erwachsenen im Alter zwischen 15 und 29 Jahren besonders hoch, informierte Dr. Ute Rexroth, die die RKI-Stabsstelle zur Corona-Krise leitet. Aber es infizierten sich derzeit auch immer mehr Ältere. „Es ist uns nicht gelungen, das Virus aus den Alten- und Pflegeheimen herauszuhalten – und diese besonders vulnerable Gruppe zu schützen“, räumte Wieler ein.

Nach aktuellen RKI-Zahlen ist COVID-19 für betreute Menschen in Pflegeeinrichtungen und anderen Gemeinschaftsunterkünften besonders gefährlich: Jeder 5. Infizierte dort stirbt. Insgesamt gab es unter den betreuten Infizierten bislang 5.292 Corona-Todesopfer in Deutschland (Stand 2. Dezember) – aber auch 55 infizierte Pflegekräfte sind dem Erreger zum Opfer gefallen. 

Inzidenz von 50/100.000 ist erreichbar – Hamburg als Beispiel

Von den bislang 17.602 Corona-Toten insgesamt seien über 11.000 in einem Alter über 80 gewesen, berichtete Rexroth. In der Gruppe der 60- bis 69-Jährigen gab es mehr als 1.500 Tote und bei den 50- bis 59-Jährigen noch über 500. Das Virus zirkuliere in der jüngeren Bevölkerung und werde von diesen in die älteren Altersgruppen getragen, sagte die Infektionsepidemiologin. Daher sei es wichtig, die Inzidenz allgemein zu senken. Dabei sei das Ziel nach wie vor unter einen Wert von 50 pro 100.000 Einwohner zu kommen.

Auf die kritische Nachfrage, ob sie dieses Ziel tatsächlich für erreichbar hielten, zeigten sich Wieler und Rexroth optimistisch. Sie verwiesen auf das Beispiel von Hamburg: Die Hansestadt sei bei den Corona-Infektionen unter den Spitzenreitern gewesen, zeige nun einen deutlichen Rückgang der Infektionszahlen und nähere sich mit einer derzeitigen Inzidenz von 67/100.000 dem angestrebten Ziel.

Mehr Compliance als Lösung? Wieler schlägt Hygienebeauftragte für Schulen vor

Wie Wieler sagte, hält er es nicht für erforderlich Strategien und Konzepte zu ändern, weil eine Trendwende bislang nicht gelungen ist. Die Hygienekonzepte müssten einfach konsequenter umgesetzt werden. Er verwies auf RKI-Statistiken, die die Infektionszahlen in Krankenhäusern und Pflegeheimen während der ersten Welle im Frühjahr mit den derzeitigen Zahlen vergleichen.

Was auffällt: Im Vergleich zum Frühjahr sind in den Kliniken die nosokomialen Infektionen deutlich niedriger. Das heißt, es gelingt sehr viel besser, eine Übertragung des Erregers dort zu verhindern. Den gleichen Erfolg sieht man derzeit in den Alten- und Pflegeheimen aber noch nicht.

Er appellierte an die Träger der Heime, die dort benötigten zusätzlichen Ressourcen zur Verfügung zu stellen und verwies auf die kürzlich überarbeiteten Hygiene-Empfehlungen des RKI für solche Einrichtungen. Insgesamt sei es wichtig, auch z.B. in Schulen oder anderen ähnlichen Einrichtungen die Hygienekonzepte entsprechend umzusetzen. Um dies zu gewährleisten, schlug Wieler vor, dass Schulen z.B. einen Lehrer zum „Hygienebeauftragten“ erklärten, der sich über die entsprechenden Regelungen informiere und deren Umsetzung organisiere.  

In diesem Zusammenhang sieht Wieler auch die schnellen Antigen-Tests. Sie könnten als Werkzeug sehr hilfreich sein, müssten aber in ein „Gesamt-Hygiene-Konzept“ eingebettet sein. „Die Tests dienen vor allem dazu zu prüfen, ob die Hygieneregeln funktionieren!“ Das Wichtigste, um die Lage in den Griff zu bekommen, sei derzeit „die Compliance, also die Maßnahmen noch konsequenter umzusetzen“. 

Update 1. Dezember 2020

  • Corona-Impfstoffe: 2 Anträge auf bedingte Zulassung

  • Entlastung von Kliniken

  • Anschlussbetreuung in Hotels

  • Deutschland: COVID-19-Mortalität im mittleren Bereich

Aktuell berichtet das Robert Koch-Institut von 1.067.473 SARS-CoV-2-Infektionen (+13.604, verglichen mit dem Vortag) und 16.636 COVID-19-Todesfällen (+388), Stand 1. Dezember 2020, 13:00 Uhr.

Beim DIVI-Register (30. November 2020) zeigt sich, dass die intensivmedizinischen Behandlungskapazitäten zunehmend schwinden. Aktuell gibt es noch 1.531 Behandlungsplätze im Low-Care-Bereich, 4.374 High-Care- und 443 ECMO-Plätze.

Corona-Impfstoffe: 2 Anträge auf bedingte Zulassung

Die Europäische Arzneimittelagentur EMA hat 2 Anträge auf bedingte Zulassung erhalten. Es handelt sich um BNT162b2 von BioNTech/Pfizer und um mRNA1273 von Moderna Biotech Spain. Beide Vakzine enthalten mRNAs. Körpereigene Zellen stellen auf Grundlage dieser Erbinformation Oberflächenproteine her, und das Immunsystem reagiert darauf mit Antikörpern bzw. T-Zellen. Die mRNAs codieren für sogenannte Spike-Proteine von SARS-CoV-2.

Die EMA will beide Impfstoffkandidaten nach einem beschleunigten Zeitplan beurteilen. Für den Impfstoff von BioNTech/Pfizer soll dies noch bis zum 29. Dezember geschehen und für das Medikament von Moderna bis zum 12. Januar 2021, so die aktuelle Ankündigung der EMA.

Die Gutachten über die Marktzulassung könnten innerhalb weniger Wochen vorliegen, weil die Arzneimittelagentur bereits Daten zu den Impfstoffen im Rahmen einer fortlaufenden Überprüfung („rolling review“) bewertet hat.

Kommt die EMA zu dem Schluss, dass der Nutzen des Impfstoffs eventuelle Risiken überwiegt, wird sie die Erteilung einer bedingten Zulassung empfehlen. Die Europäische Kommission wird dann ihren Entscheidungsprozess beschleunigen, um innerhalb weniger Tage eine bedingte Marktzulassung zu erteilen, die in allen EU- und EWR-Mitgliedstaaten gültig ist.

Entlastung von Kliniken

Zum Hintergrund: Viele Krankenhäuser fahren laut dem Marburger Bund die Zahl an planbaren Eingriffen bzw. Untersuchungen nicht zurück, sondern behandeln COVID-19-Patienten einfach zusätzlich. „Hier droht eine folgenreiche Überforderung der Klinikärztinnen und -ärzte“, erklären Dr. Thorsten Hornung und Dr. Feras El-Hamid vom Arbeitskreis Junger Ärztinnen und Ärzte im Marburger Bund. Von der Politik fordern sie klare Anweisungen, Kapazitäten für COVID-19 freizuhalten, aber auch Hilfen und eine Budgetgarantie für Kliniken.

Anschlussbetreuung in Hotels

Gerade Senioren stehen nach Abschluss ihrer COVID-19-Behandlung vor weiteren Herausforderungen. Sie können nicht mehr in ihr häusliches Umfeld zurück und warten auf geriatrische Rehabilitationen. Nahtlose Übergänge gelingen derzeit kaum. Deshalb schlägt der Marburger Bund vor, Senioren zunächst in Hotels einzuquartieren und zu betreuen, bis sie eine Anschlussbehandlung erhalten. Derzeit stehen Hotels als Folge des Teil-Lockdowns größtenteils leer.

Deutschland: Übersterblichkeit im mittleren Bereich

Welche Folgen SARS-CoV-2 für verschiedene Länder hat, untersuchten Alyssa Bilinski von Harvard Graduate School of Arts and Sciences, Cambridge, und Kollegen.

Zwischen Mitte Februar und Mitte September 2020 lag die COVID-19-Mortalität in Deutschland bei 11,3 Fällen pro 100.000 Einwohner, was einem mittelhohen Wert entspricht.

Die niedrigste COVID-19-Mortalität hatte Südkorea mit 0,7/100.000 Einwohner zu vermelden, gefolgt von Japan (1,2/100.000) und Australien (3,3/100.000 Einwohner). Im mittleren Bereich lagen Norwegen (5,0/100.000), Finnland (6,1/100.000) oder Österreich 8,6/100.000). Zum Vergleich: In den USA waren es 60,3/100.000 Einwohner ohne sichtlichen Rückgang.

Update 30. November 2020

  • G-BA: Wer soll FFP-2-Masken bekommen?

  • Aktualisierte Stellungnahme zur Risikoabschätzung bei Lungenerkrankungen

  • Russischer Impfstoff erreicht eine Effektivität über 95% 

  • EMA: Weitere Daten zu SARS-CoV-2-Vakzinen

  • Nach COVID-19: Hinweise auf Langzeit-Folgen

1.053.869 SARS-CoV-2-Infektionen (11.169 mehr als gestern) und 16.248 Todesfälle (+125) – diese Zahlen hat das Robert Koch-Institut (RKI) am 30. November, 07:00 Uhr, veröffentlicht. Darauf haben Politiker bekanntlich mit einem Teil-Lockdown reagiert. Doch die Kritik wächst.

„Wir können nicht auf Dauer alles schließen und der Staat bezahlt Monat für Monat Milliarden-Ausfälle“, sagt Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet (CDU). „Ab dem neuen Jahr wird ein neues Modell nötig sein.“ Er sieht in Impfstoffen eine langfristige Perspektive. „Noch ein weiteres Jahr wie dieses halten Gesellschaft und Wirtschaft nicht durch“, so Laschet weiter.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) bringt eine nationale Gesundheitsreserve mit Schutzausrüstung, Schutzmasken, Beatmungsgeräten und Medikamenten ins Gespräch. Er will Depots an bundesweit 19 Standorten einrichten.

G-BA: Wer soll FFP-2-Masken bekommen?

Außerdem hat Spahn mit dem 3. Bevölkerungsschutzgesetz juristische Grundlagen geschaffen, um – wie geplant – FFP2-Masken über öffentliche Apotheken zu verteilen. Risikopatienten sollen gegen einen niedrigen Obolus 15 dieser Masken bekommen, also eine Maske pro Winterwoche.

Mittlerweile hat der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) Empfehlungen zur Frage veröffentlicht, wer als besonders vulnerable Gruppe geschützt werden sollte: Menschen ab 60 Jahren, Frauen mit einer Risikoschwangerschaft, Patienten mit Herzinsuffizienz, mit zerebrovaskulären Erkrankungen, mit Typ-2-Diabetes, mit Krebserkrankungen unter einer Chemotherapie, mit Nierenerkrankungen ab dem Stadium 4, mit Asthma, chronisch-obstruktiver Lungenerkrankung, mit Demenz, Übergewicht (BMI ab 30) und nach einer Organtransplantation. Alles in allem umfassen diese vulnerablen Gruppen 27,35 Millionen Bundesbürger.

Aktualisierte Stellungnahme zur Risikoabschätzung bei Lungenerkrankungen

Viele Patienten mit chronischen Lungenerkrankungen stellen sich – und ihren Ärzten – die Frage, wie hoch ihre Gefahr für einen schweren Verlauf ist. Zur Risikoabschätzung haben die Deutsche Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP) und der Bundesverband der Pneumologen, Schlaf- und Beatmungsmediziner (BdP) eine aktualisierte Stellungnahme veröffentlicht.

Für Patienten mit Asthma geben Pneumologen weitgehend Entwarnung. Studien hätten die Erkrankung nicht mit schwerem COVIOD-19 in Verbindung gebracht, schreiben DGP und BdP. In manchen Fällen sollte aber die Medikation angepasst werden. Es gibt zumindest Hinweise, dass orale oder hochdosierte inhalative Steroide einen schweren Verlauf begünstigen. Biologicals gelten als mögliche Alternative. Niedrig oder mittel dosierte inhalative Steroide sind jedoch unproblematisch. Ähnliche Empfehlungen geben Fachgesellschaften für Patienten mit Sarkoidose oder anderen interstitiellen Lungenerkrankungen.

Wer an COPD, Lungenfibrose beziehungsweise Lungenkrebs leidet oder eine Lungentransplantation überstanden hat, gilt als besonders gefährdet. Das liegt laut Positionspapier nicht nur an der Lungenerkrankung, sondern an Komorbiditäten wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Selbst bei höherem Risiko raten DGP und BdP aber nicht zur vorbeugenden Isolation. Vielmehr sollten Hygieneregeln des RKI konsequent umgesetzt werden. Nach Rücksprache mit dem behandelnden Pneumologen mache es auch Sinn, FFP2-Masken zu tragen – und keine Alltagsmasken. Mittelfristig bleibt die Hoffnung auf Impfstoffe.

Russischer Impfstoff erreicht eine Effektivität über 95%

Neue Daten kommen aus Russland: Sputnik V soll laut Pressemeldung des Direktinvestitionsfonds eine Wirksamkeit von 91,4% zum Zeitpunkt 28 Tage nach Erhalt der 1. Dosis (7 Tage nach der 2. Dosis) erzielen. Das geht aus einer geplanten Zwischenauswertung der laufenden Phase-3-Studie hervor.

18.794 Probanden erhielten 2 Dosen der Vakzine (n = 14.095) oder Placebo (n = 4.699). Dabei kam es zu 8 bzw. 31 Infektionen mit SARS-CoV-2. Vorläufige Daten zu Freiwilligen am 42. Tag nach der 1. Dosis (entsprechend 21 Tage nach der 2. Dosis) zeigen, dass die Wirksamkeit sogar über 95% liegt. Bereits Anfang September hatte das Konsortium Resultate ihrer Phase-1/2-Studie in The Lancet veröffentlicht.

Grundlage des Impfstoffs ist – wie bei der Oxford-Vakzine – die Vektorvirus-Technologie. Russische Forscher setzten jedoch 2 verschiedene Vektoren ein. Probanden erhalten bei der 1. Impfung eine Vakzine auf Grundlage des Adenovirus vom Typ 26 (rAd26). Die 2. Impfung enthält ein Adenovirus vom Typ 5 (rAd5).

Warum dieser Aufwand? Das menschliche Immunsystem kann Antikörper gegen Adenoviren bilden, und die 2. Impfung würde abgeschwächt. Dies könnte scheinbar paradoxe Effekte der Oxford-Studie erklären ( Medscape hat berichtet ): Britische Forscher erzielten mit einer halben 1. und einer vollen 2. Dosis ihres Vektorvirus-Impfstoffs die besten Ergebnisse.

EMA: Weitere Daten zu SARS-CoV-2-Vakzinen

Unabhängig vom wissenschaftlichen Einzelfall sind die Prognosen aber gut. Die Europäische Arzneimittelagentur EMA überprüft fortlaufend Daten. Und Jens Spahn rechnet „noch im Dezember“ mit einer Zulassung.

Nun meldete sich die EMA mit einer weiteren Strategie zu Wort. Sie wird eine Erklärung der Internationalen Koalition der Arzneimittelaufsichtsbehörden (ICMRA) ratifizieren. ICMRA-Experten fordern von Impfstoffforschern, Hochschulen, Aufsichtsbehörden und von der Pharmaindustrie, Studien über den vordefinierten Zeitraum hinaus fortzusetzen. Dies könne wichtige zusätzliche und genauere Informationen zur langfristigen Sicherheit und Wirksamkeit eines Impfstoffs gegen COVID-19 liefern, heißt es im Dokument.

Nach COVID-19: Hinweise auf Langzeit-Folgen

Ein weiteres Argument, sich durch Impfungen zu schützen, liefern niederländische Wissenschaftler. Wer an COVID-19 erkrankt, muss mit langfristigen Folgen rechnen. Zu dem Ergebnis kommen Dr. Bram van den Borst, Radboud University Medical Center Nijmegen, und Kollegen. Sie nahmen 124 Patienten einer Nachsorgeklinik in die Studie auf (Alter 59±14 Jahre, 60% Männer). Von ihnen hatten 27 eine leichte, 51 eine mittelschwere, 26 eine schwere und 20 eine kritische COVID-19 überstanden.

Die häufigsten Beschwerden nach 3 Monaten waren Müdigkeit, Atemnot und Schmerzen in der Brust. Viele Menschen hatten auch immer noch Einschränkungen in ihrem täglichen Leben sowie eine verminderte Lebensqualität.

Bei einem Großteil war der Röntgen-Thorax zwar unauffällig. Auch die Sauerstoffsättigung in Ruhe erreichte meist Normalwerte. Borst berichtet jedoch, dass 86% der Patienten weiter leichte Milchglastrübungen im CT hatten. Und im Schnitt wurde nur 81% der Diffusionskapazität für Kohlenmonoxid (DLCO) erreicht. Das zusammen sei als mögliche Hinweise auf eine beginnende Lungenfibrose zu werten, so die Autoren.

Update 26. November 2020

  • Bund-Länder-Treffen: Regeln für die Feiertage

  • Empfehlungen für Orchester

  • Kritik an Oxford-Impfstoffstudie: Halbe Dosis aus Versehen

  • Rekonvaleszenz-Plasma für immunsupprimierte Patienten

Die SARS-CoV-2-Pandemie hat Deutschland weiter im Griff. Aktuell meldet das Robert Koch-Institut 983.588 bestätigte Infektionen (+22.268 zum Vortag) und 15.160 Todesfälle (+ 389), Stand 26. November 2020, 7:00 Uhr. Vor diesem Hintergrund ringen Politiker um weitere Einschränkungen.

Bund-Länder-Treffen: Regeln für die Feiertage

Am 25. November tauschten sich Bund und Länder dazu aus. Die Schaltkonferenz zog sich in die Länge. Kurz vor 22:00 Uhr informierte Angela Merkel (CDU) die Journalisten über Beschlüsse. Der exponentielle Anstieg der Infektionszahlen sei gebrochen worden, so die Bundeskanzlerin. „Aber das ist nur ein Teilerfolg. Wir können uns mit diesem Teilerfolg auf gar keinen Fall begnügen.“

  • Restaurants, Freizeit- und Kultureinrichtungen bleiben mindestens bis 20. Dezember geschlossen.

  • Bestehende Kontaktverbote werden ab 1. Dezember verschärft. Maximal 5 Personen aus 2 Haushalten dürfen sich treffen.

  • Für die Feiertage sind Lockerungen geplant. Zwischen dem 23. Dezember rund dem 1. Januar dürfen sich im engsten Familienkreis bis zu 10 Personen treffen. Kinder unter 14 Jahren werden nicht eingerechnet.

Vor weiteren Restriktionen, etwa einem kontrovers diskutierten Verbot von Silvester-Feuerwerk, scheuten sich die Politiker. Bundesländer mit deutlich weniger als 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner innerhalb von 7 Tagen dürfen von den Regeln abweichen – darauf hatten einige Ministerpräsidenten bestanden.

Empfehlungen für Orchester

Früher oder später werden Kulturbetriebe ihre Pforten wieder öffnen. Umso wichtiger sind geeignete Schutzmaßnahmen. Wie sich Risiken bei Musikern mit Blasinstrumenten verringern lassen, fanden Wissenschaftler der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg und der Ludwig-Maximilians-Universität München heraus. Sie machten Aerosol-Wolken mit Liquids von E-Zigaretten sichtbar und bestimmten die Verteilung im Raum.


Flötistin Natalie Schwabe demonstriert im Testlabor die Aerosol-Verteilung (©: BR)

„Die gemessenen Blasinstrumente unterscheiden sich in ihrer Abstrahlcharakteristik nach vorne hin“, berichtet Prof. Dr. Matthias Echternach, Leiter der Abteilung Phoniatrie und Pädaudiologie der Klinik und Poliklinik für Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde am LMU-Klinikum München.

„Für die Trompete und die Klarinette haben wir im Mittel Abstände der Wolke vom Mund von 0,9 Metern gemessen.“ Manche Musiker hätten jedoch Weiten von 1,5 Metern erreicht, sodass Sicherheitsabstände von 2 Metern nach vorne sinnvoll seien. Speziell bei Querflöten ließen sich 2 Meter nachweisen. Hier rät Echternach zu 3 Metern nach vorne als Sicherheitsabstand.

Die Abstrahlung zur Seite blieb generell unter 1 Meter. „Ein Sicherheitsabstand von 1,5 Metern erscheint daher, im Gegensatz zu den bisher empfohlenen 2 Metern, hinreichend“, so Echternach. Auch hier gilt: Alle Räume müssen regelmäßig gelüftet werden.

Kritik an Oxford-Impfstoffstudie: Halbe Dosis aus Versehen

Vorsichtsmaßnahmen sind so lange erforderlich, bis es wirksame Vakzine gibt – und bis ein Großteil der Bevölkerung geimpft worden ist. Die Arbeiten laufen auf Hochtouren. Doch manche Daten sorgen für Verwirrung.

ChAdOx1 nCoV-19, ein Vektorvirus-Impfstoff der Universität Oxford und des Herstellers AstraZeneca, war bei einem niedrigeren Dosis-Schema wirksamer als bei der kompletten Dosis ( Medscape berichtete ).

Bei den Probanden, die bei der 1. Injektion die halbe Dosis und bei der 2. Impfung – mindestens einen Monat später – die volle Dosis bekamen, erreichte der Impfstoff eine Wirksamkeit von 90%. Damit läge er für diese Gruppe im Bereich der beiden anderen Impfstoffe.

Wurden beide Impfungen in der vollen Dosis verabreicht, erzielte der auch als AZD1222 bekannte Wirkstoff nur 62% Wirksamkeit. Beide Schemata zusammengenommen erreichten den – in der ersten Erfolgsmeldung verbreiteten – Durchschnittswert von 70,4%.

Jetzt kommen Hintergründe dieser merkwürdigen Vorgehensweise ans Licht. Der New York Times zufolge handelte es sich schlichtweg um Fehler bei der Durchführung. Forscher in Großbritannien hatten vorgehabt, Freiwilligen die Anfangsdosis in voller Dosis zu geben, aber sie verabreichten versehentlich die halbe Dosis. Nachdem man den Fehler entdeckt hat, erhielten Probanden etwa 1 Monat später wie geplant die 2. Impfung in voller Dosis.

„Ich denke, dass sie das Vertrauen in ihr gesamtes Entwicklungsprogramm wirklich geschädigt haben“, so Geoffrey Porges, Analyst bei der Investmentbank SVB Leerink, zur New York Times . Menelas Pangalos, Executive Vice-President BioPharmaceuticals R&D bei AstraZeneca, entgegnet, Fehler bei der Dosierung seien von einem Auftragnehmer gemacht worden. Und man habe die die Aufsichtsbehörden umgehend in Kenntnis gesetzt, den Impfstoff in verschiedenen Dosen weiter zu testen.

Auf die Frage, warum AstraZeneca einige Informationen mit Wall Street-Analysten und Experten, aber nicht mit der Öffentlichkeit geteilt habe, antwortete er: „Ich denke, die beste Art, die Ergebnisse zu kommunizieren, ist in einem von Experten begutachteten wissenschaftlichen Journal, nicht in einer Zeitung.“

Phase-3-Studie: Rekonvaleszenz-Plasma für immunsupprimierte Patienten

Impfungen eignen sich im besten Fall für viele, aber nicht für alle Menschen. Patienten mit supprimiertem Immunsystem könnten von der Prä- oder Postexpositionsprophylaxe mit Antikörpern profitieren, so die Hoffnung forschender Hersteller.

AstraZeneca untersucht, welchen Schutz das Präparat AZD7442 aus 2 Antikörpern bieten könnte. Sie werden aus Rekonvaleszenz-Serum gewonnen und so modifiziert, dass sie bis zu 12 Monate wirken. Oft werden sie Long Acting Antibodies (LAAB) genannt. Außerdem hat der Hersteller die Bindung an Fc-Rezeptoren herabgesetzt, um eine antikörperabhängige Verstärkung von Infektion oder Hyperinflammation zu verhindern.

Laut Pressemeldung plant AstraZeneca, 6.100 gesunde Erwachsene in 2 Phase-3-Studien einzuschließen. Zuerst wollen Forscher herausfinden, ob AZD7442 über 12 Monate hinweg Infektionen mit SARS-CoV-2 verhindert (n = 5.000).

Bei der 2. Studie (n = 1.100) sollen Antikörper zur Postexpositionsprophylaxe verabreicht werden. Davon unabhängig plant AstraZeneca, den Antikörper-Cocktail bei Patienten mit COVID-19 zu untersuchen (n = 4.000).

Für das Studienprogramm bekam die Firma 486 Millionen US-Dollar (412 Millionen Euro) von der amerikanischen Regierung als Unterstützung. Sie verpflichtet sich im Gegenzug, 100.000 Dosen des Biologicals für US-Bürger bereitzustellen. Die USA hat sich außerdem Optionen für 1 Million weiterer Dosen gesichert.

Update 23. November 2020

  • Drohen strengere Maßnahmen?

  • Besser keine Familienbesuche

  • Zwischenauswertung zu AstraZeneca-Impfstoff

  • ZI: Bei Engpässen Kontakt-Nachverfolgung priorisieren

  • ECDC: Neue europäische Teststrategie

  • Mindestens 6 Monate Immunität nach SARS-CoV-2-Infektion

929.133 SARS-CoV-2-Infektionen (+10.864 im Vergleich zum Vortag) und 14.112 Todesfälle durch COVID-19 (+90) – von diesen Trends berichtet das Robert Koch-Institut auf seinem Dashboard (23. November 2020, 08:00 Uhr). Das sind weniger Neuinfektionen als noch vor 1 Woche; Grund zur Sorge besteht aber weiterhin.

Drohen strengere Maßnahmen?

Es gebe „keine Aussicht auf Lockerungen und keine Entwarnung“, sagt Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU). „Um ein schönes Weihnachten verbringen zu können, müssen wir den Lockdown verlängern und sicher auch vertiefen.“ Seine Warnung: „Wenn wir jetzt auf diesem hohen Niveau der Infektionszahlen den Lockdown abbrechen und die Geduld verlieren, dann geht alles wieder von vorne los und wir landen am Ende bei noch härteren Maßnahmen als jetzt in Tschechien oder Österreich.“

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) geht noch einen Schritt weiter. Er kann sich SARS-CoV-2-Schneltests an Schulen vorstellen. Bei Auftreten einer Infektion solle umgehend die betroffene Klasse in die häusliche Isolation geschickt werden. „Nach negativen Schnelltests am 5. Tag könnten die Schülerinnen und Schüler wieder in die Schule zurückkehren“, so der Minister.

Entscheidungen wird es frühestens am Mittwoch bei der nächsten Schaltkonferenz von Bund und Ländern geben. Viel spricht aber dafür, dass Ländervertreter weitere Maßnahmen wie eine strengere Maskenpflicht befürworten.

Besser keine Familienbesuche

Als besonders kritisch gelten die Feiertage mit traditionellen Besuchen im Familienkreis – in den USA schon zu Thanksgiving, dem 26. November. Die Centers of Disease Control and Prevention (CDC), Atlanta, raten davon ab.

„Die exponentielle Zunahme der Fälle und die Möglichkeit, die Krankheit von einem Teil des Landes in einen anderen zu verlagern, führt zu unserer Empfehlung, zum jetzigen Zeitpunkt nicht zu reisen“, sagt Dr. Henry Walke, COVID-19 Incident Manager bei der Behörde. Er empfiehlt nur, mit Personen aus dem eigenen Haushalt zu feiern, definiert als diejenigen, die in den 14 Tagen vor der Feier im selben Haus wohnen. Wer sich dennoch entscheidet, andere Menschen einzuladen, sollte laut CDC Masken tragen, im Freien feiern oder Stühle weit auseinanderstellen.

Ähnliche Diskussionen gibt es in Deutschland angesichts der Jahreswende. Viele Städte denken darüber nach, Feuerwerke zu Silvester ganz – oder zumindest in belebten Regionen – zu verbieten.

Zwischenauswertung zu AstraZeneca-Impfstoff

Auch dem Impfstoff-Sektor tut sich ebenfalls viel. Mittlerweile liegen für den Vektorviren-Impfstoff AZD1222 Zwischenergebnisse einer Phase-3-Studie vor. Die Vakzine wird von der University of Oxford in Zusammenarbeit mit AstraZeneca untersucht.

Prof. Dr. Gerd Fätkenheuer, Leiter der Infektiologie, Klinik I für Innere Medizin, Uniklinik Köln, hat sich bislang veröffentlichten Informationen angesehen. „Es werden Ergebnisse von 2 Studien berichtet, die mit unterschiedlichen Dosierungen durchgeführt wurden“, so Fätkenheuer. 2.741 Probanden der Studie COV002 erhielten im Abstand von 1 Monat eine halbe Dosis und dann eine volle Dosis. An der Studie COV003 nahmen 8.895 Personen teil. Sie bekamen 2 volle Dosen des experimentellen Impfstoffs.

Die Zwischenanalyse umfasste 131 SARS-CoV-2-Infektionen. Als Impferfolg geben die Forscher 90% (COV002) bzw. 62% (COV003) an. „Wenn alle 11.636 Teilnehmer zusammengenommen werden, beträgt die Wirksamkeit 70 Prozent“, kommentiert Fätkenheuer. Schwerwiegende Sicherheitsprobleme traten nicht auf.

„Diese sehr vorläufigen Daten sind schwer zu interpretieren“, so der Experte weiter. „Es fällt auf, dass mit einer geringeren Impfdosis eine größere Erfolgsrate zu erzielen war als mit einer höheren Dosis.“ Seine Fragen: „Ist das ein rein zufälliger Effekt? Oder gibt es immunologische Faktoren, die dies begründen?“

Unterschiede sieht Fätkenheuer auch im Vergleich zu Studiendaten von Biontech/Pfizer und Moderna: „In die RNA-Impfstoff-Studien sind jeweils deutlich mehr Teilnehmer eingeschlossen worden. Dennoch ist die Zahl der beobachteten Infektionen in diesen Studien mit 94 beziehungsweise 95 Fällen niedriger als bei AstraZeneca.“ Darin sieht er einen möglichen Hinweis, dass der AstraZeneca-Impfstoff etwas weniger effektiv sein könnte als die beiden RNA-Impfstoffe.

 

ZI: Bei Engpässen Kontakt-Nachverfolgung priorisieren

Trotz präventiver Maßnahmen wird die Zahl an Neuinfektionen zwischen Weihnachten und Neujahr nach oben schnellen. Mit der Frage, wie sich Deutschland angesichts knapper Ressourcen verhalten sollte, befassten sich Wissenschaftler am Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung (Zi). Ihrem Diskussionspapier zufolge sind Testung, Kontaktverfolgung und Isolation nach wie vor die wichtigsten Eckpfeiler.

SARS-CoV-2-Tests sollten nicht eingeschränkt werden. Werden Ressourcen in Gesundheitsämtern knapp, raten die Autoren, bei der Nachverfolgung von Kontakten zu priorisieren. Abgefragt werden sollte, ob eine positiv getestete Person in Gesundheits- oder Pflegeeinrichtungen arbeitet, regelmäßig Senioren oder Patienten mit Vorerkrankungen besucht oder mit anderen Menschen aus dem Gesundheitsbereich zusammenlebt. Dann werden entsprechende Kontakte nachverfolgt. Ansonsten reicht es aus, Infizierte selbst zu isolieren.

Abhängig von der weiteren Entwicklung empfiehlt das ZI auch zum Schutz vulnerabler Personengruppen, dass jede Kontaktperson etwa FFP-2-Maken tragen muss. Und nicht zuletzt könnte man elektive Eingriffe in Krankenhäusern verschieben, um die Kapazität zu erhöhen.

ECDC: Neue europäische Teststrategie

Noch ein Blick auf Testungen. Das Europäische Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC) hat neue Empfehlungen veröffentlicht. Experten sprechen sich für Antigen-Tests aus, vor allem in Situationen mit begrenzten Kapazitäten an PCR-Tests oder wenn es darum geht, schnell Ergebnisse zu haben.

„Die Testempfindlichkeit für Antigen-Schnelltests ist im Allgemeinen geringer als die von RT-PCR-Tests“, gibt das ECDC zu bedenken. Antigen-Tests eignen sich für Patienten mit hoher Viruslast, also wenige Tage nach Infektion bis Mitte der 2. Woche.  Als Mindestanforderung nennt die Behörde eine Sensitivität von mindestens 80% und eine Spezifität von mindestens 97%. Sie empfiehlt allen EU-Mitgliedstaaten, Antigen-Schnelltests vorab zu validieren.

Mindestens 6 Monate Immunität nach SARS-CoV-2-Infektion

Haben Patienten eine Infektion mit SARS-CoV-2 überstanden, sind sie wahrscheinlich 6 oder mehr Monate vor Folgeinfektionen geschützt. Zu dem Ergebnis kommen Sheila F. Lumley vom Oxford University Hospitals NHS Foundation Trust und Kollegen. Ihr Ziel war, bei dieser Frage für mehr Evidenz zu sorgen. Obwohl weltweit schätzungsweise 51 Millionen Menschen mit dem Virus infiziert sind, gab es bislang nur Fallberichte von Patienten, die sich erneut infiziert haben ( Medscape hat berichtet).

Die aktuelle Studie erstreckte sich über einen Zeitraum von 30 Wochen und umfasste 12.180 Beschäftigte im Gesundheitswesen. Sie wurden unabhängig von Symptomen regelmäßig auf Antikörper gegen SARS-CoV-2 getestet. Während der Studie infizierten sich 89 von 11.052 Mitarbeitern ohne Antikörper. Keiner der 1.246 Mitarbeiter mit Antikörpern entwickelte eine symptomatische Infektion. 76 Teilnehmer ohne Antikörper wurden per PCR positiv auf SARS-CoV-2 getestet, verglichen mit 3 Personen mit Antikörpern.

„Dies deutet darauf hin, dass die meisten Menschen wahrscheinlich nicht erneut COVID-19 bekommen werden, wenn sie es bereits in den vergangenen 6 Monaten hatten“, schreiben die Autoren. Wie lange Antikörper vor Reinfektionen schützen, können sie aufgrund der begrenzten Studiendauer nicht sagen.

Update vom 19. November 2020

  • RKI-Update: „Wir wissen nicht, ob das schon eine Trendwende ist.“

  • Steigende Positiven-Rate der PCR-Tests – und die Dunkelziffer?

  • Die Zahl der intensivmedizinisch Betreuten und Todesfälle steigt noch

  • Aktualisierte RKI-Empfehlungen: Quarantäne und Isolierung

22.609 – so viele Neu-Infektionen sind heute dem RKI deutschlandweit gemeldet worden. „Wir sind noch lange nicht über den Berg“, kommentierte RKI-Chef Prof. Dr. Lothar Wieler diese Zahlen bei der heutigen Pressekonferenz. „Die Lage ist nach wie vor sehr ernst.“ Er sah allerdings „Anzeichen für einen vorsichtigen Optimismus“. Die Infektionszahlen scheinen sich zu stabilisierten – dies allerdings auf einem hohen Niveau. „Wir wissen nicht, ob das schon eine Trendwende ist. Das müssen wir noch abwarten.“

Auch Dr. Ute Rexroth, Epidemiologin beim RKI, meint „langsam zu sehen, dass die strengeren Maßnahmen zur Pandemiekontrolle greifen“. Doch seien die Zahlen nach wie vor deutlich zu hoch, sagte sie, viele Gesundheitsämter in ihren Kapazitäten erschöpft.  Die 7-Tagesinzidenz betrage bundesweit 137/100.000 Einwohner. „Diese Zahl ist wenigstens in der vergangenen Woche nicht angestiegen.“ Der R-Wert pendele derzeit um die 1,0.

Das Ziel sei es nach wie vor, die Infektionszahlen deutlich weiter zu senken – um so wieder eine Kontaktnachverfolgung zu ermöglichen. Dies werde allerdings noch einige Zeit in Anspruch nehmen, sagte Wieler.

Steigende Positiven-Rate der PCR-Tests – und die Dunkelziffer?

Zudem ist nicht völlig gesichert, wie gut die derzeitigen Infektionszahlen mit denjenigen vor einigen Wochen vergleichbar sind. Auch die Labore haben bei den PCR-Tests ihre Kapazitätsgrenzen erreicht. Und wie viele Schnelltests zusätzlich zur PCR-Diagnostik erfolgen, dazu fehlt derzeit die Statistik. Seitdem das RKI – wie berichtet – seine Teststrategie geändert hat und empfiehlt, nicht jeden mit Erkältungssymptomen zu testen und Symptomlose per se nicht mehr, ist die Positiven-Rate der vorgenommenen Tests stetig angestiegen. Sie nähert sich derzeit den 10%.

Ist dadurch auch mit einem Anstieg der Dunkelziffer zu rechnen? Wieler sagte, darauf gebe es bislang keine Hinweise. Nach wie vor gehe man aufgrund von Modellrechnungen beim RKI davon aus, dass auf eine entdeckte Infektion 4 oder 5 unerkannte kommen.

Die Zahl der intensivmedizinisch Betreuten und Todesfälle steigt immer noch

Von Entspannung kann also noch lange nicht die Rede sein. Sorgen machen vor allem die immer noch stetig steigenden Zahlen an schwer Erkrankten, Patienten, die hospitalisiert bzw. intensivmedizinisch versorgt werden müssen, betonten Rexroth und Wieler. Deren Zahl nimmt weiter zu: Waren am 8. Oktober noch „nur“ 487 Menschen in Deutschland wegen eine COVID-19 Erkrankung in intensivmedizinischer Behandlung, waren es gestern, am 18. November 3.561 Fälle.

Und die Inzidenz in den höheren besonders gefährdeten Altersgruppen nimmt zu. Aber, so betonte Rexroth: „Es sind eben nicht nur ältere Personen oder solche mit Risikofaktoren betroffen.“ Sie verwies auf eine neue Auswertung des RKI der COVID-19-Erkrankungen während der 1. Welle im Frühjahr. Danach waren bei rund einem Drittel der schwer Erkrankten keinerlei Vorerkrankungen wie eine KHK oder Diabetes oder Krebs bekannt.

Insgesamt 13.330 Todesfälle sind dem RKI bis heute im Zusammenhang mit einer COVID-19-Erkrankung gemeldet worden. Auch hier ist ein deutlicher Anstieg zu verzeichnen. Lagen die Zahlen Anfang Oktober täglich noch im niedrigen 2-stelligen Bereich, werden derzeit täglich über 200 oder sogar 300 Todesfälle an COVID-19 dem RKI übermittelt – „so wie es aussieht, werden es in dieser Woche insgesamt vielleicht sogar über 1.000 sein“, sagte Rexroth.

Aktualisierte RKI-Empfehlungen: Quarantäne und Isolierung

Wieler erläuterte auf der Pressekonferenz nochmals den, wie er betonte, wichtigen Unterschied zwischen einer Quarantäne und einer Isolierung, dies auch anlässlich einiger Aktualisierungen, die das RKI in seinen Empfehlungen dazu vorgenommen hat.

Eine Isolierung betreffe Menschen, die sich mit dem Virus infiziert haben. Sie sei behördlich angeordnet und könne zuhause oder im Krankenhaus stattfinden. Sie ende, wenn der Patient nicht mehr infektiös sei – „in der Regel nach 10 Tagen“.

Dagegen betreffe die Quarantäne Menschen, die aufgrund des engen Kontaktes zu einem Infizierten ein hohes Ansteckungsrisiko hatten oder haben – und „möglicherweise ansteckend sind“. Die Quarantäne könne behördlich angeordnet oder freiwillig sein und dauere – nach dem letzten Kontakt mit dem Infizierten – 14 Tage.

Ein wichtiger Hinweis sei, dass Menschen, die bereits eine nachgewiesene Infektion mit SARS-CoV-2 hinter sich haben, auch nach einem Kontakt mit einem Infizierten nicht mehr in Quarantäne müssen. Sie sollten sich aber selbst auf Symptome beobachten. Treten Symptome auf, sei ein Test zu veranlassen.

Haushaltsmitglieder eines Infizierten müssen nun auch laut einer Aktualisierung der RKI-Empfehlungen nur noch gemeinsam in eine 14-tägige Quarantäne – eine so genannte Ketten-Quarantäne, bei der Haushaltsmitglieder nacheinander in Quarantäne geschickt werden, wird nicht mehr empfohlen. Neu ist auf den RKI-Seiten eine Info-Grafik zum Kontaktpersonen-Management einzusehen.

Update 18. November 2020

  • Kritik von Experten an der Bundesregierung

  • Impfstoffkandidat von Moderna: Vielversprechende Daten

  • Immunantwort nach SARS-CoV-2-Infektion wohl länger als erwartet

  • USA: Notfallzulassung für SARS-CoV-2-Selbsttest

  • Pfizer/Biontech: Ergebnisse der Phase-3-Studie

Aktuell berichtet das Robert Koch-Institut auf seinem Dashboard von 833.307 bestätigten SARS-CoV-2-Infektionen (+17.561 zum Vortag) und 13.119 COVID-19-Todesfällen (+305). Dennoch hatten Bundeskanzlerin Angela Merkel und Ministerpräsidenten der Länder bei ihrer letzten Schaltkonferenz keine weiteren Verschärfungen beschlossen – sehr zum Unmut von Ärzten und Virologen.

Kritik von Experten an der Bundesregierung

Man könne nicht nachvollziehen, „dass man versucht, mit Appellen weiterzukommen“, kritisiert Dr. Ute Teichert, Vorsitzende des Bundesverbandes der Ärzte im öffentlichen Gesundheitswesen. „Wir schaffen es nicht mehr, die Kontaktpersonen nachzuverfolgen. Von daher wären einheitliche Beschlüsse für uns sehr hilfreich gewesen.“ Viele Eltern und Lehrer seien verunsichert, so Teichert. Gerade für Schulen wären klare Regeln gut gewesen.

Auch Prof. Dr. Isabella Eckerle, Leiterin des Zentrums für neuartige Viruserkrankungen an der Universitätsklinik Genf/Schweiz, findet klare Worte: „Ein zögerliches Vorgehen beziehungsweise ein Abwarten in einer Pandemie ist meistens keine gute Idee.“ Die Zahlen hätten sich zwar verlangsamt; sie stiegen aber immer noch an. „Wenn man die Infektionszahlen wirklich runter bekommen möchte, die Kliniken entlasten, in der Gesellschaft ein bisschen mehr Normalität haben möchte, dann wäre es besser gewesen, schon jetzt damit anzufangen.“

Gleichzeitig weist Eckerle auf Informationslücken hin: „Man hat sich lange auf Daten aus der ersten Jahreshälfte berufen, wo sich gezeigt hatte, dass die Kinder eine nicht so große Rolle spielen. Das hat sich jetzt aber geändert.“ Auch sie plädiert dafür, Einschränkungen beizubehalten – wenn nicht sogar zu verschärfen. Gleichzeitig bleibt die Hoffnung, dass bald eine Vakzine zugelassen werden könnte.

Impfstoffkandidat von Moderna: Vielversprechende Daten

Am 9. November informierten Biontech und Pfizer über eine Zwischenauswertung ihres Impfstoffkandidaten BNT162b2. Und am 16. November folgten Zwischenergebnisse von Moderna zum Impfstoff mRNA-1273. „Die … veröffentlichten ersten Daten zum mRNA-Impfstoff der Firma Moderna zeigen sehr ähnliche Ergebnisse wie die Vakzine von Biontech“, kommentiert Prof. Dr. Gerd Fätkenheuer gegenüber dem Science Media Center Germany. Er ist Leiter der Infektiologie, Klinik I für Innere Medizin, Uniklinik Köln. Fätkenheuer: „Während bei Biontech die Wirksamkeit mit über 90% angegeben wurde, liegt sie beim Moderna-Impfstoff bei 94,5%. Das sind fast identische Ergebnisse, die sich bei Biontech auf 94 und bei Moderna auf 95 beobachtete COVID-19-Infektionen beziehen.“

In den Zahlen sieht der Experte ein „sehr starkes Indiz dafür, dass das Prinzip der RNA-Impfstoffe zur Verhinderung der SARS-CoV-2-Infektion tatsächlich funktioniert“: alles in allem ein positives Signal. „Wenn man nach den Ergebnissen von Biontech große Hoffnung in die Wirksamkeit der Impfstoffe setzen konnte, so ist diese Hoffnung jetzt noch ein deutliches Stück größer geworden.“ Als gutes Zeichen sieht er, dass bei der Vakzine von Moderna alle der insgesamt 1 schweren COVID-19-Fälle in der Placebo-Gruppe aufgetreten seien.

Immunantwort nach SARS-CoV-2-Infektion wohl länger als erwartet

In dem Zusammenhang ist noch eine Frage offen: Wie lange reagiert das Immunsystem nach einer Impfung oder nach einem Kontakt mit SARS-CoV-2 auf diese Coronaviren? Laut einer Studie, die auf dem Preprint-Server bioRxiv veröffentlicht wurde, können Immunantworten länger als vermutet anhalten.

185 Erwachsene, die sich von COVID-19 erholt hatten, die meisten hatten eine leicht symptomatische Erkrankung, stellten Blutproben zur Analyse zur Verfügung. Forscher fanden heraus, dass der Spiegel an Spike-spezifischen Gedächtnis-B-Zellen, die bei Bedarf Antikörper bilden, mit der Zeit zunahm. Er war bei den meisten Teilnehmern, die mehrere Proben abgaben, nach 4 bis 6 Monaten höher als zu früheren Zeitpunkten. Darüber hinaus waren die SARS-CoV-2-Spike-IgG-Titer stabil und gingen nach 6 bis 8 Monaten nur leicht zurück.

„Diese Menge an [Immun-]Gedächtnis würde wahrscheinlich die überwiegende Mehrheit der Menschen für viele Jahre davor bewahren, an einer schweren Krankheit im Krankenhaus zu erkranken“, sagt Dr. Shane Crotty vom La Jolla Institute of Immunology, Letztautor der Veröffentlichung.

USA: Schnelltest für Endanwender zugelassen

Bis Impfstoffe zugelassen werden, kann noch Zeit vergehen. Umso wichtiger sind neue Teststrategien. Per Notfallzulassung hat die US Food and Drug Administration (FDA) grünes Licht für einen Test auf SARS-CoV-2 gegeben. Er richtet sich an Patienten, aber an Ärzte, falls rasche Diagnosen erforderlich sind.

Das Lucira COVID-19 All-In-One Test Kit enthält ein Gerät, Chemikalien und Material für Abstriche. Man entnimmt lediglich etwas Nasensekret, verrührt die Probe mit einer Lösung und stellt das Reagenzglas in ein Testgerät. Nach 30 Minuten lässt sich das Ergebnis anhand zweier Lämpchen („positiv“, „negativ“) ablesen. Messprinzip ist eine Methode zur Vervielfältigung von Nukleinsäuren, die Loop-mediated Isothermal Amplification (LAMP, Schleifen-vermittelte isothermale Amplifikation).

Pfizer/Biontech: Ergebnisse der Phase-3-Studie

Am 18. November berichteten Pfizer und Biontech in einer Pressemitteilung von Ergebnissen der Phase-3-Studie mit ihrem Kandidaten BNT162b2. Die Vakzine war zu 95% gegen COVID-19 wirksam. 170 bestätigte Fälle wurden bewertet, wobei 162 in der Placebogruppe gegenüber 8 in der Impfstoffgruppe auftraten. Die Wirksamkeit war in Bezug auf Alter, Geschlecht, Rasse und ethnische Zugehörigkeit gleich. Für Erwachsenen über 65 Jahren nenne die Firmen 94% als Wert.

Damit sei ein Meilenstein zur Genehmigung bei der US Food and Drug Administration erreicht worden, heißt es in der Meldung. Die Daten zeigen, dass der Impfstoff von mehr als 43.000 Probanden gut vertragen wurde. Ernsthafte Sicherheitsbedenken gab es nicht. Die einzigen unerwünschte Ereignisse 3. Grades mit einer Häufigkeit von mehr als 2% waren Müdigkeit bei 3,8% und Kopfschmerzen bei 2,0%.

Beide Unternehmen planen, innerhalb weniger Tage bei der FDA eine Notfallzulassung einzureichen und Daten mit anderen Aufsichtsbehörden zu teilen. Bis Ende 2020 sollen 50 Millionen Impfstoffdosen und bis Ende 2021 etwa 1,3 Milliarden Dosen zur Verfügung stehen.

Update vom 16. November 2020

  • Bundeskanzlerin Angela Merkel und Vertreter der Länder mahnen zur Vernunft

  • Keine neuen Corona-Regeln

  • Die geplanten Corona-Regeln

  • Zahl an Neuinfektionen bleibt weiter hoch

  • IGES-Institut: Lockdown verfehlt Wirkung

  • Fachgesellschaften fordern Schutzschirm für Kliniken

  • Kritik an Triage-Software der KV

  • Moderna mRNA-Vakzine ebenfalls mit über 90%iger Wirksamkeit in Phase 3

  • EMA beginnt „Rolling Review“ auch für Moderna-Impfstoff

Bundeskanzlerin Angela Merkel und Vertreter der Länder mahnen zur Vernunft

Am 16. November trat Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) zusammen mit Bayerns Ministerpräsidenten Markus Söder (CSU) und Berlins regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) nach der Schaltkonferenz vor die Presse. Wider Erwarten verkündete die Bundeskanzlerin keine weiteren Maßnahmen, sondern äußerte sich enttäuscht: „Die Länder wollen keine Zwischenrechtsänderungen, ich hätte mir Beschlüsse vorstellen können, die rechtlich umgesetzt werden.“

Momentan bleibt es beim Teil-Lockdown – und bei einem Appell: Merkel rief alle Bürger auf, ihre sozialen Kontakte auf ein Minimum zu beschränken – auch Familien mit Kindern. Auf private Feiern oder Ausflüge sollte gänzlich verzichtet werden.

Merkel und Söder machten aber klar, dass etwaige Maßnahmen nur vertagt worden seien. Sie verwiesen auf die nächste Sitzung in einer Woche und kündigten an, die weitere Entwicklung zu bewerten. „Wir müssen sehen, wie es sich entwickelt. Deswegen kann man heute nicht sagen, was nächste Woche geboten ist“, so Merkel. Sie stellte ein längerfristiges Konzept in Aussicht. Schon heute versprach sie vulnerablen Patientengruppen ab Dezember 1 FFP2-Maske pro Woche.

Ob Einschnitte wie zusätzliche Hygieneregeln oder eine erweiterte Quarantäne kommen werden, ist offen. Söder nannte als Ziel weniger als 50 Infektionen pro 100.000 Einwohnern in einer Woche. Doch davon sei man noch weit entfernt, sagte der bayerische Ministerpräsident. „Es gibt keinen Anlass, zu glauben, dass Ende November alles wieder gut ist.“

Die geplanten Corona-Regeln

Bund und Länder hatten nach dem Beschluss des Teil-Lockdowns vor gut 2 Wochen verabredet, nach 2 Wochen eine Zwischenbilanz zu ziehen. In einem zuvor erarbeiteten Beschluss-Entwurf waren folgende mögliche Einschränkungen genannt worden.

  • Hauptstreitpunkt dürfte das Vorgehen an den Schulen sein: Geplant war, die Maskenpflicht auszuweiten und Klassen zu teilen.

  • Private Treffen sollen weiter eingeschränkt werden: Bis Weihnachten keine privaten Feiern. Zusammenkünfte mit Freunden und Bekannten sollen sich auf einen festen weiteren Hausstand beschränken. Kinder und Jugendliche sollen sich nur noch mit einem festen Freund in der Freizeit treffen. Größere Zusammenkünfte sind auch im Freien nicht mehr gestattet

  • Außerdem sollen die Bundesländer innerhalb eines Monats die Impfzentren zur Inbetriebnahme vorbereiten, damit ab dem 1. Quartal 2021 eine bis dahin „mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit“ zugelassene Corona-Vakzine eingesetzt werden kann. 

  • Auf Freizeitaktivitäten, nicht notwendige private Reisen sowie touristische Tagestouren soll ebenfalls ganz verzichtet werden.

Zahl an Neuinfektionen bleibt weiter hoch

„Aktuell ist weiterhin eine große Anzahl an Übertragungen in der Bevölkerung in Deutschland zu beobachten“, schreibt das Robert Koch-Institut (RKI) im Tagesreport vom 15. November 2020. „Daher wird dringend appelliert, dass sich die gesamte Bevölkerung für den Infektionsschutz engagiert.“ Am 15. November wurden 16.947 neue Fälle übermittelt; heute waren es 10.824.

Im Vergleich zum Vortag sind weitere 62 Personen (Sonntag 107) an COVID-19 gestorben. Wegen des Meldeverzugs der Gesundheitsämter am Wochenende sind diese Zahlen mit Vorsicht zu betrachten. Politisch stellt sich die Frage, ob alle bisherigen Maßnahmen ausreichen, um die aktuelle Situation zu kontrollieren.

IGES-Institut: Lockdown verfehlt Wirkung  

„Es mehren sich die Anzeichen, dass der aktuelle Lockdown seine Wirkung verfehlt“, kritisiert das IGES-Institut. Forscher haben aktuelle Daten zum Krankheitsgeschehen mit historischen Daten des Lockdowns vom Frühjahr verglichen. Ihre statistische Modellierung zeigt, dass die aktuellen Fallzahlen ab dem 11. November hätten zurückgehen sollen, was nicht eingetreten ist. Am 13. November gab es einen leichten Rückgang, gefolgt von einem neuerlichen Anstieg am 14. November.

„Derzeit ist damit zu rechnen, dass die täglichen Fallzahlen am 30. November noch bei 8.100 liegen werden, wenn der Abwärtstrend sich verstetigen sollte“, so die IGES-Experten. „Bei 8.100 Fällen wird die Aufklärungsquote durch die Gesundheitsämter allenfalls bei 50% liegen, was den Erfolg ihrer Arbeit weiterhin stark einschränken wird.“

Kliniken stoßen in SARS-CoV-2-Hotspots an ihre Belastungsgrenzen

Das hat Folgen für die klinische Versorgung: Laut Tagesreport des DIVI-Intensivregisters vom 15.11.2020 befinden sich derzeit 3.386 COVID-19-Patienten auf Intensivstationen. Das sind 60 mehr als am Vortag. Von ihnen müssen 1.923 (56%) invasiv beatmet werden. Aktuell sind 13.494 Low-Care-, 7.735 High-Care- und 282 ECMO-Behandlungseinheiten belegt. Die freien Kapazitäten liegen bei 1.754, 5.145 bzw. 478 Betten in den jeweiligen Bereichen.

„Wir brauchen jetzt ein klares Signal der Politik, dass die enorme Belastung des Krankenhauspersonals gesehen wird und Konsequenzen daraus gezogen werden“, mahnen Dr. Susanne Johna, 1. Vorsitzende des Marburger Bunds, DIVI-Präsident Prof. Dr. Uwe Janssens, DGAI-Präsident Prof. Dr. Rolf Rossaint, DGIIN-Präsident Prof. Dr. Stefan John und DGINA-Präsident Martin Pin in einer gemeinsamen Erklärung. „Wenn wir jetzt nichts ändern können, wird bald in einigen Regionen Deutschlands die Versorgung aller Patienten nicht mehr sicherzustellen sein. Die Zeit drängt!“

Vertreter der Verbände fordern, dass die Politik Vorgaben erlässt, damit planbare stationäre Eingriffe verschoben werden – oder dass weniger OPs durchgeführt werden. Krankenhäuser sollen dafür eine Entschädigung erhalten, die sich am Vorjahreszeitraum orientiert. Als Schwelle nennen die Verbände mindestens 100 Fälle pro 100.000 Einwohner und Woche.

Notfallmediziner: „Triage-Software gefährdet Patientensicherheit“

Aber auch bei medizinischen Notfällen aller Art, COVID-19 eingeschlossen, sehen Fachgesellschaften die Sicherheit von Patienten gefährdet. Stein des Anstoßes ist das Gesetz zur Weiterentwicklung der Gesundheitsversorgung (GVWG). Es sieht vor, dass künftig die Kassenärztliche Vereinigung eine Triage-Software auswählt, um zu entscheiden, ob ein Notfall ambulant oder stationär behandelt wird – ohne ärztliche Untersuchung.

„Eine ‚Ersteinschätzungs-Software‘ der KV kann und darf nicht den ärztlichen Kontakt und die ärztliche Untersuchung ersetzen“, erklärt DGINA-Präsident Pin. „Wenn Notfälle aufgrund dieser Ersteinschätzung weggeschickt werden, kann dies für die Betroffenen möglicherweise lebensbedrohliche Folgen haben.“ DIVI und DGINA fordern vom Bundesministerium für Gesundheit, entsprechende Passagen im Entwurf zu streichen und die Notfallmedizin grundlegend zu reformieren.

EMA: Rolling Review zu einem mRNA-Impfstoff beginnt

Letztlich versuchen Ärzte und Politiker, die Zeit zu überbrücken, bis es Impfstoffe gegen SARS-CoV-2 gibt. Auch Zulassungsbehörden drücken aufs Gas. Die European Medicines Agency (EMA) hat am 16. November begonnen, Daten über die Vakzine mRNA-1273 des US-Unternehmens Moderna auszuwerten. Das Verfahren, auch Rolling Review oder fortlaufende Überprüfung genannt, beschleunigt Zulassungen. Ansonsten wird die EMA erst aktiv, wenn Hersteller mit ihrem Zulassungsantrag alle Daten übermittelt haben.

mRNA-Vakzine von Moderna ebenfalls mit über 90%iger Wirksamkeit

Moderna hat heute eine Zwischenanalyse der laufenden Phase-3-Studie veröffentlicht. Sie umfasst 95 COVID-19-Fälle. Danach lag die Wirksamkeit ähnlich wie beim der mRNA-Vakzine von Biontech und Pfizer bei 94,5%. 90 Krankheitsfälle seien in der Placebogruppe und nur 5 in der mRNA-1273-Gruppe aufgetreten.

Der Impfstoff enthält eine in Lipiden verkapselte mRNA, die für das Spike-Protein von SARS-CoV-2 codiert. Nach der Impfung lesen körpereigene Zellen die genetischen Anweisungen und produzieren das Protein. Im nächsten Schritt stellt das Immunsystem Antikörper und T-Zellen dagegen her. Wenn die geimpfte Person später mit SARS-CoV-2 in Kontakt kommt, werden Viren anhand ihrer Oberflächenproteine erkannt. Sie können nicht mehr an Rezeptoren andocken.

Update vom 12. November 2020

  • Ob der Lockdown Wirkung zeigt, ist noch nicht klar

  • Die Hälfte der Kliniken nur noch limitierte intensivmedizinische Verfügbarkeit

  • Schulen als Infektionstreiber?

Ob der Lockdown Wirkung zeigt, ist noch nicht klar

„Vorsichtig optimistisch“, äußerte sich RKI-Chef Prof. Dr. Lothar Wieler bei der heutigen Pressekonferenz seines Institutes zur aktuellen Corona-Lage. Die Zahlen der Neu-Infektionen seien in den letzten Tagen „etwas weniger stark angestiegen“ – doch seien auch die Laborkapazitäten am Limit. Die Lage sei „nach wie vor sehr ernst“, sagte Wieler. Noch lasse sich nicht beurteilen, ob die Maßnahmen des Lockdowns schon Wirkung zeigten.

Das RKI hat in den vergangenen 24 Stunden knapp 22.000 neue Infektionen gemeldet. Knapp 12.000 Menschen sind in Deutschland inzwischen infolge von COVID-19 gestorben. Derzeit sind in Deutschland laut den Meldungen ans RKI 3.127 Personen wegen einer Corona-Infektion in intensivmedizinischer Behandlung, berichtete die Leiterin des Corona-Lagezentrum beim RKI Dr. Ute Rexroth. Und Wieler ergänzte: „Diese Zahl hat sich allein in den letzten 2 Wochen verdoppelt und liegt jetzt über dem Wert vom April dieses Jahres.“

Rexroth präsentierte auch die aktuellen Hospitalisierungsraten von Menschen mit SARS-CoV2. Auch hier zeige sich eine leichte Abflachung der Zunahme. Doch steige die Rate derjenigen, die 60 Jahre oder älter sind, was Anlass zur Besorgnis gebe. Zudem seien selbst unter den Todesfällen auch jüngere Patienten sagte sie. Und: Die wahre Zahl der mit SARS-CoV2 hospitalisierten Menschen werde wohl unterschätzt, da nicht alle Hospitalisierungen wegen COVID-19 an das RKI gemeldet würden.

Die Hälfte der Kliniken nur noch limitierte intensivmedizinische Verfügbarkeit

„Bei den intensivmedizinisch betreuten Patienten haben wir aber genauere Zahlen“, betonte Wieler. Dies dank des Intensivregisters der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI), das nach seinem Wissen weltweit einzigartig sei. Und die aktuellen Zahlen stimmen den RKI-Chef nicht ganz so optimistisch. Er erwarte, dass aufgrund der sich in ältere Jahrgänge verlagernden Altersstruktur der Infizierten sich auch der Bedarf an intensivmedizinischer Betreuung vermehren werde, sagte er.

In den intensivmedizinischen Abteilungen machten sich sie aktuellen Infektionszahlen erst mit einem Zeitverzug von etwa 2 Wochen bemerkbar. Und bereits jetzt habe rund die Hälfte der Kliniken eine nur noch begrenzte Verfügbarkeit an intensivmedizinischer Betreuung gemeldet. Der Hauptgrund der Einschränkungen seien Limitationen beim Personal und bei den Räumlichkeiten, dagegen gebe es kaum Engpässe bei Verbrauchsmaterialien und Beatmungsgeräten. Ein Grund sei sicher, dass auch zunehmend das ärztliche und pflegerische Personal infiziert sei oder sich in Quarantäne befinde, so Wieler.

Nach Angaben des RKI bleibt das Ziel, die Infektionszahlen wieder so weit zu senken, dass die Gesundheitsämter, aber auch die Kliniken, „damit umgehen können“. Eine Inzidenz von 50/100.000 sei dabei „immer noch ein sehr wichtiger Wert“.

Als geeignete Maßnahmen dies zu erreichen verwies Wieler erneut auf die AHA-L-Regele (Abstand, Hygiene, Alltagsmasken, Lüften), auf die Bedeutung, die Kontakte zu reduzieren – und zum dritten, da ja die Testkriterien verschärft wurden und sich aufgrund zunehmender Engpässe bei den Laboren nicht mehr jeder mit Erkältungssymptomen auf Corona testen lassen sollte – darauf, dass Menschen mit Erkältungssymptomen eine 5-tägige freiwillige Quarantäne zuhause machen.

Schulen als Infektionstreiber?

Auf die Situation an Schulen angesprochen und ob es nicht doch auch darüber zu vermehrten Infektionen komme, räumte Wieler ein, dass derzeit auch bei den 10- bis 19jährigen die Inzidenzen steigen. „Sie tragen es sicher auch weiter, ab der Pubertät ist die Virusausscheidung wohl nicht geringer als bei Erwachsenen, auch wenn viele Kinder und Jugendliche selbst kaum Symptome entwickeln“, sagte er. Er appellierte an die Schulen die Hygienekonzepte konsequent umzusetzen. Eine Maske zu tragen schade der Gesundheit der Kinder nicht.

Auf die Frage nach der Dunkelziffer an Infektionen verwies der RKI-Chef auf verschiedene Studien, nach denen von 4 bis 5 Mal so vielen Infektionen auszugehen ist, wie nachgewiesen werden. Doch auch dieser Wert hänge natürlich auch von den Testkriterien ab, die ja vergangene Woche verschärft worden sind. Damit sei auch mit einer Verschiebung der Schwere der Verläufe zu rechnen, sagte Rexroth. Wird restriktiver getestet, werde der Anteil der schwer Erkrankten unter den positiv Getesteten steigen.    

Wie lange der Lockdown dauern werde, ob er verlängert werden müsse und ob er überhaupt greife, lasse sich derzeit noch nicht vorhersagen, sagte Wieler. Die 2. Welle sei – allein schon wegen der Jahreszeit – schwieriger zu bewältigen als die 1. Welle im Frühjahr. Auch wenn die Infektionszahlen wieder abnehmen, müsse sich die Bevölkerung weiter an die oben genannten Regeln halten. Selbst wenn man nach den Ankündigungen Anfang der Woche nun bezüglich eines Impfstoffes optimistisch sein könne – „es wird dauern, bis sich alle impfen lassen können“.

Update vom 10. November 2020

  • Positionspapier von Ethikrat, Leopoldina und STIKO: Wer wird zuerst geimpft?

  • 4 verschiedene Impfziele

  • Die Auswahlkriterien für Impfentscheidungen

  • Regierung plant Impfzentren – niedergelassene Ärzte außen vor

  • EU-Vertrag über Corona-Impfstoff ist ausgehandelt

  • Fachärzte fordern einheitliches Corona-Konzept der gesamten Ärzteschaft

Positionspapier von Ethikrat, Leopoldina und STIKO: Wer wird zuerst geimpft?

Mehr als 200 Impfstoffe gegen SARS-CoV-2 befinden sich in der klinischen Entwicklung. Erste Vakzine könnten bereits Anfang 2021 zugelassen werden, schreiben die Ständige Impfkommission (STIKO), der Deutsche Ethikrat und die Deutsche Akademie der Naturforscher Leopoldina in einem gemeinsamen Positionspapier. „Anfängliche Knappheit von COVID-19-Impfstoffen erfordert Auswahlentscheidungen darüber, wer zuerst geimpft werden soll.“

4 verschiedene Impfziele

Die Expertengruppe nennt 4 vorrangige Impfziele: Vakzine sollen schwere COVID-19-Verläufe verhindern und die Mortalität verringern. Hinzu kommt der Schutz beruflich stark exponierter Personen. In Einrichtungen mit vulnerablen Personengruppen, das könnten Alten- und Pflegeheime sein, versprechen sich die Experten einen Schutz vor weiteren Übertragungen. Und nicht zuletzt ist ein Ziel, das öffentliche Leben aufrechtzuerhalten.

„Idealerweise erfüllt ein Impfstoff alle Impfziele, aber vermutlich liegt das Ganze zumindest anfangs irgendwo zwischen Verhinderung schwerer Verläufe und Eindämmung der Übertragung“, sagt Prof. Dr. Alena Buyx, Vorsitzende des Deutschen Ethikrates. „Es sollten also die prioritär geimpft werden, die das höchste Risiko für Tod und schwere Erkrankung tragen (hohes Alter, aber auch bestimmte Vorerkrankungen – die STIKO wird die Feinheiten noch ermitteln).“

Die Auswahlkriterien für Impfentscheidungen

Zu den Details: Im nächsten Schritt analysierte die STIKO wissenschaftliche Publikationen, um Personengruppen für eine Impfung zu priorisieren. Konkret handelt es sich um:

  • Ältere Menschen bzw. Menschen mit Vorerkrankungen: Bei ihnen sind ein schwerer COVID-19-Verlauf und eine höhere Mortalität wahrscheinlich. Ein besonders hohes Risiko haben Personen in Alten- und Pflegeheimen.

  • Mitarbeiter in stationären oder ambulanten Einrichtungen der Gesundheitsversorgung und der Altenpflege: Berufsspezifische Kontakte führen zu einem höheren Infektionsrisiko und zu mehr Transmissionen.

  • Personen in Schlüsselfunktionen des öffentlichen Lebens: Mitarbeiter der Gesundheitsämter, der Feuerwehr, der Polizei, aber auch Lehrer und Erzieher gelten dem Papier zufolge ebenfalls als besonders gefährdet. Apotheker sind nicht genannt.

Bis Ende 2020 will die STIKO auf Basis des Papiers eine Matrix erarbeiten, um verschiedene Personengruppen genauer zu priorisieren. Buyx: „Um einen wichtigen Beitrag zu leisten zum Schutz von Menschen und zum Schutz von uns allen, sollte die Verteilung von knappen Impfstoffen daher transparent und so geregelt, gut und gerecht wie möglich erfolgen.“

Regierung plant Impfzentren – niedergelassene Ärzte außen vor

Wie geht es weiter? „Die Länder sind vom Bund aufgefordert worden, zeitnah eine Strategie für die Lagerung und Verteilung eines Corona-Impfstoffs zu erarbeiten“, erklärt Lukas Fuhrmann, Sprecher von Bremens Gesundheitssenatorin Claudia Bernhard (Linke). In einzelnen Bundesländern, etwa in Berlin und in Rheinland-Pfalz, aber auch Bremen und Niedersachsen, laufen die Vorbereitungen bereits auf Hochtouren.

Insgesamt sollen 60 Impfzentren entstehen, an die Vakzine geliefert werden. Sie könnten beispielsweise auf Parkplätzen von Krankenhäusern entstehen. Die Bundeswehr wird Zelte oder provisorische Bauten errichten. Impfzentren sind erforderlich, weil manche Impfstoffe, etwa die Vakzine von Pfizer und BioNtech, bei minus 70°C gelagert werden müssen. Dort finden auch die eigentlichen Impfungen statt, und nicht in Arztpraxen. Mobile Impfteams ergänzen das Konzept.

Nach jetzigem Stand sind bei Vakzinen, die gerade in Phase-3-Studien untersucht werden, 2 Impfungen erforderlich. Die Kosten für Vakzine trägt der Bund, während die Länder für Material wie Spritzen, Kanülen und Desinfektionsmittel aufkommen.

EU-Vertrag über Corona-Impfstoff ist ausgehandelt

Mittlerweile hat die EU-Kommission heute verkündet, dass sie einen Vertrag mit Biontech und Pfizer ausgehandelt hat, der in den kommenden Tagen unterzeichnet werden soll. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hofft, dadurch für die Bundesrepublik bis zu 100 Millionen Dosen der Vakzine sichern zu können, berichtet die Tagesschau.

Die EU-Kommission hatte mit den Unternehmen, die gestern eine 90%ige Wirksamkeit ihrer Vakzine gegen eine Corona-Infektion verkündet hatten, seit Monaten verhandelt. Nun muss aber zunächst die Zulassung abgewartet werden. Biontech/Pfizer wollen nach eigenen Angaben bei der FDA schon kommende Woche eine Notfall-Zulassung beantragen. Auch in der EU wird eine beschleunigte Zulassung angestrebt. Spahn betonte jedoch, dass die Eile dabei nicht auf Kosten der Sicherheit gehe.

Nach Angaben des Gesundheitsministers gibt es auch bereits fertige Verträge der EU mit anderen potenziellen Impfstoff-Herstellern, etwa mit Astra Zeneca und Sanofi. Ein weiterer Vertrag mit dem Unternehmen Johnson & Johnson stehe kurz vor der Unterschrift.

Fachärzte fordern einheitliches Corona-Konzept der gesamten Ärzteschaft

Die Gemeinschaft Fachärztlicher Berufsverbände e.V. (GFB), die offizielle Vertretung der Fachärzte Deutschlands, hat einen Aufruf veröffentlicht, eine gemeinsame ärztliche Plattform einzurichten, die gegenüber Politik und Gesellschaft möglichst einheitliche Positionen für den Umgang mit der COVID-19-Pandemie erarbeitet.

Der Aufruf richtet sich speziell an die Bundesärztekammer (BÄK), die die Diskussion der Ärzteschaft moderieren und nach außen kommunizieren soll. Es müsse ein gemeinsamer Konsens der gesamten verfassten Ärzteschaft erarbeitet werden, fordert der GFB in dem vom Präsidenten, Dr. Jörg-A. Rüggeberg, und dem Vizepräsidenten, Dr. Gundolf Berg, unterzeichneten Brief.

Der GFB verweist auf die Diskussion um das jüngst erschienene KBV-Positionspapier. Diese zeige, „dass Aussagen Einzelner trotz berechtigter Positionen zunehmend zur Austragung persönlicher Differenzen oder von parteipolitischen Interessen missbraucht werden“.

Ziel müsse es sein, „neben den aktuellen unmittelbaren Maßnahmen der Pandemie-Eindämmung, langfristige Strategien aus ärztlicher Sicht zu entwickeln, um das zweifellos noch lange erforderliche „Leben mit dem Virus“ in Abwägung zwischen Allgemeinwohl und Individualgesundheit mit möglichst geringen Schäden zu gestalten“, heißt es. Denkbar sei eine konzertierte Aktion der bei der BÄK angesiedelten Akademien der Haus- und Fachärzte oder ggf. auch eine gemeinsame Diskussionsplattform der Verbände mit Einzelexperten.

 „Solch ein Konsens auf Grundlage der Expertise aller Fachgebiete und Sektoren der Ärzteschaft ist die einzige Möglichkeit, eine mittel- und langfristige Perspektive für ein Leben mit dem Virus erfolgreich in Gesellschaft und Politik verankern zu können.“

Update vom 9. November 2020

  • Pfizer und Biontech berichten vom Erfolg ihrer mRNA-Vakzine

  • 90% Wirksamkeit in geplanter Zwischenauswertung

  • Experten erwarten Wendepunkt durch Impfung

  • Notfallzulassung bei der FDA und EMA zum Greifen nah?

Pfizer und Biontech berichten vom Erfolg ihrer mRNA-Vakzine

Die Unternehmen Pfizer und Biontech vermelden Erfolge mit ihrem mRNA-basierten Impfstoffkandidat BNT162b2 gegen SARS-CoV-2. Er sei bei Teilnehmern ohne vorherigen Nachweis einer SARS-CoV-2-Infektion wirksam, berichten sie. Das externe unabhängige Data Monitoring Committee (DMC) habe am 8. November Resultate einer Zwischenanalyse übermittelt. Bislang haben sich 94 Personen infiziert.

90% Wirksamkeit in geplanter Zwischenauswertung

Die Daten deuteten auf eine Impfstoff-Wirksamkeitsrate von über 90% hin – und dies bereits 7 Tage nach der Gabe der 2. Dosis. Der Schutz werde demnach bereits 28 Tage nach der 1. Impfung erreicht. Im weiteren Verlauf der Studie kann der endgültige Prozentsatz der Impfstoffwirksamkeit jedoch noch variieren. Das DMC hat aktuell keine ernsthaften Sicherheitsbedenken gefunden und empfiehlt, dass die Studie wie geplant mit der Erhebung zusätzlicher Sicherheits- und Wirksamkeitsdaten fortgeführt wird.

Experten erwarten Wendepunkt durch Impfung

„Das sind großartige und vielversprechende Daten“, kommentiert Prof. Dr. Gerd Fätkenheuer gegenüber dem Science Media Center Germany. Er ist Leiter der Infektiologie, Klinik I für Innere Medizin, Uniklinik Köln. „Es ist unglaublich, dass in so kurzer Zeit dieser Fortschritt mit Entwicklung eines Impfstoffes und klinischer Prüfung innerhalb weniger Monate erzielt werden konnte.“ Die bisherigen Ergebnisse zu Wirksamkeit und Sicherheit seien hervorragend. „Ich denke, das wird unseren Umgang mit der Pandemie entscheidend beeinflussen, und ich hoffe, dass rasch große Mengen des Impfstoffes zur Verfügung stehen werden“, so Fätkenheuer weiter.

Von einem „Silberstreifen an dem sonst so düsteren Horizont“ spricht Prof. Dr. Clemens Wendtner, Chefarzt der Infektiologie und Tropenmedizin sowie Leiter der dortigen Spezialeinheit für hochansteckende lebensbedrohliche Infektionen, München Klinik Schwabing. Die Effektivität von mehr als 90% sei „bemerkenswert“, auch deshalb, weil viele laufende Impfstudien zu COVID-19 lediglich eine Erfolgsquote von mindestens 50% voraussetzten. „Darüber hinaus ist zu betonen, dass ein scharfer Endpunkt definiert wurde – Infektion ja oder nein“, ergänzt Wendtner. Für ihn bleibt als Botschaft, dass mRNA-Vakzine als neues Wirkprinzip ihre Effektivität unter Beweis gestellt haben.

„Die Nachbeobachtungszeit ist noch sehr kurz, die seitens der FDA geforderten 60 Tage nach der zweiten Impfdosis werden aber bereits in Kürze, also in der 3. Novemberwoche erzielt sein“, berichtet der Experte. „Und natürlich müssen nicht nur Langzeitwirkungen im Sinne der Protektion beobachtet werden, auch Langzeitnebenwirkungen müssen langfristig auf dem Radarschirm bleiben.“

Wendtner rechnet noch im November 2020 mit einer Notfallzulassung bei der FDA: „Wenn dieser Schritt erfolgen wird, könnte in der Tat bereits Ende 2020 eine Impfwelle anrollen, dann stehen bereits 50 Millionen Dosen laut Hersteller zur Verfügung.“ Für 2021 habe der Hersteller 1,3 Milliarden Dosen versprochen.

Notfallzulassung bei der FDA und EMA zum Greifen nah?

Zum Hintergrund: BNT162b2 enthält Lipid-Nanopartikel mit modifizierter mRNA, welche für das Spike-Protein von SARS-CoV-2 codiert. Nach der intramuskulären Verabreichung wird das Protein intrazellulär gebildet, was zur Immunreaktion führt.

Die klinische Phase-3-Studie begann am 27. Juli und hat bis heute 43.538 Teilnehmer eingeschlossen, von denen 38.955 bis zum 8. November 2020 eine 2. Dosis des Impfstoffkandidaten erhalten haben. Derzeit werden weitere Probanden rekrutiert. Bis zur abschließenden Analyse sollen 164 bestätigte SARS-CoV-2-Infektionen aufgetreten sein.

Im Rahmen der Studie soll auch das Potenzial des Impfstoffkandidaten bei Personen, die zuvor mit SARS-CoV-2 in Kontakt gekommen sind, bewertet werden. Eine weitere Fragestellung ist, ob die Vakzine gegen schwere COVID-19-Erkrankungen schützt.

Die Daten sollen nun mit Zulassungsbehörden weltweit diskutiert werden, darunter die US-amerikanische Zulassungsbehörde FDA und die europäische EMA; wo bereits ein „Rolling Review” des Impfstoffs läuft. Eine wissenschaftliche Publikation ist offenbar in Vorbereitung.

Update vom 6. November 2020

  • RKI: Mehr als 20.000 Neu-Infektionen/Tag – immer mehr Ältere

  • Münchner Studie in 1. Welle: Dunkelziffer 4-mal so hoch wie gemeldete Infektionen

  • Dänemark: Mutiertes Corona-Virus in Nerzen – über 15 Millionen Tiere werden getötet

RKI: Mehr als 20.000 Neu-Infektionen/Tag – immer mehr Ältere

Gestern waren es mit 19.990 noch knapp unter 20.000 gemeldete tägliche Neu-Infektion mit dem Corona-Virus in Deutschland gewesen – heute Morgen vermeldete das RKI dann den nächsten Höchststand mit 21.506 Neu-Infektionen. Die Zahl der Todesfälle ist um 166 auf 11.096 gestiegen. Seit Beginn der Corona-Pandemie gibt es damit 619.089 nachgewiesene Infektionen mit dem Virus in Deutschland.

Trotz immer neuer Spitzenwerte bei den täglichen Infektionsraten gibt es aber auch Anlass für (verhaltenen) Optimismus: Die Reproduktionszahl R liegt derzeit unter 1 (bei 0,8) – ein Infizierter steckt demnach im Schnitt weniger als eine weitere Person an. R muss aber mehrere Tage deutlich unter 1 liegen, um von einer Trendwende sprechen zu können.

Laut RKI liegt die Inzidenz der letzten 7 Tage deutschlandweit bei 126,8 Fällen pro 100.000 Einwohner und ist damit weiter leicht gestiegen. Seit Anfang September nehme auch der Anteil älterer Personen unter den COVID-19-Fällen wieder zu. Die 7-Tage-Inzidenz bei Personen im Alter von 60 oder höher betrage derzeit 83,8/100.000 Einwohner.

Münchner Studie in 1. Welle: Dunkelziffer 4-mal so hoch wie gemeldete Infektionen

Es wird davon ausgegangen, dass die Dunkelziffer an nicht aufgedeckten Infektionen in der Bevölkerung deutlich höher ist. Wichtige Daten dazu soll nun eine große Antikörper-Studie des Tropeninstituts der LMU liefern, die gestern vorgestellt worden ist und über die die Süddeutsche berichtet. Die Studie soll noch im November publiziert werden, ist aber derzeit noch nicht öffentlich verfügbar. Die Wissenschaftler hatten während der ersten Welle in 3.000 repräsentativ ausgewählten Haushalten in München insgesamt 5.313 Blutproben genommen und analysiert.

Sie fanden eine Antikörperrate gegen SARS-CoV-2 von 1,8% - im gleichen Zeitraum ergab sich aus den gemeldeten Infektionen für die bayrische Landeshauptstadt nur eine Infektionsrate von 0,4%. Damit sei von einer mehr als 4-fach so hohen Infektionsrate auszugehen, wie offiziell gemeldet, heißt es. Sie betonen aber auch, dass diese Daten nicht ohne Weiteres auf den derzeitigen Zeitraum und die 2. Welle übertragbar sind – da sich z.B. die allgemeine Testquote und die Testkriterien seitdem verändert haben.

Anhand ihrer Dunkelziffer und der Zahl der Corona-Toten – die sie mit der allgemeinen Übersterblichkeit im Zeitraum zwischen März und Juni abgeglichen haben und zu dem Ergebnis kamen, dass diese quasi ausschließlich den COVID-19-Fällen zuzurechnen seien – haben die Wissenschaftler eine Infection-Fatality-Rate von 0,76% berechnet. Das heißt, von 10.000 Infizierten starben 76. „Das ist um ein Vielfaches höher als die Rate bei saisonalen Grippe-Infektionen“, wird Prof. Dr. Michael Hölscher, Studienleiter und Leiter des Münchner Tropeninstituts zitiert.

Dänemark: Mutiertes Corona-Virus in Nerzen – über 15 Millionen Tiere werden getötet

In Dänemark sollen alle Nerze in den Farmen des Landes – rund 15 bis 17 Millionen Tiere – wegen Corona getötet werden. Der Grund: Bei einigen Tieren ist eine mutierte Form von SARS-CoV-2 nachgewiesen worden, die auch auf den Menschen übertragbar ist. Insgesamt 12 Übertragungen auf den Menschen soll es bereits gegeben haben.

Regierungschefin Mette Frederiksen hatte am Mittwoch angekündigt, es sei notwendig, alle Nerze zu keulen. Denn es bestehe das Risiko, dass das mutierte Virus künftige Impfungen unwirksam machen könnte.

Dänemark ist der weltweit größte Exporteur von Nerzfellen, in 207 Nerzfarmen ist das Coronavirus bereits nachgewiesen worden. In einigen Fällen habe es sich dabei um eine mutierte Variante gehandelt, die sich durch Antikörper weniger gut hemmen lasse. Es stelle damit eine besondere Bedrohung – auch für die künftige Entwicklung von Impfstoffen dar, sagte der dänische Gesundheitsminister Magnus Heunicke.

Update vom 4. November 2020

  • RKI passt Empfehlungen an Ärzte zu den Testkriterien an

  • Jens Spahn: „Mammutaufgabe“ und „harter November“ liegt vor uns

  • DIVI-Präsident: Kliniken sollen regional angepasst in den Notfall-Betrieb wechseln 

RKI passt Empfehlungen an Ärzte zu den Testkriterien an

Das RKI empfiehlt nun in der Erkältungssaison eine neue Teststrategie für SARS-CoV-2. Es sei unmöglich, bei allen Menschen, die Erkältungssymptome haben, einen Test durchzuführen, sagte RKI-Vizepräsident Prof. Dr. Lars Schaade am Dienstag in Berlin bei der Bundespressekonferenz. „Wollten wir alle mit Erkältungssymptomen testen, müssten wir 3 Millionen Tests jede Woche durchführen“, sagte er. „Das ist weder möglich, noch erforderlich.“

Die Ärzte sollten dementsprechend nur testen, wenn Menschen mehrere typische Symptome wie Verlust des Geruchs- und Geschmackssinns, Husten und Fieber haben. Außerdem seien bevorzugt Risikopersonen und solche mit einem Kontakt zu einem Infizierten zu testen. Hintergrund der neuen vom RKI empfohlenen Strategie ist, dass die Labore zunehmend an ihre Auslastungsgrenzen kommen. Die gestern aktualisierten Testempfehlungen sind auf den Seiten des RKI als Fluss-Schema einzusehen.

Der Vorsitzende des Verbandes der Labormediziner ALM (Akkreditierte Labore in der Medizin) Dr. Michael Müller begrüßte die neue Strategie ausdrücklich: „Es ist gut, die Tests auf ein Maß zurückzuführen, das sinnvoll ist“, sagte er. Die derzeitige Kapazität liege bei 1,4 Millionen PCR-Tests pro Woche – und an dieser Kapzitätsgrenze bewege man sich derzeit. Er versicherte aber ausdrücklich: „Jeder, der ihn benötigt, bekommt auch einen Test!“ Schaade empfahl Personen mit Symptomen, die nicht getestet werden, die Selbstisolation für mindestens 5 Tage – oder zumindest bis 48 Stunden nach Nachlassen der Symptome.

Jens Spahn: „Mammutaufgabe“ und „harter November“ liegt vor uns

Bei der Pressekonferenz rief der nach eigenen Aussagen „von einem milden COVID-19-Verlauf“ genesene Bundesgesundheitsminister Jens Spahn zu „einer nationalen Kraftanstrengung auf, die es gemeinsam zu bewältigen gilt“. Es liege eine „Mammutaufgabe“ und „ein harter November“ vor der Bevölkerung und den Gesundheitsdiensten.

Schaade erinnerte an die stark gestiegenen Fallzahlen der letzten Wochen, die sich zuletzt alle 10 Tage verdoppelt hätten. „Wenn dies so weiter ginge, wären wir zu Weihnachten bei 400.000 Infektionen täglich.“ Es gehe darum, das bislang noch immer exponentielle Wachstum zu unterbrechen.

Derzeit würden 2.243 Patienten mit COVID-19 auf Intensivstationen behandelt – vor einem Monat am 1. Oktober waren es nur 362. „Derzeit können wir die Patienten noch versorgen.“ Doch bei den aktuell hohen Infektionszahlen drohe den Intensivstationen in 8 bis 10 Tagen die Überlastung.

DIVI-Präsident: Kliniken sollen regional angepasst in den Notfall-Betrieb wechseln

Spahn berichtete, er habe bereits mit den Ministerpräsidenten gesprochen, wie sich die Kapazitäten bei den Intensivbetten zwischen den Ländern besser steuern ließen. Der Präsident der Deutschen interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI), Prof. Dr. Uwe Janssens, berichtete, dass auch auf den Normalstationen der Krankenhäuser derzeit sehr viel mehr Patienten mit COVID-19 versorgt würden als während der 1. Welle. Bei einigen von ihnen sei damit zu rechnen, dass sie noch auf die Intensivstationen verlegt werden müssen.

Er verwies auf das fehlende Fachpersonal auf den Intensivstationen, diese seien „das Nadelöhr der Versorgung“ – auch weil es hier bei sowieso knapper Personalsituation ebenfalls zu Ausfällen aufgrund von Infektionen komme.

Janssens forderte, die Kliniken sollten regional angepasst an die Infektionszahlen aus dem Regelbetrieb aussteigen und in den Notfall-Betrieb wechseln. Dabei müsse jedoch der Bund die Ausfälle vollumfänglich und rasch erstatten. Spahn sicherte den Krankenhäusern umfassende Unterstützung zu. Es sei wichtig, Druck von den Intensivstationen zu nehmen. „Viele arbeiten bereits am Rande der Belastungsfähigkeit.“

Update vom 2. November 2020

  • Bundeskanzlerin Angela Merkel erläutert den Teil-Lockdown

  • Das Ziel: 75% der Kontakte reduzieren – „Es waren politische Entscheidungen“

  • Schulen wahrscheinlich keine Hotspots

  • Weniger verfügbare Intensivbetten in Deutschland ist als gedacht

Bundeskanzlerin Angela Merkel erläutert den Teil-Lockdown

Bei heute vom RKI gemeldeten mehr als 12.000 neuen Infektionen mit SARS-CoV-2 in den letzten 24 Stunden (Anfang der Woche sind die Zahlen generell immer niedriger) hat heute der Teil-Lockdown in der Bundesrepublik begonnen. In einer kurzfristig anberaumten Pressekonferenz der Bundesregierung hat Bundeskanzlerin Angela Merkel nochmals die derzeitige Situation dargelegt und die Maßnahmen begründet.

„Die Infizierten von heute werden die Intensivbetten in zwei bis drei Wochen füllen“, warnte sie mit Blick auf die drastisch gestiegenen Zahlen in den letzten Tagen. „Wir können dabei nicht zuschauen – und wollen es auch nicht.“ Inzwischen sei es bei 75% der Infektionen nicht mehr möglich, sie zuzuordnen, das heißt, es sei nicht klar, bei welchen Gelegenheiten sich die Menschen infiziert haben.

Zudem breiten sich die Infektionen in die Fläche bundesweit aus. „Gemittelt über 7 Tage liegen wir heute bei einer Inzidenz von 127,8 pro 100.000“, verkündete die Bundeskanzlerin, „wir müssen wieder unter 50 kommen, damit die Gesundheitsämter die Kontakte wieder nachvollziehen können!“

Und dazu reiche es eben nicht, nur auf die Einhaltung der AHA-Regeln hinzuweisen. Es bestehe ein enger Zusammenhang zwischen der Zahl der Kontakte und der Zahl der Infizierten, sagte sie. „Wir müssen die Kontakte reduzieren wo immer möglich, so wenige Menschen wie möglich sollten sich treffen“ – dies sei unabdingbar, um die Möglichkeiten sich anzustecken zu reduzieren, appellierte sie an die Bürger.

Das Ziel: 75% der Kontakte reduzieren – „Es waren politische Entscheidungen“

Aus wissenschaftlichen Berechnungen lasse sich ableiten, dass die Zahl der Kontakte um rund 75% reduziert werden müssen, damit es gelinge, die 2. Welle zu brechen – und um dies zu erreichen, seien die verordneten Maßnahmen „geeignet und erforderlich“, zeigte sich Merkel überzeugt.

Die Entscheidungen des Teil-Lockdowns seien vor diesem Hintergrund zu sehen. „Es waren politische Entscheidungen“, betonte sie. Man habe sich gefragt: „Was ist das Wichtigste?“ Es gehe darum, zum einen das Gesundheitssystem am Laufen zu halten und abzusichern und zum anderen die Infrastruktur und den Wirtschaftskreislauf nicht zu stark zu beeinträchtigen. Zudem habe man sich diesmal – „als Lehre aus der 1. Welle“ – entschlossen, Kitas und Schulen offen zu halten. Mit diesen Vorgaben müsse dann – um die angestrebte 75%ige Kontakteinschränkung zu erreichen – quasi alles andere, wo Menschen sich nahekommen können und sich treffen können, geschlossen werden.

Und dann gehe es eben nicht mehr darum, dass einzelne Branchen darauf verweisen, sie spielten als Infektionsherde keine Rolle. Diese Entscheidungen seien unabhängig von funktionierenden bzw. nicht funktionierenden Hygienekonzepten zu sehen, sagte Merkel. „Wer mir sagt, ich habe den falschen Bereich geschlossen, soll mir sagen, wo ich sonst schließen soll.“

Sie hoffe auf die Akzeptanz, Einsicht, Vernunft und Verantwortung der Bevölkerung. „Es hat jeder in der Hand, den November zum Wendepunkt zu machen – und damit die Voraussetzung für einen erträglichen Dezember und erträgliche Weihnachten zu schaffen.“

Sie versicherte, keiner werde „mit seinen Einnahmeausfällen allein gelassen“ und die funktionierenden Hygienekonzepte seien „für die Zeit danach von immenser Bedeutung“. Doch für den Monat November brauche es nun einmal mehr als diese Hygienekonzepte. „Wir retten nicht nur Menschenleben, wir kommen auch wirtschaftlich besser durch die Krise, wenn wir uns jetzt beschränken.“ Es handle sich um eine große Bewährungsprobe für die freiheitliche Demokratie, die „größte Krise seit Gründung der Bundesrepublik“.

Die Kanzlerin versuchte auch, Zuversicht zu verbreiten. „Wir stehen besser da als bei der 1. Welle; wir haben Schnelltests, bessere, wenn auch noch nicht optimale Medikamente und Aussicht auf Impfstoffe. Am 16. November soll das nächste Treffen mit den Ministerpräsidenten stattfinden, ei dem eine Zwischenbilanz gezogen werden soll. Merkel machte aber auch darauf aufmerksam, dass wir alle uns darauf einstellen müssen, mit „limitierten Kontakten“ durch die Wintermonate zu gehen.

Schulen wahrscheinlich keine Hotspots

Weltweit gesammelte Daten deuten laut einem Bericht in Nature  zunehmend darauf hin, dass Schulen keine Hotspots für Coronavirus-Infektionen sind. Trotz der Befürchtungen nahmen die COVID-19-Infektionen nicht zu, als Schulen und Kindertagesstätten nach der Lockerung der Pandemie wiedereröffnet wurden. Und wenn es zu Ausbrüchen kommt, werden meist nur wenige Menschen krank. „Es gibt keine Nullübertragung oder kein Risiko", wird die australische Kinderärztin Dr. Fiona Russell (Universität von Melbourne) zitiert. Das Infektionsrisiko in Schulen sei allerdings gering, insbesondere wenn die Übertragungsrate in der Bevölkerung der jeweiligen Region gering sei.

Weniger verfügbare Intensivbetten in Deutschland ist als gedacht

Die Zahl der verfügbaren Intensivbetten in Deutschland ist laut einem aktuellen Bericht der  Welt am Sonntag geringer als gedacht. „Bundesweit melden Kliniken freie Betten als verfügbar an, obwohl einige wegen des Personalmangels gar nicht genutzt werden können“, zitiert die Zeitung Prof. Dr. Christian Karagiannidis, den Sprecher des DIVI-Intensivregisters der Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin.

„Wir wiegen uns bei der Zahl der freien Intensivbetten in falscher Sicherheit“, so Karagiannidis weiter. Und: „Die Zahl ist Grundlage für politische Entscheidungen. Einigen Geschäftsführern ist nicht klar, welche große gesellschaftliche Verantwortung sie mit dieser Meldung tragen.“ Karagiannidis rufe daher alle Kliniken auf, „ganz ehrlich“ ihre freien Betten zu melden. 

Aufgefallen sei Karagiannidis die Entwicklung in den vergangenen 2, 3 Wochen. „Wir bekommen immer mehr Rückmeldungen von Notärzten quer aus Deutschland, die uns sagen: Ich habe Schwierigkeiten, meine Patienten in Kliniken unterzubringen, obwohl uns das Register in der Region Dutzende freie Betten anzeigt“, so der Intensivmediziner in der Welt am Sonntag.

Besorgt ist auch der Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI)  Prof. Dr. Uwe Janssens . Er hat sich sogar mit einem eigenen YouTube-Video an die Bevölkerung gerichtet. Janssens spricht stellvertretend für mehr als 3.000 Intensivmediziner und Pflegekräfte, die derzeit auf deutschen Intensivstationen arbeiten.

Er wolle keine Angst machen und noch seien genug Intensivbetten frei, betont Janssens. Aber mit großer Sorge beobachteten alle den überproportionalen Anstieg der Corona-Infektionen in Deutschland und ganz Europa – und die sich füllenden Betten.

„Wir Intensivmediziner befürchten, bei weiter steigenden Infektionszahlen die intensivmedizinische Versorgung in Deutschland bald nicht mehr in vollem Umfang gewährleisten zu können!“ Janssens bittet aus diesem Grunde  in seinem knapp fünf-minütigen Video, dass sich Bevölkerung jetzt strikt an die Regeln zur Minimierung des Infektionsrisikos halten:

  • Kontakte minimieren

  • Größeren Veranstaltungen fernbleiben

  • Teilnahme an Festen vermeiden

  • AHA+L+A Regel beachten: Abstand, Hygiene, Alltagsmaske, Lüften und App benutzen.

Update vom 30. Oktober 2020

  • Positionspapier der KBV sorgt für Unmut unter Ärzten

  • BÄK sieht in Beschlüssen der Regierung „wichtige Notbremse“

  • Hausärzte warnen vor Überlastung

  • Neue Daten zu Trumps experimentellem Antikörper-Cocktail

  • Bayrische Kinder: Viel höhere Durchseuchungsraten als gedacht

Positionspapier der KBV sorgt für Unmut unter Ärzten

Das Positionspapier der KBV, in dem sich KBV-Vorstand Dr. Andreas Gassen und die beiden Virologen Prof. Dr. Hendrik Streeck und Prof. Dr. Jonas Schmidt-Chanasit dafür aussprechen, in der Pandemiebekämpfung mehr auf Gebote denn Verbote zu setzen – und damit indirekt die Corona-Politik der Bundesregierung und deren angeordneten teilweisen Shutdown kritisieren (s.u.) sorgt für einige Aufregung. Bei der Vorstellung des Papiers bei einer Pressekonferenz am Mittwoch sagte KBV-Chef Gassen. „Eine pauschale Lockdown-Regelung ist weder zielführend noch umsetzbar.“ Nur die Zahl der Corona-Neuinfektionen würde einen solchen Schritt nicht rechtfertigen.

Unter dem Papier werden zahlreiche Ärzteverbände als Unterstützer gelistet, darunter auch der Hausärzteverband und der Spitzenverband Fachärzte Deutschlands, der 29 Verbände vertritt. Einer dieser Verbände, der Berufsverband der Anästhesisten (BDA), hat sich in einer Mitteilung von dem Inhalt des Positionspapiers klar distanziert.

BDA-Präsident Prof. Dr. Götz Geldner wird darin zitiert: „Eine solche Stellungnahme zum jetzigen Zeitpunkt erachtet der BDA als grundsätzlich nicht zielführend. Sie trägt nur zu einer weiteren unnötigen Verunsicherung der Bevölkerung bei.“ Es gebe derzeit keine Alternative zur deutlichen Einschränkung von Kontakten, um die Ausbreitung der Infektion, einen Kollaps der gesamten Intensivmedizin in Deutschland und damit sehr viele Tote zu vermeiden: „Wir können der Lawine, die sich bald lösen könnte, als Gesellschaft und Gesundheitssystem nicht tatenlos zusehen“, so Geldner.

Weiter heißt es: „Der BDA mit seinen mehr als 20.000 Mitgliedern, die als Anästhesistinnen und Anästhesisten derzeit in der Pandemie in der Intensivmedizin an vorderster Front arbeiten, distanziert sich damit deutlich von einem Positionspapier der KBV, … bei dem der BDA über seine Mitgliedschaft im „Spitzenverband Fachärzte Deutschlands“ (SpiFa) als Unterstützer genannt worden ist.“ Der BDA habe im Vorfeld keinerlei Kenntnis über dieses Papier gehabt. Die Auffassung des BDA werde auch von dessen Schwestergesellschaft der „Deutschen Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin“ (DGAI) mit ihren mehr als 15.000 anästhesiologischen Mitgliedern geteilt, heißt es weiter.

In den Sozialen Medien haben sich viele Ärzte ebenfalls von dem KBV-Positionspapier distanziert. Gassen spreche eben nicht für „die Ärzteschaft“ wehren sich viele. Denn diese „kritisiere mitnichten die neuen Maßnahmen zur Eindämmung der COVID19-Pandemie“, schreibt z.B. Prof. Dr. Leif Erik Sander, Facharzt für Innere Medizin und Pneumologie an der Berliner Charité und Corona-Experte, auf Twitter. „Diese Erklärung wird von keiner medizinisch-wissenschaftlichen Fachgesellschaft und auch nicht von Klinikärzt*innen unterstützt“, bemängelt er. Das Papier suggeriere, dass es eine generelle Position „der Ärzteschaft" widergebe. Doch: „Die 'gemeinsame Position von Wissenschaft und Ärzteschaft' ist dies sicher nicht!“

BÄK sieht in Beschlüssen der Regierung „wichtige Notbremse“

Die gibt dann wohl eher die Bundesärztekammer (BÄK) wieder. Sie hat die Beschlüsse der Bundesregierung zur Pandemiebekämpfung als „wichtige Notbremse“ gewürdigt. Sie halten die Einschränkungen „für angemessen und geboten“ und begrüßen vor allem, dass Schulen und Kindergärten offenbleiben, schreiben BÄK-Präsident Dr. Klaus Reinhardt und die BÄK-Vizepräsidentinnen Dr. Ellen Lundershausen und Dr. Heidrun Gitter.

Sie mahnen jedoch, dass der Zugang für Patienten zu Kliniken und Ärzten sicher gestellt bleiben müsse und die Patienten über den notwendigen Infektionsschutz aufgeklärt werden sollten. Zudem fordert die BÄK, sich um praktikable Schutzkonzepte speziell für Risikogruppen zu kümmern und für diese ausreichend FFP-2-Masken zur Verfügung zu stellen.

Hausärzte warnen vor Überlastung

Der Bundesvorsitzender des Deutschen Hausärzteverbandes Ulrich Weigeldt fordert „von der Politik eine nationale tragfähige Corona-Strategie über 2021 hinaus“. Diese müsse den Aufwand in den Hausarztpraxen mitberücksichtigen. Weigelt weiter: „Viele Hausarztpraxen sind bereits jetzt an der Grenze ihrer Belastungsfähigkeit, einige auch schon darüber hinaus.“ Dies liege am hohen Aufwand für Tests, Grippe-Impfungen bei regionalen Impfstoff-Engpässen und der Verunsicherung vieler Patienten. „Wir müssen verhindern, dass die ambulante Versorgung, insbesondere in den Hausarztpraxen, die einen Großteil der Behandlung von COVID-19-Erkrankten stemmt, wegbricht.”

Er beklagt außerdem, dass die Tests derzeit noch einen viel zu hohen bürokratischen Aufwand erforderten und möchte, dass die Erfahrung der testenden Praxen und Ämter bei zukünftigen Teststrategien stärker berücksichtigt werden. Es gelte, die Belastung in den Hausarztpraxen so gering wie möglich zu halten: „Die ambulante Versorgung darf unter keinen Umständen verbrannt werden!“

Neue Daten zu Trumps experimentellem Antikörper-Cocktail

Und noch ein bisschen Wissenschaft: Das Unternehmen Regeneron berichtet, dass sein REGN-COV2-Antikörper-Cocktail (der, den Donald Trump erhalten hatte, obwohl er sich erst in Phase-2 der klinischen Prüfung befindet) die SARS-CoV-2-Viruslast verringert und den Bedarf an zusätzlicher medizinischer Versorgung bei ambulanten Patienten mit COVID-19 reduziert.

Wie es in einer Pressemitteilung des Unternehmens heißt, bestätige eine neue Auswertung schon früher publizierte Zwischenergebnisse von 275 Personen. Die neue Analyse umfasst 500 Patienten. Danach hatten diejenigen Patienten, die randomisiert REGN-COV2 erhalten hatten, bis zum 29. Tag mit geringerer Wahrscheinlichkeit COVID-19-bezogene Arztbesuche als Patienten, die Placebo erhalten hatten (2,8% gegenüber 6,5%). Bei Patienten mit Risikofaktoren habe man eine stärkere Risikominderung gesehen.

Bayrische Kinder: Viel höhere Durchseuchungsraten als gedacht

Auch aus Deutschland gibt es neue Daten: Eine Studie des Helmholtz Zentrums München kommt zu dem Ergebnis, dass wohl 6 Mal mehr Kinder in Bayern mit SARS-CoV-2 infiziert waren als bisher gemeldet. Dies verdeutliche die Relevanz bevölkerungsweiter Antikörper-Screenings zur Überwachung des Pandemieverlaufs, heißt es in der Pressemitteilung. Die Studie beschreibt außerdem einen neuen Ansatz, um Antikörper gegen SARS-CoV-2 mit besonders hoher Genauigkeit zu messen.

Dieser neue Ansatz sei von Forschern unter der Leitung von Prof. Dr. Anette-G. Ziegler am Helmholtz Zentrum München entwickelt worden. Die Messung sei besonders zuverlässig, weil das Ergebnis erst dann als Antikörper-positiv gelte, wenn sowohl gegen die Rezeptor-Bindungsdomäne als auch gegen Nukleokapsid-Proteine des Virus positiv getestet wurde. So werde eine Spezifität von 100% und eine Sensitivität von über 95% erreicht.

Ziegler und ihre Forschungsgruppe haben die Tests in einer Kohorte einer großen, bayernweiten Bevölkerungsstudie namens „Fr1da“ zur Früherkennung von präsymptomatischem Typ-1-Diabetes bei Kindern durchgeführt. In knapp 12.000 Blutproben von Kindern in Bayern im Alter zwischen 1 und 18 Jahren fanden sie zwischen Januar 2020 und Juli 2020 im Schnitt bei 0,87% der Kinder Antikörper gegen SARS-CoV-2. Dies war 6 Mal höher als die vom Bayerischen Landesamt für Gesundheit und Ernährung (LGL) gemeldeten Fälle von Kindern in Bayern, die in diesem Zeitraum positiv auf das Coronavirus getestet worden waren. Jedes 2. positiv getestete Kind sei asymptomatisch gewesen.

„Unsere Studie liefert wichtige Ergebnisse, die die Diskrepanz zwischen gemeldeten Virusinfektionen und Antikörperaufkommen offenlegen“, wird Dr. Markus Hippich, Erstautor der Studie und Postdoc am Helmholtz Zentrum München in der Mitteilung zitiert.

Update vom 29. Oktober 2020

Die Corona-Zahlen eilen von einem Höchstwert zum nächsten: 16.744 Neu-Infektionen hat das RKI heute Morgen für die vergangenen 24 Stunden gemeldet. Trotz dieser Zahlen stößt der gestern Abend von Bundeskanzlerin Angela Merkel gemeinsam mit den Ministerpräsidenten der Länder verkündete teilweise Lockdown, der ab dem 2. November für den gesamten Monat gelten und zur Eindämmung der Pandemie beitragen soll, nicht überall auf Zustimmung.

  • Was ab dem 2. November gilt – die Regelungen im Überblick

  • Intensivmediziner: Lage „absolut besorgniserregend“

  • KBV will Alternativen zum Lockdown: Stärker auf Ge- statt Verbote setzen!

  • Marburger Bund: „Der alleinige Appell an die Eigenverantwortung genügt jetzt nicht!“

Was ab dem 2. November gilt – die Regelungen im Überblick

Die wichtigsten Regelungen sind:

  • Nur noch maximal 10 Personen aus 2 Haushalten dürfen sich treffen.

  • Freizeitveranstaltungen sind deutschlandweit untersagt. Dies betrifft auch Freizeit- und Amateursport, Individualsport bleibt davon ausgenommenen. Profisport (Fußball-Bundesliga) ist nur ohne Zuschauer im Stadion zugelassen.  

  • Fitnessstudios, Schwimm- und Spaßbäder müssen schließen,

  • ebenso die Gastronomie, Lieferung und Abholung bleiben erlaubt.

  • Übernachtungsangebote im Inland werden verboten – außer für zwingende Dienstreisen.

  • Kosmetikstudios, Massagepraxen, Tattoo-Studios müssen schließen; Friseursalons bleiben offen, wenn sie die Hygieneregeln beachten. Auch medizinisch notwendige Behandlungen wie Physiotherapien sind weiter möglich.

  • Unternehmen sollen, wenn immer möglich, Heimarbeit anbieten.

  • Schulen und Kindergärten bleiben geöffnet,

  • ebenso wie der Groß- und Einzelhandel (1 Kunde pro 10 qm ist erlaubt).

  • Gottesdienste sind unter Einhaltung der Hygienekonzepte möglich.

Den betroffenen Unternehmen sollen im Rahmen eines Milliarden-schweren Hilfsprogramms Umsatzausfälle erstattet werden.

Ministerpräsident Markus Söder (CSU) kündigte in einer Pressekonferenz heute an, dass in Bayern die Bundes-Beschlüsse eins zu eins übernommen würden. Wie er sagte, müssten die persönlichen Kontakte um 75% reduziert werden, um die Infektionen einzudämmen – andernfalls drohe die Lage außer Kontrolle zu geraten. Außerdem kündigte er an, in Bayern den Katastrophenfall auszurufen.

Am Morgen hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) die neuen Beschlüsse vor dem Bundestag verteidigt: „Die Maßnahmen, die wir jetzt ergreifen, sind geeignet, erforderlich und verhältnismäßig. Wenn wir stattdessen warten würden, bis die Intensivstationen voll sind, dann wäre es zu spät!" Auf der Pressekonferenz hatte Merkel, darauf hingewiesen, dass sich die Zahl der Intensivpatienten binnen 10 Tagen verdoppelt habe, die der künstlich Beatmeten innerhalb von 9 Tagen. Wenn die Entwicklung sich so fortsetze, sagte Merkel, „kommen wir binnen Wochen an die Grenze der Leistungsfähigkeit unseres Gesundheitssystems“.

Intensivmediziner: Lage „absolut besorgniserregend“

Intensivmediziner hatten zuvor vor einer Überlastung der Krankenhäuser und Intensivstationen gewarnt. Die Lage sei „absolut besorgniserregend“ wird z.B. der Leiter der Intensivmedizin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE), Prof. Dr. Stefan Kluge von dpa zitiert: „Wir müssen diesen Trend stoppen, die Politik muss handeln! Uns bleibt keine andere Wahl.“

Wie Kluge sagte, sind einige Kliniken schon gut mit COVID-19-Patienten belegt, andere Erkrankte würden bereits verdrängt. Auch habe sich bereits eine Reihe von Krankenhaus-Mitarbeitern infiziert. Er warnte davor mit Blick auf die (noch) langsam steigende Zahl der Todesopfer abzuwarten: „Wir müssen auf die Zahl der Intensivpatienten gucken. Dann wissen wir, wohin die Reise geht.“ Und derzeit gehe die Kurve bei den COVID-19-Erkrankten auf den Intensivstationen „steil nach oben“. Im Schnitt vergingen 10 Tage, bis ein Patient mit Symptomen auf die Intensivstation verlegt werden müsse – Todesfälle träten meist erst im Verlauf der im Schnitt 2 bis 3 Wochen auf der Intensivstation auf, so dass sich die Zahl der Neuinfektionen erst mit einer Verzögerung von 3 bis 4 Wochen auf die Zahl der Todesfälle auswirke, betonte er.

Der Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi), Prof. Dr. Uwe Janssens, hat auf einer Bundespressekonferenz am Donnerstag die Regierung aufgefordert, die Krankenhäuser dazu anzuhalten, nun auf Notfallbetrieb herunterzufahren. „Wir befinden uns an einem relativ kritischen Punkt in der zweiten Welle der Pandemie“, sagte er.

„Elektive Operationen müssen wieder verschoben werden, um zusätzliche Kapazitäten frei zu machen“, forderte Janssens. „Dazu brauchen die Krankenhäuser die Anweisung und auch finanzielle Hilfen vom Staat.“ Auch die Intensivmediziner betrachten die geplanten Regelungen für den November „als sinnvoll und verhältnismäßig“.

KBV will Alternativen zum Lockdown: Stärker auf Ge- statt Verbote setzen!

Am Mittwochvormittag hatte die KBV auf einer Online-Pressekonferenz noch ein eigenes Strategie-Papier präsentiert, das von den Virologen Prof. Dr. Hendrik Streeck und Prof. Dr. Jonas Schmidt-Chanasit sowie von dem KBV-Vorstandschef Dr. Andreas Gassen unterzeichnet worden war. Darin warben die Unterzeichner dafür, stärker auf Gebote als Verbote zu setzen und sprachen sich für einen stärkeren Schutz der Risikogruppen, die Einhaltung der Hygienemaßnahmen, mehr Eigenverantwortung und ein bundeseinheitliches Ampelsystem aus. „Wir brauchen eine gesunde Balance aus Einschränkungen und wissenschaftlich begründbaren Maßnahmen“, betonte Gassen in diesem Zusammenhang.

Schmidt-Chanasit vom Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin in Hamburg warnt laut KBV-Pressemitteilung vor „großen Nebenwirkungen“ eines weiteren Lockdowns. Aus seiner Sicht seien die AHA + A + L Regeln (Abstand/Hygiene/Alltagsmaske + App + regelmäßiges Lüften) ausreichend, um die Pandemie durchzustehen. Doch sie müssten auch konsequent umgesetzt werden.

Das Positionspapier solle die Diskussion anschieben, sagte Gassen und verwies auf die zahlreichen Unterstützer der Positionen. „Wir haben auch keine endgültige Lösung, aber es gibt sicherlich Alternativen zum Lockdown.“

Marburger Bund: „Der alleinige Appell an die Eigenverantwortung genügt jetzt nicht!“

Dagegen hat sich allerdings der Marburger Bund (MB) als Vertretung der angestellten und verbeamteten Ärztinnen und Ärzte positioniert: In einem Statement vom Donnerstag betont die MB-Vorsitzende Dr. Susanne Johna, dass es in der „sich zuspitzenden Situation mehr denn je darauf ankommt, Infektionsketten zu durchbrechen und das Gesundheitssystem vor Überlastung zu schützen.“ Es sei wichtig, „eine mögliche Notlage in den Krankenhäusern abzuwenden“.

Bund und Länder hätten den Ernst der Lage erkannt. Zwar könne man „über einzelne Maßnahmen geteilter Meinung sein, die Grundrichtung des Bund-Länder-Beschlusses ist aber absolut richtig: Wir müssen den aktuellen Trend brechen, bevor es zu spät ist. Der alleinige Appell an die Eigenverantwortung genügt jetzt nicht.“

Update vom 25. Oktober 2020

 

  • RKI: Weiter steigende Fallzahlen in Deutschland

  • Modellierung: Masken im öffentlichen Raum könnten Mortalität drastisch senken

  • Studierende im Home-Office: Die Psyche leidet ganz erheblich

  • AstraZeneca und Johnson & Johnson setzen Studien zu SARS-CoV-2-Vakzinen fort

  • Karl Lauterbach fordert Nachjustierung bei den Corona-Beschränkungen

  • FDA-Berater warnen vor einer Notfall-Zulassung für Corona-Impfstoff

  • Könnten einige Impfstoff-Kandidaten die Anfälligkeit für HIV erhöhen?

RKI: Weiter steigende Fallzahlen in Deutschland

429.181 bestätigte SARS-CoV-2-Infektuonen (+11.176 im Vergleich zum Vortag), 10.032 Tote (+29) und geschätzte 317.100 Genesene (+3.000) – diese Bilanz zieht das Robert Koch-Institut, Berlin, in seinem Situationsbericht vom 25. Oktober 2020. Mittlerweile ist die 7-Tages-Inzidenz bundesweit auf 74,9 Fälle pro 100.000 Einwohner angestiegen. 363 Stadt- und Landkreise liegen über 25 Fällen pro 100.000 Einwohner, darunter sind 71 mit mehr als 100 Fällen pro 100.000 Einwohner. „Aktuell ist ein beschleunigter Anstieg der Übertragungen in der Bevölkerung in Deutschland zu beobachten“, heißt es im Report. „Daher wird dringend appelliert, dass sich die gesamte Bevölkerung für den Infektionsschutz engagiert.“

Modellierung: Masken im öffentlichen Raum könnten Mortalität drastisch senken

Von einer möglichen Strategie berichtet das IHME COVID-19 Forecasting Team an der University of Washington, Seattle, jetzt in Nature Medicine . Anhand von Daten über den Verlauf der Pandemie zwischen Februar und September 2020 modellierten Forscher den zukünftigen Verlauf in den USA.

Beim 1. Szenario lockern alle Bundesstaaten Einschränkungen wie Abstandsregeln oder die Pflicht, Masken zu tragen. Das könnte laut Berechnung bis Ende Februar 2021 zu mehr als 1 Million kumulativer Todesfälle führen.

Das 2. Szenario wird von den Autoren selbst als „plausible Referenz“ bezeichnet. Steigende Fallzahlen würden zu weiteren Einschränkungen führen, so die Hypothese der Autoren. Das können Schließungen von Geschäften des Einzelhandels, weitere Restriktionen für die Gastronomie oder ähnliche Maßnahmen sein. Ihre Berechnung ergab bis Ende Februar über 500.000 kumulative Todesfälle durch COVID-19.

Und beim 3. Szenario, falls 95% der Bevölkerung in der Öffentlichkeit zusätzlich zu schärferen Restriktionen Masken tragen, würde die kumulative Zahl der Todesfälle bis Ende Februar etwa 382.000 betragen.

„Die Umsetzung [sozialer Distanzierung], sobald die einzelnen Staaten eine Schwelle von 8 Todesfällen pro Tag und pro Million Einwohner erreichen, könnte die Auswirkungen der Krankheit dramatisch lindern; die nahezu universelle Verwendung von Masken könnte das Erreichen dieser Schwelle verzögern oder in vielen Staaten möglicherweise verhindern und hat das Potenzial, die meisten Leben zu retten und gleichzeitig den Schaden für die Wirtschaft zu minimieren“, fassen die Autoren zusammen. Und das gilt nicht nur für die USA.

Studierende im Home-Office: Die Psyche leidet ganz erheblich

Ziel aller Maßnahmen ist, die Mortalität durch COVID-19 zu verringern. Doch manche Restriktionen haben ihren Preis, wie Dr. Marielle Wathelet vom Centre Hospitalier Universitaire de Lille jetzt zusammen mit Kollegen in JAMA Network Open schreibt.

69.054 Studierende füllten zwischen April und Mai 2020 einen Fragebogen zur psychischen Gesundheit aus. Dabei kamen die Impact of Event Scale - Revised (IES-R), die Perceived Stress Scale und das Beck Depression Inventory zum Einsatz: 3 Scores, um subjektiv belastende Situationen, Stress beziehungsweise depressive Symptome zu erkennen.

Die wichtigsten Ergebnisse: Etwa 11% aller Teilnehmer berichteten von Selbstmordgedanken, 22% von einem hohen Stresslevel, 16% von Depressionen und 28% von Angstzuständen. Besonders gefährdet waren Frauen, aber auch Personen, die sich im binären Geschlechtssystem nicht zuordnen lassen, ausländische Studierende und Personen, die in einem Gebiet mit hohen Infektionsraten lebten.

Weitere Faktoren, die ein erhöhtes Risiko vorhersagten, waren Einkommensverlust, schlechte Wohnverhältnisse, wenig Bewegung oder Sport sowie psychiatrische Behandlungen in der Vorgeschichte.

„Die Ergebnisse dieser Übersichtsstudie deuten auf eine hohe Prävalenz psychischer Gesundheitsprobleme unter Studenten hin, die in Quarantäne waren“, schreiben Wathelet und Kollegen. Besonders wichtig sei deshalb, zielgruppengerechte Angebote der Prävention und Therapie bereitzustellen. Die Autoren rechnen mit ähnlichen Einschränkungen im Wintersemester.

AstraZeneca und Johnson & Johnson setzen Studien zu SARS-CoV-2-Vakzinen fort

Die größte Hoffnung ruht derzeit auf Vakzinen. AstraZeneca untersucht zusammen mit der Oxford University momentan den Vektorviren-Impfstoff ChAdOx1 nCoV-19 (AZD1222). Eine Phase-3-Studie wurde nach dem Tod eines Probanden gestoppt (wie Medscape hat berichtet hat). Ähnlich ist es Johnson & Johnson mit dem Vektorviren-Impfstoff Ad26.COV2-S ergangen. Auch hier wurde die Phase-3-Studie auf Eis gelegt, nachdem ein Proband aus unklaren Gründen erkrankt war.

Die Studie von AstraZeneca war 6 Wochen lang unterbrochen worden, während die von Johnson & Johnson 11 Tage lang auf Eis gelegt worden war. Wie die New York Times berichtet, stünden alle diese Fälle nicht mit den Vakzinen in Zusammenhang. Beide Hersteller setzen nun ihre Untersuchungen fort. Die US Food and Drug Administration lehnte es ab, den Neustart zu kommentieren.

Karl Lauterbach fordert Nachjustierung bei den Corona-Beschränkungen

Der SPD-Politiker und Mediziner Karl Lauterbach hält Agenturmeldungen zufolge einen Lockdown in wenigen Wochen für wahrscheinlich und fordert stärkerer Einschränkungen, um die Pandemie einzudämmen. „Die Einschränkungen, die jetzt beschlossen wurden, reichen leider nicht aus, um überfüllte Intensivstationen und einen deutlichen Anstieg der Todeszahlen im Dezember zu verhindern.“ Da müsste nachjustiert werden, so Lauterbach in der  Bild am Sonntag . Ohne eine entschlossenere Beschränkung persönlicher Kontakte sei ein zweiter Lockdown nicht zu vermeiden, warnt Lauterbach.

Um einen Lockdown abzuwenden, sollten Schulklassen verkleinert bzw. geteilt werden und das Arbeiten im Home Office ausgeweitet werden. Lauterbach: „Wenn es uns in den kommenden zwei bis drei Wochen nicht gelingt, die persönlichen Kontakte zu beschränken, werden die Zahlen in wenigen Wochen so stark gestiegen sein, dass uns nur noch ein erneuter Lockdown bleibt.“

FDA-Berater warnen vor einer Notfall-Zulassung für Corona-Impfstoff

Mit der in vielen Ländern einschließlich Deutschland steigenden Zahl der Neuinfektionen wächst die Hoffnung auf einen wirksamen und sicheren Impfstoff. Bald könnten tatsächlich mehrere Impfstoffe zugelassen werden. Die erste Erfolg versprechende Vakzine komme wohl aus Deutschland, meldet unter anderen der  Spiegel

So erfreulich die Zulassung eines ersten Impfstoffes wäre: Dies könnte einige negative Folgen für die Entwicklung weiterer Impfstoffe gegen das neue Corona-Virus haben. Diskutiert wurden solche möglichen Effekte kürzlich von den Wissenschaftlern eines Beratungsgremiums der FDA (VRBPAC: Vaccines and Related Biological Products Advisory Committee). So könnte der FDA für eine Notfall-Genehmigung eine Impfstoff-Effektivität von 50 Prozent reichen, heißt es in einem  Science-Beitrag

Das könnte zu einem ethischen Konflikt führen: Wäre es in einem solchen Fall ethisch vertretbar, den Probanden der Placebo-Gruppe in der zugrundeliegenden Studie weiterhin das Scheinmedikament zu geben. Oder müssten sie nicht aus ethischen Gründen auch die Verum-Vakzine erhalten?

Eine weitere mögliche Frage, sollte ein Impfstoff eine Notfall-Genehmigung erhalten: Wäre es ethisch vertretbar, in einem solchen Fall den Probanden der Studien mit anderen Impfstoffen noch ein Placebo als Kontroll-Substanz zu geben oder müsste der noch experimentelle Impfstoff nicht gegen die Vakzine getestet werden, die bereits eine Genehmigung erhalten hat? 

Könnten einige Impfstoff-Kandidaten die Anfälligkeit für HIV erhöhen?

Bestimmte COVID-19-Impfstoff-Kandidaten könnten die Anfälligkeit für HIV erhöhen, warnt eine Gruppe von Forschern im Fachmagazin  The Lancet Hintergrund ihrer Warnung ist ihre 2007 gemachte Erfahrung mit experimentellen HIV-Impfstoff in einer Studie. Als Vektor verwendet hatten die Wissenschaftler in dieser Studie ein gentechnisch verändertes Adenovirus (Ad5). Ergebnis der Studie (STEP) war, dass Männer, die vor Erhalt des Impfstoffs auf natürliche Weise mit Ad5 infiziert worden waren, besonders anfällig für das AIDS-Virus wurden. Eine zweite Studie (Phambili) mit diesem Impfstoff bestätigte zudem die Ergebnisse. Der Mechanismus dieses Effekts blieb allerdings unklar. 

Bei vier COVID-19-Impfstoff-Kandidaten, die derzeit in mehreren Ländern, einschließlich den USA, in klinischen Studien sind, wird ebenfalls Ad5 als „Vektor“ verwendet. Bei mehreren Impfstoffen, die bereits weit entwickelt sind, werden allerdings andere Adenoviren verwendet, für die es keine Hinweise oder Belege gibt, dass die das Risiko für eine HIV-Infektion erhöhen könnten. Dazu zählen etwa die Impfstoffe von Johnson&Johnson und AstraZeneca/ Universität Oxford.

Update vom 23. Oktober 2020

  • „Noch kein Kontrollverlust“

  • Ärztekammer-Präsident Reinhardt als „Masken-Skeptiker“

  • Harsche Kritik bis hin zur Rücktrittsforderung

  • Ärztinnenbund gegen „Gefälligkeitsgutachten“ für Maskenverweigerer

Nach der gestern bekannt gewordenen Corona-Infektion von Bundegesundheitsminister Jens Spahn – er befindet sich mit leichten Erkältungssymptomen in häuslicher Quarantäne – sind 4 weitere Mitarbeiter des BGM positiv auf SARS-CoV2 getestet worden. Außerdem ist der Ehemann des Gesundheitsministers ebenfalls mit dem Coronavirus infiziert, wie die Bild-Zeitung berichtet

Zum zweiten Mal in Folge liegen auch die bundesweit von den Gesundheitsämtern in den vergangenen 24 Stunden gemeldeten Neu-Infektionen über der Marke von 11.000. Das RKI meldet 11.242 mehr Fälle als am Vortag. Insgesamt wurden dem RKI damit im Laufe der Pandemie 403.291 COVID-19 Fälle in Deutschland gemeldet. 49 zusätzliche Todesfälle sind seit gestern hinzugekommen. Die Zahl der Corona-Toten in Deutschland liegt laut RKI damit mit 9.954 Fällen knapp unter der 10.000er Marke.

„Noch kein Kontrollverlust“

Noch sieht die Vorsitzende des Bundesverbands der Ärztinnen und Ärzte des Öffentlichen Gesundheitsdienstes, Dr. Ute Teichert, trotz der steigenden Zahlen keinen Kontrollverlust der Gesundheitsämter. „Ich glaube nicht, dass wir an dem Punkt sind, dass wir die Kontrolle verloren haben“, sagte die Verbandschefin am Donnerstagabend in den ARD-„Tagesthemen“. Sie räumte aber ein, dass es aufgrund der steigenden Infektionszahlen sicher vereinzelt Probleme gebe und dass die Personalsituation oft schwierig sei.

Als kritische Schwelle betrachtet der Vorsitzende des Weltärztebundes, Prof. Dr. Frank Ulrich Montgomery, wenn die Rate der Neu-Infektionen die Schwelle von 20.000 pro Tag in Deutschland überschreitet. „Bei 20.000 Neuinfektionen am Tag gerät die Lage außer Kontrolle“, sagte er in einem Interview mit der Rheinischen Post (Link hinter Bezahlschranke). „Dann wäre es für Gesundheitsämter nicht mehr möglich, die Infektionsketten nachzuverfolgen und zu unterbrechen. Dann droht uns ein zweiter Lockdown, weil sich das Virus anders nicht mehr bremsen lässt“, wird er in verschiedenen Medien aus dem Interview zitiert.

Der Weltärzte-Chef begrüßte gleichzeitig die verhängten Einschränkungen, etwa im Landkreis Berchtesgadener Land, wo seit Dienstag strikte Ausgangsbeschränkungen gelten. „Bei lokalen Ausbrüchen müssen wir konsequent reagieren“, betonte der frühere Präsident der Bundesärztekammer.

Ärztekammer-Präsident Reinhardt als „Masken-Skeptiker“

Gleichzeitig sorgte der derzeitige Präsident der Bundesärztekammer, Dr. Klaus Reinhardt, für Irritationen als er in der ZDF-Talkshow Markus Lanz am Mittwochabend die Wirksamkeit von Alltagsmasken anzweifelte. Es gebe „keine tatsächliche wissenschaftliche Evidenz darüber, dass die tatsächlich hilfreich sind“, sagte er. „Schon gar nicht im Selbstschutz und wahrscheinlich auch nur ganz wenig im Schutz andere anzustecken.“

Jedoch befürworte auch er das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes in Situationen, in denen nicht der notwendige Abstand eingehalten werden könne – etwa im öffentlichen Nahverkehr oder in engen Räumlichkeiten, betonte er im Nachgang in einem gemeinsamen Rundschreiben mit seinen beiden Vize-Präsidentinnen am Donnerstag. Darin plädieren sie auch dafür, älteren und besonders gefährdeten Personen, etwa in Seniorenheimen, FFP2-Masken zur Verfügung zu stellen.

Das Tragen eines Mund-Nasenschutzes auch im Freien, wie es derzeit nach den neuen Regelungen an manchen öffentlichen Plätzen und Straßen in den Städten gefordert wird, lehne er ab, hatte Reinhardt in der Talkshow betont und dies als „Vermummungsgebot“ bezeichnet. Er betonte aber auch, dass dies seine persönliche Auffassung sei.

Harsche Kritik bis hin zur Rücktrittsforderung

Bei Kollegen stießen seine Äußerungen auf harsche Kritik. Der SPD-Gesundheitspolitiker Prof. Dr. Karl Lauterbach bezeichnete die öffentlichen Äußerungen des Ärztekammer-Präsidenten auf Twitter als „unentschuldbar" für den "ranghöchsten deutschen Ärztefunktionär". „Der Ärztekammerpräsident kann nicht die Position der führenden Fachgesellschaften der deutschen Ärzteschaft und die aktuelle Studienlage öffentlich für falsch erklären.“ Er beschädige damit die Arbeit seiner Kollegen. Lauterbach schrieb auch, dies sei in seinen Augen „ein Rücktrittsgrund, wenn er das nicht sofort zurücknimmt".

Auch die Vorsitzende des Marburger Bundes, Dr. Susanne Johna, bemängelte in einer Pressemitteilung Reinhardts Auftritt und betonte, wie wichtig, gerade in der jetzigen Phase der Pandemie, klare Botschaften an die Bevölkerung seien. Sie bedauere, dass Reinhardt öffentlich den Eindruck erweckt habe, dass Alltagsmasken zum Schutz vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus nur von geringem Wert seien.

Johna weiter: „Diese persönliche Auffassung des Bundesärztekammer-Präsidenten steht im Widerspruch zur aktuellen Studienlage und ist geeignet, das seit Monaten wirksame und evidenzgestützte Konzept zur Minimierung von Infektionen zu diskreditieren. Für uns als Verband der angestellten und beamteten Ärztinnen und Ärzte steht außer Frage, dass Alltagsmasken das Risiko einer Übertragung reduzieren.“

Ärztinnenbund gegen „Gefälligkeitsgutachten“ für Maskenverweigerer

Und schließlich meldete sich auch der Deutsche Ärztinnenbund (DÄB) zu Wort und sprach sich ebenfalls für „Aufklärung statt Verunsicherung“ als „Gebot der Stunde“ aus. DÄB-Präsidentin Dr. Christiane Groß wird mit den Worten zitiert „Eine Mund-Nase-Bedeckung – auch eine Alltagsmaske – ist ein wichtiger strategischer Pfeiler, um die Corona-Infektionsraten zu reduzieren und Leben zu schützen.“

Groß weiter: „Der Ärztinnenbund unterstützt ausdrücklich das Konzept der Pandemiebekämpfung mit Abstand, Hygiene, Alltagsmasken, Lüften und Corona-Warn-App. Es ist wissenschaftlich belegt, dass Alltagsmasken dazu beitragen, Menschen vor einer Ansteckung, auch mit dem Corona-Virus, zu schützen.“  Gleichzeitig distanziert sich der DÄB „ausdrücklich von Gefälligkeitsgutachten, die einige Ärzte und Ärztinnen ausstellen, um Patienten und Patientinnen die Masken zu ersparen. „Wer das tut, macht sich berufsrechtlich strafbar“, so Groß.

Als Reaktion auf die allgemeine Kollegen-Schelte hat sich Ärztekammer-Präsident Reinhardt am Freitagnachmittag nochmals an die Öffentlichkeit gewandt und seine Aussagen während der Talk-Show bedauert. Er stellt klar: „In der Sendung ‚Markus Lanz‘ hatte ich den wissenschaftlichen Evidenznachweis der Schutzwirkung von Mund-Nasen-Masken in Zweifel gezogen. Dies hat zu erheblichen Irritationen geführt, die ich sehr bedauere. Die aktuelle Evidenz aus vielfältigen Studien spricht für einen Nutzen des Mund-Nasen-Schutzes. Die Studien weisen darauf hin, dass sowohl die Übertragung auf andere als auch die Selbstansteckung durch Alltagsmasken reduziert wird. Aus diesen Daten resultiert die klare Empfehlung zum Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes.“

„Wir sind nicht machtlos“: Welche Strategie das RKI gegen die explosionsartig steigenden Corona-Neuinfektionen empfiehlt

Wenn das kein Zeichen ist: Auch den obersten „Gesundheitshüter“ Jens Spahn hat es erwischt. Er ist positiv auf SARS-CoV-2 getestet worden, hat aber nur leichte Erkältungssymptome.

Für Deutschland sieht die Lage da schon dramatischer aus: Am Morgen hatte das RKI einen neuen Höchstwert bei den Corona-Neuinfektionen gemeldet. So seien von den Gesundheitsämtern binnen 24 Stunden 11.287 Fälle gemeldet worden – eine Zahl, die den bisherigen Höchstwert seit Beginn der Pandemie in Deutschland von 7.830 Neuinfektionen am vergangenen Samstag weit überschreitet.

Für Deutschland liegt die Bilanz damit bei 380.762 bestätigten SARS-CoV-Infektionen, 9.875 Toten und 302.100 Genesenen – diese Zahlen hat Prof. Dr. Lothar H. Wieler, Präsident des Robert Koch-Instituts (RKI) in Berlin, bei der Pressekonferenz am heutigen 22. Oktober 2020 präsentiert [1].

 
Derzeit besteht noch die Chance, eine Ausbreitung des Virus zu verhindern. Wir sind nicht machtlos. Prof. Dr. Lothar H. Wieler
 

„Aktuell ist ein beschleunigter Anstieg der Übertragungen in der Bevölkerung in Deutschland zu beobachten“, so Wielers Einschätzung. Er appelliert an alle Bürger, die „AHHA+L“-Regel zu beherzigen und selbst einen Beitrag zum Infektionsschutz zu leisten. „Derzeit besteht noch die Chance, eine Ausbreitung des Virus zu verhindern“, ist der RKI-Präsident optimistisch. „Wir sind nicht machtlos.“

Details zur Entwicklung

In den letzten 7 Tagen hat sich die Inzidenz bundesweit auf 51,3 Fälle pro 100.000 Einwohner erhöht. Deutlich über dem bundesweiten Durchschnitt liegen Berlin, Bremen, Hessen, Nordrhein-Westfalen und das Saarland.

Auch die Anzahl der Landkreise mit einer 7-Tage-Inzidenz von insgesamt mehr als 25 Fällen pro 100.000 Einwohner steigt weiter. Mittlerweile haben 285 Stadt- und Landkreise diese Fallzahl überschritten (30 Kreise > 100 Fälle pro 100.000 Einwohner und 103 Kreise > 50-100 Fälle pro 100.000 Einwohner).

 
Wir müssen davon ausgehen, dass die Zahl an schweren Fällen und an Toten weiter ansteigt. Prof. Dr. Lothar H. Wieler
 

Wieler dazu: „Das Virus wird sich in Deutschland weiter stark, vielleicht sogar unkontrolliert ausbreiten.“ Momentan seien vor allem jüngere Menschen betroffen, aber seit Anfang September nehme der Anteil älterer Menschen unter den Patienten weiter zu. Es gebe wieder mehr Hospitalisierungen und mehr Therapien auf der Intensivstation. „Wir müssen davon ausgehen, dass die Zahl an schweren Fällen und an Toten weiter ansteigt“, so seine Einschätzung.

Infektion meist im privaten Umfeld

Wie der RKI-Präsident erklärt, versuchen Gesundheitsämter auch, herauszufinden, wo sich die Menschen vor allem infiziert haben. Das gelinge oft, aber nicht immer. „Anfang März haben wir vor allem Ausbrüche in Alten- und Pflegeheimen, aber auch in Flüchtlingsunterkünften oder in Privathaushalten gesehen“, sagte Wieler. „Auch jetzt sehen wir, dass sich ein Großteil im privaten Bereich ansteckt.“ Nur würden inzwischen laut COSMO-Studie 2 von 3 Menschen die Gefahren kennen.

Übernachtungen in Hotels oder das Reisen in öffentlichen Verkehrsmitteln spielen RKI-Analysen zufolge bei der Übertragung eine eher untergeordnete Rolle. Das liege an den kaum vorhandenen Interaktionen, etwa zwischen Bahnreisenden, so Wieler. Viele Aerosole, die die Übertragung begünstigen, entstünden dagegen vor allem beim (lauten) Sprechen oder sogar Singen, was vor allem auf Feiern oder Partys zutreffe.

Im Monat Juni sei SARS-CoV-2 oft am Arbeitsplatz übertragen worden – was den Ausbrüchen in der fleischverarbeitenden Industrie geschuldet war. „In Schulen sind solche Ereignisse noch selten, werden aber mit steigenden Fallzahlen an Bedeutung gewinnen“, sagte Wieler voraus.

Diese Strategie empfiehlt das RKI weiterhin

Wie geht es weiter? Der RKI-Präsident will keinen generellen Strategie-Wechsel. Er verwies auf die 3 etablierten zentralen Säulen im Kampf gegen die Pandemie:

  • Mit der „AHA+L“-Regel, mit der Corona-Warn-App und mit der Strategie von Gesundheitsämtern, Infizierte, aber auch deren Kontaktpersonen, zu identifizieren, soll die Pandemie weiter eingedämmt werden.

  • Gefährdete Personengruppen, etwa Menschen in Alten- und Pflegeheimen, seien besonders zu schützen. Mittlerweile hätten, so Wieler, viele Einrichtungen gute Hygienekonzepte.

  • Mehr Behandlungskapazitäten und neue Therapien sollen dazu beitragen, die Folgen der Infektionen abzumildern.

 
Auch wenn man nicht mehr alles schafft: Jeder nachgewiesene Kontakt vermindert weitere Ausbrüche. Prof. Dr. Lothar H. Wieler
 

„Wir müssen die Zahl der Infektionen auf ein Level bringen, auf dem wir damit umgehen können“, resümierte der RKI-Präsident. „Noch haben wir die Chance, die weitere Ausbreitung des Virus zu verlangsamen.“ Ihm sei bewusst, dass manche Gesundheitsämter dabei an ihre Grenzen stoßen werden – oder schon gestoßen sind. „Auch wenn man nicht mehr alles schafft: Jeder nachgewiesene Kontakt vermindert weitere Ausbrüche“, betonte Wieler.

 

Kommentar

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