Weltweit mehr Asthma bei Kindern: Liegt es an PM2,5-Feinstaub? Darauf deutet zumindest eine dänische Kohortenstudie hin

Heike Dierbach

Interessenkonflikte

3. September 2020

Bei Kindern steht das Einatmen von Feinstaub (PM 2,5) mit einem erhöhten Risiko für Asthma in Verbindung. Mit jeden 5 μg zusätzlichem Feinstaub pro Quadratmeter steigt das Risiko um 5% (Hazard Ratio plus 0,05). Das berichten Gitte J. Horst von der dänischen Aarhus University und Kollegen jetzt im BMJ [1]. Basis ist eine Fall-Kontroll-Studie aus Dänemark.

 
Diese Herangehensweise mit Geburtskohorten bzw. Geburtsregistern in skandinavischen Ländern ist sehr erfolgreich, da sie eben populationsbezogene Daten ermöglicht. Prof. Dr. Eckard Hamelmann
 

„Die Qualität der Studie ist als sehr hoch einzustufen“, sagt Prof. Dr. Eckard Hamelmann gegenüber Medscape . Er ist Chefarzt im Kinderzentrum Bethel am Universitätsklinikum OWL der Universität Bielefeld und Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Allergologie und klinische Immunologie DGAKI. Hamelmann verweist u.a. auf die sehr hohen Fallzahlen: „Diese Herangehensweise mit Geburtskohorten bzw. Geburtsregistern in skandinavischen Ländern ist sehr erfolgreich, da sie eben populationsbezogene Daten ermöglicht.“

Design der Studie; Kohorte mit knapp 800.000 Kindern

Untersucht wurden alle dänischen Kinder (n=797.812), die zwischen 1997 und 2014 geboren worden waren. Die Forscher brachten in Erfahrung, ob sie zwischen ihrem 1. und 15. Geburtstag die Diagnose Asthma oder mindestens 2 Verschreibungen für ein Asthma-Medikament erhalten hatten. Dies traf auf 122.842 Kinder zu; in dieser Subgruppe waren 83% jünger als 3 Jahre.

Alle Fälle wurden mit der Luftbelastung am Wohnort (12 Monate vor der Diagnose), einer möglichen Asthma-Diagnose der Eltern, dem Einkommen und Bildungsstand der Eltern sowie dem Rauchstatus der Mutter während der Schwangerschaft in Verbindung gesetzt. Für jeden Asthmafall suchte Horsts Team 25 Kontrollen ohne Asthma mit dem gleichen Geschlecht und der gleichen Geburtswoche.

Die Luftverschmutzung am Wohnort wurde zwischen 1997 und 2014 anhand von Modellen berechnet. Dabei berücksichtigten Wissenschaftler diverse Schadstoffe, unter anderem Feinstaub mit verschiedenen Partikelgrößen, Stickstoffdioxid, Schwefeldioxid und Ozon. Daten zum möglichen Nikotinkonsum der Mutter stammten aus einem Register, in dem Hebammen den Rauchstatus eingetragen hatten. Einkommen und Bildung ließen sich anhand des dänischen Steuer- und Bildungsregisters ermitteln.

Zwar würden nicht 2 Kollektive mit festgelegter hoher und niedriger Feinstaubbelastung miteinander verglichen, so Hamelmann zur Methodik, doch sei dies auch ethisch nicht möglich und technisch nicht durchführbar. „Deswegen ist diese große Kohorte die beste Näherung.“

Vor allem Feinstaub mit PM 2,5 ist das Problem

Horst und ihre Koautoren fanden mehrere Assoziationen: Leiden beide Eltern an Asthma, hat das Kind ein 2,29-fach höheres Risiko, selbst zu erkranken (Hazard Ratio 2,29; 95% KI 2,34-2,47). Wenn nur ein Elternteil erkrankt war, lag das Risiko bei 1,71 (Asthma-Diagnose der Mutter) bzw. 1,51 (Asthma-Diagnose des Vaters).

Rauchen während der Schwangerschaft steigerte das Risiko auf das 1,2-Fache (95% KI 1,18-1,22). Weniger betroffen waren Kinder, deren Eltern ein hohes Einkommen (HR 0,85; 95% KI 0,81-0,89) oder eine hohe Bildung (HR 0,72; 95% KI 0,69-0,75) hatten.

Unter den Schadstoffen erwies sich Feinstaub der Partikelgröße PM2,5, also mit einem Durchmesser kleiner als 2,5 μm, als besonders relevant. Andere Stoffe zeigten zunächst auch einen statistisch signifikanten Zusammenhang. Dieser verschwand aber, sobald Forscher Störgrößen wie Asthma der Eltern, Rauchen, Einkommen und Bildung berücksichtigten.

 
Unsere Ergebnisse weisen darauf hin, dass Feinstaub mitverantwortlich dafür sein könnte, dass die Zahl der Asthma-Erkrankungen bei Kindern weltweit zunimmt. Gitte J. Horst und Koautoren
 

Teilchen der Größenklasse PM2,5 sind offenbar umso riskanter, je mehr das Kind einatmet. Die durchschnittliche Konzentration betrug 12,2 μg/m3. Erlaubt sind in der EU bis zu 20 μg. Jedoch: Auch im erlaubten Bereich führten jede 5 μg mehr zu einem Anstieg des Hazard Ratios um 0,05 Prozentpunkte. Lokale Quellen wie Verkehr schienen dabei bedeutender zu sein als entferntere Quellen.

„Unsere Ergebnisse weisen darauf hin, dass Feinstaub mitverantwortlich dafür sein könnte, dass die Zahl der Asthma-Erkrankungen bei Kindern weltweit zunimmt“, schreiben die Autoren. „Eine weitere Verringerung des Feinstaubs könnte die Zahl an Kindern senken, die Asthma bekommen.“

Und in Deutschland?

„Das Ergebnis ist nicht überraschend“, sagt Hamelmann. „Es bestätigt vorhergehende Ergebnisse, Vermutungen und Hypothesen.“ Bereits vor vielen Jahren sei bekannt geworden, dass Asthma bei Kindern und Jugendlichen dann besonders schlecht kontrollierbar sei, wenn diese an stark befahrenen Straßen wohnten.

„Die Verbindung aus Feinstaub mit Allergenen führte zu einer höheren Aggressivität der Allergene, die dann in den Lungen bzw. in den Atemwegen zu höherem Schaden und einer höheren Sensibilisierungsrate führen“, ergänzt der Experte. Dies könne auch in tierexperimentellen Modellen gezeigt werden. „Die Daten stehen auf ziemlich sicheren Beinen.“

 
Das Ergebnis … bestätigt vorhergehende Ergebnisse, Vermutungen und Hypothesen. Prof. Dr. Eckard Hamelmann
 

Müsste angesichts der Datenlage nicht mehr passieren, um die Feinstaubbelastung in Deutschland weiter zu senken? „Dies ist natürlich die entscheidende Frage, die nur politisch gelöst werden kann“, sagt Hamelmann: „Hier müssten sich die politischen Parteien tatsächlich zusammensetzen und einen Konsens über die Reduktion der Feinstaub-Belastung finden.“

Es sei erstaunlich, dass solche Erkenntnisse von der Politik oftmals oder scheinbar ignoriert würden. Natürlich seien viele Faktoren wie Wirtschaft, Arbeitsplätze oder Bruttosozialprodukt auch bedeutsam. „Aber die Erkrankung unserer Kinder ist ein wichtiger Faktor, den wir sicherlich nicht außer Acht lassen sollten.“

 

Kommentar

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