Akutes Lungenversagen bei COVID-19: Das können Ärzte aus Fällen vor der SARS-CoV-2-Pandemie lernen

Michael Simm

Interessenkonflikte

25. September 2020

Kommt es bei COVID-19-Patienten zum akuten Lungenversagen (ARDS), so reagiert die Lunge unter mechanischer Beatmung nicht fundamental anders als beim klassischen ARDS. Das berichten Teams um Dr. Giacomo Grasselli von der Universität Mailand und Dr. Pratik Sinha von der University of California San Francisco, im Rahmen von 2 Studien [1,2].

ARDS: Unterschiede bei COVID-19?

Unterschiedlichen Quellen zufolge entwickeln 20 bis 67% aller mit COVID-19 hospitalisierten Patienten ein ARDS. Nun wurden zeitgleich 2 Studien veröffentlicht, die funktionale und morphologische Eigenschaften eines ARDS mit und ohne zugrunde liegender SARS-CoV-2-Infektion untersucht haben.

Grasselli und Kollegen haben an 7 italienischen Kliniken eine prospektive Beobachtungsstudie mit 301 konsekutiven Patienten mit COVID-19 durchgeführt, die mechanisch beatmet werden mussten und die Kriterien eines ARDS erfüllten. Shina und Kollegen rekrutierten für ihre prospektive Beobachtungsstudie 39 Patienten an 2 britischen Intensivstationen. Als Vergleich dienten bei beiden Untersuchungen Datensätze aus ARDS-Studien vor Ausbruch der COVID-19-Pandemie.

Keine relevanten Unterschiede beim ARDS mit oder ohne COVID-19

Ähnlich wie beim klassischen ARDS fand Grasellis Team unter maschineller Beatmung bei der statischen Compliance („Lungendehnbarkeit“) eine breite Streuung der gemessenen Werte. Im Median waren es 32 ml/cm H2O ohne bzw. 41 ml/cm H2O mit COVID-19, jedoch verringerte sich die Differenz nach multivariabler Adjustierung.

Das Ausmaß von Lungenödemen – bestimmt anhand des per CT-Scan berechneten Lungengesamtgewichts – war in beiden Gruppen ähnlich.

Eine Untergruppe von Patienten mit D-Dimer-Konzentrationen über dem Median und einer statischen Compliance unterhalb des Medians fiel durch eine besonders hohe Mortalität von 56% auf. Die war mehr als doppelt so hoch wie bei Patienten mit niedrigen D-Dimer-Werten und hoher Compliance (27%) bzw. niedrigen D-Dimeren und niedriger Compliance (22%). Dies lege nahe, dass die Schnittmenge aus einer besonders schweren Dysregulierung von Koagulation/Fibrinolyse und gravierenderen Verletzungen der Lunge besonders schädlich sei, und es spreche für eine Rolle der pulmonalen vaskulären Thrombose auch bei der COVID-assoziierten Form des ARDS, schreiben die Autoren.

Sinha und Kollegen zeigten in ihrem kleinen Kollektiv, dass die für eine klassische ARDS beschriebenen hypo- und hyperinflammatorischen Phänotypen auch beim COVID-19-assoziiierten ARDS existieren, und dass die Patienten mit hoher Zuverlässigkeit einer der beiden Gruppen zugewiesen werden können. Die Mortalitätsrate lag insgesamt bei 44%, der Vergleichswert für die klassischen ARDS-Patienten bei 24%.

So könnten Ärzte COVID-19-Patienten mit ARDS unterstützen

Im Gegensatz zu früheren Berichten aus einzelnen Zentren zeigen beide Studien nach Einschätzung von Dr. Lorraine B. Ware, dass das COVID-19-assoziierte ARDS heterogen ist, sich aber nicht fundamental vom klassischen ARDS unterscheide [3]. Ware arbeitet an der Vanderbilt University School of Medicine, Nashville. Im Editorial ergänzt sie, dadurch würden die jüngst geäußerten Forderungen unterstützt, in dieser Indikation Evidenz-basierte Maßnahmen der ARDS-Versorgung anzuwenden wie eine Lungen-protektive mechanische Ventilation und das manuelle Drehen von Patienten in die Bauchlage.

Dieser Artikel ist im Original erschienen auf Univadis.de

 

Kommentar

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