Große Metaanalyse bestätigt, wie gefährlich Bauchfett ist: 10 cm mehr Taillenumfang bedeutet 11% höheres Sterberisiko!

Antje Sieb

Interessenkonflikte

29. September 2020

Fett am Bauch gilt als besonders ungesund – Fettpolster an Po und Oberschenkeln gelten dagegen als vergleichsweise harmlos. Da der häufig zur Quantifizierung des Übergewichts benutzte Body-Mass-Index (BMI) aber keine Information über die Fettverteilung liefert, wird mittlerweile versucht, ihn durch andere Kennzahlen zu ergänzen.

Prof. Dr. Matthias Schulze

Wissenschaftler aus Iran und Kanada haben in einer Metaanalyse 72 prospektive Kohortenstudien ausgewertet, die verschiedene Maßzahlen für die Fettverteilung in Beziehung zur Sterblichkeit gesetzt haben [1]. Aufgrund der Analyse kommen der Teheraner Doktorand Ahmad Jayedi und seine Kollegen zu dem Schluss, dass die meisten Kennzahlen positiv mit dem allgemeinen Sterblichkeitsrisiko korrelieren.

Der Ernährungsepidemiologe Prof. Dr. Matthias Schulze vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung in Potsdam Rehbrücke ist über diese Ergebnisse nicht erstaunt: „Man sieht diese Assoziationen in Richtung Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Typ-2-Diabetes; solche Erkrankungsbilder sind deutlicher mit der Körperfett-Ansammlung im Bauchbereich assoziiert als mit Fett in anderen Körperbereichen.“

Stoffwechselaktives Bauchfett

Denn das Bauchfett verhält sich anders, erklärt der Wissenschaftler: „Das Bauchfett ist in der Regel, wenn es sich zwischen Organen befindet und nicht im Unterhaut-Fettgewebe, stoffwechselmäßig sehr aktiv. Auch durch die Einlagerung von Fett in der Leber werden viele Stoffwechselprozesse angestoßen, die ungünstig sind und zum Beispiel direkt etwas mit der Entstehung von Typ-2-Diabetes zu tun haben.“

 
Das Bauchfett ist in der Regel, wenn es sich zwischen Organen befindet und nicht im Unterhaut-Fettgewebe, stoffwechselmäßig sehr aktiv. Prof. Dr. Matthias Schulze
 

Das sogenannte viszerale Fett zwischen den Organen kann Botenstoffe freisetzen, die an Entzündungsprozessen, aber auch an der Entstehung von Bluthochdruck oder Insulinresistenz beteiligt sein können. Fettablagerungen an Hüfte oder Oberschenkeln sind dagegen vergleichsweise harmlos, weil sie offenbar keinen starken Einfluss auf den Stoffwechsel ausüben.

Die nun im British Medical Journal erschienene Metaanalyse ist ein weiterer Puzzlestein, der die Wichtigkeit der Fettverteilung bestätigt. Insgesamt konnten die Wissenschaftler die Daten von über 2,5 Millionen Patienten aus 72 weltweit durchgeführten Studien in ihre Analysen miteinbeziehen. Dabei waren Hüftumfang und Oberschenkelumfang die einzigen beiden Messwerte in den Daten der Analyse, die negativ mit dem Sterblichkeitsrisiko korrelierten.

Positive Korrelation mit Mortalitätsrisiko

Alle Messwerte oder Indizes, die dagegen bei höheren Werten auch auf ein höheres Maß an Bauchfett hinweisen, wie etwa der Taillenumfang, das Taillen-Hüft-Verhältnis oder die noch neueren Werte „Body Adiposity Index“ und „A Body Shape Index“ waren dagegen positiv korreliert mit dem Sterblichkeitsrisiko.

Beim Body Adiposity Index wird versucht, mittels Hüftumfang und Körpergröße näherungsweise den Körperfettgehalt zu bestimmen. Beim A Body Shape Index (ABSI) wird mithilfe von Taillenumfang, Körpergröße und Gewicht eine Risikokennzahl ermittelt.

Weitere untersuchte Maßzahlen, die allerdings jeweils in deutlich weniger Studien verwendet worden waren, sind das Verhältnis zwischen Taillenumfang und Körpergröße (Waist-Height-Ratio) oder das Verhältnis zwischen Taille und Oberschenkelumfang.

Ein um 10 cm größerer Taillenumfang war laut Metaanalyse mit einem um 11% höheren Sterblichkeitsrisiko assoziiert. Bei Frauen gilt in der Regel ein Taillenumfang ab 88 cm als gesundheitlich deutlich riskanter, bei Männern liegt die Grenze bei 102 cm.

Um die Fettverteilung genauer zu bestimmen bzw. einzuordnen, ob es sich bei einem einzelnen Patienten um einen sogenannten Apfel-Typ mit Fettablagerung hauptsächlich am Bauch oder den Birnen-Typ mit Fettablagerungen in der Hüft-Gegend handelt, kann man das Taille-Hüft-Verhältnis bestimmen. Bei Männern gelten Werte über 1, bei Frauen Werte über 0,85 als Grundlage für die Kategorisierung als Apfel-Typ. Ein um 0,1 erhöhtes Taillen-Hüft-Verhältnis sorgte in der vorliegenden Metaanalyse für ein um 20% höheres Risiko.

Viele unterschiedliche Kennzahlen

Welche Kennzahl zur Abschätzung des Sterblichkeitsrisikos die beste sei, lasse sich anhand einer Analyse wie der vorliegenden schwer vergleichen, sagt Schulze. Allerdings hätten die unterschiedlichen Kennzahlen durchaus Vor- und Nachteile, erklärt der Epidemiologe. Zum Beispiel seien sie mehr oder weniger unabhängig vom Body Mass Index: „Der Body Shape Index versucht, die Fettverteilung möglichst unabhängig vom BMI zu adressieren, was der Taillenumfang per se nicht so kann. Zwischen BMI und Taillenumfang gibt es eine starke Korrelation.“

 
Generell ist der Taillenumfang direkt mit dem BMI korreliert. Das heißt für die meisten, wenn man abnimmt, wird man auch Fett im Bauchraum abnehmen. Prof. Dr. Matthias Schulze
 

Für den Einzelnen sei der Wert einer solchen Vorhersage anhand von Körpermaßen oder Indizes allerdings begrenzt, sagt Schulze: „Für eine einzelne Person ist es natürlich sehr schwierig, eine Prognose zu stellen, ob sie jetzt in den nächsten 5 Jahren stirbt oder nicht. Aber wenn im Mittel Personen mit hohem Taillenumfang früher sterben, dann sollte das auch ein Anreiz sein für den Einzelnen, da vielleicht Veränderungen herbeizuführen.“

Ob man bei der Ablagerung des Körperfettes zum Apfel- oder Birnentyp gehört, lässt sich dabei nicht ohne weiteres ändern. Vorhandenes Übergewicht abzubauen, sei in der Regel aber trotzdem vorteilhaft: „Generell ist der Taillenumfang direkt mit dem BMI korreliert. Das heißt für die meisten, wenn man abnimmt, wird man auch Fett im Bauchraum abnehmen.“
 

Kommentar

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