Erste Impfstoff-Erfolgsmeldung im Experten-Check: Warum sie so wichtig ist – und 4 Schlüsselfragen, die noch offen sind

Sonja Böhm

Interessenkonflikte

13. November 2020

Seit 2 Wochen Lockdown und trotzdem schon wieder ein Rekordhoch mit 23.542 täglichen Neu-Infektionen mit SARS-CoV-2 in Deutschland! Kann uns ein Impfstoff aus diesem Alptraum retten? Die Hoffnungen sind stark gewachsen, seitdem Pfizer und Biontech Anfang der Woche per Pressemitteilung die Ergebnisse einer Interimsanalyse der Phase-3-Studie mit ihrem neuen Impfstoff vorgestellt haben.

Die neuartige mRNA-Vakzine BNT162b2 habe eine über 90%ige Wirksamkeit darin, COVID-19 zu verhindern, heißt es in der Mitteilung. Die Auswertung bezieht sich, wie berichtet, auf Teilnehmer der großen Phase-3-Studie, die keine frühere Infektion mit SARS-CoV-2 hatten. Sie basiert allerdings nur auf insgesamt 94 bestätigte COVID-19-Fälle in der Studie, in die bislang 43.538 Teilnehmer aufgenommen worden sind. Die Hälfte der Teilnehmer erhielt randomisiert die RNA-Vakzine, die in 2 Impfstoff-Dosen im Abstand von 3 Wochen gegeben wird.

Es seien bislang keine ernsten Nebenwirkungen beobachtet worden, die Anlass zu Sicherheitsbedenken gäben, heißt es weiter. Die Studie werde fortgeführt, die finale Analyse sei geplant, wenn es 164 bestätigte Fälle gebe. Die Firmen kündigen an, bei der US Food and Drug Administration (FDA) eine Notfall-Zulassung beantragen zu wollen, sobald bei den Sicherheitschecks ein „wichtiger Meilenstein“ erreicht sei, was „für die 3. Novemberwoche“ erwartet werde. Bei der EMA läuft bereits ein „Rolling Review“ des Impfstoffs.

Die Hoffnungen überwiegen – aber viele Fragen sind noch ungeklärt

Zum ersten Mal gibt es damit derart positive Nachrichten aus einer großen Phase-3-Studie mit einer Corona-Vakzine. Auch unter Wissenschaftlern ist damit die Zuversicht gewachsen, dass es vielleicht bald eine – oder sogar mehrere – Impfstoffe gegen das Coronavirus geben könne. „Ich halte die vorgestellten Ergebnisse für sehr ermutigend!“, sagt z.B. Prof. Dr. Stephan Becker, Leiter des Instituts für Virologie, Philipps-Universität Marburg, gegenüber dem Science Media Center. Doch sie warnen auch vor zu großen Hoffnungen. Denn vieles sei noch unklar – und müsse noch weiter untersucht werden.

 
Ich halte die vorgestellten Ergebnisse für sehr ermutigend! Prof. Dr. Stephan Becker
 

„Die primären Daten liegen uns noch nicht vor. Nach Angaben der Firma zeigen sich keine sicherheitsrelevanten Nebenwirkungen. Allerdings muss darauf hingewiesen werden, dass der Beobachtungszeitraum für relevante Impfnebenwirkungen noch zu kurz ist“, warnt Prof. Dr. Leif-Erik Sander, Leiter der Forschungsgruppe Infektionsimmunologie und Impfstoffforschung, Charité – Universitätsmedizin Berlin.

 
Es ist enorm wichtig zu untersuchen, ob diese Impfung vor schweren Verläufen von COVID-19 schützt. Zudem muss sich zeigen, wie lange der Impfschutz anhält. Prof. Dr. Leif-Erik Sander
 

Es seien noch verschiedene Aspekte zu klären, etwa ob der Impfstoff in unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen gleich gut wirksam sei – besonders Risikogruppen wie die älteren Menschen gelte es dabei zu betrachten. „Außerdem ist es enorm wichtig zu untersuchen, ob diese Impfung vor schweren Verläufen von COVID-19 schützt“, sagt Sander. „Zudem muss sich zeigen, wie lange der Impfschutz anhält.“

An der Wirksamkeitsquote wird es kaum scheitern

Aus der Pressemitteilung von Pfizer und Biontech geht nicht hervor, wie viele der 94 Fälle in der Placebo- und wie viele in der Verumgruppe auftraten. Die Interimsanalyse fand statt, nachdem knapp 39.000 Probanden die 2. Impfstoff-Dosis, die 3 Wochen nach der 1. verabreicht wird, erhalten hatten. Die 90%ige Wirksamkeit bezieht sich auf den Zeitraum 7 Tage nach Gabe der 2. Dosis. Die Impfeffektivität kann sich aber nach längerer Beobachtungszeit der Probanden noch ändern.

Allerdings liegt die von der FDA als Grenze für die Zulassung festgesetzte Wirksamkeitsquote bei 50% – und es sei unwahrscheinlich, dass die Vakzine auch bei längeren Beobachtungszeiten diesen Grenzwert nicht schaffe, meint Prof. Dr. Eric Topol, Direktor des Scripps Research Translational Institute in La Jolla, Kalifornien und Chefredakteur bei Medscape USA. „Ich denke, dies ist eine ganz außergewöhnliche Meldung, auch ohne viele Details, da wir bislang ja keine Garantie dafür hatten, dass ein Impfstoff überhaupt wirkt, bevor wir nun dieses erste vorläufige Ergebnis aus einer Phase-3-Studie erhielten“, wird er von Nature zitiert.

Frage 1: Werden auch schwere Infektionen verhindert?

Was Topol, aber auch andere Wissenschaftler, vermissen, sind Angaben zur Schwere der Infektionen, die durch die Vakzine verhindert werden. Lassen sich durch die Impfung vor allem die schweren Verläufe beeinflussen, können sie signifikant reduziert werden? „Ich möchte mehr zum Spektrum der Erkrankungen wissen, die die Impfung verhindert“, sagt Prof. Dr. Paul Offit, Impf-Spezialist am Children’s Hospital in Philadelphia, Pennsylvania, der Mitglied eines FDA-Berater-Komitees ist, das über die FDA-Zulassung demnächst beraten wird. „Man würde gerne zumindest eine Handvoll schwerer Verläufe in der Placebo-Gruppe sehen“, sagt er. „Denn das wäre ein Hinweis, dass der Impfstoff das Potenzial hat, genau solche Fälle zu verhindern.“

Frage 2: Wird die Weitergabe des Virus auch durch Symptomlose blockiert?

Eine weitere Frage, die noch nicht beantwortet ist: Kann die Impfung auch die Weitergabe des Virus durch Menschen unterbinden, die zwar infiziert sind, aber keine oder nur milde Symptome haben? Eine Vakzine, die dazu in der Lage wäre, könnte einen wichtige Beitrag dazu leisten, das Ende der Pandemie zu beschleunigen.

 
Man würde gerne zumindest eine Handvoll schwerer Verläufe in der Placebo-Gruppe sehen. Das wäre ein Hinweis, dass der Impfstoff das Potenzial hat, genau solche Fälle zu verhindern. Prof. Dr. Paul Offit
 

Eine Antwort darauf werden die Phase-3-Studien aber kaum liefern, zeigt sich Prof. Dr. Florian Krammer, überzeugt. Der deutsche Virologe arbeitet an der Icahn School of Medicine am Mount Sinai in New York City und ist selbst einer der mehr als 40.000 Studien-Teilnehmer. „Ich hoffe, ich bin nicht in der Placebo-Gruppe“, sagt er. Um die wichtige Frage, ob die Vakzine tatsächlich die Weitergabe des Virus blockiert, zu beantworten, seien kaum umsetzbare umfangreiche Testreihen notwendig, meint er.

Frage 3: Ist die Impfung bei Älteren genauso wirksam?

Und dann natürlich die entscheidende Frage nach der Wirksamkeit in den besonders gefährdeten Gruppen wie den Älteren. „Wir wissen bislang nicht, ob es bei denjenigen, die die Vakzine am dringendsten benötigen, funktioniert“, so Krammer. Auch diese Antwort wird die Pfizer/Biontech-Studie selbst mit der finalen Auswertung kaum liefern. Dazu ist die Zahl der Fälle zu gering – und vor allem der Anteil der Probanden, die 65 Jahre und älter sind. Ähnliches gilt natürlich auch für die verschiedenen ethnischen Bevölkerungsgruppen, etwa Afro-Amerikaner – auch hier bleibt abzuwarten, wie ausreichend die Daten sind.

Frage 4: Wie lange hält der Immunschutz an?

Und noch eine Schlüsselfrage bezüglich der Hoffnungen auf den Impfstoff bleibt zu beantworten: Wie lange wird der Immunschutz anhalten? Laut erster Daten sind – zumindest in den ersten Monaten – die Spiegel an protektiven Antikörpern mit fast allen getesteten Vakzinen hoch. Doch für alle gilt auch: Die Beobachtungszeiten sind noch relativ kurz – gehen über einige Monate nicht hinaus.

 
Wir wissen bislang nicht, ob es bei denjenigen, die die Vakzine am dringendsten benötigen, funktioniert. Prof. Dr. Florian Krammer
 

Andererseits kann man Daten über mehrere Jahre in der derzeitigen Situation nicht abwarten. Prof. Dr. Rafi Ahmed, Virologe an der Emory University in Atlanta, Georgia, wird von Nature zitiert: „Wir können ja nicht sagen, ich lass mich nur impfen, wenn der Impfstoff mich auch mindestens fünf Jahre schützt – das wäre ja total verrückt.“

Und Krammer bestätigt: „Wir brauchen jetzt einen Impfstoff, der wirkt – nur so haben wir die Chance, wenigstens halbwegs in die Normalität zurückzukehren.“ Die Meldung von Pfizer und Biontech zur Wirksamkeit ihrer Vakzine, so der Wissenschaftler, sei „die beste Nachricht, die ich seit dem 10. Januar (Anmerkung der Redaktion: der Tag als die WHO zum ersten Mal offiziell über das neue Virus berichtete) erhalten habe“.

Trotz aller Einschränkungen – das Positive überwiegt

Und auch andere Wissenschaftler wie Sander sehen die ersten Daten der Interimsanalyse „trotz aller Einschränkungen als ausgesprochen positiv“. Bestätige sich der Impfschutz von über 90% „wäre dies eine unerwartet hohe Impfeffizienz, die mit vielen der routinemäßig eingesetzten Impfstoffe, wie zum Beispiel gegen Influenza, nicht erreicht wird“, betont der deutsche Infektiologe. „Dies ist umso erstaunlicher, als mit der mRNA-Technologie noch nie ein Impfstoff zugelassen wurde.“

 
Das Herstellungsverfahren ist im Vergleich zu klassischen Impfstoffen sehr viel schneller und kann auch relativ schnell bei Auftreten von Virusmutationen angepasst werden.   Prof. Dr. Clemens Wendtner
 

Auch Prof. Dr. Clemens Wendtner, Chefarzt der Infektiologie und Tropenmedizin sowie Leiter der dortigen Spezialeinheit für hochansteckende lebensbedrohliche Infektionen, München Klinik Schwabing, sieht vor allem die positiven Aspekte: Gut sei, dass in der Studie „ein scharfer Endpunkt definiert wurde – Infektion ja oder nein“. Man könne es durchaus auch – mit weniger hohen Erwartungen – als Erfolg betrachten, wenn ein Impfstoff den Krankheitsverlauf zumindest abschwäche. Ein weiterer positiver Aspekt sei, dass die mRNA-Impfung schon nach 4 Wochen zu wirken scheine: „Das heißt, man muss nicht lange auf den Schutz warten.“

Er betont, dass über die Erfolgsmeldung für einen einzelnen Impfstoff hinaus, weitere „übergeordnete Botschaften“ aus der Mitteilung folgen: „Ein völlig neues Impfprinzip auf der Basis von passgenauen mRNA-Impfstoffen hat erstmalig seine Effektivität bewiesen. Damit rücken bewährte Strategien auf der Basis von aufwändigen Virusvektoren oder ähnlichem in den Hintergrund.“ Ein weiterer praktischer Vorteil: „Das Herstellungsverfahren ist im Vergleich zu klassischen Impfstoffen sehr viel schneller und kann auch relativ schnell bei Auftreten von Virusmutationen angepasst werden.“

Nach seiner Einschätzung könnte sogar noch Ende 2020 „eine Impfwelle anrollen, dann stehen bereits 50 Millionen Dosen laut Hersteller zur Verfügung. Die eigentliche ‚Impfschlacht‘ sollte dann im nächsten Jahr folgen.“ Wendtner hofft, „die 1,3 Milliarden Dosen, die vom Hersteller versprochen werden, können ihren wichtigen Dienst in der Pandemie tun. Möge es gelingen!“

 

Kommentar

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