Lücke im System: Warum Wachstumsstörungen bei Kindern Pädiatern mitunter erst nach Jahren auffallen

Bettina Micka

Interessenkonflikte

17. September 2020

Im Alter von 3 Jahren beschließt Oskar Matzerath nicht mehr zu wachsen. Eine bewusste Entscheidung wie in der „Blechtrommel“ sind Wachstumsstörungen zwar nicht, aber psychosoziale Einflüsse können sich durchaus negativ auf das Größenwachstum von Kindern auswirken. Daneben gibt es eine Vielzahl weiterer Ursachen.

Prof. Dr. Joachim Wölfle

Oft sind solche Abweichungen von der Norm nur temporär und nicht behandlungsbedürftig. Doch Wachstumsstörungen können auch ein Anzeichen für eine ernste Krankheit sein. Die (kinder-)ärztliche Kunst besteht nun darin, diese beiden Fälle auseinanderzuhalten. Auf der Pressekonferenz der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie anlässlich der Hormonwoche gab es dazu Hinweise [1].

Wann Vorsicht geboten ist

„Wachstum ist ein idealer Parameter um zu erkennen: Könnte ein Kind mit irgendeiner Problematik behaftet sein“, sagte Prof. Dr. Joachim Wölfle, Präsident der der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie. Doch Pädiater haben nicht immer die Gelegenheit dazu, das Wachstum eines Kindes kontinuierlich im Blick zu haben, denn zwischen den U-Vorsorgeuntersuchengen für Kinder und den J-Untersuchungen für Jugendliche klafft eine Lücke von mehreren Jahren. In dieser Zeit gibt es zwar 2 optionale Vorsorgetermine, die aber nur noch von einem Bruchteil der Kinder wahrgenommen werden.

 
Wachstum ist ein idealer Parameter um zu erkennen: Könnte ein Kind mit irgendeiner Problematik behaftet sein. Prof. Dr. Joachim Wölfle
 

Doch auch wenn ein Kind regelmäßig beim Kinderarzt vorgestellt wird, ist es nicht immer leicht zu beurteilen, ob es „normal“ wächst. Wichtiger als die absolute Größe im Vergleich zu Gleichaltrigen ist der Wachstumsverlauf insgesamt. Hier bestehe die Schwierigkeit, individuell unterschiedliches Wachstumstempo von Wachstumsstörungen zu unterscheiden, so Wölfle, der Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin am Universitätsklinikum Erlangen ist.

„Es kann sein, dass es nur ein temporäres Problem ist“, betonte Wölfle. So gibt es etwa mit Beginn der Pubertät einen Wachstumsschub. Wenn ein Kind etwas früher in die Pubertät kommt, beginnt es auch eher mit stärkerem Wachstum, hört dann aber auch früher damit auf. Auf der anderen Seite gibt es auch die „Spätentwickler“.

Grundsätzlich sollten Pädiater stutzig werden, wenn die altersbezogene Größe eines Kindes „nicht in den familiären Kontext passt“, also deutlich von dem abweicht, was in Hinblick auf die Größe der Eltern zu erwarten wäre.

Auch wenn die Größe eines Kindes von einer Messung zur nächsten die perzentile Einordnung deutlich ändert, beispielsweise von der 75. auf die 25. Perzentile abfalle, müsse man hellhörig werden, betonte Wölfle im Gespräch mit Medscape. Mitunter werde dies von Pädiatern übersehen, da das Kind ja noch im „Normalbereich“ der Größenperzentile sei.

Im Zweifelsfall sollten die jungen Patienten an einen Kinder-Endokrinologen überwiesen werden. Generell sei ein Wachstum unter der 25. Perzentile der Wachstumsgeschwindigkeit ein Indikator für Wachstumsprobleme.

Mit Verweis auf das Vorsorgeheft sagte Wölfle: „Eigentlich wäre es schön, wenn wir es digitalisiert hätten, wo dann so etwas wie eine ‚rote Warnlampe‘ bei auffälligem Wachstum angeht“. Die Fachverbände seien aber bereits an diesem Thema „dran“, so Wölfle.

Von pränatal bis Pubertät

Zu Abweichungen beim Größenwachstum kann es bereits im Mutterleib kommen beispielsweise durch erblich bedingte Erkrankungen. Plazentaprobleme können zu einer Mangelernährung des Fetus führen.

Auch nach der Geburt können Mangel- und Fehlernährung und negative psychosoziale Einflüsse Wachstumsstörungen verursachen. Des Weiteren können „zehrende“ Krankheiten das Wachstum behindern. Dazu zählen etwa:

  • Schweres Asthma

  • Mukoviszidose

  • Erworbene schwere Herzerkrankungen wie Herzinsuffizienz

  • Rheumatische Erkrankung

  • Nierenfunktionsstörung

Hormonbedingte Ursachen von Wachstumsstörungen sind u.a.:

  • Unterfunktion der Schilddrüse

  • Cushing-Syndrom

  • Rachitis

  • Schlecht eingestellter Diabetes mellitus

  • Kraniopharyngeom (Störung von Hypophyse und Hypothalamus möglich)

  • Mangel an Wachstumshormonen

Kleinwuchs kann aber auch ein erstes Symptom einer genetischen Störung wie Achondroplasie oder dem Ullrich-Turner-Syndrom sein, dass u.a. mit Problemen am Herzen, den großen Blutgefäßen und Eierstöcken assoziiert ist.

Aber auch hinter ungewöhnlichem Hochwuchs können schwere genetische Erkrankungen stecken, etwa das Marfan-Syndrom, das mit Fehlbildungen des Herz-Gefäßsystems einhergeht und unerkannt lebensbedrohlich sein kann. „Hier ist der Blick auf die Eltern manchmal irreführend, denn gar nicht so selten hat einer der Elternteile bereits das Syndrom“, gab Wölfle zu bedenken.

Beim selteneren Wiedemann-Beckwith-Syndrom, das ebenfalls mit Hochwuchs assoziiert ist, treten wiederum Nierentumoren gehäuft auf. An Hand einer genetischen Analyse lässt sich bei den Patienten das individuelle Risiko dafür bestimmen.

In den letzten Jahren konnten durch genetische Forschung eine Reihe weiterer Hochwuchssyndrome identifiziert werden, die mit einem erhöhten Risiko für bestimmte Tumoren verbunden sind, etwa Schilddrüsenkarzinome, die schon im frühen Kindesalter auftreten. „Der Indikator ‚abweichendes Wachstum‘ kann also lebensrettend sein, weil er den Fokus auf ein anderes Organ lenkt“, betonte Wölfle.

 
Der Indikator ‚abweichendes Wachstum‘ kann also lebensrettend sein, weil er den Fokus auf ein anderes Organ lenkt. Prof. Dr. Joachim Wölfle
 

Wachstum bremsen oder fördern

Bei der Therapie von Wachstumsproblemen geht es zunächst darum, wenn möglich die zugrunde liegenden Ursachen zu therapieren. Aber auch in den Wachstumsprozess als solchen lässt sich eingreifen, wenn tatsächlich Bedarf besteht.

Insgesamt hat die Akzeptanz von großer Körpergröße in der Gesellschaft zugenommen. Auch bei Mädchen wird dies mittlerweile seltener als noch vor einigen Jahrzehnten als störend empfunden. Wichtig sei also, immer zunächst zu klären, ob ein Kind tatsächlich unter seiner überdurchschnittlichen Körpergröße leide, betonte Wölfle.

Um dann gegebenenfalls das Größenwachstum zu bremsen, ist eine hormonelle Therapie möglich. Die Kinder sollen dadurch rascher in die Pubertät kommen, damit sich die Wachstumsfugen früher verschließen. „In 2 Behandlungsjahren erreicht man damit ein Voranschreiten der Knochenentwicklung um 3 Jahre“, berichtete Wölfle.

Allerdings kann sich die Hormontherapie negativ auf die Fruchtbarkeit der Mädchen auswirken, wie 2 Studien in den letzten Jahren nachgewiesen haben. Deswegen wird sie etwa von Fachgesellschaften in skandinavischen und Benelux-Ländern nicht mehr als Option angesehen. „In Deutschland haben wir uns dazu noch nicht entschieden. Wir beraten aber die Eltern, dieses Risiko abzuwägen“, erläuterte Wölfle.

Eine Alternative zur Hormonbehandlung ist die chirurgische Therapie, die Epiphysiodese. Dabei wird der Knorpel der Wachstumsfugen im Ober- und Unterschenkel angebohrt, wodurch sich die Wachstumsfugen früher schließen.

„Daten aus den letzten 4 bis 5 Jahren zeigen, dass dies in der Hand eines erfahrenen Wachstumschirurgen relativ sicher ist“, berichtete Wölfle. „Bis auf kleinere Infektionen und Schmerzen scheint es keine wesentlichen Beeinträchtigungen zu geben. Und die Effizienz der Methode ist fast vergleichbar mit der hormonellen Intervention.“

Bei Kleinwuchs, der auf der unzureichenden Bildung des Wachstumshormons zurückgeht, kann meist durch Zufuhr des genetechnisch hergestellten Hormons behandelt werden. Auch hier sei wichtig, die Diagnose rechtzeitig zu stellen. Ist ein Kind bereits in der Pubertät, kann die Wachstumsverzögerung nicht mehr aufgeholt werden. „Also lieber mal einen Patienten unnötig zum Spezialisten überweisen“, so Wölfles Appel an die Kinderärzte.

 

Kommentar

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