COVID-19: Die Entscheidungen zu politischen Maßnahmen treffen fast nur Männer – doch vor allem Frauen sind betroffen

Heike Dierbach

Interessenkonflikte

13. Oktober 2020

In 85% aller staatlichen Entscheidungs- und Beratungsgremien weltweit zu COVID-19 saßen überwiegend Männer – und diese Unausgewogenheit kann letztlich Menschenleben kosten. Das berichtet Kim Robin van Daalen, Doktorandin an der University of Cambridge, zusammen mit Kollegen in BMJ Global Health [1].

An der Arbeit war auch eine deutsche Forscherin beteiligt: „Man sollte sich bei der Bildung solcher Gremien kurz die Zeit nehmen, auf die Zusammensetzung zu achten“, erklärt Laura Jung, Gesundheitswissenschaftlerin und Mitglied im Netzwerk „Women in Global Health“, gegenüber Medscape.

 
Man sollte sich bei der Bildung solcher Gremien kurz die Zeit nehmen, auf die Zusammensetzung zu achten. Laura Jung
 

85% aller Gremien von Männern dominiert

Für ihre Studie untersuchten die Autoren Angaben aus 193 UN-Mitgliedsländern bis Juni 2020. Eingeschlossen wurden nur staatliche Gremien und nur Informationen, die ohne weitere Nachfrage im Netz verfügbar waren. Das war zuweilen wenig bis gar nichts – auch für Deutschland berichten die Autoren von solchen Defiziten.

Jung vermutet, dass schlicht nicht daran gedacht wurde: „In anderen Ländern war das besser organisiert: Da haben wir einmal die Suchwörter eingegeben und schon hatten wir eine Seite, wo alle Mitglieder mit Funktionen standen.“

Für 87 Länder mit insgesamt 115 Experten- und Entscheidungsgremien lagen ausreichende Daten vor. Die Forscher untersuchten zudem globale Gremien, etwa bei der WHO und der EU.

Ihre Ergebnisse: 85,2% der nationalen Gremien waren von Männern dominiert, nur 11,5% von Frauen. In 3,5% zeigte sich ein ausgeglichenes Verhältnis. Geleitet wurden die Gremien meist von Männern (81%).

In internationalen Teams sah die Zusammensetzung nicht viel besser aus: Von den 7 untersuchen Gruppen war nur 1 überwiegend weiblich – das COVID-19 Response Team der EU mit 4 Frauen und 2 Männern unter Leitung von EU-Kommissionspräsidentin Dr. Ursula von der Leyen.

Hinzu kommt: Frauen waren am ehesten in Beratergremien vertreten, weniger in Entscheidungsgremien. Viele Expertinnen gab es u.a. in Teams in Österreich, Belgien, in den Niederlanden, in Estland oder Ecuador. Spitzenreiter war das Gremium der Centers for Disease Control and Prevention (CDC) in den USA mit 82,4% Frauen, gefolgt von Gremien in Albanien (72,7%) und Kanada (71,4%).

Für Deutschland kann man über die Verteilung aufgrund der fehlenden Daten nur spekulieren. „Es ist aber nicht zu vermuten, dass es hierzulande eine paritätische Verteilung gibt, danach zu urteilen, welche Experten in der Öffentlichkeit stehen“, sagt Jung.

COVID-19-Maßnahmen treffen Frauen stärker

Als Erklärung für die Schieflage führt van Daalens Team die Dynamik zu Beginn der Pandemie an: Regierungen hätten schnell neue Gremien einberufen und dabei auf altbekannte Muster zurückgegriffen: „Es wurden prominente Experten und die Leiter von bekannten Instituten gefragt. Diese Positionen sind typischerweise mit Männern besetzt.“

Zwar seien Männer auch direkt stärker betroffen von COVID-19 als Frauen, räumen die Autoren mit Hinweis auf den schwereren Krankheitsverlauf ein. Doch soziale und wirtschaftliche Folgen belasteten Frauen mehr, etwa durch fehlende Kita-Betreuung. „Viele Regierungen haben Maßnahmen erlassen, die die stärkeren Auswirkungen auf Frauen nicht berücksichtigten, etwa den Einkommensverlust. Als Folge haben diese Maßnahmen Armut und Hunger verstärkt.“ 

 
Viele Regierungen haben Maßnahmen erlassen, die die stärkeren Auswirkungen auf Frauen nicht berücksichtigten (…). Kim Robin van Daalen und Koautoren
 

Auch der eingeschränkte Zugang zur Gesundheitsversorgung treffe Frauen härter. So sei etwa während der Ebola- und Zika-Epidemie die Sterblichkeitsrate bei Müttern gestiegen, ebenso die Zahl ungewollter Schwangerschaften und riskanter Abtreibungen.

Auch in Deutschland gibt es Kritik an unausgewogen besetzten COVID-19-Gremien. Das gilt u.a. für Empfehlungen der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina im April zur schrittweisen Lockerung des Lockdowns. Von 26 Mitgliedern des wissenschaftlichen Gremiums waren nur 2 Frauen. Zufall oder nicht? Der Rat empfahl, Kitas weiter nur „sehr eingeschränkt“ zu öffnen.

Es folgte ein breiter Protest auf Twitter unter dem Hashtag #WieVieleFrauen. Dabei stellten etliche User des Kurznachrichtendiensts die Legitimation des Gremiums in Frage, da in diesem so wenige Frauen vertreten waren. Die Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin, Prof. Dr. Jutta Allmendinger, kritisierte damals die Leopoldina-Empfehlungen im Tagesspiegel: „Das Wohlergehen der Frauen wird nicht adressiert.“

Sind Staatschefinnen erfolgreicher im Kampf gegen COVID 19?

Die Autoren der Studie betonen, dass es nicht nur um eine Frage der Gerechtigkeit gehe, sondern dass paritätisch besetzte Gremien auch tendenziell bessere Entscheidungen träfen und daher notwendig seien, um die Krise effektiv zu bewältigen. Ihr Fazit: „Länder mit weiblichen Staatschefs wurden assoziiert mit effektiveren Gegenmaßnahmen gegen COVID-19.“ Und mit geringeren Folgen wie etwa 6-mal weniger Todesfällen, gemessen an der Bevölkerung. Dabei beziehen sie sich auf eine weitere Studie, die bisher nur als Preprint veröffentlicht worden ist. Erstautor ist Dr. Luca Coscieme vom Trinity College Dublin. 

 
Länder mit weiblichen Staatschefs wurden assoziiert mit effektiveren Gegenmaßnahmen gegen COVID-19. Kim Robin van Daalen und Koautoren
 

Was muss also passieren? Quoten für Frauen in Führungspositionen seien ein Mittel, meinen die Autoren. Das reiche jedoch nicht: „Frauen verhalten sich nicht automatisch gender-inklusiv, genau wie Männer nicht automatisch gender-exklusiv sind.“ Die zu Grunde liegenden Werte und Normen müssten sich ändern, „damit die Bedürfnisse und die Sicherheit aller Bevölkerungsgruppen berücksichtigt werden“.

Schließlich müsse auch unter dem Druck einer Pandemie, und gerade dann, die Transparenz von Entscheidungsprozessen gewährleistet sein. Das ist auch Jung besonders wichtig. Und die Auswahl der Gremienmitglieder solle mit Bedacht erfolgen, nicht nur im Hinblick auf die Geschlechterverteilung. „Wie wir sehen, treffen diese Gremien unter Umständen für längere Zeit wesentliche Entscheidungen.“

 

Kommentar

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