Retrospektive Daten: Steigert das Antidiabetikum Sitagliptin bei schwerem COVID-19-Verlauf die Überlebenschance?

Dr. Jürgen Sartorius

Interessenkonflikte

16. Oktober 2020

Eine retrospektive Studie aus Norditalien hat bei 338 diabetischen Patienten, die aufgrund von COVID-19 hospitalisiert waren, eine Halbierung der Mortalität gezeigt, wenn diese zusätzlich zu Insulin den oralen Dipeptidyl-Peptidase-4 (DPP-4)-Inhibitor Sitagliptin erhielten.

 
Ein solch deutliches Ergebnis aus diesem dramatischen europäischen Hotspot der frühen Corona-Pandemie ist natürlich beeindruckend. Prof. Dr. Baptist Gallwitz
 

Das Ergebnis gibt Anlass zu Spekulationen über einen möglichen Wirkmechanismus und die Planung einer prospektiven Studie. Die Ergebnisse der Beobachtungsstudie wurden in der US-amerikanischen Fachzeitschrift Diabetes Care publiziert [1].

Die Gruppe um Erstautor Dr. Sebastiano Solerte, Universität Pavia, Italien, analysierte die Daten von 338 Patienten mit Typ-2-Diabetes, die in der Zeit von März bis April 2020 aufgrund einer COVID-19-Erkrankung in eines von 7 norditalienischen Krankenhäusern eingeliefert worden waren. Die Hälfte von ihnen hatten Sitagliptin zusätzlich zu Insulin erhalten.

Von diesen 169 Patienten starben 18%, während in der Gruppe mit ausschließlich Insulin 37% ihre COVID-19-Erkrankung nicht überlebten. Der Unterschied war mit p=0,0001 hochsignifikant, die Hazard Ratio (HR) betrug 0,44.

Ein ebenfalls hochsignifikantes Verhältnis galt für die Besserung der klinischen Symptomatik: 60% der Patienten im Sitagliptin-Arm erlebten eine Verbesserung ihres Zustandes, wie sie nur 40% der Patienten ohne Sitagliptin-Behandlung erlebten (p=0,0001).

 
Auf diese retrospektive Studie muss nun eine prospektive Studie folgen, um diese Beobachtungen bestätigen oder falsifizieren zu können. Prof. Dr. Baptist Gallwitz
 

„Ein solch deutliches Ergebnis aus diesem dramatischen europäischen Hotspot der frühen Corona-Pandemie ist natürlich beeindruckend“, folgert Prof. Dr. Baptist Gallwitz, stellvertretender Direktor der Medizinische Klinik IV des Universitätsklinikum Tübingen und Mediensprecher der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG). „Aber auf diese retrospektive Studie muss nun eine prospektive Studie folgen, um diese Beobachtungen bestätigen oder falsifizieren zu können.“

Prof. Dr. Baptist Gallwitz

Datenlage nicht vollständig, therapeutische Notwendigkeiten ungeklärt

Die erfassten Patienten waren im Schnitt 69 Jahre alt, ungefähr die Hälfte war über 70 Jahre alt. Etwa 70% von ihnen waren Männer. Ein Typ-2-Diabetes bestand zwischen 7,5 und 10 Jahren. Die Vorerkrankungen waren bei etwa 40% der Patienten Herz-, bei etwa 25% chronische Nieren- und bei etwa 15% Krebserkrankungen. 67 bis 74% von ihnen litten unter Bluthochdruck.

Ein gutes Drittel erhielt vor der Einweisung in die Klinik Metformin, ein knappes Drittel Insulin und das restliche Drittel andere antidiabetische Medikamente. Alle Patienten hatten bei der Einweisung ins Krankenhaus Fieber, respiratorische Symptome und eine Sauerstoff-Sättigung von etwa 92%.

Die Auswahl der Patienten aus der Kontrollgruppe entsprach in Symptomatik, Alter und Geschlecht denjenigen des Sitagliptin-Armes, so dass es keine besonderen Unterschiede zwischen beiden Gruppen gab, betonen die Autoren, darunter auch Letztautor Dr. Paolo Fiorina, Endokrinologe und Immunologe am Boston Children`s Hospital, USA, und des Internationalen Zentrums für Typ-1-Diabetes in Mailand, Italien, sowie Mitglied der American Society of Transplantation (ASH).

Nach 30 Tagen hatten 120 der 169 Patienten der Sitagliptin-Gruppe das Krankenhaus verlassen, aus der Kontrollgruppe lediglich 80 von 169. Alle Patienten erhielten während des 30-tägigen Follow-ups im Krankenhaus keine weiteren Medikamente zur Zuckersenkung. Dabei spielte es keine Rolle, welche Therapie sie vor ihrer COVID-19-Erkrankung erhalten hatten.

 
Die Publikation zeigt einige Ungereimtheiten. Prof. Dr. Baptist Gallwitz
 

„Die Publikation zeigt einige Ungereimtheiten“, bemerkt Gallwitz. „Es gibt Datenlücken, und es drängen sich Zweifel auf, ob sich die Patienten der beiden Gruppen anhand der Basisdaten wirklich nicht unterschieden. Deshalb wird man die von den Autoren angekündigte prospektive Studie mit großer Spannung erwarten.“

3 Theorien, aber noch keine Beweise

In ihrer Diskussion warten die Autoren mit 3 Theorien zu einem möglichen Wirkmechanismus von Sitagliptin auf, der die positive Wirkung auf den Verlauf von COVID-19 erklären könnte:

  • Zum einen ähnelt das Zielprotein DDP-4 (mit dem Synonym CD26) dem ACE-II-Protein, das von SARS-CoV-2 zum Eindringen in die Humanzellen genutzt wird.

  • Als Zweites könnte die Modulation der Aktivität von DDP-4 durch Sitagliptin antiinflammatorische und immunoregulatorische Effekte bewirken, die letztlich zu einer Abschwächung des typischen Zytokinsturmes bei schweren Verläufen von COVID-19 führen könnten.

  • Als dritte Theorie nennen die Autoren die Möglichkeit, dass ein außer Kontrolle geratener Blutzuckerspiegel zu schwereren Verläufen von COVID-19 bei diabetischen Patienten führe, dem durch Sitagliptin gegengesteuert würde. Tatsächlich fanden die Autoren in der Sitagliptin-Gruppe während der Hospitalisierung signifikant niedrigere Blutglukosewerte als in der Kontrollgruppe.

Die ersten beiden Möglichkeiten würden implizieren, dass Sitagliptin auch unabhängig von Diabetes gegen COVID-19 wirksam wäre, erläutert Fiorina.

„Grau ist alle Theorie“, meint Gallwitz dazu. „Fest steht aufgrund dieser Studie lediglich, dass die Gabe von Sitagliptin den Verlauf von COVID-19 nicht erschwert. Zur Überprüfung der Theorien zu den möglichen Wirkungen von Sitagliptin sollte in eine prospektive Studie auch ein weiterer DDP-4-Inhibitor aufgenommen werden, der dann einen ähnlichen Effekt wie Sitagliptin zeigen sollte.“
 

Kommentar

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