MEINUNG

Heißer Herbst bei COVID-19-Tests: „Am Limit unserer Kapazitäten” – eine Hausärztin sagt, was Sache ist

Ute Eppinger

Interessenkonflikte

16. September 2020

Die Testsituation für SARS-CoV-2 hat sich in den vergangenen Wochen in Deutschland erneut verändert. Gerade erst eröffnete, zentrale Testzentren, etwa an Autobahnen und Flughäfen, wurden oft schon wieder geschlossen. Auch die generelle Ansage, dass sich jeder testen lassen kann, der möchte, wurde wieder zurückgenommen. Zudem setzt jedes Bundesland in seiner Teststrategie andere Schwerpunkte.

Dr. Sandra Blumenthal

Für den Herbst gilt: Vor allem die Hausärzte werden wieder zur wichtigsten Anlaufstelle. Sie sollen einen Großteil der Arbeit von den Testzentren übernehmen. Aber wie beurteilen Hausärzte diese Situation? Sind Sie für eine 2. Welle gewappnet?

Medscape hat darüber mit Dr. Sandra Blumenthal gesprochen. Sie ist Fachärztin für Allgemeinmedizin in Potsdam, aktiv z.B. in der DEGAM und im Forum Hausärzt/innen des Hausärzteverbandes. Sie ist Mitinitiatorin der Petition “#Hausärzt/innen sind da”. Und sie hat sich im Frühjahr bei der Initiative Blanke Bedenken engagiert, mit der Hausärzte und Hausärztinnen auf den gravierenden Mangel an Schutzkleidung und Schutzmasken aufmerksam gemacht haben.

Medscape: ‚Weniger zentrale Anlaufstellen für Corona-Tests, mehr Tests dezentral bei den Hausärzten´. Das ist z.B. die neue Strategie der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen. Ist das in Brandenburg auch so und übernehmen in Brandenburg Hausärzte auch den Großteil der Tests, zum Beispiel auch bei Lehrern und Schülern?

Dr. Blumenthal: Mein Eindruck ist, dass bundesweit Testzentren abgebaut und das Testen in die Hände des ÖGD, vor allem aber auch in die hausärztlichen Praxen verlagert wird – dort wo eigentlich die Patient/innenversorgung stattfindet.  Dies ist aber aufgrund der personellen, räumlichen und organisatorisch begrenzten Ressourcen nicht nur eine Herausforderung, sondern für einige Praxen auch kaum noch zu leisten.

Sie dürfen nicht vergessen, dass wir „vor Corona“ viel über den Hausärzt/innen-Mangel gesprochen haben. Der ist seit dem Frühjahr 2020 nicht einfach verschwunden, sondern spitzt sich zu.

Es gibt Kolleg/innen, die die zusätzliche Belastung, die das Testen mit sich bringt, neben der regulären Patient/innen-Versorgung nicht stemmen können. Ich kann nur für unsere Praxis sprechen: Ja, wir übernehmen Tests bei Lehrer/innen, Pflegenden, Erzieher/innen, Reiserückkehrer/innen – und ja, natürlich auch bei symptomatischen oder potentiell infektiösen Patient/innen.

Aber das ist ein Kraftakt, den wir nur bewältigen können, weil wir eine personell gut aufgestellte Praxis mit gleich mehreren Ärzt/innen sind und ausreichend MFAs haben, die unglaublich fit und belastbar sind.

Und selbst in unserer Praxis ist das Thema eines jeden Teamtalks: Wie können wir die Sprechstunde so organisieren, dass es funktioniert? Wie schaffen wir es, so zu arbeiten, dass das Team sich nicht infiziert, wie wir vor allem unsere Risikopatient/innen vor einer Ansteckung in der Praxis schützen können. Und wie schaffen wir es, „nebenbei“ das zu leisten, was eigentlich unsere Aufgabe ist: die hausärztliche Basisversorgung.

Medscape: Aufgrund der Pandemie müssen in den Praxen ja weiterhin Zeitkorridore freigehalten und Untersuchungen an chronisch kranken Patienten nachgeholt werden, hinzu kommt die Vorbereitung auf die Influenza-Saison. Wie sieht die aktuelle Situation aus und sind Kapazitäten vorhanden, noch mehr Tests auf SARS-CoV-2 zu übernehmen?

Dr. Blumenthal: Ich denke Hausärzt/innen sind zu vielem bereit. Wir sind bereit, weit über unsere Belastungsgrenzen hinwegzugehen, aber wir dürfen bei all dem unsere Kernaufgaben nicht aus den Augen verlieren. Die Ressourcen in der ambulanten Versorgung sind begrenzt.

Ich habe den Eindruck, das wird aktuell von politischer Seite viel zu oft ausgeblendet. Natürlich können wir den ganzen Tag damit verbringen Reiserückkehrer/innen aus dem Kanarenurlaub zu testen. Aber wer wird dann die Betreuung der chronisch kranken Patient:innen übernehmen? Wer fängt jene auf, die psychisch dekompensieren, weil sie ihre Jobs verloren haben? Die falschen Trost etwa im Alkohol suchen? Wer übernimmt die Behandlung stressgetriggerter Erkrankungen? Wer versorgt die zutiefst verunsicherten, chronisch kranken Patient/innen? Wer geht in die Pflegeheime? Wer versorgt die chronischen Wunden?

Und nicht nur wir als Hausärzt/innen erreichen das Limit unserer Kapazitäten: Der Öffentliche Gesundheitsdienst tut mehr als er kann, aber auch hier sind Kolleg/innen erschöpft und überarbeitet. Überstunden werden angehäuft und neues Personal ist selten.

Die neu ausgeschriebenen Stellen werden in kurzer Zeit kaum zu besetzen sein. Schon heute sind beim ÖGD v.a. Ärzt/innenstellen vakant. Die Labormediziner/innen kommen mit den ständig steigenden Anforderungen kaum noch hinterher. Der politisch motivierte Slogan „testen, testen, testen“ blendet aus, dass unsere Mittel personell, finanziell und auch materiell irgendwann an ihre Grenzen kommen.

Ich erwarte vom Bundesgesundheitsministerium und den Gesundheitsminister/innen der Länder daher eine intelligente Teststrategie und kein „everything is possible!“. Dazu gehören neben der Einbindung der virologischen und epidemiologischen Expertise auch fortlaufende Gespräche mit den Leistungserbringern.

Den Sommer hätte man hierzu nutzen können. Mein Eindruck war stattdessen, dass man im Juli überrascht festgestellt hat, dass Menschen in den Urlaub oder noch häufiger einfach zu ihren Familien ins Ausland gefahren sind. Es wurde von politischer Seite spontan reagiert und kein gut durchdachter, abgestimmter Pandemieplan präsentiert. Die Kommunikation verlief dementsprechend holprig. Das war und ist sehr schwierig für uns.

Medscape: Seit dem 1. August haben Hausärzte ja auch Tests bei Reiserückkehrern durchgeführt. Wie lief das denn? Und wie hoch war der bürokratische Aufwand?

Dr. Blumenthal: Die Abstriche bei Reiserückkehrer/innen wurden bei uns in die sogenannte Infekt-Sprechstunde integriert. Hierfür haben wir am Ende der Vormittagssprechstunde ein größeres Zeitfenster freigehalten indem wir eine SARS-CoV2-Test durchgeführt haben.

Aber der Aufwand entsteht doch nicht „durch den einen Test“, sondern durch die vielen unterschiedlichen Anlässe, die einen Test auslösen, durch die sich ständig wandelnden Vorgaben, die immer neue Organisation der Sprechstunde, die bürokratischen Vorgaben mit unterschiedlichen Formularen und Abrechnungsziffern.

Ein Problem ist weiterhin die Beschaffung von Schutzausrüstung, bei der wir trotz dem Engagement der Kassenärztlichen Vereinigung immer noch auf uns selbst gestellt sind. Nun kommen wir zwar inzwischen an Material heran. Aber es ist weiter an uns zu prüfen, ob die FFP2-Maske, die wir verwenden, ein billiges und nutzloses Imitat ist – oder uns und unsere Patient/innen ausreichend vor dem Virus schützt. Es tut mir leid, aber dafür bin ich schlichtweg nicht ausgebildet.

Medscape: Bislang werden die Tests mit 15 Euro honoriert. Ulrich Weigeldt, der Bundesvorsitzende des Deutschen Hausärzteverbandes, hat in seinem Rundbrief vom 6. August von einem „schlechten Scherz“ gesprochen. Sehen Sie das auch so?

Dr. Blumenthal: Wenn Sie Vergütung mit Wertschätzung geleisteter Arbeit gleichsetzen – ja, dann ist das ein schlechter Scherz. Natürlich klingen 15 Euro gar nicht so schlecht, wenn wir für manche Hausbesuche kaum über 30 Euro bekommen. Aber in dieser Pauschale wird nicht abgebildet, was es bedeutet, Kapazitäten für diese Tests zu schaffen, oder ausreichend Ausrüstung für die Durchführung dieser Tests vorzuhalten. Auch nicht, was es für Praxen an Aufwand darstellt, diese Arbeit zu koordinieren.

Im Prinzip könnten wir doch alle eine zusätzliche MFA einstellen – allein für die organisatorischen und bürokratischen Anforderungen, die diese Pandemie mit sich bringt.

Medscape: Wie hoch müsste das Honorar sein, um wirtschaftlich arbeiten zu können?

Dr. Blumenthal: (lacht) Das festzulegen, überlasse ich denen, die sich damit gut auskennen: dem Hausärzteverband.

Medscape: Wäre es aus Ihrer Sicht generell besser, Tests nur in speziellen Testzentren durchzuführen?

Dr. Blumenthal: Nicht nur, aber auch. Die Testzentren waren in vielen Regionen eine große Entlastung für die Praxen. Anstatt sie einfach abzubauen, hätte man die Zeit nutzen können, um die Kommunikation zwischen Praxen und ÖGD zu optimieren. Das funktioniert regional unterschiedlich gut – und liegt nicht immer nur an den betroffenen Playern, sondern oft auch an der fehlenden Infrastruktur.

Wir hätten freigewordene Kapazitäten durch die Testzentren nutzen und schauen können, wie wir potentiell Infektiöse, Risikogruppen, Betreuende von Risikogruppen und Erkrankte optimal gemeinsam betreuen können.

In Potsdam gab es einen Krisenstab, in dem ÖGD, Niedergelassene und Vertreter/innen der Krankenhäuser, aber auch der Pflegeheime gemeinsam tagten. Hierdurch sind wir mit sehr guter, niedrigschwelliger und direkter Kommunikation durch ein turbulentes Frühjahr gekommen. Solche Erfahrungen müssen ausgewertet werden und als Blaupause für Regionen genutzt werden, in denen es vielleicht holpriger lief.

Natürlich waren die Testzentren im Sommer weniger frequentiert. Aber spätestens im Herbst werden sie wieder nachgefragt. Ich dachte, politische Entscheidungsträger/innen hätten in dieser Krise gelernt, dass es im Gesundheitswesen auch Strukturen geben darf, die nicht 24 Stunden am Tag zu 100% genutzt werden. Mehr Personal etwa, ist keine Geldverschwendung in der Gesundheitsversorgung, sondern eine wichtige Ressource.

Medscape: Hat die Politik bislang Anstalten gemacht, Kontakt zu Hausärzten, Kinder- und Jugendärzten und den KVen zu suchen?

Dr. Blumenthal: Das ist regional sehr unterschiedlich. Ich kann nur von meinen eigenen Erfahrungen berichten. Zusammen mit Kolleg/innen habe ich mich bei der Aktion Blanke Bedenken engagiert, bei der Hausärzt/innen sich wegen der fehlenden Schutzausrüstung ausgezogen haben. Ein Akt der Verzweiflung – normalerweise mache ich das nicht. Die Aktion hat viel Aufmerksamkeit erfahren – politische Entscheidungsträger/innen wollten aber nicht mit uns ins Gespräch kommen.

Gleiches gilt für Petitionen oder offene Briefe, die aus dem Netzwerk um Blanke Bedenken heraus entstanden sind. Auf eine Petition mit immerhin 3.500 Unterzeichner/innen zur Rolle von Hausärzt/innen in der Krise hat Jens Spahn durch einen Mitarbeiter mit ein paar Standardsätzen antworten lassen. Warum hatten Referent/innen des BMG kein Interesse daran ein Gespräch mit uns aufzunehmen, sich mal auszutauschen? Den ruhigen Sommer hätte das BMG nutzen können, um Krisenstäbe zu etablieren, in dem alle Expert/innen vertreten sind und um die Kommunikationswege zu verbessern.

Nun stehen wir im September wieder da, wo wir im April angefangen haben: steigende Infektionszahlen und die politische Marschrichtung erfahren Hausärzt/innen aus der Presse.

Unter Rita Süssmuth im BMG hätte das anders ausgesehen. In der Hochphase der HIV-Pandemie hat sie vor allem auf Einbindung aller hiervon betroffenen Gruppen gesetzt. Die von ihr genutzten Strukturen könnten heute immer noch ein Vorbild sein. Trotz der Unterschiedlichkeit der Erkrankung hinsichtlich von Risikogruppen und Übertragungswegen.

Medscape: Welche Unterstützung brauchen Hausärzte für die Bekämpfung von COVID-19?

Dr. Blumenthal: Wir benötigen politische Rückendeckung, einen Austausch auf Augenhöhe mit den politischen Entscheidungsträger/innen, die Einbindung unserer hausärztlichen Expertise, insbesondere unserer hausärztlichen Expert/innen in Krisen- und Beraterstäbe. Vor allem aber die Wertschätzung unserer Arbeit, auch jene vor der Pandemie.

Wir können unsere Praxen nicht einfach in Testzentren umwandeln, denn das, was wir vor Corona gemacht haben, war kein verzichtbarer Schnulliputz, sondern verdammt wichtige Arbeit. Wer das wertschätzt, der wird uns auch in der Krise vernünftig unterstützen.

Medscape: Wir bedanken uns ganz herzlich für das Interview.
 

Kommentar

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